Skip to main content
Internet Archive's 25th Anniversary Logo

Full text of "Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft"

See other formats


Zeitschrift 



der 



Deutschen geologischen Gesellschaft. 



XIV. Band. 

1862. 



Mit vierzehn Tafeln. 



Berlin, 1862. 

Bei Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung). 

Behren - Strasse No. 7. 



,334 



550. Ute 



Inhalt. 



Seile 



A. Verhandlungen der Gesellschaft . . . 1.236.533.681 

B. Briefliche Mittheilungen 

der Herren v. Richthofen und F. Peters 247 

der Herren G. v. Helmersen und K. v. Fritsch 541 

Zur Erinnerung an Carl Johann Zincken, von Herrn Rammels- 

berg in Berlin 251 

C. Aufsätze 

Th. Scheerer. Die Gneuse des Sächsischen Erzgebirges und 
verwandte Gesteine, nach ihrer chemischen Constitution 
und geologischen Bedeutung 23 

D. Gerhard. Ueber lamellare Verwachsung zweier Feldspath- 

Species 151 

Senft. Der Gypsstock bei Kittelsthal mit seinen Mineral- 
Einschlüssen. (Hierzu Tafel I.) 160 

F. Roemer. Bericht über eine geologische Reise nach Russ- 

land im Sommer 1861 178 

A. Mitsch erlich. Untersuchung des Alaunsteines und des 

Löwigites 253 

Roth. Ueber die Zusammensetzung von Magnesiaglimmer und 

Hornblende 265 

Karsten. Die geognostische Beschaffenheit der Gebirge von 

Caracas. (Hierzu Tafel II.) 282 

H. Eck. Ueber den opatowitzer Kalkstein des oberschlesischen 

Muschelkalks 288 

H. Fischer. Ueber den Pechstein und Perlstein 312 

Ferd. Freiherr v. Richthofen. Bericht über einen Ausflug in 

Java . 327 

— Ueber das Vorkommen von Nummulitenformation auf Ja- 

pan und den Philippinen 357 

— Bemerkungen über Siam und die hinterindische Halbinsel 361 

G. vom Rath. Geognostisch-min eralogische Beobachtungen im 

Quellgebiete des Rheins. (Hierzu Tafel Ilbis — V.) . . 369 

H. R. Göppert. Ueber die in der Geschiebeformation vorkom- 

menden versteinten Hölzer 551 

— Neuere Untersuchungen über die Stigmaria ficoides Brong- 

NIART 555 



IV 



Seite 



C. Rammelsderg. Ueber den letzten Ausbruch des Vesuvs vom 

8. December 1861 567 

F. Roemer. Ueber die Diluvial-Geschiebe von nordischen Se- 

dimentär-Gesteinen in der norddeutschen Ebene und im 
Besonderen über die verschiedenen durch dieselben ver- 
tretenen Stockwerke oder geognostischen Niveaus der pa- 
laeozoischen Formation 575 

— Die Nachweisung des Keupers in Oberschlesien und Polen 638 

G. vom Rath. Skizzen aus dem vulkanischen Gebiete des 

Niederrheins. (Hierzu Tafel VI.) 655 

Ruth. Ueber eine neue Weise die quantitative mineralogische 
Zusammensetzung der krystallinischen Silikatgesteine zu 

berechnen 675 

v. Cotta. Die Erzlagerstätten Europas 686 

v. Albert. Vorkommen von Kohlenkalk-Petrefakten in Ober- 
schlesien . 689 

J. G. Bornemann. Ansichten von Stromboli. (Hierzu Tafel VII 

bis X.) 696 

Clemens Schlüter. Die Macruren Decapoden der Senon- und 

Cenoman-Bildungen Westphalens. (Hierzu Tafel XI— XIV.) 702 
C. Rammelsberg. Analysen einiger Phonolithe aus Böhmen 

und der Rhön 750 

— Ueber den Glimmer von Gouverneur, nebst Bemerkungen 

üder Natron- und Barytglimmer 758 

F. Roemer. Notiz über die Auffindung einer Senonen-Kreide- 

bildung bei Bladen unweit Leobschütz in Oberschlesien . 765 



Zeitschrift 

der 

Deutschen geologischen Gesellschaft. 

1. Heft (November, December 1861, Januar 1862). 



A. Verhandlungen der Gesellschaft. 



1. Protokoll der November - Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 6. November 1861. 

Vorsitzender: Herr Mitscherltch. 

Das Protokoll der August-Sitzung wird verlesen und ange- 
nommen. 

Der Gesellschaft ist als. Mitglied beigetreten: 

Herr ßergwerksbesitzer Dr. Preussner in Misdroy, 

vorgeschlagen durch die Herren Mitscherlich, G. 
Rose und Tamnau. 

Ein Schreiben des Herrn Hamblin in Negaunee, Lake Su- 
perior, mit dem Anerbieten Mineralien der dortigen Gegend zu 
liefern wurde mitgetheilt. 

Für die Bibliothek sind eingegangen : 
A. Als Geschenke: 

G. Sandberger: Wiesbaden und seine Thermen. Wies- 
baden 1861. 

H. Trautschold: Couche jurassique de Mniovniki. Se- 
paratabdruck. 

A. Pebrey: Note sur les tremblements de terre en 1857. 
Separatabdruck. 

Delesse, Beaulieu et Tvert : Rapport sur Vinondation 
souterraine dans les quartier s nord de Paris en 1856. Neuilly, 
1861. Geschenk des Herrn Delesse. 

Dawson: Additional notes on the postpliocene deposits of 
the St. Lawrence Valley. — On the Silurian and Devonian 
rocks of Nova Scotia. 

Zeits, d. d. geol.Ges. XIV. 1, 1 



2 



Tyson: First report of the State Agricultural Chernist to 
the House of Delegates of Maryland. Jinnapolis 1860. 

Ch. Norton: Litterary Letter. 1859, No. 4. 1860, 
No. 1. 

Statistical report on the thickness and mortality in the 
army of the United States from January 1855. — January 

1860. 'Washington, 1860. 
B. Im Austausch: 

Geologische Specialkarte des Grossherzogthums Hessen, 
Sektion Dieburg. Darmstadt, 1861. 

Staring: Geologische Kaart van Nederland. Blad 19 
en 20. 

Jahrbücher des Vereins für Naturkunde in Nassau XV. 
1860 und Beilage dazu. Odernheiiy!ER : das Festland Austra- 
lien. Wiesbaden 1861. 

Neues Lausitzisches Magazin. Bd. 38. I u. II. 

Sitzungsberichte der k. Bayerischen Akademie der Wis- 
senschaften. 1861. I. Heft 2 u. 3. 

Zeitschrift für die gesammten Naturwissenschaften. 1860. 
Januar — December, Bd. XV u, XVI. 

Acht und dreissigster Jahresbericht der Schlesischen Ge- 
sellschaft für vaterländische Kultur 1860. Abhandlungen, Ab- 
theilung für Naturwissenschaft und Medizin, 1861, Heft 1 u. 2. 
Philosophisch -historische Abtheilung', Heft 1. und F. Roemer: 
die fossile Fauna der silurischen Diluvialgeschiebe von Sadewitz 
bei Oels. Breslau 1861. 

Mittheilungen aus J. Perthes' geographischer Anstalt. 

1861. Heft 8, 9, 10 und Ergänzungsheft No. 6. 
Wochenschrift des Schlesischen Vereins für Berg- und Hüt- 
tenwesen. III. No 40. 

Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubün- 
dens. VI. Chur, 1861. 

Archiv für Landeskunde in Mecklenburg. 1861. VI, VII. 

Vierter Jahresbericht des Naturhistorischen Vereines in 
Passau für 1860. Passau 1861. 

Abhandlungen, herausgegeben von der Senckenbergischen 
Naturforschenden Gesellschaft, Bd. III, Lieferung 2- Frankfurt 
a. M. 1861. 

Zeitschrift des Architekten- und Ingenieur -Vereins für das 
Königreich Hannover. Bd. VII. Heft 3, 



s 



Abhandlungen des naturwissenschaftlichen Vereins in Ham- 
burg. Bd. IV. Abth. 2. Hamburg 1860. 

Jahrbuch der k. k. geologischen Reichsanstalt in Wien. 
1860. No. 2. 

Mittheilungen der k. k. geographischen Gesellschaft in Wien. 
IV. 1860. 

Notizblatt des Vereines für Erdkunde. No. 32 — 60. 1859 
bis 1861. 

Archiv für wissenschaftliche Kunde von Russland. Bd. 20. 
Heft 3 u. 4. 

Memoires de V Acade'mie Imperiale des sciences a St. Pe~ 
tersbourg. XII. Serie. Tom. 3. No. 2 — 9, Bulletin Tome IJ % 
No. 4—8. Tome III. No. 1 - 5. 

Bulletin de la Societe Imperiale des naturalistes de Mos- 
cou. 1861. No. 41 

Annales des sciences physiques et naturelles publiees 
par la Socicte Imperiale d \dgriculture etc. de Lyon. III. Serie. 
Tom. 3 u. 4. 

Memoires de V Academie Imperiale des sciences etc. de 
Lyon. Tome 7, 8, 9, 10. 

Bulletin de la Societe Geologique de France. II. Serie. 
Tom. 17, Feuilles 53 — 56. Tom. 18. Feuilles 13 — 43. 

Annales des mines. Tome XIX. Livraison 2 — 3. 

Annales de la Societe d? agriculture etc. du Puy. Tom. XX. 
Le Puy 1859. 

Bulletin de la Societe Linneenne de Normandie. Volume 
5. Caen, 1861. 

Memoires de V Academie Imperiale des sciences de Dijon. 
II. Ser. Tom. 8. Dijon, 1861. 

The Canadian Naturalist and Geologist. Vol. VI. No. 
1 —5. Montreal, 1861. 

Quarterly Journal of the Geological Society. XVIII. No. 
67. London. 

American Journal of science and arts. XXXII. No. 95. 

Transactions of the Academy of science of St. Louis. 
Vol. I. No. 4. St. Louis, 1860. 

Smithsonian Contributions to knowledge. Vol. XII und 
Smithsonian Report 1859. 

D. D. Owen: Second and Third Report of the Geologi- 
cal Survey in Kentucky. Frankfort 1857. 

1* 



4 



Second Report of a geological Reconnoissance of Arkan- 
sas. Philadelphia 1860. 

Journal of the Academy of natural Sciences of Phila- 
delphia. Vol. 4. Part 4. und Proceedings. 1860, pag. 97 — 
580; 1801, pag. 1 — 96. 

Report on history and progress of the American Coast 
Survey up to the year 1858. 

Der Vorsitzende erstattete sodann Bericht über die Ver- 
handlungen der Gesellschaft bei der allgemeinen Versammlung 
in Speyer. 

Derselbe bemerkte, dass mit der heutigen Sitzung ein neues 
Geschäftsjahr beginne und forderte unter Abstattung eines Dan- 
kes von Seiten des Vorstandes für das demselben von der Ge- 
sellschaft geschenkte Vertrauen zur Neuwahl des Vorstandes auf. 
Auf Vorschlag eines Mitgliedes erwählte die Gesellschaft durch 
Acclamation den früheren Vorstand wieder. Stimmzettel von 
auswärts waren nicht eingegangen. 

Herr H. Rose berichtete über seine Untersuchung eines blauen, 
von Herrn Krug von Nidda mitgetheilten Steinsalzes von Stass- 
furt, das reich an Chlorkalium sein sollte. Das blaue Steinsalz 
ist von sehr heller blauer Farbe; die Würfel des blauen Salzes 
sind indessen nicht gleichmässig gefärbt; es liegen blau gefärbte 
Theile in einem farblosen Salze. Neben diesen Würfeln befinden 
sich Würfel von einem vollkommen farblosen durchsichtigen, und 
von einem röthlichbraun gefärbten Salze, die nicht die mindeste 
Einmengung von dem bläulich gefärbten enthalten; die farblosen, 
die braunröthlich gefärbten und die blauen Würfel sind scharf 
begrenzt. 

Die bläulich gefärbten Würfel bestehen nur aus Chlorna- 
trium (mit einer sehr geringen Menge von schwefelsaurem Na- 
tron verunreinigt); die farblosen und die röthlichbraunen hin- 
gegen enthalten sehr viel Chlorkalium. Die farblosen Würfel 
bestehen aus einer Verbindung von 2 Atomen Chlorkalium und 
1 Atom Chlornatrium, enthalten also 73 pCt. Chlorkalium. 

Ein ähnliches Verhalten findet sich bei dem blauen Stein- 
salz von Kalucz in Galizien. Auch bei diesem grenzen blau ge- 
färbte Würfel scharf an völlig farblose. Jene bestehen nur aus 



5 



Chlornatrium, diese sind reines Chlorkalium, ohne Einmengung 
von Chlornatrium. Dabei finden sich Würfel, die äusserst schwach 
bräunlich gefärbt sind; diese enthalten indessen kein Chlorkalium, 
und bestehen aus reinem Chlornatrium. 

Die Thatsache, dass die farblosen Würfel, welche an blau 
gefärbte Würfel von Steinsalz grenzen, entweder sehr viel Chlor- 
kalium enthalten, oder ganz daraus bestehen, während das blaue 
Salz frei davon ist, findet indessen ihre Bestätigung nicht bei 
jedem Vorkommen des blauen Salzes. Bläulich gefärbtes Stein- 
salz von Hallstadt wurde zwar rein von Chlorkalium befunden 
(bisweilen enthielt er sehr geringe Spuren davon); aber die an 
dasselbe grenzenden farblosen Würfel bestanden ebenfalls aus 
Chlornatrium. Etwas Aehnliches zeigte sich auch bei einem 
schwach bläulich gefärbten Steinsalz von Wieliczka. 

Das blaue Steinsalz löst sich wie das farblose Steinsalz im 
Wasser auf, und bildet wie dieses eine ganz farblose Lösung, 
die nicht alkalisch reagirt. Man könnte vermuthen, dass das 
blaue Salz seine Farbe einer niedrigeren Chlorstufe des Natriums 
oder eines anderen alkalischen Metalles verdanke, wie solche 
Chlorverbindungen Bunsen in neuerer Zeit dargestellt hat. Aber 
das blaue Salz , selbst wenn es ziemlich intensiv blau gefärbt 
ist, wie das von Kalucz, löset sich im Wasser ohne die mindeste 
Entwickelung von Wasserstoffgas auf. 

Herr Barth sprach über das Zinkbergwerk bei Torre la 
Vega, S. von Santander, in Spanien, in der Vereinigung des 
Thaies der Besaya mit der Seja. Er machte zuerst darauf auf- 
merksam , dass die Eisenbahn , die das Hochland mit der Nord- 
küste verbindet, nicht im letztern Thale vom Randgebirge her- 
abstürzt, wie neuere Karten darstellen , sondern im ersteren und 
zwar mit einer grossen Wendung nach Westen. Das Bergwerk 
erstreckt sich von Reosin im Westen nach Torres im Osten und 
bis nach Baguerra im Süden. Es ist eine regellose, durch Tage- 
bau gewonnene Galmeimasse im braunen Dolomit zwischen Bän- 
ken von taubem Gesteine eingeschlossen. Das Erz liegt im Do- 
lomit zwischen Kalk und Sandstein. Streichen Ost -West mit 
nördlichem Einfallen. Da nach dem Spanischen Gesetz jedes 
Jahr in jeder Grube mit 8 Mann gearbeitet werden muss , so 
war die Gesellschaft bis jetzt gezwungen in einem grösseren 
Gebiet zu arbeiten, als sie zur fortlaufenden Ausbeutung thun 



6 



würde. Sie arbeitet mit nur 800 Mann, von denen der grösste 
Theil Montanes, Bewohner des nahen Gebirges, der kleinere 
Basken ist; denn obgleich die Basken im Ganzen für industriö- 
ser gelten , so erweisen sich die Montanes als williger. Der 
Lohn beträgt 2 — 2j Pezzetten (4 — | Franc). Man unterhält 
35 Pferde. Da das taube Gestein sehr mächtig ist, so geht die 
Arbeit sehr unregelmässig vorwärts. Im Durchschnitt schafft 
man täglich 300 Cubikmeter tauber Erde heraus durch Maschinen 
von 20 Pferdekraft und zur leichteren Beförderung benutzt man 
300 eiserne Wägelchen, welche die Kompagnie zu je 500 Francs 
angekauft hat. Bis jetzt ist der Galmei 3500 Meter weit ver- 
folgt und bis auf eine Tiefe von 12 — i 4 Meter. Bei der Arbeit 
folgt man dem Kalk, der durchschnittlich mit 26 — 27 Grad, 
dann aber plötzlich sehr steil einfällt. Steinblöcke erscheinen 
von 80 — 100 Centner Gewicht, Blei nur nesterweise. Es finden 
sich Pseudomorphosen von Galmei nach Kalkspath. Der ursprüng- 
liche Finder des Erzes, welcher 1 Real per Tonne erhält, soll 
schon an 100,000 Duros (a 20 Real) erhalten haben. Auch bei 
Udias und Conillas kommt Galmei vor. 

Herr Preussker sprach über die geognostische Beschaffen- 
heit der Insel Wollin. Die Insel Wollin gehört zur Kreidefor- 
mation. Am ausgeprägtesten tritt das obere Glied derselben, 
die weisse Kreide an einzelnen Punkten in der Nähe des Haffes 
bei den Dörfern Kalkofen, Lebbin und Stengow auf. Die Kreide 
erscheint hier deutlich mit Feuersteinbänken geschichtet und hat 
eine Mächtigkeit von 60 — 70 Fuss, wie dies die angestellten 
Bohrungen ergeben haben. Im Allgemeinen stimmt sie hinsicht- 
lich ihrer Reinheit mit der auf Rügen bei Stubbenkammer über- 
ein, und enthält sie auf Wollin ungleich mehr Versteinerungen 
Am häufigsten finden sich Echiniten und oft in solcher Menge, 
dass sie bei dem Auswerfen der Kreide von den Arbeitern zu 
Dutzenden an einem Tage gefunden werden. Ebenso finden sich 
häufig Terebrateln, hin und wieder Bruchstücke fingerdicker 
Inoceramus-Schaalen und Fischzähne 

In der Tiefe von 60 — 70 Fuss wird die Kreide sehr tho- 
nig und glimmerig, so dass der Kalkgehalt nur noch 50 pCt. 
beträgt. Diese Schichten sind aber nirgend entblösst, sondern 
ihr Vorhandensein ist nur aus Bohrungen bekannt. Die Lage- 
rung der Kreide ist sehr ungleich, die Schichten sind vielfach 



7 



zerrissen und streichen von Süd-West nach Nord-Ost mit dem 
Abfall nach Norden. Technisch findet die Kreide hier Verwen- 
dung als Schlemmkreide, sowie zur Kalkbrennerei und Cement- 
Fabrikation. 

Am kleinen Vietziger See tritt die Kreide wieder auf, aber 
sehr mit Sand verunreinigt und mit einem Thongehalt von 50 pCt., 
in ihrer Zusammensetzung also den unteren Schichten bei Lebbin 
entsprechend. Dann findet sich die Formation nochmals aufge- 
geschlossen bei Misdroy in der Nähe des Kirchhofes auf einem 
der höchsten Punkte etwa 150 Fuss über dem Meere. Sie ist 
deutlich geschichtet ohne Feuersteine und Versteinerungen mit 
so überwiegendem Thongehalt, dass der Kalk nur 35 pCt. beträgt. 

Eine Stunde entfernter, nordöstlich von hier, tritt die For- 
mation dann wieder deutlich auf und zwar an der Meeresküste 
beim sogenannten Swinerhöft und Jordänsee. Die Ufer erheben 
sich hier in einer Höhe von 150-^-200 Fuss mit ziemlich stei- 
lem Absturz nach der See. An der steilen Uferwand lässt sich 
nun in weiter Erstreckung die Verbreitung erkennen. An den 
höchsten Punkten erhebt sich die Formation etwa 50 Fuss über 
den Meeresspiegel. Ein unmittelbar am Meeresspiegel ange- 
setztes Bohrloch wurde bis zu einer Tiefe von 120 Fuss nieder- 
dergebracht, ohne die Schichten zu durchsinken. Man kann also 
mit ziemlicher Gewissheit eine Mächtigkeit von 200 Fuss an- 
nehmen. Die Substanz ist sehr thonig, von blau-grauer Farbe 
und vielfach mit Inoceramus- Schalen erfüllt, die aber so zer- 
brechlich sind, dass es fast unmöglich . ist sie ganz zu erhalten. 
Besonders interessant ist das Vorkommen von Schwefelkies in 
dieser Schicht. Vorherrschend ist es Speerkies, weniger Eisen- 
kies , er liegt in Form von Platten, Adern und Knollen und so 
häufig, dass er bergmännisch gewonnen wird. Die Bohrarbeiten 
haben ihn noch in einer Tiefe von 94 Fuss unter dem Meeres- 
spiegel nachgewiesen. Bei dem Grubenbau hat sich ein deut- 
liches Streichen der Schichten von Süd-West nach Nord-Ost mit 
einem Abfall nach Norden herausgestellt. Deutlich erkennbar ist 
das Auftreten der Formation in einer Erstreckung von 500 Lach- 
ter längs der Meeresküste. 

Die Kreideformation ist überlagert von einem schwarzen 
sandigen Thon, der in einer Mächtigkeit von 80 — 100 Fuss 
auftritt, viele granitische, Jura- und Kreide-Geschiebe enthält und 
Diluvial-Bildung zu sein scheint. Die Jurageschiebe dieses Tho- 



8 



nes sind reich an den Gattungen Trigonia, Astarte, Phola- 
domya, Mytilus und schönen Ammoniten ; kürzlich fand sich auch 
ein schön erhaltener damenbrettsteinartiger Ichthyosauren- Wirbel. 
Nicht selten finden sich auch Versteinerungen der silurischen 
Formation, so namentlich 3—4 Fuss lange Orthoceratiten. 

Eigenthümlich ist, dass die ganze Gegend von Swinerhöft 
eine grosse Disposition zur Schwefelkiesbildung zu besitzen scheint. 
Denn überall finden sich Gesteine der verschiedensten Art mit 
Schwefelkies überzogen, und die heterogensten Dinge damit ge- 
wissermassen zusammengekittet und cementirt ; sehr häufig sind 
verkieste Hölzer. Vielleicht hat dies seinen Grund in der Zer- 
setzung der den Strand und Seeboden bedeckenden Schwefelkies- 
massen aus der Kreideformation, so dass diese nach erfolgter 
Zersetzung, Vitriolisirung und Auflösung wieder als Schwefelkies 
niedergeschlagen werden. 

Ferner berichtete Herr Preussner über ein interessantes 
Vorkommen silurischer Bildungen bei Regenwalde in Hinter- 
Pommern. Redner fand dieselben hier in einem Thale, welches im 
Umfange von mehreren Meilen den tiefsten Punkt bildet und den 
Namen »die Maische« führt. Zur Trockenlegung des Torfmoors 
wurde hier ein tiefer und langer Kanal gezogen. Sehr häufig 
stiess man dabei auf felsigen Boden, der die Arbeiten erschwerte. 
Das losgebrochene Gestein lässt deutlich zwei Arten erkennen. 
Die eine Art erscheint schwarzgrau, ist deutlich schiefrig und 
in sehr grosser Menge von dem für silurische Schichten so 
charakteristischen kleinen Battus pisiformis erfüllt. Die andere 
Art erscheint ebenfalls schwarzgrau von Farbe, enthält wenig 
Versteinerungen, ist dagegen ganz erfüllt von fein eingesprengtem 
Schwefelkies, weshalb das Gestein beim Liegen an der Luft sich 
durch Oxydation röthlich färbt. Es besteht ziemlich zu gleichen 
Theilen aus Kalk und Thon und lässt beim Reiben den pene- 
tranten durchdringenden Geruch des sogenannten Stinkkalkes 
wahrnehmen. 

Redner wagt nun zwar noch nicht mit Gewissheit auszuspre- 
chen, dass das Gestein wirklich anstehend und nicht etwa zu 
den silurischen Geröllen zu zählen ist; allein der Umstand, dass 
sich das Gestein in ziemlich weiter Erstreckung vorfindet und 
ihm anderseits bei seinen vielfachen Untersuchungen der Ge- 
schiebe in Pommern niemals ähnliche vorgekommen sind, die si- 
lurischen Geschiebe auch durch ihre so übereinstimmenden Ein- 



9 



schlösse und Farbe sich sehr bestimmt von den in Rede ste- 
henden unterscheiden, lässt mit Wahrscheinlichkeit auf ein wirk- 
liches Anstehen der silurischen Formation schliessen, und würde 
diese Beobachtung, wenn sie durch noch näher anzustellende 
Untersuchungen sich bestätigt, allerdings ein ganz neues Licht 
auf die geognostischen Verhältnisse Pommerns werfen. 

Herr Roth berichtete über die Studien aus dem Ungarisch- 
Siebenbürgischen Trachytgebirge des Herrn v. Richthofen, in- 
dem er an den in seinem Buche über die Gesteinsanalysen aus- 
gesprochenen Ansichten festhielt. 

Herr Beyrich sprach über zwei aus deutschem Muschel- 
kalk noch nicht bekannte Avicula- artige Muscheln. Die eine 
gehört zu der Abtheilung der sogenannten Aviculae gryphaeatae 
der alpinen Triasgebilde. Goldfuss hatte sehr gut erkannt, 
dass diese sogenannten Aviculae sich sehr eigenthümlich von 
andern Avicula-Formen unterscheiden und erklärte, sie schienen 
eine eigene Gattung zu bilden, zu deren Feststellung aber die 
Beobachtung der wahrscheinlich auch eigenthümlichen Bildung 
des Schlosses erforderlich wäre. Graf Muenster beschränkte 
sich nachher hierauf, sie unter dem Namen der Gryphaeatae 
als eine besondere Abtheilung unter Avicula zusammenzufassen. 
Redner schlägt vor, diese Formen als eine besondere Gattung 
C assianella von Avicula zu trennen. Die Cassianella^ de- 
ren Typus die Avicula gryphaeata von St. Cassian ist, unter- 
scheidet sich abgesehen von den allgemeinen Form- Charakteren, 
die Muenster allein aufgefasst hatte , von Avicula durch gänz- 
liches Fehlen eines vorderen Byssus-Ohres der rechten Klappe. 
Dadurch steht sie der Gervillia näher, von welcher sie die ein- 
fache Ligament - Grube unterscheidet. Das Schloss besteht aus 
ein paar kleinen Zähnen unter den Wirbeln , und einem langen, 
leistenförmigen, hinteren, und einem kürzeren vorderen Seitenzahn, 
mittelst deren die beiden Klappen ausserordentlich fest anein- 
andergefügt sind und deshalb auch gern zweiklappig gefunden 
werden. Charakteristisch ist überdies eine innere Scheidewand 
in der gewölbten linken Klappe unterhalb der Grenze des vor- 
deren Ohrs. Die fragliche Art hat sich zu Mikultschütz in Ober- 
schlesien gefunden und ist ident mit der Cassianella {Avicula) 
tenuistria Muenst., Goldf. t. 116. fig. 11, von St. Cassian. 



10 



Sie tritt in die Reihe der in derselben Schicht vorkommenden 
oberschlesischen, mit alpinen Formen übereinstimmenden Muschel- 
kalk-Arten, wie Rhynchonella decurtata, Spirifer Mentzeli 
und andere. 

Die zweite Art, aus L. V. Buch's Sammlung, von Schwer- 
fen bei Gommern hat einige Aehnlichkeit mit der Avicula con- 
torta der Kössener Schichten, ohne übereinzustimmen; die Erhal- 
tung erlaubt keine vollständige Vergleichung. Avicula contorta 
ist keine Cassianella^ während die begleitende schöne Avicula 
speciosa der Alpen dieser Gattung zufällt. Avicula contorta 
gehört in die Reihe der ungleichklappigen Avicula -Arten i die 
mit der Avicula speluncaria des Zechsteins beginnt, und sehr 
irrig vielfach mit der Monotis Bronn's verbunden wurde. Die 
Monotis (Typus M. salinarid) ist fast gleichklappig, ohne Bys- 
sus-Ohr. Die ungleichklappigen wahren Aviculae der bezeichne- 
ten Verwandtschaft können als Untergattung Pseudo- M onotis 
genannt werden, woran sich die Aucella als eine andere nahe 
stehende , durch gänzliche Verkümmerung der hinteren flügei- 
förmigen Ausbreitung ausgezeichnete Form der Avicula zunächst 
anschliessen würde. 

Redner legte ferner das Probeblatt der Sektion III. der geogno- 
stischen Karte von Nieder-Schlesien vor und gab Erläuterungen zu 
demselben. 

Herr V. Carnall sprach im Anschluss an den letzten Vor- 
trag über das Auftreten von Eisensteinen bei Willmannsdorf, 
2 kleine Meilen westlich Jauer, im Gebiete des Urthonschiefers, 
welcher stellenweise Grünstein und Grüne Schiefer einschlies- 
send den Höhenzug bildet, der sich in nordwestlicher Richtung 
bis in die Nähe von Goldberg erstreckt, an seinem nordöstlichen 
Fusse aber von jüngeren, theils tertiären, theils diluvialen Bil- 
dungen bedeckt erscheint. Diese nehmen in Verbindung mit 
grösseren und kleineren Basalt-Erhebungen die Niederung zwi- 
schen Jauer und Liegnitz ein. Die Schichten des Schiefergebir- 
ges sind meistens sehr steil fallend, eine vorherrschende Streich- 
und Falirichtung hat sich darin noch nicht feststellen lassen. 
Die Lagerstätten von Eisenstein sind entschieden gang- 
artige, indem ihr Streichen und Fallen von demjenigen des ein- 
schliessenden Gebirges abweicht. Dieselben wurden vor 4 Jahren 
zuerst an ihrem Ausgehenden erschürft, und zwar theils in dem 



11 



Dorfe Willraannsdorf, theils an dem Eingange der nördlich des 
Dorfes sich in der Richtung nach Seichau herabziehenden Thal- 
schlucht. In letzterer liegt die Grube Carl, deren Gang bis 
jetzt am weitesten aufgeschlossen ist. Man hat daselbst aus dem 
Thale einen querschlägigen Stollen angesetzt und damit bis 30 
Lachter Länge den Gang angefahren, denselben von da ab nach 
beiden Weltgegenden mit streichenden Strecken verfolgt, süd- 
wärts auf 85 Lachter und nordwärts auf 64 Lachter Länge. 
Auf der südlichen Strecke steht bis 21 Lachter Länge der 10|- 
Lachter. tiefe Carlschacht, aus welchem der Gang auch noch mit 
oberen streichenden Strecken verfolgt wurde. Vor dem Orte der 
südlichen Stollenstrecke ist ein neuer 14 Lachter tiefer Schacht 
abgesunken. Ein am Ende der nördlichen Strecke geschlagener 
Schacht (Bruno) wurde wegen Abfall des Tagegebirges bis auf 
die Stollensohle nur b\ Lachter tief, man ist aber damit noch 
6 Lachter tiefer niedergegangen und aus seiner Sohle nach Nor- 
den streichend aufgefahren. Am Brunoschachte ist das Ausge- 
hende durch einen Tagebau erschlossen. In circa 50 Lachter 
weiterer nördlicher Entfernung, und zwar in der verlängerten 
Streichlinie des Ganges erschürfte man nahe bei einander zwei 
Ausgehende, welche demselben Gange angehören und dessen 
Fortsetzung beweisen dürften. Dieser Aufschluss begreift eine 
streichende Länge von reichlich 220 Lachter. Bemerkenswerth 
ist noch, dass bei dem Carlschachte der Gang auf einer Länge 
von fast 20 Lachtern in zwei Trummen vorgefunden ward, welche 
durch ein Mittel von Gebirgsgestein in 2 Lachter Abstand ge- 
trennt erscheinen. Auch auf einem zweiten Punkte fand man ein 
Nebentrumm, von dem sich annehmen lässt, dass es sich süd- 
wärts mit dem Hauptgange vereinigt. Bei einem von Norden 
nach Süden gerichteten Streichen hat dieser ein sehr steiles 
(80 — 85 Grade betragendes) westliches Einfallen. Seine Mäch- 
tigkeit beträgt zwischen 2 und 8 Fuss, vor der südlichen Stol* 
lenstrecke sogar bis nahe 10 Fuss. In der nördlichen Stollen- 
strecke kommen zwar einige Verdrückungen vor, doch ist bei 
Brunoschacht der Gang wieder mächtiger, ein dortiger Tagebau 
3^ bis 6 Fuss stark. In Berücksichtigung der Nebentrumme, 
in denen der Gang auf ziemliche Längen gleichsam doppelt, lässt 
sich eine durchschnittliche Eisensteinmächtigkeit von mindestens 
5 Fuss annehmen , bei welcher das Quadratlachter Gangfläche 
wenigstens 300 Centner Eisenstein schütten wird. Danach enthält 



12 



das bis jetzt aufgeschlossene Feld 1 Million Ctr. Eisenstein. 
Von dem nordöstlichen Abhänge der Höhen l.ässt sich aber mit 
geringen Kosten ein tieferer Stollen einbringen , womit nahe 
30 Lachter Saigerhöhe trocken zu legen sind, bis auf welche Sohlen 
hinab das ganze Feld über 3 Millionen Ctr. Eisenstein liefern 
kann, oder über 5 Millionen Ctr., wenn der Gang, wie es höchst 
wahrscheinlich, im Fortschreiten nach beiden Weltgegenden wei- 
ter aushält. Auch werden einem demnächstigen Tiefbau unter 
der Stollensohle keine besonderen Schwierigkeiten entgegentreten, 
indem das ganze Gebirge nur mässige Wasser erwarten lässt. 
Ebenso ist bei dem gegenwärtigen Abbau sowohl als auch bei 
dem künftigen tieferen Betriebe auf niedere Gewinn- und Förder- 
kosten zu rechnen, etwa 2j bis 3 Sgr. p. Ctr. 

Die Gangmasse besteht ganz vorwaltend aus reinem Eisen- 
stein, und zwar ist es theils Eisenglanz, theils rother 
Glaskopf, theils dichter R oth eis en st ei n in meistens sehr 
compacten Stücken und grossen bis zu 20 Ctr. schweren Wän- 
den. Eine mit einer grösseren Menge angestellte Analyse er- 
gab 92,68 pCt. Eisenoxyd mit Spuren von Mangan, 2,80 pCt. 
Thon- und 4,52 pCt. Kieselerde. Hiernach berechnet sich ein 
Eisengehalt von 60 pCt. Als mittlerer Gehalt können wenigstens 
50 pCt. angenommen werden. 

Der Redner bemerkte, wie der Eisenglanz und Rotheisen- 
stein von Wißmannsdorf von anderen bekannten Vorkommnissen 
dieser Art sich nicht wesentlich unterscheidet, daher er es nicht 
für nöthig erachtet habe, davon Handstücke mitzubringen, dage- 
gegen legte er einige dergleichen mit Afterkrystallen des Eisen- 
glanzes in den Formen des Kalkspathes (Drei- und Dreikantner 
und schwache Rhomboeder) zur Ansicht vor, so wie eine Gang- 
druse von Spatheisenstein oder Braunspath etc. Einzeln zeigt 
sich Schwarzmanganerz; etwa nur einige ganz isolirte Partien 
von Schwerspath ausgenommen finden sich keine Beimengungen, 
welche für die Beschaffenheit des daraus zu erzeugenden Eisens 
Von schädlichem Einfluss sein könnten. 

Von dem gewonnenen Eisenstein sind verschiedene Quan- 
titäten nach Vorwärtshütte bei Waldenburg , sowie nach 
einem Hohofenwerk der Minerva - Gesellschaft in Oberschlesien 
geliefert und mit 6 Sgr. p. Ctr. bezahlt worden. Das Aus- 
bringen und die Beschaffenheit des daraus dargestellten Eisens 



13 



war sehr befriedigend. Gegenwärtig befindet sich auf der Grube 
ein Haldenbestand von ca. 100,000 Ctr. Eisenstein. 

Die Grube Friedrich liegt auf einem zweiten Rotheisen- 
stein-Gange in etwa 100 Lachter querschlägigem Abstände von dem 
Carl-Gange, und zwar westlich, also im Hangenden vom Carl. 
Man hat dort einen Schacht darauf abgesunken und aus diesem 
nach Norden und Süden Strecken getrieben. Die Mächtigkeit 
dieses Ganges beträgt 2 bis 3 Fuss. Das Erfc ist fester, zum 
Theil milder Rotheisenstein. 

Die dritte Grube — Gustav genannt — liegt inmit- 
ten des Dorfes Willmannsdorf auf einem , durch ein Abteufen 
und durch Strecken untersuchten Gange, dessen Mächtigkeit mit 
demjenigen auf Friedrich übereinstimmt, während die Beschaffen- 
heit des Eisensteins eine vorzüglichere ist. Ob dieser Gang ein be- 
sonderer, oder mit demjenigen von Carl -Grube identisch, ist 
ungewiss, ersteres aber wahrcheinlicher als letzteres. 

Bemerkenswerth ist, dass auf allen 3 Gruben das die Gänge 
einschliessende Schiefergebirge in ansehnlicher Breite eine dun- 
kelrothe Färbung zeigt. Dergleichen Färbungen, welche sich 
der aufliegenden Fruchterde mittheilten, kommen auch noch bei 
vielen anderen Punkten der Gegend vor und können als Anzei- 
gen von Gängen angesehen werden. Auf einer solchen Stelle 
hat man auch bei Pömbsen (südlich Willmannsdorf) feste Roth- 
eisensteinbruchstücke angetroffen , welche die Nähe eines Gang- 
Ausgehenden annehmen lassen. 

Das ganze Vorkommen ist in industrieller Hinsicht von 
grosser Wichtigkeit, dies aber um so mehr, als bei der gut- 
artigen Beschaffenheit des Eisensteins darauf zu rechnen ist, dass 
das daraus erzeugte Roheisen sich zur Stahlfabrikation eignen 
wird. Man wird die Eisensteine entweder nach den Kohlengru- 
ben bei Waldenburg zu schaffen, oder in der Nähe von Jauer 
eine eigene Hohofenhütte anzulegen haben. In dem einen wie 
im andern Falle kommt dem Unternehmen die Eisenbahn-Ver- 
bindung zu statten. 

Herr von Carnall legte ferner einige Handstücke von 
der Braunkohlengrube Schwarz-Minna bei Hennerdorf vor. Diese 
liegt in der auf Section Liegnitz angegebenen Braunkohlenge- 
birgs- Partie. Man hat dort zusammenhängende Braunkohlen- 
flötze nicht aufgeschlossen , sondern nur Fragmente bituminösen 
Holzes, welche in einem mergelartigen Basalttuff (Trass) ein- 



14 



brechen. Die vorgelegten Stücke sind aber verkieseltes 
Holz; andere Stücke bestehen aus jenem Tuff mit inliegenden 
Blätter -Abdrücken. Auf dem Kunstschachte der Grube, 
auf dem man eine 50pferdekräftige Dampfmaschine errichtete, 
wird gegenwärtig ein grösserer Abbau auf dem hier mehrere 
Lachter mächtigen Trass eingerichtet. Dieser Trass hat sich 
bereits einen guten Ruf erworben und wird auch schon nach 
entfernteren Gegenden verfahren. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 

v. w. o. 

MlTSC HERLICH. BEYRICH. ROTH. 



2. Protokoll der December- Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 4. December 1861. 
Vorsitzender: Herr Mitscherlich. 

Das Protokoll der November-Sitzung wird verlesen und ge- 
nehmigt. 

Der Gesellschaft sind als Mitglieder beigetreten: 
Herr Dr. Keirel in Berlin, 

vorgeschlagen durch die Herren G. Rose, Beyrich, 
Mitscherlich. 
Herr Bergexspectant Eck in Berlin, 

vorgeschlagen durch die Herren F. Roemer, Roth, 
Beyrich. 

Für die Bibliothek der Gesellschaft sind eingegangen: 

A. Als Geschenke: 

Fr. Rolle : Ueber einige neue oder wenig gekannte Mol- 
luskenarten aus Tertiär-Ablagerungen. Separat-Abdruck, 

A. Favre: Notice sur la reunion extraordinaire de la 
Societe geologique de France a Saint- Jean de Maurienne. Se- 
parat-Abdruck. 

B. Im Austausch: 

Sitzungsberichte der k. k. Akademie der Wissenschaften in 
Wien. Mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse. Erste Abth. 
Bd. 43. Heft 1 bis 5. Zweite Abth. Bd. 43, Heft 2 bis 3. 



15 



Wochenschrift des Schlesischen Vereins für Berg- und Hüt- 
tenwesen. III. 31 bis 39, 41 bis 48. 

Sitzungsberichte der k. Bayerischen Akademie der Wissen- 
schaften zu München. 1861. I. Heft 4. 

Sitzungsberichte der k. Böhmischen Gesellschaft der Wis- 
senschaften in Prag. 1860. Juli bis December. 1861. Januar 
bis Juni. 

46. Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft in Em- 
den J861 und 

Kleine Schriften. VIII. Emden 1861. 

Zweiter Bericht des Offenbacher Vereins für Naturkunde. 
1861. 

Von der k. Universität zu Christiania: Eine Broncemedaille 
geschlagen zur 50jährigen Jubelfeier der Universität. 

Monrad : Det kongelige Norske Frederiks Universitets 
Stiftelse — Mohn: Om kometbanernes indbyrdes beliggenhed 
— Guldberg: Om Cirklers beröring — Sars: Om Siphono- 
dentalium vitreum. 

Memoires de la Societe de physique et d'histoire naturelle 
de Geneve. Tome XVI. Premiere Partie 1861. 

Bulletin de la Societe' Imperiale des Naturalistes de Mos- 
cou 1861. No. 2. 

American Journal of Science and arts. Vol. XXX IL 
No. 96, : 

Herr von Bennigsen - Foerder sprach über die geogno- 
stischen Verhältnisse des Kreises Salzwedel , welche in sehr 
bestimmter Weise den bleibenden agronomischen Werth des 
Bodens bedingen , so dass auch hier eine geognostische Karte 
von der Verbreitung der tertiären, diluvialen und alluvialen For- 
mationen zugleich eine Bodenfruchtbarkeitskarte darstellt. Fer- 
ner hob Redner hervor, dass die Kenntniss der Alluvionen 
(nicht Alluvium im engern Sinn) der verschiedenen geologischen 
Formationen zwar für wissenschaftliche Vervollständigung des 
Scbichtenbestandes in allen Epochen der Erdbildung von grosser 
Wichtigkeit sei, jedoch im Gebiete des jüngern Schwemmlandes 
den eigentlichen Schlüssel zum Verständniss bilde. Die mangel- 
hafte Kenntniss solcher Alluvionen der Tertiär-Gebilde haben 
den Redner vor mehreren Jahren verleitet, regenerirte Ablage- 
rungen an der Teufelsbrücke bei Potsdam für normale anzu- 



16 



sehen und neuerlichst sei die Unkenntniss der Alluvionen des 
Diluviums die Ursache zu den divergirenden Meinungen über das 
Alter menschlicher Kunstprodukte, welche in England und 
Frankreich gefunden werden, und worüber Redner in einem frü- 
heren Vortrage gesprochen. Eine andere und grössere Schwie- 
rigkeit, welche das Studium der Geologie des Schwemmlandes 
nächst dem häufigen Mangel an Leitversteinerungen darbietet, 
besteht in der Unkenntniss der Gestalt- und Niveau-Verhältnisse 
des Bodens zur Tertiärzeit und während der drei Hauptepochen 
des Diluviums ; die Entstehung der dem Kreise Salzwedel eigen- 
tümlichen Melm-Gebilde und eines kreideartigen Alluvial-Kal- 
kes bei Neuendorf, westlich von Calbe, kann aus diesem-Grunde 
nur hypothetische Erklärungen hervorrufen. 

Herr Beyrich machte Mittheilungen aus einem Briefe des 
Herrn Bernüullt in Betreff des Vorkommens von metallischen 
Verbindungen in Steinkohlen, namentlich von Zink und Kupfer- 
erzen. Sodann berichtete derselbe über seine neueren geognosti- 
schen Beobachtungen, betreffend die Lagerung des Vilser Kalk- 
steins in der näheren Umgebung von Vils in Tyrol. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 

v. w. o. 

MlTSCHERLICH. BEYRICH. ROTH. 



3. Protokoll der Januar - Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 8. Januar 1662. 
Vorsitzender: Herr G. Rose. 

Das Protokoll der December-Sitzung wird verlesen und an- 
genommen. 

Der Gesellschaft ist als Mitglied beigetreten: 

Herr Professor Dr. Jules Gossel et in Bordeaux, 

vorgeschlagen durch die Herren Beyrich, Roth, 
F. Roemer. 

Herr Generallieutenant von Gansauge in Berlin, 

vorgeschlagen durch die Herren G. Rose, Ewald, 
von Bennigsen-foerder. 



17 



Für die Bibliothek sind eingegangen: 

A. Als Geschenke: 

A. von Langrehr : Der Lauenburgische Grund und Boden. 
Ratzeburg 1861. Geschenk des Verlegers Herrn Linsen. 

W. Haidinger : Ansprache, gehalten in der Jahressitzung 
der geologischen Reichsanstalt in Wien am 19. November 1861. 

B. v. Cotta : Ueber das Kupfererzvorkommen von Totos 
in der Marmaros. (Berg- und Hüttenmännische Zeitung. 1862. 
No. 1.) 

Sir R. J. Murchison: On the inapplicabüity of the new 
term „Dyas" to the „Permian" Group of rocks as proposed 
by Dr. Geinitz. — Adress tho the Geological Section of the 
British Association at Manchester 1861. 

B. Im Austausch: 

Erster, zweiter, dritter Jahresbericht der Gesellschaft von 
Freunden der Naturwissenschaften in Gera 1858 bis 1860. 

Bericht über die Thätigkeit der St. Gallischen naturwissen- 
schaftlichen Gesellschaft für 1860 und 1861. 

Jahrbuch des Schlesischen Vereins für Berg- und Hütten- 
wesen. Bd. I. 1859. No. 1 bis 52. Bd. III. No. 49 bis 52. 

Abhandlungen der mathematisch-physicalischen Klasse der 
k. Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bd. IX. Abth. 1. 
— Verzeichniss der Mitglieder der k. Bayerischen Akademie der 
Wissenschaften 1860. — A.Wagner: Denkrede auf G. H. von 
Schurert. München 1861. 

Mittheilungen aus J. Perthes' geographischer Anstalt 1861. 
XI. XII. Ergänzungsheft No. 7. 

Schriften der Physicalisch - Oekonomischen Gesellschaft zu 
Königsberg. II. Jahrg. 1. Abth. 1861. 

Me'moires de V Academie Imperiale des sciences de St. Pe- 
tersbourg. Ser. VII. Tom. III. No. 10, 11, 12. Bulletin 
Tom. III No. 6, 7, 8. Tom. IV. No. 1, 2. 

Annales des mines (5) XX. Livrais. 4, 5. 

Bulletin de la Societe Vaudoise. Tom. VII. No. 48. 

Quarterly Journal of the Geological Society. Vol. XVII. 
Part. 4. London. 

Atti della Societa Italiana. Vol. III Fase. 3. 

Herr H. Karsten sprach über die von Matthieu zu- 
erst in dem Kreidetuff von Mastricht beobachteten und be- 

Zcits. d, d. geoi. Ges. XIV. 1 . 2 



18 



schri ebenen geologischen Orgeln Neu - Granada's, die 
auch in der weissen Kreide Englands bei Nor wich und in 
dem Grobkalke von Paris vorkommen. Es sind dies cylindrische 
mehr oder weniger tiefe, senkrecht die Kalkfelsen durchsetzende 
Gruben, natürliche zu Tage ausgehende Schachte. Bei Mastricht 
variirt ihr Durchmesser zwischen einigen Zollen bis 12 Fuss, 
sie reichen über 200 Fuss in noch unbekannte Tiefe hinab. 
Die in der Norwich-Kreide vorkommenden Löcher beschrieb 
Lyell, ihr Durchmesser schwankt gleichfalls zwischen einigen 
Zollen und 12 Fuss; erstere reichen nur selten über 12 Fuss 
tief unter die Oberfläche hinab, letztere bis auf 60 Fnss. Es 
sind verschiedene Erklärungen der Entstehung dieser senkrecht 
die Kalkfelsen durchsetzenden Köhren versucht worden. Quellen 
und Meeresstrudel wurden für diesen Zweck in Anspruch ge- 
nommen. Nach der Meinung des Redners reichen diese jedoch 
nicht aus die Erscheinung zu erklären ; es wäre vielmehr wahr- 
scheinlicher, dass langsam wachsende, im Meeresschlamm lebende 
Schw r ammpolypen während des allmälig erfolgenden Absatzes 
der Kreide diese senkrechte Höhlung in derselben aufgebaut, 
wenn nicht die von ihm in Neu-Granada beobachteten Thatsa- 
chen Zweifel auch gegen diese Erklärungsweise zuliessen. An 
dem südlichen Abhänge des Gebirges von St. Marta wurden 
nämlich von demselben 12 Fuss weite und gegen 60 Fuss tiefe, 
senkrechte, cylindrische Löcher in Kalksteinschichten der jüngeren 
Kreide beobachtet, welche letztere unter einem Winkel von c. 30 Gr. 
geneigt waren, wo man also um jene Erklärung aufrecht zu erhal- 
ten annehmen müsste, dass erstens die Kalkschichten dem Ab- 
hänge eines Berges parallel abgesetzt seien und zweitens, dass 
diese Berge dann durchaus senkrecht über die Meeresoberfläche 
gehoben seien. 

Bei Velez in der Nähe von Bogota kommen ähnliche cylin- 
drische Gruben vor, die circa 320 Fuss tief und ebenso breit 
sind, gleichfalls an dem Abhänge eines zur Kreideformation ge- 
hörenden Berges belegen. 

Die unteren Enden dieser Schachte, die in Neu-Granada 
Ojös del aire genannt werden, wurden daselbst nicht erkannt, da 
sie mit Erde bedeckt sind. 

Herr von Bennigsen-Foerder überreichte für die Biblio- 
thek der deutschen geologischen Gesellschaft eine von ihm kürz- 



19 



lieh veröffentlichte Broschüre : „Anleitung zur leicht ausführba- 
ren Erforschung und Abschätzung der Ackerkrume und des Un- 
tergrundes etc., u und sprach über Verbesserungen für die nahe 
bevorstehende zweite Auflage dieser Anleitung, sowie über zweck- 
mässige Vereinfachungen und Aenderungen an dem einen der 
von ihm construirten beiden Apparate, welche ohne Anwendung 
der Waage und ohne chemische Vorkenntnisse hinreichend 
genaue Auskunft über procentischen Gehalt eines Bodens an 
Kalk, Thon, Sand und Humus gewähren und welche auch zu 
geologisch -mineralogischen Voruntersuchungen auf Reisen anzu- 
wenden sind. Der für die schwierige Bestimmung des procenti- 
schen Thon-, Humus- und Sandgehalts eines Bodens construirte 
Abschlemmapparat bedarf jetzt einiger Verbesserungen ; auf ihn 
haben nachstehende Erläuterungen Bezug. 

1) Um die mittelst der geregelten Ablagerungsthätigkeit 
im Apparate hervortretenden Volumen-Procente, so viel als es 
bei der unbegrenzten Mannigfaltigkeit der Art und Zusammen- 
setzung der zu bestimmenden Naturkörper möglich ist, mit den 
Gewichts-Procenten in Uebereinstimmung zu bringen, sind nicht 
10 Kubikcentimeter , sondern nur 7,5 als mittleres Volumen für 
10 Gramm Ackererde nach Vorschi ift abzumessen und in Ar- 
beit zu nehmen; nur thonreiche, kreideartige, feinkörnige Bo- 
den- und besonders Mergelarten , deren genaue Prüfung dem 
Redner bei Construction des Kalkbestimmungs - Apparats oblag, 
haben 9 bis 10, und torfartige Ackererde noch mehr Kubikcen- 
timeter Volumen für 10 Gramm. 

2) Nachdem 7,5 Kubikcentimeter des zu prüfenden Bodens 
durch den Apparat abgeschlemmt worden, haben sich zwei oder 
drei Hauptgemengtheile : Sand, Humns, Thon in den dazu be- 
stimmten, mit einer Volumen-Scala für 10 Kubikcentimeter bis- 
her versehen gewesenen Abschlemmröhren nach ihrem Gewicht 
im Wasser geordnet, übereinander abgelagert; diese drei nach 
allen Richtungen hin von einander verschiedenen Substanzen 
nehmen als solche auch ungleiche Volumina für gleiche Ge- 
wichtsmengen ein, dürfen daher nicht mit einer und derselben 
Volumen-Scala gemessen werden. Die an den Abschlemmröhren 
schon vorhandene zehntheilige 10 Kubikcentimeter - Scala ist 
nothwendig für Ablesen und Berechnen des Procent-Gehalts des 
Bodens an Thon und Humus ; für das richtige und zugleich 
directe Ablesen des Sandgehalts dagegen, welches die wichtigste 

2* 



20 



und zugleich die einfachste Aufgabe des Verfahrens bildet, sind 
noch zwei Scalen erforderlich ; denn ebenso wesentlich wie für 
die Productionskraft eines Ackerbodens, ebenso deutlich unter- 
scheidet sich feiner Sand von grobem Sand in Volumen und in 
Volumen-Ausdehnung beim Abschlemmen ; für groben Sand ent- 
steht die zehntheilige, seinen Gewichts-Procenten entsprechende 
Scala, wenn von dem 10 Kubikcentimeter-Maasstab der Ab- 
schlemmröhren 6,5 Kubikcentimeter daneben abgesetzt und in 
zehn gleiche Theile zerlegt werden; für die im Volumen sich 
auffallend unterscheidenden feinsten, normalen und regenerirten 
Glimmer- und Formsande sind 8,5 Kubikcentimeter in zehn gleiche 
Theile zu theilen. 

3) Für das Ablesen und Berechnen der Abschlemm-Resul- 
tate gelten folgende Regeln : 

Wenn in einer geprüften Acker- oder Untergrundserde nur 
Sand und Humus, oder nur Sand und Thon, oder ausser diesen 
Substanzen noch Kalk auftreten, so ergiebt sich neben Anwen- 
dung des Kalkbestimmungs - Apparats nach Verlauf von kaum 
einer halben Stunde auf Grund der direct abzulesenden Sand- 
und Kalkbeimengung die Zusammensetzung des Bodens nach 
Gewichts-Procenten scharf. Wenn aber Thon und Humus zu- 
sammen in einem Boden vorhanden sind , so ist auch hier wie 
im chemischen Laboratorium die Berechnung des Procentgehalts 
für jede der beiden, glücklicherweise sich in Rücksicht ihres 
Werthes für die physikalischen Eigenschaften eines Ackerbodens 
ziemlich gleichstehenden Substanzen sehr schwierig und oft nur 
in den Grenzen einer Schätzung möglich. 

Aus den angestellten Versuchen geht hervor, dass zwischen 
Kulturboden-Humus und Urboden-Humus (tiefgründigen, schwar- 
zen, fein zertheilten, verkohlten und nicht durch Düngung ent- 
standenen) zu unterscheiden ist ; ersterer nimmt beim Abschlemmen 
nach Ablauf einer Stunde ein Volumen in Kubikcentimetern ein, 
deren Anzahl sein Gewichts-Procent fünfmal übertrifft; die Anzahl 
der von ihm gefüllten Kubikcentimeter der einfachen, oder durch 
Kautschukschläuche verbundenen gläsernen Abschlemmröhren 
muss daher mit 5 dividirt werden, um den Gewichts-Procentge- 
halt zu ermitteln ; für Urboden-Humus ist 4 der Divisor. Diese 
beiden Hauptarten von Humus behalten das nach einer Stunde 
eingenommene Volumen ; selbst der Druck von auflagerndem 



21 



Thon bewirkt nach einer Stunde keine weitere Volumen-Ver- 
minderung. 

In Betreff des Thones zeigen die Versuche, dass wegen sei- 
ner successiven und stets im Verhältniss zu seiner Gewichts- 
menge stattfindenden Zusammenziehung erst nach 24 Stunden 
ein geeigneter Divisor und zwar die Zahl 3 für die verschiede- 
nen Gewichtsmengen hervortritt; nach 3 Wochen beträgt die 
Ausdehnung des Thones etwa noch das Doppelte seines Gewichts- 
Procents. Wenn also in einer Ackererde Thon und Humus 
zusammen vorkommen, so kann ersterer nicht wohl vor Ablauf 
von 24 Stunden bestimmt werden. 

4) Bodenarten, welche reich an Urboden-Humus und Thon, 
zeigen aber nach dem Abschlemmen öfters keine zur Berech- 
nung hinreichend scharfe Grenze zwischen beiden Substanzen; 
eine mehr oder minder starke Beimengung von intensiver 
Gummi-gutti-Farbe hilft diesem Mangel ziemlich ab; ist andern 
Falls die Grenze zwischen Thon und feinem Sande nicht deut- 
lich genug, so bewirken mehrere Tropfen blauer Saftfarbe eine 
deutliche Scheidung. 

5) Das bisher vor dem Abschlemmen angewendete Zerrei- 
ben des Bodens mittelst Porzellan-Pistille oder Pinsel, selbst 
mittelst eines Reibers von Kautschuk zeigt sich nicht so wirk- 
sam und schützt weniger vor Zermalmen der Sandkörner in 
staubartige Partikel als ein weniger Zeit in Anspruch nehmen- 
des Schütteln des abgemessenen Bodenquantums in einer beson- 
deren Abschlemmungsflasche, bei Zusatz von 1 Kubikcentimeter 
Schrotkörner, deren Volumen bei der Berechnung zu subtrahiren 
ist und welche in ihre Zwischenräume 0,25 Kubikcentimeter 
(d. h. 2~ Procent) feinen und mittleren Sand aufnehmen. 

Diese Abschlemmflaschen haben die Grösse und Gestalt der 
Gasentwicklungsflaschen des Kalkbestimmungs - Apparats , sind 
aber mit einem 1 Fuss langen, cylindrischen , cubicirten Halse 
von der Weite der Abschlemmröhren versehen; sie ver- 
treten nicht nur diese, sondern auch mehrere andere Ge- 
räthe des Apparats und gewähren den besonders wichtigen Vor- 
theil, dass sie während des Niedersinkens der Substanzen in den 
nach unten gehaltenen, verkorkten Hals so in der Hand bewegt 
werden können, wie es nöthig ist um den lebhaften Strömungen 
des Wassers, welche oft leichtere, dabei aber voluminösere Hu- 
muspartikel zwischen den Sand hinabreissen wollen , entgegen 



22 



zu wirken; auch sind etwa misslungene Abschlemmversuche leicht 
sofort zu erneuen. 

6) Gelangt man zwar -durch Anwendung solcher Ab- 
schlemmnaschen in kürzerer Zeit und auf weniger kostspie- 
lige Weise bei der Prüfung schwieriger Bodenarten zu bessern 
Resultaten als nach dem bisherigen Verfahren , so bleibt doch 
die Anwendung von Trichtern und von verbesserten mit 3 Sca- 
len zu versehenen Abschlemmröhren und namentlich das Auf- 
stellen der abgeschlemmten Bodenarten im Stativ für verglei- 
chende Untersuchungen dem praktischen Landwirth sehr empfeh- 
lenswerth. 

Auch bei Anwendung dieser neuen Abschlemmflaschen 
muss die Entwickelung der Kohlensäure des etwa im Boden 
vorhandenen Kalkes, welche durch die zur leichtern Trennung 
von Thon, Sand und Humus zugesetzte Salzsäure bewirkt wird, 
abgewartet werden, bevor das Abschlemmen erfolgt. 

Die Anwendung der Salzsäure muss selbstredend beim Ab- 
schlemmen von Bodenarten unterbleiben, welche aus der Ver- 
witterung von kalkigen oder kreidigen Gesteinen hervorgegangen 
sind und welche' man in Rücksicht der Beimengung von Kalk- 
sand prüfen will. 

An dem Kalkbestimmungs - Apparat Veränderungen vorzu- 
nehmen lag keine Veranlassung vor, da er sich in der Praxis 
bewährt hat. 

Herr G. Rose theilte den Bericht des Herrn P. von Tschi- 
katschef über den Ausbruch des Vesuvs im December 1861 
mit (s. Bd. XIII. S. 453). 

Herr Beyrich berichtete über den Inhalt der von Sir 
R. J. Murchison für die Bibliothek der Gesellschaft einge- 
sendeten Schrift betreffend den Gebrauch der Benennung „Dyas" 
für die Formation des Rothliegenden und des Zechsteins in dem 
neuerlich über diese Ablagerungen erschienenen Werke des 
Herrn Geinitz. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 



v. w. o. 

G. Rose. Beyrich. Roth. 



23 



B. Aufsätze. 



1) Die Gneuse des Sächsischen Erzgebirges und 
verwandte Gesteine, nach ihrer chemischen Con- 
stitution und geologischen Bedeutung. 

Von Herrn Th. Scheerer in Freiberg. 

Die Untersuchungen , welche die Grundlage der vorliegen- 
den Abhandlung bilden, hatten zunächst den Zweck, über fol- 
gende fragliche Punkte Aufschluss zu geben. 

1) Besitzt ein krystallinisches Silicatgestein in seiner ganzen 
Verbreitung, in welcher es mit gleicher petrographischer 
Beschaffenheit auftritt, durchaus dieselbe chemische Zusam- 
mensetzung, wenn hierbei die gegenseitige Vertretung — 
und daher wechselnde Menge — isomorpher Bestand- 
teile als unwesentlich angesehen wird? 

2) Angenommen, dass dies der Fall ist: kommt alsdann dem 
Freiberger grauen Gneuse eine entschieden andere chemi- 
sche Zusammensetzung zu als dem rothen Gneuse dieser 
Gegend ? 

3) Zeigt ein krystallinisches Silicatgestein, soweit seine che- 
mische Mischung sich gleichbleibt, stets auch einen sich 
gleichbleibenden petrographischen Charakter? Kommen 
also z. B. im Sächsischen Erzgebirge Silicatgesteine von 
der chemischen Zusammensetzung des grauen und des 
rothen Gneuses vor, die aber gleichwohl die normalen 
äusseren Charaktere eines dieser Gneuse nicht an sich 
tragen ? 

4) Giebt es solchenfalls dennoch entweder sichere äussere 
Kennzeichen für solche chemisch gleiche, aber petro- 
graphisch verschiedene Gesteine, oder lässt sich ihre che- 
mische Zusammengehörigkeit wenigstens auf irgend eine 
andere Art leicht ermitteln? Kann man also z. B. Ge- 



24 



steine von der chemischen Zusammensetzung des grauen 
oder des rothen Gneuses leicht und sicher erkennen, auch 
wenn dies durch petrographische Merkmale nicht mög- 
lich ist? 

5) Ist ein bestimmter Feldspath für den grauen Gneus, und 
ein anderer Feldspath für den rothen Gneus charakte- 
ristisch ? 

6) Sind grauer und rother Gneus durch besondere Glim- 
merarten charakterisirt und dadurch von einander zu un- 
terscheiden ? 

7) Giebt es ausser grauem und rothem Gneus noch andere, 
mit eigenthümlicher chemischer Constitution auftretende 
Gneuse im Sächsischen Erzgebirge? 

Die Frage 2 war durch langjährige, besonders durch Herrn 
Obereinfahrer Mueller gemachte Erfahrungen angeregt worden, 
welche herausgestellt hatten, dass die hiesigen Erzgänge nur im 
grauen Gneuse erzreich, im rothen Gneuse aber erzarm und erz- 
los sind; ein Verhältniss, das am Entschiedensten bei solchen 
Erzgängen nachgewiesen wurde, die in beiden Arten des Gneu- 
ses zugleich auftreten. Nur insofern stellten sich hierbei Ano- 
malien heraus, als die Farbe der Gneuse, welche eben zu ihrer 
Benennung Veranlassung gegeben hatte, sich oftmals trügerisch 
bei der Unterscheidung dieser Gesteine erwies. Herr Oberberg- 
hauptmann Freiherr v. Beust knüpfte hieran die Ansicht, dass 
diese Abhängigkeit der Erzführung vom Nebengestein — jeden- 
falls zum Theil — auf einer vom zufälligen äusseren Habitus 
unabhängigen, verschiedenen chemischen Constitution der beiden 
Gneuse beruhen müsse. In Folge davon wurde ich vom König- 
lich Sächsischen Oberbergamte beauftragt, die erforderlichen che- 
mischen Untersuchungen hierüber anzustellen und an das ge- 
nannte Oberbergamt zu berichten. Dies ist nun bereits seit 
einer Reihe von Jahren geschehen, und die betreffenden Berichte 
sind in dem Jahrbuch für den Sächsischen Berg- und Hütten- 
mann (Jahrgang 1858, Seite 210 bis 223; Jahrgang 1861, 
Seite 252 bis 27 5 und Jahrgang 1862, Seite 188 bis 213) ab- 
gedruckt worden. 

Das durch die Schärfe und unerwartete Einfachheit der Re- 
sultate gesteigerte Interesse, welches ich an diesen Untersuchun- 
gen nahm, bewog mich zu einer weiteren und umfassenderen 



25 

Verfolgung des Gegenstandes, als sie dem ursprünglichen Zwecke 
vorlag. 

A. Die chemische Constitution des grauen 
Gne u s e s. 

Fast wohl bei allen bisher vorgenommenen Analysen krystalli- 
nischer Silicatgesteine hat man stillschweigend vorausgesetzt, 
dass es zur Ermittelung der chemischen Constitution derselben 
genüge, ein charakteristisches Handstück davon einer sogenann- 
ten Bausch-Analyse zu unterwerfen. Ob aber eine, wenn auch 
auf chemischem Wege entstandene , doch als mechanisches Ge- 
menge auftretende Gebirgsart in ihrer ganzen Verbreitung wirk- 
lich von gleicher stöchiometrischer Mischung sei, kann nur 
durch eine Reihe sich auf verschiedene Localitäten beziehender 
Analysen ausgemacht werden. Ausserdem wird es zur Erreichung 
eines genauen Resultates bedingt , dass die an diesen Localitä- 
ten mit erforderlicher Kritik entnommenen Gesteinstücke eine 
hinreichende Masse besitzen, um nach ihrer Zerkleinerung un- 
fehlbar das Material zur Ermittelung des wahren Durchschnitts- 
Gehaltes zu bieten; ferner, dass man dieselben nicht blos in der 
Nähe der Erdoberfläche, sondern wo möglich auch an tiefer lie- 
genden Punkten entnehme. Erwägt man endlich, dass derartige 
chemische Gesteins-Untersuchungen nicht immer mit so grosser 
Sorgfalt ausgeführt worden sind wie die Analysen der Mineral- 
species, so gelangen wir zu dem berechtigten Schlüsse, dass un- 
sere Kenntniss der chemischen Constitution krystallinischer Sili- 
catgesteine noch mit manchen Unsicherheits-Coefficienten behaftet 
sein dürfte ; um so mehr, als noch einige andere — am Schlüsse 
dieser Abhandlung zu berührende — Umstände hinzukommen, 
welche diese Unsicherheit erhöhen. 

Somit möge man es meiner Vorsicht zu Gute halten, dass 
ich die Frage 1 aufwarf, deren bejahende Beantwortung Man- 
chem vielleicht längst als ausgemacht gilt. 

Bei jedem der hier untersuchten grauen — und rothen — 
Gneuse verschiedener Localitäten wurden daher zunächst normale 
Stücke bis zu Gewichtsmengen von 20 bis 25 Pfund ausge- 
wählt und darauf gröblich gepulvert. Von dem gemengten Pul- 
ver wurde etwa j bis 1 Pfund feiner gerieben und hiervon 
endlich eine Quantität von einigen Lothen abgesondert, welche 



26 



als Material zu den verschiedenen Versuchen diente. Da jenes 

erste gröbliche Zerkleinern in einem eisernen Mörser geschehen 
rausste, so wurde die nöthige Vorsicht angewendet, um durch 
unvermeidliche Abnutzung desselben den Eisengehalt des Ge- 
steins nicht irrthümlich zu gross zu finden. 

Was die in Anwendung gebrachte analytische Methode be- 
trifft, so habe ich mich über hierbei angebrachte wesentliche Ver- 
besserungen bereits in einigen früheren Aufsätzen*) ausgespro- 
chen. Namentlich machten die in allen grauen Gneusen con- 
stant auftretenden kleinen Titansäuremengen eine genaue Be- 
stimmungsart, besonders eine scharfe Trennungsart von Eisen- 
oxyd, nothwendig. 

Die von mir, meinem ehemaligen Assistenten Herrn Robert 
Richter (jetzigem Professor an der Bergakademie zu Leoben) 
und meinem jetzigen Assistenten Herrn Dr. Rübe ausgeführten 
Analysen grauer Gneuse ergaben folgende Resultate, bei wel- 
chen vorläufig die Eisengehalte als Oxydul in Rechnung ge- 
bracht wurden. 





Ia. 


Ib. 


II. 


III. 


IV. 


Kieselsäure 


65,32 


65,06 


66,42 


64,83 


65,64 


Titansäure 


0,87 


1,11 nicht best. 


1,38 


0,86 


Thonerde 


14,77 


15,11 


14,76 


14,50 


14,98 


Eisenoxydul 


6,08 


6,80 


7,50 


6,32 


5,86 


Manganoxydul 


0,14 


Spur 




0,58 


0,18 


Kalkerde 


2,51 


3,50 


2,20 


4,65 


2,04 


Magnesia 


2,04 


1,30 


1,80 


1,41 


2,08 


Kali 


4,78 


4,91 


3,52 


5,07 


3,64 


Natron 


1,99 


1,11 


1,75 


0,93 


2,56 


Wasser 


1,01 


1,06 


1,85 


0,92 


1,18 



Summa 99,51**) 99,96 99,80 100,59 99,02***) 



*) Quantitative Bestimmung kleiner Titansäuremengen in Silicaten; 
Nachrichten der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. 
1859. No. 16. S. 172. — Analytische Methode zur Bestimmung der 
Magnesia und der Alkalien. Ebendaselbst S. 171. 

**) Nebst 0,09 Schwefelkies, 0,13 Magnetkies, 0,002 Kupfer und 
0,0015 Blei. Letztere wurden, unter Anwendung grösserer Quantitäten 
des Gneuses, besonders bestimmt. 

***) Nebst 0,26 Schwefelkies, einer Spur Kupfer und Spuren von 
Ceroxyd und Yttererde. 



27 





V. 


VI. 


VII. 


VIII. 


Kieselsäure 


64,17 


64,70 


64,90 


64,22 


Titansäure 


1,60 


1,18 


1,45 


1,30 


Thonerde 


13,87 


14,09 


15,70 


14,34 


Eisenoxydul 


6,40 


6,03 


6,27 


6.94 


Manganoxydul 


Spur 


Spur 


Spur 


Spur 


Kalkerde 


2,74 


3,11 


2,27 


3,20 


Magnesia 


2,21 


4,17 


2,00 


2,5b 


Kali 


5,25 


4,09 


2,79 


3,98 


Natron 


2,38 


2,20 


3,18 


2,82 


Wasser 


1,01 


1,48 


1,90 


1,01 


Summa 


99,63 


99,05*) 


100,46 


100,37 



Die Analysen Ia und IV wurden von mir ausgeführt. Die 
Analyse II ist von Professor Richter und die Analysen Ib, 
III, V bis VIII sind von Dr. Rlbe. 

Die diesen Analysen entsprechenden Sauerstoff-Proportionen 
Si + Ti:R-f- (R) 
ergeben sich — wenn 3 At. H isomorph mit 1 At. R gesetzt, 
also j vom Sauerstoff des Wassers zum Sauerstoff der fixen Ba- 
sen R addirt wird — wie folgt: 

Si+Ti:R + (R) 



Ia 




34,26 


: 11,44 




3 : 


1,00 


Ib 




34,22 


: 11,52 




3 : 


1,01 


II 




34,48 


: 11,52 




3 : 


1,00 


in 




34,21 


: 11,57 




3 : 


1,02 


IV 




34,42 


: 11,39 




3 : 


0,99 


V 




33,96 


: 11,38 




3 : 


1,01 


VI 




34,06 


: 11,38 




3 : 


1,00 


VII 




34,28 


: 12,05 




3 : 


1,05 


VIII 




33,86 


: 11,87 




3 : 


1,05 



Eine derartige nahe Uebereinstimmung der Sauerstoff-Pro- 
portionen macht es, in noch höherem Grade als die nahe Ueber- 
einstimmung der procentischen Zusammensetzung, augenfällig, 
dass alle diese Gneuse wesentlich eine und dieselbe chemische 



*) Nebst 0,46 Kupferkies. 



28 



Constitution besitzen. Es haben diese Gneuse folgende Beschaf- 
fenheit und wurden folgenden Localitäten entnommen. 

Ia Grauer Gneus aus dem Klemm'schen Steinbruche bei 
Kleinwaltersdorf, | geographische Meile in Nordwest 
von Freiberg. Weisser Feldspath und Quarz mit 
schwarzem Glimmer, in der dem Freiberger Normal- 
Gneuse gewöhnlichen flasrigen Struktur. Die zur Un-* 
tersuchung angewendeten Stücke, obwohl wenige Fusse 
unter der Erdoberfläche entnommen, hatten einen durch- 
aus frischen Habitus. Das Pulver brauste nicht mit 
Säuren. 

Ib. Grauer Gneus aus demselben Steinbruch und von 
gleicher Beschaffenheit. 

II. Grauer Gneus aus dem Kleinschirmaer Walde (Stein- 
bruch an der Freiberg-Oederaner Chaussee) , j geogr. 
Meile in West von Freiberg. Von derselben petrographi- 
schen Beschaffenheit wie der vorige, doch vielleicht nicht 
so vollkommen frisch. Derselbe Gneus wurde früher 
von G. Quincke*) analysirt, und folgendermaassen zu- 
sammengesetzt gefunden : 



Kieselsäure 


66,46 


Thonerde 


16,20 


Eisenoxydul 


5,81 


Kalkerde 


2,82 


Magnesia 


2,17 


Kali 


3,98 


Natron 


3,20 


Wasser 


1,59 




102,23 



Dass der graue Gneus Titansäure enthält, war damals noch 
nicht bekannt. 

III. Grauer Gneus aus dem Ludwigschachte der Grube 
Himmelfahrt, £ geographische Meile in Ost von Frei- 



*) Woehler und v. Liebig's Annalen, Bd. 99. Heft 2. S. 232. So 
viel mir bekannt, wurde zu dieser Analyse eine schwerlich genügende 
Quantität des Gneuses angewendet. 



29 



berg. Aus einer Schachttiefe von etwa 300 Fuss un- 
ter der Erdoberfläche. Ganz von der normalen 
Beschaffenheit des grauen Gneuses. 

IV. Grauer Gneus aus dem Abrahamer Kunst- und 
Treibeschacht der Grube Himmelfahrt, j geographische 
Meile in Südost von Freiberg. Die betreffenden Stücke 
wurden beim Abteufen dieses senkrechten Schachtes in 
einer Tiefe von 1708 Fuss Rheinl. (268 Lachter) 
unter der Erdoberfläche losgesprengt, und zwar 
mitten im normalen grauen Gneuse fern von durchset- 
zenden Erzgängen. 

V. Grauer Gneus, 300 Lachter in Nordost vom Mund- 
loche des Michaelisstollens, ij geographische Meile in 
Nord von Freiberg. Vom normalen grauen Gneus sich 
durch Grobflasrigkeit und zum Theil schwarze Farbe 
unterscheidend. Letztere scheint von feinen Glimmertheilen 
herzurühren, die dem Feldspathe stellenweise beigemengt 
geblieben sind, während sie sich im normalen Gneuse 
vollkommen ausgeschieden haben. 

VI. Borstendorfer Gneus aus dem Steinbruche am 
Brechhausberge, nahe bei und nördlich von Gahlenz, 
lj geographische Meilen in Südwest von Freiberg. Be- 
sonders durch Kleinkörnigkeit und lichtere Farbe des 
Glimmers von den vorigen Gneusen abweichend. 

VII. Müdisdörfer Gneus aus der Nähe, oberhalb des 
Schwarzen Teiches, östlich von Deutsch-Einsiedel an der 
Böhmischen Grenze, 4 geographische Meilen in Süd von 
Freiberg. Durch seine geognostische Stellung für eine 
obere — jüngere — Abtheilung des grauen Gneuses 
in Anspruch genommen, obwohl sich in seinem Aeusseren 
keine hervorstechende Verschiedenheit von letzterem zu 
erkennen giebt. Bei der Analyse desselben macht sich 
jedoch ein etwas grösserer Natrongehalt geltend. 

VIII. Drehfelder Gneus von der Emanueler Wäsche, am 
rechten Gehänge des Muldenthaies, ij geographische 
Meile in Nord von Freiberg. Ein grobflasiger soge- 
nannter Augengneus, mit fleischrothem und weissem 
Feldspath. Dem Ansehen nach also erheblich vom 
grauen Gneuse verschieden. Auch bei dieser Varietät 



30 



tritt zufolge der Analyse ein etwas höherer Natronge- 
halt auf. 



Somit haben diese 8 Gneusproben, welche an verschiedenen 
Fundstätten entnommen wurden, die bis zu 5{ geographische Mei- 
len von einander entfernt sind und sich bis auf eine Tiefe von 
1708 Fuss Rheinl. unter der Erdoberfläche erstrecken, im We- 
sentlichen eine und dieselbe chemische Constitution ergeben. Auch 
der Gehalt an chemisch gebundenem Wasser — bei dem Gneuse 
aus 1708 Fuss Tiefe 1,18 Procent betragend — schwankte nur 
zwischen den Grenzen 1,01 und 1,90 Procent. Er gehört daher 
zu den wesentlichen Bestandtheilen des grauen Gneu- 
ses, und sein Auftreten darin wird , wie wir später sehen wer- 
den, durch die chemische Constitution des diesem 
Gneuse eigenthüm liehen Glimmers bedingt. 

Diese analytischen Resultate geben inzwischen noch kein voll- 
kommen scharfes Bild von der chemischen Constitution des 
grauen Gneuses, indem wir ohne Aufschlüsse darüber blieben, 
in welcher Oxydationsstufe das darin vorhandene Eisen auftritt. 
Da hierüber angestellte Versuche ergaben, dass der graue Gneus 
keinesweges blos Eisenoxydul, sondern zugleich auch Eisenoxyd 
enthält, so bestimmte ich die relative Menge derselben bei den 
von mir analysirten Gneusen Ia und IV, deren vollständige pro- 
centische Zusammensetzung sich hiernach folgendermaassen ge- 
staltet: 



Ia. 

65,32 
0,87 

14,77 
3,33 
3,08 
0,!4 
2,51 
2,04 
4,78 
1,99 



Sauerstoff. 



Kieselsäure 



Kali 

Natron 

Wassei; 



Titansäure 

Thonerde 

Eisenoxyd 



Eisenoxydul 
Manganoxydul 



Kalkerde 
Magnesia 



1,01(1* 0,90) 
99,84 




11,77 



31 





IV. 


Sauerstoff. 


Kieselsäure 


65,64 


34,08 1 


Titansäure 


0,86 


0,34 / 


Thonerde 


14,98 


7,00) 


Eisenoxyd 


2,0'> 


0,79 / 


Eisenoxydul 


3,50 


0,78 v 


Manganoxydul 


0,18 


0,04 J 


Kalkerde 


2,04 


0,58 [ 


Magnesia 




U,öa V 


Kali 


3,64 


0,62 [ 


Natron 


2,56 


0,66 1 


Wasser 




1,05) 0,35 ] 




99,28 





34,42 
7,79 v 

I 11,65 

3,86 ] 



Es ergeben sich daraus die Sauerstoff-Proportionen: 

Si, Ti :S : (R) 
bei Ia = 34,26 : 7,90 : 3,87 
bei IV = 34 42 : 7,79 : 3,86 
im Mittel = 34,34 : 7,84 5 : 3,865 
berechnet = 34,34 : 7,64 : 3,82 — 9:2:1 
Aus diesem Sauerstoff Verhältnisse 9:2:1 folgt das Atom- 
Verhältniss 

Si, Ti :R : (R) =9:2:3 
welches sich durch die chemische Formel 

3(R) Si + 2 R Si 3 
ausdrücken lässt. Die Sauerstoffmenge der Kieselsäure (nebst 
Titansäure) ist darin 3 mal so gross als die sämmtlicher Basen 
R -f- (R)» un< ^ die Sauerstoffmenge der Basen R ist 2 mal so 
gross als die der Basen (R). Der graue Gneus, als eine ho- 
mogene chemische Verbindung gedacht, ist folglich als ein neu- 
trales Silicat zu betrachten. 



B. Die chemische Constitution des rothen 
G n eus e s. 

Da die vorhergehenden Untersuchungen die constante und 
gesetzmässige chemische Constitution des grauen Gneuses mit 
so grosser Evidenz dargethan hatten , so konnte eine geringere 



32 



Anzahl von Analysen zur Nachweisung eines solchen Verhält- 
nisses beim rothen Gneuse für genügend erachtet werden; um 
so mehr , als sich auch hier sehr bald eine derartige Gesetz- 
mässigmässigkeit zu erkennen gab. Die Untersuchungen des 
rothen Gneuses wurden daher zunächst auf folgende Analysen 
beschränkt. Der Eisengehalt ist dabei vorläufig als Oxydul in 
Rechnung gebracht. 





IX. 


X. 


XI. 


XII 


Kieselsäure 


75,74 


74,87 


76,26 


75,39 


Titansäure 




Spur 


? 




Thonerde 


13,25 


14,12 


13,60 


12,73 


Eisenoxydul 


1,84 


2,27 


2,41 


3,00 


Manganoxydul 


0,08 


0,25 


Spur 


Spur 


Kalkerde 


0,60 


1,13 


0,66 


0,09 


Magnesia 


0,39 


0,17 


0,26 


0,35 


Kali ■ 


4,86 


3,29 


3,75 


4,64 


Natron 


2,12 


2,55 


2,56 


1,54 


Wasser 


0,89 


0,82 


0,94 


1,17 


Summa 99,77 


99,47*) 


100,44 


98,91**; 



Die Analyse IX wurde von mir, die Analysen X, XI 
XII wurden von Dr. Rube ausgeführt. 

Dass diese rothen Gneuse keine oder doch nur sehr ge- 
ringe Menge von Titansäure enthalten, davon habe ich mich 
durch besondere Versuche überzeugt.***) 

Die den Analysen entsprechenden Sauerstoff-Proportionen 

Si : R + (R) 

unter derselben Annahme wie beim grauen Gneuse berechnet 
sind : 

Si : S + (R) 

IX = 39,32 : 8,59 = 4,5 : 0,98 

X = 38,87 : 9,00 == 4,5 : 0,96 

XI = 39,59 : 8,76 == 4,5 : 1,00 

XII = 38,77 : 8,66 4,5 : 1,01 



*) Nebst einer Spur Kupferoxyd. 

**) Nebst 0,50 Kupferoxyd (Kupferkies ?) und 0,09 Zinnoxyd (Zinn- 
stein). 

***) Siehe den oben citirten Bericht im Jahrbuch für den Berg- und 
Hüttenmann. 1862. 



33 



Ueber die Fundorte und petrographische Beschaffenheit die- 
ser vier, in ihrer chemischen Constitution so nahe mit einander 
übereinstimmenden Gesteine ist Folgendes zu berichten: 

IX. Roth er Gneus von Kleinschirma, f geographische 
Meilen in West von Freiberg. In einzelnen scharfkan- 
tigen Blöcken auf der Anhöhe nördlich von Kleinschirma; 
wahrscheinlich von einer darunter liegenden , im Gebiet 
des grauen Gneuses auftretenden, rothen Gneuspartie her- 
rührend, welche sich aber durch die Erdbedeckung der 
Beobachtung entzieht. (In grösseren Massen anstehend 
findet sich rother Gneus südlich und westlich von Klein- 
schirma , etwa j bis - Meile von jenem Punkte.) Es 
besteht dieses Gestein aus fleischrothem bis bräunlich 
rothem Feldspath, graulich weissem bis milchweissem 
Quarz und lichtem — graugelbem bis rauchgrauem — 
Glimmer. Letzterer ist kleinschuppig und in beträchtlich 
geringerer Menge darin vorhanden als der schwarze 
flasrige Glimmer im grauen Gneuse. Seine streifenweise 
Einstreuung, verbunden mit dem Auftreten von Quarz- 
schnürchen , geben dem rothen Gneuse seine — wenn 
auch weniger als beim grauem Gneuse markirte, doch 
unverkennbare — Schichtstruktur. 
X. Roth er Gneus aus der Gegend des Michaelisstolln- 
Mundloches (313 Lachter in Nordost von letzterem ent- 
fernt) ij geographische Meile in Nord von Freiberg. 
Bildet hier im grauen Gneuse eine stock- bis gangför- 
mige Masse, von deren näherer Beschaffenheit später die 
Rede sein wird. In seinem petrographischen Charakter mit 
dem rothen Gneuse IX vollkommen übereinstimmend. 
Als einzige, aber jedenfalls unwesentliche Verschieden- 
heit Hesse sich nur anführen, dass sein Glimmer stellen- 
weise von etwas dunklerer Farbe auftritt, wie dies auch 
in dem etwas grösseren Eisengehalt dieses Gneuses im 
Vergleich mit dem vorigen seinen Ausdruck findet. 
XL Rother Gneus aus der Gegend zwischen Leubsdorf 
und Eppendorf, südlich von Oederan, etwa 2j geographi- 
sche Meilen in Südwest von Freiberg. In einem grösseren 
Gebiete hierselbst anstehend. Zeigt sich in seiner äusse- 
ren Beschaffenheit dadurch von den beiden vorhergehen- 
den Gneusen verschieden, dass nur ein kleiner Theil sei- 

Zeits. d.d. geol.Ges, XIV. 1. 3 



34 



nes Feldspathes fleischroth , der grösste Theil desselben 
weiss gefärbt erscheint und dass seine Struktur eine 
kleinkörnige, fast granitische ist. Der Glimmer kommt 
darin stellenweise zu etwas grösseren Pailletten ausgebil- 
det vor als in dem gewöhnlichen rothen Gneuse. Eine 
Analyse desselben Gesteins führte vor längerer Zeit 
G. Quincke (1. c.) aus, und fand dabei folgende Zu- 
sammensetzung: 



Kieselsäure 


75,91 


Thonerde 


14,11 


Eisenoxydul 


2,03 


Manganoxydul 




Kalkerde 


1,14 


Magnesia 


0,40 


Kali 


4,16 


Natron 


1,77 


Wasser 


1,16 




100,68 



Dies stimmt mit der Analyse XI nahe überein. 

XII. Rother Granit von Altenberg, 4 geographische Mei- 
len in Südost von Freiberg. Ein feinkörniger — zur 
Altenberger Stockwerksmasse gehörender — entschiede- 
ner Granit, aus vorwaltendem fleischrothem Feldspath, 
lichtgrauem bis weissem Quarz und sparsam vertheilten 
schwarzen Glimmerschüppchen bestehend. Er ist von 
zahlreichen schmalen Zinnsteingängen (Trümern) durch- 
schwärmt. 

Eine gleiche chemische Constitution erstreckt sich folglich 
auch beim rothen Gneuse über Gesteine verschiedener Fundorte 
und von zum Theil verschiedenem petrographischem Charakter. 

Um eine noch genauere Einsicht in diese chemische Con- 
stitution zu erhalten , war es nothwendig auch das noch uner- 
mittelte Sauerstoffverhältniss R : (R) zu bestimmen, was eine 
genaue Bestimmung des Eisenoxyd- und Eisenoxydul-Gehaltes 
voraussetzt. Dies führte ich bei dem von mir analysirten 
Gneuse IX aus, welcher hiernach besteht aus: 



35 





IX. 


Sauerstoff : 


Kieselsäure 


75,74 


39,32 


Titansäure 







Thonerde 


13,25 


6,20) 


Eisenoxyd 


IM 


0,37 I 


Eisenoxydul 


0,72 


0,16 


Manganoxydul 


0,08 


0,02 J 


Kalkerde 


0,60 


0,17 [ 


Magnesia 




0,16 > 


Kali 


*4,86 


0,83 I 


Natron 


2,12 


0,54 | 


Wasser 


0,89(} 


• 0,79) 0,26 ' 



99,89 



Daraus folgt die Sauerstoff-Proportion 

Si : & : (R) 

IX = 39,32 : 6,57 : 2,14 

berechnet = 39,32 : 6,55 : 2,18 = 18 : 3 : 1 
entsprechend dem Atom-Verhältniss 

Si : R : (R) =6:1:1 
welches durch die chemische Formel 

(R) Si 2 + R Si 4 

oder (R) 2 Si 3 + R 2 Si 9 

ausgedrückt werden kann, worin die Kieselsäure 4^ mal so viel 
Sauerstoff enthält als sämmtliche Basen, und worin die Basen 
R das Dreifache des Sauerstoffs der Basen (R) enthalten. Der 
rothe Gneus, als eine homogene chemische Verbindung gedacht, 
ist folglich als ein Anderthalb -S i Ii cat zu betrachten. — 

Nachdem es durch diese Bausch-Analysen von grauen und 
rothen Gneusen erwiesen ist , dass jedem dieser Gesteine nicht 
allein eine eigenthümliche Zusammensetzung zukommt, sondern 
dass diese chemische Constitution sogar — gleichwie bei einer 
Mineralspecies — sich durch eine einfache chemische Formel 
ausdrücken lässt, so sind hierdurch unsere oben aufgeworfenen 
Fragen ( und 2 in genügender Weise beantwortet. 

Auch die Frage 3 findet in den erhaltenen Resultaten be- 
reits eine theilweise Beantwortung, indem unter den grauen 
Gneusen drei (VI, VII und VIII) und unter den rothen Gneu- 

3* 



36 



sen einer (XII) sich befanden, welche in ihrem petrographischen 
Charakter mehr oder weniger von der normalen Beschaffenheit 
dieser Gesteine abwichen. Da nun eine umfassende Beantwor- 
tung dieser Frage wünschenswerth erschien, die Anstellung neuer 
Analysen zu diesem Zwecke aber allzu zeitraubend war, so ver- 
suchte ich einen kürzeren Weg hierbei einzuschlagen, von wel- 
chem im folgenden Abschnitte die Rede sein wird. 

C. Ermittelung der S i lici ru n g s stuf en des grauen 
und rothen Gneuses durch die Schmelzprobe. 

Abgesehen von dem verschiedenen Atomverhältniss der Ba- 
sen R : (R), welches beim grauen Gneus — 2:3, beim rothen 
= 1:1 ist, sind beide Gneuse in chemischer Beziehung am we- 
sentlichsten durch ihre Silicirungsstufen von einander unterschie- 
den. In Folge hiervon beträgt, wie die Analysen I bis XII 
ergaben, der procentische Kieselsäuregehalt des grauen Gneuses 
65 bis 66, der des rothen 75 bis 76 Procent. Beim Zusammen- 
schmelzen mit trocknem kohlensaurem Natron müssen also 
diese Gesteine, annähernd, entsprechend verschiedene Kohlen- 
säuremengen entwickeln, die sich sehr einfach aus dem Schmelz- 
verluste — der Differenz des Gewichtes vor und nach der 
Schmelzung — bestimmen lassen. 

Somit schien das Zusammenschmelzen einer gewogenen 
Quantität gepulverten Gneuses mit einer hinreichenden und ge- 
wogenen Menge trocknen kohlensauren Natrons ein willkommenes 
Mittel zu bieten, nicht allein zur leichten Unterscheidung unserer 
beiden Gneuse, sondern auch anderer durch verschiedene Silici- 
rungsstufen charakterisirter Gesteine. Ich überzeugte mich in- 
zwischen bald durch angestellte Versuche, dass die durch ein 
solches Zusammenschmelzen ausgetriebenen Kohlensäuremengen 
auch bei einem und demselben Gestein und bei genau gleichem 
Kieselsäuregehalte erheblichen Schwankungen unterworfen sind, 
wodurch die Probe mehr oder weniger unsicher wird. Bei nähe- 
rer Untersuchung dieses unerwarteten Verhaltens fand ich, dass 
die durch eine bestimmte Gewichtsmenge eines Silicates oder 
Kieselsäure ausgetriebene Quantität Kohlensäure abhängig ist 
1. von der relativen Menge des damit zusammengeschmolzenen 
kohlensauren Natrons, 2. von der dabei angewendeten Tempera- 



37 



tur , und 3. von der Zeitdauer des Schmelzens.*) Nach diesen 
Erfahrungen ordnete ich die Schmelzprobe in folgender Weise 
an, um ihren Resultaten den höchstmöglichen Grad der Sicher- 
heit zu geben. 

Das zuvor durch Schmelzung entwässerte, gepulverte, koh- 
lensaure Natron, welches zu diesen Versuchen dient, bereitet 
man in grösserer Quantität und hebt den Vorrath in einer 
Flasche mit dicht schliessendem Glasstöpsel auf. Da es jedoch 
unvermeidlich ist, dass dasselbe allmälig wieder etwas Feuchtig- 
keit anzieht, so bestimmt man die procentische Menge dieser 
letzteren vor jeder Gesteinsprobe durch einen besonderen Schmelz- 
versuch, um sie später in Rechnung zu bringen. Darauf bringt 
man 1 Grm. des feingepulverten, bei-)- 120° C. getrockneten 
Gesteins mit genau der fünffachen Gewichtsmenge kohlensauren 
Natrons in einen geräumigen Platintiegel, mengt beide Substan- 
zen sorgfältig, drückt sie fest in den Tiegel, bedeckt denselben 
und erhitzt sie bei allmälig gesteigerter Temperatur bis zum 
Schmelzen. Ob diese vorläufige Erhitzung längere oder kürzere 
Zeit dauert, darauf kommt nichts an , um so mehr aber darauf, 
dass die nun folgende Erhitzung bei allen Schmelzproben gleichen 
Grad und gleiche Zeitdauer habe. Ich bediene mich hierzu eines 
Alkohols von 80 ü Richter und eines Gebläses von 20 Pfund 
Belastung, welches an einer sogenannten Plattner 'sehen 
Spinne mit fünf Armen wirkt. Der Platintiegel befindet sich in 
einer gewöhnlichen Hängevorrichtung von Platindraht. ' Das 
Erhitzen nach dem Eintreten des geschmolzenen Zustandes wird 
unter lebhaftem Treten des Blasebalges 15 Minuten fortgesetzt, 
darauf der Tiegel möglichst schleunig von der Lampe entfernt 
und über Schwefelsäure der Abkühlung überlassen. Durch 
Wägung desselben und Anbringung der oben gedachten Correc- 
tion ergiebt sich der Schmelzverlust. Dieser besteht haupt- 
sächlich in ausgetriebener Kohlensäure, zugleich aber auch in 
dem chemisch gebundenen Wassergehalte des Gesteins. Wird 



*) Das Nähere über dieses Verhalten und über die dabei herrschen- 
den Gesetze ist nachzusehen in meiner Abhandlung — Versuche über 
die Menge der Kohlensäure, welche hei höherer Temperatur aus kohlen- 
sauren Alkalien durch Kieselsäure und andere Oxyde ausgetrieben wird, 
nebst Folgerungen hinsichtlich der atomistischen Zusammensetzung der 
Kieselsäure. — Woehler und v. Liebig, Annalen d. Chemie u. Pharm. 
Bd. 116. Heft 2. S. 129 bis 160. 



38 



auch letzterer in Abzug gebracht , so erhält man das Gewicht 
der ausgetriebenen Kohlensäure, welche man in Pro- 
centen der angewendeten Gesteinsmenge ausdrückt. 

Bei der Anstellung zahlreicher derartiger Proben mit Frei- 
berger Gneusen und verwandten Gebirgsarten ergab sich stets 
das willkommene Resultat, dass das Gewicht der ausgetriebenen 
Kohlensäure um etwa 1 bis 2 Procent kleiner war als die in 
dem Gestein enthaltene Kieselsäuremenge. Da nun die Gebirgs- 
arten sämmtlich etwa 1 Procent chemisch gebundenes Wasser 
enthielten, so folgt hieraus, dass bei derartigen Gesteinen der 
— nicht corrigirte — Schmelzverlust dem procentischen Kiesel- 
säuregehalte nahe kommt. Bei Gesteinen, welche wasserfrei sind, 
muss man also zum Schmelzverluste 1 Procent addiren, und bei 
solchen, die erheblich mehr als 1 Procent Wasser enthalten, die- 
sen Mehrbetrag vom Schmelzverluste subtrahiren, um den pro- 
centischen Kieselsäuregehalt des Gesteins mit möglichster An- 
näherung zu finden. 

Kaum braucht es erwähnt zu werden, dass der Zweck die- 
ser Probe nicht in der Erreichung absolut, sondern nur relativ 
genauer Resultate besteht. Es kommt daher weniger darauf an, 
sich streng an die hier gegebenen Vorschriften zu halten, als 
vielmehr alle mit einander zu vergleichenden Proben möglichst 
gleichmässig vorzunehmen. Dann werden sie immer dazu die- 
nen können , Gesteine verschiedener Silicirungsstufe leicht von 
einander zu unterscheiden. 

Um die Richtigkeit meiner Angaben durch Thatsachen zu 
belegen, hebe ich die Resultate folgender Schmelzproben aus, 
die mit zuvor analysirten, grauen und rothen Gneusen angestellt 
wurden : 



Grauer Gneus 
von Klein waltersdorf (Ia) 
vom Ludwigsschacht (III) 
Borstendorfer Gneus (VI) 



Kieselsäuregehalt nach der 
Analyse*) Schmelzpr. 



66,19 65,7 
66,21 66,1 
65,68 66,6 



*) Die kleinen Titansäuregehalte des grauen Gneuses wurden hier- 
bei zum Kieselsäuregehalt addirt. 



39 



Roth er Gneus 

von Kleinschirma (IX) 75,74 75,5 

vom Michaelisstolln (X) 75,99 74,2 

von Leubsdorf (XI) 76,26 74,9 



Man ersieht hieraus, dass die Schmelzprobe bei Gesteinen 
von der Silicirungsstufe des grauen Gneuses genauere Resultate 
giebt als bei Gesteinen von der Silicirungstufe des rothen, dass 
dies aber eine sichere Unterscheidung beider Gneuse nicht im 
mindesten beeinträchtigen kann. Aus diesem Grunde wurde die 
Probe zur Prüfung folgender Gesteine in Anwendung gebracht, 
bei denen es mehr oder weniger fraglich war, zu welchem un- 
serer beiden Gneuse sie zu rechnen seien, oder ob sie überhaupt 
zu einem derselben gehörten. 

Die Schmelzproben wurden nach der oben mitgetheilten Vor- 
schrift von Dr. Rube ausgeführt. 

a. Gesteine mit Schmelzverlusten von 64 bis 6b Procent. 
(Graue Gneuse) 

Schmelzverl. 
Pro cent. 

1) Kleinkörniger Gneus von der Anhöhe zwischen 
Blumenau und dem Thesenflössel .... 65,6 
(Feldspath : röthlich — Glimmer: theils schwarz, 

theils weiss). 

2) Mittelkörniger, fast granitischer Gneus vom Gold- 

hübel, zwischen Neuhausen und Rauschenbach 66,0 
(Feldspath: röthlich bis fleischroth — Glimmer: 
theils grün, theils weiss). 

3) Klein- bis feinkörniger Gneus von der Anhöhe 
zwischen Saida und dem Hermsdorfer Zollhause 65,9 
(Feldspath : röthlich — Glimmer : grünlich- 
grau). 

4) Feinkörniger, röthlich grauer Gneus von Ober- 
seifenbach, neben dem Flachsrösthause . . . 65,2 
(An mittleren Gneus*) erinnernd). 

5) Feinschuppiger grauer Gneus von der Anhöhe 
südlich der alten Grube Heilige Dreifaltigkeit 

bei Zschopau . , 64,8 



*) Von diesem „mittleren Gneus" wird im folgenden Abschnitt die 
Rede sein. 



40 



Schmelzverl. 
Procent. 

6) Feinschuppiger, glimmerschieferartiger Gneus 
aus dem Schweinitzthale , nahe unterhalb der 



Böhmischen Oelmühle bei Brandau .... 65,0 

7) Grobflasriger Augengneus von der Rübenauer 
Strasse, zwischen Ansprung und Wolfsstein . 64,5 
(Feldspath: weiss — Glimmer: theils schwarz, 

theils weiss). 

8) Sehr feinkörniger (fast dichter) grauer bis bräun- 
lichgrauer Gneus von Niederlauterstein, unter- 
halb der Einmündung des Grundbachs in den 

Lauterbach 66,2 

(An mittleren Gneus erinnernd). 

9) Feinschuppiger, glimmerreicher Gneus vom süd- 
östlichen Abhänge der Neuhainer Höhe bei 
Seiffen . : 65,2 

10) Feinschuppiger, grauer Gneus von derselben 
Fundstätte wie S 65,1 

11) Feinkörniger, dunkelschwarzgrauer, granulitarti- 

ger Gneus (?) von Augustusberg .... 66,0 



(Durchsetzt gangförmig den Drehfelder Gneus 
auf dem Tiefen Barbara Stölln , 23{ Lachter 
vom Gottlob Stehenden in West). 

b. Gesteine mit Schmelzverlusten von 73 bis 75 Procent. 



(Rothe Gneuse) 

12) Granitartiger rother Gneus von Nieder-Reinsberg, 
beim Abgangspunkte des Neukirchner Fahr- 
weges 74,5 

13) Granitartiger rother Gneus vom Lichtloche 5 
des Rothschönberger Stölln , aus, der Nähe des 

Schachtes 74,3 

(Aehnlich dem vorigen , doch dunkler gefärbt, 

und mit sparsam eingesprengten schwarzen 
Glimmerschüppchen). 

14) Granit vom Lichtloche 4 des Rothschönberger 
Stölln, vom Schachte in Nord, zwischen den 
Jahrestafeln 1853 und 1855 " 74,4 



(Feldspath : theils weiss, theils röthlich — Glim- 
mer: schwarz). 



41 



Schmelzverl. 
Procent. 

15) Grobstänglicher rother Gneus (von sogenannter 
Holzstruktur) von Erasmus Erbstolln Vereinigt 
Feld bei Glashütte, auf dem Tiefen Jacober 
Stölln, zwischen dessen Mundloche und dem 

Kunstschachte 74,2 

(Glimmer: weiss, theils feinschuppig, theils 
grossblättrig). 

16) Grobstänglicher rother Gneus (von ähnlicher 
Struktur wie der vorige) vom Hahnberge bei 
Oberneuschönberg 74,1 

17) Stänglicher Gneus (von ähnlicher Struktur wie 
der vorige) vom linken Abhänge der Pockau, 

unterhalb Lauterstein 74,0 

(Feldspath: roth). 

18) Kleinkörniger Gneus von der Anhöhe zwischen 

Zehntel und Oberlangenau , 75,4 

(Feldspath : roth). 

19) Körnig-schiefriger Gneus aus dem Freiberger 
Rathswalde, westlich von der Rathsziegelei bei 

Zug ~. . . . . . 73,2 

(Feldspath : weiss bis röthlich weiss — Glimmer : 
nur in sparsam vertheilten Schüppchen einge- 
sprengt). 

20) Rother Gneus vom rechten Muldenufer 46 
Schritt unterhalb dem Biebersteiner Mühlen- 
wehr 74,0 

(Glimmer: schwärzlich). 

2 1 ) Rother Gneus , südöstlich von Breitenbach , 

am oberen Gehänge der Knabenstollnschlucht. 73,2 
(Glimmer: grösstentheils weiss, stellenweise mit 
etwas schwarzem Glimmer abwechselnd). 

22) Flasriger rother Gneus aus dem Steinbruch am 
Steinbusche bei Nossen, neben der Freiberger 

Chaussee 74,1 

(Stockförmig im Thonschiefer auftretend und 
Schollen von diesem umschliessend). 

23) Granitartiger Gneus von der Anhöhe zwischen 
dem Schlossbörner Grund und dem Schaafborn- 

grund unweit Nossen 73,2 



42 



Schmelzverl. 
Procent. 

24) Felsitfels (feinkörniger rother Gneus?) vom rech- 
ten Muldengehänge über den Häusern von Re- 
chenberg 75,1 

25) Glimmerreicher rother Gneus von der Nordseite 

von Zethau 73,0 

(Mit eingesprengtem Turmalin). 

26) Rother Gneus aus einem — jetzt zugestürzten 
— Steinbruche am rechten Münzbachgehänge 
bei Freiberg (nahe nördlich neben der Eisen- 
bahn, am Fahrweg vom Braun'schen Vorwerk 

nach der Frauensteiner Chaussee) .... 74,0 
(Glimmer: weiss und feinschuppig). 

27) Rother Gneus aus einem Steinbruch bei der 
neuen Himmelfahrter Wäsche, unweit des Thurm- 
hofer Schachtes bei Freiberg 73,9 

(Ganz von der Beschaffenheit des vorigen. Bil- 
dete hier einen jetzt nicht mehr im Steinbruche 
sichtbaren Gang von 3 bis 4 Zoll Mächtigkeit 

im grauen Gneuse. Die betreffenden Probe- 
stücke wurden hierselbst von mir im Jahre 
1842 entnommen). 

Nicht von allen diesen Gesteinen standen so beträchtliche 
Quantitäten zu Gebote, wie es zur genauen Ermittelung des 
durchschnittlichen Schmelzverlustes erforderlich gewesen wäre ; 
von einigen konnten sogar nur gewöhnliche Handstücke ange- 
wendet werden. Besonders beim rothen Gneuse dürfte dies die 
Genauigkeit beeinträchtigen , da die in ihm auftretenden Quarz- 
schnüre nicht selten unregelmässig vertheilt zu sein pflegen. 
Dennoch kommt unter den angeführten 27 Proben kein einziger 
Fall vor, wo die Entscheidung zwischen grauem und rothem 
Gneus zweifelhaft bliebe. 

Fast sämmtliche 27 Gesteine weichen in ihrem äusseren 
Charakter von dem des normalen grauen und rothen Gneuses 
ab ; manche in dem Grade, dass sich in Bezug auf Struktur und 
Farbe keine Zusammengehörigkeit mehr erkennen lässt. Hier- 
durch ist unsere Frage 3 jedenfalls in einem weiteren Umfange 
als zuvor beantwortet. 

In Betreff der Frage 4 lässt sich ein in allen Fällen stich- 



43 



haltiges, äusseres Unterscheidungs-Merkmal weder in der Struk- 
tur noch in der Farbe des Feldspaths oder Glimmers finden. 
Was die bisher gemachten Erfahrungen in dieser Beziehung als 
wenigstens in vielen Fällen gültig herausstellen, beschränkt sich 
auf das Folgende: 

Der graue G-neus, von der bei Analyse Ia angegebenen 
Beschaffenheit seiner Gemengtheile ist bisher fast nirgends mit 
entschiedenem granitischen Charakter angetroffen worden. Nur 
etwa der eigenthümliche, aber zweifelhafte Gneus (Schmelzpr. Ii) 
von Augustusberg könnte, unter den von uns untersuchten Va- 
rietäten, hiervon eine Ausnahme machen. Es tritt derselbe fer- 
ner, wie es scheint, niemals mit solcher Glimmerarmuth auf, wie 
solche bei den meisten rothen Gneusen Regel ist. 

Der rothe Gneus von der, Analyse IX angegebenen Be- 
schaffenheit seiner Gemengtheile besitzt häufig einen granitischen 
Charakter, zeigt sich mitunter selbst als ein wirklicher Granit 
ohne — wenigstens an Handstücken wahrzunehmende — Schicht- 
struktur. Glimmerarmuth und lichte Farbe des Glimmers zeich- 
net viele rothe Gneuse aus; doch kommen Ansnahmen hiervon 
vor. (Man sehe z. B. die rothen Gneuse der Schmelzproben 13, 
14, 20, 25). Wenn auch viele rothen Gneuse rothen und an- 
dere rothen und weissen Feldspath zugleich enthalten, so ergiebt 
sich doch aus angeführten Beschreibungen grauer und rotber 
Gneuse, wie oftmals dieses auf die Farbe des Feldspaths sich 
gründende Unterscheidungs-Merkmal trügerisch ist. 

Die Schmelzprobe bildet also jedenfalls eine höhere Instanz 
bei der Unterscheidung der Gneuse als der petrographische Cha- 
rakter. Dass man derselben dennoch keinen blinden Glauben 
schenken darf, sondern sie mit petrographischen und geognosti- 
schen Bestimmungen in Verbindung setzen muss , ist wohl von 
selbst einleuchtend. Letzteres dürfte auch sogar noch räthlich 
sein, wenn man sich durch eine genaue Bausch-Analyse die 
genaueste Einsicht in die chemische Constitution des betreffenden 
Gesteins verschafft hat. 

D. Die chemische Constitution eines mittleren 
Gneus es. 

Dass es ausser dem grauen (ältesten) und dem rothen (jün- 
geren) Gneuse im Sächsischen Erzgebirge mindestens noch einen 



44 



dritten, durch Altersstufe von beiden ersteren verschiedenen 
Gneus giebt. lässt sich sowohl durch geognostische Beobachtung 
als durch chemische Analyse erkennen. Obgleich der Nachweis 
durch specielle geognostische Daten nicht innerhalb der Gren- 
zen dieser Abhandlung liegt, sondern später in einer umfassen- 
den Arbeit von Herrn Obereinfahrer Mueller behandelt wer- 
den wird, so halte ich es doch für zweckmässige hier eine kleine 
geognostische Skizze einzuschalten, welche nicht blos bei jenem 
dritten — mittleren — Gneuse die geognostische Stellung 
einigermaassen erkennen lässt, sondern zugleich auch das geo- 
gnostische Verhältniss des grauen Gneuses zum rotheu deutlich 
vor Augen legt. 

Die betreffende, äusserst instruktive Localität — auf welche 
zuerst von Herrn Wappler , Factor der Königl. Mineralnieder- 
lage an der hiesigen Bergakademie, aufmerksam gemacht, und 
welche später von Herrn Prof. v. Cotta, Obereinfahrer Muel- 
ler und mir wiederholt besucht wurde — befindet sich am 
rechten Gehänge des Muldenthaies, lj geographische Meile in 
Nord von Freiberg, etwa 300 Lachter nördlich vom Mundloche 
des Michaelisstolln. Man sieht hier drei durchaus verschiedene, 
durch vollkommen scharfe Grenzen von einander getrennte 
Gneuse in der Art auftreten, wie es in der folgenden Figur an- 
nähernd dargestellt ist. Die untere Linie derselben zeigt den 
Spiegel der Mulde an ; unten links sind Anhäufungen von Schutt 
und Geröll sichtbar. 



45 



mm 

p 




46 



Mit diesem eigentümlichen petrographischen Charakter 
kommt der mittlere Gneus noch an verschiedenen andern Stel- 
len des sächsischen Erzgebirges vor , und hier in weit beträcht- 
licheren Massen. Allein es scheint, dass auch Gesteine von an- 
derer Beschaffenheit zu diesem mittleren Gneuse gehören, inso- 
weit sich dies durch ihre ähnliche chemische Constitution ent- 
scheiden lässt. Wir ersehen das Nähere aus nachfolgenden 
Analysen. 





XIIL 


XIV. 


XV. 


XVI. 


Kieselsäure 


68,89 


70,20 


69,70 


71,42 


Titansäure 


0,52 


0,72 


0,45 


0,94 


Thonerde 


12,74 


14,04 


13,25 


11,30 


Eisenoxydul 


6,74 


6,84 


7,15 


4,23 


Manganoxydul 


Spur 




0,40 


0,48 


Kalkerde 


2,61 


2,03 


2,24 


3,02 


Magnesia 


2,44 


0,80 


0,68 


1,07 


Kali 


2,23 


2,98 


4,01 


3,54 


Natron 


2,00 


0,91 


1,30 


2,89 


Wasser 


1,36 


1,67 


1,10 


1,40 


Summa 


99,53 


100,19 


100,28 


100,29 



Die Analysen XIII und XVI hat Dr. Rube ausgeführt. 
Die Analyse XIV ist von Herrn Hüttenamts-Candidaten Kropp 
und die Analyse XV von Herrn Hüttenamts-Candidaten MEß- 
BACH in meinem Laboratorium angestellt worden. 

Zu den Analysen XIV und XV wurden bloss grössere 
Handstücke angewendet. Die gefundenen Titansäuremengen 
dürften bei sämmtlichen Analysen einer kleinen Correction be- 
dürfen. 

Aus diesen Gründen können die Analysen XIV und XV 
nur Resultate von annähernder Wahrheit bieten. Die sich erge- 
benden Sauerstoffverhältnisse sind: 

Si + Ti : E + (R) 

XIII = 35,98 : 10,48 = 4 : 1,16 

XIV = 36,73 : 10,22 = 4 : 1,11 

XV = 36,42 : 10,12 = 4 : 1,11 

XVI 37,46 = 9,37 =? 4 : 1,00 



47 



Ob der mittlere Gliens genau ein Sauerstoffverhältniss von 
4 : 1 besitzt, ist einstweilen nicht ausgemacht. Eine Annähe- 
rung an dasselbe lässt sich aber jedenfalls aus obigen Analysen 
erkennen. 

Ueber die Fundorte und petrographische Beschaffenheit der 
analysirten mittleren Gneuse ist Folgendes zu bemerken. 

XIII. Mittlerer Gneus, aus der Nähe des Michaelisstolln- 
Mundloches auf dem rechten Muldenufer, etwa 313 
Lachter in Südwest von der durch die obige geo- 
gnostische Skizze dargestellten Localität. Er kommt 
hier in mächtigerer Masse vor und zeigt sich von dem 
Gneuse M M dadurch etwas verschieden, dass er nicht 
ganz so feinkörnig und granitisch ist. Sowohl Parallel- 
Struktur als Glimmerschüppchen lassen sich darin deut- 
lich erkennen. 

XIV. Mittlerer Gneus (feinkörniger Lengefelder 
Gneus) von der Anhöhe südlich vom Himmelschlüs- 
3elstolln, zwischen Seiffen und Heidelberg. Fast ganz 
von der Beschaffenheit des vorigen, nur mit etwas we- 
niger deutlicher Parallelstruktur ; also dem Gneuse M M 
noch ähnlicher. 

XV. Langstän glich er Reifländer Gneus, an der Strasse 
zwischen Reif'land und Lippersdorf anstehend. Aus ab- 
wechselnden dünnen — zum Theil papierdünnen — 
bräunlich grauen und weissen Lagen zusammengesetzt, 
wodurch das Gestein auf Bruchflächen , welche die 
Schichtebene mehr oder weniger überschneiden, eine so- 
genannte „langstängliche" Beschaffenheit zeigt. Die 
bräunlich grauen Lagen erinnern durch Farbe und Fein- 
körnigkeit entschieden an einen mittleren Gneus von 
der Art der beiden vorigen. Die weissen Lagen be- 
stehen aus feinkörnig krystallinischem Feldspath. Der 
Quarz scheint sich weniger in diesen, sondern vorzugs- 
weise in ersteren ausgeschieden zu haben. 
XVI. Granit von Bobritzsch. Ziemlich grobkörnig, ohne 
Spur einer Parallelstruktur. Weisser und röthlicher 
Feldspath mit grauweissem Quarz bilden seine Haupt- 
masse, worin schwarzer Glimmer in kleinen Blättchen 
nur untergeordnet auftritt. Der Feldspath erscheint 



48 



theits orthoklastisch , theils plagioklastisch. Wenigstens 
zeigen einige Feldspatlipartien auf ihren Bruchflächen 
sehr deutliche Parallelstreifung. 

Alle diese Gneuse ergaben bei der Schmelzprobe mit koh- 
lensaurem Natron einen Schmelzverlust von annähernd 70 Pro- 
cent. Beim mittleren Gneus M M (s. die obige geognostische 
Skizze) betrug dieser Verlust 69,4 Procent. Ausserdem schei- 
nen noch ein Paar andere Gesteine in Folge ihrer Schmelzver- 
verluste zum mittleren Gneuse gerechnet werden zu müssen. 
Zunächst ein Gestein, welches schon durch sein Aeusseres fast 
identisch mit dem Gneus M M erscheint. Es kommt zwischen 
Mulde und Dorf Chemnitz in grösserer Verbreitung vor und gab 
einen Schmelzverlust von 69,5 Procent. Dann ein ziemlich grob- 
körniger, granitischer Gneus (Gneus-Granit) mit röthlichem Feld- 
spath und schwärzlichem Glimmer von Ober-Reinsberg mit 
einem Schmelzverlust von 70,4 Procent. 

In diesen Thatsachen besteht einstweilen die Auskunft, 
welche chemischerseits über den mittleren Gneus gegeben wer- 
den kann. Wenn dieselbe auch unzureichend ist, die chemische 
Constitution dieses Gesteins so genau zu erkennen , wie dies 
beim grauen und rothen Gneus geschehen konnte , so verbürgt 
sie doch jedenfalls seine Existenz, wodurch unsere Frage 7 we- 
nigstens theilweise beantwortet wird. 

Eine ausführlichere Beantwortung, welche noch viele Unter- 
suchungen beanspruchen dürfte, musste ausgesetzt bleiben, wenn 
ich die vollständige Publication der in Betreff des grauen und 
rothen Gneuses gesammelten Erfahrungen nicht noch länger ver- 
schieben wollte. 

Indem wir die chemische Constitution des mittleren Gneu- 
ses an die des grauen und rothen reiheten, haben wir die "Fra- 
gen 5 und 6 über die Natur des in letzteren beiden Gneusen 
auftretenden Feldspathes und Glimmers übersprungen. In den 
beiden folgenden Abschnitten gelangen diese Fragen nachträg- 
lich zur Beantwortung, soweit sich eine solche bisher ermögli- 
chen liess. 



49 



E. Die chemische Constitution der Feldspäthe im 
grauen und rothen Gneuse. 

Da es nur selten glückt in diesen Gneusen Feldspathpar- 
tien von der erforderlichen Reinheit zu finden, so war es un- 
tunlich , den zu jeder der oben angeführten Gesteinsanalysen 
I bis XII gehörigen Feldspath zu analysiren. Doch beziehen 
sich die folgenden Analysen wenigstens auf Feldspäthe, welche 
theils aus grauen, theils aus rothen Gneusen entnommen sind. 



Feldspäthe aus dem 


g rauen 


Gneus. 




A. Vll. 


YVTTT 
A. V III. 


YTY 


Kieselsaure 


00,<c2 


00,/ / 


O0,lo 


lnonerde 


4 Ü 4 9 

iy, io 


18,33 


4 O *7(\ 

iö,/y 


Eisenoxyd 


Spur 


Spur 


Spur 


Kalkerae 


4 4 n 
1,1U 


0,67 


0,77 


Magnesia 


U,<t 1 


C\ 4 A 
U,ll 


A A O 


Kali 


12,33 


1 ö,Oo 


4 9 4 p» 


Natron 


1,01 


0,77 


1,37 


Wasser 


0,09 


0,25 


0,17 


Summa 


100,09 


99,78 


98,81 




XX. 


XXI. 


XXII. 


Kieselsäure 


64,53 


65,82 


66,99 


Thonerde 


17,96 


17,82 


18,40 


Eisenoxyd *) 


(1,31) 


1,37 


0,76 


Manganoxydul 


Spur 


Spur 




Kalkerde 


0,72 


1,15 


0,90 


Magnesia 


Spur 


0,57 


0,21 


Kali 


14,90 


11,35 


0,74 


Natron 


Spur 


2,14 


12,10 


Wasser 


0,45 


0,11 




Summa 


99,87 


100,33 


100,10 



Die Analysen XVII bis XXI führte Prof. Richter aus, 
die Analyse XXII ist von Dr. Rübe. 

Fundorte und mineralogischer Charakter dieser Feldspäthe 
sind die folgenden: 



*) Mechanisch eingemengt, wenigstens zum grösste.n Theil. 
Zeit*, d. d. geol. Ges. XIV. 1. 4 



50 



XVII. Weisser Orthoklas aus dem grauen Gneus von 
der Grube Himmelfahrt, Abrahamschacht. Es ist dies 
derselbe Gneus , dessen chemische Constitution Analyse 
IV angiebt ; doch stammt er aus keiner so bedeutenden 
Teufe. 

XVIII. Weisser Orthoklas aus demselben Gneuse, von der 
Halde der vorgenannten Grube entnommen. Er bildete 
eine kleine Ausscheidung in diesem Gneuse. 

XIX. Weisser Orthoklas aus dem grauen Gneus der 
Grube Himmelfahrt, Davidschacht. 

XX. Rother Orthoklas aus dem grauen Gneus von Glas- 
hütte. 

XXI. Rö thlicher ^Orthok las aus dem grauen Gneus (?) 
vom Schieferleither Tiefen Erbstolln auf dem Hoffnung 
Morgengange, zwischen den Jahrestafeln 1845 und 1846. 

XXII. Weisser plagioklastischer Feldspath aus dem 
Drehfelder Gneus (von der chemischen Constitution wie 
Analyse VIII angiebt) vom 3 ten Lichtloche des Roth- 
schönberger Stölln bei Reinsberg. In etwa nussgrossen 
(augenartigen) Ausscheidungen hierselbst vorkommend. 
Herr Obereinfahrer Mueller betrachtet diesen Feld- 
spath als den vorherrschenden im Drehfelder Gneuse; 
einen orthoklastischen als den untergeordneten. Ersterer ist 
theils graulich, theils gelblich weiss, mitunter fast rein 
weiss; nicht aber von röthlicher bis fleischrother Farbe, 
mit welcher der Orthoklas aufzutreten pflegt. Jedoch 
sind alle auf Farbe begründeten Unterschiede bei den 
Feldspäthen — wie bei den Gneusen selbst — sehr un- 
sicher, weshalb ich auch in diesem Falle keinen beson- 
deren Werth darauf lege. Der plagioklastische Feldspath 
zeigt die charakteristische Zwillingsstreifung nicht häufig, 
stellenweise unverkennbar. Sein spec. Gewicht ist nach 
Herrn Bergrath Breithaupt'» Bestimmung = 2,61. 

Als Sauerstoff-Proportionen dieser Feldspäthe ergaben sich 
aus den angeführten Analysen die folgenden Zahlenwerthe. 



51 





si 


: R 


: R 








XVII 


= 34,38 


: 8,94 


: 2,74 = 


11,54 


: 3 


: 0,92 


XVIII 


= 34,15 


: 8,57 


: 2,76 = 


11,96 


: 3 


: 0,97 


XIX 


= 33,82 


: 8,76 


: 2,80 == 


11,58 


: 3 


: 0,96 


XX 


= 33,51 


: 8,39 


: 2,73 = 


12,00 


: 3 


: 0,98 


XXI 


= 34,17 


: 8,73 


: 3,00 = 


11,78 


: 3 


: 1,03 


XXII 


= 34,78 


: 8,83 


: 3,57 = 


11,82 


: 3 


: 1,21 



Die Feldspäthe XVII, XIX bis XXI waren sehr schwierig 
von eingemengtem Quarz, noch schwieriger aber von Glimmer- 
schüppchen zu befreien. Berücksichtigt man , dass trotz ange- 
wandter Sorgfalt kleine Mengen dieser Verunreinigungen zu- 
rückgeblieben sein mögen, so können die fünf ersten die- 
ser Sauerstoff - Proportionen wohl unbedenklich mit dem Ver- 
hältniss 12 : 3 : 1 als identisch, und die betreffenden Feldspäthe 
als normale Orthoklase betrachtet werden. Alle sind etwas na- 
tronhaltig; der natronreichste, XXI, enthält jedoch nicht mehr 
als 2,14 Procent Natron. 

Anders verhält es sich mit dem Feldspath XXII. Unzwei- 
felhaft ist er ein p la gioklastisch er Natr onf eldspath ; 
zweifelhaft bleibt jedoch die ihm zukommende chemische Formel. 
Sein Sauerstoffverhältniss nähert sich den Proportionen 10:2-^:1, 
denn 

gefunden 34,78 : 8,83 : 3,57 

berechnet 34,78 : 8,70 : 3,48 = 10:2,5:1 

Es entspricht dies aber keiner bekannten Feldspathformel. 
Ob fremdartige Einmengungen oder andere Umstände hieran 
Schuld sind, kann erst durch wiederholte Untersuchungen ent- 
schieden werden. 

Verwandt mit diesem plagioklastischen Natronfeldspath des 
Drehfelder Gneuses dürfte ein früher von Kersten (Erdmann's 
Journal für praktische Chemie, Bd. 37, S. 173 und 174) analy- 
sirter Feldspath sein aus dem grauen Gneuse vom Hauptum- 
bruche des Alten Tiefen Fürstenstolln. Sein spec. Gewicht fand 
Breithaupt = 2,625*) und seine Zusammensetzung ist nach 
Kersten : 



*) Plagioklastische Feldspäthe (theils rothe, theils weisse) vom spec. 
Gewicht = 2,62 kommen nach Bbeithaupt auch zu Siebenlehn und bei 
Borstendorf vor. 

4* 



52 







Säuerst. 


Kieselsäure 


67,92 


35,26 


Thonerde 


18,50 


8,65 


Eisenoxyd 


0,50 


0,15 


TT" "IT J _ 

Kalkerae 


A AR 

0,öD 


0,24 


Magnesia 


0,42 


0,17 


Kali 


2,55 


0,43 | 


Natron 


8,01 


2,05 ) 




98,75 





8,80 
2,89 . 



Das gefundene Sauerstoffverhältniss 
35,26 : 8,80 : 2,89 
berechnet 35,26 : 8,82 : 2,94 = 12 : 3 : 1 

weist unverkennbar daraufhin, dass wir hiermit einem etwas 
kalihaltigen Albit zu thun haben. Dies bedarf aber wohl noch 
der weiteren Bestätigung, da nach G. Rose's Beobachtungen 
Albite als Gemengtheile krystallinischer Gebirgsarten nicht oder 
doch jedenfalls nur sehr selten auftreten. 

Dass auch weniger kieselsäurereiche und dabei natronhaltige, 
plagioklastische Feldspäthe im Freiberger grauen Gneus vorkom- 
men, wurde ebenfalls bereits von Kersten (loc. cit. S. 173) 
gezeigt, der auch einen Oligoklas (mit 7,24 Procent Natron 
und 2,42 Procent Kali), vom Hauptumbruche des Alten Tiefen 
Fürstenstolln, analysirte. 

Beide Kersten 'sehe Analysen beziehen sich auf kleine Eeld- 
spathausscheidungen , wie man mitunter im grauen Gneuse an- 
trifft. Aber auch mitten im Gneuse von ganz normaler Struk- 
tur gewahrt man zuweilen vereinzelte Feldspathkörnchen mit 
unter der Loupe erkennbarer Zwillingsstreifung. 

Als Haupt - Resultat unserer Feldspath - Untersuchungen 
dürfte sich also ergeben, dass im grauen Gneuse vorzugsweise 
der gewöhnliche Orthoklas heimisch ist, dass aber untergeordnet 
darin auch natronhaltige bis natronreiche, plagioklastische Feld- 
späthe vorkommen, ja dass diese in gewissen Varietäten des 
grauen Gneuses, wie z. B. im Drehfelder Gneus, zu grösserer 
Bedeutung gelangen. 



53 



Feldspäthe aus dem rothen Gneus. 

Die Vorbemerkung, welche bei den vorigen Feldspäthen ge- 
macht wurde, gilt auch hier ; doch nicht ganz im gleichen Maasse, 
da die rothen Gneuse beträchtlich glimmerärmer sind. Allein 
die Feinschuppigkeit und die lichte Farbe, welche diesen Glim- 
mern eigentümlich zu sein pflegen, erschweren andererseits wie- 
der die Erlangung ganz reinen Feldspathes zur Analyse. So- 
mit können die analytischen Resultate auch bei den folgenden 
Feldspäthen nur als annähernde betrachtet werden. 





XXIII. 


XXIV. 


XXV. 


XXVI. 


Kieselsäure 


65,00 


65,10 


66,21 


66,69 


Thonerde 


18,76 


17,41 


18,01 


18,44 


Eisenoxyd 


0,82 


1,03 


1,37 


1,28 


Kalkerde 


0,32 


0,52 


0,98 


0,85 


Magnesia 


0,10 


0,15 


0,13 


0,34 


Kali 


13,99 


13,21 


8,99 


7,48 


Natron 


0,66 


2,23 


3,87 


4,28 


Wasser 


0,22 


0,39 


0,19 




Summa 


99,87 


100,04 


99,75 


99,36 



Die ersten drei Analysen sind von Prof. Richter, die 
vierte ist von Dr. Rube ausgeführt. 

XXIII. Weisser Orthoklas aus dem rothen Gneus der 
Gegend zwischen Leubsdorf und Eppendorf (siehe die 
Gneusanalyse XI). 

XXIV. Roth Ii ch er Orthoklas des rothen Gneuses aus dem 
Wittigschachte bei Churprinz. 

XXV. Röthlicher Orthoklas des rothen Gneuses von 
Emanuel Erbstolln, aus der fünften Gezeugstreckensohle 
des Kunst- und Treibeschachtes. Dieser und der vo- 
rige Gneus tragen den Charakter des gewöhnlichen 
rothen Gneuses (IX und X) an sich. 

XXVI. Rö th Ii ch er Feldspath aus grobkörnigem, granitar- 
tigem, rothem Gneus von Hartha (im untern Theile von 
Hartha, zwischen der Frankenberger Strasse und dem 
Bache — No. 13 — in einem kleinen Steinbruche). 
Bei der Schmelzprobe mit kohlensaurem Natron ergab 



54 



dieses Gestein einen Schmelz verlnst von 74,6 Procent. 
Wie in vielen rothen Gneusen, z. B. in dem von Leubs- 
dorf und Eppendorf (XXIII) kommen darin zwei an- 
scheinend verschiedene Feldspäthe vor, ein röthlicher 
( fleischrother ) und ein weisser. Während aber im 
Gneuse von Leubsdorf und Eppendorf der weisse Feld- 
spath überwiegend auftritt, ist dies im Gneuse von Har- 
tha mit dem röthlichen der Fall. 

Die den Analysen entsprechenden Sauerstoff - Verhältnisse 

sind: 

Si : § : R 

XXIII = 33,75 : 9,01 : 2,68 == 11,24 : 3 : 0,89 

XXIV = 33,80 : 8,45 : 3.02 = 12,00 : 3 : 1,07 

XXV = 34,37 : 8,83 : 2,84 = 11,68 : 3 : 0,96 

XXVI == 34,62 : 9,00 : 2,75 == 11,54 : 3 : 0,92 

Mithin besitzen diese sämmtlichen Feldspäthe, wie sich auch 
bei dem Quarzreichthum des rothen Gneuses kaum anders er- 
warten Hess, das Sauerstoff - Verhältniss des Orthoklases 
= 12 : 3 : 1. Nur der verschiedene Natrongehalt derselben be- 
dingt Unterschiede. Während der weisse Orthoklas XXIII nur 
0,66 Procent Natron enthält, ist der Natrongehalt im röthlichen 
Feldspath XXVI bis auf 4,28 Procent gestiegen. Letzterer 
Natrongehalt entspricht — bei einem Kaligehalte von 7,48 Pro- 
cent — fast 1 Atom Natron auf 1 Atom Kali. Ob dieser Feld- 
spath plagioklastisch sei, liess sich nicht durch Zwillingsstreifung 
entscheiden, da sie an keinem der untersuchten Stücke zu beob- 
achten war. — 

Nach den hier angeführten Feldspath- Analysen dürfte we- 
nigstens so viel feststehen, dass Orthoklase mit mehr oder 
weniger Natrongehalt, sowohl im grauen als im ro- 
then Gneuse, die bei weitem vorherrschenden Feld- 
späthe sind, dass aber untergeordnet — stellenweise selbst 
zu grösserer Bedeutung entwickelt — im grauen Gneuse 
natronhaltige bis natronreiche, plagioklastische 
Feldspäthe vorkommen, welche theils Albite (?) theils 
Oligoklase zu sein scheinen. Die wahre Natur des plagio- 
klastischen Natronfeldspathes XXII, wenn sie auch noch zwei- 



55 



felhaft bleibt, kann sich hiervon wohl nicht erheblich entfernen. 
Obgleich im rothen Gneuse mit Sicherheit bisher keine plagio- 
klastischen Feldspäthe beobachtet wurden, so schliesst dies na- 
türlich die Möglichkeit eines solchen Vorkommens nicht aus. 

F. Die chemische Constitution der Glimmer im 
grauen und rothen Gneuse. 

Da die Feldspäthe des grauen und rothen Gneuses, wie im 
vorhergehenden Abschnitte gezeigt wurde, im Allgemeinen keine 
charackteristischen äusseren Merkmale zur Unterscheidung bei- 
der Gneuse darbieten, so bleibt in dieser Beziehung unsere letzte 
Hoffnung auf die Glimmer gerichtet. Zunächst drängt sich hier 
die Frage auf, ob diese Glimmer optisch verschieden 
seien, in welchem Falle, wenigstens zum Zwecke blosser Un- 
terscheidung, ihre chemische Zerlegung nicht unbedingt nothwen- 
dig gewesen wäre. Es muss aber diese Frage, soweit sie bisher 
erörtert werden konnte, verneint werden. Mindestens Hessen sich 
keine so erheblichen optischen Unterschiede bemerken, dass sich 
darin ein nur einigermassen brauchbares Unterscheidungsmittel dar- 
böte. Man wird dies aus dem optischen Verhalten — in Bezug auf 
Ein- und Zweiaxigkeit — ersehen, welches die folgenden Glim- 
mer zeigten. In den betreffenden Untersuchungen , mittelst der 
AMici'schen Vorrichtung wurde ich von meinem hochverehrten 
Freunde Herrn Oberbergrath Reich bereitwilligst unterstützt. 

Eine zur chemischen Analyse hinreichende Menge reinen 
Glimmers auszusuchen, ist bei beiden Gneusen nur möglich, wenn 
man Gneusstücke dazu verwendet, in welchen aussergewöhnliche 
Glimmeranhäufungen vorkommen. Solche Stücke sind aber 
äusserst selten zu erlangen. Herrn Obereinfahrer Mueller's 
und meinen vereinten Bestrebungen ist es daher nur gelungen, 
Material zu den folgenden Analysen zu sammeln. — Alle diese 
Glimmer sind vollkommen frei von einem Fluorgehalte, was die 
genaue Ermittelung ihrer procentischen Zusammensetzung erheb- 
lich erleichterte. 

Auf die genaue Bestimmung aller in diesen Glimmern ent- 
haltenen Bestandtheile wurde die grösstmöglichste Sorgfalt ver- 
wendet. Ueber die mehrfach geprüfte und zu sehr scharfen 
Resultaten führende Methode der Eisenoxydul-Bestimmung habe 



56 



ich mich früher*) ausgesprochen. Der von mir angewendeten 
analytischen Methoden zur Bestimmung der übrigen Bestand- 
teile habe ich theils Eingangs dieser Abhandlung, theils bei 
meiner Arbeit über Epidote und Idokrase**) gedacht. 

Glimmer aus dem grauen Gneus. 

Es mögen hier zunächst die Analysen zweier Glimmer von 
verschiedener Fundstätte, aber von nahe übereinstimmender che- 
mischer Zusammensetzung ihren Platz finden : 



XXVII. XXVIII. 



Kieselsäure 


37,50 


36,89 


Titansäure 


3,06 


3,16 


Thonerde 


17,87 


15,00 


Eisenoxyd 


12,93 


16,29 


Eisenoxydul 


9,95 


6,95 


Manganoxydul 


0,20 




Kalkerde 


0,45 


1,75 


Magnesia 


10,15 


9,65 


Kali 


0,83 


6,06 


Natron 


3,00 




Wasser 


3,48 


4,40 



Summa 99,42 100,15 



XXVII. Schwarzer Glimmer aus dem grauen Gneuse zwi- 
schen Kleinwaltersdorf und Freiberg. Der Gneus ist hier 
weit und breit ein vollkommen normaler, ganz von dem Ty- 
pus der grauen Gneuse I bis IV. Der Glimmer erscheint 
im darauf fallenden Lichte rabenschwarz, wenn er nicht 
in sehr dünnen Lamellen vorhanden ist; im letzteren 
Falle broncebraun. Durchfallendes Licht zeigt ihn mehr 
oder weniger intensiv braun, je nach der Dicke der 
Blättchen. Nach älterer Art der Untersuchung — zwi- 
schen Turmalinplatten unter dem Mikroskop — würde 
dieser Glimmer als ein optisch einaxiger betrachtet 
worden sein. Durch die AMici'sche Vorrichtung giebt 



*) Abhandl. d. k. Gesellsch. d. Wissensch, zu Leipzig, math.-phys. 
Klasse. S. 166 bis 168. 1858. 

**) Poggend. Ann. Bd. 95. S. 497 bis 533. 



57 



er sich jedoch als ein optisch zweiaxiger zu erkennen, 
wenn auch mit sehr geringem scheinbarem Neigungs- 
winkel seiner optischen Axen. Ein Apparat zum 
genauen Messen dieses Winkels stand nicht zu Gebote. 
— Der Glimmer wurde von mir analysirt. 
XX VIII. Schwarzer Glimmer aus dem grauen Gneuse 
zwischen Freiberg und dem Richtschachte von Reiche 
Zeche. Sowohl in Betreff des Gneuses als der äusse- 
ren Eigenschaften dieses Glimmers gilt dasselbe wie 
beim vorigen Glimmer , dessen dunkelschwarze Farbe 
vielleicht nicht ganz von diesem erreicht wird. Auch 
im optischen Verhalten gab sich kein erheblicher Un- 
terschied zu erkennen , wiewohl es den Anschein hatte, 
als nähere sich dieser Glimmer einem optischen einaxi- 
gen noch mehr als der vorige, was jedoch auf Täuschung 
beruhen kann. — Wurde von Dr. Rube analysirt. 

Folgende Sauerstoffmengen entsprechen den Gewichtsprocen- 
ten der durch beide Analysen gefundenen Bestandtheile : 





XXVII. 




XXVIII. 




Sauerstoff : 




Sauerstoff : 


Kieselsäure 


19,47 j 


20,69 


19,15 j 


Titansäure 


1,22 i 


1,26 i 


Thonerde 


8,36 J 


12,24 


7,01 j 


Eisenoxyd 


3,88 S 


4,89 j 


Eisenoxydul 


2,21 




1,54 


Manganoxydul 


- 0,04 j 






Kalkerde 


0,13 1 




0,50 f 


Magnesia 


4,06 \ 


8,38 


3,86 > 


Kali 


0,14 j 




1,02 1 


Natron 


0,77 I 






Wasser 


1,03*)' 




1,30**)' 



20,41 
11,90 



*) Dies ist der Sauerstoff des als Base in Rechnung gebrachten 
Wassers — 3 H vertretend iß - also der 3te Theil des in den 
3,48 Procent Wasser vorhandenen Sauerstoffs = £ x 3,09. 
**) Ebenfalls i X 3,90 = 1,30. 



58 



Hieraus ergeben sich zunächst die Sauerstoff- Verhältnisse : 

Si + Ti:R+(R) 

XXVII = 20,69 : 20,62 
berechnet 20,69 : 20,69 = 1 : 1 . 

XXVIII = 20,41 : 20,12 = i (a) 
berechnet 20,41 : 20,41 = 1:1 ) 

ferner die Sauerstoff- Verhältnisse: 

R : (R) 

XXVII = 12,24 : 8,38 
berechnet 12,24 : 8,16 = 3 : 2 i 

XXVIII = 11,90 : 8,22 > (b) 
berechnet 11,90 : 7,93 = 3:2 ) 

In beiden Glimmern sind also die Sauerstoff- Verhältnisse 
von derselben einfachen Beschaffenheit. 

Zufolge des Sauerstoff- Verhältnisses (a) ist die Summe des 
Sauerstoffs in den Säuren gleich der Summe des Sauerstoffs in 
den Basen, was sich durch das al 1 gern ein e Formel-Schema 

[(R)\ R] Si (1) 

ausdrücken lässt, wobei die eine entsprechende Menge Kiesel- 
säure vertretende Titansäure als Kieselsäure in Rechnung ge- 
bracht ist. 

Dieses Formel-Schema wird zu einem speciellen durch 
das Sauerstoff- Verhältniss (b), nach welchem R : (R) =3:2, 
entsprechend einem Atom verhältniss von R : (R) = 3:6, 
und folglich von R : (R) 3 =3:2. 

Die chemische Constitution unserer beiden Glimmer lässt 
sich also ausdrücken durch 

[m(R)% nR] Si (2) 

mit den Bedingungsgleichungen 

m = 2 
n = 3 

welche zusammen das. bestimmte Formel-Schema bilden. 



59 



Eine chemische (oder mineralogische) Formel von ge- 
wöhnlicher Art lässt sich leicht hieraus ableiten, wenn wir die 
Werthe von m und n in obiges Schema einführen. 

[2 (R) 8 , 3 R] Si 

= 2 (R) 3 Si + 3 R Si (3) 

Die Uebereinstimmung dieser Formel mit den Resultaten der 
Analysen ergiebt sich leicht. Die Formel erfordert ein Sauer- 
stoffverhältniss von Si : R : (R) = 15 : 9 : 6 =5:3:2, 
welches mit den durch die Analysen gefundenen Sauerstoffver- 
hältnissen zu vergleichen ist. 

Sauerstoff: Si,Ti : R : (R) 

XXVII, gefunden = 20,69 : 1 2,24 : 8,38 

berechnet = 20,69 : 12,41 : 8,28 = 5:3:2 

XXVIII, gefunden = 20,41 : 11,90 : 8,22 

berechnet = 20,4 1 : 12,25 : 8,16 = 5 : 3 : 2 

Dass es in gewisser Beziehung von Wichtigkeit ist, in sol- 
cher Weise zwischen 1. allgemeinem F or m el- S ch ema, 
2. bestimmtem Formel-Schema und 3, chemischer 
Formel zu unterscheiden, wird sich bei einigen der folgenden 
Glimmer ergeben. 

Nicht in jedem grauen Gneuse, auch wenn er normal er- 
scheint, hat der schwarze Glimmer genau die chemische Consti- 
tution der beiden vorhergehenden. Dies erhellt aus folgenden 
analytischen Resultaten, welche sich auf einen solchen Glimmer 
von einem dritten Fundorte beziehen. Die Analyse XXIX, a 
wurde in meinem Laboratorium von Herrn Dr. Keibel (jetzi- 
gem Docenten an der Berliner Bergakademie^, unter theilweiser 
Anwendung der analytischen Methode von St. Claire-Devilxe, 
unternommen. Die Analyse XXIX, b ist von mir nach der ge- 
wöhnlichen Methode ausgeführt worden. 



60 



XXIX, a. XXIX, b. 



Kieselsäure 


37,06 


37,18 


Titansäure *) 


3,64 


2,47 


Thonerde 


16,78 


17,53 


Eisenoxyd 


6,07 


6,20 


Eisenoxydul 


15,37 


15,35**) 


Man ganoxydul 


Spur 


0,31 


Kalkerde 


0,57 


0,79 


Magnesia 


9,02 


9,05 


Kali 


5,96 


5,14 


Natron 


2,86 


2,93 


Wasser 


3,77 


3,62 


Summa 


101,10 


100,57 



XXIX, a, b. Schwarzer Glimmer aus dem grauen Gneuse 
von der Grube Beschert Glück bei dem Städtchen Brand, 
I" Meilen von Freiberg. In seiner Struktur ist dieser 
Gneus dadurch vom normalen grauen Gneuse etwas ver- 
schieden, dass der Glimmer nicht zu grösseren Flasern 
verbunden, sondern mehr schuppig vertheilt auftritt. 
Der Glimmer, im frischen Zustande, gleicht vollkommen 
den beiden vorhergehenden Glimmern, auch in seinem 
optischen Verhalten ; unterscheidet sich aber von diesen 
in seinem verwitterten Zustande und durch den Grad 
der Verwitterbarkeit. Während der Glimmer des ge- 
wöhnlichen Freiberger Gneuses den atmosphärischen 
Einflüssen ausserordentlich gut widersteht und dicht un- 
ter der Gesteinsoberfläche vollkommen frisch angetroffen 
zu werden pflegt, scheint der Glimmer dieses Gneuses 
der Brander Gegend früher matt zu werden, wenigstens 
an seiner Oberfläche. Wesentlicher noch als dieser Un- 



*) Diese Titansäure war dunkelbraun, in grösseren Stücken fast 
schwarz, was von einer beträchtlichen Verunreinigung durch Eisenoxyd 
herrührte. Auch Thonerde war darin enthalten. 

**) Bei zwei andern Oxydul -Bestimmungen dieses Glimmers erhielt 
ich 15,19 und 15,43 Procent Eisenoxydul, so dass das Mittel aller vier 
Bestimmungen = 15,34 ist Auch bei den anderen Glimmern sind die 
angegebenen Eisenoxydul- Geh alte aus solchen nahe übereinstimmenden 
Resultaten entnommen. 



61 



terschied, der natürlich mehr oder weniger auf Täuschung 
beruhen kann und jedenfalls nicht scharf zu nennen ist, 
gilt uns die rostrothe Farbe seiner verwitterten Masse, 
eine Farbe, welche dieser Gneus an seiner ganzen Ober- 
fläche zeigt. Sogar bis ziemlich tief in das compacte 
Gestein dringt sie in schwächeren Nuancen und benimmt 
dem Feldspath seine rein weisse Farbe, die er im Frei- 
berger Gneuse besitzt. Diese Erscheinungen deuten 
unverkennbar auf einen ungewöhnlich hohen Gehalt an 
Eisen oxydul, wie derselbe auch durch die Analysen 
nachgewiesen ist. Man vergleiche die Analysen XXVII 
und XXVIII mit XXIX, a, b. Zugleich ist durch die- 
ses Ueberhandnehmen des Eisenoxyduls der Gehalt an 
Eisenoxyd bedeutend herabgedrückt. 

Die folgenden Sauerstoffmengen und ihre Verhältnisse er- 
geben zu diesem Unterschiede aber einen noch wesentlicheren. 



XXIX, a. 
Sauerstoff. 



XXIX, b. 
Sauerstoff. 



Titansäure 

Thonerde 

Eisenoxyd 



Kieselsäure 



Eisenoxydul 
Manganoxydul 



19,24 
1,46 
7,85 
1,82 
3,42 




20,70 



9,67 



19,30 
0,99 
'8,20 
1,86 
3,41 
0,07 
0,23 
3,62 
0,87 
0,75 



20,29 



10,06 



Kalkerde 
Magnesia 



10,02 



Kali 

Natron 

Wasser 



Es folgen hieraus die Sauerstoffverhältnisse: 



Si + Ti:R + (R) 
XXIX, a = 20,70 : 19,72 j 
XXIX, b = 20,29 : 20,08 j 



1 : 1 



♦) | X 3,35 = 1,12. 
♦*) | x 3,22 = 1,07 



62 

und die Sauerstoffverhältnisse : 

& : (R) 
XXIX, a == 9,67 : 10,05 j _ 
XXIX,b = 10,06 : 10,02 ( ~ 1 : 1 
Durch dieses zweite Sauerstoffverhältniss = 1:1 unter- 
scheidet sich dieser Glimmer wesentlich von den beiden vorigen, 
bei denen das entsprechende Verhältniss = 3:2 war. 

In Folge hiervon wird das al lgeme i n e Fo rmei-S ch ema 
unseres Glimmers zwar dem der beiden vorigen gleich, 

[(B) s i BT'Si (1) 

nicht aber das bestimmte Formel - Sch ema 

[m(R)% n£] Si (2) 

m = 1 
n = 1 

Und ebenso wird die chemische Formel, welche sich 
hieraus ableiten lässt, eine andere als zuvor: 

(R) 3 Si + R Si (3) 

Es hat dieser Glimmer daher eine sehr einfache Zusammen- 
setzung, noch einfacher als die beiden vorigen, mit denen er aber 
durch gleiches allgemeines Formel-Schema in dieselbe Klasse 
gehört. 

Glimmer aus dem rothen Gneus. 

Aus dem Gebiete des rothen Gneuses ist es nur gelungen, 
von zwei benachbarten Localitäten Glimmerproben der erforder- 
lichen Beschaffenheit zu erhalten. Die erste der beiden folgen- 
den Analysen wurde von mir, die zweite von Dr. Rube aus- 
geführt. 



63 





XXX. 


ÄAAl. 


Kieselsäure 


50,77 


51,80 


Titansäure 


0,30 


— 


Thonerde 


26,29 


25,78 


Eisenoxyd 


3,28 


5,02 


Eisenoxydul 


3,60 


2,25 


Manganoxydul 




0,41 


Kalkerde 


U, 1 U 


U, co 


Magnesia 


0,89 


2,12 


Kali 


10,56 


6,66 


Natron 




1,22 


Wasser 


4,40 


4,79 




100,24 


100,33 



XXX. Lichter Glimmer aus dem rothen Gneuse von Gah- 
lenz — aus einem kleinen Steinbruche zwischen Gahlenz 
und dem Chausseehause von Hohenlinde , westlich von 
der Oederaner Strasse — etwa i~ Meile südlich von 
Freiberg. In dem hier herrschenden rothen Gneuse liegt 
dem Anschein nach eine Scholle von grauem Gneus, 
die aber wieder von rothem Gneus lagenförmig durch- 
setzt wird. Dass das Gestein , aus welchem die durch- 
setzenden Lagen bestehen, wirklich ein rother Gneus 
ist, ergiebt sich sowohl aus seinem petrographischen 
Charakter als durch die Schmelzprobe, welche einen 
Schmelzverlust von 74,1 Procent herausstellte. In dem- 
selben kommt der Glimmer stellenweise zu grösseren 
Partien ausgeschieden vor; er hat eine graugrüne bis 
graulichgrüne Farbe und lebhaften metallischen Glas- 
glanz. In dünneren Pailletten erscheint er natürlich lich- 
ter gefärbt, und in den dünnen Schüppchen, in welchen 
er gewöhnlich im rothen Gneuse vorzukommen pflegt, 
so licht, dass er fast silber weiss aussieht. Sein hoher 
Kaligehalt, verbunden mit geringem Magnesiagehalt und 
gänzlicher Abwesenheit des Natrons, Hessen optische 
Zweiaxigkeit vermuthen; allein die Untersuchung ergab 
ein ganz anderes Resultat. Derselbe ist fast vollkom- 
men laxig, jedenfalls mit noch unbedeutenderem 
scheinbarem Neigungswinkel der optischen Axen als 
beim schwarzen Glimmer des grauen Gneuses. 



64 



XXXI. Lichter Glimmer aus dem rothen Gneuse von Neu- 
hohelinde. Sowohl Gneus als Glimmer von ganz ähn- 
licher Beschaffenheit wie bei XXX. Ebenso ergab das 
optische Verhalten keinen bemerkbaren Unterschied vom 
vorhergehenden Glimmer. 

Dass beide Glimmer in der That nur durch relativ ver- 
schiedene Mengen isomorpher Bestandteile verschieden sind, 
zeigen die folgenden Sauerstoff- Verhältnisse : 





XXX. 




XXXI. 






Sauerstoff : 


Sauerstoff: 


Kieselsäure 


26,36 / _ , 
0,12 | 26 > 48 


26,89 


[ 26,89 


Titansäure 




Thonerde 
Eisenoxyd 


12,29 ) 
0,98 ! 


13,27 


12,06 
1,51 


13,57 


Eisenoxydul 


0,80 




0,59 *). 




Kalkerde 


0,04 j 




0,08 1 




Magnesia 
Kali 


0,36 1 
1,80 | 


> 4,30 


0,85 I 
1,13 j 


► 4,38 


Natron 






0,31 




Wasser 


1,30**) 




1,42***) 





Da beide Analysen fast identische Sauerstoff- Verhältnisse 
ergeben haben, so brauchen wir nur das eine derselben einer 
näheren Prüfung zu unterwerfen. Wir wählen hierzu das erstere. 

Si + Ti : £ + (R) 
gefunden 26,48 : 17,57 
berechnet 26,48 : 17,65 = 3:2 

£ : (R) 
gefunden 13,27 : 4,30 
berechnet 13,27 : 4,42 = 3 : 1 
Das allgemeine Formel-Schema ist hiernach: 

[<»)*, »]* si 3 (i) 



*) Inclus. 0,09 Sauerstoff vom Manganoxydul. 
**) | x 3,91 = 1,30. 
>**) i X 4,26 = 1,42. 



65 



Das bestimmte Formel-Schema: 

[m(R)% nR] 2 Si 3 (2) 

m =4 1 
n = 3 

und die chemische Formel: 

(ß) Si + R Si (3) 

Wie scharf die chemische Formel von einfachster Beschaf- 
fenheit mit den durch die Analyse ermittelten Sauerstoffverhält- 
nissen übereinstimmt, zeigt folgende Vergleichung. 

Si : R : (R) 
gefunden 26,48 : 13,27 : 4,30 
berechnet 26,48 : 13,24 : 4,41 = 6:3:1 
Diese Sauerstoff-Proportion 6:3:1 entspricht der Atom- 
Proportion 2:1:1. 

Glimmer aus Silicatgesteinen von zweifelhafter 
Beschaffenheit. 

Von zwei Fundorten erhielt ich grössere Mengen sehr aus- 
gezeichneter Glimmer, ohne dass sich bisher über die Gesteine 
selbst, worin diese Glimmer vorkommen, eine genaue Angabe 
machen Hess. Nur so viel steht fest, dass beide jedenfalls nicht 
zum grauen Gneuse gehören, sondern entweder rothe oder mitt- 
lere Gneuse sind. Der erste dieser Glimmer, XXXII, wurde 
von mir, der andere, XXXIII, wurde von Dr. Hube analysirt. 



XXXII. XXXIII. 



Kieselsäure 


47,84 


48,15 


Titansäure 


1,72 


0,99 


Thonerde 


29,98 


29,40 


Eisenoxyd 


2,91 


2,14 


Eisenoxydul 


1,12 


2,84 


Manganoxydul 


Spur 




Kalkerde 


0,05 


0,15 


Magnesia 


2,02 


2,84 


Kali 


9,48 


9,13 


Natron 






Wasser 


4,40 


4,60 


Summa 


99,52 


100,24 



Zeits. d. d. geol. Ges. XIV. i. 5 



66 



XXXII. Licht tombakbrauner Glimmer aus dem Gneuse 
vom Bar Flachen, Grube Himmelsfürst. Diesen Glim- 
mer, in ungewöhnlich grossen Massen von grossblättri- 
ger Beschaffenheit, hatte der verstorbene Obermarkschei- 
der Leschner vor mehreren Jahren von der genannten 
Localität mitgebracht und im Bergmännischen Verein zu 
Freiberg vorgezeigt. Der betreffende Theil dieser Grube 
ist aber seit einigen Jahren nicht mehr zugänglich , so 
dass über die Art des Gneuses nichts Näheres bestimmt 
werden konnte. Nach Herrn Obereinfahrer Mueller 
ist so viel als sicher anzunehmen, dass daselbst wenig- 
stens kein grauer Gneus ansteht. Was diesen Glimmer 
vor allen vorhergehenden auszeichnet, ist ein hoher Grad 
von optischer Zweiaxigkeit. Der scheinbare Neigungs- 
winkel seiner optischen Axen ist sehr beträchtlich , so 
dass dieser Glimmer auch nach der älteren unvollkomm- 
nen Methode der Untersuchung zu den entschieden zwei- 
axigen Glimmern (Muscovit, Phengit u. s. w.) gerechnet 
worden wäre, während hiernach die oben beschriebenen 
Glimmer des grauen und rothen Gneuses entschieden 
einaxige sein würden. 

XXXIII. Licht tombakbrauner Glimmer aus Granit 
vom Buchenberge, zwischen Borstendorf und Leubsdorf. 
Der Granit, welcher hier nicht anstehend, sondern in 
losen Blöcken gefunden wird, enthält ausserdem röthlichen 
und weissen Feldspath nebst Milchquarz. Der Glimmer 
ist etwas dunkler als der vorhergehende, doch im Ver- 
gleich zum gewöhnlichen Glimmer des grauen Gneuses 
licht zu nennen. Auch er ist durch optische Zwei- 
axigkeit ausgezeichnet. Doch hatte es den Anschein, 
als sei der scheinbare Neigungswinkel seiner optischen 
Axen etwas weniger gross als beim vorigen, allein nur in 
dem Maasse, dass ein Irrthum möglich ist. 

Auch die folgenden Sauerstoffmengen ergeben, gleich dem 
optischen Verhalten , eine nahe Verwandtschaft beider Glimmer, 
aber keine vollkommene Identität. 



67 





XXXII. 




xxxni. 






Sauerstoff: 




Sauerstoff: 




Kieselsäure 
Titansäure 


24,84 j 
0,69 1 




25,00 
0,40 


9f\ Aft 


Thonerde 
Eisenoxyd 


14,02 

0,87 


4 A ÖQ 

14, »y 


13,75 
0,64 


4 A QQ 


Eisenoxydul 


0,25 




0,63 ? 




Kalkerde 


0,01 | 




0,04 1 




Magnesia 
Kali 


0,81 1 
1,61 | 


► 3,98 


1,14 1 
1,55 1 


> 4,72 


Natron 










Wasser 


1,30*) 




1,36**), 





Es folgen daraus die Sauerstoff- Verhältnisse : 

Si+ti : R + (R) 
25,35 : 18,87 
25,53 : 19,15 = 4:3 
25,40 : 19,11 
25,40 : 19,05 = 4:3 



XXXII. 

berechnet 
XXXIII: 
berechnet 
und ferner: 



(a) 



R : (R) 

XXXII. == 14,89 : 3,89 
berechnet = 14,89 : 3,72 = 4:1 

XXXIII. m 14,39 : 4,72 
berechnet = 14,39 : 4,80 = 3:1 



00 



Die Sauerstoff- Verhältnisse (a) stimmen vollkommen mit 
einander überein , die Sauerstoff- Verhältnisse (b) sind aber ver- 
schieden. Daraus ergiebt sich Folgendes: 

Das allgemeine Formel - Schema für beide Glim- 
mer ist 

[(R)% R] s Si 4 (1) 

, Das bestimmte Formel-Schema dagegen ist verschie- 
den, nämlich: 

[m(R)% n&] 3 Si 4 — (2) 



*) | X 3,91 = 1,30. 
**) } x 4,09 = 1,36. 



5* 



68 



beim Glimmer XXXII. 




beim Glimmer XXXIII. 



Die chemischen Formeln, welche sich hieraus ableiten 
lassen, sind bei 

XXXII. i (R) 9 SP + 4R 3 Si * 1 

XXXIII. = (R) 9 Si 4 + 3Ä 3 si 4 J ( 3) 
Inwieweit dieselben mit den durch die Analyse gefundenen 

Sanerstoff - Verhältnissen übereinstimmen , zeigt folgende Ver- 
gleichung : 

Si, Ti : R : (R) 

XXXII, gefunden = 25,53 : 14,89 : 3,98 
berechnete 25,53 : 15,33 : 3,83 = 20 : 12 : 3 

XXXIII. gefunden = 25,40 : 14,39 : 4,72 

berechnet == 25,40 : 14,29 : 4,76 = 16 : 9:3 

Die chemischen Formeln beider Glimmer sind nicht von der 
Einfachheit der vorhergehenden, allein sie sind ebenso berechtigt 
wie diese. Sie stellen Vierneuntel-Silicate dar, während 
sich die Glimmer des grauen Gneuses als Drittel-Silicate 
und die des rothen Gneuses als H alb- S ilica te ergaben. 

Um so einfacher sind die Beziehungen der allgemeinen 
chemischen Constitution, in welchen die Glimmer XXXII und 
XXXIII zu den Glimmern des grauen und rothen Gneuses 
stehen. Addirt man nämlich die allgemeinen Formel- 
Schema der beiden letzteren, so erhält man das allgemeine 
Formel-Schema der Glimmer XXXII und XXXIII. 

Allgemeines Formel-Schema 

d. Glimm, a. d. d. Glimm, a. d. d. Glimm, 

grauen Gneus. rothen Gneus. XXXII u. XXXIII. 

[(R) 3 , R] Si + [(R) 3 , R] 2 Si 3 = [(R) 3 , K] 3 SP 

Die Glimmer XXXII und XXXIII haben mithin eine der- 
artige chemische Constitution, dass 1 Atom dieser Glimmer als 
zusammengesetzt aus 1 Atom Glimmer des grauen Gneuses und 
1 Atom Glimmer des rothen Gneuses betrachtet werden kann. 
Gewissermaassen bilden dieselben also ein vermittelndes Glied 




69 



zwischen dem Glimmer des grauen und dem des rothen Gneu- 
ses. Da nun ihre Silicirungsstufe — wie sogleich gezeigt wer- 
den soll — in einer bestimmten Abhängigkeit von der 
Silicirungsstufe des problematischen Gesteins, in welchem sie als 
Gemengtheil vorkommen , angenommen werden muss , so lässt 
sich schliessen, dass dieses Gestein hinsichtlich seines Kiesel- 
säuregehaltes zwischen grauem und rothem Gneus stehen, folg- 
lich ein mittlerer Gneus sein muss. 

Dieser auf rein chemischem Wege gezogene Schluss lässt 
sich auf demselben Wege noch schärfer ziehen , wenn wir das 
Verhältniss der chemischen Constitution der betreffenden Gneuse 
zur chemischen Constitution der darin herrschenden Glimmer 
etwas näher ins Auge fassen. 

Jene bestimmte Abhängigkeit der Silicirungs- 
stufe der Glimmer von derSilicirungsstufe der zuge- 
hörigen Gesteine wird, — wenigstens bei unseren Gneu- 
sen — von einem sehr einfachen Gesetze beherrscht. 
Zur Erkennung dieses Gesetzes gelangt man , indem man zu- 
nächst die allgemeine Formel-Schema für grauen und rothen 
Gneus (aus ihren Seite 31 und 35 angeführten chemischen For- 
meln) ableitet, und darauf jedes derselben mit dem allgemeinen 
Formel-Schema des zugehörigen Glimmers vergleicht. 

Allgemeines Formel-Schema 

des Glimmers im des grauen 

grauen Gneuse Gneuses 

[(R) 3 , R] Si [ (R) 3 j R] Si 3 

des Glimmers im des rothen 

rothen Gneuse Gneuses. 

[ (R) 3 , R] 2 Si 3 [(R) 3 R] 2 Si 9 

Das allgemeine Formel-Schema jedes dieser Glimmer unter- 
scheidet sich dadurch von dem allgemeinen Formel-Schema des 
zugehörigen Gneuses, dass hiernach der atomistische Kie- 
selsäuregehalt des Glimmers gleich ist dem drit- 
ten Theile vom atomistischen Kieselsäuregehalte 
des zugehörigen Gneuses. Ist also das allgemeine For- 
mel-Schema eines solchen Glimmers bekannt, so kann man das 



70 



des zugehörigen Gneuses daraus ableiten, indem man die Kie- 
selsäure-Atome im Formel-Schema des Glimmers mit 3 multipli- 
cirt; und vice versa. 

Dieses Gesetz giebt uns ein sehr einfaches Mittel an die 
Hand, einen Schluss auf die allgemeine chemische Constitution 
des uns bisher in dieser Beziehung noch unbekannten Gneuses 
zu machen, in welchem die Glimmer XXXII und XXXIII als 
Gemengtheile vorkommen. Wir erhalten: 

Allgemeines Formel-Schema 

der Glimmer des Gneuses, dem diese 

XXXII u. XXXIII. Glimmer angehören, 

(gefunden d. d. Analyse) (abgeleitet d. d. Gesetz) 

[{R) s , K] 3 SP RR) 3 , K] 9 s'i 12 

= [(R) 3 ,it] Si*- (a) 

Zufolge des abgeleiteten Formel-Schemas (a) muss dieser 
Gneus folglich eine derartige chemische Constitution besitzen, 
dass dieselbe einem Sauerstoff- Verhältnisse 

S i : £ + (R) = 4:1 
entspricht. Gerade dieses Sauerstoff- Verhältniss 4 : 1 ist es 
aber, welches wir früher (Seite 47) aus den Analysen XIII bis 
XVI für einen mittleren Gneus gefunden haben. Besonders die 
Analyse des Granits von Bobritszch (X\ 7 I) entspricht diesem 
Verhältnisse. Gelänge es, was bisher leider nicht der Fall war, 
eine hinreichende Menge reinen Glimmers in diesem Granite auf- 
zufinden, so müsste ein solcher Glimmer — wenn unser Gesetz 
nicht bloss auf grauen und rothen , sondern auch auf mittleren 
Gneus anwendbar ist — die allgemeine chemische und optische 
Constitution der Glimmer XXXII und XXXIII besitzen, 
also: 

1) Ein allgemeines Formel-Schema 

[(R)\ R] 3 Si< 
und 2) sich als ein entschieden 2axiger Glimmer — mit grossem 
scheinbarem Neigungswinkel der optischen Axen — erweisen. 

Gewiss ist es von hohem Interesse, inwieweit künftige Un- 
tersuchungen das Gesetz von der gegenseitigen Abhängigkeit 



71 



der Silicirungsstufe des Gneuses und des ihm zugehörigen Glim- 
mers auch auf den mittleren Gneus mit voller Beweiskraft aus- 
dehnen werden. Bestätigt sich unsere Vermuthung, so dürfte 
dieses Gesetz in einem sehr umfassenden Gebiete herrschen und 
ein neues Licht auf die streng geordnete Beschaffenheit anschei- 
nend so ungeordneter Gemenge wie die krystallinischen Silicat- 
Gesteine werfen. 

G. Das Mengungs - Verhältnis s des Quarzes, Feld- 
spathes und Glimmers im grauen und im rothen 

Gne use. 

Der normale graue Gneus enthält als wesentliche Ge- 
mengtheile: 
Quarz, 

Orthoklas (natronhaltig — meist von weisser Farbe), 
Glimmer (magnesia- und alkalihaltig — titansäurehal- 
tig, bis über 3 Procent — wasserhaltig bis 
über 4 Procent — von dunkelbraunschwarzer 
Farbe — optisch 1 axig, im gewöhnlichen Sinne 
— von dem allgemeinen Formel-Schema 

[(R) 3 , S] Si 

Sehr untergeordnet, bis zur verschwindenden Bedeutung, 
treten stellenweise ausserdem darin auf: plagioklastische Natron- 
feldspäthe (Albit? Oligoklas) und ein weisser feinschuppiger 
Glimmer. 

In gewissen Varietäten des grauen Gneuses erhal- 
ten die plagioklastischen Natronfeldspäthe grössere Bedeutung. 
Auch giebt es grauen Gneus — wie z, B. in Serenbachthal, an 
der Freiberg-Tharandter Eisenbahn — in welchem jener spora- 
dische weisse Glimmer sich beträchtlich mehr geltend macht, so- 
wie anderen grauen Gneus (s. Schmelzprobe 6 u. 9), in welchem 
der gesammte Glimmer in vorherrschender Menge auftritt und 
den Feldspath entsprechend verdrängt. — Die Varietäten des 
grauen Gneuses können von sehr verschiedener Farbe und Struk- 
tur sein. 

Halten wir uns an den normalen grauen Gneus — 
wie er namentlich in der Freiberger Gegend in so bedeutender 
Ausdehnung und Mächtigkeit auftritt und die Matrix der zahl- 



72 



reichen hiesigen Erzgänge bildet — so fragt es sich, sind wir 
im Stande, aus den betreffenden Analysen seiner Gemengtheile 
das Mengungs-Verhältniss zu berechnen ? Wir haben bei ihm 
als Gemengtheile nur Quarz, Orthoklas und schwarzen Glimmer 
(XXVII und XXVIII) zu berücksichtigen ; denn die Spuren von 
eingemengtem weissem Glimmer sind, wo sie vorkommen, hin- 
sichtlich ihres Gewichtswerthes bedeutungslos. Was aber ein 
mögliches Auftreten von Albit und Oligoklas betrifft, so kann 
dies — selbst wenn es in einem weniger unerheblichen Grade 
stattfinden sollte, als wir vermuthen — auf unsere Rechnung 
kaum einen wesentlichen Einfluss ausüben, da Albit und Ortho- 
klas ein gleiches Atom-Verhältniss (Si : R : R = 4 : 1 : 1) be- 
sitzen und der Oligoklas kein davon sehr abweichendes (3:1: 1) 
hat. Jedenfalls ist daher die Frage: 



aus wie vielen Atomen Quarz, Orthoklas und schwar- 
zem Glimmer ist der normale graue Gneus zusammen- 
gesetzt ? 



Ein einfaches Mittel die Richtigkeit dieses Resultates zu 
prüfen besteht darin, die procentische Zusammensetzung eines 
aus 10 At. Quarz, 3 At. Orthoklas und 1 At. schwarzem 



*) Von der Formel 2(R) 3 Si + 3RSi (s. S. 59). 
»j Von der Formel 3(Ä) Si + 2Ä *fe (s. S. 31). 




10 Atome Quarz =10 Si + 
3 Atome Orthoklas = 12 Si + 3R + 3R 
1 Atom Glimmer = 5 Si + 3 R + 6 (R) 



Summa 27 Si + 6 R + 9 (R) 

±ä 3 (9Si"+ 2 R + 3(R)) 



== 3 Atomen grauer Gneus**) 



73 



Glimmer bestehenden Gemenges zu berechnen und dieselbe mit 
der durch die Analyse gefundenen Zusammensetzung des grauen 
Gneuses zu vergleichen. Doch ist hierbei zu berücksichtigen, 
dass die relativen Mengen der isomorphen Stoffe in den Gliedern 
R und (R) mannigfachen Schwankungen unterworfen sind. Bei 
der Annahme, der schwarze Glimmer enthalte diese Stoffe in 
denjenigen Gewichts-Verhältnissen, wie sie durch Analyse XXVII 
ermittelt wurden, ergiebt sich folgendes Resultat: 



Zusammensetzung des normalen grauen Gneuses 



_aus 


d. Steinbruch 


a. d. Abrahams- 




bei 


Kleinwalters- 


schacht 1708 Fuss 


n n o h n 

11 CK Vj 11 Kl 

Be rec h n 


dorf 


, nach meiner 


unter Tage, nach 




Analyse 


meiner Analyse 


(« 


j. Seite 30) 


(s. Seite 31) 




Kieselsäure 


65,32 


65,64 


65,42 


Titansäure 


0,87 


0,86 


1,05 


Thonerde 


14,77 


14,98 


13,68 


Eisenoxyd 


3,33 


2,62 


4,26 


Eisenoxydul 


3,08 


3,50 


2,88 


Manganoxydul 0,14 


0,18 




Kalkerde 


2,51 


2,04 


1,44 


Magnesia 


2,04 


2,08 


2,66 


Kali 


4,78 


3,64 


6,18 


Natron 


1,99 


2,56 


1,38 


Wasser 


1,01 


1,18 


1,05 




99,84 


99,28 


100,00 



Von diesen Bestandteilen stimmen die procentischen Men- 
gen der Kieselsäure, Titansäure und des Wassers, nach 
Analyse und Berechnung, sehr nahe mit einander überein. 
Dass die übrigen Bestandtheile nur Näherungswerthe zeigen, 
liegt in der Verschiebbarkeit ihrer relativen Gewichtsmengen. 

Zugleich sehen wir aus den nahe übereinstimmenden Na- 
trongehalten, dass natronreiche plagioklastische Feldspäthe im 
normalen grauen Gneuse wirklich nur eine sehr untergeordnete 
Rolle spielen, und dass darin der gewöhnliche, etwas natronhal- 
tige Orthoklas als allein herrschender Feldspath betrachtet wer- 
den kann. 



74 



Nachdem wir jetzt mit Sicherheit wissen, dass der normale 
graue Gneus aus einem Gemenge von 10 At. Quarz, 3 At. 
Orthoklas und 1 At. schwarzem Glimmer besteht, kann es von 
Interesse sein zu erfahren, in welchen relativen Gewichts- 
verhältnissen diese drei Gemengtheile im grauen Gneuse zu 
einander stehen. Indem wir bei dieser Berechnung zunächst das 
relative Gewicht von 10 At. Quarz, 3 At. Orthoklas und 1 At. 
schwarzen Glimmer berechnen , linden wir schliesslich, dass in 
100 Gewichtstheilen normalen grauen Gneuses enthalten sind: 

24.6 Quarz 

44.7 Orthoklas 
30,7 Gl immer 
100,0 

was 25 Procent Quarz, 45 Procent Orthoklas und 30 Procent 
Glimmer nahe kommt, so dass man sich wohl nicht erheblich 
von der Wahrheit entfernt, wenn man annimmt, es seien 

5 Gewichtstheile Quarz 
9 Gewichtstheile Orthoklas 
und 6 Gewichtstheile Glimmer 

in 20 Gewichtstheilen normalen grauen Gneuses enthalten. — 

Der normale rothe Gneus — mit dem petrographischeh 
Charakter der Gneuse von Kleinschirma (IX), vom Michaelis- 
stollnmundloch (X), von der nahe dabei befindlichen (abgebil- 
deten) Localität im Muldenthale und von der Gegend zwischen 
Leubsdorf und Eppendorf (XI) — enthält als wesentliche Ge- 
mengtheile: 

Quarz, 

Orthoklas (etwas mehr natronhaltig als der des grauen 
Gneuses — meist von rechlicher Farbe), 

Glimmer (kali- und magnesiahaltig — nicht oder doch 
nur sehr wenig titansäurehaltig — wasserhal- 
tig bis gegen 5 Procent — von lichter Farbe, 
grünlich - grau und graulich - grün, in Schüpp- 
chen fast silberweiss erscheinend — optisch 
1 axig im gewöhnlichen Sinne — von dem all- 
gemeinen Formel-Schema 

[(R)% g] 2 Si 3 



75 



Varietäten des rothenGneuses entstehen nicht bloss 
durch seine mitunter granitische Beschaffenheit und durch sein 
Auftreten als wirklicher Granit, sondern auch durch mancherlei 
andere Abweichungen von seinem normalen Charakter, wie wir 
aus der verschiedenen äusseren Beschaffenheit der rothen Gneuse 
ersehen, welche (siehe oben) durch die Schmelzprobe als solche 
erkannt wurden. 

Auch hier macht sich mitunter der Glimmer auf Kosten des 
Feldspaths geltend (s. Schmelzprobe 25). 

Beziehen wir unsere Betrachtungen nur auf den normalen 
rothen Gneus, so können dieselben Fragen, welche uns so 
eben beim grauen Gneuse beschäftigten, hier um so sicherer be- 
antwortet werden, da wir ausschliesslich nur auf die genannten 
3 Gemengtheile Rücksicht zu nehmen haben. Demgemäss er- 
giebt sich, dass 

12 Atome Quarz ) 

-(- 4 Atome Orthoklas ? =5 Atomen rother Gneus 

-J- 1 Atom Glimmer *) ) 
Denn es sind: 

12 Atome Quarz =12 Si 
4 Atome Orthoklas = 16 Si + 4 R -f 4 R 
1 Atom Glimmer = 2 Si -f 1 R -f 1 (R) 

Summa = 30 Si + 5 R + 5 (R) 

= 5(68i +1 R + 1 (R)) 
== 5 Atomen rother Gneus**) 

Zur Prüfung der Richtigkeit dieses Resultates können wir 
uns desselben Mittels wie beim grauen Gneus bedienen. Bei 
der nach dem gefundenen Mengungs- Verhältniss ausgeführten 
Berechnung der chemischen Zusammensetzung des rothen Gneu- 
ses, wollen wir die Zusammensetzung des natronreicheren Feld- 
spaths XXVI und des lichten Glimmers XXX annehmen. Un- 
ter solchen Annahmen erhalten wir folgendes Resultat: 



*) Von der Formel (R) S'i -f & Si (s. S. 65). 
•*) Von der Formel (R) Si 2 + fi Si 4 (s. S. 35) 



76 



Zusammensetzung des normalen rothen Gneuses 





von 


Kleinschirma 


nach der 
Berechnung. 




nach meiner Ana- 




lyst 


3 (s. Seite 35). 


Kieselsaure 




75,74 


75,/5 


Titansäure 






0,03 


Thonerde 




13,25 


13,18 






1,24 




Eisenoxydul 




0,72 


0,26 


Manganoxydul 




0,08 




Kalkerde 




0,60 


0,64 


Magnesia 




0,39 


0,43 


Kali 




4,86 


5,30 


Natron 




2,12 


2,87 


Wasser 




0,89 


0,50 






99,89 


100,00 



Diese Uebereinstimmung des Erfahrungs- und Rechnungs- 
Resultates ist wohl eine überraschend vollkommene zu nennen. 
Es scheint demnach, dass solche natronreicheren Feldspäthe, wie 
XXVI, und solche Kaliglimmer, wie XXX, wirklich als ge- 
wöhnliche Gemengtheile des normalen rothen Gneuses zu be- 
trachten sind, was natürlich nicht ausschliesst, dass auch weni- 
ger natronreiche Orthoklase neben natronreicheren Kaliglimmern 
vorkommen können. 

Aus der eben erwiesenen Thatsache, dass der normale rothe 
Gneus aus einem Gemenge von 12 At. Quarz, 4 At. Orthoklas 
und 1 At. lichtem Glimmer besteht , können wir auf dieselbe 
Art wie beim grauen Gneuse, die relativen Gewichtsverhältnisse 
dieser drei Gemengtheile berechnen. Aus dem relativen Ge- 
wicht von 12 At. Quarz, 4 At. Orthoklas und 1 At. Glimmer*) 

*) Es wiegen nämlich, in Atomgewichten ausgedrückt, 

12 Atome Quarz 6930 

4 „ Orthoklas v. d. Zusammensetzung XXVI 13760 
1 „ Glimmer v. d. Zusammensetzung XXX 2280 

in Summa 22970, 

woraus man die procentischen Mengen des Quarzes, Orthoklases und 
Glimmers durch einfache Proportionen findet. 



77 



finden wir, dass in 100 Gewichtstheilen normalen rothen Gneu- 
ses enthalten sind: 

30,2 Quarz . 
59,9 Orthoklas 

9,9 Glimmer 
100,0 

was 30 Procent Quarz, 60 Procent Orthoklas und 10 Procent 
Glimmer so nahe kommt, dass wir diese runden Zahlen unbe- 
denklich annehmen können. 

Lassen wir den etwas verschiedenen Natrongehalt der 
Orthoklase und die wesentlich verschiedene chemische Zusammen- 
setzung der Glimmer im grauen und rothen Gneuse unberück- 
sichtigt, so reducirt sich der Unterschied von grauem und rothem 
Gneus auf das relative Gewichtsverhältniss von Quarz, Feldspath 
und Glimmer. Es enthält: 

grauer Gneus, rother Gneus, 

Gewichtsprocent : Gewichtsprocent: 
Quarz 25 30 
Feldspath 45 60 
Glimmer 30 10 
100 100 

Da die specifischen Gewichte des Quarzes und betreffenden 
Feldspathes nur sehr wenig differiren und das spec. Gewicht 
des Glimmers nur etwas grösser ist, so sind hier Gewichtspro- 
cente und Volumprocente fast identisch. Man kommt der Wahr- 
heit also wohl sehr nahe, wenn man annimmt, der normale 
graue Gneus enthalte nicht ganz 0,3 seines Volums, und der 
normale rothe Gneus nicht ganz 0,1 seines Volums Glimmer. 

Dass der graue Gneus dreimal so viel Glimmer enthält als 
der rothe bietet uns, bei einigermassen normalen Arten dieser 
Gesteine, ein einfaches Unterscheidungsmittel, welches von keiner 
schwierigen Augenschätzung abhängt. Allein, wie wir bereits 
mehrfach erfuhren, giebt es Varietäten beider Gesteine, wo die- 
ses Mittel unanwendbar ist. Bei glimmerreichen rothen Gneu- 
sen kommt uns allenfalls noch eine empirische Beobachtung zu 
Hülfe, die ich mehrfach bestätigt gefunden habe. Der Glimmer 
pflegt in denselben nicht flasrig (wellig gebogen) , sondern in 
Schuppen und Blättchen mit fast ebener Oberfläche vorzukom- 



78 



men, wodurch Stücke derartigen rothen Gneuses einen beson- 
ders lebhaften Glanz erhalten, um so mehr, wenn einzelne 
grössere Glimmerpartien darin auftreten. Als letzte Instanz zur 
möglichst schnellen und sicheren Unterscheidung kann uns aber 
vor der Hand nur die Schmelzprobe dienen. 

H. Der Einfluss des grauen und des rothen Gneu- 
ses auf die Erzführung der in ihnen auftretenden 

Erzgänge. 

Es ist eine alte bergmännische Erfahrung, dass Erzgänge, 
welche verschiedene Gesteine durchsetzen, sich nicht innerhalb 
jedes dieser Gesteine in gleichem Grade erzführend zeigen. Der 
launige Zufall — der schlimmste Feind und beste Freund des 
Bergmanns — kann hierbei unleugbar mitunter sein Spiel ge- 
trieben haben ; allein unmöglich können wir ihm alle hierauf 
bezüglichen Thatsachen beimessen , welche durch langjährige 
übereinstimmende Erfahrungen in bergbaureichen Gegenden con- 
statirt wurden und die Annahme begründeten, dass gewisse Ge- 
steine so zu sagen „veredelnd", d. h. erzbringend, andere „ver- 
unedelnd" auf die sie durchsetzenden Erzgänge einwirken, oder 
vielmehr ursprünglich eingewirkt haben. So hat sich auch im 
sächsischen Erzgebirge diese Einwirkung des Nebengesteins auf 
die Erzführung der Erzgänge entschieden geltend gemacht. Herr 
Obereinfahrer Mueller hat durch zahlreiche Beispiele einen 
veredelnden und einen verunedelnden Gneus nachgewiesen und 
ersteren als „grauen", letzteren als „rothen" Gneus bezeichnet, 
weil beide Gesteine an mehreren Orten sich durch diese Farben 
von einander unterscheiden Hessen. 

Wir wissen jetzt, dass eine solche Unterscheidung nach der 
Farbe, wiewohl in manchen Fällen anwendbar, doch im Ganzen 
sehr unsicher ist. Wenn wir daher die Benennungen „grauer 14 und 
„rother" Gneus beibehielten, so geschah es theils um ein älteres 
Recht nicht anzutasten, theils um keine wissenschaftliche Be- 
zeichnung einzuführen, die manchem Praktiker weniger geläufig 
werden würde. 

Indem nun grauer und rother Gneus als zwei nach Maass 
und Zahl sehr scharf, aber chemisch verschieden charakte- 
risirte Silicat-Gebilde unserer Auffassung vorliegen, so fragt es 



79 



sich: ob in dieser Verschiedenheit ihrer chemischen 
Constitution ein Grund zu jener veredelnden und verunedeln- 
den Einwirkung auf die Erzgänge zu finden sei oder nicht ? 

Wie im vorigen Abschnitte nachgewiesen wurde, besteht 

Quarz. Feldspath. Glimmer. 

(schwarzer) 

der graue Gneus aus 2fr 45 30 

(veredelnd) (lichter) 

der rot he Gneus „ 30 60 10 

(verunedelnd) 

Sowohl ein quantitativer als ein qualitativer Un- 
terschied macht sich hierbei geltend. 

Der quantitative Unterschied besteht darin, dass der graue 
Gneus weniger Quarz und Feldspath als der rothe, aber mehr 
Glimmer als dieser enthält; woraus hervorgeht, dass Quarz 
und Feldspath — deren Gesammtmasse im grauen Gneuse 
20 Procent weniger beträgt als im rothen — nicht veredelnd 
wirken können, es müsste denn der Feldspath des grauen Gneu- 
ses eine wesentlich andere chemische Beschaffenheit besitzen als 
der des rothen. Dass dies jedoch keines weges der Fall ist, 
wurde früher dargethan. Somit bleibt nichts übrig, als unser 
Augenmerk auf den Glimmer zu richten, in welchem wir schon 
deswegen die Ursache jener veredelnden Wirkung zu finden hof- 
fen können, weil dieser Gemengtheil im grauen Gneuse in drei- 
fach grösserer Menge als im rothen Gneuse auftritt. 

Aber auch der qualitative Unterschied zwischen unseren 
beiden Gesteinen — welcher ja fast nur auf der verschiedenen 
chemischen Constitution des zugehörigen Glimmers beruht — 
führt uns darauf hin, die mögliche Ursache des Erzbrin- 
gens ausschliesslich im Glimmer zu suchen, dessen wesent- 
lich verschiedene Beschaffenheit in beiden Gneusen auch von 
entsprechend verschiedenen chemischen Eigenschaften begleitet 
sein muss. Dies will ich im Folgenden näher beleuchten. 



80 



Es ist die chemische Formel: 

des schwarzen Glimmers des lichten Glimmers 
im grauen Gneuse im rothen Gneuse 

erste Art : 2 (R) 3 Si + 3 R Si einzige Art : (R) Si + R Si 
(s. S. 59) (s. S. 65) 

zweite Art: (R) 3 Si + RSi 
(s. S. 62) 

Die beiden Glimmer des grauen Gneuses zeigen in ihrem 
ersten Formelgliede (R) 3 Si, einem D ritt el - Silicat, eine grosse 
Verschiedenheit von dem Glimmer des rothen Gneuses, bei wel- 
chem das entsprechende Formelglied (R) Si ein neutrales 
Silicat ist. Um diesen Unterschied recht augenfällig zu machen, 
wollen wir die procentischc Zusammensetzung dieser Formelglieder 
für sich berechnen und mit einander vergleichen. Indem wir 
hierbei die Analysen XXVII, XXIX, b und XXX zu Grunde 
legen, erhalten wir: 

Die Formelglieder 





(R) 3 Si 


(R) 3 Si 


(R) Si 




im Glim. d. grauen Gn. 


im Glim. d. r o t he 




(1 ste Art) 


(2 te Art) 


(einzige Art) 




entsprechen einer 


Zusammensetzung 




n. An. XXVII 


n. An. XXIX, b n. An. XXX 


Kieselsäure 


30,70 


30,47 


55,28 


Titansäure *) 


6,81 


4,33 


0,67 


Eisenoxydul 


22,16 


26,96 


8,09 


Manganoxydul 0,45 


0,54 




Kalkerde 


1,00 


1,38 


0,34 


Magnesia 


22,60 


15,86 


2,00 


Kali 


1,85 


8,99 


23,73 


Natron 


6,68 


5,13 




Wasser 


7,75 


6,34 


9,89 




100,00 


100,00 


100,00 



Das Formelglied (R) $ Si unterscheidet sich mithin von (R) Si 
nicht bloss 



*) Sämmtliche in den Glimmern vorhandene Titansäure wurde als 
zum ersten Formelgliede gehörig berechnet. 



81 



1) dadurch, dass die Kieselsäure in ersterem mit einer drei- 
fach grösseren Atommenge Basen verbunden auftritt, als 
dies in letzterem der Fall ist, sondern auch 

2) dadurch, dass die mit der Kieselsäure verbundenen Basen 
sich in beiden Formelgliedern mit ganz verschiedenen 
Gewichtsverhältuissen geltend machen. Während (R) 3 Si 
wesentlich ein Ei s en o xydul-Magnesia- Silicat ist, 
zeigt sich in (R) Si hauptsächlich Kali als vorherr- 
schende Base. 

Haben wir aber (R) Si der Hauptsache nach als ein neu- 
trales, nur wenig eisen- und magnesiahaltiges Kali -Silicat 
aufzufassen, so ergiebt sich, dass (R) 3 Si wegen seines bedeu- 
tenden Mehrgehaltes an Basen und zugleich an schwächeren 
Basen eine leichter zersetzbare, namentlich der Einwirkung 
von Säuren weit weniger widerstehende Substanz sein muss als 
die Verbindung (R) Si. 

Ein ähnliches Verhältniss verschiedener Zersetzbarkeit, wie 
es diesen Theilen der Glimmersubstanz zukommt, findet auch bei 
den Glimmern selbst statt. Sowohl im Glimmer des grauen 
Gneuses 

m(R) 3 Si -f nR Si 

als in dem des rothen 

(R) Si + & Si 

ist mit jenem ersten Formelgiiede das Glied Ü Si verbunden, 
durch welches Hinzutreten von drittel-kieselsaurer Thonerde und 
Eisenoxyd die gesammte Glimmersubstanz zwar beträchtlich 
schwerer zersetzbar wird als ihr entsprechender Theil (R) 3 Si 
und (R) Si, ohne dass hierdurch aber die relative Zersetzbarkeit 
der Glimmer selbst eine erheblich andere würde , als die jener 
Theile. Das Verhalten beider Glimmer zu erhitzter Salzsäure 
entspricht ganz dieser Annahme. Wenn sich auch keiner der- 
selben dadurch vollkommen aufschliessen lässt, so wird doch dem 
schwarzen Glimmer des grauen Gneuses — selbst wenn man 
ihn nicht fein gerieben, sondern nur in dünnen Blättchen anwen- 
det — fast sein ganzer Eisenoxydul- und ein grosser Theil vom 

Zeit*, d.d. geol. Ges. XIV. 1. 6 



82 



Magnesia-Gehalt entzogen, während sich der Glimmer des rothen 
Gneuses hierbei kaum verändert. 

Die leichtere Zeräetzbarkeit des schwarzen Glimmers wird 
zugleich aber auch noch durch die nähere Beschaffenheit des 
Gliedes R Si unterstüzt, welche eine andere ist als beim lichten 
Glimmer in Bezug auf die relativen Mengen der Thonerde und 
des Eisenoxyds. Es enthalten nämlich 

die Glimmer des grauen Gneuses 

XXVII auf 18 Procent Äl nahe 13 Procent ¥e 
XXIX, b „ 18 „ „ 6,3 „ „ 

der Glimmer des rothen Gneuses 

XXX auf 18 Procent AI nahe 2,2 Procent '§& 
(nämlich „ 26,3 „ „ „ 3,3 „) 

Auf gleiche Thonerdemengen bezogen, enthalten folglich die 
Glimmer des grauen Gneuses 3 bis 6 mal so viel Eisenoxyd 
als die Glimmer des rothen Gneuses. 

Der gesammte Eisengehalt - nebst dem geringen 
Mangangehalt — als metallisches Eisen berechnet, beträgt 

beim Glimmer des grauen Gneuses 

nach Analyse XXVII 16,94 Procent Eisen 

„ XXIX, b 16,52 „ 

beim Glimmer des rothen Gneuses 

nach Analyse XXX 5,30 Pröcent Eisen. 

Im Glimmer des grauen Gneuses ist nahezu dreimal so viel 
Eisen enthalten als in dem des rothen. 

Fassen wir alle hier näher nachgewiesenen Unterschiede zu- 
sammen, so können wir den grauen Gneus in Bezug auf 
seine bei der Gangausfüllung möglicherweise ausgeübte chemi- 
sche Wirkung als ein Getein charakterisiren, wel- 
ches in seinen 30 Procenten leicht zersetzbarer 
und eisenreicher Glimmermasse ein chemisches 
Agens besitzt von ungleich grösserer und kräftige- 
rer Action auf saure Solutionen, als wir den 10 Pro- 
centen schwer zersetzbarer und eisenarmer Glim- 
mermasse des rothen Gneuses beimessen können. 



83 



Doch mit diesem vorläufig gewonnenen Resultate ist die 
veredelnde Wirkung des grauen Gneuses auf die Erzgänge noch 
nicht erklärt. Wir bedürfen hierzu noch anderweitiger Nach- 
weise, namentlich einer näheren Kenntniss dieser Gänge selbst. 

Eine nähere Beschreibung der Erzgebirgischen Silbererz- 
gänge nach ihren verschiedenen Formationen und Ausfüllungs- 
massen zu geben, würde uns allzu weit von unserem eigentli- 
chen Zwecke entfernen. Indem ich hierbei auf vorhandenes, 
sehr werth volles Material*) verweise, begnüge ich mich folgende 
allgemeine Thatsachen anzuführen. 

Obwohl das geologische Alter dieser Gänge ein verschie- 
denes ist, so fällt die Bildung derselben doch grösstenteils in 
die Hauptsteinkohlenperiode, ragt aber bis in die Periode des Roth- 
liegenden hinein. Was uns in dieser Beziehung hier allein von Wich- 
tigkeit ist, beschränkt sich auf die mit vollkommener Sicherheit con- 
statirte Thatsache, dass der Gneus bereits ein längst vollendetes Ge- 
bilde war, als die Bildung der Silbererzgänge in ihm seinen Anfang 
nahm, und dass hierzu zunächst Spalten Veranlassung gaben, welche 
sich sehr allmälig mit Gangmassen ausfüllten. Diese Gangmassen 
bestehen aus sogenannten metallischen und nicht metallischen 
Mineralien, die in verschiedenen Gängen in sehr* abweichenden 
Quantitäts- Verhältnissen auftreten. 

An metallischen Mineralien können hauptsächlich unter- 
schieden werden: Schwef elmetalle — Eisenkiese, Zinkblende, 
Antimonglanz, Kupferkies, Bleiglanz, Silberglanz — Schwefelar- 
senmetalle und Schwefelarsen - Schwefelantimonme- 
talle — Arsenkies, Fahlerz, lichtes und dunkles Rothgültigerz, Me- 
langlanz, Eugenglanz — Arsenmetalle — Speiskobalt, Cloanthit, 
Rothnickelkies, Weissnickelkies. Diese letzteren Kobalt- und Nickel- 
erze gehören vornehmlich der Schneeberger Gegendan. Gediegen Sil- 
ber, welches stellenweise in ausserordentlich grossen Massen gefunden 



*) Ich führe hiervon an: 

v. Herder, der tiefe Meissner Stölln. 

v. Weissenbach, Abbildungen merkwürdiger Gangverhältnisse aus 
dem Sächsischen Erzgebirge. 

B. Cotta, und Herm. Mueller, Gangstudien oder Beiträge zur Kennt- 
niss der Erzgänge. 

Von Herrn Obereinfahrer Mueller befinden sich ferner mehrere aus- 
gezeichnete schriftliche Arbeiten über Erzgebirgische Gangverhältnisse im 
Archive des Freiberger Gang-Comite, 

6* 



84 



wurde, dürfte wenigstens theilweise als ein späteres Gebilde — 
namentlich durch Wasserdämpfe aus Glaserz, wie Bischof ge- 
zeigt hat zu betrachten sein. Seltnere Mineralien wurden 

hier als unwesentlich ganz übergangen. Auch von diesen sind 
einige als durch Umbildung entstanden zu betrachten. 

Als nichtmetallische Mineralien machen sich be- 
sonders geltend: Carbonspäthe — in der ganzen Fülle der 
ausserordentlichen Mannigfaltigkeit, wie sie den Mineralogen 
durch Breithaupt's scharfe Untersuchungen bekannt geworden; 
Ca C, Mg C, Mn C und Fe C in den verschiedensten Verhält- 
nissen unter einander verbunden — Flussspath — Schwer- 
spath — Quarz. Die Carbonspäthe pflegen die Begleiter der 
reichsten Silbererze zu sein. 

Dass diese sämmtlichen Mineralien, metallische und nicht- 
metallische, auf nassem Wege in die Gangspalten eingeführt und 
hier nach und nach krystalliniseh abgesetzt wurden , darüber 
möchten gegenwärtig wohl alle Sachverständigen, welche die 
Erzgebirgischen Silbererzgänge durch Autopsie näher kennen, 
einig sein ; wenn uns zum Theil auch noch die Processe räthsel- 
haft erscheinen, durch welche alle diese Stoffe ursprünglich in 
Lösung versetzt wurden. Letzteres zu erklären, kann einstwei- 
len nur mangelhaft und versuchsweise geschehen. 

Am wenigsten Schwierigkeit bietet glücklicherweise die Er- 
klärung der so wesentlichen und häufigen Carbonspäthe. Ihre 
Masse wurde offenbar grösstentheils aus tiefer liegenden Gesteins- 
schichten durch kohlensäurereiches, unter Druck überhitztes Was- 
ser extrahirt und in die oberen Gangspalten eingeführt, wo sie, 
theils durch Abnahme der Temperatur und des Druckes, theils 
aus einer anderen — bald näher zu betrachtenden — Ursache sich 
krystalliniseh absetzte. Dass auch Quarz — der im Erzgebirge 
hauptsächlich einer besonderen Silbererz-Gangformation angehört 
— auf ähnlichem Wege gebildet werden kann, wissen wir durch 
Schafhaeuti/s ältere und Daubree's neuere Versuche. Fluss- 
spath und Schwerspath können sich aus derartigen Kalk- und 
Baryt-Solutionen , wie wir bei den Carbonspäthen postulirten, 
dnreh allmäliges Eintreten von Fluorwasserstoff und Schwefel- 
säure gebildet haben. Inwieweit überhitztes säurehaltiges Was- 
ser auf ihre Masse auflösend wirkt, darüber mangeln noch ge- 
nauere Untersuchungen, 



85 



Was die metallischen Mineralien betrifft, so ist es minde- 
stens nicht unwahrscheinlich, dass auch sie ursprünglich auf 
eine ganz analoge Weise in Lösung erhalten wurden. Ueber- 
hitztes, mit Schwefelwasserstoff übersättigtes Wasser, welches 
vielleicht zugleich auch mehr oder weniger Schwefelalkalimetalle 
enthielt, vermochte möglicherweise die gesammten Schwefel-, 
Schwefelarsen- und Schwefelarsenantimon - Metalle zu lösen und 
in mehr oder weniger concentrirter Solution in die oberen Gang- 
spalten einzuführen. 

In den Gangspalten der Erzgebirgischen Gneuse hat sich 
hiernach ursprünglich eine Solution befunden, in welcher kohlen- 
saure- und schwefelwasserstoffhaltiges , unter Druck überhitztes 
Wasser das solvirende Agens bildete. Dass aber ein solches 
Agens auf die Gneuswände der Gänge chemisch einwirken und 
nach der Art des Gneuses verschieden einwirken 
musste, wird nur weniger nachträglicher Erläuterungen bedürfen, 
bei denen wir an die vorhin gegebene chemische Charakteristik 
des grauen und rothen Gneuses wieder anknüpfeu. 

Der Glimmer des grauen Gneuses, indem er von der über- 
schüssigen Kohlensäure der Solution zersetzt und sein Basen- 
reichthum — nebst einem entsprechenden Theile der Kieselsäure 

— theilweise gelöst wurde, gab zur Bildung neuer Quantitäten 
kohlensaurer Salze — besonders Fe C und Mg C — Veran- 
lassung; absorbirte dadurch die überschüssige Kohlensäure und 
bewirkte den Absatz der auf solche Art ihres Lösungsmittels 
beraubten Carbonspäthe. Aber das gebildete kohlensaure Eisen- 
oxydul zersetzte sich mit dem Schwefelwasserstoff — und den 
vielleicht vorhandenen Schwefelalkalimetallen — und bildete 
Schwefeleisen. Aus der nun auch dieses lösenden Stoffes allmä- 
lig beraubten Solution der Schwefel-, Schwefelarsen- und Schwe- 
felarsenantimon-Metalle wurden diese in dem Maasse präcipitirt, 
als der Glimmer des grauen Gneuses zu dieser Schwefeleisen- 

— Eisenkies- — Bildung das Material hergab. Am wirksam- 
sten, sollte man meinen, mussten sich hierbei diejenigen grauen 
Gneuse zeigen, welche den sehr eisenoxydulreichen Glimmer XXIX 
enthielten. 

Der Glimmer des rothen Gneuses dagegen musste we- 
gen seiner nachgewiesenen , ganz anderen chemischen Be- 
schaffenheit fast völlig wirkungslos auf eine solche Solution 



86 



bleiben, und diese geringe Wirkung wurde noch entsprechend 
durch seine relativ weit geringere Masse vermindert. 

Bei näherer Betrachtung kommt uns aber noch ein physi- 
scher Umstand zu Hülfe, der die chemische Function des grauen 
Gneuses als Fällungsmittel für die metallischen Mineralien un- 
terstützt. Der schwarze Glimmer, das wesentlichste Agens hier- 
bei, ist im grauen Gneus lagenweis geordnet. Wenn auch diese 
Lagen vielfach von Feldspath und Quarz unterbrochen — durch- 
löchert — erscheinen, so findet doch ein sehr weit verzweigtes 
Zusammenhängen zwischen den Glimmerpartien einer und der- 
selben Lage, ja selbst, durch undulatorische Krümmungen be- 
nachbarter Lagen, zwischen den verschiedenen Glimmerlagen statt. 
Eine Solution also, welche zersetzend auf den Glimmer einer 
Ganggneuswand einwirkte, wurde durch diesen verkettenden Zu- 
sammenhang der Glimmermassen tiefer und tiefer in den Gneus 
geleitet, ohne dass ihr durch Quarz oder Feldspath der Weg ab- 
geschnitten worden wäre. 

Anders verhält sich dies beim rothen Gneuse, wo die ge- 
ringe Menge des kaum wirksamen Glimmers keine solche , die 
Wirkung physisch erhöhende „flaserige" Struktur besitzt. Selbst 
diejenigen, weit seltneren rothen Gneuse, welche — wenn auch 
hochsilicirte, doch — schwarze, eisenreichere und daher leichter 
zersetzbare Glimmer bei sich führen, konnten wegen des isolir- 
ten Auftretens ihrer geringen Glimmermenge , kein erheblich 
wirksames Fällungs-Agens abgeben. Dahin gehört z. B. der als 
Granit auftretende rothe Gneus vom vierten Lichtloche des Roth- 
schönberger Stölln (s. Schmelzprobe 14). — 

Nach dieser kurzen, aber nothwendigen Abschweifung in das 
geologische Gebiet, die zum Theil auf dem schwankenden Steg 
der Hypothese geschehen musste, kehren wir wieder zum festen 
Lande der analytischen Thatsachen zurück. 

Wenn es seine Richtigkeit hat, dass der graue Gneus in 
Berührung mit der Gangmassen-Solution chemisch präcipitirend 
auf die darin gelösten Stoffe wirkte, so muss natürlich der 
Gneus selbst nicht allein die nachgelassenen Spuren einer 
solchen zersetzenden Einwirkung in der Nähe der Gänge deut- 
lich an sich tragen, sondern diese Spuren müssen auch der Art 
sein, dass sie mit dem so eben aufgestellten Erklärungsversuch 
in hinreichende Uebereinstimmung gebracht werden können. Da- 
mit verhält es sich nun folgendermaassen. 



87 



Die normale Beschaffenheit des grauen Gneuses zeigt sich 
in der Nähe der Erzgänge überall mehr oder weniger verändert. 
Der Grad und die Ausdehnung dieser Veränderung sind im All- 
gemeinen von der Mächtigkeit der Gänge abhängig. So ist es 
wenigstens in der Tiefe der Gruben, wo keine Tagewasser ein- 
dringen und nachträgliche Zersetzungen bewirken konnten , die 
natürlich ausserhalb unserer Betrachtung liegen. Die veränderte 
Beschaffenheit des Gneuses wird dem Auge des Beobachters na- 
mentlich durch das fremdartige Aussehn des Glimmers deutlich, 
der seine schwarze Farbe vollkommen eingebüsst hat und zu 
einer licht-grünlich-grauen, mitunter fast silberweissen, mehr oder 
weniger fettglänzenden, talkähnlichen Masse umgewandelt ist. 
Bei einem höhern Grade der Zersetzung hat auch der Feldspath 
nicht, oder nicht ganz widerstehen können; die gesammte Masse 
des Gneuses ist bröcklich und mechanisch leicht theilbar gewor- 
den. Stellenweise erreicht die sogenannte „Auflösung" des 
Gneuses einen noch höheren Grad. Die Entfernung von der 
Gangmasse, bis zu welcher derartige Veränderungen des Gneu- 
ses sichtbar sind, geht — je nach der Mächtigkeit der Gang- 
trümer und Gänge — von wenigen Zollen bis zu mehreren Fussen, 
ja bis über einLachter. In dem durch solche Zersetzung porös 
gewordenen Gneus haben sich kleine Partien von Schwefelme- 
tallen (Schwefelkies, Blende, Bleiglanz u. s. w.) angesiedelt, 
theils isolirt eingesprengt, theils in Aederchen und Trümern, die 
man oft bis in die Haupt-Gangmasse verfolgen kann. Besonders 
aber scheint sehr fein eingemengter Schwefelkies (Eisenkies) 
häufig aufzutreten. Auch wo man denselben kaum noch durch 
das Auge oder die Loupe gewahrt, lässt er sich leicht auf che- 
mischem Wege nachweisen. 

Um nun einen durch die ursprüngliche Gangsolution zer- 
setzten Gneus in Betreff seiner wahren chemischen Beschaffen- 
heit näher kennen zu lernen, wurde eine genaue Analyse davon 
unternommen. Ich wählte hierzu einen Gneus von einem tiefer 
liegenden Abbau der Grube Himmelfahrt (aus dem Förstenbau 
des Erzengel Stehenden, über der fünften Gezeugstrecke), wo von 
einer Einwirkung der Tagewasser nicht die Rede sein konnte, 
weder auf die dichte Gangmasse, noch auf den fest damit ver- 
wachsenen Gneus. Letzterer hatte das vorher geschilderte ge- 
bleichte Aussehn, doch bildete er eine wenn auch leichter als 
frischer Gneus zersprengbar- , immer noch ziemlich feste Masse 



88 



von der charakteristischen Struktur des grauen Gneuses, in wel- 
cher der Fettquarz anscheinend fast unverändert geblieben, der 
Feldspath aber zu einer glanzlosen amorphen Masse umgewan- 
delt worden war. Die chemische Zerlegung ergab folgende pro- 
centische Zusammensetzung nach Dr. Rube's und meinen Be- 
stimmungen, zu welchen wir das Material aus etwa 10 Pfund 
gepulverter Gneusmasse entnahmen. 





XXXIV. 


Kieselsäure 


61,69 


Titansäure 


0,73 


1 nonerde 


^1,74 


Eisenoxyd 


0,43 


Kalkerde 


1,07 


Magnesia 


1,15 


Kali 


2,69 


Natron 


0,30 


Wasser 


3,96 


Flussspath 


1,20 


Schwefelkies 


4,26 


Kupferkies 


0,23 


Bleiglanz 


0,09 


Schwefelsilber 


Spur 




99,54 



Aus den Erfahrungen, welche man bei der Zersetzung der 
Feldspäthe durch kohlensäurehaltige Wässer gemacht hat, und 
wegen der chemisch nachweisbaren vollkommenen Unlöslichkeit 
kieselsaurer Thonerde in Solutionen von kohlensaurem und kau- 
stischem Alkali muss man schliessen, dass bei der Zersetzung 
unseres Gneuses durch die ursprüngliche Gangsolution die Thon- 
erde der einzige Bestandtheil war, welcher keine Gewichtsver- 
änderung erlitt. Gehen wir daher von der Thonerdemenge als 
einer constanten aus, und legen wir dabei die (S. 73) berechnete 
Zusammensetzung des grauen Gneuses zu Grunde — welche in 
so naher Uebereinstimmung mit den Resultaten der Analysen 
steht — so können wir durch einfache Proportionen ermitteln: 
1) die Gewichts-Abnahmen (und respective Zunahmen), welche 
sämmtliche übrigen Bestandteile erlitten haben, und daraus 



89 



2) die fortgeführten (und respective aufgenommenen) Gewichts- 
mengen dieser Bestandteile. Die Resultate dieser Berechnung 
habe ich im Folgenden zusammengestellt. 



A. 



B. 



Normaler 


Zersetzter 


grauer Gn. 


grauer Gn. n. 






AnLXXXIV. 


Kieselsäure 


65,42 


38 80 


Titansäure 


1,05 


0,46 


Thonerde 


13,68 


13 68 


Eisenoxyd 


4,26 « 


0,27 \ 


Eisenoxydul 


2,88 1 




Kalkerde 


1,44 1 


18 80 °' 6? l 
^ 18 > 80 0,73 ( 


Magnesia 


2,66 | 


Kali 


6,18 1 


1,70 1 


Natron 


1,38 


0,19 1 


Wasser 


1,05 


2,49 


Flusspath 




0,76 


Schwefelkies Spur 


2,68 


Kupferkies 


Spur 


0,15 


Bleiglanz 


Spur 


0,06 


Schwefelsilber — 


Spur 


100,00 


62,64 



Bei dieser Zersetzung 
fortgeführte (-^) und 
aufgenommene (-f~) 
Bestandtheile 

- 26,62 
-r- 0,59 



3,56 



3,99 
2,88 
0,77 
1,93 
4,48 
1,19 
+ 1,44 
+ 0,76 
+ 2,68 
+ 0,15 
+ 0,06 
+ Spur 



42,45 
5,09 



15,24 



37,36 



100,00 



Aus Columne C ersieht man, dass ausser der in bedeuten- 
der Menge fortgeführten Kieselsäure (nebst Titansäure) folgende 
wesentliche Veränderungen des normalen grauen Gneuses bei 
seiner Zersetzung durch die ursprüngliche Gangsolution vor sich 
gegangen sind. 

1) Von der Gesammtmenge der im normalen grauen 
Gneuse ausser Thonerde vorhandenen fixen Basen 
= 18,80 Procent wurden 15,24 Procent fortgeführt. Im 



90 



Verhältniss zu den ursprünglich vorhandenen fixen Ba- 
sen sind also 7^™-, das sind = 81,1 Procent dieser 
lo,oU 

Basen fortgeführt oder doch ihren ursprünglichen Ver- 
bindungen entzogen worden. Da sich dies auf einen 
Gneus bezieht, der keinesweges zu den meist zersetzten 
gehörte, so erreicht der Basenverlust unzweifelhaft mit- 
unter eine noch bedeutendere Höhe. 

2) Ganz besonders macht sich diese Wirkung bei den Oxy- 
den des Eisens geltend. Von 4,26 Procent Eisenoxyd 
( — 3,83 Fe ) und 2,88 Procent Eisenoxydul (zusammen 
(— 6,71 Fe) sind nicht weniger als 3,99 Procent Eisen- 
oxyd ( p 3,59 Fe) und die sämmtlichen 2,88 Procent 
Eisenoxydul (zusammen e= 6,47 Fe) entfuhrt worden. 
Im Verhältniss zu den ursprünglich vorhandenen Eisen- 

6 47 

oxyden wurden daher • ' = 96,5 Procent der ge- 
o, ( 1 

sammten Menge des oxydirten Eisens fortgeführt. 

3) Der Wassergehalt ist von 1,04 Procent auf 2,49 Procent 
gestiegen , was von der Bildung wasserhaltiger Silicate, 
wie Kaolin und dergleichen herrührt. 

4) An Schwefelmetallen sind im Ganzen 2,89 Procent nebst 
einer Spur Schwefelsilber aufgenommen worden. Davon 
bildet der aus dem Eisengehalt des schwarzen Glimmers 
gebildete Schwefelkies die Hauptmasse. Er hat sich un- 
regelmässig im zersetzten Gneuse angesiedelt und sich 
zum Theil in die den Gneus durchsetzenden Gangtrümer 
und Aederchen gezogen. Jedenfalls hätte die Analyse 
einen noch beträchtlich höheren Gehalt an Schwefelkies 
ergeben, wenn nicht beim Aussuchen der Gneusstücke 
absichtlich alle solche Partien zurückgelassen worden wä- 
ren, in denen grössere Mengen Schwefelkies sichtbar 
waren. 

5) Die ebenfalls aufgenommenen 0,76 Procent Flussspath 
sind aus einem nur annähernd bestimmten Fluorgehalt be- 
rechnet worden, der wahrscheinlich etwas zu gering gefun- 
den wurde. Möglicherweise ist auch die übrige Kalkerde, 



91 



0,67 Procent, zum Theil oder ganz als fein eingespreng- 
ter Flussspath vorhanden. 

Es bedarf keines weiteren Nachweises, dass alle diese, aus 
der Beschaffenheit des zersetzten grauen Gneuses ableitbaren Re- 
sultate auf das Vollkommenste mit meinen oben ausgesprochenen 
Ansichten harmoniren , nach welchen der graue Gneus 
durch seinen schwarzen Glimmer pr ä ci pi ti r e n d 
auf die Erzmassen der Gänge gewirkt hat. — 

Man könnte sich durch diese von Thatsachen unterstützte 
Theorie der Erzbildung und Erzvertheilung auf Gängen zu einer 
weiteren Verfolgung derselben angeregt fühlen , wenn uns dies 
nicht über die vorgesteckten Grenzen unserer Aufgabe hinaus 
führen würde. Ohne daher auf die innere Architektur der Erz- 
gebirgischen, und in specie der Freiberger Silbererzgänge näher 
eingehen zu können, mögen hier wenigstens einige darauf bezüg- 
liche allgemeine Bemerkungen ihren Platz finden. 

Die Solutionen der nichtmetallischen und der metallischen 
Mineralien scheinen in manchen Gängen gleichzeitig, in anderen 
zu verschiedenen Zeiten, mitunter in mehrfachen Abwechselungen 
eingeführt worden zu sein. Dass bei der Präcipitation beider 
Arten von Mineralien nicht immer neue entsprechende Mengen 
des schwarzen Glimmers zersetzt zu werden brauchten, sondern dass 
hierbei auch — und oft wohl vorzugsweise — die an den Gang- 
wänden bereits früher abgesetzten Mineralien von grossem Ein- 
fluss waren, liegt auf der Hand. Allein da letztere ihren Ab- 
satz jenem Glimmer verdankten, so bleibt es immer dieser Ge- 
mengtheil des grauen Gneuses, dem wir eine Hauptrolle bei der 
Präcipitation der Erzmassen zuschreiben müssen ; möge er sich 
nun dabei direkt oder indirekt betheiligt haben. — Will man 
durch die Leuchte der Theorie die überaus mannigfaltigen Er- 
scheinungen der Freiberger Erzgänge einer rationellen Erklä- 
rung zugänglich machen, so ist hierbei endlich nicht ausser Acht 
zu lassen, dass viele dieser Gänge, theils durch eindringende 
Tagewasser, theils durch neuere Quellenwirkungen, sehr we- 
sentlichen und weit um sich greifenden Umbildungen unterwor- 
fen gewesen sind, die leider oftmals nichts weniger als eine Ver- 
edelung des Inhalts zur Folge hatten. 

Wir haben bei diesen Versuchen die gangveredelnde Eigen- 
schaft des grauen Gneuses im Gegensatz zum rothen Gneuse zu 



92 



motiviren ein Hülfsmittel noch unbeachtet gelassen, zu welchem 
man früher, in der Noth der Erklärung, mehrfach seine Zuflucht 
genommen hat. Ich meine die elektrischen und galvanischen 
Strömungen. Dass solche Strömungen auf Gängen existiren, ist 
unter andern durch Herrn Oberbergrath Reich*) für Freiber- 
ger Gänge nachgewiesen worden; und ich hatte früher selbst 
Gelegenheit, mich in Gegenwart des genannten umsichtigen For- 
schers davon zu überzeugen. Ob dieselben aber auch während 
der Zeit der Gangausfüllung vorhanden waren , und ob sie sol- 
chenfalls eine wesentliche Rolle hierbei spielten , ist bisher eine 
offene Frage geblieben. Selbst wenn wir ihr damaliges Vorhan- 
densein annehmen, fehlt uns noch Manches, um uns ihre präci- 
pitirende Wirkung auf die Gangsolution klar zu machen. Wir 
wollen uns daher nicht von Neuem ins Gebiet der Hypothesen 
wagen, da es diesmal weniger verbürgt sein dürfte glücklich 
wieder heraus zu kommen. Nur so viel mag hier angedeutet 
werden, dass, wenn derartige Strömungen vom Seitengestein aus 
auf die ursprüngliche Solution in den Gangspalten wirkten, der 
graue Gneus — wegen seines in viel grösserer Menge vorhan- 
denen metallreichen und durch eigentümliche Struktur verkette- 
ten Glimmers — hierbei möglicherweise ein besserer Leiter war 
als der rothe Gneus. Vielleicht hat neben dem Eisenreichthum 
auch der hohe Titangehalt des schwarzen Glimmer mitgewirkt. 
Der Gesammtgehalt an Titan, Eisen und Mangan, wenn diese 
Metalle als reducirte in Rechnung gebracht werden, beträgt beim 
Glimmer des grauen Gneuses etwa 18 Procent, beim Glimmer 
des rothen noch nicht 6 Procent. Auch könnte man eine Un- 
terstützung dieses Leitungsvermögens noch darin finden, dass, 
wie oben (s. Anal I, a, IV und VI) angeführt wurde, im grauen 
Gneuse kleine Mengen von Schwefelmetallen fein eingesprengt 
vorzukommen pflegen, die zwar auch im rothen Gneuse spuren- 
weis, aber jedenfalls in noch geringerer Menge angetroffen wur- 
den. Der als Granit auftretende rothe Gneus von Altenberg 
(s. Anal. XII), welcher keine Silbererz-, sondern Zinnsteingänge 
enthält, kann hierbei nicht in Betracht kommen. — 

Fassen wir bei unserm Erklärungsversuch einstweilen vor- 
zugsweise die nachgewiesene, rein chemische — basische — Wir- 



*) Ueber elektrische Strömungen auf Erzgängen. Karsten und 
v. Dechen's Archiv, Bd. 14, S. 141. 



93 



kung des grauen Gneuses ins Auge, so liegt es nahe, uns nach 
anderen Beispielen umzusehen, welche in den Kreis unserer Un- 
tersuchungen gezogen werden können und unsere Theorie ent- 
weder unterstützen oder ihr widersprechen. In dieser Beziehung 
verdanke ich den reichen praktischen Erfahrungen der Herren 
Oberbergrath v. Warksdorff und Obereinfahrer Mi) eller fol- 
gende Mittheilungen : 

Veredelnd wie der graue Gneus wirken auf durchsetzende 
Silbererzgänge im Erzgebirge ausserdem noch: Grünsteine 
und Gabbro (überhaupt Hornblende- und Augitgesteine) ; ferner 
Kalksteine. 

Verunedelnd wie der rothe Gneus, wirken hierbei: 
Glimmerschiefer, Thons chiefer, anscheinend und wahr- 
scheinlich auch Porphyre, Granit und Quarzit; doch lie- 
gen im Ganzen nur wenige Beispiele vor, wo man Erzgänge 
innerhalb dieser drei letzteren Gesteine beobachten konnte. 

Die veredelnde Wirkung der eisenreichen basischen Horn- 
blende- und Augitgesteine steht im vollkommenen Einklänge 
mit unserer Theorie ; ebenso die der Kalksteine, welche oft eisen- 
schüssig sind, und in denen Gehalte an kohlensaurem Eisenoxy- 
dul und Manganoxydul nicht zu fehlen pflegen. 

Die verunedelnde Wirkung des Glimmerschiefers kann bloss 
im ersten Augenblicke befremden. Der Glimmerschiefer, aus 
Quarz und Glimmer bestehend, kann wohl nur hochsilicir- 
ten Glimmer, wie wir ihn im rothen Gneuse antreffen, enthalten. 
Dass dieser zugleich eisen arm ist, wird durch seine lichte, oft 
sogar silberweisse Farbe bewiesen. 

Aehnlich mag es sich mit dem hier in Betracht kommenden 
Thonschiefer des Erzgebirges verhalten. Zu einer genaueren 
Kenntniss seiner chemischen Constitution werden wir durch die 
beabsichtigte Fortsetzung der vorliegenden Arbeit gelangen. 
Dass Porphyre, Granit und Quarzit , wenn nicht ganz besondere 
Nebenumstände dabei stattfinden, sich in ihrer verunedelnden 
Wirkung dem rothen Gneuse anschliessen müssen, ist selbstver- 
ständlich. 

Obgleich unsere Ansichten durch diese weitere Prüfung 
nicht erschüttert wurden, ja selbst an wichtigen Belegen für ihre 
Richtigkeit gewannen , so will ich mir keinesweges verhehlen, 
dass wir uns stets innerhalb des Sächsischen Erzgebirges bewegt 
haben. Wenn auch nun dieses Gebirge, sowohl in Bezug auf 



94 



die ausserordentliche Menge und Mannigfaltigkeit der darin auf- 
setzenden Erzgänge, als in Bezug auf Betriebsleitung des Berg- 
baues und genaue Kenntniss der geognostischen Verhältnisse, 
so zu sagen ein klassisches Gebirge genannt zu werden verdient, 
so kann dies doch nicht dazu berechtigen, unserer Theorie eine 
allgemeine Gültigkeit beizulegen; ja es lässt sich a priori sehlie- 
ssen, dass sie dieselbe schwerlich besitzen kann. Denn unleug- 
bar sind noch mancherlei andere chemische und physische Um- 
stände denkbar, welche bei der Erzausfüllung der Gänge eine 
wesentliche Rolle spielen konnten und nach bergmännischen Er- 
fahrungen wirklich gespielt haben. Wenn die Erzmassen aller 
Erzgänge als durch das Seitengestein präcipitirt zu betrachten 
wären, wie könnte man solchenfalls z. B. in der grossen Quar- 
zitformation von Tellemarken in Norwegen zahlreiche Gänge mit 
Kupfererzen (Buntkupfererz, Kupferkies, Kupferglanz, zum Theil 
begleitet von Molybdänglanz) antreffen? Im Jahre 1844 hatte 
ich Gelegenheit, diesen Erzdistrikt theilweise zu bereisen und 
habe eine kurze Beschreibung meiner hierbei gesammelten Er- 
fahrungen veröffentlicht.*) Allerdings kommen in diesem Quarzit 
Hornblendegesteine eingelagert vor, und die Kupfererzgänge 
scheinen meistens an diese gebunden ; doch fehlt es auch nicht 
an Beispielen, wo derartige präcipitirende Massen nicht unmittel- 
bar als Nebengesteine der Gänge beobachtet werden konnten. 
Noch weniger aber dürfte das eigenthümliche Vorkommen der 
kupferglanzführenden Granitgänge in Sätersdalen **) zu den Fäl- 
len gehören, welche sich unserer Theorie ohne Weiteres unter- 
ordnen. Dagegen scheinen die berühmten Kongsberger Silber- 
erzgänge, wenigstens theilweise, ihren Silberreichthum ähnlichen 
chemischen und physischen Wirkungen zu verdanken, wie sie 
hier in Betracht gezogen wurden. 

J. Die chemische und geologische Bedeutung des 
Wassergehaltes der Glimmer im grauen, rothen und 
mittleren Gneuse. 

Die Analysen XXVII bis XXXIII haben ergeben, dass so- 
wohl die Glimmer des grauen, als die des rothen und mittleren 

*) Resultater af en mineralogisk Reise i Teilemarken 1844. Nyt 
Magazin for Naturvidenskaberne, Bd. 4, S. 405 bis 432. 
**) Ebend. S. 411 bis 416. 



95 



Gneuses wasserhaltig sind. Durch anhaltendes stärkeres Glühen 
wird dieser 3,48 bis 4,79 Procent betragende Wassergehalt aus- 
getrieben, besonders wenn der Glimmer vorher fein gerieben 
wurde. Erhitzt man ihn in Form von grösseren Blättchen, so 
entweicht das Wasser erheblich schwerer und lässt sich kaum 
zum vollständigen Entweichen bringen, wenigstens bei Anwen- 
dung einer gewöhnlichen Spiritus-Gebläselampe. Jede geglühte 
Glimmer-Lamelle, welche ihren Wassergehalt ganz oder auch nur 
theilweise verlor, hat ihre Durchsichtigkeit — und in Folge 
davon ihre optischen Eigenschaften — eingebüsst; sie ist nun- 
mehr ein zersetztes chemisches Produkt, welches eines seiner 
chemischen Bestandteile beraubt wurde und dadurch auch ver- 
änderte physische Eigenschaften annehmen musste. Dass alle 
diese Glimmer frei von einem Fluorgehalte sind, habe ich be- 
reits früher bemerkt. 

Wollte man die 3,48 bis 4,79 Procent Wasser in unseren 
Glimmern als sogenanntes Hydratwasser betrachten, so würde 
man sich vergeblich bemühen, einigermaassen wahrscheinliche 
chemische Formeln für diese Mineralien ausfindig zu machen. 
Es bleibt daher nichts übrig, als auch das Wasser als eine Base 
zu betrachten. Wie ich früher durch zahlreiche Beispiele dar- 
gethan habe, ist man solchenfalls berechtigt 3 Atome Wasser 
als polymer-isomorph *) mit 1 Atom einer fixen Base, wie Mag- 
nesia, Eisenoxydul, Manganoxydul u. s. w. in Anschlag zu brin- 
gen. Daraus folgt, dass man bei der Sauerstoff-Berechnung der 
Analyse den dritten Theil vom Sauerstoff des Wassers zum 
Sauerstoff der fixen Basen R addiren muss.**) Ein solches 
Verfahren wurde bereits oben bei Berechnung der Sauerstoff- 
Verhältnisse sämmtlicher Glimmer XXVII bis XXXIII ange- 
wendet. Die höchst einfachen und dabei keine andere Deutung 
zulassenden Zahlen-Resultate sprechen so klar und scharf für 
meine Theorie, dass es überflüssig sein würde, weitere Bemer- 
kungen hierüber zu machen. 

Glimmer, welche ganz dieselbe oder doch eine verwandte 

*) Artikel: Isomorphismus, polymerer, in v. Liebig, Woeh- 
ler u. Poggendorff's Handwörterbuch der Chemie. Auch als besonde- 
rer Abdruck bei Vieweg in Brauuschweig 1850 erschienen. 

**) Die durch das basische Wasser vermehrten Basen bezeichne ich 
zum Unterschiede von den wasserfreien Basen R durch Einklammerung, 
also durch (B), 



96 



chemische Constitution besitzen, wie die beiden schwarzen Glim- 
mer des grauen Gneuses 

(R) 3 Si + R Si* 
und 2(R) 3 Si + 3R Si 

allgemein =m(R) 3 Si -f- nR Si — (a) 

oder wie der lichte Glimmer des rothen Gneuses 

(R) Si -f R Si 
allgemein vielleicht == m (R) Si + n R Si — — — (ß) 
kommen unzweifelhaft auch in vielen anderen Gesteinen vor. 
Es fragt sich, in wie weit bereits vorhandene Analysen hierüber 
Aufschluss geben ? Ehe wir jedoch in dieser Absicht die zahl- 
reichen Glimmer-Analysen durchmustern, welche sich in Dana's 
Mineralogy und in Rammelsberg's Handbuch der Mineralche- 
mie zusammengestellt finden, müssen wir einige Umstände in Be- 
tracht ziehen, welche leider den hierbei aus den Arbeiten ande- 
rer Forscher zu ziehenden Nutzen sehr beeinträchtigen. Zunächst 
ist bei allen älteren Analysen zu erwägen, dass die zur Bestim- 
mung der Kieselsäure, Trennung der Magnesia von der Thon- 
erde, Abscheidung des Manganoxyduls u. s. w. angewendeten 
Methoden mehr oder weniger mangelhaft waren ; was jedoch in 
manchen Fällen wohl keine sehr erheblichen Fehler nach sich 
zog. Demnächst hat man bei nur wenigen Glimmer-Analysen 
auf die so häufig nebeneinander auftretenden beiden Oxyda- 
tionsstufen des Eisens Rücksicht genommen. Dies macht leider 
eine sehr grosse Anzahl dieser Analysen, trotzdem manche der- 
selben von anerkannten Meistern herrühren, für unseren Zweck 
völlig unbrauchbar. Ausserdem wurden die für gewisse Klassen 
von Glimmern anscheinend charakteristischen Titansäuremengen 
— im Glimmer des rothen Gneuses nur unbedeutend, in dem 
des mittleren sich auf 0,99 bis 1,72 Procent belaufend, in dem 
des grauen Gneuses aber 2,47 bis 3,16 Procent erreichend — 
so gut wie gänzlich übersehen. Ferner mussten die Wasserge- 
halts-Bestimmungen — angenommen selbst, dass man sie, was 
selten der Fall, mit der nöthigen Sorgfalt vornahm — bei allen 
denjenigen Glimmern unrichtig ausfallen , bei welchen man die 
Oxydationsstufen des Eisens (und Mangans) nicht näher bestimmte. 
Endlich kommt noch hinzu, dass viele der analysirten Glimmer 
fluorhaltig waren, mehrere in sehr bedeutendem Grade, wodurch 
sich die Schwierigkeiten der Analyse erhöhten und leicht Fehler bei 
der Bestimmung einiger der andern Bestandtheile entstehen konnten. 



97 



Begeben wir un9 jetzt mit der durch diese Umstände ge- 
botenen Vorsicht an die Sichtung des anscheinend so reichen 
Materials. Wir finden in dem RAMMELSBKRG'schen Handbuch 
nicht weniger als 73 Analysen angeführt, welche sich auf 
56 Arten von Glimmern verschiedener Zusammensetzung und 
Fundstätten beziehen. Widmen wir einer jeden der drei che- 
mischen Hauptklassen dieser Glimmer — Magnesia-, Kali- und 
Lithion-Glimmer — eine besondere Betrachtung. 

Magnesia-Glimmer. Es stehen uns davon in dem ge- 
nannten Werke 31 Analysen 25 verschiedener Glimmer mit 
Wassergehalten bis zu 4,30 Procent zu Gebote. Da aber nur 
bei 5 dieser Analysen (No 11, 13, 16, 24 und 25) Eisenoxyd 
und Eisenoxydul näher bestimmt wurden, und da ausserdem 
3 Analysen (No. 1 , a, b , c) eisenfreier Glimmer vorkommen, 
so bieten sich vorläufig 8 Analysen als brauchbar für unseren 
Zweck der Vergleichung. Von den letzteren 3 muss aber eine 
Analyse (No. l,a) als offenbar ungenau ausgeschieden werden, da sie 
sich auf einen Glimmer von dunkelgelbbrauner Farbe bezieht, in wel- 
chem nichtsdestoweniger ausser einer Spur Eisen keine färbenden 
metallischen Bestandteile angegeben werden. Folglich bleiben uns 
im Ganzen 7 Analysen für unsere weiteren Betrachtungen. Dies 
sind folgende: 





(a) 


(b) 


(c) 


m 


(e) 


(0 


(g) 


Kieselsäure 


40,36 


40,36 


41,20 


41,00 


42,12 


41,22 


39,44 


Titansäure 
















Thonerde 


16,45 


16,08 


12,37 


16,88 


12,33 


13,92 


9,27 


Eisenoxyd 


Spur 


Spur 


6,03 


4,50 


10,38 


21,31 


35,78 


Eisenoxydul 






3,48 


5,05 


9,36 


5,03 


1,45 


Manganoxydul — 




1,50 






1,09 


2,57 


Magnesia 


29,55 


30,25 


19,03 


18,86 


16,15 


4,70 


3,29 


Kalkerde 






1,63 






2,58 


0,75 


Kali 


7,23 


6,07 


7,94 


8,76 


8,58 


6,05 


5,06 


Natron 


4,94 


4,39 


1,28*) — 




1,40 




Wasser 


0,95 


2,65 


2,90 


4,30 


1,07 


0,90 


? 


Fluor 


Spur 


Spur 


1,06 


Spur 




1,58 


0,29 




99,48 


99,80 


98,64 


99,35 


100,49 


99,78 


97,90 


(No.l,b) (l,c) 


(11) 


(13) 


(16) 


(24) 


(25) 



*) Ausserdem 0,22 Procent Lithion, was bei der Summe 98,64 in 
Rechnung gebracht ist. 

Zeits. d. d. geol. Ges. XiV. 1 7 



98 



Keine dieser Analysen giebt Titansäure an, obgleich es doch 
sehr wahrscheinlich ist, dass derartige Glimmer — besonders 
die eisenreichen — titanhaltig sind. Die Analysen (c) und (g) 
zeigen etwas starke Verluste, 1 ,36 und 2,10 Procent. Bei 
letzterer fehlt die Angabe des Wassergehaltes ; vielleicht lassen 
sich also diese fehlenden 2,10 Procent als Wasser betrachten. 
Die 7 Analysen (a) bis (g) beziehen sich auf folgende Glimmer. 

(a) Farbloser silberglänzender Glimmer von St. Lawrence, 
New-York; nach Craw. 

(b) Ein ähnlicher Glimmer von daher; nach Demselben. 

(c) Glimmer aus dem Glimmerporphyr (Minette) von Ser- 
vance in den Vogesen ; nach Delesse. Er ist theils von brau- 
ner, theils von grünlicher Farbe. 

(d) Glimmer von Karosulik, Grönland; nach v. Kobell. 

(e) Glimmer von Miask, Ural; nach Demselben. Von braun- 
schwarzer Farbe. 

(f) Glimmer aus dem Protogin der Alpen ; nach Delesse. 
Dunkelgrün. Durch Salzsäure vollständig zersetzbar. 

(g) Glimmer von Abborforss, Finnland; nach Svanberg. 

Als Sauerstoff- und Atom-Verhältnisse dieser Glimmer er- 
geben sich nach den angeführten Analysen die folgenden. Zu- 
gleich wurden die nach meiner Theorie daraus ableitbaren For- 
meln dabei gesetzt und mit den Formeln (a) und (ß) der Glim- 
mer des grauen und rothen Gneuses, wie sie so eben (S. 96) 
angeführt wurden , verglichen. 

Si : '& : (ß) 

(a) Sauerstoff gefunden 20,96 : 7,69 : 14,59 

„ berechnet 21 : 7 : 14 = 3:1:2 

Atome = 3:1:6 

Formel = 2 (ß) 3 Si + R Si wie (a) 

(b) Sauerstoff gefunden 20,96 : 7,52 : 15,03 
Wohl mit dem vorigen identisch — — — wie (a) 

(c) Sauerstoff gefunden 21,39 : 7,59 : 11,83 

berechnet 22 : 7,33 : 11 = 6:2:3 
Atome — 6:2:9 

Formel = (R) 9 Si 4 + 2 R Si 



99 



(d) Sauerstoff gefunden 21,29 : 9,23 : 11,41 

berechnet 21,29 : 8,52 : 12,77 ^ 5:2:3 
Atome — 5:2:9 

Formel =? 3 (R) 3 Si + 2 R Si wie (a) 

Si : R : (R) 

(e) Sauerstoff gefunden 21,87 : 9,10 : 10,31 

„ berechnet 21,8:8,75 : ? = 5:2:? 

(f) Sauerstoff gefunden 21,42 : 12,89 : 5,55 

berechnet 21,42 : 12,24 : 6,12 = 7:4:2 

Atome = 7:4:6 

Formel = 3 (R) 2 Si + 4 R Si 

(g) Sauerstoff gefunden 20,48 : 15,06 : 3,28 

berechnet 20 16 : 4? = 5:4:1? 

Hiernach hat es Wahrscheinlichkeit, dass die Glimmer (a), (b)^ 
(d) eine chemische Constitution besitzen, welche der des schwarzen 
Glimmers im grauen Gneuse verwandt ist. Mit Sicherheit lässt 
sich jedoch hierüber nur durch, neue Analysen entscheiden , bei 
welchen man Fehler zu vermeiden sucht, über die uns unsere 
fortgeschrittenen Erfahrungen leicht hinweghelfen , während es 
früher mehr oder weniger unvermeidlich war sie zu begehen. 

Vor etwa drei Jahren veranlasste ich Herrn Achille De- 
france in meinem Laboratorium einen schwarzen Glimmer 
aus der Gegend von Brevig zu analysiren *) , welcher in 
einer Varietät des Norwegischen Zirkonsyenits in grossen 
Krystallen vorkommt, die mitunter mehrere Zoll. Länge und über 
zwei f Zoll Durchmesser besitzen. Das Resultat der Analyse 
war folgendes: 



•) Jahrbuch für den Berg- und Hüttenmann. 1861. S. 264. 



7* 



100 



Sauerstoff : 



Kalkerde 
Magnesia 



Kali 

Natron 

Wasser 



Eisenoxydul 
Manganoxydul 



Titansäure 

Thonerde 

Eisenoxyd 



Kieselsäure 



35,93 18,65 j 

0,99*) 0,40 } 

10,98 5,13 j 

9,82 2,94 j 

26,93 5,98 \ 

0,72 0,16 J 

1,04 0,30/ 

5,13 2,05 \ 

0,24 0,04 [ 

5,18 1,33 \ 
4,30 (3,83- 1,28 ] 



19,05 



11,14 



8,07 



19,21 



101,26 



Das Sauerstoff- Verhältniss Si -f Ti : R + (R) = 19,05 : 19,21 
zeigt, dass der Sauerstoff der Säuren gleich ist dem Sauerstoff 
der Basen, und dass folglich dieser Glimmer die chemische Con- 
stitution des schwarzen Glimmers im grauen Gneuse besitzt, wie 
dieselbe durch die allgemeine Formel (a) ausgedrückt wird. Da 
sich der Sauerstoff der Basen R zum Sauerstoff der Basen (R) 
wie 8,07 : 11,14, annähernd wie 2 : 3, verhält, so ist wohl die 
specielle Formel dieses Glimmers 



Sauerstoff- Verhältniss : 

Si : R : (R) 

nach der Analyse 19,05 : 8,07 : 11,14 

berechnet nach der Formel 19,05 : 7,62 : 11,43 

Einen ähnlichen schwarzen Glimmer aus dem Zirkonsyenit 
derselben Gegend, aber von einer andern Localität, welche durch 
das Vorkommen ausgezeichnet schönen Astrophyllits bekannt ist, 
habe ich vor Kurzem selbst analysirt. Auch dieser schliesst 
sich in seiner chemischen Zusammensetzung — bei welcher sich 
ein Titansäuregehalt von fast 4,25 Procent herausstellte — sehr 
nahe der chemischeu Constitution des schwarzen Glimmers im 
grauen Gneuse an. Da aber seine Zusammensetzung zugleich 



3 (R) 3 Si + 2 R Si 



— — wie (a) 



*) Diese Titansäuremenge dürfte etwas zu gering sein. 



101 



mit der des Astrophyllits und der eines begleitenden grünen 
Pyroxens in verwandtschaftlicher Beziehung steht, so behalte ich 
mir die Mittheilung dieser Analyse bis zur Publication einer 
Abhandlung über den Astrophyllit und seine Begleiter vor. 

K a 1 i - G 1 i m m e r. Im vorgenannten Werke finden wir 
25 Analysen von 22 derartigen Glimmern, mit Wassergehalten 
bis zu 5,69 Procent angeführt. Bei keiner einzigen derselben 
wurde auf die Oxydationsstufen des Eisens Rücksicht genommen; 
das Eisen wird, wo es vorhanden, durchgängig als Oxyd in 
Rechnung gebracht. Da sich inzwischen drei dieser Analysen 
auf eisenfreie Glimmer beziehen, so können wir diese wenigstens 
frei von einem solchen Mangel betrachten (No. 10, 15 u. 20). 





00 


(0 


(k) 


Kieselsäure 


49,97 


48,07 


46,75 


Titansäure 








Thonerde 


32,72 


38,41 


39,20 


Magnesia 


1,25 




1,02 


Kalkerde 






0,39 


Kali 


7,91 


10,10 


6,56 


Natron 


2,89 






Wasser 


4,46 


3,42 


4,90 


Chlor 


0,14 








99,34 


100,00 


98,82 




(No.10) 


(15) 


(20) 



(h) Weisser Glimmer von Monroe, Nord - Amerika; nach 
Brewer. 

(i) Weisser Glimmer von Zsidovacz, Ungarn; nach Kussin. 
(k) Weisser Glimmer von Unionsville, Pennsylvanien ; nach 

Darrack. 

Die Sauerstoff- und Atom-Verhältnisse dieser Glimmer nebst 
entsprechenden Formeln gestalten sich folgendermaassen : 

Si : & : (R) 
(h) Sauerstoff gefunden 25,94 : 15,30 : 3,91 

„ berechnet 25,94 : 15,56 : 3,46 = 5:3:} 

Atome == 5:3:2 

Formel = 2 (R) Si + 3 K Si wie (ß) 



102 



(i) Sauerstoff gefunden 24,95 : 17,95 : 2,72 

„ berechnet 24,95 : 16,63 : 2,77 3= 9:6:1 

Atome ?f 3:2: 1 

Formel kt (R) Si + 2 £ Si wie (ß) 

(k) Sauerstoff gefunden 24,27 : 18,33 : 3,05 

„ berechnet 24,27 : 18,20 : 3,03 =8:6:1 

Atome =8:6:3 

Formel = (R) s Si 2 + 6 R Si 

Die Formeln der Glimmer (h) und (i) scheinen sich mit- 
hin der Formel des lichten Glimmers im rothen Gneuse anzu- 
schliessen. 

Lithion-Glimmer. Von den im gedachten Werke auf- 
gestellten 17 Analysen 9 verschiedener Glimmer mit nur gerin- 
gen, höchstens 1 ,53 Procent betragenden Wassergehalten (was 
die Lithion-Glimmer zu charakterisiren scheint) sind 8 Analysen 
wegen Nichtbeachtung der Oxydationsstufen des Eisens für un- 
seren Zweck unbrauchbar, 4 Analysen aber wegen anderer, sich 
daran kundgebender analytischer Mängel auszuschliessen, so dass 
uns für Anstellung unserer Vergleiche nur folgende 5 Analysen 
übrig bleiben (No. l,e, 5c, d, 6 u. 8), 





(1) 


(m) 


(n) 


(0) 


(P) 


Kieselsäure 


46,52 


52,40 


51,70 


50,91 


50,35 


Thonerde 






26,76 


28,17 


28,30 




21,81 


26,80 


Eisenoxyd 


4,68 










Manganoxyde 




1,66 


1,29 


1,20 


1,37 


Eisenoxydul 


6,80 










Manganoxydul 


1,96 










Magnesia 


0,44 




0,24 






Kalkerde 






0.40 






Kali 


9,09 


9,14 


10,29 


9,50 


9,04 


Natron 


0,39» 




1,15 






Lithion 


1,27 


4,85 


1,27 


5,67 


5,49 


Fluor *) 


7,47 


4,18 


7,12 


3,90 


4,94 


Phosphorsäure 


0,13 




0,16 







100,56 99,03 100,38 99,35 99,49 
(No.l,e) (5,c) (5,d) (6) (8) 



*) Das Fluor wurde als ein gleiches Aequivalent Sauerstoff vertre- 
tend angenommen. 



103 

(1) Lithionglimmer von Zinnwald im Sächsischen Erzge- 
birge; nach Ramiyielsbf.kg. 

(m) Lepidolith von Rozena, Mähren; nach Regnault. 
(n) Lepidolith von ebendaher; nach Rammelsberg. 
(o) Lithionglimmer von Utö, Schweden; nach Turner. 
(p) Lithionglimmer vom Ural ; nach Turner. 

Die Sauerstoff- und Atom-Verhältnisse nebst entsprechenden 
Formeln dieser Glimmer sind: 

Si R R 

(1) Sauerstoff gefunden 24,15 : 11,60 : 4,44 

berechnet 24,15 : 12,07 : 4,02 = 6:3:1 
Atome =2:1:1 
Formel = R Si + R Si wie (ß) 

(m) Sauerstoff gefunden 27,21 : 13,03 : 4,22 

„ berechnet 27,21 : 13,60 : 4,53 = 6:3:1 

Atome = 2:1:1 
Formel = R Si + R Si — wie (ß) 

(n) Sauerstoff gefunden 26,84 : 12,88 : 2,95 

„ berechnet 26,84 : 13,42 : 3,35 = 8:4:1 

Atome =8:4:3 

Formel = R 3 Si 4 +4R Si 

(o) Sauerstoff gefunden 26,43 : 12,35 : 4,73 

„ berechnet 26,43 : 13,22 : 4,41 =6:3:1 

Atome =2:1:1 
Formel = R Si + R Si wie (ß) 

(p) Sauerstoff gefunden 26,14 : 13,63 : 4,56 

„ berechnet 26,14 : 13,07 : 4,36= 6:3:1 

Atome =2:1:1 

Formel R Si + R Si — wie (ß) 

Wir treffen mithin bei diesen Lithionglimmern ganz dieselbe 
Form an wie bei dem Glimmer des rothen Gneuses, nur mit 
dem — diese Thatsache um so interessanter und wichtiger 
machenden — Unterschiede, dass die Lithionglimmer wasser- 
frei sind, während der Glimmer des rothen Gneuses wasserhal- 
tig ist. Die in letzterem nachgewiesenen 4,40 bis 4,79 Procent 



104 



Wasser (s. Anal. XXX u. XXXI) vertreten darin gewisser- 
maassen das Lithion. 

Dass das in der oben angegebenen Weise stattfindende 
Auftreten des Wassers als eine mit R polymer-iso- 
morphe Base nicht bloss für vereinzelte Fälle gilt, sondern 
sich bei vielen Silicaten plutonischer Entstehung geltend macht, 
habe ich für folgende Mineralien durch die dabei citirten ge- 
nauen Analysen bewiesen : 

1) Aspasiolith mit 6,73 Procent Wasser. (Ueber eine 
eigentümliche Art der Isomorphie. welche eine ausge- 
dehnte Rolle im. Mineralreiche spielt; Poggendorff's 
Annalen Bd. 68. S. 319 bis 375 — Beschreibung der 
Fundstätten des Aspasiolithes und Cordierites in der Um- 
gegend von Krageröe; von Leonhard u. Bronn's Jahr- 

. - buch, 1846. S. 798 bis 813.) 

2) Serpentin mit 12,61 Procent H. (Ebendaselbst in 
Pogg. Ann. — Artikel: Olivin, in v. Liebig, Poggen- 
dorff, Woehler und Kolbe's Handwörterbuch der 
Chemie). Eine neue Reihe von Serpentin - Analysen, 
welche bereits seit Jahren vollendet ist und zu deren 
Veröffentlichung ich nächster Zeit Müsse zu finden hoffe, 
wird das Auftreten des basischen Wassers im Serpentin 
(Ophit) mit noch grösserer Schärfe erweisen, als es durch 
die früheren, zum Theil mangelhaften Analysen geschehen 
konnte. 

3) Talk -Silicate mit 2,15 bis 9,83 Procent Ü. (Die 
chemische Constitution der Talke und verwandter Mine- 
ralien — krystallisirte Talke von amphibolitischer 
und augitischer Constitution, Talk-Di al lag, kry- 
stallisirter Talk von Pressnitz (neutrales Hydro-Talk- 
silicat) u. s. w. Beiträge zur näheren Kenntniss des 
polymeren Isomorphismus. Pogg. Ann. Bd. 84, S. 321 
bis 410> 

4) Epidot mit 2,02 bis 2,46 Procent H. (Beiträge zur nä- 
heren Kenntniss des polymeren Isomorphismus , zweite 
Fortsetzung, im Verein mit Herrn Bergrath Stockar- 
Escher in Zürich und meinem früheren Assistenten 
Professor Richter; Pogg. Ann. Bd. 95, S. 497 bis 520. 
— Bemerkungen über die chemische Constitution der 



105 



Epidote und Idokrase; Verhandlungen der K. Gesellsch. 
der Wissensch, zu Leipzig, math.-phys. Klasse. 1858. 
S. 165 bis 172.) 

5) Vesuvian, mit — 2,73 Procent H. Der Vesuvian 
von Vilui enthält Procent, derdes Vesuvs 1,67 Pro- 
cent H. (Beiträge zur näheren Kenntniss u. s. w. in 
Pogg. Ann. Bd. 95, S. 520 bis 533. — Nachtrag zu 
dieser Abhandlung ebendaselbst S. 615 bis 620.) 

6) Tr av e r s ellit, ein wasserhaltiger A ugit mit 3,69 Pro- 
cent H. (Ueber den Traversellit (3,69 Procent H) und seine 
Begleiter — Pyrgom (0 Procent H), Epidot (2,06 Pro- 
cent H), Granat (0 Procent H) — ein neuer Beitrag zur 
Beantwortung der plutonischen Frage; Verhandlungen d. 
K. Gesellsch. d. Wissensch, zu Leipzig, math.-phys. Kl. 
1858, S 91 bis 108). 

7) Hornblende des Norwegischen Zirkonsyenits mit 1,85 
Procent H. (Ueber die chemische Zusammensetzung der 
Hornblende des Norwegischen Zirkonsyenits, nach einigen 

_ vom Russ. Capitain v. Kovanko in meinem Laborato- 
rium angestellten Analysen; Erdmann's Journal, Bd. 65, 
S. 341 bis 345.) 

8) Nephelin mit 0,21 bis 2,05 Procent H. (Nach meinen 
früheren Analysen vesuvischer , russischer und norwegi- 
scher Nepheline, berechnet in Liebig, Poggendorff, 
Woehler und Kolbe's Handwörterbuch der Chemie, 
Artikel: Polyargit.) 

9) Pechstein, grüner, rother und schwarzer, von Meissen 
und Spechtshausen (nach 7 von verschiedenen meiner 
ehemaligen akademischen Schüler in meinem Laborato- 
rium vorgenommenen Analysen, welche Wassergehalte von 
5,15 bis 6,37 Procent ergaben; Liebig, Poggendürff, 
Woehler und Kolbe's Handwörterbuch der Chemie, 
Artikel : Pechstein.) 

Zu diesen Mineralien kommen jetzt 
10) Glimmer des Erzgebirgischen grauen, rothen und mitt- 
leren Gneuses, sowie des Norwegischen Zirkonsyenits, 
mit 4,40 bis 4,79 Procent H und 4,30 Procent H. 
Ferner habe ich durch Berechnungen, bei welchen die Ana- 
lysen anderer Forscher zu Grunde gelegt wurden, dargethan, 



106 



dass basisches Wasser, als polymer-isomorpher Vertreter der 
fixen Basen R, ausserdem noch in sehr vielen anderen Minera- 
lien enthalten ist, von denen ich hier beispielsweise die folgen- 
den anführe: 

11) Feldspäthe. l ) — Diploit (2 Proc. Wasser enthaltend) 
ist ein Labrador, in welchem basisches Wasser auf- 
tritt — Polyargit (5| Proc. Ö) und Roselan (6 j Proc. H) 
sind ±= Amphodelith (lj- Proc. M) — Bytownit 
(2 Proc. H), Felsit von Siebenlehn (1} Proc. Ü) und 
Vosgit (3f Proc. H) sind = Thj or sau it (0 Proc. H) — 
Labrador von Belfahy, Morea, Bötzen und Tyveholm 
(f bis 2| Proc. H) — Saccharit (2{ Proc. M) und An- 
desin a. d. Vogesen (i± Proc. H) -= Andesin a. d. An- 
den (0 Proc. H) — Linseit (7 Proc. H) = Lepolith 
(i | Proc. H). 

12) Viele Amphibole und Augite 2 ) (Mit Wassergehal- 
ten bis zu 3 Proc. und darüber, und zwar nicht bloss 
Dia 1 läge und Broncite, sondern auch Strahl- 
steine, gemeine Hornblenden und Augite. Fer- 
ner Kroky dol ith 3 ) (4 bis 5£ Proc. Ö), Thomson's 
Stellit (6,1 Proc. Ö), Kirwanit (4,35 Proc. U) und Stel- 
lit (0,2 bis 2,7 Proc. H) = Pektolith 4 ) 3,9 bis 
5,1 Proc. H.) — 

13) Pinite und verwandte Mineralien 5 ) mit 3,8 bis 

7,8 Proc. H. (Cordierit, Aspasiolith, Gigantolith, Fah- 
lunit, Praseolith, Chlorophyllit). 

14) Polyargit ) mit 0,2 bis 6,5 Proc. H). — Ampho- 



') Artikel: Oligoklas in Liebig, Poggendorff, Woehler u. Külrk's 
Handwörterbuch der Chemie. 

'*) Einige Bemerkungen über die chemische Constitution der Am- 
phibole und Augite, besonders in Bezug auf Rammelsberg's neueste Ana- 
lysen hierher gehöriger Species. Berichte d. K Gesellsch. d. Wissenschaf- 
ten zu Leipzig, math.-phys. Klasse. 1858, S. 109 bis 1"23; auch in Pogg. 
Ann. abgedruckt. — Eine ältere Abhandlung hierüber : Ueber die che- 
mische Constitution der Augite, Amphibole und verwandter Mineralien, 
in Pogg. Ann. Bd. 70, S. 545 bis 554. 

3 ) Pogg. Ann. Bd. 91, S. 382. 

") bis '') Betreffende Artikel in dem schon öfter citirten Handwör- 
terbuche der Chemie. 



107 



delith (0,60 bis 1,85 Proc. H), Polyargit (4.9 b. 5,8 H) 
u.Rosit (6,5 Proc.fi) =Nephelin (0,2 bis 2,1 Pro- 
cent H). 

15) C h 1 or i t und verwandte Mineralien 7 ) mit 10,5 bis 
12,5 Proc. H, (Ripidolith, Thuringit, Pennin). 

16) Pyrosklerit, 8 ) (11 Proc. H) und C ho n ikrit (9 Pro- 
cent fi). 

17) Phonolith ) (3,3 bis 5 Proc. fi). 

18) Schillerspath 1 °) (12.1 bis 12,4 Proc. H). 

19) Glimmer. ") Auch von mehreren Glimmern hatte 
ich bereits in meiner ältesten Abhandlung über diesen 
Gegenstand nachgewiesen, dass ihre chemische Zusam- 
mensetzung sich durch einfache Formeln ausdrücken 
lässt, sobald man das darin vorhandene Wasser als po- 
lymer-isomorph mit R betrachtet. Hierbei blieb aber 
mehr oder weniger Unsicherheit in Betreff der Oxyda- 
tionsstufen des Eisens. Doch hat es jedenfalls viel Wahr- 
scheinlichkeit, dass die Glimmer, von Monroe (nach 
v. Kobell), Abborforss und Sala (nach Svakberg) die 
allgemeine Formel des schwarzen Glimmers im grauen 
Gneuse besitzen, während der Glimmer von Broddbo (nach 
Svanberg) sich dem Glimmer des rothen Gneuses an- 
schliesst. 

Nachdem durch solche Thatsachen die chemische Rolle 
constatirt ist, welche das Wasser in zahlreichen Mineralien spielt, 
und zwar in Mineralien , welche wir vorzugsweise als Gemeng- 
theile k rys t allin i s c h er S il i catgest ein e — sowohl erup- 
tiver als metamorpher Art — antreffen, wird diesem so 
lange verkannten und theilweise ganz übersehenen Bestandtheile 
seine geologische Rolle von selbst angewiesen. Das Was- 
ser — gleich Magnesia, Eisenoxydul, Manganoxydul, Kalkerde, 



7 ) Artikel: Penn in in demselben Werke. 

8 ) und '') Betreffende Artikel daselbst. 

10 ) und ,J ) Ueber eine eigentümliche Art der Isomorphie, welche 
eine ausgedehnte Rolle im Mineralreiche spielt. Pogg. Ann. Bd. 68, 
S. 319 bis 383. 



108 



Kali, Natron und Lithion — als Base in Silicaten auftre- 
tend muss bei der Bildung sowohl dieser Silicate 
als der betreffenden Siiicatgesteine zugegen ge- 
wesen sein, und dadurch einen chemischen und phy- 
sischen Einfluss auf den gesammten Akt ihrer Ge- 
nesis ausgeübt haben. Ein solcher Schluss bewegt sich 
ganz innerhalb des legalen Weges 'der exacten Wissenschaft: 
seine Prämissen sind die durch Zahlen ausdrückbaren Ergebnisse 
genauer Analysen. Gegen das Schlagende eines solchen Bewei- 
ses und das Treffende dieses Schlusses kann man einzig und 
allein durch gleiche exacte Waffen anzukämpfen, nicht aber 
dadurch sich zu decken suchen , dass man , wie zum Theil ge- 
schehen ist, das Wasser auch dieser primitiven Silicate — 
die scharf zu unterscheiden sind von Afterbildungen und 
ähnlichen Zersetzungs-Producten *) — als einen post festum ein- 
gewanderten Bestandtheil verdächtigt. Obwohl dieses Verfahren 
für jeden exacten Forscher von Fach, der meinen Arbeiten nur 
einigermaassen Aufmerksamkeit geschenkt hat, bloss den Werth 
einer Schein-Parade haben kann, will ich auch einen solchen 
modus procedendi nicht unbeachtet lassen. Ich will mir hier- 
bei zunächst die Frage erlauben: was ist naturgemässer und 
einer strengen wissenschaftlichen Schlussfolge entsprechender, 

entweder 1) das Wasser, welches wir in natürlich vorkommen- 
den chemischen Verbindungen, wie z. B. Epidot, 
Idokras und Glimmer, als einen chemischen Be- 
standtheil finden , der darin das Fehlende fixer 

Basen K ersetzt , für einen ursprünglichen 
Bestandtheil dieser Silicate zu erklären, 
oder 2) dieses Wasser für später infiltrirtes aus- 
zugeben, und demselben damit die — für meh- 
rere solcher Silicate von mir speciell hervor- 
gehobene — unbegreifliche Function 
aufzubürden, Gesteinsschichten zu durchdringen, 
ohne von diesem Gewaltakte irgend eine er- 
kennbare Spur zurückzulassen, welche sich 



*) Man sehe meine „Bemerkungen und Beobachtungen über After- 
krystalle," besonderer Abdruck aus dem Handwörterbuche der Chemie; 
Braunschweig, Vieweg, 1857. 



109 



durch chemische Veränderung unmittelbar be- 
nachbarter und zum Theil weit leichter zersetz- 
barer Silicate manifestirte oder welche wenig- 
stens irgendwo den Ort erkennen liess, wo sich 
die durch solches Wasser entführten Basen 

Mg, Fe, Mn, Ca u. s. w. gegenwärtig auf- 
halten ? 

Wer sich für Bejahung des ersten Theiles unserer Frage 
entscheidet, fasst die Verhältnisse in der Natur de facto auf. 
Wer dem zweiten Theile derselben beipflichtet, bekennt sich da- 
mit als Anhänger einer Hypothese der kühnsten Art, welche 
jedes unterstützenden Anhaltens ermangelnd rein in der Luft 
schwebt, und hat nachträglich nach Beweisen für eine bis dahin 
gänzlich unmotivirte Behauptung zu suchen. 

Was jene — wie ich für mehrere solche Silicate speciell 
nachgewiesen habe — rein unbegreifliche Function des so 
wunderbar infiltrirten Wassers betrifft, so mache ich hier darauf 
aufmerksam, dass ich den Nachweis ihrer Irrthümlichkeit durch 
ältere Arbeiten geführt habe für folgende Mineralien : Aspasio- 
lith*) Serpentin (Ophit),**) Epidot,***) Idokras (Ve- 
suv ian),f) Travel* s elli t. ff) Vom Nep heiin und der 
Hornblende des Norwegischen iSirkonsyenits gelten dieselben 

*) Beschreibung der Fundstätten des Aspasiolithes und Cordierites in 
der Umgegend von Krageröe; von Leonhard u. Bronn's Jahrbuch. 1846. 
S. 798 bis 813. 

**) Artikel: Oliv in im Handwörterbuch der Chemie. Dass die che- 
mische Masse des Serpentins — (f&j 3 Si, ausser in der ihr ur- 
sprünglich zukommenden Form des Olivins R 3 Si, auch 
pseudomorph auftreten kann und wirklich auftritt, ist vollkommen 
sachgemäss. Aber der letztere Fall beeinträchtigt den ersteren nicht im 
mindesten. Für ein Auftreten beiderlei Art von einer und derselben Mine- 
ralsubstanz stehen ja die zahlreichsten Beispiele zu Gebote. Ich erinnere 
hierbei nur an den kr yst a 11 i s i rt e n Talk von Tyrol und anderer 
Fundstätten, welcher, wie ich auf das Schärfste dargethan 
habe (Pogg. Ann. Bd. 84, S 340 bis 351 uud S. 358 bis 361) ganz 
dieselbe chemische Verbindung 

(R)Si + (R) 3 Si* 
ist, wie der Speckstein sämmtlicher Arten der bekannten Wunsiedler 
Pseudomorphosen. 

***) Pogg. Ann. Bd. 95, S. 497 bis 533. 

f) Ebend. u. S. 615 bis 620. 
ff) Berichte d. K, Ges, d Wissensch, z, Leipzig. 1858, S. 91 bis 108. 



110 



Beweise wie für den Spreustein (Natrolith)*) dieser Ge- 
birgsart ; ebenso vom Glimmer derselben. 

Dazu kommt nun der durch die vorliegende Arbeit so um- 
fassend geführte Nachweis in Betreff der Glimmer des grauen, 
rothen und mittleren Erzgebirgischen Gneuses. Es ist nament- 
lich gezeigt worden: 1) dass der graue Gneus seinen Wasser- 
gehalt von etwas über 1 Procent einzig und allein dem ihm 
eigentümlichen schwarzen Glimmer verdankt, dessen Wasserge- 
halt sich auf 3,48 bis 4,40 Procent beläuft; 2) dass dieser 
Wassergehalt des grauen Gneuses innerhalb eines über viele 
Quadratmeilen ausgedehnten Gebietes und bis. zu einer Tiefe 
von 1700 Fuss unter der Erdoberfläche sich überall sehr nahe 
gleich bleibt. Daraus folgt mit grösster Schärfe: dass der Glim- 
mer in diesem ausgedehnten mächtigen Gneusmassive überall 
nahe 3,48 bis 4,40 Procent Wasser enthalten muss. Dieses 
für infiltrirt zu erklären — abgesehen davon, dass dadurch seine 

chemische Rolle, als polymer-isomorphe , R vertretende Base, 
nicht im mindesten angefochten werden könnte — würde dem- 
nach so viel heissen , als unser gewaltiges compactes Gneus- 
stück für einen Schwamm zu halten , durch welchen sich fort- 
während ein Wasserstrom bewegt, der auslaugend und gewisser- 
maassen durststillend auf den Glimmer wirkt, den Feldspath 
aber unbeachtet zur Seite liegen lässt. 

Inzwischen ist der Wunderglaube mancher orthodoxen For- 
scher so gross, dass ich mir keinesweges schmeicheln darf, ihn 
selbst durch solche Thatsachen wankend gemacht zu haben. 
Darum will ich, für andere Forscher vielleicht zum grossen 
Ueberfluss, auch noch Beweise anderer Art beibringen, deren 
Richtigkeit eben so klar am Tage liegt, ja noch leichter aufge- 
fasst werden kann, da sich ein jeder Sachverständige durch ein- 
fache und wenig zeitraubende Versuche davon zu überzeugen 
vermag. 

Behalten wir hierbei vorzugsweise die Mineralien Epidot, 
Idokras und Glimmer im Auge, und fixiren wir davon einzelne 
auf- oder eingewachsene Krystalle. Angenommen, das Wasser 
sei, contra jus in thesi, in einen solchen ursprünglich wasser- 



*) Pogg. Ann. Bd. 89, S. 26 bis 38, Bd. 91, S. 385 bis 387, 
Bd. 93, S 95 bis 99. 



111 



freien Kryslall von aussen her allmälig eingedrungen; angenom- 
men selbst, es habe dasselbe hierbei nicht das lästige Geschäft 
gehabt, fixe Basen ohne nachgelassene Spur zu entfernen , son- 
dern es habe sich einfach parasitisch in einem solchen Krystall 
angesiedelt, so müsste es doch ein beispielloser Zufall sein, dass 
alle Krystalle der Art, auch die grössten , bis in ihr Innerstes, 
vom Wasser vollständig und gleich mässig durchdrungen 
sind. Wären sie es nicht, so würde die Beobachtung uns sehr 
leicht hiervon Kenntniss geben. Denn die wasserfreie Masse des 
Epidots, Idokrases und Glimmers muss notwendigerweise andere 
physische Eigenschaften besitzen , als die später gebildete was- 
serhaltige. Glanz, Härte und optische Eigenschaften 
irgend eines ausgezeichneten dieser Krystalle sind aber 
durch dieganze Masse desselben vollkommengleich- 
artig und einem Krystall - 1 n di v id u u m entsprechend. Na- 
mentlich an den überaus reinen und schönen Krys*tallen der von 
mir untersuchten Epidote und Idokrase — von denen ich einige 
Exemplare an meinen hochverehrten Freund IYIitscherlich gab, 
und von deren Wassergehalt sich Magnus durch besondere Ver- 
suche überzeugt hat — konnte ich mich von dieser vollkom- 
menen Homogenität ihrer Masse überzeugen, indem ich 
geschliffene Platten derselben, sowohl an ihren — den Contouren 
des Krystalls entsprechenden — Rändern als an inneren Stellen 
und in der Mitte mikroskopisch und im polarisirten Lichte prüfte. 
Wer trotz dieser gleichmässigen Vertheilung des Wassergehaltes, 
solche Krystalle für durch Wasseraufnahme veränderte hält, er- 
klärt sie für Pseudomorphosen, welche alle Eigenschaften origi- 
naler Krystall-Individuen besitzen! Wie ist es dann aber bei 
dieser wunderbaren Neigung ursprünglich wasserfreier Epidot- 
und Idokras-Krystalle sich mit infiltrirtem Wasser zu verbinden 
für den Chemiker begreiflich , dass die in einer porösen Thon- 
masse, unmittelbar neben den Zersetzungsresten eines anderen 
Minerals — der grossen tetiaedrischen Krystalle des Achtaragdits 
— eingebetteten, bekannten IdokrasevonVilui: keine Spur 
von Wasser aufgenommen haben, während die schönen Ido- 
krase von Ala in Piemont, von Eger in Norwegen, ja selbst 
die des Vesuvs wasserhat ig sind?*) Was die Infiltrations- 
Hypothese auch bei höchster Anstrengung ihrer Spannkraft und 



*) S. die oben über Idokras (Vesuvian) citirten Abhandlungen. 



112 



Dehnbarkeit nicht zu erklären vermag, erklärt sich bei der Theo- 
rie des polymeren Isomorphismus ganz von selbst. Das Was- 
ser wurde, als eine mit R isomorphe Base , in derartigen Sili- 
caten nur in dem Falle und in dem Maasse aufgenom- 
men, wo und in welchem Grade es an den fixen Basen 
R mangelte. Aus diesem Grunde treffen wir auch z. B. den 
Cordierit im glimmerreichen Gneuse von Tvedestrand oder in 
fast reinen Magnesiaglimmermassen von Krageröe stets ohne 
Begleitung von Aspasiolith (Cordierit, in welchem ein Theil der 
Magnesia durch Wasser vertreten ist), während in den quarz- 
reichen Granitgängen und in den reinen Quarzzonen des Kra. 
geröer Gneuses — wo also ein offenbarer Mangel an fixen Ba- 
sen stattfinden musste - Cordierit und Aspasiolith stets bei ein- 
ander vorkommen.*) Ja, durch eine zahlreiche Suite dieser an 
Ort und Stelle von mir gesammelten Mineralien kann ich es 
nachweisen, dass der Cordierit stets da in Aspasiolith übergeht, 
wo letzterer durch eine grössere Quarzpartie unmittelbar be- 
rührt wird. — 

Somit kann nun wohl nicht bloss die chemische, son- 
dern auch die geologische Rolle, welche ich für das Was- 
ser bei der Bildung eruptiver und m e ta raor ph er Silicat- 
gesteine in Anspruch nehme, für eine durch zahlreiche — im 
Laufe von 20 Jahren ermittelte — Thatsachen begründete 
angesehen werden. 

Hiernach sind wir in specie berechtigt , dem Wassergehalte 
des grauen, rothen und mittleren Gneuses eine chemische und 
geologische Bedeutung beizulegen, welche diese Gesteine als plu- 
tonische Gebilde hinstellt. 

K. Der Plutonismus im Allgemeinen und die plu- 
tonische Entstehung der Erzgebirgischen Gneuse 
im Besonderen. 

Derartige Thatsachen , wie sie im vorigen Abschnitt zur An- 
schauung gebracht wurden, waren es, welche die Umrisse einer 
plu tonischen Theorie**) in mir hervorriefen, bei welcher hohe 

*) S. die oben citirte Abhandlung in v. Leonhard u. Bronn's Jahrb. 
**) Discussion sur la nature plutonique du granite et des Silicates 
cristallins qui s'y rallient; Bull. d. 1 Soc. geol. d. France, '2 ser. T. 4, 
p. 468 bis 496; T. 6, p. 644 bis 654 und T. 8, p. 500 bis 509. 



113 



Temperatur und Wasser — unter entsprechendem Druck — in 
vereinter Thätigkeit angenommen wurden ; im Gegensatze zu 
einer rein feurigen, vulkanischen, und einer rein wässerigen, 
neptunischen Theorie. Meine Ansichten, welche sich des 
Beifalls eines Elte de Beaumont und eines Naumann zu er- 
freuen hatten, habe ich seitdem durch fortgesetzte Studien weiter 
zu prüfen und zu begründen gesucht. In meinem Paramorphis- 
mus*) trat ich mit neuen wesentlichen Stützpunkten dafür auf; 
darunter das Vorkommen paramorpher Krystalle — oder, wie 
sie Haidinger so treffend benannt hat „Paläo-Krystalle" — in 
plutonischen Gesteinen: Natrolith nach Paläo-Natrolith (Spreu- 
stein, in äusserer monoklinoedrischer Form); Amphibol oder Augit 
nach Paläo- Amphibol (G. Rose's Uralit); Felsit nach Paläo- 
Felsit (Feldspäthe in äusserer Skapolithform) ; Epidot nach Pa- 
läo-Epidot; Cyanit nach Paläo -Cyanit (Cyanit in äusserer An- 
dalusitform) ; Serpentin nach Paläo-Serpentin (Serpentin in äusse- 
rer Olivinform), Aspasiolith nach Paläo-Aspasiolith (Aspasiolith 
in äusserer Cordieritform) und andere. Da mehrere dieser in 
granitischen und gneusartigen Gesteinen vorkommenden paramor- 
phen Gebilde wasserhaltig, ja wasserreich sind — von welchem 
Wassergehalte, wie ich zeigte,**) eben ihr paramorpher Zustand 
vorzugsweise herrühren dürfte — so wurde dadurch eine zwie- 
fache Stütze des plutonischen Gebäudes gewonnen. Eine ganz 
besondere Aufmerksamkeit widmete ich dem Vorkommen der 
paramorphen Natrolith - (Spreustein-) Krystalle . im Norwegischen 
Zirkonsyenit, welche ich gegen Verdächtigungen einer pseudo- 
morphen Bildung zu vertheidigen hatte.***) 

Eine plutonische Theorie, wenn sie auch ihr Beobachtungs- 
feld zunächst nur innerhalb der Eruptiv-Gesteine findet, kann 
nicht lange anstehen diese Grenzen zu überschreiten, und auch 
auf die Wirkungen Rücksicht zu nehmen, welche plutonische 
Eruptivmassen auf sedimentäre Gesteine ausgeübt haben. Mit 
anderen Worten : Plutonismus und Metamorphismus bedingen ein- 
ander gegenseitig; keiner kann den anderen ausschliessen. Auf- 
gefordert durch den Herrn Prof. Delesse, mich über seine Un- 



*) Der Paramorphismus und seine Bedeutung in der Chemie, Mine- 
ralogie und Geologie. Braunschweig, Vieweg, 1854, 
**) Ebendaselbst S. 55 bis 62. 
***) Loc. cit. 

Zeits, d.d. geirl.Ges. XIV. 1. 8 



114 



tersuchungen der krystallinischen Kalksteine im Gneuse der Vo- 
gesen in Bezug auf analoge Norwegische Verhältnisse auszu- 
sprechen, erhielt ich eine willkommene Gelegenheit, meine Be- 
obachtungen und Ansichten über den metamorphirenden Einfluss 
eruptiver Granite auf sedimentäre Kalkstein- und Thonschiefer- 
schichten mitzutheilen. *) Wir sehen hier geschichtete verstei- 
nerungsführende Gebilde im Contakte mit dem durchbrechenden 
Granit physisch und chemisch umgewandelt, und eine Menge 
krystallisirter Mineralien als Contakt-Produkte in ihnen entwik- 
kelt. Die ganze Erscheinung ist der Art, dass sie uns auf die- 
selben geologischen Haupt- Agenden zurückführt, die wir auch 
bei den Gebilden von direkt-plutonischer Entstehung annehmen 
mussten: hohe Temperatur, Wasser und Druck. 

Theils innerhalb der plutonischen Eruptiv-Massen selbst, 
theils — und vorzugsweise — in den dadurch metamorphirten, 
krystallinisch gewordenen Kalksteinen und Kalkthonschiefern, 
mitten unter den darin entwickelten krystallinischen Mineralien, 
treffen wir die höchst eigentümlichen Krystallgebilde an, welche 
ich unter dem Namen der P er i m or phos e n **) in die Wissen- 
schaft eingeführt habe. Durch vieljähriges Nachforschen und 
Sammeln dieser Gebilde — worunter auch ausgezeichnete Pe- 
rimorphosen aus vesuvischen Eruptivgesteinen und aus einem 
Freiberger Schmelzofen — bin ich in den Besitz einer sehr 
zahlreichen und instruktiven Suite derselben gelangt, welche Herr 
Dr. Keibel vor einigen Jahren zu einem Gegenstande eifrigen 
Studiums machte. Alle diese Perimorphosen, von denen ich bis- 
her nur einen verhältnissmässig sehr kleinen Theil beschrie- 
ben habe, legen ein ebenso unzweideutiges Zeugniss für die plu- 
tonischen Agentien des Metamorphismus ab, wie diejenigen Pa- 
ramorphosen, welche in metamorphen Gesteinen vorkommen. — 

Unsere Hauptschlüsse, welche wir aus solchen Thatbestän- 
den der Natur, wie sie sich innerhalb älterer — eruptiver 
und metamorpher — krystallinischer Gesteine manifestiren, in 
streng logischer Weise gezogen haben, erfreuen sich zugleich 
einer wichtigen Bestätigung durch Analogie. PoulettScrope***) 

*) Diese Zeitschrift Bd. 4, S. 31 bis 46. 

• **) Artikel: Afterkrystalle im Handwörterbuch der Chemie. Im 
besonderen Abdruck desselben S. 34 bis 36. 

***) On thc formation of craters and the nature of liquidity of lavas. 
Philosophical Mag. August, 1857. p.. 128. 



115 



der gründliche Forscher im Gebiete neuerer vulkanischer 
Gebilde, ist von diesen ausgehend in Betreff einer gleichzeiti- 
gen Wärme- und Wasser-Wirkung unter hohem Druck zu ganz 
denselben Resultaten gelangt , wie die von uns aus der Beschaf- 
fenheit jener plutonischen Gesteine entwickelten. Auch im In- 
nern vulkanischer tieerde der gegenwärtigen Zeit ist keinesweges 
das Feuer allein thätig; auch hier herrscht noch die alte ur- 
weltliche Trias der Kräfte, nur mit dem Unterschiede, dass sie 
einerseits auf Massen von anderer — mehr basischer — chemi- 
scher Constitution einwirkt, und dass andererseits diese Massen, 
sobald sie eruptiv werden, nicht unter hinreichendem Drucke zu 
erstarren pflegen, um in ihnen grössere Wassermengen chemisch 
zurückzuhalten. Dennoch ist es, wie ich gezeigt habe, den Ido- 
kraskrystallen des Vesuvs möglich gewesen 1,67 Proc. Wasser zu 
binden. 

Es blieb mithin für die zu solcher Macht gelangte Beweis- 
kraft der plutonischen Theorie und des ihr annexirten Metamor- 
phismus gewissermaassen nur noch Eins zu erreichen übrig: die 
a posteriori ermittelte Bildung von krystallinischen Silicaten und 
Silicatgesteinen unter gleichzeitiger Feuer- und Wasser-Wirkung 
durch das Experiment ad oculos zu demonstriren. Ueber die 
Anstellung derartiger Versuche habe ich mich in früheren 
Schriften mehrfach ausgesprochen. Beispielsweise will ich hier 
eine Stelle aus meinem Paramorphismus (S. 125 u. f.) citiren, 
an welcher es, nachdem ich von einem solchen Experimente im 
Allgemeinen gesprochen habe, heisst: 

„Wir sind aber bereits im Besitze mehrerer Thatsachen, 
welche jene unsere Grundansicht — die wir unmittelbar aus der 
Beschaffenheit des Urgebirges selbst entnahmen — auch 
auf experimentellem Wege rechtfertigen. Von solchen 
Thatsachen mögen hier besonders folgende hervorgehoben werden. 

Schafhaeutl*) hat durch Versuche dargethan, dass das 
Wasser bei einer über seinen Kochpunkt gesteigerten Tempera- 
tur und entsprechendem Drucke (im Papinianischen Topfe) Kie- 
selsäure aufzulösen vermag, und dass sich aus einer solchen So- 
lution bei eintretender Erkaltung und Druckabnahme Krystalle 
von Kieselsäure (Quarz) absetzen. 



*) Münchner gelehrte Anzeigen, 1845, April, S. 557 bis 596. 

8* 



116 



Nach Woehler's bekannten Versuchen löst sich der Apo- 
phyllit bei einer Temperatur von 180 bis 190 Grad und einem 
Drucke von 10 bis 12 Atmosphären vollständig in Wasser auf. 

Ferner hat uns Woehler*) zwei sehr interessante Bei- 
spiele von dem wesentlichen Einflüsse gegeben , welchen der 
Druck auf die chemische Verwandtschaft ausübt, indem er zeigte, 
dass Chlorhydrat und Schwefelwasserstoffhydrat , zwei bei ge- 
wöhnlichem Atmosphärendrucke gar nicht existirende Verbin- 
dungen , durch künstlich erhöhten Druck hervorgerufen werden 
können. 

Endlich müssen wir hier nochmals des Neolith-Vorkommens 
in der Aslakgrube bei Arendal**) gedenken, und zwar als eines 
Experimentes , welches die Natur gewissermaassen vor unsern 
Augen anstellt. Aus den betreffenden — von mir ausführlich 
studirten und beschriebenen — Thatsachen geht hervor, dass 
dieser Neolith ein wasserhaltiges Silicat von der chemischen 
Constitution 

(E)' [Si 2 ] 

— also ein wasserhaltiger Augit (4,04 bis 6,28 Proc. H) — 
durch die Einwirkung eines unter starkem Druck befindlichen 
Wassers auf ein augitisches Gestein gebildet wird, und dass 
sich dasselbe an den Orten aus seiner Solution krystallinisch 
ausscheidet, wo letztere diesem Drucke nicht mehr ausgesetzt 
ist. ***) 

Woehler's Versuch in Betreff der Löslichkeit des Apophyl- 
lits in Wasser von 180 bis 190 Grad ist von grosser Wichtig- 
keit. Schon seit Jahren habe ich den Plan zu einer weiteren 
Verfolgung dieses Gegenstandes entworfen, ohne bisher Zeit und 
Gelegenheit zur Ausführung desselben finden zu können. Eine 



*) Ann. der Chemie und Pharm. Bd. 85, S 374. 
**) Ueber den Neolith, ein Mineral jüngster Bildung; Pogg. Ann. 
Bd. 71, S. 285 bis 297 u Bd. 73, S. 180 bis 181. 

***) Zugleich giebt uns das Vorkommen und die Bildung des Neolithes 
ein überaus instructives Beispiel von der mächtigen zersetzenden 
Wirkung des infiltrirten Wassers auf Gesteine — in welche 
es wirklich eindringt; im widersprechendsten Gegensatze zu den 
völlig unnachweisbaren Spuren , welche es in Gesteinen zurückgelassen 
hat, in die es angeblich (s. S. 85 bis 87) eingedrungen sein soll. 
Ferner sehe man hierüber in meinem „der Paramorphismus u. s. w," 
S. 62 bis 68. 



117 



Schwierigkeit hierbei, welche nur durch einen erheblichen Kosten- 
aufwand zu beseitigen sein dürfte, besteht in der Herstellung 
eines Apparates , in welchem Wasser — ohne Gefahr für den 
Experimentator — bis zu einer beträchtlich hohen Temperatur 
erhitzt werden kann." 

Alle Schwierigkeiten eines solchen gefahrvollen Experimen- 
tes sind nun bekanntlich in neuerer Zeit durch Daubree glück- 
lich besiegt worden. In einem dazu construirten eisernen Appa- 
rate ist es ihm gelungen, Wasser bis fast zum Glühen zu er- 
hitzen, und in solchem überhitzten Wasser nicht allein Quarz- 
krystalle, sondern auch verschiedene krystallinische Silicate 
— wie Feldspath, Diopsid, Wollastonit, ein zeolith- 
artiges Mineral und hexagonale Pailletten eines Silicates, 
welches ein Glimmer oder Chlorit zu sein schien — künst- 
lich darzustellen. Es wäre überflüssig, hier auf die allen Fach- 
männern hinlänglich bekannten Versuche näher einzugehen, 
welche uns der geschickte Experimentator in seiner Schrift: 
Etudes et experiences synthetiques sur le metamorphisme et sur 
la formation des roches cristallines, Paris 1860, beschrieben hat. 
Ich habe diese gelungenen Versuche mit der lebhaftesten Freude 
begrüsst, da sie die von mir aus der Beschaffenheit sowohl der 
eruptiv als der metamorph plutonischen Gesteine gezogenen 
Schlüsse in so vollkommener Weise bestätigen. Allein so hoch 
ich den Werth dieser Versuche stelle, vermag ich auch gegen- 
wärtig nicht mich in anderer Weise darüber zu äussern, als ich 
es zu einer Zeit gethan habe,*) zu welcher ich den ersten Be- 
richt über dieselben erhielt. Ich sagte an der citirten Stelle: 

„Während eine genaue Analysis der krystallinischen Sili- 
catgesteine — sowohl in Betreff ihrer geognostischen und che- 
mischen Beziehungen — zur Aufstellung der plutonischen Theo- 
rie nöth igten, hat sich die Naturgemässheit derselben in 
neuester Zeit nun auch durch die Synthesis bewährt. Die 
chemische und physische Möglichkeit einer künstlichen plu- 
tonischen Bildung gewisser Silicate, die früher bereits von mir 
hervorgehoben und mit Beispielen erläutert wurde, ist durch 
Daubree's Versuche zur erfreulichsten Gewissheit geworden. 
Bekanntlich ist es diesem Chemiker gelungen, in einem bis zu 



*) Berichte der K. Gesellschaft der Wissenschaft zu Leipzig. 1858. 
S. 107 bis 108. 



118 



etwa 400 Grad erhitzten Wasser Feldspath, Quarz, Wollastonit 
u. s. w. zu erzeugen. Allerdings kann Feldspath, wie wir wis- 
sen, auch auf rein feurigem — und nach Becquerel vielleicht 
sogar auch auf rein nassem — Wege dargestellt werden; allein 
dass weder eine rein vulkanische, noch eine rein neptunische 
Bildung desselben innerhalb der krystallischen Silicat- 
ge st eine stattgefunden hat, dafür sprechen eben die (aus der 
Natur selbst entnommenen) zahlreichen und gewichtigen Stütz- 
punkte der plu tonischen Theorie. u - 

Solche aus der Natur — aus dem geognostischen, minera- 
logischen und chemischen Studium der betreffenden krystallini- 
schen Gesteine und ihrer Gemengtheile — entnommene Stütz- 
punkte glaubt denn natürlich auch Daubree keinesweges ent- 
behren zu können. Er ist weit davon entfernt eine Theorie des 
Metamorphismus ex machina zu construiren, und entnimmt seine 
Beweise für den plutonischen Bildungsakt metamorpher Gesteine 
aus ihrer petrographischen , oryktognostischen und chemischen 
Beschaffenheit und aus den gebildeten Contaktprodukten. Ausser 
hoher Temperatur, Wasser und Druck nimmt er für 
manche Fälle auch noch die Mitwirkung gewisser Gase und 
Dämpfe — wie Kohlensäure, Chlor, Fluor, Bor, Schwefelwasser- 
stoff, Schwefelsäure u. s. w. — in Anspruch, worin ich ihm voll- 
kommen beipflichte. Er beweist ihre frühere - Mitwirkung aus 
der zum Theil noch gegenwärtigen Anwesenheit dieser Stoffe in 
eruptiv und metamorph plutonischen Gesteinen. Allein merk- 
würdigerweise kommt er nicht darauf, die Mitwirkung des einen 
Haupt-Agens der plutonischen Trias, des Wassers, auf die- 
selbe einfache und naturgemässe Art zu beweisen. Fast alle 
über diesen wesentlichen Punkt von mir veröffentlichten Unter- 
suchungen, auf welche ich mich in diesem und im vorigen Ab- 
schnitte vorliegender Abhandlung bezogen habe, sind ihm ent- 
gangen. Er erzeigt mir die Ehre, mich in seinem erwähnten 
umfassenden Werke zweimal zu citiren; das eine Mal indem er 
anführt, dass Breisuack, Fuchs, de Boucheporn, Schaf- 
HAEUTL und ich „aus den isolirten Quarzkörnern des Granits, 
der Gruppirung seiner Gemengtheile und der Anwesenheit der 
pyrognomischen Mineralien in denselben" auf eine nicht rein feu- 
rige Entstehungsweise desselben geschlossen haben; das andere 
Mal indem er der Ansichten von Sedgwick, de la Beche, 
Jchn Herschel, Hopkins und mir gedenkt, nach welchen die 



119 



Schichtstruktur des Gneuses nicht als ein gewöhnliches Schich- 
tungs-Phänomen, sondern als Wirkung von Kräften aufzufassen 
ist, die von der senkrecht wirkenden , ablagernden Schwerkraft 
verschieden sind, wobei er auf meine ältere Abhandlung : „Ueber 
die Bildungsgesetze des Gneuses" in Karsten's Archiv, Jahr- 
gang 1842, verweist. Gewiss wird es nun Herrn Daubree 
nicht weniger zur lebhaftesten Freude gereichen durch die vor- 
liegende Abhandlung zu erfahren, dass meine früheren Beobach- 
tungen mit den seinigen vollkommen harmoniren, als es mir zur 
Freude " gereichte in seinem glänzenden Experimente eine so 
schöne Bestätigung meiner Schlüsse zu finden. — 

Soviel über Plutonismus und plutonische Gebilde im Allge- 
meinen. Dass die Erzgebirgischen Gneuse zu dieser geologischen 
Kategorie gehören, davon haben wir uns im vorigen und in die- 
sem Abschnitte insoweit überzeugt, als wir in der chemischen 
und physischen Wirkung von Wasser, hoher Temperatur und 
Druck die Haupt-Agentien erkannten , welche die chemische 
Masse dieser Gesteine in der Weise bearbeiteten , dass dieselbe 
dadurch den Charakter des Gneuses annahm. Allein wir haben 
uns bisher nur theilweise und beiläufig über die so wichtige geo- 
logische "Frage aussprechen können: ob unsere Gneuse den erup- 
tiv- oder metamorph-plutonischen Gebilden angehören? 
Wenn nun auch die Beantwortung dieser Frage grösstenteils 
nur auf rein geognostischem Gebiete gewonnen werden kann, 
und daher bis zur Publication der schon mehrfach gedachten, 
ausführlichen MuELLEft'schen Arbeit ausgesetzt werden muss, 
so will ich mir doch erlauben, hier vorläufig so viel davon zu 
beantworten, als sich von meinem Standpunkte aus ermöglichen 
lässt. — 

Der Chemiker, welcher die chemische Constitution dieser 
Gneuse — wie dieselbe namentlich für den grauen und rothen 
Gneus nachgewiesen wurde — von einer ebenso strengen Ge- 
setzmässigkeit beherrscht findet wie die chemische Constitution 
einer Mineralspecies, muss sich auf das Entschiedenste da- 
gegen sträuben, derartige Gesteine aus einem ursprünglich me- 
chanisch zusammengehäuften Material hervorgehen zu lassen. Zu- 
sammengeschlemmte Schuttmassen zerstörter Gebirgsarten, welche 
später erst das vulkanische Gepräge erhielten und dadurch zu 
metamorphen Gebilden wurden, können unsere Erzgebirgi- 
schen Gneuse wohl unmöglich sein. Beim rothen Gneuse fin- 



120 



den unsere chemische Ansichten die kräftigste Unterstützung in 
den geognostischen Verhältnissen, welche diesen Gneus als einen 
unzweifelhaft eruptive n charakterisiren. Der mittlere Gneus 
tritt im Granite von Bobritzsch (XVI) als ein entschiedener 
Granit auf. Was sollen wir aber von dem grauen Gneuse hal- 
ten? Vom chemischen Standpunkte aus muss ich auch diesen 
unbedenklich für einen eruptiven erklären trotz des Einspruches, 
den vielleicht mancher Geognost dagegen erheben wird. War- 
ten wir ab, was Herr Obereinfahrer Mueller uns später aus 
seinen reichen Erfahrungen über die geognostischen Verhältnisse 
des grauen Gneuses mittheilen wird. 

Die allgemeine geologische Wahrheit, dass die chemische 
Constitution gewisser plutonischer Gesteine sich gesetzmässig be- 
herrscht zeigt, verdanken wir Bunsen's berühmten Forschungen. 
Welchen stöchiometrischen Gesetzen die chemische Constitution 
des grauen, mittleren und rothen Gneuses in specie unterworfen 
ist, habe ich in den Abschnitten A bis D und G gezeigt. Es 
repräsentiren also diese drei Gesteine verschiedener stöchiometri- 
scher Formel gewissermaassen drei Etagen in der Schmelzmasse 
des ursprünglichen plutonischen Heerdes. 

Den grauen Gneus als den reichsten an schweren metalli- 
schen Bestandtheilen — dessen schwarzer Glimmer einen so 
hohen, 18 Proc. metallischem Eisen und Titan entsprechenden 
Gehalt an Eisenoxyden und Titansäure besitzt (s. S. 82 u. 92) 
— müssen wir wohl jedenfalls als den untersten betrachten. 
Auch die im grauen Gneuse der Grube Himmelfahrt (IV) — 
1708 Fuss unter der Erdoberfläche entnommen — aufgefundenen 
Spuren von Ceroxyd und Yttererde durften diese Ansicht unter- 
stützen helfen. Von selbst ergiebt es sich dann, dass wir über 
dem grauen, den mittleren, und über diesem den rothen Gneus 
annehmen müssen. 

In Folge der streng gesetzmässigen chemischen Gneus-Con. 
stitution, welche sich wie die einer Mineralspecies durch eine 
stöchiometrische Formel ausdrücken lässt, kann ich nicht umhin 
anzunehmen, dass jeder dieser Gneuse ursprünglich 
eine ungetheilte chemische Verbindung mit voll- 
kommen homogener, plutonisch flüssiger Masse bil- 
dete. Dass eine derartige Masse mehr Wasser enthielt als wir 
jetzt nach ihrer Erstarrung darin finden, ist möglich; obwohl die 
Natur zu ihrer plutonischen Thätigkeit sicherlich einen noch 



121 



höheren Hitzgrad, stärkeren Druck und weit weniger Wasser 
anwendete, als Daubree bei seinem Experimente anwenden 
konnte. (Die Berechnung ergiebt , dass i Kubikfuss grauer 
Gneus zufolge seines Gehaltes von 0,3 Gewichtstheilen Glimmer 
nahe 1|- Pfund Wasser enthält.) Allein nur so lange, als sie 
durch höhere Temperatur und die ganzen Verhältnisse der Ur- 
zeit in einem flüssigen Zustande erhalten wurde, existirte die 
Masse als eine derartige einfache chemische Verbindung, wie 
wir sie z. B. beim grauen Gneuse (s. S. 31) durch die Formel 

3 (R) Si* + 2 R Si 3 

ausdrückten. Durch allmälige Abkühlung und Druckabnahme 
ihrem Erstarrungspunkte nahe gebracht — und dadurch verän- 
derten chemischen Gesetzen unterworfen — theilte sie sich in 
die 3 chemischen Materien des Quarzes, Feldspathes und Glim- 
mers, die wir gegenwärtig als Gemengtheile des Gneuses finden. 

Der Gneus wurde also, so zu sagen, erst bei — oder kurz 
vor — seiner Erstarrung zu Gneus. Daraus erklären sich 
manche eigenthümliche Phänomene bei dieser Gebirgsart, unter 
welcher wir natürlich hier vorzugsweise nur die plutonisch- 
eruptiven, nicht aber plutonisch-metamorphen Gneuse verstehen, 
deren ursprünglich sedimentäre Masse wohl selten bis zur wirk- 
lichen Schmelzung erhitzt wurde. 

Das eine dieser Phänomene besteht in der eigenthümlichen 
Art des graphischen Verlaufs — Fallens und Streichens — der 
Schichtstruktur des Gneuses, welche so beschaffen ist, dass die 
von Dacbree (S. 118) citirten Forscher Anstoss genommen haben, 
sie als blosse Folge eines durch Schwerkraft bewirkten mecha- 
nischen Absatzes wie bei sedimentären Schichten zu betrachten. 
Obgleich die dabei zu Hülfe gerufenen Kräfte zum Theil wohl 
zu weit hergeholt waren, steht es doch fest, und kann in vielen 
Schieferbrüchen auf das Deutlichste beobachtet werden, dass 
Schicht- S truk tu r (Schieferung) und wirkliche Schichtung 
(sichtbare Spuren einer allmäligen Ablagerung) als zwei, wenn 
auch mitunter sehr ähnliche, doch in ihrer Ursache wesentlich 
verschiedene Erscheinungen aufgefasst werden müssen. Was 
wir bei den eruptiven Gneusen Schichtung nennen , ist blosse 
Schicht- oder Parallel- S truk tu r. Diese richtet sich jedenfalls 
nach anderen Gesetzen als nach denen einer direkt und senk- 
recht wirkenden — also mehr oder weniger horizontal ablagern- 



122 



den — Schwerkraft. Oft mag es genügen, um die parallele 
Lage der Glimmerblättchen und Glimmerzonen in eruptiven 
Gneusen zu erklären, eine indirekt wirkende, sich durch den 
Seitendruck benachbarter Gesteine äussernde Schwerkraft oder 
Naumann's „Streckung" in Anspruch zu nehmen, doch will es 
immer noch den Anschein haben , als ob hierdurch nicht alle 
wunderlichen Launen der Gneusstruktur erklärt werden könnten. 
Unleugbar aber sind Diejenigen , welche die scheinbare Schich- 
tung eruptiver Gneuse keinesweges für wirkliche Schichtung, 
sondern für ein Struktur - Phänomen ansehen , bei Erklärung 
desselben im grossen Vortheil gegen jene Anderen, welche bei 
allen solchen Gesteinen von steiler und senkrechter Schieferung 
sogleich an ein Heben, Aufrichten, Zerreissen, Zusammenschie- 
ben u. s. w. ursprünglich horizontaler Schichten denken müssen. 

Das zweite Phänomen ist von noch grösserer Wichtigkeit. 
Es kann von Denjenigen, welche die Schichtstruktur z. B. unserer 
Erzgebirgischen Gneuse für gleichbedeutend mit Schichtung an- 
sehen, durchaus gar nicht erklärt werden. Der so entschieden 
eruptive rothe Gneus tritt zwar theilweise mit verworrener oder 
undeutlicher, theilweise auch ganz ohne Schichtstruktur, also als 
Granit auf; grösstentheils ist aber die parallele Anordnung sei- 
ner Gemengtheile so vollkommen ausgeprägt wie beim grauen 
Gneuse, nur dass sie bei letzterem wegen der schwarzen Farbe 
und der dreifach „grösseren Menge des Glimmers auffallender her- 
vortritt. Jedoch nicht bloss grössere Massive des rothen Gneu- 
ses zeigen diese Parallelstruktur, sondern ich gewahrte dieselbe 
auch an allen Gängen und anderen kleinen isolirten Massen die- 
ses Gesteins, welche ich davon im grauen Gneuse zu beobachten 
Gelegenheit hatte. Noch heute besitze ich in meiner Sammlung 
Stücke rothen Gneuses, (es ist der durch Schmelzprobe 27 un- 
tersuchte, s. S. 42) welche ich aus einem Steinbruche im grauen 
Gneuse entnahm, an dessen einer Wandung man einen sehr 
scharf markirten, aber nur wenige Zolle mächtigen Gang von 
rothem Gneus verfolgen konnte. Auch diese schmale Gang- 
platte zeigte vollkommen deutliche Schichtstruktur, wie man sich 
noch jetzt an jenen Stücken, die von der ganzen Breite des Gan- 
ges sind, überzeugen kann. Was aber diese sich an vielen an- 
deren Orten wiederholende Erscheinung noch interessanter macht, 
besteht darin, dass der graphische Verlauf — Fallen und 
Streichen — der Schichtstruktur in solchen benach- 



123 



harten Massen grauen und rothen Gneuses, soweit 
meine Beobachtungen reichen, stets ein n n d d er sei b e ist. Nur 
bei so schmalen Gängen wie der zuletzt erwähnte gaben sich 
mitunter kleine Verschiebungen der Parallelstruktur der Gang- 
masse gegen die des Seitengesteins kund. Die Parallelstruktur 
der Gangmasse war aber nicht etwa parallel den Gangwänden, 
sondern sie lief ziemlich horizontal querüber ; denn der Gang des 
rothen Gneuses stand ziemlich steil in dem — wie man sich 
auszudrücken pflegt horizontal geschichteten grauen Gneuse. 
Ein derartiges Uebereinstimmen der Parallelstruktur findet auch 
an der Localität statt, welche ich Seite 45 durch eine Skizze er- 
läutert habe. Nichts kann wohl deutlicher zeigen, dass ein und 
dasselbe Gesetz die Parallelstruktur verschiedener plutonisch 
eruptiver Gesteine beherrschte: und dass folglich die Parallel- 
struktur erst nach der Eruption dieser Gesteine eintrat, 
und unmöglich als Zeichen eines früheren Absatzes, ähnlich wie 
bei sedimentären Gebilden, gedeutet werden kann. — 

Wenn die plutonischen Zonen des grauen, mittleren und 
rothen Gneuses einstmals in der genannten Reihenfolge von un- 
ten nach oben vorhanden waren , so fragt es sich, ob über dem 
rothen Gneus in der Urzeit keine anderen plutonischen Massen 
existirten , ob er wirklich das oberste Glied dieser Reihe bil- 
dete? Für wahrscheinlich muss ich es halten, dass darauf die 
Massen gewisser Glimmerschiefer (mit lichtem Kaliglimmer) und 
dann die der Quarzite folgten; an verschiedenen Orten aber wohl 
in verschiedenen Verhältnissen relativer und absoluter Mächtigkeit. 
Vielleicht haben solche Glimmerschiefer mitunter, seltener wohl 
die Quarzitmassen — welche den übrig gebliebenen Rest der 
zur Bildung des rothen, mittleren und grauen Gneuses erforder- 
lichen Kieselsäure darstellten — ganz gefehlt. Die Quarzite 
treffen wir in der Freiberger Gegend und an manchen anderen 
Stellen des Erzgebirges unter ganz analogen Verhältnissen wie 
den rothen Gneus; theils in gang-, theils in lagerförmigen Mas- 
sen. Fast niemals sind dieselben völlig frei von Glimmer. Aber 
so wenig desselben sie enthalten , ist seine Menge doch meist 
hinreichend, um auch in ihnen eine erkennbare Parallelstruktur 
hervorzurufen, welche dann ebenfalls — wie beim rothen Gneuse 
— conform der Parallelstruktur des benachbarten 
Gneuses ist. 

Wie kommt es nun aber, dass mittlerer und rother Gneus nebst 



124 



Quarzit lagerförmige Zonen und Gänge im grauen Gneuse bil- 
den — der ja docli der unterste von allen war? Was wir im 
Erzgebirge an grauen Gneus kennen, dürfte wohl nur ein erup- 
tiv gewordener Theil desselben sein, welcher sich über bereits 
erstarrte oder noch plastische Schichten ursprünglich darüber lie- 
gender Gesteine ausgebreitet hat. Bei diesen Eruptionen wurden 
vereinzelte kleinere und grössere Massen der anderen Gneuse 
und der Quarzite mit heraufgebracht, welche sich nicht mit ein- 
ander mischten oder doch nicht gemischt blieben , sondern als 
chemisch gesonderte Materien neben einander erstarrten, und hier- 
bei von einem und demselben Gesetze der Parallelstruktur beherrscht 
wurden. Daher kommt es , dass die Gänge und die lager- und 
stöckförmigen Zonen des rothen Gneuses im grauen Gneuse yon 
so kurzer Erstreckung zu sein pflegen. Die Gänge treten hier 
oftmals nur als sporadische Trümer auf. — 

Ich habe meine Ansichten als Chemiker aussprechen wol- 
len, merke aber etwas zu spät, dass ich mich über die Grenzen 
der Chemie hinaus in das Gebiet der Geognosie verirrt habe, 
was man mir verzeihen möge. Da ich jedoch einmal darin bin, 
so will ich vor der Umkehr wenigstens noch auf ein Factum 
dieses Gebietes aufmerksam machen, das mir von Wichtigkeit er- 
scheint. Haben die Quarzite wirklich die oberste Etage des eigentli- 
chen Urgebirges gebildet, so müssen sie es sein, welche stellenweise 
wenigstens den Boden des Urmeeres — aus welchem sich die 
sedimentären Gesteine allmälig absetzten — darstellten. Sie 
müssen also stellenweise die Spuren einer eigenthümlichen Zwit- 
terbildung, einer zugleich plutonischen und neptuni- 
schen Bearbeitung an sich tragen. Dies ist nun wirklich mit 
der ausgedehnten Quarzitformation von Teilemarken, welche Tel- 
lef-Dahll in seiner höchst interessanten Arbeit über diesen 
Landstrich*) als die Unterlage ältester Sedimentär- 
Formationen erkannt hat, in solchem Grade der Fall, dass 



*) Ueber die Geologie Tellemarkens. Deutsch von Ciiristophersen, 
Christiania, J. Dahl, 1860. Zugleich wird hier und in einer anderen 
wichtigen Arbeit — Kjrrüi.f und Dakll, über den Erzdistrikt Kongs- 
bergs — der scharfe Beweis geliefert, dass der in so ausserordentlicher 
Verbreitung auftretende, sogenannte „Urgneus" Norwegens, jedenfalls 
grossen- oder grösstentheils ein eruptives Gebilde ist, welches die 
Quarzitschiefer durchbrochen und Bruchstücke von ihnen eingeschlos 
sen hat. 



125 



man oft zweifelhaft wird, ob man hier wirkliche Quarzit-Conglo- 
merate oder launige chemische Gebilde vor sich hat, welche nur 
eine täuschende Nachahmung derartiger mechanischer Produkte 
sind.*) Auch diese Quarzite führen den lichten (Kalk)Glim- 
mer der Erzgebirgischen Quarzite und verdanken seiner Verthei- 
lung ihre Parallelstruktur, die aber mitunter in die wunderlich- 
sten Contorsionen ausartet. — 

L. Vergleichung der Gneuse des Sächsischen Erz- 
gebirges mit ähnlichen Gesteinen anderer Län- 
der, in Bezug auf chemische Constitution und geo- 
logische Bedeutung. 

Giebt es unter den krystallinischen Silicatgesteinen anderer 
Länder Gebirgsarten von ganz ähnlicher, oder sogar genau der- 
selben chemischen Constitution wie die Gneuse des Sächsischen 
Erzgebirges ? Im Allgemeinen kann man diese Frage unbedenk- 
lich bejahen. Denn es hiesse wohl die bewundernswürdige Ein- 
fachheit des geognomischen Processes in hohem Grade verken- 
nen, wenn man annehmen wollte, es habe die Natur im Erzge- 
birge nach wesentlich anderen Gesetzen gearbeitet als an allen 
übrigen Theilen der plutonischen Erdkruste. Allein auch die 
Geologie hat angefangen eine exacte Wissenschaft zu werden, 
seitdem sie die Lehren der Physik und Chemie sich dienstbar 
machte; der gewissenhafte, exacte Geolog wird sich nicht mehr 
mit Wahrscheinlichkeiten begnügen, wo eine absolute Gewiss- 
heit zu erlangen möglich ist. Eine solche lässt sich im vorlie- 
genden Falle durch chemische Analysen der betreffenden Ge- 
steine erreichen. Wir besitzen derartige Analysen bereits in 
nicht unbeträchtlicher Anzahl. Jedoch schon Eingangs dieser 
Abhandlung (S. 25 u. 26) sprach ich die begründeten Bedenken 
aus, welche sich in Betreff der Zuverlässigkeit und Genauigkeit 
mancher namentlich älterer Gesteinsanalysen geltend machen 
müssen. Zu diesen Bedenken gesellen sich jetzt noch die bei 
vielen solcher Analysen unberücksichtigt gebliebenen Titansäure- 



*) Solcher eigentümlicher Gebilde wurde von mir gedacht in „Re- 
sultater af en mineralogisk Reise i Tellemarkeu, 1844 ; Nyt Mag. f. Na- 
turvidensk, Bd. 4, S. 405 bis 432. 



126 



gehalte, die fehlenden Bestimmungen der beiden Oxydationsstu- 
fen des Eisens, die mangelhaften oder ebenfalls fehlenden Was- 
serbestimmungen u. s. w. Gewiss sind diese Mängel grossen- 
theils sehr zu entschuldigen, denn man konnte früherkaum um- 
hin es für eine Art von chemischem Luxus zu halten, eine ge- 
mengte Gebirgsart mit derselben Sorgfalt zu analysiren wie einen 
Feldspath oder Glimmer. Da wir nun aber sogar bei einem so 
ausgezeichnet individualisirten Mineral wie der Glimmer auf 
Unvollkommenheiten der analytischen Resultate gestossen sind, 
so wäre das Wagestück wohl allzu gross , wenn wir alle Ge- 
steinsanalysen für hinreichend zuverlässig -erachten wollten, um 
sie zu den schärfsten Vergleichen mit den Analysen unserer 
Gneuse zu benutzen. Es kann sich also hierbei vorläufig nur 
um approximative Resultate handeln. 

Solche Vergleiche, welche approximative Uebereinstimmun- 
gen anstrebten, habe ich bereits im Jahre J 860 angestellt, und 
das Ergebniss derselben dem Bergmännischen Verein zu Frei- 
berg in einem Vortrage mitgetheilt, dessen wesentlichster In- 
halt in den Nachrichten der K. Gesellschaft der Wissenschaften 
zu Göttingen, 1861 , Februar 6, (S. 33 bis 36) veröffentlicht 
wurde. Ich erlaube mir daraus in Kürze das Folgende zu ent- 
nehmen. 

Plutonische Gesteine, welche in Bezug auf ihre chemische 
Constitution und das dadurch bedingte Atom - Verhältniss 
Si : & : (R) dem grauen Gneus an die Seite gestellt wer- 
den können, sind z. ß. Gneus von Cachoeira in Brasilien (nach 
Schoenfeld und Roscoe), Granit vom südlichen und nörd- 
lichen Abhänge des Tatragebirges (nach Streng), Porphyr 
von Ilefeld am Harz (nach Demselben), Andesit vom Pichincha 
und Ararat (nach Abich.) Mit dem rothen Gneus in solcher 
Beziehung nahe verwandt zeigen sich dagegen Gneus-Granit 
von Norberg in Schweden (nach Schoenfeld und Roscoe), 
Granit von der kleinen Sturmhaube (nach Streng), Eurit- 
Porphyr von Besobdal im Armenischen Hochlande (nach 
Abich), Obsidi an -Porphyr vom grossen Ararat (nach Dem- 
selben), O b s i d i a n (brauner und schwarzer) vom grossen Ara- 
rat und Kiotangdag (nach Demselben), sowie auch vom Krabla 
auf Island (nach Bunsen), Lava vom Krabla (nach Demselben) 
u. s. w. 



127 



Um das Annähernde dieser Uebereinstimmung vor Augen 
zu legen, wird es genügen, die procentische Zusammensetzung 
einiger dieser Gesteine direkt mit der des grauen und rothen 
Gneuses zu vergleichen. 





(a) 


(b) 


W 


(*) 


Kieselsäure 


65,32 


65,64 


67,32 


65,46 


Titansäure 


0,87 


0,86 






Thonerde 


14,77 


14,98 


16,08 


15,36 


Eisenoxyd 


3,33 


2,62 | 


, Fe 
4,52 


6,65 


Eisenoxydul 


3,08 


3,50 i 


Manganoxydnl 


0,14 


0,18 






Kalkerde 


2,51 


2,04 


3,87 


4,24 


Magnesia 


2,04 


2,08 


1,54 


2,11 


Kali 


4,78 


3,64 


5,08 


1,33 


Natron 


1,99 


2,56 


2,98 


4,09 


Wasser 


1,01 


1,18 


0,52 


0,34 




99,84 


99,28 


101,91 


99,58 



(a) und (b) grauer Gneus nach den Analysen I, a 
und IV. 

(c) Gneus von Cachoeira in Brasilien, nach der Analyse 
von Sch oenfeld und Roscoe. 

(d) Andesit von Ararat, nach Abich's Analyse. 





. (a) 


00 


(c) 


m 


(?) 


(0 


(g) 


Kieselsäure 


75,74 


74,87 


76,26 


76,02 


76,66 


75,12 


76,67 


Thonerde 


13,25 


14,12 


13,60 


12,71 


12,05 


11,34 


11,15 


Eisenoxyd 


1,24) 


Fe 


2,41 


1,25 








Eisenoxydul 


0,72} 


2,27 


3,47 


3,92 


3,08 


Manganoxydul 


0,08 


0,25 


Spur 


0,31 








Kalkerde 


0,60 


1,13 


0,66 


1,20 


1,25 


1,73 


1,44 


Magnesia 


0,39 


0,17 


0,26 


0,14 




0,39 


0,28 


Kali 


4,86 


3,29 


3,75 


4,90 


2,94 


1,85 


3,20 


Natron 


2,12 


2,55 


2,56 


2,44 


3,53 


4,39 


4,18 


Wasser 


0,89 


0,82 


0,94 


0,48 


1,12 


0,41 






99,89 


99,47 


100,44 


99,45 


101,02 


99,15 100,00 



(a) (b) u. (c) r o t h e r Gneus nach den Analysen IX — XI. 



128 



(d) Granit von der kleinen Sturmhaube, nach Streng. 

(e) Eu rit- Porphyr vom Besobdal, nach Abich. 

(f) Lava vom südöstlichen Fusse des Krabla, nach Bunsen. 

(g) Normal-Trachyt-Masse, nach Demselben. 

Da das Atom-Verhältniss Si : R : (R) nur unsicher zu be- 
rechnen ist, wenn die Oxydationsstufen des Eisens nicht quali- 
tativ bestimmt wurden, so kann man wenigstens die Atom- Ver- 
hältnisse Si : R -f- (R) berechnen, wobei ein solcher Mangel 
weniger fühlbar wird , und einen Vergleich zwischen diesen 
Atom-Verhältnissen des grauen und rothen Gneuses einerseits 
und denen der chemisch verwandten[Gesteine andererseits anstellen. 

Das für den grauen Gneus nachgewiesene Sauerstoff- 
Verhältniss Si : R -f- (R) ist = 3 : 1. Folglich ist das ent- 
sprechende Atom-Verhältniss =1:1, wobei R den Werth von 
3 (R) hat. Die Berechnung ergiebt nun dieses Atom-Verhält- 
niss beim 

Si : R, (R) 
Gneus von Cachoeira 0,97 : 1 

Granit vom Tatra-Gebirge 1,02 : 1 

(nördlicher Abhang) 
Granit vom Tatra-Gebirge 0,99 : 1 

(südlicher Abhang) 
Andesit vom Gipfel des Pinchincha 0,98 : 1 
Andesit vom Ararat 0,94 : 1 

Das für den rothen Gneus nachgewiesene Sauerstoff- 
Verhältniss Si : R -f- (R) ist == 4,5 : 1, folglich das entspre- 
chende Atom-Verhältniss ±= 1,5 : 1. Nach der Berechnung ist 
dieses Atom-Verhältniss beim 

Si : R, (R) 
Gneus-Granit von Norberg 1,53 : 1 

Granit von der kleinen Sturmhaube 1,50 : 1 
Eurit- Porphyr von Besobdal 1,51 : 1 

Lava vom südöstlichen Fusse des Krabla 1,55 : 1 
Normal-Trachyt-Masse 1,57 : 1 

Obsidian vom Kiotangdag 1,58 : 1 

Diese Beispiele werden genügen um die Wahrscheinlich- 
keit zu unterstützen, dass grauer und rother Gneus auch ausser- 



129 



halb des Erzgebirges unter den eruptiv -plutonischen (und vul- 
kanischen) Gesteinen ihre Vertreter haben, wiewohl diese mit- 
unter durch ihre äusseren Charaktere keine verwandtschaftlichen 
Beziehungen zu ihren Erzgebirgischen Vettern blicken lassen. 
Metamorphe Gesteine (zu Gneus veränderte Thonschiefer 
und dergleichen) können natürlich als ursprünglich sedimentäre 
Massen hier nicht in Betracht kommen, denn ihre Zusammen- 
setzung kann unmöglich von unserem plutonischen Gesetze be- 
herrscht werden ; ja es fragt sich , ob sich bei ihnen irgend ein 
anderes Gesetz als das eines — wenn auch innerhalb gewisser 
Grenzen oscillirenden — vielfältigen Zufalls nachweisen lässt. 

Während der rothe Gneus und die ihm chemisch nahe ver- 
wandten Gesteine sich auf der höchsten Silicirungsstufe befinden, 
nämlich =?? 1,5 (d. h. 1,5 Atom Kieselsäure auf 1 Atom R *), 
welche bisher an älteren Eruptivmassen beobachtet wurde, stehen 
die von Bunsen als „Normalpyroxenische" Gebilde bezeichneten 
Gebirgsarten auf der niedrigsten Silicirungsstufe, die sich bei 
genauerer Berechnung ~ 0,49, also wohl ■=■ 0,5 (d. h. 0,5 Atom 
Kieselsäure auf 1 Atom Basen) ergiebt. In der Mitte zwischen 
diesen beiden extremen Stufen 1,5 und 0,5 liegt die Stufe 1, 
weichemittiere Silicirungsstufe die des grauen Gneuses 
und der ihm chemisch nahe stehenden Gebirgsarten ist. Ge- 
steine, welche wesentlich aus Quarz, Feldspath und Glimmer 
bestehen und dabei von eruptiver Natur sind, scheinen nicht 
niedriger silicirt als von der Stufe 1 vorzukommen. (Da der 
Feldspath — Orthoklas — ebenfalls diese Silicirungsstufe 1 be- 
sitzt, so folgt daraus, dass der Quarz dieser Gesteine genau hin- 
reicht, um den Glimmer gleichfalls auf diese Silicirungsstufe 1 
zu erheben. Im plutonischen Ur-Magma waren Quarz und Glim- 
mer zu einem Silicate von der Stufe 1 verbunden, welches gleich- 
werthig mit dem Feldspathe die plutonische Gesammtmasse ge- 
wissermaassen zu einem Feldspath machte. Allein auf dieser 
Höhe der Silicirung hat sich die wasserhaltige Ur-Glimmermasse 
nicht erhalten können; sie zerfiel bei eintretender Erstarrung in 
Quarz und in Glimmer von der Silicirungsstufe y. Im Glim- 
mer des grauen Gneuses ist das Sauerstoffverhältniss Si, Ti: (R),K 
= 1:1, das Atom-Verhältniss also = \ : 1.) — 

Soweit war ich damals mit meinen Vergleichen gekommen. 



*) Wobei R = 3 R in Rechnung gebracht. 

Zeits. d. d. geol. Ges. XIV. 1. 



9 



130 

Gegenwärtig steht uns in J. Roth's neuerlich erschienenem 
vortrefflichem Werke : „Die Gesteins- Analysen in tabel- 
larischer Uebersicht und mit kritischen Erläute- 
rungen" ein ebenso reichhaltiges als mit gewissenhafter Kritik 
bearbeitetes Material zu Gebote, welches alle Geognosten und 
Mineral-Chemiker willkommen heissen werden , und woraus wir 
weiteren Stoff zu unseren Vergleichen um so leichter entnehmen 
können, als der fleissige Verfasser nicht die Mühe gescheut hat, 
die Sauerstoff- Verhältnisse sämmtlicher Gesteins-Analysen zu be- 
rechnen. Roth giebt diese Sauerstoff- Verhältnisse in der Weise 

an, dass er den Sauerstoff der sämmtlichen Basen K -f- R durch 
den Sauerstoff der Kieselsäure dividirt, was seinen Sauerstoff- 
Quotienten giebt. Es ist sehr leicht, aus solchen Sauerstoff- 
Quotienten die betreffenden Silicirungsstufen abzuleiten, und um- 
gekehrt. 

Die Silicirungsstufe des grauen Gneuses = 1 

entspricht dem Sauerstoff- Verhältnisse Si : R -{- (R) = 3:1, 
also dem RoTH'schen Sau er s toff- Qu otien ten j = 0,333. 
Die Silicirungsstufe des mittleren Gneuses = 

ij entspricht dem Sauerstoff- Verhältnisse Si : R -j- (R) = 4:1, 
also dem RoTH'schen Sauerstoff-Quotienten j = 0,250. 

Die Silicirungsstufe des rothen Gneuses - 1|- ent- 
spricht dem Sauerstoff- Verhältnisse Si : E -f- (R) = 4,5 : 1, 

12 

also dem RoTH'schen Sauerstoff - Quotienten j-jr =^- = 
0,222. 

Will man aus einem Sauerstoff-Quotienten Q der RoTH'schen 
Tabellen die entsprechende Silicirungsstufe S ableiten, so ge- 
schieht dies durch die einfache Gleichung 

_ 0,333 

Um aber der Wahrheit hierbei so nahe als möglich 
zu kommen muss man für Q den mittleren Werth der zwei 
Sauerstoff-Quotienten einführen, welche Roth für jedes Gestein 
berechnet hat, und von denen der eine sich auf die Annahme 
von ausschliesslich Eisen- und Mangan - Ox y du 1 , der andere 
auf die Annahme von ausschliesslich Eisen- und Mangan -Oxyd 
bezieht. 



131 

Nach dieser einfachen Methode habe ich aus den Sauerstoff- 
Quotienten der betreffenden Gesteine die Silicirungsstufen der- 
selben berechnet, und erlaube mir aus den genannten Tabellen 
folgende hierdurch erhaltene Resultate zu entlehnen. 

Der Silicirungsstufe des grauen Gneuses == 1 
schliessen sich noch folgende Gesteine an : 

Silicirung- 
Stufe 

Granit a. d. Tatra, Fünfseenthal (n. Streng) 1,02 
„ a. d. Newry-District, Irland (n. Haughton) 1,07 
„ v. Elba (n. Bunsen) 1,03 
Liparit *) v. Eskifjord Island (n. Damour) 1,01 
Syenit v. d. Bergstrasse (n. Streng) 1,05 
Quarzfreier Orthoklas-Porphyr v. Ullernaas (n. Kjerulf) 0,98 
Desgl. v. Gausta-Hospital, Chrisfiania (n. Demselben) 0,99 

Von diesen Gesteinen zeigen einige bei näherer Verglei- 
chung eine noch weiter gehende intime Verwandtschaft mit dem 
grauen Gneuse, wie durch Vergleichung ihrer gefundenen und 
berechneten Sauerstoff-Verhältnisse gezeigt werden soll. 

Granit a. d. Tatra (Orthoklas: weiss; Glimmer: theils dun- 
kelgrün, theils weiss) 

Si : R : R 
Sauerstoff gef. 36,47 : 8,88 : 3,02 
„ ber.**)36,47 : 8,10 : 4,05 
Granit von Newry (Feldspath: weiss bis röthlich weiss; 
Glimmer schwarz) 

Sauerstoff gef. 34,45 : 7,74 : 4,19 
„ ber. 34,45 : 7,66 : 3,83 
Granit v. Elba (Orthoklas: graulich weiss; Glimmer: dun- 
kel graugrün) 

Sauerstoff gef. 35,99 : 8,66 : 2,93 
„ ber. 35,99 : 8,00 : 4,00 
Syenit von der Bergstrasse (Grobkörniger Diorit. Ortho- 
klas: weiss, der vorherrschende Oligoklas: weisslich; viel Horn- 
blende, wenig Quarz). 



*) Trachytporphyr. 

**) Nach dem Sauerstoff- Verhältniss des grauen Gneuses = 9:2:1 
s. S. 31). 

9* 



132 



Sauerstoff gef. 36,41 : 7,28 : 4,27 

ber. 36,41 : 8,10 : 4,05 

Liparit (Sogenannter „Trapp." Ein dichtes schwarzes Gestein 
mit schiefriger Textur). 

Sauerstoff gef. 34,60 : 7,63 : 3,86 
„ ber. 34,60 : 7,69 : 3,84 
Ferner ist zu bemerken, dass Damour in diesem Gestein 
0,80 Proc. Titansäure (deren Sauerstoff dem der Kiesel- 
säure zugelegt wurde) und 1,09 Wasser — in völliger 
Uebereinstimmung mit diesen Bestandtheilen des grauen 
Gneuses — fand. 

Quarzfreier Orthoklasporphyr v. Ullernaas (Fleischrothe Grund- 
masse mit Orthoklaskrystallen und grünlichen Körnern). 

Sauerstoff gef. 34,04 : 7,97 : 3,67 
;, ber. 34,04 : 7,56 : 3,78 

Quarzfreier Orthoklasporphyr von Gausta-Hospital (ähnlich dem 
vorigen. Diese Porphyre treten gangförmig auf, durchsetzen 
untersilurische Kalkthonschiefer und sind stellenweise glim- 
merführend). 

Sauerstoff gef. 34,29 : 7,98 : 3,62 
„ ber. 34,29 : 7,62 : 3,81 

Wassergehalte von etwa i Proc. und darüber sind bei allen 
diesen Gesteinen angegeben ; allein es wäre eine überflüssige 
Genauigkeit gewesen, sie zu berücksichtigen , da wir wegen der 
mangelnden Bestimmungen der Oxydationsstufen des Eisens zu 
der Annahme eines mittleren Gehaltes an Oxyd nnd Oxydul 
genöthigt waren. 

Die Uebereinstimmung der chemischen Constitution auch 
dieser 7 entschieden eruptiven Gesteine mit der des grauen 
Gneuses rechtfertigt wohl meine frühere Annahme, dass der 
graue Gneus gleich dem mittleren und rothen ein plu to- 
nisch-eruptives Gebilde sei, auf das Vollkommenste. 

Der Silicirungssufe des mittleren Gneus es =1,33 
entsprechen folgende Gebirgsarten : 



133 









Silicirungs- 
Stafe. 


Granit*) v. 


Striegau, Schlesien (n. Streng) 


1,32 




V. 


Holzemmenthal, Harz (n. Demselben) 


1,33 




V. 


Plessburg, Harz (n. Demselben) 


1,36 




**)v. 


Heidelberg (n. Demselben) 


1,32 


*« 


V. 


M. Mulatto bei Predazzo (n. Kjerulf) 


1,30 


)5 


V. 


Dalkey-Quarries, Irland (n. Haughton) 


1,32 


11 


V. 


Ballyknocken, Irland (n. Demselben) 


1,30 


11 


V. 


Kilballyhugh, Irland (n. Demselben) 


1,37 


11 


V. 


Blackstairs Mountains (n. Demselben) 


1,36 


11 


V. 


Carlingford District (n. Demselben) 


1,28 




V. 


Grange Irisch (n. Demselben) 


1,31 


11 


V. 


Newry-District (n. Demselben) 


1,31 


11 


V. 


Fathom Lock (n. Demselben) 


1,27 


11 


V. 


Jonesborough Mountain (n. Demselben) 


1,27 


„**>• 


Baden-Baden, Friesenberg (n. Koenig) 


1,38 



Gneus v. Norberg, Schweden (n. Schoenfeldt u. Roscoe) 1,36 
„ f) v. Sachs. Erzgeb. (zw. Metzd. u. Flöhe) (n. Quincke) 1,36 

Granulit v. Mechachamp, Vogesen (n. Delesse) 1,33 

Porphyr, quarzreicher v. Kreuznach (n. Schweizer) 1,29 
„ v. Sandfelsen bei Halle (n. E. Wolff) 1,30 
„ • v. Ludwigshütte, Harz (n. Streng) 1,33 

Liparit v. Berkum, Siebengebirge (n. Bischof) 1,33 

Als mittlere Silicirungsstufe ergiebt sich aus diesen 22 Wer- 
then — welche zwischen den Grenzen 1,27 und 1,38 schwan- 
ken — die Stufe 1,32. 

Zugleich ist es von Interesse, durch diese Beispiele zu er- 
fahren, dass der mittlere Gneus , den wir bei unseren Untersu- 
chungen Erzgebirgischer Gneuse am wenigsten genau kennen 
gelernt haben — und als dessen Typus uns hauptsächlich der 
Granit von Bobritzsch (XVI) galt — in anderen Ländern eine 
weit erheblichere Rolle zu spielen scheint; 



*) Ganggranit. 
**) Jüngerer Ganggranit. 

***) Bei Baden-Baden kommt auch (s. die folgende Zusammenstellung) 
ein dem rothen Gneus entsprechender Granit vor. 

f) Granitähnlich. Cotta in v. Leonhard und Bronn's Jahrbuch. 
1854, 40. 



134 



Der Silicirungsstufe des rothen Gneuses — 1,50 
schliessen sich an: 

Silicirungs- 
stufe 

Granit*) v. Striegau, Schlesien (n. Streng) 1,47 
„ v. Enniskerry, Irland (n. Haughton) 1,55 
„ v. Ballyleigh, Irland (n. Demselben) 1,57 
„ v. Carnsore (n. Demselben) 1,48 
v. Mourne-District (n. Demselben) 1,56 
„ **) v. Newry-Quarry (u. Demselben) 1,60 
„ ***) v. Baden-Baden (n. Koenig) 1,56 
Gneusf) v. Norberg, Schweden (n. Schoenfeldt u. 

Roscoe.) 1,57 
Granulit v. Unterbergen, Oesterreich (n. E. Hornig) 1,46 
Hälleflinta v. Jungfrugrube, Dannemora (n. A. Erdmann) 1,53 
„ ff) v. Benaunmore, Irland (n. Haughton) 1,46 
Porphyr quarzreicher, von Zinnwald, Böhmen (nach 

Tribolet) 1,49 
„ v. Kuckhahnthal, Harz (n. Streng) 1,56 
„ v. Pfaffenthaler Kopf (n. Demselben) 1,55 
„ v. oberhalb Lauterberg (n. Demselben) 1,55 
„fff)v. Auerberg ebend. (n. Demselben) 1,50 
„ v. Unteren Holzemmenthal (n. Demselben) 1,51 
„ v. Gottschlägthal, Baden (n. Nessler) 1,53 
Liparit v. Palmarola (n. Abich) 1,50 
(Obsidian) v. Lipari (n. Demselben) 1,50 
v. Capo di Castagno, Lipari (n. Demselben) 1,54 
(Bimstein) v. Pantellaria (n. Demselben) 1,48 
v. Island (n. Forchhammer) 1,49 
(Baulit) v. Baulaberg, Island (n. Demselben) 1,50 
ebendaher (n. Kjerulf) 1,49 



*) Wird von dem unter den mittleren Gneusen angeführten Gang- 
granit (Silicirungsstufe — 1,32) durchbrochen. 

**) Es ist dies der sogenannte „Elvangranit," welcher den unter den 
grauen Gneusen angeführten Granit (Silicirungsstufe — 0,97) durchbricht. 

***) Kommt in der Nähe des unter den mittleren Gneusen angeführten 
Granites von Baden-Baden (Silic. = 1,38) vor. 

f ) Mit einem unter den mittleren Gneusen angeführten Gneuse (Silic. 
= 1,36) vorkommend. Gneus-Granit. 

ff) Siliceo-Feldspatic Rock n. Haughton Bloss aus Orthoklas und 
Quarz bestehend. 

fff ) Mit stellenweise eingewachsenem Pinit. 



135 



Silicirungs- 
Stufe 

Liparit v. Laugarfjall , Island (n. Bunsen) 1,54 
„ (Obsidian) v. kleinen Ararat (n. Abich) 1,52 
„ (sog. dichter Ophit) v. Takjaltou, Transkauk. (n. Ds.) 1,53 

Als mittlere Silicirungsstufe aus diesen — zwischen den 
Grenzen 1,47 und 1,60 schwankenden — 28 Werthen ergiebt 
sich 1,52. 

Dass fast diese sämratlichen Gesteine durch ihre chemische 
Constitution dem rothen Gneuse auf das Innigste verwandt sind, 
giebt sich durch die folgenden Sauerstoff- Verhältnisse noch 
schärfer zu erkennen, von denen die gefundenen aus den Roth- 
schen Tabellen (als oben gedachte Mittelwerthe) entlehnt, die 
berechneten aber nach dem für den rothen Gneus ermittelten 
Sauerstoff- Verhältniss Si : R : (R) = 18 : 3 : 1 (entsprechend 
der Atom-Proportion 6 : 1:1, siehe Seite 35) berechnet wor- 
den sind. 



Granit 


V. 


Striegau 












Sauerstoff gef. 


39,00 


: 6,36 : 


2,52 






„ ber. 


39,00 


: 6,50 : 


2,17 


Granit 


V. 


Enniskerry 












Sauerstoff gef. 


39,59 


: 6,58 : 


195 






„ ber. 


39,59 


: 6,58 : 


2,19 


Granit 


V. 


Ballyleigh 












Sauerstoff gef. 


39,08 


: 6,20 : 


2,17 






„ ber. 


39,00 


: 6,50 : 


2,17 


Granit 


V. 


Carnsore 












Sauerstoff gef. 


38,29 


: 6,05 : 


2,60 






„ ber. 


38,29 


: 6,38 : 


2,13 


Granit 


V. 


Mourne-District 












Sauerstoff gef. 


40,00 


: 6,56 : 


1,98 






„ ber. 


40,00 


: 6,67 : 


2,22 


Granit 


V. 


Baden-Baden 












Sauerstoff gef. 


40,36 


: 6,77 : 


1,86 






„ ber. 


40,36 


: 6,72 : 


2,24 


Gneus 


V. 


Norberg 












Sauerstoff gef. 


40,83 


: 6,14 : 


2,53 






„ ber. 


40,83 


: 6,71 : 


2,27 



136 

Granulit v. Unterbergen 

Sauerstoff gef. 39,31 : 5,97 : 3,03 

„ ber. 39,31 : 6,54 : 2,18 
Hälleflinta v. Dannemora 

Sauerstoff gef. 40,61 : 6,56 : 2,55 

ber. 40,61 : 6,77 : 2,26 
Hälleflinta v. Benaunmore 

Sauerstoff gef. 38,14 : 6,18 : 2,54 

„ ber. 38,14 : 6,36 : 2,12 
Porphyr v. Zinnwald 

Sauerstoff gef. 39,58 : 6,56 : 2,31 

„ ber. 39,58 : 6,60 : 2,20 
Porphyr v. Kuckhahnthal 

Sauerstoff gef. 40,44 : 6,53 : 2,09 

ber. 40,44 : 6,74 : 2,25 
Porphyr v. Pfaffenthaler Kopf 

Sauerstoff gef. 39,46 : 6,62 : 1,90 

„ ber. 39,46 : 6,57 : 2,19 
Porphyr v. Lauterberg 

Sauerstoff gef. 40,09 : 6,48 : 2,17 

„ ber. 40,00 : 6,67 : 2,22 
Porphyr v. Auerberg 

Sauerstoff gef. 40,07 : 7,27 : 1,60 

„ ber. 40,00 : 6,67 : 2,22 

Porphyr v. U. Holzemmenthal 

Sauerstoff gef. 39,53 : 6,68 : 2,02 

„ ber. 39,53 : 6,59 : 2,20 

Porphyr v. Gottschlägthal 

Sauerstoff gef. 39,71 : 6,64 : 2,00 

„ ber. 39,71 : 6,62 : 2,20 

Liparit v. Palmarola 

Sauerstoff gef. 39,75 : 6,62 : 2,25 

ber. 39,75 : 6,84 : 2,28 

Liparit (Obsidian) v. Lipari 

Sauerstoff gef. 39,49 : 6,47 : 2,28 

„ ber. 39,49 : 6,57 : 2,19 



137 



Liparit v. Capo di Castagno 

Sauerstoff gef. 39,31 : 6,08 : 2,44 

„ ber. 39,3 i : 6,54 : 2,18 

Liparit v. Island 

Sauerstoff gef. 39,58 : 6,54 : 2,33 

ber. 39,58 : 6,60 : 2,20 

Liparit (Baulit) v. Baulaberg 

Sauerstoff gef. 39,67 : 6,75 : 2,04 

ber. 39,67 : 6,60 : 2,20 

Liparit v. ebendaher 

Sauerstoff gef. 39,88 : 6,63 : 2,34 

ber. 39,88 : 6,65 : 2,22 

Liparit v. Laugarfjall 

Sauerstoff gef. 40,15 : 6,48 : 2,21 

„ ber. 40,i5 : 6,69 : 2,23 

Liparit v. Takjaltou 

Sauerstoff gef. 39,66 : 6,30 : 2,32 
ber. 39,66 : 6,60 : 2,20 

Das arithmetische Mittel aus diesen 25 Sauerstoff- 
Verhältnissen ist: 

gefunden 39,66 : 6,48 : 2,20 
berechnet 39,66 : 6,60 : 2,20 = 18 : 3 : 1 
Atome = 6:1:1 

So haben wir uns denn überzeugt, dass die Herrschaft der 
Erzgebirgischen Gneuse weit über die engen Grenzen des Säch- 
sischen Erzgebirges hinausreicht. Der rothe und mittlere Gneus 
scheinen besonders häufig vorzukommen; weit häufiger leider — 
oder glücklicherweise — als der gangveredelnde graue Gneus. 

Dürfen wir aber unter solchen Umständen diese sämmtlichen 
Gebirgsarten mit so verschiedenartigem petrographischen Cha- 
rakter unter dem Namen Gneus zusammenfassen und fortfah- 
ren sie als grauen, mittleren und rothen Gneus zu unterschei- 
den ? Mit grösserem Rechte können sie jedenfalls auf die Benen- 
nung Granit Anspruch machen, da ihr locales Auftreten mit 
Parallelstruktur nicht als ein in ihre Genesis tief eingreifendes 
Phänomen betrachtet werden kann. Wir hätten dann — dem 
grauen, mittleren und rothen Gneuse entsprechend — einen u n- 



138 



teren, mittleren und oberen Granit. Allein auch damit 
kämen wir noch nicht aus. Kann man Porphyre, Liparite etc. 
als Granite bezeichnen? Es bleibt daher nichts übrig als eine 
generelle Bezeichnung aufzustellen, welche die petrographische 
Beschaffenheit gänzlich aus dem Auge lässt. Als eine solche 
Bezeichnung schlage ich Plutonit vor. Unterer, mittlerer und 
oberer Plutonit umfassen dann die ganze petrographische Mannig- 
faltigkeit plutonischer Gebilde, die sich uns durch ihre chemi- 
sche Identität hier aufdrängt. Aber auch der — natürlich nie- 
mals zu vernachlässigenden — petrographischen Beschaffenheit 
soll das ihr zukommende Recht widerfahren ; denn* man würde 
z. B. einen zum rothen Gneuse gehörigen Porphyr als einen 
oberen Plutonit- Porphyr, einen zum mittleren Gneuse gehörigen 
Gneus als einen mittleren Plutonifc-Gneus, zum Unterschiede von 
einem Gneuse metamorpher Bildung, bezeichnen und charakteri- 
siren. Beim Granit dürfte die blosse Unterscheidung eines un- 
teren , oberen und mittleren vorläufig genügend sein. Der un- 
tere Granit könnte — durch seine Eigenschaften der tiefsten 
Abstammung und der Gangveredlung — im wahren Sinne des 
Wortes als ein Erzgranit von seinen unedleren Verwandten 
unterschieden werden. 

Für neuere plutonische (vulkanische) Gebilde Hesse sich 
dann der Benennung Vulkanit eine ähnliche Bedeutung geben. 
Ob wir aber mit diesen beiden Gruppen eruptiver Gebilde aus- 
reichen ? Ob es ausser dem unteren, mittleren und oberen Plu- 
tonit noch andere solche chemisch in sich abgeschlossene Gebilde 
in Pluto's Werkstätte giebt? Dies zu erörtern würde uns je- 
denfalls über unser vorgestecktes Ziel hinausführen , welches 
innerhalb der Erzgebirgischen Gneuse erreicht werden sollte. 

Nur eines Umstandes ist hierbei noch zu erwähnen. Wenn 
es auch ausgemacht ist, dass unsere drei Plutonite — der Glim- 
mer- Quarzite hier nicht zu erwähnen — im plutonischen Labo- 
ratorium einstmals drei gesonderte Materien von verschiedener 
chemischer Etiquette bildeten, ja selbst wenn wir kühn genug 
wären anzunehmen , dass diese Materien im plutonisch- flüssigen 
Zustande so scharf gesondert über einander gestanden hätten wie 
Wasser und Oel, so würde das immer nicht locale Men- 
gungen der Plutonite haben verhindern können. Mag auch 
bei der so langsam eintretenden Erstarrung das Gemenge sich 
oftmals wieder getrennt und das Ungleichartige sich ausgeschie- 



139 



den haben, nicht immer wird das ganz vollkommen geschehen 
sein. Namentlich dann nicht, wenn die Masse des einen — 
durchbrochenen — Plutonites schon mehr oder weniger fest war, 
aber genügend erweicht wurde, um allmälig Bestandtheile des 
durchbrechenden, flüssigen Plutonites in sich aufzunehmen, deren 
Wiederausscheidung durch baldige Erstarrung verhindert wurde. 
In einem solchen Falle scheint sich z. B. der schmale Fetzen 
des mittleren Gneuses iJ/, an der Seite 45 skizzirten Loca- 
lität befunden zu haben. Nicht allein , dass er zu keiner deut- 
lichen Parallelstruktur gelangte, seine Masse besitzt auch nicht 
genau die Silicirungsstufe lj des mittleren Gneuses, sondern 
etwas weniger als lj, nähert sich also der Silicirungstufe 1 des 
umschliessenden grauen Gneuses. Zwischenbildungen der Plu- 
tonite sind daher möglich; aber sie können schwerlich von er- 
heblicher und mehr als localer Bedeutung sein, welche niemals 
verhindern kann das grossartig und scharf ausgeprägte Gesetz 
zwischen den hier und da verwaschenen Grenzen seines unbe- 
streitbaren Gebietes in voller Alleinherrschaft zu finden. Aber 
so unbeträchtlich und local auch die Ausnahmen gegen das allge- 
meine Gesetz auftreten mögen, sie legen jedenfalls einen neuen 
Accent auf die Vorsicht, die wir bei Gesteinsanalysen auf die 
Auswahl des dazu bestimmten Materials verwenden müssen ; 
sie nöthigen uns hierbei mit geschärfter Kritik (s. Seite 25) zu 
Werke zu gehen. Nicht allein, dass sogar in Gesteinen, welche 
sich wie der Freiberger graue Gneus in der monotonsten Gleich- 
förmigkeit über ausgedehnte Areale erstrecken, locale Störungen 
in der regelmässigen Vertheilung ihrer Gemengtheile eintreten, 
auch die nahe Nachbarschaft eines andern Gesteins kann Un- 
regelmässigkeiten zur Folge haben. — 

Schliesslich muss ich noch einmal auf die im Abschnitte C 
beschriebene Schmelzprobe zurückkommen. Nachdem wir 
uns von der scharfen Gesetzmässigkeit, welche die chemische 
Constitution der Plutonite beherrscht, überzeugt haben, gewinnt 
sie um so mehr Bedeutung. Sie ist bis jetzt das einfachste und 
sicherste Mittel, diese Gebilde schnell und leicht von einander 
zu unterscheiden , mögen sie sich auch noch so trügerisch mas- 
kiren. Es kommt bei ihrer Anwendung, ich wiederhole es, we- 
niger darauf an, dass man sich in Allem genau nach den von 
mir gegebenen Vorschriften richtet, als vielmehr darauf, eine 
solche Probe, wie man auch hierbei verfährt, möglichst ge- 



140 



nau wie die andere vorzunehmen. Als Normalproben zu den zu 
vergleichenden können wohl am besten die mit Freiberger grauem 
und rothem Gneus (aus der hiesigen Mineralien-Niederlage vom 
Herrn Factor Wappler zu billigen Preisen zu beziehen) ange- 
stellten Proben gelten. Nur bei solchen Schmelzproben treten 
Ungenauigkeiten ein — die sich aber auch selbst hier nur zwi- 
schen engeren Grenzen bewegen — bei denen man zwei Ge- 
steine mit erheblich verschiedenen Thonerdegehalten mit 
einander vergleicht. Denn auch die Thonerde treibt, obwohl 
nach einem andern modificirten Gesetze als die Kieselsäure, beim 
Zusammenschmelzen mit kohlensaurem Natron, eine gewisse 
Menge Kohlensäure aus. Ich habe diese Verhältnisse — welche 
auf das Ueberzeugendste für drei Atome Sauerstoff in der Kie- 
selsäure sprechen, und dadurch die so taktvolle Annahme von 
Berzelius, des unvergesslichen Meisters chemischer Genauigkeit, 
rechtfertigen*) — zu einem Gegenstande näheren Studiums ge- 
macht, die Fortsetzung derselben aber, wegen des dringenden 
Abschlusses der vorliegenden Arbeit, einstweilen verschieben 
müssen. Anschliessend an das bereits beschriebene Verhalten der 
Kieselsäure zu kohlensauren Alkalien**) werde ich später, neben 
anderen elektronegativen Oxyden, auch der Thonerde gedenken. 

Unter den im Abschnitt C zusammengestellten Resultaten 
von Schmelzproben habe ich noch zwei unerwähnt gelassen, 
welche sich auf Gesteine beziehen , die nicht aus dem Sächsi- 
schen Erzgebirge stammen. Das eine derselben ist ein Granit 
von Mauthhausen (das Pflasterungs-Material der Strassen Wiens). 
Ich erhielt eine grössere Partie desselben durch Güte meines 
hochverehrten Freundes Haidinger. Ein kleinkörniger Granit 
mit weissem Feldspath, zum Theil Orthoklas- Zwillingen , und 
sparsam eingestreuten Pailletten eines schwarzen Glimmers. Die 
damit angestellte Schinelzprobe ergab an Schmelzverlust 73,4 
Procent (was also annähernd dem Kieselsäuregehalte des Gesteins 
gleichkommt). — Das andere ist ein Gneus vom St. Gotthardt, 
sowohl auf der Italienischen als auf der Schweizer Seite der 
Gotthardtstrasse weit verbreitet anstehend. Ich nahm im Jahre 
1860 Proben davon an Ort und Stelle. Grobkörniger Gneus 
mit weissem Feldspath und wenig Glimmer, der theils mit 

*) Eine andere Rechtfertigung ergiebt sich aus der spec. Wärme des 
Siliciums, wie ich nächstens zeigen werde 
**) S. das Citat S. 37. 



141 



schwarzer, theils mit weisser Farbe auftritt. Der Schmelzverlust 
betrug 74,7 Procent. Also auch an diesen beiden Localitäten 
macht sich der obere Plutonit, am einen Orte als glimmerarmer 
Granit, am anderen als glimmerarmer Gneus geltend. 



M. Nachtrag zur Ermittelung der Silicirungsstufen 
der Plutonite durch die Schmelzprobe. (An den Ab- 
schnitt C. sich anschliessend.) 

Während des Druckes der vorliegenden Arbeit fand sich 
Gelegenheit, noch mehrere Gesteins -Untersuchungen durch die 
Schmelzprobe an die im Abschnitte C. mitgetheilten anzureihen. 
Dieselben betreffen zunächst folgende Gn eu s e aus dem Berg- 
amtsrevier Annaberg-Marienberg im Sächsischen Erz- 
gebirge. 

a. Gesteine mit Schmelzverlusten von 64 bis 66 Procent. 
(Grauer Gneus = unterer Plutonit) 

Diejenigen dieser Gesteine, bei denen keine besonderen An- 
gaben gemacht sind, haben mehr oder weniger den Habitus eines 
normalen grauen Gneuses. 

Schmelzverl. 
Procent. 



28) Gneus vom Marienberger Stadtberge. (Etwas 
verwittert und dadurch stellenweise gelb bis 
rostroth gefärbt.) 65,0 

29) Gneus vom Wolkensteiner Schlossberge . . 65,4 

30) Gneus aus dem Grubenfelde von Kippenhain 
(Ritter) bei Annaberg ........ 65,3 

31) Gneus vom Weisstaubener Stölln auf dem Frisch- 
Glück-Flachen. (Plattig-schiefriger Gneus mit 
feinschuppigem Glimmer.) 65,5 

32) Gneus aus einem alten Steinbruch, 400 bis 500 
Schritt vom Plattengut in Nord , oberhalb der 
Annaberg-Freiberger Chaussee. (Dünnschiefrig, 

mit grossen Glimmerblättchen.) 66,5 

33) Gneus von der Anhöhe des Schottenberges bei 
Annaberg, zwischen dem Buchholzer Granit- 
bruche und dem sogenannten Schmiedefelsen. 

(Fein schuppiger Gneus.) 65,7 



142 

Schmelzverl. 

Procent. 

34) Gneus von den Felspartien am rechten Gehänge 
des Sehmathales, oberhalb des Saurüsselstollns. 
(Grobkörnig flaseriger Gneus.) ..... 66,0 

35) Gneus aus einem Steinbruche im sogenannten 
Seifenwalde hinter Buchholz, bei Annaberg . 65,9 



b. Gesteine mit Schmelzverlusten von 69 bis 70 Procent. 
(Mittlerer Gneus = mittlerer Plutonit) 

36) Gneus, angeblich von demselben Fundorte wie 
der graue Gneus No 33 , aber von anderem 
Habitus ; nämlich von dem der mittleren Gneuse 

„ XIII. und XIV. (s. S. 47 und 48). (Als ein 
„feinsch üppiger grauer Gneus" in dem betref- 
fenden bergamtlichen Verzeichnisse aufgeführt.) 69,2 

37) Gneus von einem Felsen am rechten Gehänge 
der rothen Pockau, in der Nähe des Wallfisch- 
stolln-Mundloches. (Grobschiefriger Gneus mit 
grösseren Feldspath-Ausscheidungen.) . . . 68,9 

c Gesteine mit Schmelzverlusten von 73 bis 75 Procent. 
(Rother Gneus = oberer Plutonit) 

Schmelzverl. 
Pro ceii t. 

38) Gneus aus den Grubenbauen von St. Christoph 
am Martersberge. (Körnig schiefriger, graniti- 
scher, rother Gneus.) 74,9 

39) Gneus vom linken Ufer der schwarzen Pockau 
am Fusse des Katzensteins bei Pobershau. (Ein 
sogenannter „grober rother Augen gneus." Mit 
vorherrschendem weissen und untergeordnetem 
schwarzen Glimmer.) m . 73,5 

40) Gneus aus dem Wildsberge bei Pobershau, vom 
Wildemannstolln auf dem Molchner Spat, 80 
Lachter vom Johannis Flachen in Ost. (Ein 
sogenannter „ feinkörniger , grauer, granulit- 
artiger Gneus." Das sehr feinkörnige Gestein 
enthält weissen Feldspath und graulich weissen, 
feinschuppigen Glimmer, letzteren sehr gleich- 
massig durch die ganze Masse vertheilt.) . . 73,8 



143 

Da zu keiner dieser Proben erheblich grössere Quantitäten 
als 1 Pfund zu Gebote standen, so können die Schmelzverluste 
bei denjenigen Gesteinen, welche als grobkörnig bezeichnet wur- 
den, nur als mehr oder weniger annähernde Werthe gelten 
Gleichwohl fallen dieselben noch innerhalb der von uns aufge- 
stellten Grenzen. 

Als ein Erzgebirgisches Gestein reiht sich hier ferner 
noch an : 

Schmelzverl. 
Procent. 

41) Granit von Naundorf bei Freiberg. (Von ganz 
ähnlicher Beschaffenheit wie der Granit von Bo- 
britzsch XVI, doch nicht grobkörnig wie dieser, 
sondern klein- bis feinkörnig.) 69,9 

Eine zweite Schmelzprobe ergab 69,8 Procent. 
An beiden Fundstätten erweist sich also dieser 
Granit entschieden als ein mi ttlerer Plutonit. 
Demnächst wurden einige hierher gehörige Gesteine aus 
den Gegenden von Karlsbad und Marienbad unter- 
sucht, welche folgende Resultate ergaben : 

Schmelzverl. 
Procent. 

42) Feinkörniger Granit von der Stephanshöhe in 
Karlsbad. (Grauer Quarz, röthlicher und weisser 
Feldspath, schwärzlich brauner und lichter Glim- 
mer.) 73,1 

43) Feinkörniger Granit von einem mächtigen Gange 
im grobkörnigen Granite des Mühlberges bei 
Marienbad. (Vom vorigen durch lichtere und 
zum Theil gelbliche Farbe des Feldspathes un- 
terschieden.) 73,3 

Diese feinkörnigen Granite sind hiernach identisch 
und gehören dem oberen Plutonit (rothen Gneuse) an. Wie 
schon v. Buch*) hervorgehoben und später v. Warnsdorff**) 
gezeigt hat, treten dieselben in beiden Gegenden als jüngerer 
Granit auf, welcher einen älteren grobkörnigen Gra- 
nit — wie z. B. im Mühlberge bei Marienbad — mehrfach 



*) Bergm. Journ. v. J. 1792. S. 383. 

**) Einige Bemerkungen über die Granite von Karlsbad, v. Leonhard u. 
Bronn's Jahrb. 184b, S. 385 bis 405. — Kurze Besehreibung der geo- 
gnostischen Verhältnisse von Marienbad. 



144 



durchbrach. Letzterer ist der durch seine grossen Ortho- 
klas-Zwillinge ausgezeichnete, sogenannte Karlsbader (und Elln- 
bogener) Granit. Welche geologische Stellung dieses Gestein 
einnimmt, Hess sich vor der Hand durch die Schmelzprobe nicht 
genau ermitteln, da mir von demselben, im Verhältniss zu seiner 
Grobkörnigkeit und unregelmässigen Vertheilung der Gemeng- 
theile, allzu geringe Quantitäten zur Disposition standen. Eine 
mit dem Karlsbader Granit vorgenommene Schmelzprobe, zu wel- 
cher das Material kaum j Pfund betrug, ergab einen Schmelz- 
verlust von 71,1 Procent; während sich beim Marienbader Gra- 
nit unter Anwendung von j Pfund ein Schmelzverlust von 70,8 
Procent herausstellte. Wenn es auch hiernach nicht ganz ohne 
Wahrscheinlichkeit sein dürfte, dass beide Gesteine dem mittle- 
ren Plutonit angehören, so darf man dies jedenfalls noch nicht 
für erwiesen erachten. 

Eben dieser grobkörnige Granit schliesst nicht selten kuge- 
lige oder scharfkantigere, auch wohl schollenförmige Massen eines 
Gesteins ein, welches meist das Ansehen eines kleinkörnigen gra- 
nitischen Oneuses besitzt. Bei näherer Betrachtung durch die 
Lupe vermag man aber keine Quarzkörner darin zu entdecken, 
sondern man gewahrt nur ein Gemenge aus weissem Feldspath 
und dunkeltombakbraunem Glimmer. Die Schmelzprobe ergab 

— bei drei Versuchen mit zwei Varietäten des Gesteins ange- 
stellt — in der That bloss Schmelzverluste von 56,3, 56,7 und 
56,6 Procent. Ohne Zweifel sind daher diese fremden Gesteins- 
brocken , wie sich aus ihrem Auftreten mitten im Granite leicht 
erklären lässt, metamorpher Natur; wahrscheinlich ein trans- 
mutirterThonschiefer, der es wohl zu einer äusseren Aehn- 
lichkeit mit Gneus bringen konnte, aber nicht zur chemischen 
Constitution eines solchen. 

Beide Arten der gedachten Granite — der feinkörnige und 
der grobkörnige — werden stellenweise von Gängen eines Ge- 
steins durchsetzt, welches man als „Felsitporphyr" zu bezeichnen 
pflegt. Durch die Lupe überzeugt man sich jedoch , dass das- 
selbe wohl richtiger als ein sehr feinkörniger Granit zu betrach- 
ten sein würde. In einem Gemenge von Feldspath und Quarz 

— aus welchem sich beide Mineralien theilweise allerdings nur 
unvollkommen individualisirt haben - — liegen zerstreute kleine 
Partien eines dunkeltombakbraunen Glimmers, Durch eine mit 
diesem Gestein vorgenommene Schmelzprobe stellte sich ein 



145 



Schmelzverlust von genau 70,0 Procent heraus. Hier haben wir 
also unzweifelhaft einen mittleren Plutonit. Darin liegt 
einige Unterstützung unserer oben ausgesprochenen Vermuthung, 
dass der grobkörnige Granit derselben Kategorie angehören dürfte. 
Doch möge er auch ein oberer Plutonit sein, in beiden Fällen 
wird uns vor Augen geführt, welch ein verschiedenes Gesicht 
die Plutonite annehmen , je nachdem sie ihren Kopf früher oder 
später aus der plutonischen Unterwelt hervorgesteckt haben. Wir 
erhalten dadurch eine Vermehrung der bezüglichen Thatsachen, 
auf welche der vorige Abschnitt bereits so entschieden hinweist. 
Alle vereinzelte Behauptungen älterer Forscher, dass Granit und 
Gneus — mit ihrem primitiven Gesteins - Charakter — eine bis 
in die Tertiärzeit hineinragende Genesis haben, dürften hiernach 
eben so gewagt erscheinen , als sie bisher schon für zweifelhaft 
nachgewiesen erachtet wurden. 

Schliesslich füge ich noch einige Gesteine aus entfernteren 
Gegenden bei: 

44) Syenit-Granit von Predazzo in Tyrol. (Dunkel- Sc p r ^ent er1 ' 
fleischrother Feldspath, weisser Quarz, schwar- 
zer Amphibol.) 70,0 

45) Granit von der Ostküste der Insel Karimata, an 
der Westküste von Borneo. (Fleischrother Feld- 
spath, bläulich grauer Quarz und sparsam ein- 
gemengter schwarzer Glimmer.) ..... 73,2 

Auch durch den blossen Augenschein würde man bei eini- 
ger Uebung letztere Gebirgsart als einen oberen Plutonit 
(rothen Gneus) erkannt haben; während der Syenit -Granit von 
Predazzo seine Abstammung aus dem mittleren Plutonit 
unter der Maske eines syenitischen Gesteins verbarg. 

Durch Güte des Herrn Dr. Stuebel in Dresden erhielt ich 
Probestücke einiger von ihm aus Italien und Aegypten mitge- 
brachten Gesteine. Unter letzteren wurden zunächst folgende 
zwei der Schmelzprobe unterworfen. 

46) Feinkörniger Granit von Assuan (Syene). (Dun- Sc p™f e z n v t er1, 
kelfleischrother Feldspath, graulich - weisser 

Quarz und schwarzer Glimmer in sehr gleich- 
massigem feinkörnigen Gemenge, worin das 
bewaffnete Auge ausserdem zerstreute Körner 
eines weissen bis gelblich weissen Feldspathes 
gewahrt. Nicht ganz frei von Verwitterung.) 72,8 

Zeits. d. d. geol. Gm. XIV. t . 10 



146 



Fällt auch dieser Schmelzversuch etwas ausserhalb der Gren- 
zen eines oberen Plutonit (73 — 75 Proc.) so dürfte dies 
wohl kaum von Bedeutung für die Erkennung des Gesteins sein. 

47) Grobkörniger Granit von Syene. Der bekannte, S p^ c e e n t verl 
für das Vorkommen bei Syene typische Granit, 
aus welchem so viele der altaegyptischen Bau- 
und Bildwerke bestehen. (Zweierlei Feldspath : 
ein licht-fleischrother, orthoklastischer und ein 
weisser plagioklastischer wahrscheinlich Oligo- 
klas; weisser bis graulich-weisser Quarz und 

schwarzer Glimmer) 69,1 

Auf das Entschiedenste ein mittler Plutonit. 

Der Granit von Bobritzsch (XVI, s. S. 47), welcher uns 
anfänglich als der Typus eines mittleren Plutonit-Granites galt 
und an den wir dann später die Seite 133 angeführten Granite, 
Gneuse und Porphyre reiheten, hat in diesem grobkörnigen Gra- 
nit von Syene abermals einen — obgleich sehr entfernten, doch 
— in Mischung und Mengung ihm sehr nahe stehenden Ver- 
wandten gefunden. 

Diese neuen Belege vermehren Zahl und Gewicht der 
Thatsachen, welche uns zur Annahme dreier Plutonite nö- 
thigen. Dass hierdurch die Existenz noch anderer Plutonite 
nicht bestritten wird, bedarf kaum der Andeutung, sondern bloss 
der Hervorhebung, dass wir uns wesentlich mit Feldspath- 
G 1 i m m e r - Plutoniten , nicht aber mit Feldspath- Am phi- 
bol- (und Augit-) Plutoniten beschäftigt haben, wozu uns zu- 
nächst keine Veranlassung vorlag. Gewisse Syenite, Gabbro 
und verwandte Gesteine von noch niedrigerer Silicirungsstufe 
als der graue Gneus bilden, wie sich von selbst versteht, eine 
besondere plutonische Kategorie. Von unserem Standpunkte aus 
kann hier jedoch nur die schon oben berührte Frage aufgewor- 
fen werden : ob es noch einen vierten Feldspath-Glimmer-Pluto- 
nit giebt ? Ist dies der Fall, so glaube ich mit einiger Bestimmt- 
heit annehmen zu dürfen, dass derselbe unterhalb des grauen 
Gneuses zu suchen ist, und eine vermittelnde Stufe zwischen 
diesem und den Feldspath-Amphibol-Plutoniten bildet. 

Die bedingenden Ursachen, durch welche wir unsere Plu- 
tonite bald als Gneuse oder Granite, bald als Trachyte oder 
Porphyre, bald als Obsidian oder glasige Laven auftreten sehen, 



147 



müssen hauptsächlich in dem verschiedenen physisch- 
chemischen Effecte der verschiedenen geologischen 
Perioden gesucht weiden, innerhalb welcher diese Gesteins- 
massen aus der plutonischen Tiefe emporstiegen ; also in der 
allmäligen Temperatur- und Druckabnahme, unter welcher die 
Urzeit in die Jetztzeit überging. Eine Unmöglichkeit a priori 
darf es hierbei nicht genannt werden, dass ein Plutonit, welcher 
ein Gebilde der Flötz- oder Tertiärzeit durchbrach, mit dem pe- 
trographischen Charakter eines Granites auftreten könne. Nur 
müsste man solchenfalls annehmen, dass die betreffenden Schich- 
ten dieses Flötz- oder Tertiär-Gebildes nach ihrem submarinen 
Absätze: 1) in plutonische Tiefe geführt, 2) hier von einem 
Plutonit durchbrochen wurden, der in dieser Tiefe als Granit 
erstarrte, und dass 3) diese so bearbeiteten Schichten wieder an 
die Erdoberfläche gelangten und dadurch der Diagnose des Geo- 
gnosten zugänglich wurden. Das scheint allerdings etwas viel 
verlangt; allein die Geschichte unseres Erdballs weist Erschei- 
nungen nach, welche ihr Dasein keinem geringeren Spiele von 
Wechselfällen verdanken. Sollte daher das Auftreten solcher 
jüngeren Granite wirklich einmal unzweifelhaft nachgewiesen 
werden , so wird es zwar stets als eine Ausnahme von der Re- 
gel gelten müssen, aber durchaus keine Ausnahme bilden, welche 
mit der Regel im Widerspruch steht. 



lohalts - Verzeichniss. 

Seite 

Ausgangspunkte der Untersuchungen 23 

A. Die chemische Constitution des grauen 
Gneuses 25 

Atom-Verhältniss der chemischen Bestandteile und daraus 
abgeleitete chemische Formel des grauen Gueuses, 
Seite 31. 

B. Die chemische Constitution des rothen 
Gneuses 31 

Atom-Verhältniss der chemischen Bestandteile und daraus 
abgeleitete chemische Formel des rothen Gneuses, 
Seite 35. 

10* 



148 



Seite 

C. Ermittelung der Silicirungs- Stufen des 
grauen und rothen Gneuses durch die 



Beispiele von den durch diese Probe erlangten Resultaten, 
S. 38. — Unterscheidung des grauen und rothen Gneuses 
nach äusseren Kennzeichen, S. 43. 

D. Die chemische Constitution eines mittleren 



Die Existenz eines mittleren Gneuses durch geognostische 
Verhältnisse nachgewiesen, S. 44. — Chemische Constitution 
desselben, S. 46. — Atom-Verhältniss der chemischen Bestand- 
teile des mittleren Gneuses, S. 46. 

E. Die chemische Constitution der Feldspäth e 

im grauen und rothen Gneuse 49 

Feldspäthe, aus dem grauen Gneus, S. 49. — Feldspäthe 
aus dem rothen Gneus, S. 53. — Hauptresultat in Betreff 
dieser Feldspäthe, S. 54. 

F. Die chemische Con stitution der Glimmer im 
grauen und rothen Gneuse 55 

Glimmer aus dem grauen Gneus, erste Art. S. 56, zweite 
Art, S. 60. — Allgemeines und specielles Formel-Schema, so- 
wie chemische Formel dieser Glimmer, S. 58 und 62. — 
Glimmer aus dem rothen Gneus, S. 62. — Formel-Schema 
und chemische Formel dieses Glimmers, S. 64, — Glimmer 
aus dem mittleren Gneus? S. 65. — Formel-Schema und 
chemische ! ormel dieses Glimmers, S. 67. — Gesetzmäs- 
sige Beziehung zwischen den Silicirungsstufen 
der Gneuse (und Granite) und den Silicirungsstu- 
fen der zugehörigen Glimmmer, S. 69, wodurch die 
Existenz eines scharf gesonderten mittleren Gneuses ausser 
Zweifel gestellt wird, S. 70. 

G. Das M e n gu n g s - Verh alt n i s s des Quarzes, 
Feldspathes und Glimmers im grauen und 

im rothen Gneuse 71 

Atom-Verhältniss der Gemengtheile des grauen Gneuses, 
S. 72, erwiesen durch die Uebereinstimmung des analytischen 
und des berechneten Resultates, S. 73. — Atom-Verhältniss der 
Gemengtheile des rothen Gneuses, S. 74, erwiesen durch gleiche 
Uebereinstimmung, S. 76. — Einfaches Bild von der Men- 
gungs-Constitution des grauen und des rothen Gneuses, S. 77. 



Sc h m elz probe 



36 



Gneuses 



43 



149 



H. Der Einfluss des grauen und des rothen 
Gneuses auf die Erzfuhrung der in ihnen 
auftretenden Erzgänge 78 

Bedingt durch die Menge und Art des Glimmers, S. 79. -— 
Wesentlich verschiedene chemische Constitution der Glimmer 
des grauen und rothen Gneuses, S. 80 — Verschiedene 
chemische Wirkung des grauen und rothen Gneuses auf saure 
Solutionen, S. 82. — Kurze Charakteristik der Erzgebirgi- 
schen Silbererzgänge, S. 83. — Verschiedene chemische Wir- 
kung der beiden Gneuse bei der Erz-Präcipitation in diesen 
Gängen, S. 85. — Chemische Veränderung des grauen Gneu- 
ses in der Nachbarschaft der Erzgänge, S. 87, und hieraus 
entnommener Beweis für die Erz-Präcipitation durch den 
grauen Gneus. S. 91. — Andere mögliche Ursachen der Erz- 
Präcipitation, S. 92. — Gesteine, welche ausser grauem und 
rothem Gneus veredelnd oder verunedelnd auf Erzgänge ge- 
wirkt haben, S. 93. 

J. Die chemische und geologische Bedeutung 
des Wassergehaltes der Glimmer im grauen 

und rothen Gneuse 94 

Giebt es auch ausserhalb des Sächsischen Erzgebirges Ge- 
steine, welche Glimmer von der chemischen Constitution der 
Glimmer Erzgebirgischer Gneuse enthalten ? S. 95. — Nähere 
Betrachtung dieser fremden Glimmer, und zwar : Magnesia- 
Glimmer, S. 96, Glimmer des Norwegischen Zirkonsyenits, 
S. 99;Kali-Glimmer, S.101; Lithion-Glimmer, S.102. 
— Das Auftreten des Wassers als polymer- isomorphe 
Base findet nicht bloss in den Glimmern, sondern auch in 
vielen anderen Silicat- Mineralien statt, S. 104. — Bedeutung 
dieser Thatsache in Betreff der krystallinischen Silicat-Gesteine, 
S. 107. — Widerlegung entgegenstehender Ansichten, S. 108. 

K. Der Plutonismus im Allgemeinen und die 
plutonische Entstehung der Erzgebirgi- 

schen Gneuse im Besonderen 112 

Meine ersten Umrisse einer plutonischen Theorie, 
S. 112, sowie des sich daran knüpfenden Metamorphis- 
mus, S. 113. — Unterstützung meiner Ansichten durch Pou- 
let Scrope's Forschungen im Gebiete neuerer vulkanischer 
Gebilde, S. 114, und auf experimentellem Wege durch Schaf- 
haeutl, S. 115, und Woehler, S. 116. — Daubree's Experi- 
ment, S. 117. — Dessen Ansichten über Metamorphismus 
mit den meinigen übereinstimmend S. 118. — Die pluto- 
nische Bildung der Erzge,birgischen Gneuse S. 119. 



150 



— Bedeutung der Schichtstruktur der Gneuse, S. 121. — 
Glimmerschiefer und Quarzite gehören einer plutonischen 
Zone oberhalb der Gneuse an, S. 123. 

L. Vergleichung der Gneuse des Sächsischen 
Erzgebirges mit ähnlichen Gesteinen an- 
derer Länder, in Bezug auf chemische Con- 
stitution und geologische Bedeutung . . . 125 

Plutonische Gesteine von analoger chemischer Constitution 
wie grauer Gneus, S. 126, und wie rother Gneus, 
127, was sich aus den Atom -Proportionen, S. 128, ergiebt. — 
Verhältniss des rothen und grauen Gneuses zuBunsen's „nor- 
mal-pyroxenischen" Gebilden, 8. 129. — Aus J. Roth's Werk 
über Gesfeins-Analysen entlehnte Beispiele für anderweites 
Vorkommen grauer Geuse, S. 131, mittlerer Gneuse, 
S. 133. und rother Gneuse S. 134. — Das allgemein ver- 
breitete Auftreten der drei Gneuse unter zum Theil sehr ver- 
schiedenem petrographischen Charakter bedingt eine beson- 
dere Nomenclatur (Plutonite), S. 137. — Nachträgliche 
Bemerkungen zur Schmelzprobe, S. 139. 

M. Nachtrag zur Ermittelung der Silicirungs- 
stufen der Plutonite durch die Schmelz- 
probe. (An den Abschnitt C. sich anschliessend.) 141 

Gesteine aus dem Sächsischen Erzgebirge, S. 141. Ge- 
steine von Karlsbad und Marienbad, S. 143 — Gesteine aus 
entfernteren Gegenden, S. 145. ~ Schlussbemerkungen, S. 146. 



151 



2. Ueber lamellare Verwachsung zweier Feldspath- 

Species. 

Von Herrn D. Gerhard in Bonn. 

Im vorigen Jahre machte Breithaupt*) eine Reihe von 
Beobachtungen bekannt , nach welchen es sich als gewiss resp. 
wahrscheinlich herausstellt, dass bisher als einfache Mineralien 
betrachtete Feldspathe aus zwei regelmässig mit einander ver- 
wachsenen Feldspathspecies zusammengesetzt sind. Er nimmt 
einen Isomorphismus (resp. Homoiomorphismus) dieser Species 
an und bedauert, dass keine Analysen vorhanden seien, welche 
über die Natur derselben Aufschluss geben könnten. Dies ver- 
anlasst mich zur Mittheilung der Resultate einer von mir über 
denselben Gegenstand angestellten Untersuchung, welche haupt- 
sächlich die Ermittelung der chemischen Zusammensetzung der 
mit einander verwachsenen Feldspathe bezweckte. Letzteres ist 
mir indess nur bei dem Perthit**) vollständig gelungen. Dass die- 
ses Mineral aus zwei lamellar mit einander verwachsenen Feld- 
spathen, einem orthoklastischen und einem triklinischen, besteht, 
ergiebt sich schon aus einer oberflächlichen Betrachtung dessel- 
ben. Die beiden Feldspathe sind durch ihre verschiedene Farbe 
(roth und weiss) sehr leicht von einander zu unterscheiden. Die 
rothen Lamellen zeigen den bekannten Gold-Reflex des Sonnen- 
steins, welcher, wie von Th. Sc heerer zuerst bemerkt wurde, 
von eingewachsenen Eisenglanztäfelchen herrührt. Sie sind voll- 
kommen glatt und ebenflächig und geben, da sie stärker ausge- 
bildet sind als die weissen , dem Ganzen seine orthoklastische 
Form. Die weissen lassen dagegen ganz deutlich die den tri- 
klinischen Feldspathen eigentümliche Zwillingsstreifung parallel 

*) Berg- und Hüttenmännische Zeitung. Jahrgang 20, No. 8. 
**) Der Perthit findet sich in grossen Spaltungsstücken in einem eurit- 
artigen Gestein, welches in der Nähe der Stadt Bathur6t bei Perth in 
Canada ansteht. 



152 



der Kante _ erkennen.*) Das Gesetz der Verwachsung er- 
M 

sieht man aus der verschiedenen Spiegelung der Lamellen. Hält 
man ein gutes Spaltungsstück so, dass die Axe a auf den Be- 
schauer gerichtet ist und die Axe b eine horizontale Lage hat, 
so spiegeln nur die rothen Lamellen; lässt man nun die Axe 
b sich ein wenig nach Rechts neigen, so spiegeln nur die weis- 
sen Lamellen. Bei ersteren steht daher P rechtwinklig gegen 
M, während es bei letzteren gegen M von Rechts nach Links 
geneigt ist. 

Die beiden Feldspathe haben demgemäss die Axe c gemein- 
sam und um dieselbe sind ihre Flächen ganz analog gruppirt. 
Es steht dies im Widerspruch mit der Angabe Breithaupt's, 
dass dieselben c gemeinsam haben und die Flächen x in eine 
Ebene fallen. Wäre dies der Fall, so müssten beide Feldspathe 
triklinisch sein, was offenbar nicht der Fall ist. — 

Was die nähere Bestimmung des triklinischen Feldspaths 
betrifft, so macht es die Analyse des Perthit von Hunt: 







Ox. 


Kieselsäure 


66,44 


35,2 


Thonerde 


18,35 


8,51 


Eisenoxyd 


1,00 


0,33 


Kalk 


0,67 


0,19 


Magnesia 


0,24 


0,10 


Kali 


6,37 


1,08 


Natron 


5,56 


1,43 


Glühverlust 


0,40 






99,03 





wegen ihres bedeutenden Natrongehalts wahrscheinlich, dass der- 
selbe Albit sei. Um darüber Gewissheit zu haben , führte ich 
eine Trennung der Lamellen zum Zweck der Analyse in der 
Art aus, dass ich das Mineral in einem Stahlmörser zu kleinen 
Stückchen zerschlug und aus diesen mit einer feinen Pincette 
die rothen und weissen Körnchen gesondert auslas. Eine mehr- 
wöchentliche mühsame Arbeit war zur Trennung einer hinrei- 

*) Vgl. G. v. Rath : Ein Beitrag zur Kenntniss der Trachyte des 

Siebengebirges Bonn 1861. (S. 13. Anm.) 



153 



chenden Quantität (c. c. 2 Grm.) von jeder Substanz erforder- 
lich. Ich erhielt die rothen und weissen Theile in ziemlicher 
Reinheit ; indess war eine ganz vollständige Scheidung derselben 
nicht möglich. 

Bevor ich zur Analyse selbst schritt, bestimmte ich das spe- 
cifische Gewicht sowohl des Perthits als auch seiner getrennten 
Bestandtheile (Wassertemperatur = 18 Grad C). Ich erhielt 
folgende Zahlen: 

1) Spec. Gewicht des Perthit 2,601 

2) „ „ der rothen Lamellen 2,570 

3) „ „ der weissen 2,6143 

Von den beiden letzten Zahlen stimmt die erste sehr gut 
überein mit dem spec. Gew. des Adulars vom St. Gotthardt 
(2,575 nach Abich), die zweite mit dem zweier durchsichtiger 
Albite (2,624 und 2,64 nach G. Rose). 

Die Analyse*) ergab folgende Resultate: 

I. 

Zusammensetzung des Perthit. 

Ox. 

Kieselsäure 65,827 34,87 
Thonerde 18,45 8,65 

Eisenoxyd 1,72 0,516 

Kalk Spuren 
Kali 8,54 1,45 

Natron 5,06 1,31 

Glühverlust 0,32 



99,917 



*) Da es hauptsächlich auf eine genaue Bestimmung der Alkalien 
ankam, so wandte ich zum Aufschliessen Fluorammonium an, welches 
mir hierzu am geeignetsten schien und sich auch als solches bewährte. 
Da dasselbe im Handel fast nie rein vorkommt, und auch das von mir 
nach der von H. Rose angegebenen Methode dargestellte Salz beim Glü- 
hen auf dem Platinblech einen Rückstand hinterliess , so stellte ich mir 
dasselbe auf die Weise dar, dass ich Flusssäuredämpfe direkt auf gepul- 
vertes in einer Platinschale befindliches kohlensaures Ammoniak einwir- 
ken liess. Ich erhielt so in kurzer Zeit eine grosse Quantität vollkommen 
reines Fluorammonium. Das Aufschliessen von alkalihaltigen Silicaten 
durch Fluorammonium hat wesentliche Vorzüge, auf die ich hier nicht 
näher eingehen kann. — Die Kieselsäure wurde in besondern Portionen 
durch Aufschliessen mit kohlensaurem Kali-Natron bestimmt. 



154 



II. 

Zusammensetzung der rothen Lamellen. 

Ox. 

Kieselsäure 65,36 34,60 
Thonerde 18,27 8,56 

Eisenoxyd 1,90 0,57 

Kalk Spuren — 

Kali 12,16 2,10 

Natron 2,25 0,58 

99,94 

III. 



Zusammensetzung 

Kieselsäure 

Thonerde 

Eisenoxyd 

Kalk 

Kali 

Natron 



der weissen Lamellen. 

Ox. 
67,23 35,62 
18,52 8,68 
1,47 0,44 
Spuren — 
3,34 0,57 
8,50 2, 60 
299,0 



Die Sauerstoffmengen in den starken und schwachen Basen 
und in der Kieselsäure verhalten sich (wenn man das Eisenoxyd, 
welches grösstentheils in der Form von ausgeschiedenen Eisen- 
glanz-Blättchen vorhanden ist, unberücksichtigt lässt) wie die 
Zahlen : 

I. 0,96 : 3 : 12,09 
IL 0,94 : 3 : 12,49 
III. 0,96 : 3 : 12,09 

Wenn wir den Natrongehalt der Analyse II und den Kaligehalt 
der Analyse III auf Rechnung der unvollständigen Trennung 
der Lamellen schreiben , so entsprechen die rothen Lamellen 
einem Feldspath von der Formel: K Si 3 -f- Al Si 3 , die weis- 
sen einem Feldspath von der Formel: NaSi 3 -f- AI Si 3 . 

Der Perthit ist demgemäss nichts Anderes als ein Gemenge 
von Orthoklas und Albit und besteht nach einer Berechnung 



155 



aus Analyse I aus ungefähr 54 Theilen Orthoklas und 46 Thei- 
len Albit. 

Was die übrigen Feldspathe betrifft, an denen ich eine der 
des Perthits ähnliche Verwachsung beobachtete, so ist bei die- 
sen wegen der Feinheit und des geringen Färbungs-Unterschie- 
des der Lamellen eine Trennung und Bestimmung der Zusam- 
mensetzung der miteinander verwachsenen Feldspathe nicht mög- 
lich. Indess ist es für einige derselben kaum zweifelhaft, dass 
es wiederum Orthoklas und Albit sind. 

Dahin gehört z. B. : 

1) Der Schlesische Feldspath von Hirschberg, Lomnitz 
u. a. O., welcher durch die bekannte Aufwachsung von ganz 
durchsichtigen Albit-Krystallen auf den Säulenflächen ausgezeich- 
net ist. Dass dieser Aufwachsung eine lamellare Verwachsung 
zu Grunde liege, erkennt man schon beim Betrachten eines Spal- 
tungsstückes mit der Loupe, noch besser aber unter dem Mi- 
kroskop. Die Albitlamellen sind sehr fein und glänzend, lassen 
sich jedoch von dem durch Eisenoxyd gelb gefärbten Orthoklas 
leicht unterscheiden. Sie gehen wie beim Perthit der Quer- 
fläche parallel und sind besonders deutlich auf der Spaltungs- 
fläche M zu erkennen. Das Auftreten der Lamellen beweist die 
Richtigkeit der früher von G.Rose (Pogg. Ann. Bd. 80. S. 124.) 
über die Entstehung der aufgewachsenen Albite aufgestell- 
ten Ansicht: „Man möchte glauben , der Feldspath sei ur- 
sprünglich ein inniges Gemenge von reinem Feldspath mit Albit 
gewesen, letzterer aber allmälig von den Gewässern ausgezogen 
worden und auf der Oberfläche wieder abgesetzt. Dass dies 
noch nicht vollständig geschehen sei, beweist die Analyse des 
Feldspaths von Awdeeff, welche 5,06 Proc. Natron ergiebt." 

2) Die Krystalle des glasigen Feldspaths aus den Trachy- 
ten des Siebengebirges. Dieselben zeigen alle eine lamellare 
Struktur, besonders die bekannten Krystalle vom Drachenfels und 
von der Perlenhardt. Die Lamellen des einen Feldspaths sind 
glasartig und durchsichtig, die des andern mehr trübe und 
milchweiss. Erstere herrschen der Masse nach bedeutend vor. 
Bei letzteren ist eine Zwillingsstreifung nicht wahrzunehmen 
und dies könnte es zweifelhaft machen, ob die beiden mit ein- 
ander verwachsenen Species hier Orthoklas und Albit seien. In- 
dess wird dies schon durch die verschiedene Verwitterbarkeit der 
Lamellen wahrscheinlich. Diese ist ersichtlich an den Stellen 



156 



des Trachyts, wo Feldspath-Krystalle gesessen haben. Sehr häu- 
tig, besonders bei dem Trachyt der Perlenhardt, ziehen sich 
über diese Stellen feine Mangandendriten hin, welche genau den 
Albit - Lamellen entsprechen. Dass natronreiche Mineralien bei 
sonst homologer Zusammensetzung mit kalireichen leichter ver- 
wittern als letztere, bewährt sich stets. Dies steht ja auch im 
Einklänge mit den ausgezogenen Albiten des Lomnitzer Feld- 
spathes. 

Die Analysen, welche von diesen Feldspathen vorhanden 
sind, lassen auch keine andere Annahme zu. Von diesen will 
ich nur folgende anführen: 

1 ) vom Drachenfels. Lewinstein. 

2) vom Drachenfels. Rammelsberg. 

3) von der Perlenhardt. Lewinstein. 





i. 


Ox. 


2. 


Ox. 


3. 


Ox. 


Kieselsäure 


65,59 


34,04 


65,87 


34,19 


65,26 


33,87 


Thonerde 


16,45 


7,68 


18,53 


8,65 


17,62 


8,23 


Eisenoxyd 


1,58 


0,47 


Spur 




0,91 


0,27 


Kalk 


0,97 


0,28 


0,95 


0,27 


1,05 


0,30 


Magnesia 


0,93 


0,37 


0,39 


0,16 


0,35 


0,14 


Kali 


12,84 


2,18 


10,32 


1,75 


11,79 


2,00 


Natron 


2,04 


0,53 


3,42 


0,88 


2,49 


0,64 


Glühverlust 






0,44 










100,40 




99,92 




99,47 





Das Sauerstoff-Verhältniss ist in: 

1) 1,24 : 3 : 12,53 

2) 1,06 : 3 : 11,86 

3) 1,09 : 3 : 11,95 

Hiernach genügen diese Feldspathe der Formel RSi 3 -f-RSi 3 . 
Eine solche Formel haben von den Feldspathen aber nur der 
Orthoklas und der Albit. 

Es erklärt sich daraus der Natrongehalt der Analysen. 
Eine weitere Bestätigung ist das spec. Gewicht des Drachenfel- 
ser Feldspaths, welches nach Lewinstein 2,60 ist, also höher 
als es bei reinen Kalifeldspathen vorkommt. Dagegen stimmt 
dasselbe sehr genau überein mit dem des Perthits (2,60 1). 



157 



3) Der Adular vom St. Gotthardt. 

Während manche Krystalle ganz durchsichtig, ziehen sich 
dnrch andere hier und da ganz feine weisse Lamellen parallel 
der Querfläche hin, wodurch die vollständige Durchsichtigkeit 
aufgehoben wird. Noch andere Adulare von St. Gotthardt, 
welche vorzugsweise mit Desmin bedeckt sind, zeigen eigenthüm- 
lich zerfressene Flächen. Die durch die Verwitterung gebilde- 
ten Vertiefungen haben im Allgemeinen eine lamellare Form 
und die Richtung parallel der Querfläche. Dem entsprechen 
die Analysen von Vauquelin, Berthier, Abich und Avvdeeff, 
von denen die beiden ersten kein Natron, die beiden letzten da- 
gegen 1,01 und 1,44 Procent Natron ergeben. 

4) Die durch das Auftreten der Querfläche bekannten 
Krystalle von der Insel Elba. Sie verhalten sich grade wie die 
vorigen, nur treten die weissen Lamellen häufiger auf. Zuwei- 
len findet sich bei den Elbaer Feldspathen auf M und (jedoch 
selten) auf P aufgewachsener Albit. 

5) Die Feldspathkrystalle von Mursinsk in Sibirien , von 
denen sich schöne Exemplare sowohl in der Freiberger Samm- 
lung als in der des Fürsten Lobkowitz zu Bilin finden. Die 
Lamellen haben ziemlich das Ansehen der unter 2 beschriebenen, 
sind aber stärker ausgebildet. Manche Stücke zeigen die merk- 
würdige Erscheinung, dass die Lamellen des einen Feldspaths 
fast ganz durch den Einfluss der Gewässer ausgezogen sind und 
nur ein skeletartiges Gebilde von Orthoklas zurückgeblieben 
ist. In andern, der Wirkung der Gewässer weniger ausgesetzt 
gewesenen Stücken sind dagegen noch beide Feldspathe vor- 
handen. Dass wir es auch hier mit einer Verwachsung von Or- 
thoklas und Albit zu thun haben, dafür spricht die Bildung der 
auf den Hirschberger Feldspathen aufgewachsenen Albite, welche 
den Beweis für die im Verhältniss zu anderen Feldspathen grosse 
Löslichkeit des Albits liefert. 

6) Grosse Feldspath - Krystalle von Schaitanka bei Mur- 
sinsk, welche mit Turmalin und Rauchtopas zusammen auftre- 
ten. Albit bedeckt hier die Flächen M und zieht sich in La- 
mellen in's Innere der Krystalle hinein, so dass genau die Zeich- 
nung, wie sie der Perthit zeigt, entsteht. 

7) Die grossen Feldspath-Zwillinge von Zwiesel zeigen eine 
der eben beschriebenen ganz ähnliche Verwachsung von Feld- 
spath mit Albit. 



158 



Von andern Feldspathen , an denen eine der bis jetzt 
beschriebenen ganz analoge lamellare Verwachsung zweier Spe- 
cies auftritt und wo dieselben daher auch wahrscheinlich Ortho- 
klas und Albit sind, will ich noch folgende anführen: 

8) Orthoklastischer Feldspath aus der Delaware-County in 
Pensylvanien, in der kleinen Sammlung zu Poppelsdorf. Es ist 
ein Bruchstück, welches irrthümlich als Albit bezeichnet ist. 
Die Orthoklas-Lamellen, welche vollkommen glatt sind, und die 
Hauptmasse bilden, sind im Allgemeinen farblos und durchsich- 
tig. Nur an einigen Stellen zeigen sie ganz die rothe Farbe der 
entsprechenden Lamellen des Perthits. Die zahlreich auftretenden 
dünneren Albit-Lamellen haben den Glanz und die Spiegelung 
der Albit-Lamellen des Perthits und sind besonders durch die 
mit blossem Auge deutlich zu erkennende Zwillingsstreifung aus- 
gezeichnet. Merkwürdigerweise gehen dieselben nicht, wie dies 
bei allen anderen angeführten Feldspathen der Fall ist, der 
Querfläche, sondern einer Säulenfläche (T) parallel. 

Von demselben Fundorte kommt auch der bekannte Sonnen- 
stein — Perthit, der ebenfalls eine Verwachsung von Orthoklas 
und Albit zu sein scheint und mit dem Perthit selbst die grösste 
Aehnlichkeit hat. 

9) Ein ausgebildeter Feldspath-Krystall aus Grönland, wel- 
cher sich in der Freiberger Sammlung befindet und daselbst als 
Perthit bezeichnet ist. Die Lamellen der beiden Feldspathe sind 
hier fast eben so schön und gross, wie beim Perthit doch ist 
ihre Färbung von der des Perthits verschieden. 

10) Albit vom Rabenstein bei Zwiesel. Bei den bis jetzt 
betrachteten Feldspathen waren die Orthoklaslamellen die stär- 
keren und gaben dem Ganzen eine monoklinische Form, wäh- 
rend hier die Albitlamellen vorherrschen und das Ganze eine 
entschieden triklinische Form hat. Die Lamellen stimmen in 
Beziehung auf Farbe und Glanz vollkommen mit denen des 
Drachenfelser Feldspaths überein. Nur sind hier die Albitla- 
mellen bedeutend stärker und zeigen die Zwillingsstreifung eben 
so deutlich wie die des Perthits. 

Die BREiTHAUPT'schen Beobachtungen und die eben mitge- 
theilten zeigen, dass das Vorkommen einer lamellaren Verwach- 
sung von je zwei Feldspathspecies ein sehr verbreitetes ist und 
ich bin überzeugt, dass sich dasselbe noch bei Feldspathen von 
vielen andern Fundorten wieder finden wird. 



159 



Jeder Feldspath dieser Art scheint mir ein Beleg für die 
Unrichtigkeit der jetzt fast allgemein verbreiteten Ansicht über 
die chemische Constitution der Feldspathe zu sein. Man giebt 
nämlich im Allgemeinen den Feldspathen die Formel: R Si 3 -f 
R Si 3 und nimmt an , dass für R Kali, Natron, Kalk, oder je 
zwei dieser Basen, oder auch alle drei zugleich eintreten könn- 
ten. Diese Annahme hat aber schon wegen der grossen Ver- 
schiedenheit des Kali- und Natron-Feldspaths iu Beziehung auf 
ihre Krystallform etwas Unnatürliches. Es müsste nach dersel- 
ben da, wo Kali und Natron zugleich in Feldspathen auftreten, 
ein dem Verhältniss dieser Bestandtheile zu einander entspre- 
chender Uebergang in der Krystallform stattfinden, welcher doch 
in Wirklichkeit nicht vorkommt. Viel natürlicher und durch das 
Vorhergehende theilweise bewiesen scheint mir daher die An- 
nahme, dass, wo Kali und Natron zugleich in Feldspathen auf- 
treten, dieselben stets in Verbindung mit Thonerde und Kiesel- 
säure als Kali- resp. Natron-Feldspath vorhanden sind. Auf 
dieselbe Weise könnte man den Kalkgehalt der Feldspathe er- 
klären. Doch will ich auf diesen Gegenstand hier nicht weiter 
eingehen, sondern mir denselben für eine spätere ausführlichere 
Behandlung vorbehalten. Schliesslich will ich nur noch bemer- 
ken, dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass sich eine der bei 
den Feldspathen beobachteten analoge Verwachsung oder ein 
Gemenge zweier Species auch bei andern Mineralien wiederfin- 
det. Es hängt damit vielleicht die Schwierigkeit oder Unmög- 
lichkeit der Aufstellung einer rationalen Formel für viele Mine- 
ralien zusammen. 



160 



3. Der Gypsstock bei Kittelsthal mit seinen 
Mineral- Einschlüssen. 

Von Herrn Senft in Eisenach. 

Hierzu Tafel I. 

In dem Zechsteingürtel am Nordwestrande des Thüringer 
Waldes lagert eingebettet in dolomitischen Kalksteinen und Mer- 
gelthonen eine mächtige Gypszone , welche südwestlich von dem 
Lustschlosse Reinhardsbrunnen mit der gigantischen und durch 
ihr prachtvolles Kry stall geflecht ausgezeichneten Gypsspathdruse 
der Marienhöhle beginnt und j Meilen von Eisenach bei dem 
Dorfe Kittelsthal mit einem höchst interessanten Gypsstocke endigt. 
Ich habe diesen letztgenannten Gypsstock schon einmal in meiner 
„geognostischen Beschreibung des nordwestlichen Endes vom 
Thüringer Walde" (im X. Bande dieser Zeitschrift. 1858. 
S. 332) kurz beschrieben ; wer ihn aber gegenwärtig sieht, 
wird ihn nach meiner vor 5 Jahren entworfenen Beschreibung 
nur noch im Allgemeinen wieder erkennen. Denn Stein- 
brecher-Arbeiten sowohl als auch durch dieselben herbeigeführte 
theilweise Einstürze der ehemaligen Gypswand haben dem gan- 
zen Stocke eine so veränderte Physiognomie gegeben, dabei aber 
auch so interessante, dem Gypse sonst ganz fremde Mineralbil- 
dungen aufgedeckt, dass ich es für zweckmässig halte , diesen 
Stock, so wie er jetzt aufgeschlossen dasteht, nochmals ausführ- 
licher zu beschreiben. 

1. Ablagerun gsor t des Gypsstockes. 
(Vgl. hierzu die Karte.) 

Verfolgt man den Fussweg, welcher von Eisenach südost- 
wärts über Mossbach nach Ruhla führt, so gelangt man — hin- 
ter Mossbach — über einen sehr langweiligen Buntsandstein- 
rücken nach 1| Stunde zu einer ostwärts abfallenden, flachen 



161 



Bucht, welche westlich von dem eben erwähnten Buntsandstein- 
berge, südlich von dem bewaldeten flachhalbkugeligen Glimmer- 
schieferwalle des Ringberges, östlich von der porphyrischen Kuppe 
des Spiizenberges und nordwärts von dem klippigen Zechstein- 
riffe des „Alten Kellers" umschlossen wird. In diesem Zech- 
steinriffe, welches west- und nordwärts vom Buntsandsteine über- 
lagert wird, dagegen ost- und südwärts unmittelbar dem Glim- 
merschiefer an- und aufgelagert erscheint, befindet sich zwischen 
den oberen Gliedern der Zechsteinformation der nun näher zu 
beschreibende Gypsstock von Kittelsthal (einem Dörfchen, wel- 
chem dieser Gypsstock gehört und seit vielen Jahren eine reich- 
liche Erwerbsquelle bietet).*) 

2. Ha upt ges tei n e des Stockes. 

So viel bis jetzt die Steinbrucharbeiten gelehrt haben, lagert 
dieser Gypsstock in einer aus dolomitischen Kalksteinen und 
ockergelben Mergelthonen gebildeten Mulde und wird wieder 
von einer 8 bis 10 Fuss mächtigen, eisenschüssigen, etwas mer- 
geligen Thonschale, und über dieser von einem stark zerklüfte- 
ten, bröckeligen, dolomitischen Kalksteine so überlagert, dass 
seine Masse nach Nord, West und Ost von diesen Gesteinsmas- 
sen ganz umhüllt erscheint nnd nur an der Südseite in einem 
Steinbruche offen zu Tage steht. 

Die in diesem Stocke auftretenden Gypsmassen zeigen nun 
gegenwärtig (im Jahre 1861) folgende Ablagerungen von oben 
nach unten: 

1) Fasergyps mit mergeligen Thonzwischenlagen; 

la eine mächtige Lage rauchbraun gebänderten Fasergypses 
mit schwarzgrauen , glimmerreichen Zwischenlagen und 
zahlreichen Dolomitspath - Krystallen in seinen untern 
Lagen ; 

2) Dichter Gyps mit Dolomitspathrhomboedern, rauchbraunen 
Bergkrystallen und schwärzlichen Specksteinnieren; 



*) Wer den etwas langweiligen Weg über Mossbach zum Gypsstocke 
scheut, kann sehr bequem zu demselben gelangen, wenn er mit der 
Eisenbahn nach Wutha fährt und von da über Farrnroda und Kittels- 
thal geht. Er ist dann in einer Stunde am Bruche. 

Zeit* d. d.geol. Ges. XVI. 1. 11 



162 



3) eine 6 Linien hohe Thonzwischenlage; 

4) dichter Gyps mit Gypssternen. 

Bemerkung; Im Jahre 1857 dagegen zeigten sie fol- 
gende Ablagerungen von oben nach unten: 
J) Fasergyps mit mergeligen Thonlagen; 

2) Dichter Gyps mit farblosen Berg - Krystallen und 
schwärzlichen Specksteinnieren ; 

3) Thonzwischenlage ; 

4) Dichter Gyps mit Nestern von körnigem Gyps. 
Schon aus der vorstehenden Uebersicht ersieht man, dass 

in unserem Stocke vorherrschend dichter Gyps und Faser- 
gyps auftritt. Aber diese beiden Abarten des Gypses zeigen 
so mancherlei Abänderungen sowohl in ihrem chemischen Be- 
stände, wie in den von ihnen umschlossenen Mineralarten, dass 
ich sie etwas näher in's Auge fassen muss. 

1) Der dichte Gyps nimmt (wie Fig. ^ zeigt) die un- 
tere Hälfte des Stockes ein, besitzt eine Mächtigkeit von 40 bis 
50 Fuss und wird durch eine unterbrochene 6 Zoll dicke, bald 
sich bis zu 1 Linie verschmälernde Thonzwischenlage mit Faser- 
gypsschnüren in zwei ungleich mächtige Bänke abgetheilt. 

a) Die unterste dieser beiden Bänke erscheint ganz frei von 
Rissen und Sprüngen , besteht aus fast reinem schwefelsaurem 
Kalkerdehydrat und ist bald weiss, bald graulich weiss, bald 
auch durch Manganoxyd grauschwarz bis braun geädert und ge- 
fleckt. An manchen Stellen erscheinen in ihrer Gypsmasse so 
zahlreiche, 6 bis 12 Linien lange, glasglänzende Gypsspath- 
linsen (sogenannte Gurkenkerne der Steinbrecher) eingesprengt, 
dass die ganze Gypsmasse ein porphyrisches Ansehen erhält. 

Diese untere Bank ist es nun hauptsächlich , welche man 
abbauet, theils um Sparkalk daraus zu brennen, theils um Luxus- 
artikel, Tischplatten u. dgl. daraus zu schleifen. 

b) Anders dagegen zeigt sich die obere dieser beiden Bänke. 
Ausser zahlreichen unregelmässigen, feineren und gröberen Rissen 
zeigt sie mehrere senkrecht ihre Masse durchsetzende, 1—2 Fuss 
breite, halbcylinderförmige Rinnen, welche ihrer ganzen Länge 
nach parallel gerinnelt, sonst aber so glatt sind, dass man deut- 
lich sieht, wie sie durch Wirkung des Wassers entstanden sein 
müssen. Früher vollständig geschlossene Röhren — sogenannte 
Gypsorgeln — bildend wurden sie erst durch Wegbrechung ihrer 
vorderen Gypswand rinnenförmig. Die Gypsmasse dieser oberen 



163 



Bank ist vollkommen dicht und härter als die der untern Etage. 
Von Farbe ist sie blassbräunlich, weiss oder unrein weissgrau. 
Ihrer chemischen Zusammensetzung nach erscheint sie als schwe- 
felsaures Kalkerdehydrat, welches durch Spuren von Mangan- 
oxyd verunreinigt ist. Eben diese Beimengungen von Mangan- 
oxyd sind es auch, welche auf den Wänden feiner Spalten 
zierliche, blassbraune Dendriten bilden und in der Form eines 
umbrabraunen bis braunschwarzen Pulvers die Wände der oben 
beschriebenen Cylinderklüfte nicht bloss stellenweise so über- 
ziehen, dass sie wie angeräuchert aussehen, sondern auch — nach 
der Auflösung und Auswaschung des Gypses durch das Was- 
ser — auf dem Grunde derselben kleine Anhäufungen bilden. 
Ich habe Proben von diesen letzteren analysirt und gefunden, 
dass sie willkürliche Gemische von Mangansuperoxyd, Mangan- 
oxyd, Eisenoxyd und etwas Baryterde sind und demnach , sowie 
nach ihrem ganzen Verhalten dem Wad gleichkommen. Woher 
diese Menge Mangan im Gyps? Später werden wir dies unter- 
suchen. — 

Interessant ist diese obere Bank des dichten Gypses aber 
auch noch durch ihre mineralischen Einschlüsse. Zu- 
nächst treten uns in dem unteren, unmittelbar über der thonigen 
Zwischenlage befindlichen Theile derselben zahlreiche, 4 bis 6 
Linien breite, glasglänzende, durch etwas Mangan bräunlichgrau 
gefärbte, oft ganz regelmässig ausgebildete Sterne von Schwal- 
benschwanzgyps entgegen. Meist erscheinen dieselben einzeln 
in der Gypsmasse, oft aber durchziehen sie auch die letztere zu 
Schnüren aneinandergereiht; ja in der nächsten Umgebung von 
Spalten, vorzüglich in der unmittelbaren Nähe der oben erwähn- 
ten Thonzwischenlage, häufen sie sich so, dass sie sich gegen- 
seitig in ihrer Ausbreitung hindern und eine 2 bis 3 Linien 
dicke, schwarzgrau gefärbte Lage von wirr durcheinander lie- 
genden, kleinen Schwalbenschwänzen bilden. Die von diesen 
glänzenden Sternen besetzte Gypsmasse sieht in der That recht 
schön aus. Bemerkenswerth erscheint es indessen, dass diese 
Gypsteine, so weit mich meine bis jetzt angestellten Unter- 
suchungen belehrt haben, nicht sowohl innerhalb der dichten 
Gypsmasse selbst, sondern vielmehr auf Flächen äusserst zar- 
ter, vom blossen Auge nicht bemerkbarer Spalten sitzen. 
Nächst den eben beschriebenen Gypssternen kommen an den 
Spaltflächen dieses unteren Theiles der oberen Bank noch 

il* 



164 



zahlreiche, mikroskopisch kleine Lamellen von Kali glimm er 
vor, welche zarte, kaum j Linie dicke Lagen an diesen Spalt- 
flächen bilden und meist erst beim Schlämmen des Gypses mit 
Wasser bemerkt werden. 

Ferner erscheinen in der oberen Region dieser zweiten Gyps- 
etage zahlreiche abgerundete Specksteingeschiebe, welche 
bald fest mit der sie umhüllenden Gypsmasse verwachsen sind, 
bald aber auch so locker eingewachsen erscheinen, dass sie beim 
Zerschlagen des Gypses in ihrer vollständigen Gestalt aus ihrer 
Umhüllung herausspringen, aber selbst dann noch eine Gypsrinde 
behalten. Noch weiter oben erscheinen in dieser zweiten Gyps- 
etage da, wo sie mit der über ihr lagernden Fasergyps- Ablagerung 
in Berührung steht, einzelne, nur erbsengrosse aber sehr schön 
ausgebildete Doppelpyramiden von durchsichtigen nelkenbraunen 
Bergkrystallen ( — sogenanntem Rauchtopas) und 6 bis 12 
Linien grosse, äusserst regelrecht ausgebildete Rhomboeder von 
Dolomitspath so lose eingesprengt, dass man jene wie diese 
Krystalle in der Regel schon durch einen Druck mit dem Messer 
aus ihrer Gypsumhüllung leicht und vollständig lostrennen kann. 

2. Ueber dem dichten Gypse folgt nun eine Zone von 
Fasergyps, welche indessen nicht in der ganzen Ausdehnung 
des Gypsstockes eine gleich grosse Mächtigkeit und Massenbe- 
schaffenheit besitzt, sondern am nordwestlichen Theile desselben 
kaum 8 Fuss, ziemlich in der Mitte desselben 22 Fuss und am 
südöstlichen Theile des Bruches wieder 8 bis 10 Fuss mächtig 
auftritt. Diese verschiedene Mächtigkeit hat ihren Grund in 
einer breiten, nach unten spitz zulaufenden Bucht, welche grade 
in dem mittleren Theile des Stockes wohl 12 Fuss tief in die 
Masse des dichten Gypses einschneidet und ganz mit mannig- 
fach gewundenem Fasergypse so ausgefüllt ist, dass dann die 
oberen Lagen des letzteren sich ununterbrochen in einer ziem- 
lich wagerechten Linie über den übrigen Theilen des dichten 
Gypsstockes ausbreiten. 

In diesem mittleren und mächtigsten Theile der Fasergyps- 
zone lassen sich auch nun drei verschiedene, übereinander lie- 
gende Ablagerungen desselben beobachten, nämlich: 

1) zuunterst eine dunkelrauch graue und weissgebänderte Lage, 
welche die obengenannte Spaltenbucht ausfüllt 
und in der Mitte derselben eine Mächtigkeit von 
10 Fuss besitzt; 



165 



2) darüber eine vorherrschend weisse, langfasrige, nur durch 

dünne Thonblätter in 3 bis 5 Zoll dicke La- 
gen gesonderte Abtheilung von sonst reinem 
Fasergyps, welche 8 Fuss mächtig ist ; und 

3) zuoberst eine 2 Fuss mächtige, rothe, thonige oder mer- 

gelige Schicht, welche von Gypsspathschnüren 
durchzogen wird und nach oben in den die un- 
mittelbare Decke des ganzen Stockes bildenden, 
graugelben Mergelthon übergeht. 
Die zweite und dritte dieser drei Ablagerungen zieht sich 
zugleich über den ganzen untern Theil des Gypsstockes hin. 
Unter diesen drei Fasergypsstraten ist die unterste, in der Bucht 
des dichten Gypses lagernde die merkwürdigste. Sie besteht in 
den unmittelbar über dem dichten Gypse befindlichen, wirr hin- 
und hergewundenen und oft fast concentrisch um einander herum- 
geschlungenen Lagen aus einer schwarzgrau- und weissgebän- 
derten Fasergypsmasse , deren einzelne weisse Fasergypszonen 
2 bis 4 Linien hoch sind und durch schwarzgraue, ,1 bis 3 Li- 
nien dicke, erdige bis blättrigkörnige Zwischenlagen von einan- 
der getrennt werden. Diese Zwischenlagen selbst aber bestehen 
aus einem mechanischen Gemenge von zahlreichen silberweissen 
Kaliglimmerschüppchen , rauchbraunen Gypsspathblättchen und 
einer schwarzbraunen erdigen Substanz, welche in Säure unlös- 
lich ist und bei der Analyse sehr wechselnde Mengen von Kie- 
selsäure, Eisenoxyd, Manganoxyd, Magnesia, Kalkerde und Kali 
zeigt. In dieser Fasergypsmasse treten die oben schon erwähn- 
ten Dolomitspathkrystalle am häufigsten und grössten ( — in 
manchem Handstücke von 4 Zoll Länge, 3 Zoll Breite und 
lj Zoll Dicke 10 bis 12 dieser Krystalle — ), aber auch oft so 
umgewandelt auf, dass sie nur noch die Form des Rhomboeders 
zeigen, sonst aber aus einer erdig dichten Masse bestehen, welche 
kein späthig-krystallinisches Gefüge mehr besitzt. 

Eine Analyse, welcher dieses Gemenge von Gypsspath, 
Glimmer und schwarzbrauner Substanz unterworfen wurde, er- 
gab in 1 Grm. derselben: 

1,270 Grm. SO 3 Ba entsprechend 93,20 Procent Gyps 
0,542 „ CO 2 Ca „ 93,20 „ „ 

0,195 „ Wasser „ 93,20 „ „ 

0,068 „ in Salzsäure unlös- 
licher Substanz . . . 6,80 „ „ 

100,00 



166 



Die in Salzsäure unlösliche Masse zeigte beim Schlämmen 
noch zahlreiche feine Glimmerschüppchen und ein dunkelbraunes 
Pulver, welches durch Glühen heller wurde und etwas von sei- 
nem Gewichte (kohlige Theilchen) verlor. 

Um weiter über die Beschaffenheit dieses eigentümlichen 
Gypsgemenges in's Klare zu kommen unterwarf ich ein faust- 
grosses Stück desselben der Schmelzung in einem Schmiede- 
feuer. Das Produkt dieser Schmelzung war eine äusserlich 
durchsichtig verglaste, innerlich weisse, schwarzwellig gestreifte 
Masse, welche am Stahl funkte, vom Messer nicht geritzt wurde, 
sich parallel den schwarzen Streifen spalten liess, an den Spalt- 
flächen eine braune glimmerähnliche Glasur zeigte und über- 
haupt echtem Gneuse täuschend ähnlich sah. 

Etwa in Fuss Höhe ändert sich mit einem Male der Cha- 
rakter dieser Lage; die Dolomitkrystalle verschwinden ganz, die 
' Glimmerblättchen vermindern sich ebenfalls bedeutend und treten 
nur noch einzeln und sehr zerstreut in der ganzen Masse auf, 
die rauchbraunen Gypsspathblättchen oder Zwischenlagen ver- 
grössern sich, bilden Gurkenkernkrystalle und Gypssterne und 
treten in solcher Menge auf, dass die Zwischenlagen fast nur 
noch als Aggregate aus ihnen bestehen; die Fasergypszonen 
selbst bilden wellig gebogene Lagen, welche an ihren beiden 
Seitenrändern hellrauchgrau gebändert erscheinen. Diese wellig 
weiss und hellrauchgrau gebänderte, von Gypssternen und Gyps- 
linsen durchzogene, nur einzelne sehr zerstreut liegende Glim- 
merschüppchen bewahrende Gypslage füllt nun den oberen Theil 
der früher genannten Spalte im dichten Gypse aus, legt sich in 
ihren obersten Lagen noch über die Seitenoberflächen dieser 
Spalte weg und geht zuletzt in die aus langfaserigem Gyps be- 
stehende Ablagerung über, welche, wie oben schon angegeben, 
über dem ganzen Gypsstocke gelagert erscheint und weiter gar 
keine erwähnungswerthen Einschlüsse enthält. 

Die Behandlung einer Probe dieser Gypslage mit Alkohol 
ergab 1,8 Procent Chlormagnium und ausserdem noch deutliche 
Spuren von Chlorkalium und schwefelsaurem Natron. Die durch 
Alkohol ausgezogene Masse aber zeigte fast dieselben Bestand- 
teile wie die untere Lage. 



167 



3. Nähere Beschreibung der in dem Gypse einge- 
wachsenen Mineralien. 

Ausser den zahlreichen Gypsspathsternen und Gypsspath- 
linsen, welche überall vorkommen und daher hier weiter keine 
Erwähnung verdienen, sind in den vorerwähnten Gypslagen 
hauptsächlich folgende eingesprengte Mineralien zu beachten: 

1) Speckstein (Topfstein): Abgerundete, linsen-, Scheiben-, 
nieren-, herz-, keulen-, fingerförmige, ganz dichte und mit un- 
ebenem splitterigem Bruche versehene Geschiebe oder Knollen, 
welche äusserlich meist von einer weissen bis grauen Gypsrinde 
überzogen, innerlich aber dunkelgrau, grau- oder schwarzgrün 
bis schwarz sind, ein aschgraues ßitzpulver haben, ganz un- 
durchsichtig erscheinen und nur im frischen Bruche oder beim 
Schnitte einen mehr oder minder starken Wachsglanz zeigen. 
Sie fühlen sich fettig an, sind milde, leicht schneidbar, aber nur 
sehr wenig vom Fingernagel ritzbar und schreiben auf Glas. — 
Ihr spec. Gewicht ist == 2,682. Im Kölbchen schwitzen sie 
beim Erhitzen etwas Wasser aus. In Säuren erscheinen sie 
unlöslich. 

Nach ihrem Aufschlüsse zeigen sie: 

29,65 Magnesia, 
, 66,94 Kieselsäure, 

1,05 Eisenoxyd und Thonerde, 
1,60 W asser 
99,24 

woraus sich bei Vernachlässigung der kleinen Mengen von Eisen 
und Thonerde fast die Formel 

MgO SiO 3 
ergiebt, welche in iOO Theilen 

30,77 MgO 
69,23 SiO 3 

verlangt. Von Alkalien keine Spur. 

Wie oben schon angegeben worden ist, treten sie nur in 
der Zone des dichten Gypses und zwar bisweilen in so grosser 
Menge auf, dass die ganze Gypsmasse im frischen Bruche schwarz 
gefleckt aussieht und einem Specksteinconglomerate nahe kommt. 



168 



Bemerkenswerth erscheint es noch, dass ich in ihrer Lagerzone 
— wenigstens bis jetzt — noch kein anderes der oben genann- 
ten Minerale, nicht einmal Gypsspath, gefunden habe. 

2. Dolomitspathkrystalle : 4 — 12 Linien grosse, vollständig 
ausgebildete, einfache, spitze Rhomboeder, häufig mit un- 
tergeordneter, gerader Endfläche ; bisweilen auch zu Zwillingen ver- 
einigt. — So sehr indessen diese schön ausgebildeten Krystalle in 
ihrer Form übereinstimmen, so verschieden erscheinen sie in 
ihren übrigen Eigenschaften, namentlich in ihrer chemischen 
Zusammensetzung. Im Allgemeinen jedoch kann man sie unter 
folgende 2 Gruppen bringen: 

a. Die einen unter ihnen sind rein und frisch. Diese 
sind 3 — 8 Linien gross, vollkommen spaltbar nach den 
Rhomboederflächen, in ihrer Härte == 3,5 — 4 und haben 
ein spec. Gewicht == 2,85, Sie erscheinen meist farblos 
oder weiss, durchsichtig und perlmutterig glasglänzend. — 
Bei ihrer chemischen Zerlegung zeigen sie: 

d. Analyse: d. Berechnung: 



Kalkerde 


31,330 


31,090 


Magnesia 


21,758 


22,942 


Kali 


0,269 




Kohlensäure 


43,010 


43,970 


Wasser 


1,864 


1,998 




98,231 


100,000 



woraus sich — wenn man den wahrscheinlich durch 
Zersetzung von Glimmer in ihre Masse gerathenen Kali- 
gehalt unberücksichtigt lässt — die Zusammensetzung 
ergiebt : 

Kohlensaure Kalkerde = 55,520 
Kohlensaure Magnesia = 42,482 
Wasser = 1,998 
100,000 

Diese Zusammensetzung würde der Formel CaO CO 2 -)-' 
MgO CO 2 ziemlich nahe kommen. 

Mein verehrter Freund, Herr Dr. Graeger in Mühlhau- 
sen, welcher die Güte hatte, ein von mir analysirtes Exemplar 
dieses Spathes auf das sorgfältigste nochmals zu analysiren, fand 
dieselben Resultate. Er berechnet aber* aus denselben: 



169 

* 

CaO CO 2 f= 55,520 
MgO CO- = 37,890 
MgO HO = 6,590 
100,000 

und hieraus die Formel 

5 CaO CO 2 +4 MgO CO 2 +MgO HO 
oder 

CaO CO 2 + (MgO CO 2 + MgO HO). 

b. Die anderen dieser Dolomitkrystalle sind entweder verun- 
reinigt durch mechanische Beimengungen von Glimmer- 
blättchen und Quarz oder im Zersetzungszustande begriffen, 
a) Die unreinen sind in der Regel die grössten (8 bis 12 
Linien gross) nur noch mehr oder minder vollkommen 
spaltbar. In ihrer Härte stehen sie den vorigen ganz 
gleich (= 4), aber ihr spec. Gewicht ist — 2,86 — 3,1. 
Von Farbe sind sie grau- oder gelbweiss, nur noch 
stellenweise durchsichtig und auf den Spaltflächen stark 
perlmutterglänzend. Aeusserlich sind sie oft von einer 
ockergelben oder rauchbraunen, matten Rinde umschlos- 
sen; oft aber ist ihre Oberfläche auch von einer Rinde 
überzogen ; welche theils aus feinen silberweissen Kali- 
glimmerschüppchen , theils aus einem schwarzbraunen 
Silicat, theils aus einem Gemische von beiden besteht. 
Diese letztgenannten Rindensubstanzen durchziehen sogar 
häufig die Krystalle nach allen Richtungen und machen 
sie stellenweise undurchsichtig. Ja es kommt auch oft 
vor, dass der Kern dieser Krystalle aus einem 
festen Aggregate von Kaiig lim m e rsch üpp- 
chen und Quarzkörnchen besteht, so dass das 
Dolo mitrh omboeder nurdieHülle oderSchale 
um diesen Kern bildet. Aeusserlich sieht man nichts 
an diesen letztgenannten Krystallen, was auf das Fremd- 
artige dieses Kerns schliessen Hesse, sie sind oft am 
ebenflächigsten. Aber beim Zerschlagen und Behandeln 
derselben mit Salzsäure bleibt dann stets ein grösserer 
oder kleinerer ungelöster Rückstand, während die in Lö- 
sung befindliche Substanz ganz dieselbe chemische Zu- 
sammensetzung wie die reinen Dolomitkrystalle zeigt. 



170 



ß) Die in Zersetzung und Umwandlung begriffe- 
nen Krystalle dagegen zeigen schon mehr Verschieden- 
heit sowohl in ihren physikalischen Eigenschaften wie in 
ihrer chemischen Zusammensetzung. Zwar erscheinen sie 
in ihrer Form noch wohl erhalten , aber ihre Oberfläche 
ist rissig, rauh, angeätzt, bisweilen sogar mehlig und 
ihre Masse mehr oder weniger dicht und nicht mehr 
deutlich spaltbar, grau- oder gelbweiss, matt und un- 
durchsichtig, vom Messer schneidbar und bröckelig, wäh- 
rend ihr spec. Gewicht = 2,63 erscheint. An manchen 
dieser Krystalle ist bloss die Oberfläche bis zu 1 Linie 
dick umgewandelt, so dass nach Wegschabung dieser 
Umwandlungsrinde noch ein reiner frischer Dolomitspath 
zum Vorschein kommt; an andern dagegen ist die Zer- 
setzung soweit nach dem Inneren vorgedrungen, dass nur 
noch ein 2 Linien dicker Dolomitspathkern übrig ist. — 
Uebrigens sind sie alle in Salzsäure unter Brausen lös- 
lich, aber ihre Lösung zeigt so verschiedene Mengen von 
kohlensaurer Kalkerde und kohlensaurer Magnesia, dass 
sich aus denselben gar keine Zusammensetzungsformel 
berechnen lässt. Fünf auf diese Weise analysirte Krystalle 
zeigten z. B. 

18,532 bis 25,644 Kalkerde 

14,436 bis 22,955 Magnesia 
37,4 bis 41,87 Kohlensäure. 
Nur soviel kann man aus diesen Resultaten ersehen, 
dass alle die i n U m wandlun g b egri f f en en Do- 
lomitk rys tal le bedeutende Mengen kohlen- 
sauren Kalkes verloren haben. 

Alle die oben beschriebenen Dolomitkrystalle finden sich 
entweder in den obersten Lagen des dichten Gypses, namentlich 
in der nächsten Umgebung der oben erwähnten grossen Spalte 
oder in den unteren Fasergypsmassen , welche unmittelbar auf 
dem dichten Gypse lagern und jene Spalte ausfüllen. Die rein- 
sten unter ihnen sitzen in dem dichten Gypse, die unreinsten und 
am meisten zersetzten in dem mit glimmerreichen Zwischenlagen 
versehenen Fasergypse. 

3. Quarzkrystalle : Erbsengrosse sechsseitige Doppelpyra- 
miden, deren Mittelkanten abgestumpft sind, bisweilen zu Zwil- 



171 



lingen verwachsen; rauchbraun, glasglänzend, durchsichtig. 
Sie erscheinen immer nur einzeln eingewachsen im dichten 
Gypse, zumal in der Nähe der dolomitführenden Zone desselben 
und scheinen in einer gewissen Beziehung zu den Dolomitkrystallen 
zu stehen, wie wir weiter unten sehen werden. 

4. Kaliglimmer: in äusserst kleinen Schüppchen, vorherr- 
schend in den Fasergypslagen, welche die Spalte ausfüllen , und 
namentlich in der nächsten Umgebung der Dolomitkrystalle, 

4. Ansichten über die Entstehungsweise des 
Gypses und seiner Mineralien. 

Nachdem ich im Vorhergehenden kürzlich die — bis jetzt 
von mir beobachteten — Mineralien in dem Gypsstocke von 
Kittelsthal geschildert habe, sei es mir nun schliesslich noch 
gestattet, die Frage aufzuwerfen: wie sind diese Mineralien in 
den Gyps gekommen, da sie doch sämmtlich ihrer chemischen 
Zusammensetzung nach dieser Gebirgsart fremd sind? Sind sie 
vielleicht sammt dem Gypse aus der Zersetzung- und Umwand- 
lung des über dem Gypse lagernden dolomitischen Kalksteines 
entstanden? — Das letzte glaubte ich selbst früher, aber die 
Ablagerungsverhältnisse des ganzen Stockes und die Art des 
Auftretens der oben genannten Mineralien haben mich eines 
Anderen belehrt. 

Zunächst ist der dichte Gyps entschieden älter als der über 
ihm lagernde Kalkstein und hat sich in verschiedenen Zeiträu- 
men gebildet, wie die Thonzwischenlage zwischen den beiden 
Etagen des dichten Gypses und das Vorhandensein der Speck- 
steingeschiebe in der oberen Gypsetage beweist. Sodann sitzen 
die sämmtlichen Specksteinknollen, Bergkrystalle und gerade die 
reinsten, schärfst auskrystallisirten Dolomitspathkrystalle in dem 
dichten Gypse, welcher durch eine 20 Fuss mächtige Fasergyps- 
zone von dem aufliegenden dolomitischen Kalksteine getrennt 
ist. Auch sind die in dem Fasergypse vorkommenden Krystalle 
ohngeachtet ihrer wohl erhaltenen Form in ihrem chemischen 
Bestände um so mehr umgewandelt, je weiter sie nach oben in 
dieser Fasergypszone vorkommen, je näher sie also der Dolomit- 
kalkzone liegen. 

Ferner sind die Specksteinknollen wirkliche Geschiebe 
und Gerolle, welche erst durch Fluthen in den Gyps gekom- 



172 



men sind; denn noch jetzt trifft man dieselben sehr häufig in 
dem Verwitterungsboden des Magnesiaglimmerschiefers und Glim- 
rnerdiorits sowohl am Fusse des Ringberges wie auch im See- 
bacher Thale an der Struth. Auch sind sie in der Gypsmasse 
zerstreut und gerade so eingebettet wie die Felsgerölle in dem 
Bindemittel eines Conglomerates. Ebenso erscheinen die zahl- 
reichen Kaliglimmerblättchen nicht lagenweise, sondern ordnungs- 
los durch die Masse des obenein dichten Gypses zerstreut. Aber 
sowohl jene Specksteingeschiebe wie diese Glimmerblättchen 
konnten nicht eher in den Gyps gekommen sein, als bis dieser 
von seinem Lösungswasser schon soviel verloren hatte, dass er 
einen Brei oder Schlamm von solcher Consistenz bildete, dass 
die von späteren Finthen herbeigeführten Specksteingeschiebe 
denselben nicht mehr ganz durchdringen und zu Boden sinken 
und auch die Glimmerschuppen sich nicht lagenweise in ihm 
vertheilen konnten. Nicht minder aber sprechen für diese ehe- 
mals schlammige Beschaffenheit der Gypsmasse auch noch die 
ganz normal ausgebildeten Dolomitspathrhomboeder. Diese, welche 
ebenso lose eingebettet in der Gypsmasse liegen wie jene Speck- 
steingeschiebe, waren noch nicht vorhanden, als der Gypsschlamm 
in seine jetzige Lagerstätte gefluthet wurde; denn sonst wären 
sie nicht so rein und frisch an Gestalt und Masse; sie haben 
sich jedenfalls erst gebildet, als der angefluthete Gyps durch 
Verdunstung seines Lösungswassers, sich schon zu einem dicken 
Brei verdichtet hatte, indessen immer noch zu einer Zeit als die- 
ser Gypsbrei noch so weich war, dass er der regelrechten Ent- 
wicklung jener Krystalle kein Hinderniss entgegen stemmen 
konnte. Von Bedeutung für die Bildung dieser Krystalle ist je- 
doch nicht bloss ihr häufiges Zusammenvorkommen mit den Kali- 
glimmerblättchen, sondern auch ihr Verwachsensein mit den aus 
Quarzkörnchen und Kaliglimmerschüppchen bestehenden festen 
Aggregaten. In der Glimmerschiefermasse des — dem Gyps- 
stocke gegenüberliegenden — Bingberges trifft man da, wo die- 
ser Schiefer in nächster Berührung steht mit Hornblendegestein, 
eine feinkörnige Felsart, welche aus Quarz und Magnesia- 
glimmerblättchen besteht. Sollten von dieser letztgenann- 
ten Felsart vielleicht die Quarzglimmerstückchen in den Dolo- 
mitspathrhoedern herrühren und sollte aus der Zersetzung ihres 
Magnesiaglimmers nicht vielleicht einerseits der Kaliglimmer und 
andererseits das Material zur Bildung des Dolomitspathes und 



173 

der rauchbraunen Bergkrytalle entstanden sein, da ja, wie all- 
gemein bekannt ist, der Magnesiaglimmer auch an andern Orten 
durch seine Zersetzung diese Mineralien liefert? — Ich sollte es 
meinen, zumal da auch schon am Ringberge ein Glimmergestein 
auftritt, welches diese Umwandlungsprodukte des Magnesiaglim- 
mers enthält, wie ich weiter unten zeigen werde. 

Endlich deuten auch gerade die in der buchtigen Spalte 
auf dem dichten Gypse vorkommenden, wellig gebänderten und 
mit angewitterten oder halbzersetzten Dolomitkrystallen, Glim- 
merblättchen und Eisenoxydultheilchen lagenweise untermischten 
Fasergypsmassen darauf hin, dass sie nicht nur — vielleicht 
lange — nach der Bildung des dichten Gypses, ja sogar höchst 
wahrscheinlich -aus einer theilweisen Lösung der oberen Lagen 
des letztgenannten Gesteins entstanden sind, sondern sich auch 
vor der Ablagerung des dolomitischen Kalksteines gebildet haben 
müssen ; denn wie sollte man sich sonst die eigenthümlich ge- 
wundenen und welligen Lagen derselben erklären? 

Halte ich alle diese Facta zusammen, so will es mir schei- 
nen, dass nichjt der dolomitische Kalkstein der Er- 
zeuger des Gypses ist, sondern beide — Dolomit- 
kalk wie Gyps — aus einem gemeinschaftlichen 
Muttergesteine entstanden sind, welches unter sei- 
nen chemischen Bestandtheilen alle diejenigen 
Stoffe in denjenigen Mengen besass, welche zur 
Bildung des dolomitischen Kalkes und des Gypses 
nothwendig gehören. Und halte ich dieses fest, so komme 
ich unwillkürlich auf den Gedanken, dass theils der Mag- 
nesiaglimmerschiefer , theils ein Horn blendege- 
stein an dem oben schon genannten Ringberge der 
Erzeuger der oben genannten Gesteine und Mine- 
raleinschlüsse gewesen sein muss; denn diese beiden 
gemengten Felsarten enthalten in ihrer Masse alles, was zur Bil- 
dung jener Mineralmassen des Gypsstockes gehört, wie eine 
kurze Betrachtung der Ringbergsgesteine zeigen wird. 

Wie ich schon in meiner oben erwähnten geognostischen 
Beschreibung (diese Zeitschr. Bd. X. S. 306) angegeben habe 
und wie auch die beifolgende Karte veranschaulicht, so besteht 
die Hauptmasse des Ringberges aus einem eisenschwarzen, 
quarzarmen, dünn- und gefälteltschiefrigen Magnesiaglimmer- 
schiefer, welcher neben dem Magnesiaglimmer namentlich 



174 



in seiner unteren Region bisweilen auch O ligok laskörner, 
noch häufiger aber Chlorit oder Hornblende enthält und 
in Folge dieser Beimengungen überall da, wo dieselben in gros- 
ser Menge sich in seine Masse eindrängen , nicht bloss Ueber- 
gänge in Gneus, Chloritschiefer , Hornblendeschiefer und Diorit 
zeigt, sondern auch wirkliche Zwischenlager von diesen eben ge- 
nannten Felsarten umschliesst. 

Die bedeutendste von diesen untergeordneten Lagermassen 
bildet ein eigentümliches grau- bis schwarzgrünes, unvollkommen 
dickschieferiges oder plattenf örmig abgesondertes Dioritgestein, 
welches im Thale der Ruhla mächtig entwickelt auftritt und von 
da in der Richtung von SSO nach NNW unter der Glimmer- 
schiefermasse des ganzen Ringberges weg bis zum Nordabhange 
dieses Berges zieht, wo es nur noch mit einer Mächtigkeit von 
2 Fuss als ein mit weissen Kaliglimmerlagen durchzogenes Horn- 
blendegestein wieder zu Tage geht. Dieses Gestein , welches 
die auffallendsten Uebergänge bald in Glimmerschiefer, bald in 
Chloritschiefer, bald in Speckstein, bald auch in Gneus und 
durch diesen in Granulit zeigt, ist es namentlich, was unsere 
volle Beachtung in Beziehung auf das Bildungsmaterial des 
Gypssstockes von Kittelsthal verdient. Es besteht, wie a. a. O. 
S. 306 schon bemerkt worden ist, aus einem feinkörnigen bis 
flaserigen Gemenge von Magnesiaglimmer, Hornblende und Oli- 
goklas, welcher jedoch lagenweise so stark durch 
Kalkspath vertreten wird, dass die ganze Steinmasse die- 
ser Lagen mit Säuren stark aufbraust und zerbröckelt — und 
enthält ausserdem sehr viel Magnetkies und Eisenkies (Pyrit) 

— oft fein zertheilt — eingesprengt. An seinen Absonderungs- 
flächen zeigen sich fast stets zonenartige, oft concentrische Ueber- 
züge von Mangan- und Eisenoxyd; das Innere der es zahlreich 
und fast senkrecht durchsetzenden Spalten und Klüfte aber er- 
scheint ausgefüllt theils mit zellig zernagtem Quarz, theils mit 
Speckstein oder Grünerde, theils auch mit schaligem Baryt (sel- 
ten), Kalkspath (häufiger) und Braunspath (CaOCO 2 -f- MgO 
CO 2 -f- FeO CO 2 ) mit zahlreichen Pyritwürfeln (am häufigsten). 

— In seinen oberen Lagen und überall da, wo sein Gemenge 
sehr glimmerreich wird, erscheint es mehr oder weniger entfärbt, 
angewittert und mit einem aus Eisenoxyd und Kaliglimmer- 
schüppchen bestehenden Gemische bedeckt, zu welchem sich hier 
und da kleine Flussspathwürfel und wohl auch einzelne Rutil- 



175 



nadeln gesellen. — Alle diese Ausscheidnngsmineralien aber, 
namentlich die specksteinartigen Massen in den Verwitterungsklüf- 
ten, der Kaliglimmer mit seinem treuen Begleiter dem Eisen- 
oxyde, das Wad, der Braunspath, die Schwefelkiese und der 
Kalkspath im Dioritgemenge sind von hoher Bedeutung; denn 
mit Ausnahme der Schwefelkiese finden wir sie alle, wenn auch 
zum Theil mit veränderter Gestalt und Masse, in dem Gypse 
von Kittelsthal wieder. 

Rechne ich dazu nun noch, dass 1) nicht bloss in diesem 
dioritischen Gesteine, sondern auch in dem über ihm lagernden 
Gneuse und Magnesiaglimmerschiefer sehr gewöhnlich der Mag- 
nesiaglimmer durch Einwirkung der atmosphärischen Kohlen- 
säure in ein Gemenge von fettem rothen Thon, Kaliglimmer 
und feinen krystallinischen Quarzkörnern — also in dieselben 
Mineralsubstanzen umgewandelt erscheint, wie wir sie in un- 
serem Gypsstocke finden, 

2) überall da, wo das oben beschriebene Glimmerdioritge- 
stein zu Tage geht, dasselbe mehr oder weniger verwittert und 
bald in Chlorit, bald in Grünerde, bald in wahren Speckstein 
umgewandelt erscheint und auf seinen Verwitterungsklüften 
Braunspath und Quarzdrusen enthält; 

3) alles Quellwasser, welches aus dem kalkspathhaltigen 
Diorite hervortritt, viel Gyps gelöst enthält, während eine Quelle, 
welche aus dem kalkfreien Glimmerhornblendeschiefer westwärts 
vom Heiligensteine hervortritt, kaum eine Spur von demselben 
bemerken lässt; — nehme ich auf alles dieses Rücksicht, so ge- 
lange ich zu folgenden Resultaten; 

1) Der Magnesiaglimmer in dem genannten Glimmerdiorite 
lieferte durch seine Zersetzung die Quarzkrystalle, die Eisen- 
oxydmassen und die Kaliglimmerblättchen, welche theils im 
Fasergypse lagenweise oder zerstreut verbreitet sind, theils 
mit den Dolomitrhomboedern verwachsen erscheinen ; aber 
zugleich auch wenigstens theilweise die kohlensaure Mag- 
nesiakalkerde zur Bildung des Dolomitspathes. 

2) Die Hornblende dagegen gab bei ihrer Zersetzung theils 
die Specksteingeschiebe, theils die wadartigen Gemenge in 
den Klüften des Gypses, dann aber auch, sei es für sich 
allein, sei es in Gemeinschaft mit dem Kalkspath ihres 
Gemenges, Material znr Bildung des Dolomitspathes und 
dolomitischen Kalksteins; 



176 



3) Der Kalkspath in dem Glimmerdiorite endlich gab für sich 
allein schon oder im Vereine mit der aus der Zersetzung 
des Glimmers und der Hornblende frei werdenden Kalk- 
erde das Material, aus welchem die — so zahlreich in die- 
sem Diorite vorhandenen — sich zu Schwefelsäure und 
Eisenvitriol oxydirenden — Schwefelkiese den Gyps erzeug- 
ten. Dafür scheint einerseits der starke Gypsgehalt in dem 
noch gegenwärtig aus diesem Diorite hervorkommenden 
Wasser und andererseits der Gypsmangel des Wassers in 
dem Bereiche des kalkspath- und schwefelkiesfreien Glim- 
merhornblendegesteins zu sprechen. Ja es ist sogar nicht 
unwahrscheinlich, dass dieses letztgenannte Gestein, welches 
gegenwärtig bröckelig ist und nur Kaliglimmer enthält, weiter 
nichts als ein durch schwefelsaures Wasser seines Kalkspathes 
schon beraubter Diorit ist; wenigstens scheinen mir dafür 
die in seinen Klüften vorkommenden Barytdrusen zu sprechen. 
In Beziehung auf die Reihenfolge der Entstehung dieser 
Mineralien glaube ich nun auch noch annehmen zu dürfen, dass 
zuerst der Gyps gebildet wurde, einerseits, weil die Bedingungen 
zu seiner Erzeugung am reichlichsten gegeben und am leichte- 
sten durchzuführen waren, und andererseits erst die sich leicht 
zersetzenden Schwefelkiese weggeschafft werden mussten, wenn 
durch Einfluss von Kohlensäure aus dem Magnesiaglimmer und 
der Hornblende das Material zur Bildung des Dolomites geschaf- 
fen werden sollte, und endlich, weil, wie schon früher angedeutet 
worden ist, der fortgefluthete Gyps schon eine dickschlammige 
Beschaffenheit angenommen haben musste, als die Specksteinge- 
schiebe, Kaliglimmeraggregate und Dolomitkrystalle in ihn ge- 
langten ; denn sonst müssten diese Einschlüsse in ihm unterge- 
sunken sein und gerade in seinen tiefsten Lagen vorkommen, 
was aber nicht der Fall ist. 

Aus dem nun durch die vitriolescirenden Schwefelkiese sei- 
nes Kalkgemengtheiles beraubten Glimmerdiorite wurde zuerst 
der oben erwähnte Glimmer-Hornblendeschiefer und aus diesem 
durch die Einwirkung der — durch Zersetzung des Kalkspathes 
freiwerdenden — Kohlensäure allmälig Speckstein und lös- 
liche kohlensaure Magnesia-Kalkerde. Wasserfluthen 
führten endlich diese beiden Verwitterungsprodukte dem nun 
schlammig gewordenen Gypse zu und gaben sie an diesen ab; 
die schon fertig gebildeten Specksteingeschiebe sanken in die 



177 



Gypsmasse mehr oder weniger tief ein; die noch in Lösung be- 
findliche kohlensaure Magnesia-Kalkerde aber bildete beim Ver- 
luste ihres kohlensauren Lösungwassers die schönen Rhomboeder, 
die wir oben beschrieben haben. Diese Dolomitrhomboeder sind 
also — nach meiner Ansicht — die jüngsten Gebilde in dem 
Gypse, mögen sie nun auf die eben angegebene Weise oder da- 
durch entstanden sein , dass sich Stöcke des Magnesiaglimmers, 
welche durch die Gewässer in den Gyps geschlämmt wurden, in 
der Weise zersetzten, dass einerseits Kaliglimmer, andererseits 
durch Einwirkung von gelöstem kohlensauren Kalk auf die kie- 
selsaure Magnesia jenes Glimmers Dolomitspath und Quarzkry- 
stalle gebildet wurden. Beides scheint mir möglich zu sein. 

Ich will noch bemerken, dass nach einer im Laboratorium 
des Herrn Ramm ei.sb erg angestellten Analyse das S. 166 er- 
wähnte Schmelzprodukt enthält: 

15,27 Schwefelsäure 

11,29 Kalk 
1,03 Eisenoxydul 

27,43 Thonerde 

44,53 Kieselsäure 

99,55. 



Zeits. d.d. geoLGes. XIV. 1. 



12 



178 



4. Bericht über eine geologische Reise nach Russ- 
land im Sommer 1861. 

Von Herrn F. Roemer in Breslau. 

Der Hauptzweck der Reise war, durch eigene Anschauung 
eine Uebersicht über die in den Russischen Ostsee -Provinzen 
entwickelten älteren oder sogenannten paläozoischen Gesteine zu 
gewinnen. Nachdem mir durch frühere Reisen die paläozoischen 
Gesteine Schwedens und Norwegens bekannt geworden waren, 
lag der Wunsch nahe, den Ueberblick über die paläozoischen 
Gesteine des nördlichen Europas durch eine wenn auch nur 
flüchtige Ansicht der älteren Gesteine Russlands zu vervollstän- 
digen. Einen besonderen Anlass zur baldigen Ausführung der 
Reise bot noch der Umstand, dass die gerade vollendete Bear- 
beitung der von den Silurischen Diluvial- Geschieben von Sade- 
witz bei Oels umschlossenen fossilen Fauna die Aufsuchung der 
entsprechenden Silurischen Gesteine in situ in den Russischen 
Ostsee-Provinzen als dem wahrscheinlichen Ursprungsgebiete je- 
ner Geschiebe wünschenswerth machte. 

Demnächst versprach auch der Besuch von Petersburg und 
Moskau viel werth volle Belehrung und wissenschaftliche Ausbeute 
durch die Besichtigung öffentlicher und privater Sammlungen 
und durch den Verkehr mit den dortigen Fachgenossen. 

Nur die Monate August und September konnten auf die 
Reise verwendet werden. In einem früheren werthen Zuhörer 
von mir, Herrn Dr. Karl v. Seebach in Göttingen, hatte sich 
mir ein erwünschter Reisegefährte angeschlossen. 

Wenn in dem folgenden Reiseberichte ausser den rein geo- 
logischen Mittheilungen auch beiläufig mancherlei andere Bemer- 
kungen über Land und Leute gegeben werden, so werden diese 
letzteren dem Leser, der nur streng Wissenschaftliches sucht, 
kaum eine Störung bereiten, da sie sich überall nicht von dem 
Hauptstoffe sondern. 



179 



Die Reise von Breslau bis Dorpat. 

Die Hinreise führte von Breslau über Posen und Marien- 
burg nach Königsberg und von dort über Kowno und Dünaburg 
nach Pskow (Pleskau); bis Kowno konnte dabei die Eisenbahn 
benutzt werden. Die Strecke von Kowno bis Dünaburg dagegen, 
auf welcher die Eisenbahn noch unvollendet war, wurde in sehr 
rascher Fahrt mit der Diligence in 22 Stunden zurückgelegt. 
Der auf dieser Fahrt durchflogene Theil von Lithauen ladet 
auch durchaus nicht zu längerem Verweilen ein. Das Land er- 
schien mir als das Trostloseste, das ich je gesehen. Die Felder 
trotz des zum Theil guten Bodens schlecht und nachlässig be- 
baut, die Ortschaften aus zerfallenen elenden Hütten mit lücken- 
haften Strohdächern bestehend, endlich die Menschen zerlumpt, 
schmutzig und elend. Auf jeder Station, wo die Post anhielt, 
erwarteten uns Dutzende von Bettlern, Krüppeln und schmutzigen 
polnischen Juden. Wer an diesem verwahrlosten Zustande des 
Landes und der Bevölkerung Schuld sein mag, ich weiss es nicht. 
Gewiss trifft ihn schwere Verantwortung. 

Die Oberfläche des Landes ist wellig, hügelig und in den 
Abhängen von engen und steilen Schluchten durchfurcht, die das 
Ansehen haben, als seien sie in festem Gesteine ausgehöhlt. Den- 
noch sind es überall nur lose Diluvial -Massen, — Sand, Kies 
und Lehm — , welche den Boden zusammensetzen. Zahllose er- 
ratische Blöcke von zum Theil bedeutender Grösse liegen überall 
auf den Feldern umher. 

Von Dünaburg bis Pskow und ebenso von dort bis St. Pe- 
tersburg ist die Eisenbahn bereits längst im Betriebe. Wir leg- 
ten die Strasse bis Pskow in 8 Stunden zurück. Hier fanden 
wir uns gleich beim Verlassen des Bahnhofes in ächt Russisches Le- 
ben versetzt. Die schlecht oder gar nicht gepflasterten breiten und 
geraden Strassen mit den niedrigen, aber langen, häufig durch 
weite Zwischenräume getrennten hölzernen Häusern, die unabseh- 
bar und nach unseren Begriffen ganz unnöthig weitläufigen öffent- 
lichen Plätze, auf denen sich die wenigen Menschen und Fuhr- 
werke fast verlieren, die zahlreichen Kirchen mit den lebhaft 
grünen zwiebeiförmigen Kuppeln , die weiss oder hellgelb an- 
getünchten weitläufigen Regierungsgebäude mit den unvermeid- 
lichen Säulenreihen der Facade, ferner in den Strassen die un- 
verhältnismässig grosse Zahl von Fuhrwerken, namentlich die 

12* 



180 



flinken, aber auch nur einem einzigen Fahrgaste eine bequeme 
Beförderung gewährenden Droschken mit den bärtigen in lange 
blaue Kaftans gekleideten „Istwoschtschiks" , die kräftigen Ar- 
beiter mit dem bunten baumwollenen Hemde und den weiten 
Hosen, die gedrückt und dürftig aussehenden Soldaten mit dem 
hellgrauen groben Ueberrock und den hohen weiten Juchten- 
Stiefeln, die ernst blickenden Popen mit dem langen Haupthaar 
und dem seidenen Ueberwurf u. s. w. — alle diese und viele 
andere äussere Merkmale des Russischen Lebens , welche sich 
mit auffallender Gleichförmigkeit überall wiederholen, traten uns 
hier gleich in ihrer ganzen Fremdartigkeit entgegen. 

Pskow, von den Deutschen Pleskau genannt, im Mittelalter 
als Handelsstadt mit selbstständigem Gemeindeleben blühend und 
mächtig, ist von dieser Höhe längst herabgestiegen. Bei einer 
kaum 11000 betragenden Einwohnerzahl zeigt es nur eine ge- 
ringe Lebendigkeit des Verkehrs. Aber die ausgedehnten, wenn- 
gleich zerfallenden, mächtigen Ringmauern und die ansehnliche, 
mit kostbaren Heiligenbildern erfüllte Kathedrale, welche mit an- 
deren Kirchen- und Klostergebäuden einen höher liegenden und 
durch Mauern abgeschlossenen innersten Stadttheil, den Kreml, 
ganz nach Art desjenigen in Moskau wenn auch in kleinerem 
Maassstabe bildet, geben von der früheren Bedeutung der Stadt 
Zeugniss. 

Für uns war übrigens Pskow nicht blos der erste Punkt, 
an welchem wir nach der langen und ziemlich ermüdenden Eisen- 
bahn- und Post-Fahrt den ersten Halt machten, sondern zugleich 
auch die erste Lokalität in Russland, welche uns Gelegenheit 
zur Beobachtung von anstehenden Gesteinschichten bot. Die 30 
bis 60 Fuss hohen steilen Ufer des Welikaja-Flusses, an welchem 
die Stadt erbaut ist , zeigen überall eine Aufeinanderfolge von 
horizontalen oder ganz flach geneigten Schichten von röthlich 
oder gelblich grauem dolomitischen Kalk und dolomitischen Mer- 
geln. Nach den Versteinerungen gehört diese Schichtenfolge der 
devonischen Gruppe und zwar deren oberen Abtheilung an. Wir 
selbst fanden zwar nur einige undeutliche Fischreste, aber daran 
war nur unsere Unbekanntschaft mit den näheren Fundorten 
Schuld. Sowohl bei Pskow selbst als noch mehr in den Um- 
gebungen der einige Meilen südwestlich von Pskow gelegenen 
kleinen Stadt Isborsk sind reiche Fundstellen von wohl erhalte- 
nen Versteinerungen, von denen wir später in Dorpat durch 



181 



Professor Grewingk Exemplare erhielten. Zu den häufigsten 
Arten gehören Spirifer Archiaci, Rhynchonella Livonica, 
Atropa reticularis und Spirigera concentrica. Auch die präch- 
tige, in der allgemeinen Form der Rh. acuminata des Kohlen- 
kalks ähnliche Rhynchonella Meyendorßi findet sich an einigen 
Punkten in grosser Zahl der Exemplare und in vortrefflicher Er- 
haltung. 

Die ganze dolomitisch-kalkige und mergelige Schichtenfolge 
der Gegend von Pskow gehört der oberen Abtheilung der de- 
vonischen Gruppe, wie sie in Russland entwickelt ist, an. Die 
aus vorherrschend roth gefärbtem Sandstein, Sand und Thon be- 
stehende und durch die zahlreichen Fischreste aus der Familie 
der Piacodermen bezeichnete Hauptmasse , welche den grössten 
Theil von Livland und Kurland einnimmt, liegt darunter. Jedoch 
soll nach Grewingk auch über ihr noch eine oberste Schichten- 
folge von Thon, Sand und Mergel mit Fischresten der Gattungen 
Holoptychius , Dendrodus , Osteolepis u. s. w. vorhanden sein. 
Auf diese Weise liegen die kalkig -mergeligen Schichten vor 
Pskow und Isborsk mitten innen zwischen Sandsteinen und Tho- 
nen mit Piacodermen -Resten. Wenn nun die gründlichen und 
umfassenden Untersuchungen von Pander erwiesen haben , dass 
die Gattungen der in dem rothen Sandstein Livland's vorkom- 
menden Fischreste grossentheils identisch sind mit solchen des 
Old red in Schottland und England, und wenn andererseits die 
Arten von Brachiopoden und Acephalen, welche die fossile Fauna 
der kalkig-mergeligen Schichtenfolge von Pskow und Isborsk zu- 
sammensetzen , meistens specifisch übereinstimmen mit solchen, 
welche in den typisch devonischen Schichten Deutschlands und 
des westlichen Europas überhaupt zu den verbreitetsten und be- 
zeichnendsten gehören, so ist damit nicht nur der Beweis geführt, 
dass die in Russland der devonischen Gruppe zugerechneten Ge- 
steine wirklich den ächten devonischen Schichten des westlichen 
Europas gleich stehen , sondern es erhält auch die früher aus 
allgemeinen geognostischen Gründen scharfsinnig gefolgerte Gleich- 
stellung des Englischen Old red mit den Korallen und Schal- 
thiere einschliessenden Kalksteinen und Thonschiefern von De- 
vonshire und dem Gebirge zu beiden Seiten des Rheins nun erst 
durch die Verhältnisse in Russland ihre sichere paläontologische 
Begründung. 

Das nächste Reiseziel war nun Dorpat, wo durch den Ver- 



182 



kehr mit Fachgenossen und Besichtigung der Sammlungen ge- 
nauere Vorbereitung für die weitere Bereisung von Livland und 
Ehstland gewonnen werden sollte. Da das zwischen Pskow und 
Dorpat fahrende Dampfschiff, welches im Sommer eine bequeme 
Verbindung zwischen beiden Städten über den Peipus-See in einer 
etwa zwölfstündigen Fahrt vermittelt, am Morgen desselben Ta- 
ges, an welchem wir in Pskow anlangten, von dort abgefahren 
war und erst in drei Tagen wieder die Fahrt machte, so blieb 
uns nichts Anderes übrig, als die Strecke zu Lande mit Post- 
pferden zurückzulegen. Dazu bedurfte es zunächst einer „Po- 
droschna", d. i. einer amtlichen Ermächtigung zur Benutzung 
von Postpferden, denn nur gegen Vorweisung einer solchen wer- 
den auf den Stationen die Pferde von den Posthaltern verabfolgt. 
Wir erhielten dieselbe ohne Schwierigkeit auf dem Polizeiamte. 
Es war dafür die Summe von 1 Rubel und 20 Kopeken zu ent- 
richten. Da es beim Bezahlen auf beiden Seiten an Scheide- 
münze fehlte, und die Zeit drängte, so blieb nichts übrig, als 
den Ueberschuss von SO Kopeken, der auf einen zweiten Rubel 
herauszugeben war, im Stiche zu lassen. Das war uns ein erstes 
Beispiel von der Unbequemlichkeit, welche der herrschende Man- 
gel an Scheidemünze in dem von schwerer Finanznoth überhaupt 
heimgesuchten Lande mit sich führt. Man sah fast nur Papier- 
rubel und Kupfergeld im Verkehr, und Silber-Scheidemünze war 
nur gegen ein Draufgeld zu erhalten. Einen wirklichen Silber- 
rubel habe ich auf der ganzen Reise nur einmal in dem Münz- 
Kabinete in St. Petersburg gesehen. 

So wurde denn die Reise am folgenden Morgen um 6 Uhr 
angetreten. Da wir einen eigenen Wagen nicht besassen, so war 
die Fahrt auf dem landesüblichen Fuhrwerk, der Telega, zu ma- 
chen, d. i. einem offenen, unmittelbar auf der Achse liegenden, 
vierrädrigen Karren, dessen Holzkasten, mit Stroh gefüllt, eben 
so das Gepäck des Reisenden wie diesen letzteren selbst aufnimmt. 
Wir passirten zunächst den Welikaja - Fluss auf einer der für 
Russland eigenthümlichen, aus schwimmenden Balken konstruirten 
Flossbrücken, und fuhren durch sie nach der auf dem anderen 
Ufer gelegenen Vorstadt; die Häuser waren zum Theil von Ge- 
müsegärten umgeben, in denen, wie überall im mittleren Russ- 
land, Kopfkohl und Gurken — die beiden Russischen National- 
Gemüse, fast ausschliesslich kultivirt wurden. Gleich darauf be- 
fanden wir uns im freien Felde. Eine völlig wagerechte Fläche 



183 



dehnte sich, so weit das Auge reichte, vor uns aus. Die gleiche 
durchaus horizontale Bodenbeschaffenheit ist eine Eigenthünilich- 
keit Russlands und namentlich der Russischen Ostsee-Provinzen, 
welche durch die wagerechte Lagerung der mit Diluvial-Massen 
gar nicht oder nur sehr dünn bedeckten Schichten der silurischen 
und devonischen Gruppe bedingt ist. In Deutschland wird man 
selbst in dem als Norddeutsche Ebene bezeichneten Tieflande 
solche ganze wagerechte grössere Flächen nur in den Sohlen der 
Flussthäler oder in ausgetrockneten Seebecken antreffen. — Erst 
mehrere Meilen weiter nordwestlich bei dem Eintritte in Livland 
legt sich eine dickere Diluvialdecke auf die devonischen Schich- 
ten, und nun wird die Oberfläche wellig, mit zum Theil ziem- 
lich tiefen Thaleinschnitten und Wasserrissen. Anstehende Ge- 
steine sahen wir zuerst an einer etwa 10 Meilen südlich von 
Dorpat gelegenen Stelle wieder. Es war ein loser, aber deutlich 
geschichteter braunrother Sand, der in einem Wasserrisse ent- 
blösst war. Wir befanden uns also bereits auf der unteren san- 
digen Hauptabtheilung der devonischen Gruppe, die den grösse- 
ren Theil von Livland einnimmt. Uebrigens gewährte die rasche 
Fahrt für geognostische Wahrnehmungen nicht viel Zeit. Wir 
bekamen hier zuerst eine Vorstellung von dem, was Russisches 
Fahren heisst. Rasch flogen cfie Werst-Pfähle an uns vorüber, 
und selbst bei nicht ganz ebenem Terrain wurden mehrfach 7 
Werst (6|- Werst = 1 deutsche Meile) in 25 Minuten zurück- 
gelegt. Dabei war auch die Länge der Station bedeutend, indem 
sie 30 bis 35 Werst betrug. Diese Schnelligkeit des Fahrens 
söhnt den Reisenden in Russland einigermaassen mit der Unbe- 
quemlichkeit der Beförderung und der Eintönigkeit der Landschaft 
aus. Uebrigens nahm die Schnelligkeit der Beförderung ab, so- 
bald wir in Livland eintraten, und Deutsche Posthalter an die 
Stelle der National-Russischen traten. 

Das Land schien im Ganzen gut angebaut, desto besser, 
je mehr wir uns Dorpat näherten. Der Roggen war jetzt, am 
13. August, erst gerade reif und nur zum Theil schon gemäht. 
Die Einfriedigung der Felder wird meistens durch niedrige Mau- 
ern von aufeinander geschichteten erratischen Blöcken gebildet, 
die überall in zahlloser Menge umherliegen. Waldungen sind viel 
weniger vorherrschend, als ich mir bei der geringen Dichtigkeit 
der Bevölkerung vorgestellt hatte. Auf dem ganzen 160 Werst 
langen Wege von Pskow nach Dorpat sieht man keinen Wald 



184 



von grösserer Ausdehnung. Ziemlich spät am Abend langten 
wir, von der langen Fahrt auf den unbequemen federlosen Wa- 
gen ziemlich ermüdet, in Dorpat an, und hatten damit einen vor- 
läufigen Ruhepunkt erreicht. 

Der Aufenthalt in Dorpat. 

Wenn auch die oft gebrauchte Benennung, „das Russische 
Heidelberg", für die Livländische Universitäts-Stadt etwas über- 
schwänglich erscheint, so ist die Lage und das ganze Aussehen 
von Dorpat immerhin freundlich und anmuthig genug, um in 
dem nach der Natur seines Bodens im Ganzen nur einförmigen 
menschenarmen Lande den Eindruck einer anmuthigen Oase in 
der Wüste hervorzubringen. Zieht man zugleich die geistigen 
Hilfsquellen in Betracht, so erscheint es noch mehr als eine 
solche. Die Stadt ist in dem Thale des schiffbaren Embach- 
Flusses gelegen, welcher den Abfluss des Wirzjärw-See's in den 
Peipus-See bildet. Ziemlich steil abfallende, 100 bis 130 Fuss 
hohe Thalabhänge begrenzen das Thal, und an diesen ziehen 
sich zu beiden Seiten des Flusses die Strassen der Stadt in 
weitläufiger Bauart hinan. Die grossartige Ruine des mittel- 
alterlichen Gothischen Domes liegt auf der Höhe des südlichen 
Thalgehänges selbst, und überragt die ganze Stadt. Die weit- 
läufige Ausdehnung desselben würde übrigens auf eine erheb- 
lich bedeutendere Einwohnerzahl als 16000 schliessen lassen. 

An den Abhängen des Thaies treten überall die rothen 
Sande, lockeren Sandsteine, Thone und Mergel der devonischen 
Gruppe in fast wagerechter Lagerung zu Tage. Das ganze 
äussere Ansehen der Schichtenfolge gleicht durchaus demjenigen 
des bunten Sandsteins oder des Rothliegenden in Deutschland. 
Nimmermehr würde der unvorbereitete Beobachter in diesen ho- 
rizontal gelagerten lockeren Aggregaten ein Altersäquivalent der 
steil aufgerichteten und vielfach gefalteten altersgrauen Thon- 
schiefer und Grauwacken des Rheinischen Gebirges erkennen. 
Aber freilich, die Fischreste leiten. Wir fanden dergleichen, und 
namentlich Panzerstücke der Gattung Aster olepis , in ziemlicher 
Häufigkeit in einem Wasserrisse am „Jägerschen Berge", einer 
Lokalität des nördlichen Thalgehänges noch innerhalb der Stadt. 
Sobald man aus dem Thale auf die Höhe gelangt, so trifft man 
überall eine gleichförmig verbreitete Decke von Diluvium. Erra- 



185 



tische Blöcke sind in viel grösserer Menge , als man sie in 
Deutschland zu sehen gewohnt ist, auf den Feldern umherge- 
streut, und bereiten nicht selten durch ihre Häufigkeit bei der 
Bebauung des Bodens Schwierigkeit. 

Von besonderer Wichtigkeit für unseren Aufenthalt in Dor- 
pat und für die weitere Ausführung der Reise war der Verkehr 
mit Herrn Professor Grewingk, dem Vertreter der mineralogi- 
schen Disciplin an der Universität, der mir schon durch ein 
früheres Zusammentreffen in Berlin persönlich bekannt war. Ihm 
verdanken wir die vielfachste Belehrung über die geognostischen 
Verhältnisse der Ostsee-Provinzen, mit deren Erforschung er seit 
einer Reihe von Jahren beschäftigt ist, und durch seine spätere 
persönliche Begleitung auf einem Theile unserer Reise hat er 
uns namentlich zu dem lebhaftesten Danke verpflichtet. 

Herr Professor Grewingk führte uns zunächst auf das un- 
ter seiner Leitung stehende mineralogische Museum der Univer- 
sität. Dasselbe ist in zwei geräumigen Sälen des stattlichen 
neuen Universitäts-Gebäudes sehr zweckmässig aufgestellt. Die 
paläontologische Abtheilung enthält ausser einer nur mässig um- 
fangreichen allgemeinen systematischen Sammlung eine sehr 
reiche Folge von Versteinerungen aus den verschiedenen Abthei- 
lungen der silurischen und devonischen Gruppe in den russi- 
schen Ostsee-Provinzen. Die nähere Durchsicht dieser letzteren 
war mir für meine Zwecke besonders wichtig. Zum ersten Male 
bekam ich hier auch eine grössere Suite der so merkwürdigen 
Fischreste des devonischen Sandsteins von Livland zu sehen. 
Auch eine Suite von Gyps-Abgüssen der vorzüglichsten Stücke 
der durch Dr. Assmuss in vieljähriger Arbeit zusammengebrach- 
ten und seiner Abhandlung*) zu Grunde liegenden Sammlung 
ist in dem Museum aufgestellt. Die von Dr. Assmuss bei sei- 
nem vor zwei Jahren zu frühzeitig erfolgten Tode hinterlassene 
Sammlung selbst befindet sich noch nicht in dem Museum, aber 
man hofft sie von der Wittwe für dasselbe zu erwerben. 

In der Sammlung von Gesteinen der Ostsee-Provinzen war 
mir von besonderem Interesse auch zuerst Stücke des von Gre- 
wingk in Kurland und Lithauen, namentlich am Nordrande der 
bekannten Partie von Jura-Gesteinen von Popilani an der Win- 



*) Das vollkommenste Hautskelet der bisher bekannten Thierreiche 
von Dr. Assmüss. Dorpat 1856. 



186 



dau aufgefundenen Zechsteins*) zu sehen; denn das Auftreten die- 
ser Bildung in jener Gegend, weit getrennt ebensowohl von den 
Zechstein-Partien Deutschlands als auch von dem Gebiete, über 
welches sich die permische Gruppe in Russland verbreitet, ist 
sehr unerwartet und bemerkenswert!!. Das Gestein ist ein gelb- 
lichgrauer feinkörniger Dolomit mit ziemlich zahlreichen Stein- 
kernen und Abdrücken von Bivalven, unter denen sich nament- 
lich Gervillia keratophaga , Modiola simpla Keys, und Schi- 
zodus Schlotheimi haben bestimmen lassen. Es würde leicht sein, 
unter den Dolomiten des deutschen Zechsteins Bänke von völlig 
übereinstimmendem äusseren Ansehen aufzufinden. In der That 
hält auch Grewingk die ganze Bildung für näher verwandt mit 
dem deutschen Zechstein als mit den permischen Ablagerungen 
in Russland. 

Auch die mineralogische Abtheilung des Museums ist werth- 
voll und gut geordnet. Besonders sind, wie sich erwarten lässt, 
die russischen Vorkommnisse aus dem Ural und Altai vertreten, 
und zwar zum Theil durch prächtige Stufen. Herrliche Drusen 
von Kupferlasur aus dem Altai, an Grösse und Deutlichkeit dej 
Krystalle den schönsten von Chessy gleich kommend, zeichneten 
sich namentlich aus. Zum ersten Male sah ich hier auch das 
neue Vorkommen von Graphit von Tunkinsk im Gouvernement 
Irkutsk, welches an Reinheit der Masse und Gleichförmigkeit des 
Gefüges selbst das einst berühmte Vorkommen von Borrowdale 
in Cumberland, dem es übrigens ähnlich ist, noch übertrifft. 
Wahrscheinlich wird dasselbe für technische Verwendung, und 
namentlich für die Herstellung von Bleistiften allen anderen Gra- 
phit verdrängen. In Petersburg, wo ich auch ein grosses Stück 
des Minerals erhielt, erfuhr ich später, dass man dort eine grosse 
Fabrik von Bleistiften zu errichten beabsichtigt, während bisher 
das Material nur im rohen Zustande nach München ausgeführt 
worden sein soll. 

Auch eine Anzahl interessanter Meteorite enthält das Mu- 
seum. Namentlich ein handgrosses Stück des 1855 auf der Insel 
Oesel gefallenen Meteorsteins; ferner ein Stück von Lixna bei 
Dünaburg, und eines von Bialystock. Prachtvoll in seiner voll- 
ständigen Erhaltung mit der fein gerunzelten glänzend schwar- 
zen Rinde ist der faustgrosse, fast kubische Meteorstein von 



*) Vergl.: Diese Zeitschr. 1857 S. 163 ff. 



187 



Oahu, einer der Sandwich-Inseln, der von Hoffmann's Reise um 
die Welt herrührt. 

Ausser dem mineralogischen Museum der Universität wer- 
den auch in dem Museum der Dorpater Natu rfor sehe r - 
Gesellschaft, in welches uns Herr Magister Baron Rosen, 
dfcm wir auch sonst für freundliche Führung während unseres 
Aufenthaltes in Dorpat dankbar verpflichtet sind , Zutritt ver- 
schaffte, einige wichtige paläontologische Sammlungen aufbewahrt. 
Besonders war mir die Durchsicht der von Fried. Scmidt zu- 
sammengebrachten Sammlung von Versteinerungen aus den si- 
lurischen Schichten Ehstland's von Interesse. Dieselbe war um 
so belehrender für mich, als sie nach den einzelnen, von Fried. 
Schmidt in seiner vortrefflichen Schrift*) unterschiedenen Schich- 
tenabtheilungen geordnet ist, und so über den Werth und die 
Selbstständigkeit dieser Abtheilungen zu urtheilen befähigt. In 
dieser Sammlung sah ich auch zuerst eine grössere Suite von 
Versteinerungen aus den auf der Insel Oesel, und nur hier allein 
in den Ostsee-Provinzen, entwickelten obersten Abtheilungen der 
silurischen Schichtenreihe, und namentlich den Eurypterus- füh- 
renden Kalkschiefern und dem Beyrichia-reiehen Kalk des Ohhe- 
saare-Pank auf der südlichsten Spitze der Insel. Die organischen 
Einschlüsse des letzteren stimmen so genau mit solchen der Insel 
Gotland überein, dass an der vollständigsten Gleichaltrigkeit die- 
ser Schichten mit den entsprechenden auf der schwedischen Insel 
nicht zu zweifeln ist. Durch die neuerlichst gelungene Auffin- 
dung des Eurypterus remipes auf der Insel Gotland*), ist übri- 
gens die Uebereinstimmung der russischen und schwedischen Insel 
in geognostischer Beziehung noch vollständiger geworden. Die 
sehr werthvolle Sammlung von Gotländer Versteinerungen, welche 
Fried. Schmidt bei seinem längeren dortigen Aufenthalte zu- 
sammengebracht hat, und welche seinen Aufstellungen über die 
geognostische Gliederung der Insel zum Belege dient, befindet 
sich gleichfalls in dem Lokale der naturhistorischen Gesellschaft. 
Im Interesse der grösseren Nutzbarmachung wie auch der siche- 
ren Erhaltung kann ich übrigens den Wunsch nicht unterdrücken, 
dass beide Sammlungen aus dem Lokale der naturhistorischen 



*) Fried. Schmidt: Beitrag zur Geologie der Insel Gotland ; im Ar- 
chiv für die Naturkunde Liv-, Ehst- und Kurland's. 1. Serie. Bd. II. 
1859. S. 455. 



188 



Gesellschaft in dasjenige des mineralogischen Museums der Uni- 
versität übertragen werden möchten. 

Auch die übrigen Zweige der Naturwissenschaften sind in 
Dorpat durch namhafte und ausgezeichnete Männer vertreten. 
H. Maedler, der Professor der Astronomie, ist durch seine 
Arbeiten über den Mond, durch seine populäre Astronomie und 
durch zahlreiche andere Leistungen überall bekannt und geehrt. 
Der Name von Ludw. Kaemtz, des Vertreters der Physik, wird 
mit der Geschichte der Meteorologie für immer verbunden sein. 
Alex. Bunge, der Vertreter der Botanik, ist abgesehen von 
seinen werthvollen systematischen Arbeiten durch seinen frühe- 
ren längeren Aufenthalt in China als Mitglied der russischen 
Mission in Peking und durch seine Reisen in Persien, von wel- 
chen er erst vor zwei Jahren zurückkehrte, bekannt. C. Scmidt, 
der Professor der Chemie, hat sich besonders durch seine mit 
Bidder, dem Professor der Physiologie und Pathologie, gemein- 
schaftlich ausgeführten physiologisch - chemischen Arbeiten einen 
anerkannten wissenschaftlichen Namen gemacht. Die angewandte 
Mathematik wird durch Prof. Minding, die reine Mathematik 
durch Helmling vertreten. Die Professur der Zoologie beklei- 
det, nach des geistvollen Assmuss frühzeitigem Tode, erst seit 
Kurzem G. Flor, der durch entomologische Arbeiten bekannt 
ist. Endlich gehört zu der physiko - mathematischen Fakultät, 
welche sehr passend von der historisch -philologischen Fakultät 
ganz getrennt ist, auch noch ein Lehrstuhl für Oekonomie und 
Technologie, den gegenwärtig Alex. Petzholdt einnimmt, dessen 
frühere Arbeiten sich vorzüglich auf dem Felde der Geologie und 
Mineralogie bewegten. 

Auch die wissenschaftlichen Institute für die verschiedenen 
Zweige der Naturwissenschaften sind durchgängig wohl ausge- 
stattet und sorgfältig unterhalten , das gilt im Besondern von 
der in erhöhter Lage neben der Dom-Ruine schön gelegenen 
Sternwarte, welche namentlich mit einem prachtvollen Refraktor 
versehen ist; von dem botanischen Garten, welcher eben so sorg- 
fältig unterhalten zu sein scheint, als er zweckmässig und ge- 
schmackvoll angelegt ist; ferner von dem chemischen Laborato- 
rium, welches nach den Anordnungen des Professor Schividt 
in sehr geeigneten schönen Räumen des ganz neuen, erst vor 
zwei Jahren vollendeten Universitätsgebäudes vortrefflich einge- 
richtet worden ist. Auch das zoologische Museum ist in passen- 



189 



den Räumen der Universitätsgebäude gut untergebracht und ent- 
hält, obwohl verhältnissmässig noch nicht sehr umfangreich, doch 
manches Werthvolle und Interessante, namentlich von nordischen 
Thieren. Ein in dem Museum aufbewahrtes Exemplar des Elenn- 
thieres (Cervus alces L.) ist durch den Fundort merkwürdig. 
Es wurde vor einigen Jahren in einem kalten Winter in dem 
Garten des Kurators der Universität in der Stadt Dorpat selbst 
erschlagen. Auch das ökonomisch-technologische Institut ist durch 
die Bemühungen von Professor PetzhOldt zu einer werthvollen 
Sammlung herangewachsen. Von dem mineralogischen Museum 
war schon vorher die Rede. 

Erwägt man, dass die übrigen Fakultäten nicht minder tüch- 
tige und wissenschaftlich angesehene Lehrer wie die naturwis- 
senschaftliche zählen, dass namentlich die medicinischen unter 
den 10 ordentlichen und 2 ausserordentlichen Professoren, aus 
denen sie besteht, mehrere wissenschaftlich hochstehende Persön- 
lichkeiten umfasst, und dass in gleicher Weise die diesen ver- 
schiedenen Zweigen dienenden wissenschaftlichen Institute im 
Ganzen mit grosser Munificenz ausgestattet sind, so kommt man 
zu dem Schlüsse, dass die Dorpater Universität den grösseren 
Universitäten Deutschlands, wie Heidelberg, Bonn und Göttingen 
ebenbürtig zur Seite steht. Soll freilich diese Ebenbürtigkeit 
fortdauern, so wird die in neuerer Zeit hervorgetretene Abneigung, 
Professoren aus Deutschland zu berufen, durchaus zu beseitigen 
sein ; denn die kleine deutsche Bevölkerung der russischen Ost- 
see-Provinzen kann allein die nöthigen wissenschaftlichen Kräfte 
für eine solche höhere Lehranstalt kaum liefern, nnd diese letz- 
tere bedarf zu ihrem Gedeihen einer fortwährenden innigen Ver- 
bindung mit dem wissenschaftlichen Leben in Deutschland. Die 
Unbequemlichkeit, welche die Ansprüche an eine freiere Bewe- 
gung Seitens der aus Deutschland zu berufenden Professoren für 
die russische Regierung möglicher Weise haben können, kann 
gegen die Vortheile höherer geistiger Bildung, welche dem kul- 
turbedürftigen weiten Reiche durch das Bestehen einer blühen- 
den Universität nach deutscher Art dauernd zugeführt werden, 
kaum in Betracht kommen. 

Durch die Empfehlungen eines Breslauer Freundes und Col- 
legen, E. Grube, welcher als Professor der Zoologie 12 Jahre 
in Dorpat gelebt hat, waren uns auch die geselligen Kreise von 
Dorpat in wirksamster Weise geöffnet worden , und wir hatten 



190 



allen Grund das als einen besonderen Vorzug zu schätzen. Wir 
fanden, dass, was man von der gemüthlichen Gastfreundlichkeit 
und den angenehmen Umgangsformen der russischen Ostsee-Pro- 
vinzen überhaupt rühmt, für Dorpat ganz besonders Geltung hat. 
Freilich ist es natürlich, dass in einem Lande, wo die Natur so 
wenig und das öffentliche Leben nichts bietet, was erfreuen und 
beschäftigen kann, die Menschen durch den Genuss freundlichen 
Zusammenlebens x sich zu entschädigen suchen. In einem die 
meisten Professoren der naturwissenschaftlichen und medicinischen 
Fakultät vereinigenden Kreise bei Herrn Professor M aedler 
machte ich auch die mir sehr werthvolle persönliche Bekannt- 
schaft mit Herrn General v. Hamersen aus St. Petersburg, 
dem durch zahlreiche und werthvolle Arbeiten über die Geo- 
gnosie und Paläontologie Russlands bekannten Gelehrten, der zu- 
gleich zu den angesehensten Bergbeamten des russischen Reiches 
gehört und namentlich auch dem grossartigen Institute des Berg- 
Corps vorsteht. Herr v. Helmersen war augenblicklich mit 
einer technischen Untersuchung über die Möglichkeit einer Ni- 
veau-Erniedrigung des Peipus-Sees zum Zweck der Entsumpfung 
weiter Landstrecken in dessen Umgebung beschäftigt. Bei der 
von mehr als 65 Quadrat-Meilen betragenden Grösse des Sees 
und den vorherrschend flachen Ufern ist der Umfang des durch 
eine solche theilweise Ablassung für die Cultur zu gewinnenden 
Areals begreiflich , und bei der um 90 Fuss über den Spiegel 
des finnischen Meerbusens erhobenen Lage des Sees und dem 
verhältnissmässig kurzen Abfluss desselben durch die Narowa in 
das Meer die Möglichkeit einer solchen Entwässerung an sich 
gegeben. 

Reise durch Livland, Ehstland und Jngermannland nach 
Petersburg. 

Nach einem achttägigen Aufenthalte in Dorpat wurde es 
Zeit an die Fortsetzung der Reise zur Besichtigung der Lokali- 
täten in Livland und Esthland zu denken. Erst jetzt kamen wir 
aber zu der Erkenntniss der Schwierigkeiten, von denen eine 
solche Reise begleitet ist. Zunächst trat die Unkenntniss der 
Landessprache als ein Haupt-Hinderniss entgegen. Diese ist be- 
kanntlich die Ehstnische , welche als ein Zweig des Finnischen 
Sprachstamms jedem Germanen ein völlig verschlossenes Gebiet 



191 



ist. Eine Sprache, in welcher eins, zwei, drei ix, kax y kolm 
heissen, schneidet von vorn herein dem nur mit Germanischen 
und Romanischen Sprachen bekannten Fremden jede Hoffnung 
auf Verständniss ab. Die Schwierigkeiten der Beförderung, des 
Unterkommens und des Auffindens der in dem menschenarmen 
Lande sehr versteckt und vereinzelt liegenden Aufschlusspunkte 
kamen hinzu. Alle diese Schwierigkeiten wurden jedoch durch 
das Anerbieten von Prof. Grewingk uns zu begleiten und uns 
als Führer zu dienen in der für uns erfreulichsten Weise besei- 
tigt. Freilich war das ein so aufopfernder Liebesdienst, wie ihn 
nur ein Naturforscher dem Fachgenossen erweist. Denn Prof. 
Grewingk war gerade von einer mehrwöchentlichen Abwesen- 
heit nach Dorpat zurückgekehrt und ausser den akademischen 
Vorlesungen, deren Beginn unmittelbar bevorstand, erwarteten 
ihn zahlreiche andere Geschäfte. Eben so rasch als umsichtig 
traf er alle Vorbereitungen für die Reise. Der nöthige Urlaub 
wurde durch einen gemeinschaftlichen Besuch bei dem Kurator 
der Universität, Herrn v. Bradke, einem alten General, der sich 
bei der Erstürmung von Warschau ausgezeichnet hat, mit Leich- 
tigkeit erwirkt; es wurden ferner Pferde gemiethet, während 
Professor Grewingk einen sehr eleganten leichten Jagdwagen 
selbst stellte, und endlich einige Lebensmittel eingekauft. So 
waren wir bald reisefertig, und verliessen Mittags die freundliche 
Musenstadt. Das nächste Reiseziel war der etwa 7 deutsche 
Meilen nordwestlich von Dorpat gelegene Ort Talkhof. Bald 
nachdem wir Dorpat verlassen, kamen wir an dem Dorfe Arro- 
külla (zu deutsch : Wiesendorf) vorbei. Bei demselben, und zum 
Theil unter den Häusern des Dorfes, befindet sich das sogenannte 
Labyrinth, eine aus zahlreichen niedrigen Gängen bestehende 
Höhle im rothen devonischen Sandsteine, welche anderen zum 
Theil sehr gewagten Annahmen entgegen ihren Ursprung wahr- 
scheinlich dem Graben von Sand verdankt. Diese Höhle ist 
einer der Hauptfundorte für die fossilen Fischreste der devoni- 
schen Schichten. Hier hat namentlich Assmuss die zahlreichen, 
zum Theil riesenhaften Knochenschilder und Knochen von Pla- 
codermen gesammelt, durch deren scharfsinnige Zusammensetzung 
und Deutung er eine wichtige Vorarbeit für die spätere Mono- 
graphie von P ander über diese so merkwürdigen, durch die 
ausserordentliche Entwicklung des Haut-Skelets von allen le- 
benden Formen so weit abweichenden Fische geliefert hat 



192 



Ausserdem sind die Ufer des nördlich von Riga in den Riga- 
schen Meerbusen sich ergiessenden Aa-Flusses und die Ufer des 
Landsees bei dem westlieh von Walck gelegenen Postamte Burt- 
neck besonders reiche Fundorte solcher Fischreste, die nament- 
lich auch von Pander für seine Arbeiten ausgebeutet worden 
sind. Als wir uns weiter von der Stadt entfernten, verlor die 
Gegend mehr und mehr das fruchtbare und sorgfältig bebaute 
Ansehen , welches die näheren Umgebungen des ringsum von 
reichen adligen Gütern umgebenen Dorpat auszeichnet. Das 
Land wird zu einem wenig fruchtbaren und dünnbevölkerten 
Flachland, über dessen Boden eine sandige Decke von Diluvium 
sich gleichmässig verbreitet. Ueberall sah man die mit grauen 
Tuchröcken bekleideten blondharigen Ehstnischen Bauern beschäf- 
tigt mit ihren kleinen einspännigen Wagen den Roggen einzu- 
fahren, und die Frauen in weissen Hemdärmeln und mit dem 
eigentümlichen, halbkugelig gewölbten, grossen silbernen Schilde 
auf der Mitte der Brust leisteten bei dem Aufladen Beihülfe. 
Viel weniger vortheilhaft als das äussere Ansehen der Leute 
selbst ist das Ansehen ihrer Wohnungen. Ein Ehstnisches Dorf 
in Livland und Ehstland ist ein unregelmässiger Haufen schwar- 
zer niedriger strohgedeckter Blockhäuser von eben so düsterem 
als armseligen Eindruck und noch elenderer Beschaffenheit der 
inneren Einrichtung. Erst spät Abends erreichten wir das Ziel 
unserer ersten Tagereise. Wir stiegen in dem Pastorate Talkhof 
ab. Da ausser den meistens unreinlichen und jeder Bequemlich- 
keit baaren Dorfkrügen auf dem Lande in Livland und Ehstland 
Wirthshäuser nicht vorhanden sind, so ist der gebildete Reisende 
unbedingt genöthigt, die Gastfreundschaft der Gutsbesitzer und 
Pfarrer in Anspruch zu nehmen. Diese wird denn auch in dem 
grössten Umfange und mit der grössten Freundlichkeit geübt. 
Wir wenigstens haben auf unserer ganzen Reise allen Grund 
gehabt, dieselbe dankbar zu rühmen. 

Das Pastorat war ein grosses stattliches und ein mit den 
Bequemlichkeiten des Lebens wohl versehenes Gebäude. Wie 
in Schweden und Norwegen sind die Pfarrer in den russischen 
Ostsee-Provinzen im Ganzen sehr gut gestellt, und erfreuen sich 
durchschnittlich einer bedeutend günstigeren äusseren Lage als 
ihre Amtsbrüder in Deutschland. Die Einkünfte der Pfarrer be- 
stehen in dem Ertrage eines zu dem Pastorate gehörenden, 100 
Morgen oder noch mehr betragenden grösseren Stückes Land, 



193 



welches von dem Pfarrer entweder selbst bewirtschaftet oder 
noch häufiger verpachtet wird. Der noch jugendliche Pfarrer, 
der uns auf das Freundlichste aufnahm, theilte uns mit, dass zu 
seinem Pastorate acht Güter gehören. Ganz Livland und Ehst- 
land, zusammen über 1,100 Quadrat-Meilen gross, ist nämlich 
abgesehen von dem unbedeutenden Besitze der wenigen Städte 
in Gutsbezirke getheilt, deren Zahl der Quadrat-Meilen-Zahl des 
Landes etwa gleichkommen mag, da Güter mit einem Areal von 
ein oder mehreren Quadrat-Meilen ganz gewöhnlich sind. Die 
Besitzer der Güter sind Deutsche und müssen der Ritterschaft 
der betreffenden Provinzen angehören. Die Bauern sind Ehsten, 
und damit der ausserordentlich überwiegende Theil der Bevölke- 
rung, da ausser dem Adel nur noch die Bevölkerung der weni- 
gen Städte wie Riga, Reval u. s. w. aus Deutschen besteht. Es 
ist klar, dass bei solcher numerischen Schwäche des deutschen 
Elementes in den Ostsee-Provinzen, der Widerstand desselben durch 
das von allen Seiten energisch andringende Russenthum mit der Zeit 
überwältigt werden muss. Hätte der Adel des Landes verstanden 
seine ehstnischen Bauern zu germanisiren , wie dieses im Laufe der 
Jahrhunderte bei ernstem Willen gewiss möglich gewesen wäre, 
so würde jetzt das Land eine compacte Masse gleichartiger Be- 
völkerung darstellen, von welcher eine erfolgreiche Vertheidigung 
des deutschen Wesens mit Wahrscheinlichkeit zu hoffen wäre. 
Hat aber, wie man behauptet, der deutsche Adel des Landes die 
Germanisirung der ehstnischen Bevölkerung absichtlich unter- 
lassen, weil er fürchtete mit dem Deutschthume dem unterwor- 
fenen Volksstamme ein Bildungselement zuzuführen, welches des- 
sen Selbstgefühl heben und damit seine Beherrschung erschweren 
könnte, so hat er einen groben politischen Fehler begangen, den 
er wahrscheinlich mit dem Verluste seines eigenen deutschen 
Wesens durch den Untergang im Russenthum wird büssen müssen. 

Das Pastorat Talkhof liegt gerade auf der Grenze der de- 
vonischen und silurischen Sehichtenreihe. Der Brunnen auf dem 
Hofe des Pastorates steht in rothen, denen des Keupers gleichen- 
den devonischen Mergeln, und eine Viertel-Meile weiter nördlich 
bei dem Dorfe Törwe sind schon graue flachgelagerte silurische 
Kalksteinschichten mit Pentamerus Esthonus und Korallen (Ca- 
lamoporen, Streptelasma Europaeum u. s. w.), in einer Anzahl 
von kleinen Steinbrüchen, welche das Material für mehrere Kalk- 
öfen liefern, aufgeschlossen. Die Schichten sind trotz ihrer un- 

Zeits. d. d. geol. Ges. XIII. 1, 13 



194 



mittelbaren Verbindung mit den devonischen keines weges das 
jüngste in den Ostsee-Provinzen überhaupt entwickelte Glied der 
eilurischen Gruppe, sondern sie gehören der Zone 6 von Fkied. 
Schmidt an, über welcher noch die Zonen ? und 8, welche Ge- 
steine der Insel Oesel vom Alter der Schichten auf Gotland 
begreifen , folgen. Bei dieser Gelegenheit mag gleich eine Be- 
merkung über die geognostische Literatur der Ostsee-Provinzen 
hier ihren Platz finden. Während Eichwald durch die Be- 
schreibung zahlreicher Fossilien aus den silurischen Schichten 
Ehstland's sich um die erste Erforschung des Landes in paläon- 
tologischer Beziehung Verdienste erworben hatte und auch 
manche ältere geognostische Arbeiten bereits vorlagen, so ist doch 
eine tiefer greifende Erkenntniss von der Gliederung der in 
Ehstland und Livland entwickelten älteren Gesteine erst in dem 
grossen Werke von Murchison, E. de Verneuil und Keyser- 
ling*), welches alles bis dahin Bekannte mit den eigenen Beob- 
achtungen der Verfasser zu einem einzigen Bilde zusammenfassend 
überhaupt eine so musterhafte Darstellung von dem geognosti- 
schen Bau eines grossen Landes giebt, die wirkliche Gliederung 
in. allgemeinen Zügen richtig angegeben worden. Es wurden 
namentlich die unter- silurischen Schichten Ehstland's von den 
ober-silurischen auf der Insel Oesel zuerst unterschieden, und 
eine Zone Pentamerus- führender Kalkschichten, welche zuvor 
durch den südlichen Theil von Ehstland zieht, als die Grenze 
zwischen ober- und unter-silurischer Abtheilung richtig erkannt. 
Allein immerhin waren es doch nur die allgemeinen Grundzüge 
für die Eintheilung der älteren Gesteine der Ostsee -Provinzen, 
welche in der „Geology of Russia" gegeben wurden. Die wei- 
tere Ausarbeitung der Gliederung, die Ermittelung der beson- 
deren geognostischen Niveaus innerhalb jeder der Hauptabthei- 
lungen, konnte nur durch eine Detail-Untersuchung des Landes 
gewonnen werden. Eine solche ist nun mit grossem Scharfblick 
und glücklicher Combination durch Fried. Schmidt in Dorpat 
ausgeführt worden. Seine „Untersuchungen über die silurische 
Formation von Ehstland, Nord-Livland und Oesel" **) weisen 12 



.*) The geology of Russia in Europa and the Ural Mountains. Lon- 
don 1845. 

**) Aus dem Archiv für die Naturkunde Liv-, Ehst- und Kurland's, 

erstei* Serie, Bd. II, besonders abgedruckt. Dorpat 185S. 



195 



paläontologisch wohl bezeichnete Stockwerke oder Zonen, wie er 
sie nennt, in der silurischen Schichtenreihe Ehstland's nach und 
lehren auch deren Verbreitung an der Oberfläche durch eine 
Uebersichtskarte kennen. Erst durch diese Arbeit ist die Mög- 
lichkeit gewährt worden, die Gliederung der silurischen Schich- 
ten in den Ostsee-Provinzen mit derjenigen in Skandinavien und 
in England näher zu 'vergleichen und das Eigentümliche der- 
selben zu ermitteln. Eine weitere Quelle der Belehrung für die 
geognostische Kenntniss der Ostsee-Provinzen verspricht ein von 
Grewingk herauszugebendes Werk „Geologie von Liv- und 
Kurland" zu werden , für welche der Verfasser durch eine viel- 
jährige Bereisung dieser Provinzen das Material gesammelt hat. 
Eine das Werk begleitende, bereits im Druck ausgeführte geo- 
gnostische Uebersichtskarte im Maassstabe von 1:1,200,000, von 
welcher ich ein Probeblatt durch die Güte des Autors bereits 
habe benutzen können, wird ein viel vollkommeneres Bild von der 
Verbreitung der verschiedenen Gesteine in den Ostsee-Provinzen 
geben, als wir bisher besitzen. Besonders die devonischen Ab- 
lagerungen werden in dieser Schrift sehr eingehend behandelt 
werden. 

Der nächste Punkt, dem wir von Talkhof aus uns zuwen- 
deten, war das Gut Laisholm an der Pedja. Eine Fahrt von 
einem halben Tage führte uns dahin. So hat man Geognosie 
in diesem Lande zu treiben. Halbe und ganze Tagereisen weit 
liegen die vereinzelten Aufschlusspunkte festen Gesteins von ein- 
ander getrennt. Zwischen ihnen herrscht in grösster Einförmig- 
keit das Diluvium — grauer Quarzsand, kalkige Kiesablagerun- 
gen und erratische Blöcke. Die Aufschlusspunkte bestehen ge- 
wöhnlich in flachen Steinbrüchen, in denen Kalkstein zum Bren- 
nen gebrochen wird, oder es sind natürliche Durchschnitte an 
den Flussufern. So ist es auch bei Laisholm. 

Etwa drei Werst nordwestlich von dem Gute sind in meh- 
reren kleinen Steinbrüchen graue Kalksteinschichten aufgeschlos- 
sen, welche aber als ziemlich arm an deutlich erhaltenen orga- 
nischen Resten nur ein geringes Interesse in Anspruch nehmen. 
Sie gehören zu Fried. Schmidt's Zone 5 d. i. zu der Schich- 
tenfolge, welche das durch P entamerus borealis bezeich- 
nete Niveau von den Schichten mit P entamerus Ehstonus 
trennt. Natürlich sind sie damit zugleich für ober-silurisch er- 

13* 



196 



klärt, denn mit dem Reichthum an Pentameren kündigt sich ja 
gerade der Anfang der oberen Abtheilung der silurischen Gruppe 
übereinstimmend in England, Skandinavien und Russland an. 

Den ganzen folgenden Tag , während dessen wir unsere 
Reise in nordwestlicher Richtung fortsetzten, bekamen wir kaum 
anstehendes Gestein zu Gesicht. Nur auf dem Gute Piep tra- 
fen wir einen flachen Steinbruch, in welchem versteinerungsarme, 
ebenfalls noch zu Fried. Schmidt's Zone 5 gehörende graue 
Kalksteinbänke gebrochen waren. Auf demselben Gute zog ein 
schmaler, steil abfallender und gerade fortstreichender Kiesrücken 
von 30 bis 40 Fuss Höhe unsere Aufmerksamkeit auf sieb. Der- 
selbe war fast ausschliesslich ein Haufwerk von gerundeten Ge- 
schieben der verschiedenen in Ehstland anstehenden silurischen 
Kalkschichten, während Rollstücke nordischer Eruptiv-Gesteine 
verhältnissmässig selten vorkommen. Diese diluvialen Kiesrücken, 
deren wir später noch mehrere auf unserer Reise antrafen, erin- » 

o 

nern an die Schwedischen Asar. In Deutschland ist dagegen 
kaum etwas Aehnliches bekannt. Das Gut Piep ist Eigenthum 
der Familie v. Baer. Hier ist auch der ausgezeichnete verglei- 
chende Anatom und Zoolog K. E. v. Baer, der unter den Na- 
turforschern Russlands jetzt wohl unbedingt die angesehenste 
Stelle einnimmt, im Jahre 1792 geboren. Ueberhaupt hat ja der 
deutsche Adel der Ostsee-Provinzen dem Russischen Reiche und 
der Wissenschaft eine ganze Reihe trefflicher Naturforscher ge- 
liefert. Leider werden viele derselben, durch Familien-Rücksich- 
ten gezwungen oder noch öfter, weil es ihnen misslingt in der 
Hauptstadt eine ihren wissenschaftlichen Verdiensten entsprechende 
äussere Stellung zu gewinnen, der ausschliesslichen wissenschaft- 
lichen Thätigkeit untreu und ziehen sich vorzeitig in die Ruhe 
des Landlebens ihrer heimathlichen Provinz zurück. So lebt 
Graf Alexander von Keyserling, der geistvolle und gründ- 
liche Zoolog und Paläontolog, der namentlich durch seine an 
wichtigen wissenschaftlichen Ergebnissen so reichen Reise in das 
Petschora-Land und als Mitarbeiter von Murchison und E. de 
Verneuil an dem grossen Werke über die Geologie Russlands 
bekannt ist, schon seit mehreren Jahren auf einer Besitzung im 
westlichen Ehstland. Ebenso hat sich Herr A. Th. von Mid- 
dendorff, der kühne und glückliche Reisende in den unnah- 
barsten Eiswüsten des arktischen Sibiriens, auf sein Gut bei 
Dorpat zurückgezogen. Noch neuerlichst hat auch Herr 



197 



M. VON Gruenewaldt, der durch mehrere gründliche paläon- 
tologische Arbeiten, namentlich auch über die silurische Fauna 
des nördlichen Ural bekannt ist, und von dem ein erfolgreicher 
weiterer Anbau der Wissenschaft mit Recht erwartet werden 
durfte, Petersburg verlassen und sich einem anderen Berufe zu- 
gewendet. Wenn ein regeres wissenschaftliches Leben, wie es 
sich nur beim Zusammenleben einer grösseren Zahl von wissen- 
schaftlichen Männern entwickelt, der glänzenden Hauptstadt des 
russischen Reiches in Zukunft nicht fehlen soll und wenn na- 
mentlich die Naturwissenschaften, deren Bedeutung für ein wenig 
entwickeltes Land wie Russland ganz besonders augenfällig ist, 
zu der wünschenswerthen Blüthe gelangen sollen, so wird die 
Regierung mehr als bisher darauf denken müssen, solche ausge- 
zeichnete Gelehrte wie die genannten durch angemessene Stel- 
lungen an die Hauptstadt zu fesseln und der ausschliesslichen 
Beschäftigung mit der Wissenschaft zu erhalten. 

Nachdem wir die Nacht auf dem Gute Kappo zugebracht 
hatten, führte uns die folgende Tagereise schon zu interessanteren 
Aufschlüssen als den bisherigen. Zuerst besuchten wir die bei 
dem Dorfe Wahhoküll gelegenen Kalksteinbrüche, in welchen die 
Schichten der Zone 5 (Zwischenzone) von Fried. Schmidt auf- 
geschlossen sind und fanden einige der bezeichnenden Verstei- 
nerungen, namentlich auch den dem norwegischen Diplograpsus 
teretiusculus nahe stehenden Diplograpsus ehstonus Fried. 
Schmidt, der hier, was bei den Graptolithen im Ganzen so sel- 
ten , im reinen Kalkstein eingeschlossen vorkommt und deshalb 
auch ohne alle Zusammendrückung mit der natürlichen Wölbung 
des Körpers sich erhalten zeigt. Bald nachher traten wir in 
die durch Pentamerus borealis bezeichnete Schichtenfolge 
(Fried. Sghmidt's Zone 4) ein. Das ist das am leichtesten 
wieder zu erkennende Niveau der ganzen Reihenfolge silurischer 
Gesteine in Ehstland. Mächtige Kalksteinbänke, welche fast 
ausschliesslich aus den zusammengehäuften Schalen von Penta- 
merus borealis Eichw., einer kaum zollgrossen glatten dickscha- 
ligen und plumpen Art der Gattung, bestehen! Es sind wahre 
silurische Muschelbänke, welche zugleich in ausgezeichneter Weise 
die Ueppigkeit und Fülle des Brachiopoden-Lebens während der 
paläozoischen Epoche im Gegensatze zu der Sparsamkeit und 
Dürftigkeit der jetzt lebenden Formen erläutern. Bemerkens- 
werth ist bei dieser dichten Zusammenhäufung, dass fast immer 



198 



die beiden Klappen der Schale getrennt gefunden werden und 
vollständige Exemplare zu den grössten Seltenheiten gehören, 
während sonst Pentamerus galeatus und andere Arten der Gat- 
tung durchgängig mit den vereinigten Klappen vorkommen.*) 
Das lässt darauf schliessen, dass die Schalen nach dem Abster- 
ben des Thieres auf dem Meeresboden mehr als gewöhnlich um- 
hergerollt wurden und darauf weiset in der That auch die ab- 
geriebene Oberfläche der Klappen hin. Uebrigens bestehen diese 
Muschelbänke keinesweges immer aus reinem kohlensauren Kalk, 
sondern häufig werden sie dolomitisch und dann sind die Penta- 
meren nur in der Form von Steinkernen erhalten. Wir sahen 
diese Borealis-Bank, deren Mächtigkeit übrigens nicht über 15 
bis 20 Fuss betragen soll, am schönsten auf dem Gute Warrang. 
Die niedrigen Mauern, welche die Felder umgeben, sind hier 
überall aus Stücken des Kalkes aufgeführt und in flachen Stein- 
brüchen fanden wir auch das anstehende Gestein aufgeschlossen. 
Von anderen Versteinerungen ausser dem F. borealis sahen wir 
nur wenig bezeichnende Korallen von grösserer vertikaler Ver- 
breitung. Nach Fried. Schmidt lässt sich diese Borealis-Bank 
quer durch ganz Ehstland bis zur Meeresküste bei Hapsal ver- 
folgen. Das ist fürwahr eine ausgezeichnete durch das Land ge- 
zogene Grenzlinie für die Scheidung der oberen Abtheilung der 
silurischen Schichtenreihe von der unteren. Bruchstücke dieser 
Borealis-Bank sind als Diluvial- Geschiebe übrigens über ganz 
Ehstland und Livland verbreitet. In allen Kiesgruben trifft man 
dergleichen an. Bemerkenswerther ist, dass sie auch unter den 
Diluvial-Geschieben der norddeutschen Ebene vorkommen. Ich 
kenne solche Stücke und zwar meistens von plattenförmiger Ge- 
stalt eben so wohl aus den Kiesgruben von Trebnitz unweit 
Breslau und von Meseritz in der Provinz Posen als aus der 
bekannten Ablagerung nordischer Diluvial-Geschiebe bei Gronin- 
gen in Holland. Das Gestein ist so unverkennbar, dass niemals 
ein Zweifel in Betreff seiner Bestimmung entstehen kann. Es 
stimmt vollständig mit demjenigen der anstehenden Bänke in Ehst- 
land überein. Aus Schweden, Norwegen oder England ist nichts 
Aehnliches bekannt. Deshalb ist das Ursprungsgebiet dieser 



*) Nur Pentamerus conc hidium Buongniart (Gypidia conchi- 
dium Dalman) kommt in den silurischen Schichten von Klinteberg auf 
der Insel Gotland auch meistens in einzelnen getrennten Klappen vor. 



199 



Geschiebe auch nur in Ehstland zu suchen Sie gehören also 
zu denjenigen Diluvial-Geschieben , deren Herkunft sich mit Be- 
stimmtheit angeben lässt. Unser nächstes Nachtquartier nahmen 
wir auf dem mit schönen Gärten und Parkanlagen umgebenen 
Gute Borkholm. Wir wurden hier, obgleich der Eigenthümer 
des Gutes, Herr von Essen, Gouverneur von Livland, abwesend 
war, von einer Verwandten desselben auf das Gastfreundlichste 
aufgenommen. 

Nach dem Gute Borkholm hat Fried. Schmidt seine Zone 3 
(Borkholm'sche Schicht) benannt, mit welcher die untere 
Abtheilung der silurischen Gruppe beginnt. Wir besuchten zu- 
erst einen nur etwa 10 Minuten in südwestlicher Richtung von 
dem Gute entfernten, im Walde gelegenen Steinbruch, in welchem 
ein gelblich grauer dolomitischer Kalkstein gebrochen und zu 
Werkstücken verarbeitet wird. Wir beobachteten hier nur we- 
nige von den durch Fried. Schmidt als bezeichnend für seine 
Borkholm'sche Schicht angeführten Arten, wie Lichas margari- 
Ufer, Proetus ramisulcatus, Leperditia brachynotha, dagegen 
in grosser Häufigkeit Korallenarten und Bryozoen von grösse- 
rer vertikaler Verbreitung, wie Streptelasma Europaeum, Diplo- 
phyllum fasciculus , Stromutopora mammillata*) und Cosci- 
niurn proavum. Eine andere Reihe von Steinbrüchen liegt nur 
etwa einen Büchsenschuss weit nordwestlich von dem Gute. 
Hier fanden wir ausser den genannten Fossilen auch Orthisina 
anomala und Spirifer lynx. Endlich besuchten wir auch noch 
einen zwei Werst nördlich von dem Gute am Abhänge eines 
flachen Wiesenthals gelegenen Steinbruch. Die häufigsten Arten 
waren hier Leptaena sericea, Lituites antiquissimus , Phrag- 
moceras sphinx, Orthisina anomala und Syringopora Organum. 
Das sind sämmtliche Arten, welche schon für das nächste tiefere 
Niveau der ScHMiDT'schen Eintheilung, für die „Lyckholm'sche 
Schicht" bezeichnend sind und offenbar gehören die Schichten 
des Steinbruches schon dieser an, obgleich Fried. Schmidt so 
weit östlich in Ehstland die Lyckholm'sche Schicht nicht mehr 
unterscheidet. 

*) Von dieser Art Fried. Scbmidt's, deren specifische Selbstständig- 
keit noch weiterer Begründung bedarf, kommen kopfgrosse in concentri- 
schen Schalen sich ablösende Massen vor, welche in einen schneeweissen 
zuckerartigen Kalk versteinert die feinere Struktur des Innern deutlicher 
zeigen, als Stromatoporen von irgend einer andern Lokalität. 



200 



Von Borkholm fuhren wir in drei bis vier Stunden nach 
Wesenberg, einer der wenigen kleinen Städte oder Flecken im 
Innern von Ehstland. Der kaum 5000 Einwohner zählende Ort 
liegt ganz anmuthig am Fusse eines eigentümlichen , schmalen 
und steil abfallenden, sehr geradlinig von Süden nach Norden 
streichenden, diluvialen Kiesrückens von 50 bis 60 Fuss Höhe. 
Eine malerische alte Schlossruine auf dem höchsten Punkte des 
Rückens überragt die Stadt und blickt weit hinaus in das flache, 
aber fruchtbare und mit reichen Gütern besetzte Land. Die Lage 
der Stadt am Fusse des Hügelzuges, der sich über das sonst 
ebene Land erhebt, rief mir diejenige von Bentheim in Westpha- 
len in's Gedächtniss. Wesenberg ist übrigens eine der paläon- 
tologisch interessantesten Lokalitäten im Innern von Ehstland. 
Zwei Werst östlich von der Stadt liegen in einer ebenen Fläche 
mehrere 10 bis 12 Fuss tiefe Steinbrüche, in welchen wagerecht 
liegende plattenförmige Kalksteinschichten gebrochen werden. Der 
Kalkstein ist gelblich grau oder auch blaugrau und zum Theil so 
dicht und compact, wie der lithographische Stein von Pappen- 
heim und Solenhofen. Er umschliesst Zoll-grosse bis Faust-grosse, 
zum Theil mit gelben Letten ausgefüllte, unregelmässige Höhlun- 
gen und diese sind mit zahlreichen Versteinerungen in vortreff- 
licher Erhaltung ausgekleidet, welche zum Theil ganz frei in die 
Hohlräume hineinragen. Ausserdem sind auch die Schichtflächen 
der dünneren Kalksteinschichten zum Theil mit Versteinerungen 
bedeckt. Die gewöhnlichsten Arten sind : Cladopora aedilis 
Eichwald (LetAaea Boss. I, p. 404. Tab. 24, Fig. 12. 13.), 
kleine, 1 bis tj Linien dicke, gegabelte und verästelte walzen- 
runde Stämmchen bildend, Monticulipora Petropolitana (1 bis 
i\ Zoll grosse halbkugelige Massen!), Leptaena sericea (unter 
den Brachiopoden bei weitem die häufigste Art und oft dicht ge- 
drängt auf den Schichtflächen liegend), Strophomena deltoidea 
Conrad, Ort Ais testudinaria , Ort Aisina Verneuilü, C Aasmops 
conicopAt Aalmus , LicAas angusta *) und Encrinurus multiseg- 



*) Die Art ist identisch mit Lichas Eichwaldi Nieszkowsky, wie ich 
früher (Foss. Fauna der Silur. Diluv Gesch. von Sadewitz, p. 76.) schon 
vermuthete, jetzt aher bestimmt behaupten kann. Eichwald (Leth. Ross. 
I, p. 1383) glaubt zwar Unterschiede der Lichas angusta Beyr. von der 
Wesenberg'schen Art festhalten zu können, allein die Vergleichung der 
Wesenberg'schen Exemplare mit Beyrich's Original-Exemplar von Sade- 
witz lässt eine Verschiedenheit nicht erkennen. 



201 



mentatus. Zu den minder häufig vorkommenden Arten gehören : 
Gomphoceras conulus Eichwald {Leth. Itoss. /, p. 1264. Tab. 
48, Fig. 11), Orthoceras duplex, Murchisonia insignis*), Euom- 
phalus gualter latus, Modiolopsis sp., Ort Ms lynx, Ort Ms as- 
cendens, OrtMs Asmusi, Crania sp. (glatte flach gewölbte Art, 
nicht selten auf Modiolopsis sp. aufgewachsen!), Porambonites 
gigas Fried. Schmidt, Orbipora distincta Eichwald, Chaetetes 
sp. (kleine verästelte Stämmchen bildend!) und Streptelasma 
Europaeum m. Die Fauna in ihrer Gesammtheit weiset noch 
mit Entschiedenheit auf eine Zugehörigkeit der Schichten zu der 
unteren Abtheilung der silurischen Gruppe hin, wenn auch schon 
einige obersilurische Typen hervortreten. Bei einer Vergleichung 
der Wesenberger Fauna mit derjenigen der Sadewitzer Geschiebe, 
wie ich sie in meiner Jubiläums-Schrift**) beschrieben habe, er- 
giebt sich eine grosse Uebereinstimmung. Gerade einige der ge- 
wöhnlichsten Arten sind gemeinsam, wie Leptaena sericea, Chas- 
mops conicophthalmus und Encrinurus multisegmentatus. Auch 
die Gesteinsbeschaffenheit ist zum Theil auffallend übereinstim- 
mend und ich habe Handstücke bei Wesenberg geschlagen, wel- 
che Chasmops conicopMhalmus, Encrinurus multisegmentatus, 
Streptelasma Europaeum gleichzeitig enthaltend neben solche 
des Sadewitzer Gesteines gelegt wohl zu Verwechselung Ver- 
anlassung geben könnten. Dennoch sind im westlichen Ehstland 
Schichten vorhanden , deren fossile Fauna mit der Sadewitzer 
Fauna noch vollständiger stimmt. Das sind die Schichten, wel- 
che Fried. Schmidt als Lyckholm'sche Schicht (2, a) 
bezeichnet und welche zwischen der Wesenberg'schen und Bork- 
holm'schen ihre Stelle hat. Namentlich mehrere der gewöhn- 
lichsten Brachiopoden , Cephalopoden und Gastropoden, wie Or- 
tMs solaris, OrtMs Osivaldi, Lituites aniiquissimus, Holopea 
ampullacea u. s. w., welche bei Wesenberg fehlen, sind hier mit 
der Sadewitzer Fauna gemeinsam. Im östlichen Ehstland hat 
sich die Lyckholm'sche Schicht im Allgemeinen nicht als geschie- 



*) Murchisonia bellicincta Hall bei Fried. Schmidt; Pleurotomaria 
insignis Eichwald (Leth. Ross. I, pag. 1165 Tab. 39 Fig. I). Selten mit 
erhaltener Schale, gewöhnlich nur als Steinkern. 

**) Die fossile Fauna der silurischen Diluvial-Geschiebe von Sade- 
witz bei Oels in Niederschlesien. Eine paläontologische Monographie von 
Dr. Ferd. Roemer mit 6 lithograph. und 2 Kupfer-Tafeln. Breslau 1861. 
(In Commission bei Weigel in Leipzig.) 



202 



den von der Wesenberg'schen erkennen lassen. Unter allen Um- 
ständen ist es gewiss, dass das Gestein der silurischen Diluvial- 
Geschiebe von Sadewitz bei Oels in dasjenige Niveau der Ehst- 
ländischen Schichtenfolge gehört, welches Fried. Schmidt als 
Lyekholm'sche Schicht bezeichnet, und welches entweder deutlich 
getrennt wie im westlichen Ehstland, oder mehr mit der Wesen- 
berg'schen Schicht verschmolzen, wie im östlichen Theile des 
Landes sein kann. Auch die Herkunft der fraglichen Geschiebe 
ist damit entschieden. Denn da in keiner anderen Gegend Euro- 
pas silurische Gesteine von gleich grosser Uebereinstimmung an- 
stehend gekannt sind , so wird man gewiss den Ursprung der 
fraglichen Geschiebe auf Ehstland zurückführen müssen. Dazu 
wird man um so mehr berechtigt sein, als unter den Diluvial- 
Geschieben der norddeutschen Tiefebene auch andere ehstländi- 
sche und liviändische Gesteine mit Sicherheit sich nachweisen 
lassen, wie namentlich das unverkennbare Gestein mit Pentame- 
rus borealis (Fried. Schmidt's „Borealis-Bank") und die devoni- 
schen rothen Mergel und Sandsteine mit Spirifer Ärchiaci. 

In Wesenberg trennte sich zu unserem lebhaften Bedauern 
unser liebenswürdiger und landeskundiger Begleiter oder vielmehr 
Führer, Herr Professor Dr. Gkewingk, von uns. Seine amtli- 
chen Geschäfte Hessen eine längere Abwesenheit von Dorpat nicht 
zu und er eilte dahin zurück. Wir selbst verliessen Wesenberg 
erst am folgenden Tage und setzten unsere Reise nordwärts fort, 
um an der Seeküste nun auch noch die untersten Glieder der 
silurischen Schichtenreihe in Ehstland kennen zu lernen. Auf 
dem Gute Kook in der Nähe der Seeküste fanden wir bei dem 
Besitzer Baron v. Schilling, einem ehemaligen Reiteroffizier, der 
unter Tettenborn an den Kriegen in Deutschland Theil genom- 
men hatte, die gastlichste Aufnahme. Wir besuchten von hier das 
keine ~ Stunde entfernte Meeresufer bei dem Gute Asserien. Der 
Anblick ist überraschend und schön zugleich. Ueber eine ganz ebene, 
durch fruchtbare Getreidefelder gebildete Fläche gegen Norden 
fortschreitend steht man plötzlich an einem 80 Fuss hohen senk- 
rechten Abstürze. Am Fusse desselben zieht sich ein schmaler 
kaum 100 Schritt breiter Streifen von üppig grünenden Laub- 
holzbäumen entlang und darüber hinaus breitet sich unabsehbar 
die blaue Fläche des finnischen Meerbusens aus. Der senkrechte 
Absturz selbst wird durch das Ausgehende der ganz flach abge- 
lagerten tiefsten Glieder der silurischen Schichtenreihe gebildet. 



203 



Fast an der ganzen Nordküste von Ehstland , von Baltischport 
bis Reval fällt das Land in ähnlicher Weise mit senkrechtem, 
durch die untersten silurischen Schichten gebildeten Absturz ge- 
gen den Meeresspiegel hin ab. Der mauerartige Absturz selbst 
heisst in dem Lande der Glint. Seine Höhe ist wechselnd. 
Oft nur 15 bis 20 Fuss hoch erreicht er dagegen in anderen 
Punkten eine Höhe von mehreren hundert Fuss. Die grösste 
Höhe erreicht er mit 206 Fuss bei Ontika, 8 Meilen westlich 
von Narwa. Nicht immer fällt der Glint unmittelbar in das 
Meer ab, sondern zuweilen breitet sich zwischen seinem Fusse 
und dem Meere noch ein mehr oder minder breiter Streifen nie- 
drigen Landes aus. Die Aufeinanderfolge der verschiedenen 
silurischen Schichten, welche den Glint an der Nordküste von 
Ehstland zusammensetzen, ist so klar und regelmässig, dass man 
sie seit langer Zeit kennt und namentlich nicht etwa erst durch 
die von Mürchison für England aufgestellte Gliederung des si- 
lurischen Gebirges zu deren Erkennung geführt wurde. Das 
unterste Glied ist überall der Blaue Thon d. i. eine Ablage- 
rung von plastischem blaugrauen Thon, dessen Mächtigkeit jeden- 
falls sehr bedeutend ist, da man sein Liegendes mit mehreren 
hundert Fuss tiefen Bohrlöchern weder bei Reval noch bei Pe- 
tersburg erreichte. Das äussere Ansehen des Thons gleicht so 
ganz demjenigen von Thonen des jüngeren Flötzgebirges oder der 
Tertiär-Formation, dass ohne die Auflagerung der folgenden 
Schichten mit deutlichen silurischen Organismen Niemand daran 
denken würde ihm ein so hohes Alter und überhaupt eine Stelle 
in der silurischen Gruppe anzuweisen, deren thonige Gesteine 
sonst in der Form fester Thonschiefer oder Dachschiefer erschei- 
nen. Gewiss hängt dieses Verhalten des Thons, welcher un- 
gleich den älteren Schichten anderer Gegenden trotz des langen 
seit seiner Ablagerung verflossenen Zeitraums sich anscheinend 
durchaus die Beschaffenheit des ursprünglichen Sedimentes erhal- 
ten hat, mit dem Umstände zusammen, dass die Gegend, in wel- 
cher die Ablagerung des Thons erfolgte, eben so wenig wie das 
europäische Russland überhaupt seit dem Niederschlage der silu- 
rischen Schichten von einer die Lage der Schichten wesentlich 
verändernden Hebung betroffen wurde und deshalb der Thon 
auch nicht die Einwirkungen des Druckes erfuhr, der bei der 
Hebung von Gebirgsketten die Aufrichtung und Faltung der 
Schichten nothwendig begleiten muss. Früher galt dieser „blaue 



204 



Thon" für ganz versteinerungslos. Neuerlichst hat aber Pan der 
räthselhafte kugelige kleine Körper von augenscheinlich organi- 
schem Ursprung darin entdeckt und auch papierdünne hornartige 
und biegsame Blätter aus zusammengedrückten Algen bestehend 
kommen vor. 

Das nächste Glied über dem „blauen Thon" ist der Un- 
guliten-Sandstein d. i. eine bis 130 Fuss mächtige Schich- 
tenfolge von lockerem Sandstein oder Sand, in welcher einzelne 
Lagen ganz erfüllt sind mit den hornartig glänzenden dunkel- 
braunen kreisrunden Schalen von Obolus Apollinis. Dann folgt 
der Alaunschiefer, eine nur 3 bis 10 Fuss mächtige Lage 
von schwefelkiesreichem bituminösen Schieferthon, dessen Gleich- 
stehen mit dem Alaunschiefer Schwedens und Norwegens zwar 
nicht durch die Olenus- und Agnostus-Arten nachweisbar ist, 
die bisher nicht erkannt wurden, wohl aber aus der Gleichheit 
der Lagerungsverhältnisse und der Gemeinsamkeit von Diclyo- 
nema ßabelliforme sich ergiebt. Dann der Grünsand, ein 
thoniger Sand mit Glauconit-Körnern , meistens nur wenige Fuss 
mächtig oder selbst bis zu wenigen Zoll Dicke zusammen- 
schrumpfend, aber durch Pander's Entdeckungen paläontologisch 
interessant geworden. Denn dieser Grünsand ist es, welcher die 
räthselhaften, einfach hakenförmig gekrümmten oder kammförmig 
gezähnten kleinen Körper vorzugsweise enthält, welche Pander*) 
unter Benennung Conodonten als Fischzähne beschrieben und ab- 
gebildet hat. Der chloritische Kalk ist die nächste Schich- 
tenfolge, ein gegen 10 Fuss mächtiges Lager von Kalkstein mit 
Glaukonit-Körnern. Seine Versteinerungen sind der Mehrzahl 
nach mit solchen des aufliegenden Orthoceren -Kalks identisch. 
Dieser letztere endlich macht den Beschluss der den Glint zu- 
sammensetzenden Schichtenreihe. Es sind graue, bis 40 Fuss 
mächtige Kalksteinbänke, welche petrographisch wie paläontolo- 
gisch dem Orthoceren-Kalke der Insel Oeland und der Westgo- 
thischen Berge ganz gleich stehen. Es zeigt sich auch hier, 
dass von allen Gliedern der silurischen Schichtenreihe im nörd- 
lichen Europa dieses das in seinen Merkmalen beständigste ist. 
Orthoceras duplex, Orthoceras vaginatum, Asaphus expansus, 
lllaenus crassicauda und Echinophaerites aurantium sind hier 



*) Monographie der fossilen Fische des silurischen Systems des rus- 
sisch baltischen Gouvernements. St. Petersburg 1856. 



205 



wie überall in Schweden und Norwegen die bezeichnendsten 
Fossilien. Schon Schlotheim hat einzelne Arten des ehstlän- 
dischen Orthoceren-Kalkes, wie namentlich Euomphalus gualte- 
r tat us, Lituites convolvens u. s. w. nach Exemplaren, die ihm 
von Reval aus zugeschickt waren, beschrieben. 

Ganz so wie vorstehend die Reihenfolge der Schichten als 
für den ehstländischen Glint im Allgemeinen geltend angegeben 
wurde, fanden wir sie nun auch hier bei Asserien. Die untersten 
Glieder waren zwar meistens durch mächtige von oben herabge- 
stürzte Trümmermassen verdeckt, aber indem wir eine längere 
Strecke dem Meeresufer folgten, fanden wir doch einzelne Punkte? 
wo auch diese Glieder, wie namentlich der blaue Thon deutlich 
aufgeschlossen waren. 

Zwischen dem Orthoceren-Kalke und der Wesenberg'schen 
Schicht unterscheidet Fried. Schmidt noch zwei andere Glie- 
der, nämlich den B r a n d schi ef e r (i, a.) und die Jewe'sche 
Schicht (1, b.). Bei unbedeutender Mächtigkeit und bei der 
Identität eines grossen Theils der organischen Einschlüsse mit sol- 
chen der angrenzenden Schichten können diese Glieder eine gleiche 
Selbstständigkeit wie die übrigen Abtheilungen nicht beanspru- 
chen. Nur ungünstige Witterung verhinderte uns den Brand- 
schiefer, der bei Wannemois unweit Tolks zwischen Wesenberg 
und Kook aufgeschlossen ist, selbst zu untersuchen. Sonst 
waren uns von den durch Fried. Schmidt in Livland und 
Ehstland unterschiedenen Gliedern nur noch die u n t er e (Zone 7) 
und obere OesePsche Gruppe (Zone 8) d. i. die obersten 
silurischen Schichten der Insel Oesel noch nicht durch eigene 
Anschauung bekannt. Wir hatten anfangs auch einen Besuch 
der Insel Oesel beabsichtigt, aber der erst im Lande selbst ge- 
wonnene Maassstab für die Grösse der Entfernungen und die 
Schwierigkeit der Beförderung nöthigten uns nachher darauf zu ver- 
zichten. Uebrigens hatte mich die Vergleichung der in der Schmidt- 
schen Sammlung in Dorpat befindlichen Versteinerungen die- 
ser Schichten so sehr von deren vollständigen Uebereinstim- 
mung mit den entsprechenden Schichten auf der Insel Gotland 
überzeugt, dass das Bedürfniss sie ebenfalls in situ zu sehen mir 
nun ein viel geringeres schien. In den untersten Theil der obe- 
ren OesePschen Gruppe (Zone 8) gehören auch die dünnen Kalk- 
platten mit Eurypterus remzpes, dessen vollständige Beschreibung 
durch Nieszkowsky nach Exemplaren von der Insel Oesel einen 



206 



sehr -werth voller Beitrag zur Kenntniss der silurischen Crusta- 
ceen- Formen bildet. Bekanntlieh sind auch diese Eurypterus- 
Schichten durch Fr. Schmidt auf der Insel Gotland erkannt 
worden. 

Vergleicht, man die ganze Entwickelung der silurischen 
Schichten in Ehstland und Livland mit derjenigen in Schweden 
und Norwegen, so ergiebt sich Folgendes: Der Orthoceren-Kalk 
(Ft\. Schmid t's Zone 1.) steht dem Orthoceren-Kalke der Insel Oe- 
land, Ost- und West -Gotland's völlig gleich. Ebenso hat der 
Alaunschiefer des Ehstländischen Gebiets mit Dictyonema ßa- 
belliforme trotz viel geringerer Mächtigkeit in dem Alaunschiefer 
von Andrarum in Schonen und der Kinnekulle in West -Got- 
land sein vollständiges Aequivalent. In den tiefsten Gliedern 
ist dagegen die Uebereinstimmung geringer. In Schweden ist 
unter dem Alaunschiefer nur noch der Fucoiden-Sandstein vor- 
handen, während in Ehstland noch zwei petrographisch und pa- 
läontologisch scharf geschiedene Glieder, der Unguliten- Sandstein 
und der Blaue Thon, unter dem Alaunschiefer folgen. Ist nun 
der schwedische Fucoiden-Sandstein diesen beiden Gliedern verei- 
nigt oder nur einem und welchem gleichzustellen? Fb. Schmidt 
will nur den Unguliten-Sandstein mit dem Fucoiden-Sandstein 
parallelisiren und den Blauen Thon als ein Russland eigenthüm- 
liches, in Skandinavien nicht vorhandenes tiefstes Glied ansehen. 
Ich selbst bin mehr geneigt, den schwedischen Fucoiden-Sand- 
stein beiden Gliedern vereinigt gleichzustellen , da der Blaue 
Thon wohl unzweifelhaft ebenso wie der Fucoiden-Sandstein das 
krystallinische Urgebirge zur unmittelbaren Unterlage hat. An 
paläontologischen Beweismitteln fehlt es ebenso für die eine wie 
für die andere Annahme. 

Schwieriger wird es für die über dem Orthoceras - Kalke 
(Fr. Schmidt's Vaginaten-Kalk) zunächst folgenden Glieder die 
Aequivalente in Schweden und Norwegen nachzuweisen. Be- 
sonders werden die etwaigen Bildungen zu ermitteln sein, welche 
der Wesenbergschen, der Lyckholmschen und der Borkholmschen 
Schicht in Skandinavien gleichstehen, denn den Brandschiefer 
(1, a.) und die Jewe'sche Schicht (1, b.) dort wiederzufinden, ist 
bei der geringen Mächtigkeit und der nur unvollständigen pa- 
läontologischen Selbstständigkeit dieser Glieder kaum zu erwarten. 
In Schweden scheinen hierher gehörige Ablagerungen kaum be- 
kannt zu sein. Da Angelin's Regio V Asaphorum ~ D 



207 



der Orthoceras - Kalk , seine Regio VIII Cryptonymorum 
{Encrinurorujn) — E die Schichten der Insel Gotland , also 
auch Fr. Schmidt's untere und obere Oesel'sche Gruppe bo- 
greift, so sind die Aequivalente für die Wesenbergsche , Lyck- 
holmsche und Borkholmsche Schicht nur in Angelln's Regio VI 
Trinucleorum ~ D und Regio VII Harparum ~ DE zu suchen. 
Vergleicht man aber die paläontologischen Merkmale , welche 
Angelin als bezeichnend für diese Regionen oder Stockwerke 
angiebt, so ergiebt sich keine nähere Uebereinstimmung mit ir- 
gend einer der Ehstländischen Schichten. Eher scheinen in 
Norwegen solche Aequivalente vorhanden zu sein. Die verstei- 
nerungsreichen Kalkschichten der Halbinsel Herö bei Porsgrund 
im südlichen Norwegen *) enthalten eine Fauna, durch welche 
sich diese Schichten als wesentlich gleichalterig mit der Lyck- 
holmschen Schicht erweisen. Namentlich gehören Lituites an- 
tiquisssimus Eichw. {Lituites angulatus Saem.ann), Maclurea 
neritoides, Syringophylliimlorganum uud Streptelasma Euro- 
paeum zu denjenigen Arten, durch welche diese Gleichstellung 
begründet wird. Ebenso ist auch das Aequivalent von Fr. 
Schmidt's Gruppe der glatten Pentameren oder der Zone 
4, 5, 6 in Norwegen deutlicher als in Schweden erkennbar. Und 
auch bei Christiania beginnt die obere Abtheilung der silurischen 
Gruppe mit Schichten, welche reich sind an glatten Pentameren 
(Kjerulf's Etagen 5 a Kalksandstein, 5 ß untere Malmöschiefer 
und 6 Kalkstein oder kalkiger Schiefer mit Pentamerus ob- 
longus). 

Die nachstehende tabellarische Zusammenstellung lässt den 
Grad der Uebereinstimmung zwischen der Ehstländischen und 
Skandinavischen Entwickelung mit einem Blicke übersehen : 



*) Vergl. Frrd. Roemer: Bericht über eine geolog. Reise nach Nor- 
wegen im Sommer 1859 in dieser Zeitschrift Jahrg. 1859 S. 585. 



208 



Vergleichende Uebersicht der silurischen Schichten in Ehstland 
und Livland einerseits und in Skandinavien andererseits. 

Stockwerke in Ehstland und Liv- Aequivalente Stockwerke in Skan- 
land nach Fr. Schmidt. dinavien nach Angelin und 

Kjerulf. 

Blauer Thon ) Regio I Fucoidarum 

Unguliten-Sandstein )*"'.' (Fucoiden-Sandstein). 

Grünerde 

Regio II Olenorum 

Thonschiefer mit (Alaunschiefer von Andrarum, 

Dictyonema flabelliforme der Kinnekulle etc.) 

Chloritkalk 

Regio V Asaphorum 

Zone 1. Vaginaten-Kalk (Orthoceras - Kalk der Insel Oe- 

\ land, Ost- und West-Gothlands. 

1. a. Brand schiefer 

ö J 1.6. Jewe'sche Schicht 

■ Zone 2. Wesenhergsche Schicht 

Herö oder Venstöb-Kalkstein 5 a 
von Kjeruf und Dahll 
2.#. Lyckholmsche Schicht (Schwarze Kalksteinschichten der 

Halbinsel Herö bei Porsgrund. 

Zone 3. Borkholmsche Schicht 

Zone 4., 5., 6. Gruppe der glattten Kjerulf 1 s Etagen 5. a Kalksand- 
*j | Pentameren (Borealis - Bank und stein, 5. (3 Malmöschiefer und 6. 
w I Jörden'sche Schicht, Zwischenzone, Kalkstein mit Pentamerus ob- 
Zone des vorherrschenden Petita- longus. 
merus esthonus). 

Angelin's Regio VIII Cryptonymo- 
£ I rum ; Kjerulf's Etagen 7. a — 8. y 

O [ Zone 7. Untere Oeseische Gruppe} (Schichten der Insel Gotland und 
Zone 8. Obere Oeseische Gruppe ) der Insel Malmö bei Christiania. 

Nachdem wir die Zusammensetzung des Glints bei Asserien 
kennen gelernt hatten, war das nächste Reiseziel Narwa. Der 
Weg dahin läuft längs der Seeküste und gestattet häufig weite 
Durchblicke auf das Meer. Die grösste Höhe, welche der Glint 
an der Küste von Ehstland überhaupt erreicht, nämlich die Höhe 
von 206 Fuss bei Ontika liegt auf dieser Strecke. Die alte 
Hansestadt Narwa hat ein todtes und herabgekommenes An- 
sehen. Der früher bedeutende Handel ist sehr gesunken und das 
deutsche Element scheint dem andrängenden Russenthum nur 
noch schwachen Widerstand zu leisten. Mitten in der Stadt 
stehen zahlreiche kleine Kapellen des griechischen Kultus mit 
den stereotypen vergoldeten Heiligenbildern. Die Stadt liegt 
malerisch auf dem hohen rechten Ufer des rasch fliessenden Na- 
rowa - Stromes , des Abflusses des Peipus-Sees. Ibr gegenüber 



209 



und nur durch den Fluss getrennt auf einer vorspringenden Land- 
zunge die alte russische Festung Iwangorod, mit Thürmen und 
krenelirten Ringmauern, ganz in der ursprünglichen Gestalt er- 
halten und mit ihrer griechisch-russischen Kuppelkirche den auf- 
fallendsten Contrast gegen die ausgeprägt deutsche Bauart der 
Stadt bildend. Hinter der Festung dehnt sich eine ganz von 
einer russischen Arbeiterbevölkerung bewohnte Vorstadt aus. 
Wir trafen in Narwa wieder mit Herrn General v. Helmersen 
zusammen, der hier während eines Theiles des Jahres wohnt. 
Er war so gütig uns auf einer Excursion zu den Fällen der 
Narowa zu begleiten und uns die geognostischen Verhältnisse der 
Thalwände zu erläutern. Die Fälle liegen etwa eine halbe Stunde 
oberhalb der Stadt bei Joala. Durch eine schmale Insel in zwei 
Arme getheilt stürzt sich der wasserreiche Strom in einem 18 
Fuss hohen Sturze hinab. Besonders der Anblick des grösseren 
Falles auf der rechten Seite ist malerisch. Es sind graue Kalk- 
steinschichten , über welche der Strom hinabstürzt. Durch das 
sehr häufige Vorkommen von Orthoceras vaginatum, 0. duplex 
und Echinosphaerites aurantium wird der Kalkstein als der gewöhn- 
liche Orthoceren-Kalkder Ehstländischen Küste genügend bezeich- 
net. Unter dem Kalk folgen die gewöhnlichen Glieder des Glint, der 
Grünsand, der Unguliten-Sandstein und der blaue Thon. Nur 
der Brandschiefer oder Alaunschiefer fehlt ganz. Der Unguliten- 
Sandstein , ein lockerer eisenschüssiger Sandsein , umschliesst 
merkwürdige Gerolle von festerem Sandstein, in denen sich die 
den Unguliten verwandten Brachiopoden - Geschlechter Keyser- 
lingia und Helmer senia von P ander, welche sonst auch 
in dem Unguliten - Sandstein bei Duderode unweit Petersburg 
beobachtet wurden, vorkommen. Alle diese Schichten sind an 
den 70 Fuss hohen senkrechten Wänden des spaltenähnlichen 
Thaies entblösst, in welchem die Narowa unterhalb der Fälle 
eingeengt ist. Die ganze Bildung dieses Thaies mit dem stür- 
misch fliessenden Strome in der Tiefe desselben erinnerte mich leb- 
haft an das Thal des Niagara unterhalb des Niagara-Falles. In 
der That ist auch die Bildungsart beider ganz dieselbe. Ganz 
wie bei dem Niagara ist auch das Thal der Narowa durch das 
allmälige immer weitere Zurückweichen der Fälle gebildet. Ge- 
rade so wie die Fälle des Niagara zuerst mehrere Meilen weiter 
unterhalb bei Queenstown sich befunden haben müssen, gerade 
so haben auch diejenigen der Narowa früher mehrere Werst 

Zeits.d.d.geol.Ges.XIV. 1. 14 



210 



weiter abwärts gelegen und sind erst im Laufe langer Zeiträume 
bis zu ihrer jetzigen Stelle allmälig zurückgegangen. Dieses 
ganze Verhalten des Narowa-Thales ist in einem interessanten, 
auf sehr sorgfältigen Beobachtungen und Messungen beruhenden 
Aufsatze *) von Herrn v. Helmersen beschrieben worden. 

Wenn die Verhältnisse denjenigen des Niagara - Thaies in 
hohem Grade ähnlich sind, so darf doch nicht vergessen werden, 
dass freilich die Dimensionen des russischen Stromes viel gerin- 
ger als diejenigen des Niagara sind. Ebenso wie an den Niagara- 
Fällen wird bei Joala die Kraft des fallenden Wassers als Trieb- 
kraft für industrielle Unternehmungen benutzt. Auf der linken 
Seite des Stromes neben dem kleineren Falle ist in den letzten 
Jahren von einer Gesellschaft englischer, russischer und deutscher 
Kapitalisten eine Baumwollenspinnerei errichtet, welche, wenn 
ganz vollendet, die grossartigste Anlage dieser Art auf dem 
Continente sein soll und schon jetzt in dem ausgedehnten Com- 
plex von Gebäuden über 3000 Arbeiter beschäftigt. Auf der 
rechten Seite der Narowa liegt neben dem grossen Falle die 
bedeutende Tuch- und Segeltuch-Fabrik des Baron v. Stieglitz. 

Von Narwa nahmen wir unsere Richtung direkt nach St. 
Petersburg. Eine rasche Postfahrt von einem Tage auf der Te- 
lega brachte uns dahin. Die ganze Strecke ist einförmig und 
langweilig genug. Eine völlig ebene Fläche, der Oberfläche der 
wagerechten silurischen Kalksteinschichten entsprechend, ohne 
alle Bedeckung durch diluviale Ablagerungen und nur , mit zahl- 
reichen erratischen Blöcken von Eruptiv- Gesteinen bestreut. Zu 
beiden Seiten der schnurgraden Landstrasse nichts als niedriger 
Buschwald von Birken, Erlen, Espen und einzelne Tannen; nur 
sparsame Unterbrechungen des endlosen Waldes durch Kornfelder 
und menschliche Ansiedelungen. Auf den Feldern war man erst 
jetzt am 29. August mit dem Einernten des Roggens beschäftigt. 
Nur einmal wird die gleichförmig ebene Fläche durch einen tie- 
feren Thaleinschnitt unterbrochen , das ist bei dem Städtchen 
Jamburg durch den Luga-Fluss. An dem Uebergange über den 
Fluss sahen wir deutlich an den steilen Ufern den Orthoceren- 
Kalk und unmittelbar darunter den Unguliten-Sandstein anstehen. 



*) Die geologische Beschaffenheit des unteren Narowa-Thales und 
die Versandung der Narowa -Mündung von G. v. Helmersen (in Bullet, 
de VAcad. Imper. de St. Petersb. Tom. III). 



211 



Der letztere enthielt hier den Obolus Apollinis in deutlicherer 
Erhaltung als irgendwo anders. Die Ungewissheit, ob wir recht- 
zeitig nach Petersburg kommen würden , gestattete uns leider 
kein längeres Verweilen zu näherer Untersuchung der betreffenden 
Schichten. Bei Krasnoe Selo war die Postfahrt glücklicher 
Weise zu Ende. Hier nahm uns die Eisenbahn auf und nach 
1^ stündiger Fahrt gelangten wir Abends nach 10 Uhr glück- 
lich nach Petersburg, wo uns die Bequemlichkeiten des guten 
deutschen Gasthofes „Hotel Kaiser" auf Wassili Ostrow die An- 
strengungen des Tages bald vergessen liessen. 

Der Aufenthalt in Petersburg. 

Eine Rundschau von der goldenen Kuppel der grossartigen 
und prachtvollen Isaaks-Kirche verschaffte uns gleich am ersten 
Tage eine gute Vorstellung von der Lage der nordischen Haupt- 
stadt. Von diesem die ganze Gegend beherrschenden Standpunkte 
übersieht man zunächst deutlich wie sich die Stadt mit ihrer 
ungeheuren Ausdehnung über das Mündungsgebiet des mächtigen 
Newa -Stromes verbreitet. Der Haupttheil der Stadt liegt auf 
der linken oder südlichen Seite des Flusses. Der kleinere Theil 
auf dem rechten Ufer und auf den Inseln , welche durch die 
Theilung des Flusses in mehrere Arme kurz vor der Mündung 
in das Meer gebildet werden. Dass die Stadt einen solchen, den 
Rhein an Breite und Wassermenge weit übertreffenden Strom 
wie die Newa in sich einschliesst und sich nicht blos an das 
eine Ufer desselben anlehnt, darin liegt besonders das Grossartige 
ihrer Anlage. Die zahlreichen Wasserflächen der Newa und 
ihrer Verzweigungen, der die Stadt durchziehenden Kanäle und 
des benachbarten Meeres erinnern entfernt an das Panorama von 
Venedig aus der Vogelschau des Thurmes auf dem Marcus- 
Platze. Richtet man den Blick über die Stadt hinaus gegen 
Süden, so erkennt man am Horizonte niedrige, aber doch scharf 
begrenzte Erhebungen. Das sind die Hügel von Pulkowa und 
Czarskoje-Selo, welche aus kalkigen Schichten der silurischen und 
devonischen Gruppe gebildet sich über die wagerechte Fläche 
des überall in der näheren Umgebung der Stadt herrschenden 
untersilurischen Blauen Thons erheben. 

Auch ohne mineralogische Museen und Sammlungen zu 
besuchen erhält man in Petersburg Anregung für mineralogische 

14* 



212 



Studien. In keiner anderen Hauptstadt Europas befinden sich 
so zahlreiche und grossartige Gebäude und Kunstwerke aus harten 
krystallinischen Gesteinen als hier. Ueberhaupt hat wohl seit 
den Zeiten der alten Aegypter keine so ausgedehnte Verarbeitung 
harter Steinarten zu architektonischen und künstlerischen Zwecken 
Statt gefunden. Petersburg erhält durch diese Steinarbeiten sein 
eigenthümliches Gepräge. Das Hauptgestein, welches für die 
monumentalen Bauten in Petersburg verwendet wird, ist der 
prächtige braunrothe Granit aus den Steinbrüchen von Pütterlax 
bei Wiborg in Finnland. Es ist ein Granit, der ausser dem 
fleischrothen Orthoklas auch grünlichen Oligoklas, rauchgrauen 
Quarz und sparsamen schwarzen Magnesia-Glimmer enthält, also 
ein Granitit nach der Definition von G. Rose. Die Anordnung 
der das Gestein zusammensetzenden Gemengtheile ist dabei eine 
ganz eigenthümliche. Der Orthoklas bildet kugelige oder ellip- 
soidische Partien von 1 bis 2 Zoll im Durchmesser, welche von 
einer 1 bis 2 Linien dicken Rinde von Oligoklas umgeben werden. 
Auf den Bruchflächen des Gesteins zieht sich deshalb ein grau- 
grüner Ring von Oligoklas um jede der fleischrothen Orthoklas- 
Partien. Die bei sorgfältiger Prüfung stets erkennbare Zwillings- 
streifung unterscheidet ausser der Farbe den Oligoklas von dem 
Orthoklas. Die beiden anderen Gemengtheile, der Glimmer und 
der Quarz, nehmen' die Zwischenräume zwischen den Feldspath- 
Sphäroiden ein. Man hat diese eigenthümliche Struktur des 
Gesteins wohl als eine porphyrartige bezeichnet, in Wirklichkeit 
ist sie aber eher eine variolitische, derjenigen des bekannten 
Kugeldiorit von Corsika vergleichbar. Das Concentrische in 
der ganzen Anordnung der Gemengtheile zeigt sich auch darin, 
dass zuweilen im Centrum der Orthoklas-Partien noch ein dunkler 
Kern von Glimmer und Quarz hervortritt. In manchen Theilen 
von Finnland zeigt das Gestein grosse Neigung zur Verwitterung 
und heisst hier Rapakivi. Auffallenderweise findet es sich mei- 
nes Wissens nicht unter den erratischen Blöcken der norddeut- 
schen Ebene, wenigstens nicht in Schlesien. Unter den Diluvial- - 
Geschieben von Ehstland und Livland ist es dagegen häufig und 
ich erinnere mich es namentlich bei Wesenberg und Narwa ge- 
sehen zu haben. Aus mächtigen Blöcken dieses finnländischen 
Granits sind zunächst die Quais erbaut, welche auf beiden Seiten 
die Newa in Meilen - langer Ausdehnung einfassen, — wohl die 
schönsten Uferbauten, deren sich irgend eine Stadt rühmen 



213 



kann. Es bestehen ferner daraus die Säulen an den vier Peri- 
stylen der Isaaks-Kirche, herrliche glänzend glatt polirte Mono- 
lithen von 56 Fuss Höhe und 7 Fuss Durchmesser an der Basis, 
welche die Hauptzierde des überhaupt so prachtvollen Gebäudes 
bilden. Auch die 95 Säulen im Innern der kasanschen Kathe- 
drale. Die letzteren sind aus einer besonders schönen Varietät 
mit sehr grossen Feldspath -Sphäroiden von oft 3j Zoll im 
Durchmesser gearbeitet. Der 84 Fuss lange und 14 Fuss dicke 
Säulenschaft der vor dem Winterpalast stehenden Alexander- 
Säule aus diesem finnländischen Granit ist der grösste überhaupt 
bekannte Monolith, welcher namentlich auch alle ägyptischen 
Obelisken an Grösse übertrifft. Aus einem glänzend polirten 
feinkörnigen grauen Granit sind die 20 Fuss hohen kolossalen 
Karyatiden am Eingange der Eremitage d. i. des kaiserl. Kunst- 
Museums gearbeitet. Im Innern der Eremitage sind zahlreiche 
zum Theil 5 Fuss hohe prachtvolle Vasen aus Jaspis, Porphyr, 
Malachit und Lasurstein aufgestellt. Auch das Innere der Isaaks- 
Kirche ist reich an Arbeiten aus den verschiedensten Steinarten. 
Die Altarwand schmücken mehrere 30 Fuss hohe Säulen von 
Malachit und Lasurstein, natürlich wie alle grösseren Arbeiten 
dieser beiden Steinarten nur aus dünnen, mosaikartig zusammen- 
gefügten Platten oder Fournieren gebildet. 

Das im Ganzen sehr mangelhafte Pflaster von Petersburg 
besteht aus kleinen granitischen Diluvial-Geschieben. Zu Trottoir- 
Platten verwendet man den grauen silurischen Orthoceren-Kalk 
aus Ehstland und von den Ufern des Ladoga-Sees, zum Theil 
auch Granit. 

Unter den öffentlichen Sammlungen nahmen zunächst die- 
jenigen des Berg-Corps oder des kaiserlichen Instituts der Berg- 
Ingenieure unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Dieselben be- 
finden sich in dem ausgedehnten palastartigen Gebäude am 
Newa-Quai auf Wassili-Ostrow , welches für die Zwecke dieses 
Instituts besimmt ist. In grossartigen, zum Theil prächtig ge- 
schmückten Sälen sind hier die umfangreichen mineralogischen, 
paläontologischen und geognostischen Sammlungen aufgestellt, 
für deren Zusammenbringung seit langer Zeit fast unbeschränkte 
Mittel zu Gebote gestanden haben. Hier sind zunächst die schönen 
und mannigfachen Mineral- Vorkommnisse Russlands und nament- 
lich des Urals und des Altai durch reiche Suiten der vollkom- 
mensten und grössten Exemplare vertreten. Hier befindet sich 



214 



der bekannte Riesen-Goldklumpen, das grösste in den Goldwä- 
schen am Ural jemals gefundene Stück von gediegenem Gold, 
nebst einer ganzen Reihe anderer minder grossen Stücke, deren 
Gesammtwerth im Jahre 1845 nach der Angabe von Osersky 
400,000 Silberrubel betrug, ein Klumpen von Piatina, angeblich 
30,000 Rubel an Werth, ein kolossaler 5 Fuss langer Malachit- 
Block und andere Prachtstücke metallischer Fossilien. Nicht 
minder werthvoll sind die prächtigen Krystalle von Smaragd, 
Beryll, Topas, Chrysoberyll, Turmalin, Apatit u. s. w., welche 
zum Theil Unica sind oder doch zu den schönsten überhaupt 
jemals vorgekommenen Exemplaren gehören. Viele derselben sind 
neuerlichst von Kokscharow in seinen Materialien zur Minera- 
logie Russlands beschrieben und abgebildet worden. Die geogno- 
stischen und paläontologischen Suiten umfassen die Ausbeute 
zahlreicher wissenschaftlicher Reisen und Expeditionen • zum 
Theil in die entlegensten Theile des russischen Reiches. Leider 
sind diese werthvollen Suiten nicht in einer Weise angeordnet 
und aufbewahrt, wie sie es bei ihrer Wichtigkeit verdienen. Wir 
fanden vielfach die Etiquetten fehlend oder vertauscht oder selbst 
die Stücke einer Suite unter diejenigen einer andern gemengt. 
An vielen Stellen war es deutlich erkennbar, dass wiederholt 
ganz unkundigen und rohen Händen die Anordnung oder das 
Umlegen der Stücke anvertraut gewesen war. Nicht nur sind 
bei so mangelhafter Ordnung die fraglichen Sammlungen augen- 
blicklich ungeeignet zuverlässige Belehrung zu gewähren, son- 
dern zum Theil haben sie durch Verwechselung oder völlige 
Vernichtung der Fundortsangaben für immer ihren Werth ver- 
loren. Es ist sehr zu wünschen, dass in Zukunft eine grössere 
Sorgfalt auf die Erhaltung und Nutzbarmachung dieser werthvollen 
Sammlungen verwendet werde. Vielleicht tritt diese mit der 
angeblich beabsichtigten Umgestaltung des ganzen Institutes ein. 
Bis jetzt werden in dieser nach Art eines Cadettenhauses mili- 
tärisch organisirten Anstalt' einige hundert schon im zarten 
Knabenalter eintretende junge Leute für den Beruf von Berg- 
Ingenieuren erzogen und ausgebildet. Diese ganze Einrichtung 
hat sich als unzweifelhaft unzweckmässig und kostbar erwiesen 
und man soll damit umgehen, die Ausbildung der Bergbeamten 
in ganz anderer, derjenigen des Auslandes mehr angepassten 
Form zu bewirken. 

Demnächst ist für mineralogische Studien das Museum der 



215 



Akademie der Wissenschaften wichtig. Dasselbe ist in geräu- 
migen Sälen des ebenfalls am Quai von Wassili-Ostrow gelegenen 
Akademiegebäudes aufgestellt. Die mineralogische Abtheilung 
des Museums, bei welcher Herr Dr. Göbel als Custos ange- 
stellt ist, enthält zunächst eine gut aufgestellte systematische 
Mineralien - Sammlung , deren Hauptgrundlage die ehemalige 
v. SrRüvE'sche Sammlung in Hamburg bildet. Ein besonders 
werth volles und merkwürdiges Stück der Sammlung ist die be- 
rühmte Pall As'sche Eisenmasse, deren Gewicht gegenwärtig 
noch 1270 Pfund beträgt, nachdem früher bekanntlich ein be- 
deutender Theil davon abgetrennt und an andere Museen ver- 
theilt worden ist. Auch der 100 Pfund schwere, im Jahre 1807 
bei Dimaschina im Gouvernement Smolensk gefallene Meteor- 
stein mit ausgezeichnet unregelmässig polyedrischer Oberfläche 
gehört zu den Zierden der Sammlung. Die geognostische und 
paläontologische Sammlung besteht vorzugsweise in verschiedenen 
geographisch angeordneten Suiten von Gesteinsstücken und Pe- 
trefakten, welche von russischen Reisenden auf Expeditionen in 
entlegene Gegenden des Reiches gesammelt wurden. So befindeu 
sich hier namentlich auch mehrere Suiten von Gesteinen und 
Petrefakten aus den russischen Besitzungen in Nord- Amerika, 
welche von Grewingk zu einer Darstellung der geognostischen 
Verhältnisse jener Länder benutzt worden sind. 

Die geologische Abtheilung des Museums, welche unter der 
vortrefflichen Leitung des Staatsraths Brandt stehend sich einer 
sorgfältigen Pflege erfreut und in einer Reihe von Sälen sehr 
zweckmässig aufgestellt ist, enthält auch verschiedenes paläonto- 
logisch Interessante. Zunächst ist hier das berühmte im vorigen 
Jahrhundert im Eise der Lena-Mündung unter 70° N. B. mit 
Haut und Haar aufgefundene Mammuth aufgestellt. Der Haupt- 
sache nach ist nur das Skelet erhalten, aber am Kopf und an 
den Füssen befindet sich auch noch die Haut und die einge- 
trockneten Sehnen. Ausserdem ist getrennt von dem Skelet 
und zusammengerollt auch noch ein grosser Theil der Haut vom 
Rumpfe des Körpers mit bedeutenden Partieen des dichten brau- 
nen Wollhaares , mit welchem der Körper des Thieres entspre- 
chend seinem nordischen Aufenthalte im Gegensatze zu den le- 
benden Elephanten -Arten bekleidet war, erhalten. In gleicher 
Weise befinden sich hier die die Ueberreste des unter 64° N.B. 
am Wilui-Flusse in Sibirien ebenfalls mit den Weichtheilen er- 



216 



halten gefundenen Exemplars von Rhinoceros tichorhinus^ wel- 
che einen Theil des Materials bilden, auf welchem die höchst 
werth volle Monographie von Brandt über diese Art beruht. 
Bei diesem ist nicht nur die auf dem Schädel angetrocknete 
Kopfhaut mit Sehnen und Muskeln, sowie ein grosser Theil der 
Rumpfhaut erhalten, sondern es sind auch die abgetrennten Füsse 
der hinteren Extremitäten vorhanden, an denen noch die Haut 
mit den eingetrockneten Muskeln und Sehnen und die hornigen 
Hufen haften. Nicht ohne das lebhafteste Interesse kann man 
diese in ihrer Erhaltung einzig dastehenden Ueberreste der bei- 
den wichtigsten Diluvialthiere betrachten. Vielleicht gelingt es 
noch einmal, ganz vollständige Exemplare derselben aus Sibirien 
zu erhalten. Da es feststeht, dass dergleichen dort nicht selten 
gefunden, aber gewöhnlich durch die Unkenntniss der Finder 
zerstört werden, so führt hoffentlich der von der Akademie der 
Wissenschaften für die Entdeckung eines solchen Thieres ausge- 
setzte Preis von 10,000 Rubeln in nicht zu langer Zeit zu einem 
günstigen Ergebniss. 

Auch von anderen Diluvialthieren enthält die Sammlung 
werth volle Ueberreste; so namentlich einen schönen Schädel des 
Bos moschatus aus Sibirien , in welchem Lande dieser jetzt be- 
kanntlich auf das arktische Nord -Amerika beschränkte Wieder- 
käuer auffallender Weise lebend nicht mehr vorzukommen scheint. 
Nach einer mündlichen Mittheilung von Brandt sind auch in der 
Umgegend von Moskau Schädel dieser Art vorgekommen. Da Owen 
die Art aus dem Diluvium von England beschreibt und auch bei 
Berlin ein Schädel derselben sich gefunden hat, so ist der Ver- 
breitungsbezirk dieses früher kaum beachteten Thieres in den 
Diluvial- Ablagerungen ein sehr ausgedehnter. Für die geogra- 
phische Verbreitung des Cervus megaceros ist ein in der Samm- 
lung befindlicher, mit dem Geweih erhaltener Schädel dieser Art 
aus dem südlichen Russland wichtig. Einen wissenschaftlichen 
Schatz von hohem Werthe besitzt das Museum in den Schädeln 
und Skelet - Theilen der Bhytina Stelle?-^ den einzigen Ueber- 
resten, welche von dieser merkwürdigen herbivoren Cetacee, 
welche durch Bering an den Aleuten zuerst in ungeheurer Zahl 
der Individuen entdeckt, aber schon 26 Jahre später durch die 
Nachstellungen der Menschen vernichtet und seitdem aus der 
lebenden Schöpfung verschwunden ist, überhaupt auf uns ge- 
kommen sind. Zu den Materialien, welche der früher im Jahre 



217 



1849 von Brandt gegebenen Beschreibung des Thieres zu Grunde 
liegen, sind neuerlichst durch die Bemühungen von Brandt 
noch verschiedene andere hinzugekommen , so dass gegenwärtig 
so ziemlich alle Theile des Skelets bekannt sind. Besonders 
werth voll ist, dass auch von der hornigen Gaumenplatte sich 
ein Exemplar erhalten hat. Es ist ein 8 Zoll langes, hand- 
breites, plattenförmiges Stück von senkrecht faseriger, hor- 
niger Substanz, mit starken Querstreifen auf der Oberfläche. 
Brandt bereitet die Herausgabe einer vollständigen Monographie 
der Art vor, für welche verschiedene neu erworbene Materialien 
benutzt werden sollen. 

Von den paläontologischen Privat-Sammlungen Petersburgs 
kommen vorzugsweise diejenigen von Pander, von Eichwald 
und von A. v. Volborth in Betracht. Wir waren so glück- 
lich alle drei Männer, welche zugleich die namhaftesten Vertreter 
der Paläontologie in Petersburg darstellen, anwesend zu finden. 
In Betreff Pander's Anwesenheit hatten wir uns besonders 
Glück zu wünschen, da er während des grösseren Theiles des 
Sommers mit einer geologischen Untersuchung am Ural beschäf- 
tigt, erst unmittelbar vor unserer Ankunft von dort zurückgekehrt 
war. Pander's Sammlung ist das Ergebniss vieljähriger Be- 
strebungen. Denn nachdem schon im Jahre 1830 seine „Beiträge 
zur Kenntniss des russischen Reichs," dieses auf gründlicher und 
gewissenhafter Beobachtung beruhende Werk erschien, welches zu- 
gleich die erste Beschreibung einer silurischen und überhaupt 
paläozoischen Fauna darstellt, ist Pander seitdem während eines 
Zeitraums von mehr als 30 Jahren unablässig bemüht gewesen, 
die Materialien für eine Paläontologie des russischen Reiches 
zusammenzubringen, mit deren Publication er nun in schon vor- 
gerückterem Lebensalter, aber in voller geistiger Rüstigkeit durch die 
in den letzten Jahren geschehene Herausgabe der höchst wichtigen 
Monographie devonischer und silurischer Fischreste den Anfang 
gemacht hat. Im Interesse der paläontologischen Wissenschaft 
erscheint es im hohen Grade wünschenswerth, dass dem hoch- 
verdienten trefflichen Mann Zeit, Kraft und äussere Mittel aus- 
reichen mögen, um die Verarbeitung und Publication des reichen 
wissenschaftlichen Materials, welches er zusammengebracht hat, 
in gleicher Weise, wie er mit jener Monographie begonnen hat, 
fortzuführen und zu beendigen. Gewiss wird es die russische 
Regierung nicht an der Bewilligung der für die weiteren Publi- 



218 



kation erforderlichen äusseren Mittel fehlen lassen, wie ja auch 
schon die ersten Monographien auf Kosten des Kaiserlichen Berg- 
Corps erschienen sind. Herr Pander hatte die Güte uns einen 
grossen Theil seiner Sammlung und namentlich auch die devoni- 
schen und silurischen Fischreste vorzulegen und zu erläutern. 
Auch die merkwürdigen zierlichen kleinen Körper aus dem un- 
ter-silurischen Grünsand, welche Pander unter der Benennung 
der Conodonten beschrieben und als Fischzähne gedeutet hat, sah 
ich hier zuerst. Neu und bemerkenswerth war mir die Mitthei- 
lung Pander's, dass die Sandsteine der Gegend von Artinskoy 
am Ural, in welcher die auffallende Goniatiten-Form des Gonia- 
tites Jossae und andere eigentümliche Arten vorkommen, nicht 
dem Steinkohlengebirge, wie bisher und namentlich auch in dem 
Werke von Murchison, E. de Verneuil und Graf Keyser- 
ling angenommen wurde, sondern der Permischen Gruppe an- 
gehören. 

Eichwald's Sammlung hat besonders durch den Umstand 
Bedeutung , dass sie die Original - Exemplare der meisten von 
diesem Autor in seiner Lethaea Rossica beschriebenen Arten ent- 
hält. Eichwald hat schon in einer Zeit in Russland gesam- 
melt und beobachtet, als dort noch kaum ein Interesse für pa- 
läontologische Studien vorhanden war und es ist namentlich auch 
sein Verdienst auf manche wichtige Lokalität zuerst die Auf- 
merksamkeit gelenkt zu haben. 

A. v. Volborth hat die wichtigste und umfangreichste 
Sammlung von den schön erhaltenen Fossilien der unter-siluri- 
schen Schichten in der Umgebung von Petersburg, namentlich 
der Hügel von Pawlowsk und Pulkowa zusammengebracht. Im 
Sommer auf dem Lande in Pawlowsk in nächster Nähe jener 
Fundorte lebend, hat er während einer langen Reihe von Jahren 
dem Sammeln dieser Fossilien den grössten Fleiss und Eifer zu- 
gewendet. So ist die gegenwärtige Sammlung zusammengekom- 
men, welche bei der grossen Zahl von Exemplaren, in welcher 
selbst die seltensten Arten der Fauna vertreten sind, zu den um- 
fassendsten Vergleichungen über die Begrenzung der Species be- 
fähigt. Besonders interessant waren mir die reichen Suiten der 
zum Teil sehr seltenen Crinoiden- und Trilobiten-Arten der 
Fauna. Nachdem A. v. Volborth über einige derselben schon 
früher seine werthvollen Untersuchungen veröffentlicht und na- 
mentlich zur Kenntniss dar russischen Cystideen sehr wichtige 



219 



Beiträge geliefert hat, bereitet er gegenwärtig die Herausgabe 
einer Arbeit über die Gattung Illaenus und verwandte Geschlech- 
ter vor, in welcher auch neue Aufschlüsse über den Bau der 
Trilobiten überhaupt gegeben werden sollen. 

Von den mineralogischen Privat-Sammlungen Petersburg^ 
haben wir nur diejenige von N. v. Kokscharow gesehen. Sie 
ist nach dem inneren wissenschaftlichen Werthe auch jedenfalls 
die bedeutendste. Alle die mannichfaltigen Mineral- Vorkommnisse 
Russlands sind hier in den schönsten und lehrreichsten Suiten 
vertreten. Nur der rücksichtsloseste Sammeleifer, der vor kei- 
ner Mühe und keinem Geldopfer zurückschreckt und zugleich 
von gründlicher wissenschaftlicher Kenntniss unterstützt wird, 
hat eine so treffliche Sammlung vereinigen können. Dieselbe 
begreift zahlreiche Prachtstücke und Unica, und manche russi- 
sche Mineral- Vorkommnisse sind sogar durch noch vollkommenere 
und kostbarere Exemplare als in der reichen Sammlung des 
Berg-Corps vertreten. Einzig in ihrer Art sind namentlich die 
Suiten von russischem Topas, Euclas und Perowskit. Von den 
vier überhaupt bis jetzt nur gefundenen Krystallen des Russi- 
schen Euclases besitzt die Sammlung drei. Zwei mit 600 Rubel 
bezahlte Topas-Krystalle sind an Schönheit und Regelmässigkeit 
der krystallographischen Ausbildung unübertroffen, wenn sie auch 
an Grösse dem prächtigen unlängst für das Berliner Museum für 
500 Thlr. erworbenen Krystalle von demselben Fundorte nachste- 
hen. Die Sammlung enthält auch einen grossen Theil der Ori- 
ginal-Exemplare, die den Beschreibungen in Kokscharow's 
werthvollem Werke*) zu Grunde liegen und in gleicher Weise 
ist für höchst wünschenswerthe Weiterführung des Werkes, wel- 
ches sich allmählig zu einer vollständigen Mineralogie 
Russlands vervollständigen wird, das reichste Material vor- 
handen. 

Einige kleinere Ausflüge machten uns auch mit dem geo- 
gnostischen Verhalten der Umgebungen von St. Petersburg be- 
kannt. Zuerst lernten wir die Aufschlüsse in der Gegend von 
Pawlowsk auf einer Excursion kennen, auf welcher Herr v. Vol- 
borth die Güte hatte uns zu begleiten. Eine Eisenbahnfahrt 
von kaum mehr als einer Stunde führte uns über die wagerechte, 



*) Materialien zur Mineralogie Russlands von Nicolai v Kokscharow. 
3 Bde. 1852-1858. 



220 



durch den silurischen blauen Thon gebildete Fläche, welche süd- 
wärts von Petersburg sich ausbreitet, nach Pawlowsk, dieser nach 
Art eines deutschen Badeortes aus zerstreuten Landhäusern be- 
stehenden ausgedehnten Sommer-Colonie der Petersburger. Der 
Ort liegt wie Czarskoje Zelo und Pulkowa am Fusse des Hügel- 
Plateaus, welches sich südwärts über die Ebene von blauem Thon 
erhebt. Unbedeutende, nur 10 bis 20 Fuss tief eingeschnittene 
Bachbetten und Wasserrisse sind die Aufschlusspunkte, in de- 
nen die unter -silurischen Schichten, aus denen das Plateau be- 
steht, zu Tage treten und welche zugleich die Fundorte für 
die zahlreichen wohl erhaltenen Petrefakten des Orthoceren-Kal- 
kes darstellen, für welche gewöhnlich schlechthin Petersburg als 
Ursprungsort angegeben wird. Wir besichtigten zunächst ein 
südlich von Pawlowsk bei dem Dorfe Pieselowa an dem Bach- 
ufer aufgeschlossenes Schichten-Profil. Es liegt hier zu unterst 
blauer Thon, darüber etwa 4 Fuss mächtig Unguliten-Sandstein 
in der Form eines ganz losen zerreiblichen gelben Sandsteins, 
dann versteinerungsleerer schwarzbrauner Alaunschiefer und zu 
oberst rölhlich grauer dolomitischer Kalkstein und Kalkmergel 
mit Orthoceras duplex, Asaphus cornigerus, Amphion Fisckeri, 
Orthis-Arten u. s. w. d. i. der Orthoceren-Kalk. Mit dem Or- 
thoceren-Kalke Ehstland's verglichen hat die letzt genannte 
Schichtenfolge hier eine viel geringere Festigkeit und Mächtig- 
keit. Das scheint überhaupt für die Gegend von Petersburg zu 
gelten. Weiterhin begaben wir uns zu einer Aufschlussstelle bei 
dem etwa. 6 Werst südwestlich von Pawlowsk entfernten Dorfe 
Marienau. Hier überlagert eine Schichtenfolge von röthlichen und 
grauen Sandsteinen, verhärteten Mergeln und Schieferthonen den 
Orthoceren-Kalk. Durch die zahlreichen Fischreste, welche die 
Schichtenfolge enthält wird sie leicht als devonisch bestimmt. 
In ähnlicher Weise wird der Orthoceren-Kalk an zahlreichen an- 
deren Punkten in der südlich von Petersburg sich ausdehnenden 
Ebene von inselartigen Partien devonischer Schichten, die dann 
gewöhnlich zur Bildung von mehr oder minder vorragenden klei- 
nen Hügeln Veranlassung geben, überlagert. Dieses Verhalten 
ist früher, als man nur silurische Schichten in der Gegend von 
Petersburg zu sehen glaubte, verkannt worden. Bemerkenswerth 
ist dabei, dass die devonischen Schichten unmittelbar dem unter- 
silurischen Orthoceren-Kalke aufruhen und die ganze Reihenfolge 
der ober-silurischen Schichten fehlt. Aber freilich ein ähnlicher 



221 



geognostischer Hiatus wird ja auch im nordöstlichen Livland auf 
eine lange Erstreckung beobachtet. 

Ein anderer Ausflug wurde unter Eichwald's gefälliger 
Leitung nach Pulkowa gemacht. Das Dorf liegt am Fusse des 
weithin die Gegend beherrschenden Hügels, auf welchem die durch 
den Reichthum ihrer wissenschaftlichen Ausstattung berühmte, 
bisher unter der Leitung von Struve stehende Centrai-Stern- 
warte des russischen Reiches erbaut ist. Das 1 5 bis 20 Fuss 
tiefe Bett der Pulkowka, eines unbedeutenden durch das Dorf 
fliessenden Baches, ist ein Hauptfundort für die zahlreichen zier- 
lichen Orthis-, Trilobiten- und Cystideen-Arten der Petersburger 
Fauna, welche zuerst von Pander, dann später durch vortreff- 
liche Abbildungen erläutert von E. de Verneuil in dem grossen 
Werke über Russland beschrieben worden sind. Die Kinder des 
Dorfes sind wohlgeübte und eifrige Sammler und nur von ihnen 
kann man durch Kauf eine grössere Anzahl jener Fossilien er- 
werben. Das eigene Sammeln fanden wir ziemlich erfolglos. So 
sehr ist das Terrain durch die unablässigen Nachforschungen der 
scharfsichtigen kleinen Sammler des Dorfes abgelesen. Wir folg- 
ten vor dem Dorfe dem Laufe des Baches eine halbe Stunde 
weit aufwärts. Auf dem grösseren Theile dieser Strecke ist das 
Bachthal in den blauen Thon eingeschnitten. An einer Stelle 
treten über demselben auch gelbliche dolomitische Mergelschich- 
ten des Orthoceren - Kalkes hervor. Das ist die ursprüngliche 
Lagerstätte der zahlreichen Brachiopoden- und Trilobiten-Arten. 
Wenn bei Petersburg der Orthoceren-Kalk in viel grösserer Zahl 
und besserer Erhaltung, als anderswo organische Reste und na- 
mentlich kleinere Formen liefert, so hat dies augenscheinlich vor- 
zugsweise in der mehr lockeren und mergeligen Beschaffenheit 
des Gesteins, mit welcher er hier auftritt, seinen Grund. Die- 
selben Orthis- und Cystideen-Arten finden sich wohl auch bei 
Narwa und an anderen Punkten in Ehstland, aber aus dem 
festen Kalkstein, in welchem sie dort eingeschlossen sind, lassen 
sie sich viel schwieriger lösen. 

Ausflug nach Moskau und Rückkehr nach Deutschland. 

Obgleich ein dreiwöchentlicher Aufenthalt kaum genügt um 
das, was Petersburg für naturwissenschaftliche Studien darbietet, 
auch nur übersichtlich kennen zu lernen, so brachen wir doch 



222 



jetzt unseren Aufenthalt ab um auch noch die alte Hauptstadt 
des Reiches zu besuchen. Mit der Eisenbahn legt man die 97 
deutsche Meilen lange Strecke zwischen Petersburg und Moskau 
in 22 Stunden zurück. Dabei geht die Fahrt besonders wegen 
des langen Aufenthaltes auf den zahlreichen Stationen im Ver- 
gleich mit der Beförderung auf unseren deutschen Schnellzügen 
noch ziemlich langsam von Statten. Der Anblick des Landes, 
welches die Eisenbahn durchschneidet, ist im Ganzen sehr ein- 
förmig. Meistens auf beiden Seiten nur niedriger, 20 bis 30 
Fuss hoher Wald von Birken, Erlen und Espen, seltener Nadel- 
holz sichtbar. Ortschaften nur sehr vereinzelt. Dabei der Bo- 
den zum Theil von der eigenthümlichen vollkommenen Horizon- 
talität, wie man sie ausserhalb Russlands nur in Thalsohlen oder 
ehemaligen Seebecken antrifft. So namentlich gleich anfangs nach 
der Abfahrt von Petersburg. Der erste ansehnlichere Thalein- 
schnitt, den die Eisenbahn überschreitet, ist derjenige des Msta- 
Flusses, der sich nachher unweit des alten Nowgorod in den 
Ilmen-See ergiesst. Bald darauf tritt die Bahn in 70 bis 80 Fuss 
tiefen Einschnitten in ein hügeliges Gebiet ein. Das ist das 
Waldai-Plateau, an den höchsten Punkten kaum über 1000 Fuss 
hoch ansteigend und doch die höchste Erhebung zwischen dem 
Riesengebirge und dem Ural, die Wasserscheide zwischen der 
Ostsee und dem Caspischen See für die wichtigsten Wasserläufe 
bildend. In dem letzten Drittel des Weges überschreitet die Bahn 
einen Fluss, noch nicht von der Grösse der Weser bei Minden 
und in der Entfernung sieht man eine bedeutendere Stadt mit 
zahlreichen grünen Kuppeln und Thürmen. Der Fluss ist die 
Wolga, hier noch ein Kind, in welchem man den Riesen unter den 
europäischen Strömen, zu welchem er später heranwächst, nicht ver- 
muthet. Die Stadt ist Twer, der einzige grössere Ort, an wel- 
cher die Bahn in grösserer Nähe vorüberfährt. Von Twer ab 
ist die Wolga für Dampfböte schiffbar und bildet die Verkehrs- 
strasse nach Kasan und weiter, auf der ersten Strecke des Lau- 
fes freilich nicht immer ohne Störung durch Untiefen und Sand- 
bänke. Nachdem wir Twer hinter uns hatten öffnete sich der 
Wald mehr und mehr und weiter angebaute Strecken wurden 
sichtbar. Plötzlich sahen wir die beiden uns gegenübersitzenden 
bärtigen National-Russen sich lebhaft verneigen und bekreuzigen. 
Sie hatten die Kuppeln der Kirche der Muttergottes von Kasan 
in der Entfernung erkannt. Gleich darauf waren wir in der al- 



223 



ten Czaren-Stadt angelangt. In einem uns empfohlenen, im Mit- 
telpunkt der Stadt gelegenen deutschen Hotel fanden wir bald 
ein uns zusagendes Quartier. 

Unser erster Ausgang galt dem Kreml, dieser merkwürdigen 
dicht gedrängten Zusammenhäufung von Kirchen und Palästen. 
Obgleich nur auf einem niedrigen Hügel gelegen , so ist schon 
von der Terrasse desselben der Blick auf die Stadt in hohem 
Grade anziehend und malerisch. Noch viel grossartiger aber ist 
die Umschau von dem Glockenthurme des Iwan Weliki. Da 
übersieht man die ganze ungeheure Ausdehnung des Häusermee- 
res. Die lebhafte grüne und rothe Färbung der Dächer der 
Häuser, contrastirend mit der schneeweissen Färbung der Wände, 
und die ausserordentlich grosse Zahl von Kirchen , welche sich 
mit grossentheils vergoldeten oder buntgemalten Glockentürmen 
und Kuppeln über die Häuser erheben, machen die Ansicht höchst 
prachtvoll und malerisch, und zugleich verschieden von derjeni- 
gen irgend einer anderen Hauptstadt. In der Ferne wird der 
Blick durch Hügel begrenzt. Die Stadt liegt nämlich nicht in 
einer ganz ebenen Fläche, sondern in einer flach wellenförmigen, 
von der Mosqua in vielen Krümmungen durchzogenen Gegend. 

Wie bei manchen Städten des Orients entspricht leider das 
Innere der Stadt nicht ganz dem prächtigen Eindrucke der Ge- 
sammtübersicht von der Höhe. Die Bauart der meist zweistöcki- 
gen Häuser ist im Ganzen sehr einförmig und unschön und da- 
bei die äussere Erhaltung oft sehr vernachlässigt. Palastartige 
oder sonst durch Grösse oder Schönheit ausgezeichnete Gebäude 
sind im Ganzen in zu geringer Zahl vorhanden um den Eindruck 
des Ganzen zu bestimmen. Die Strassen sind breit und gerade, 
aber schlecht gepflastert, schlecht beleuchtet und schmutzig. Bei 
der ausserordentlich weitläufigen Bauart der Stadt, derzufolge sie bei 
400,000 Einwohnern einen Flächenraum von 5j deutschen Meilen 
im Umfang bedeckt, würden derartige allgemeine Bedürfnisse wie 
Pflasterung, Strassenreinigung und Beleuchtung auch nur mit 
einem unverhältnissmässig grossen Kostenaufwande sich genügend 
befriedigen lassen. Aus dieser weitläufigen Bauart der Stadt 
erklärt sich übrigens auch die verhältnissmässig geringe Lebhaf- 
tigkeit des Verkehrs. Selbst im Mittelpunkte der Stadt zeigen 
die Strassen bei weitem nicht die Menschenfülle wie die Haupt- 
strassen unserer grösseren deutschen Städte, wie Berlin, Ham- 
burg oder Breslau, und entfernt man sich nur etwas von den 



224 

Hauptstrassen, so befindet man sich häufig sogleich in Umgebun- 
gen, welche nach der Unansehnlichkeit der Häuser und der Leb- 
losigkeit des Verkehrs die Täuschung hervorrufen könnten, man 
sei plötzlich in eine Landstadt versetzt. 

Von der grössten Wichtigkeit für unseren Aufenthalt in 
Moskau war für uns die Bekanntschaft mit Herrn Dr. Auer- 
bach. Mit der aufopferndsten Freundlichkeit hat sich der lie- 
benswürdige und kenntnissreiche Mann unserer Führung und Be- 
lehrung gewidmet. Zunächst hat er uns mit seiner eigenen sehr 
lehrreichen paläontologischen Sammlung bekannt gemacht. Die- 
selbe enthält Suiten von Versteinerungen aus den verschiedensten 
Gegenden des russischen Reichs. Von besonderem Interesse wa- 
ren mir Fossilien, welche den Beweis von dem Vorhandensein 
des Gault und vielleicht auch des Neocom in der Gegend von 
Moskau liefern: dahin gehört Ammonites interruptus aus dem 
Grünsande von Stepanowa, einer Lokalität zwischen Dimitrow 
und Klin, nördlich von Moskau. Die Bestimmung ist zweifellos. 
Ausserdem kommen dort auch noch ein Paar andere Gault- Am- 
moniten vor. Auch die Erhaltung ist derjenigen von typischen 
Gault-Lokalitäten ganz ähnlich und namentlich erinnert sie leb- 
haft an diejenige der Gault-Fossilien bei Escragnolle in der Pro- 
vence. Das Neocom scheint in der Gegend von Moskau durch 
einen eisenschüssigen Sand vertreten zu sein, der namentlich 
auch an den Sperlingsbergen, 1 Meile von der Stadt ansteht. 
Derselbe ist seiner Hauptmasse nach versteinerungsleer, umschliesst 
aber einzelne Knollen, in welchen der Sand durch Eisenoxydhy- 
drat ganz nach Art mancher Raseneisenstein-Bildungen zu einem 
groben Sandsteine zusammengebacken ist. Diese Knollen ent- 
halten zahlreiche freilich nur in der Form von Steinkernen er- 
haltene Fossilien. Ich glaubte unter denselben bei freilich nur 
ganz flüchtiger Prüfung Ammonites Astierianus, Ammonites 
Gevrilianus, Avicula Cornueliana, Thetis minor u. s. w. zu er- 
kennen. Das wäre eine entschiedene Neocom-Fauna. Aber frei- 
lich die Bestimmungen der Arten verlangen eine genauere Prü- 
fung. Es wäre sehr zu wünschen, dass Herr Dr. Auerbach 
sich entschliessen möchte, die verschiedenen auf das Vorkommen 
der beiden unteren Abtheilungen der Kreide-Formation im cen- 
tralen Russland bezüglichen Materialien seiner Sammlung einer 
näheren Bearbeitung zu unterwerfen , denn bisher sind ja nord- 
wärts vom Caucasus und dem Küstengebirge der Krim mit 



225 



Sicherheit nur solche Kreidebildungen nachgewiesen worden, 
welche der Kreide über dem Gault und namentlich der Senon- 
Bildung angehören*). 

Auch eine Sammlung von Versteinerungen vom grossen 
Bogdo-Berge, der merkwürdigen Erhebung triassischer Gesteine 
in der Kirgisen-Steppe auf dem linken Ufer der unteren Wolga, 
zog unsere Aufmerksamkeit an. Ausser dem durch L. v. Buch's 
Beschreibung bekannt gewordenen Ceratites Bogdoanus erkann- 
ten wir verschiedene andere Muschelkalk -Formen, namentlich 
mehrere bekannte Zweischaler-Formen des deutschen Muschelkalks. 
Sehr bemerkenswerth sind auch kleine kugelige, den Gyrogoniten 
oder Chara-Früchten ähnliche Körper. Herr Dr. Auerbach hat 
diese Sammlung während eines sechswöchentlichen Aufenthaltes 
an jenem entlegenen Punkte zusammengebracht. Gewiss ist es 
die bei weitem vollständigste Suite von den Versteinerungen jener 
merkwürdigen Lokalität, welche irgendwo vorhanden ist. Möchte 
es deshalb dem Eigenthümer gefallen auch diese Materialien bald 
zu verarbeiten und im Zusammenhang mit den übrigen auf der 
betreffenden Reise gemachten Beobachtungen zu veröffentlichen. 

Demnächst führte uns Herr Dr. Auerbach auch in die öf- 
fentlichen Sammlungen der Stadt, und zwar zunächst in diejenige 
der Universität. Das mineralogische Museum der Universität 
besitzt eine ziemlich gut aufgestellte Mineralien-Sammlung. Da- 
gegen ist die paläontologische Abtheilung ohne Bedeutung. Das 
zoologische Museum der Universität enthält manche werthvolle 
Reste fossiler Wirbelthiere und namentlich auch manche der Ori- 
ginal-Exemplare zu Fischer's Beschreibungen. Aber augen- 
blicklich war Alles in Unordnung und die werthvollsten Gegen- 
stände waren in einer für deren Erhaltung höchst nachtheiligen 
Weise durch einander geworfen und zusammengehäuft. Man war 
nämlich gerade damit beschäftigt, die Sammlungen der Universi- 
tät in ein anderes Gebäude überzuführen. Durch ein Vermächt- 



*) Während das Vorstehende geschrieben wurde kommt mir Eich- 
wald's Aufsatz: Ueber den Grünsand der Umgegend von Moskwa. Mos- 
kau lSb^ zu Händen. In demselben werden ebenfalls verschiedene auf 
Vorkommen von älteren Kreidebildungen im Gouvernement Moskau be- 
zügliche Angaben gemacht. Namentlich wird das Vorkommen des Am- 
monites interruptus im Grünsande von Talitzi, und dasjenige desselben 
Ammoniten in Gesellschaft von Ammonites lenatus und Inoceramus sulcatus 
im Gouvernement ßjasan erwähnt. 

Zeits. d. d. geol. Ges. XIV, 1. iK 



226 



niss des Eigenthümers ist nämlich die Stadt Moskau unlängst in 
den Besitz des grossartigen Complexes von naturhistorisehen und 
artistischen Sammlungen gekommen , welche durch den Grafen 
Rumaenzow während einer langen Reihe von Jahren zusam- 
mengebracht und bisher in Petersburg aufbewahrt waren. Ein 
prachtvolles Gebäude, der bisherige Palast eines russischen Grossen, 
ist von der Stadt erworben, um diese Sammlungen aufzunehmen. 
Zugleich ist seitens der Universität die Vereinigung ihrer Samm- 
lungen mit diesem neuen städtischen Museum beschlossen wor- 
den. So wird Moskau bald ein grossartiges Institut für natur- 
historische Studien besitzen und es ist nur zu wünschen, dass 
der neuen Anstalt die nachhaltige und aufopfernde Sorge von 
geeigneten Vorstehern nicht fehlen möge, welche in Russland bei 
solchen Instituten leider oft vermisst wird. Für die mineralogi- 
sche Abtheilung des neuen Museums ist glücklicher Weise in 
Herrn Dr. Auerbach ein durchaus geeigneter Vorsteher ge- 
wählt worden. 

Bekanntlich besitzt Moskau in dem B ulletin de la so- 
ciete imperiale des Natur alistes de Mose ou auch eine 
gut redigirte naturwissenschaftliche Zeitschrift, welche für einen 
grossen Theil des weiten Reiches das Centrai-Organ naturwis- 
senschaftlicher Bestrebungen darstellt und namentlich jetzt unter 
der eifrigen und umsichtigen Vertretung des Herrn Dr. Renard, 
als erstem Sekretair, dem namentlich auch die auswärtige Cor- 
respondenz obliegt, und des Herrn Dr. Auerbach, als zweitem 
Sekretair (für die inländische Correspondenz) immer vollkom- 
mener diesem Zwecke dient. Also auch von dieser Seite ist in 
Moskau für die Naturwissenschaft gesorgt. 

Von den Privat -Sammlungen Moskau's waren uns leider 
mehrere wegen Abwesenheit der Eigenthümer unzugänglich. So 
namentlich die sehr umfangreiche Sammlung von Versteinerungen 
des Moskauer Jura, welche Herr H. Trautschold in den letzten 
Jahren mit grossem Eifer zusammengebracht und welche ihm 
das Material für die verschiedenen Publikationen über die Mos- 
kauer Jura -Bildungen geboten hat. Auch die angeblich sehr 
reiche und Sehens werthe Mineralien - Sammlung des durch zahl- 
reiche mineralogisch -chemische Arbeiten bekannten Herrn Dr. 
R. Hermann war uns wegen dessen zeitweiliger Abwesenheit 
verschlossen. Der durch verschiedene Arbeiten bekannte, früher 



227 



in Moskau lebende Geognost und Paläontolog Fahrrnkohl ist 
vor zwei Jahren verstorben. 

Der Wunsch, auch die geognostischen Verhältnisse der Um- 
gegend von Moskau durch eigene Anschauung kennen zu lernen, 
wurde durch mehrere Excursionen, auf denen ebenfalls Herr 
Dr. Auerbach unseren Führer zu machen die Güte hatte, in 
befriedigender Weise erfüllt. Zunächst besuchten wir einen 
geognostisch interessanten Aufschlusspunkt in der Stadt selbst. 
Es ist dies ein auf dem Grundstücke von Alexejeff gelegener 
Kalksteinbruch an der linken Thalwand des Jausa - Baches, 
welcher den südöstlichen Theil der Stadt durchfliesst. Es wird 
hier ein rauher gelber dolomitischer Kalkstein gebrochen, welcher 
in mächtigen, anscheinend ganz wagerechten Bänken ansteht. 
Productus semireticulatus und andere Fossilien bestimmen den 
Kalkstein mit Sicherheit als Kohlenkalk. Ueber dem Kalk liegt 
eine 2 bis 3 Fuss dicke Schicht von rothem Thon und über 
dieser eine dünne Lage von wechselnder Mächtigkeit, welche 
ganz aus Rollstücken von gelbem Hornstein besteht, dann folgt 
gegen 15 Fuss mächtiger, schwarzbraune?, ganz lockerer Schiefer- 
thon, welcher Ammonites crenatus und grosse Belemniten enthält, 
noch höher dunkler Sand mit festen, Ammoniten einschliessenden 
Mergelknollen und zuoberst eine dünne Decke von Diluvial-Sand 
mit nordischen Geschieben. Der ganze sehr schöne Durchschnitt 
hat eine Höhe von 35 Fuss. Der Schieferthon mit Ammonites 
crenatus und den Belemniten, sowie der Sand mit Ammoniten 
führenden Knollen gehören der gewöhnlichen, in der Gegend von 
Moskau verbreiteten Jura-Bildung an, welche wesentlich dem 
Etage Oxfordien und Etage Callovien von d'Orbigny entspricht. 
So sind also innerhalb der Stadt Moskau selbst die Gesteine 
zweier Formationen in deutlicher unmittelbarer Ueberlagerung zu 
beobachten. Das hat schon unser unvergesslicher L. v. Büch 
als eine Eigenthümlichkeit der alten russischen Hauptstadt her- 
vorgehoben. Beide Hauptstädte des russischen Reiches unter- 
scheiden sich übrigens in Betreff der geognostischen Beschaffen- 
heit des Bodens, auf welchem sie erbaut sind, von den meisten 
anderen Hauptstädten Europas. Während London, Paris, Wien 
und Berlin inmitten von grossen Tertiär-Becken ihre Stelle haben, 
so ruhen Petersburg und Moskau beide auf viel älteren Gesteinen. Pe- 
tersburg auf den ältesten überhaupt bekannten silurischen Schichten 
und Moskau auf mitteljurassischen Schichten und Kohlenkalk. 

15* 



228 



Ein zweiter Ausflug galt der berühmten Lokalität von Kho- 
roschowo (Charaschowo), einem 7 Werst d. i. eine deutsche Meile 
nordwestlich von Moskau auf dem steilen Ufer der Mosqua ge- 
legenen Dorfe. Der Weg dahin führt über eine weite wüste 
Fläche. Auf der rechten Seite sieht man in der Entfernung das 
von Peter dem Grossen erbaute Schloss Petrowsky, in welches 
sich Napoleon bei dem Brande von Moskau zurückzog. Der 
Aufschluss bei Khoroschowo ist die 50 Fuss hohe steile Ufer- 
wand des Mosqua-Flusses, welche an ihrem Fusse durch den 
Fluss bespült durch Abstürzen beständig sich erneuert. Vor- 
trefflich sind hier die schwarzen Jura-Thone mit ihren zahlreichen, 
zum Theil mit der farbenspielenden Perlenmutter-Schale erhal- 
tenen Versteinerungen zu beobachten. Zu Tausenden kann man 
hier rein gewaschen durch den Fluss die grossen vortrefflich er- 
haltenen Belemniten (ß. F 'ander ianus , B. absolutus u. s. w.) 
sammeln, denn der Boden ist förmlich damit bestreut. Von den 
zahlreichen sonst vorkommenden Cephalopoden, Gastropoden, Ace- 
phalen und Brachiopoden finden sich namentlich Aucella mos- 
quensis, Rhynchonella oxyoptycha und Ammonites virgatus in 
grosser Häufigkeit. Aucella mosquensis bildet in der Zusam- 
menhäufung ihrer Schalen oft wahre Muschelbänke. Uebrigens 
wird die ganze Uferwand bei Khoroschowo nicht durch eine ein- 
zige Schicht gebildet, sondern es lassen sich auch hier die drei 
Abtheilungen oder Lager erkennen, welche Trautschold in sei- 
ner neuesten Arbeit*) gleich mehreren seiner Vorgänger in dem 
Moskauer Jura überhaupt unterscheidet, nämlich eine untere 
vorzugsweise durch Ammonites alternans und Belemnites Pan~ 
derianus, eine mittlere durch Belemnites absolutus und Am- 
monites virgatus und eine obere durch Aucella mosquensis und 
Ammonites catenulatus bezeichnete Abtheilung. 

Wenn übrigens Trautschold am Schluss seiner neusten 
Arbeit in Betreff des Alters des Moskauer Jura zu der freilich 
nur hypothetisch ausgesprochenen Annahme gelangt, dass die 
drei Abtheilungen desselben dem Inferior oolite, der ßath-For- 
mation und dem Kelloway rock entsprechen, so gestehe ich, dass 
mir diese Parallelisirung den unteren Theil des Moskauer Jura 
bedeutend zu tief zu stellen scheint. Nach Allem was wir von 



*) Der Moskauer Jura, verglichen mit dem West-Europäischen von 
H. Trautschold in Moskau in dies. Zeitschr. Bd. XIII. 1861, S. 361- 453. 



229 

den Fossilen des Moskauer Jura kennen, scheinen mir auch die 
tiefsten Schichten desselben nicht wesentlich unter das durch Am- 
monites macrocephalus im westlichen Europa bezeichnete Ni- 
veau hinabzureichen. Ich würde mit den früheren Autoren und 
namentlich d'Oriugny den ganzen Schichten- Complex des Mos- 
kauer Jura dem vereinigen Etage Callovien und Oxfordien gleich- 
stellen. 

Ein heftiger Platzregen vertrieb uns von der merkwürdigen 
Lokalität und Hess uns in einem Bauernhause des Dorfes Kho- 
roschowo Schutz suchen. Während wir unsere Kleider trock- 
neten und mit Hülfe national- russischer Theemaschinen von 
Messingblech, dem Zamowar, welcher in keinem Hause fehlt, 
uns Thee bereiteten, theilte uns Herr Dr. Auerbach mit, dass 
dasselbe Stübchen , in welchem wir uns befanden , auch schon 
manchen anderen Geognosten und Paläontologen , welche gleich 
uns zur Besichtigung des sehenswerthen Aufschlusspunktes ge- 
kommen waren, Aufnahme gewährt habe, wie namentlich Mur- 
chison, E. de Verneuil, Blasius und Anderen. 

Das Ziel eines dritten Ausfluges waren die Sperlings- 
berge (Worabiowe Gora). Das ist nicht sowohl ein eigentlicher 
Berg oder Hügel, als vielmehr die etwa 200 Fuss betragende 
Höhe der ziemlich steil abfallenden, Moskau gegenüberliegenden 
Thalwand auf dem rechten Ufer des Flusses. Der Punkt wird 
von allen Reisenden besucht, denn er gewährt eine prachtvoll 
malerische Uebersicht über die Stadt. Diese zeigt sich hier in 
ihrer ganzen ungeheuren Ausdehnung, überragt von den 800 
Thürmen und Kuppeln der zahlreichen Kirchen und vor Allem 
von den fünf in der Sonne glänzenden goldenen Kuppeln der 
grossartigen, aus weissem Kohlenkalk erbauten neuen Kathedrale. 
Eine in weitem Bogen von der Mosqua umflossene, ausgedehnte 
grüne Wiesenfläche bildet den Vordergrund. In diesem erhebt 
sich links dicht vor dem Beschauer, ganz an die Klöster des 
Orients erinnernd und von Mauern mit Zinnen und Thürmen 
umgeben, der malerisch grosse Vierecksbau des Jungfern-Klo- 
sters. Rechts erhebt sich auf einem schön bewaldeten Hügel- 
vorsprunge das grossartige weisse Schloss des Grafen Mamonow. 
Durch den schönen Vordergrund übertrifft die Aussicht von den 
Sperlingsbergen noch bei weitem diejenige von der Höhe des 
Iwan Weliki im Kreml. Wir selbst genossen sie in zauberhaft 
glänzender Beleuchtung bei untergehender Sonne. 



230 



In geognostischer Beziehung sind die Sperlingsberge eben- 
falls ein merkwürdiger Punkt. Der Haupttheil des fast 200 Fuss 
hohen Abhanges wird durch losen Sand gebildet, den man nach 
seiner äusseren Beschaffenheit, wenn man ihn in Deutschland 
anträfe, etwa für Sand des Braunkohlengebirges halten würde. 
Bei näherer Betrachtung unterscheidet man in dieser Sandabla- 
gerung zwei Abtheilungen, eine untere, welche einzelne Bänke 
eines groben, sehr stark eisenschüssigen braunen Sandsteins mit 
Steinkernen von Schalthieren umschliesst, und eine obere mit 
Bänken eines quarzfelsartigen festen weissen Sandsteins, in welchem 
Abdrücke von eigenthümlichen Landpflanzen vorkommen. Zu 
oberst endlich folgt eine dicke Decke von Diluvium. Die An- 
sichten über die Altersbestimmung der an diesem Abhänge ent- 
blössten Schichten sind sehr verschieden gewesen. Murchison *), 
welcher an einem zur Zeit unserer Anwesenheit nicht mehr zu- 
gänglichen Punkte am Fusse des Abhanges jurassischen schwar- 
zen Schieferthon mit Belemniten und Ammoniten beobachtete, 
rechnet auch die ganze Reihenfolge sandiger Schichten bis zum 
Diluvium hinauf, der Jura-Formation zu. Die Moskauer Geo- 
logen deuten dagegen neuerlichst die Sandsteine mit Landpflanzen 
als Weald-Sandstein. Nur die sorgfältige Bestimmung der in 
dem eisenschüssigen Sandstein der unteren Abtheilung einge- 
schlossenen Muschelreste wird eine sichere Entscheidung bringen. 
Sind es wirklich Neocom-Fossilien , wie ich nach der früheren 
Bemerkung bei einer flüchtigen Prüfung in Dr. Auerbach's 
Sammlung zu erkennen glaubte, so kann der höher liegende 
Sandstein mit Landpflanzen nicht Weald sein. An sich ist auch 
das Vorhandensein der Weald-Bildung bei Moskau aus allgemeinen 
geognostischen Gründen wenig wahrscheinlich und es würde 
sehr unzweideutiger paläontologischer Beweismittel bedürfen, um 
dennoch deren Vorhandensein anzunehmen. 

Der weiteste Ausflug, den wir von Moskau aus unternah- 
men, war endlich der nach Miatschkowa, einem etwa 6 deutsche 
Meilen abwärts von Moskau an der Mosqua gelegenen Dorfe, 
um die dortigen grossartigen Steinbrüche im Kohlenkalke zu 
sehen. Auf dem Wege dahin besuchten wir zunächst die merk- 
würdigen Sandsteinbrüche bei dem Dorfe Kotielniki. Es wird 
hier in grossartigen, mehrere hundert Arbeiter beschäftigenden 



*) M. V. K. Russia Vol. I. pag. 237 ff '. Vol. II. pag. 500. 



231 



Steinbrüchen ein quarzfelsartiger kieseliger weisser Sandstein ge- 
brochen, der zu Mühlsteinen, Werkstücken und kleinen Trottoir- 
Platten verarbeitet wird. Zu oberst liegt ganz loser weisser 
Quarzsand, dann folgt Sand mit einzelnen ganz flachen kuchen- 
förmigen grossen Nieren von kieseligem Sandstein und erst dann 
die mächtigen Bänke von Sandstein. Dieser letztere schliesst 
eine fossile Fauna ein, welche zu sehr verschiedenen Deutungen 
in Betreff des Alters der ganzen Bildung geführt hat. Auer- 
bach, Trautschold, Eichwald und Andere haben sich mit 
diesen Fossilien beschäftigt und Aufzählungen derselben geliefert. 
Bei weitem am häufigsten ist eine Inoceramus-Art von eigen- 
thümlichem Habitus, der lnoc er a mus bilobus. Demnächst 
eine Natica-Art, welche, da sie nur als Steinkern vorkommt, wohl 
nur sehr unsicher als Natica vulgaris Reuss bestimmt wird. 
Dann ein Ammonit mit einzelnen starken Knoten am Umfange 
des Nabels, der nach dem Vorgange von Auerbach und Frears 
gewöhnlich als Ammonites Koenigii aufgeführt wird. Seltener 
ist schon ein Discusartiger flach scheibenförmiger Ammonit, der 
Ammonites catenulatus Fisch. Was sonst noch vorkommt sind 
Seltenheiten; Steinkerne von Zweischalern und Gastropoden, die 
für die Entscheidung der Frage nach dem Alter des Sandsteins 
wenig Bedeutung zu haben scheinen. Wenn nun Trautschold 
und Eichwald früheren Deutungen entgegen dem Sandstein von 
Kotielniki in der Kreideformation seine Stelle anweisen, so glaube 
ich, dass damit das Richtige getroffen ist, meine aber zugleich, 
dass die beiden Ammonites-Arten für eine nähere Bestimmung 
des Niveaus, welches der Sandstein in der Kreideformation ein- 
nimmt, benutzt werden können. Der A. catenulatus kommt in 
der äusseren Gestalt mit dem A. Gevrilianus d'Orb. überein, 
einer Art, die in dem Neocom von Frankreich zuerst aufgefun- 
den, seitdem auch in den thonigen Neocom-Bildungen des nord- 
westlichen Deutschlands („Hils-Thon" A. Roemer's) und na- 
mentlich am Osterwald und am Süntel in Hannover erkannt 
worden ist. Was ich von den Suturen des Ammoniten von Ko- 
tielniki habe erkennen können, passt ebenfalls zu dem A. Ge- 
vrilianus und namentlich die geringe Tiefe der wenig zerschnit- 
tenen, fast nur gekerbten Loben und Sättel. Der gewöhnlich als 
A. Königii gedeutete Ammonit könnte vielleicht zum A. Astie- 
rianus gehören, wenigstens kenne ich ähnliche Formen der Art 
aus den norddeutschen Hils-Bildungen und andererseits habe ich 



232 



auch im Sandstein von Kotielniki ein Bruchstück gefunden, wel- 
ches sich bedeutend mehr der typischen Form des A. Astieria- 
nus nähert. Durch eine scharfe Vergleichung der Loben habe 
ich freilich bei dieser Art die Identificirung nicht begründen 
können. Sind wirklich die beiden Ammoniten-Arten mit den 
Arten d'Orbigky's identisch, so würde daraus die Zugehörigkeit 
des Sandsteins von Kotielniki zur Neocom- Bildung zu folgern 
sein und zugleich würde eine wesentlich gleiche Stellung mit 
dem eisenschüssigen Sandstein an den Sperlingsbergen sich er- 
geben. 

Einige Werst von Kotielniki liegen im Walde die nicht 
minder bedeutenden Steinbrüche von Witkrino (oder Lytkarino). 
Alle Verhältnisse sind hier denjenigen von Kotielniki gleich. 

Miatschkowa ist ein grosses, durch den Steinbruchbetrieb 
wohlhabendes Dorf, welches auf dem hohen linken Ufer der 
Mosqua liegt. Die ausgedehnten Steinbrüche im Kohlenkalk er- 
strecken sich , im Sonnenlicht blendend weiss wie Kreide strah- 
lend, auf beiden Ufern der Mosqua mehrere Werst weit entlang. 
Seit Jahrhunderten haben sie das Material geliefert, aus welchem 
Moskau vorzugsweise gebaut ist. Die Hauptmasse ist ein weisser 
poröser rauher Kalkstein, der nicht wie die meisten älteren Kalk- 
steine aus einem gleichartigen verhärteten Kalkschlamm gebildet ist, 
sondern ein Aggregat von lauter Foraminiferen und Muschel- 
resten darstellt, welche wohl durch einen dünnen Ueberzug von 
Sinterkalk untereinander verbunden sind, zwischen denen aber 
nicht wie bei gewöhnlichen Kalksteinen die Zwischenräume durch 
Kalkschlamm ausgefüllt sind. Gerade dieses Gestein wird zu 
Werkstücken verarbeitet und zu Kalk gebrannt. Die häufigsten 
Fossilien sind iSpirifer Mosquensis (meistens jedoch nur in 
einzelnen Klappen, selten in vollständigen unverdrückten Exem- 
plaren!), Productus semireticulatus, Spirifer Lamarckii (sehr 
selten in vollständigen unverdrückten Exemplaren !), Archaeoci- 
daris Rossicus (Stacheln und sechsseitige Täfelchen der Inter- 
radial-Felder !) , Chaetetes radians und Fusulina cylindrica. 
Die Gehäuse der letzteren sind oft so zusammengehäuft, dass 
sie das Gestein fast für sich allein zusammensetzen (Fusulina- 
Kalkstein). Gewöhnlich liegen die kugeligen Gehäuse einer 
zweiten Polythalamien-Art, der Borelis sphaeroidea , zwischen 
denjenigen von Fusulina. In Dr. Auerbach's Sammlung sah 
ich ein drittes, durch das Vorkommen an dieser Stelle sehr merk- 



233 



würdiges Fossil aus der Klasse der Polythalamien. Das ist 
Nummulina antiquior , nach einer durch Reuss an Dr. Auer- 
bach gerichteten brieflichen Mittheilung ebenso unzweifelhaft ein 
ächter Nummulit , als nach dem Zeugniss von Dr. Auerbach 
wirklich in dem Kohlenkalke von Miatschkowa gefunden. Ueber 
dem rauhen weissen Kalke liegen Bänke eines compacten gelben 
dolomitischen Kalksteins und auf diese folgen dann unmittelbar 
in scheinbar gleichförmiger Lagerung schwarzbraune Jura-Mergel 
mit Belemniten und Ammoniten. In manchen Steinbrüchen ist 
diese unmittelbare Berührung von zwei Bildungen so verschie- 
denen Alters und der lebhafte Contrast ihres petrographischen 
Verhaltens sehr schön zu beobachten. 

Nach einem achttägigen Aufenthalte in Moskau kehrten wir 
auf demselben Wege, wie wir gekommen, mit der Eisenbahn 
nach Petersburg zurück. Denn ohne Noth wird wohl Niemand 
die ermüdende und einförmige sechstägige Postfahrt über War- 
schau zur Rückreise von Moskau nach Deutschland wählen. In 
Petersburg verweilten wir noch einige Tage und schifften uns 
dann, gedrängt durch die schon sehr unfreundlich und winterlich 
auftretende Witterung, auf einem der vortrefflichen Dampfschiffe 
der Lübecker Linie nach Lübeck ein und langten hier nach 
dreitägiger Fahrt wohlbehalten an. Wir hatten so in einem 
Zeitraum von wenigen Wochen unseren ursprünglichen Plan 
ausgeführt und wenn auch nicht eingehende eigentliche Unter- 
suchungen angestellt, doch eine Reihe werthvoller Anschauungen 
gewonnen. 



Druck von J. F. Starcke in Berlin. 



Zeitschrift 

der 

Deutschen geologischen Gesellschaft. 

2. Heft (Februar, März, April 1862). 



A. Verhandlungen der Gesellschaft. 

f. Protokoll der Februar- Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 5. Februar 1862. 

Vorsitzender: Herr G. Rose. 

Das Protokoll der Januar-Sitzung wird verlesen und ange- 
nommen. 

Der Gesellschaft ist als Mitglied beigetreten: 
Herr Hüttenmeister Bischof in Mägdesprung, 

vorgeschlagen durch die Herren G. Rose , Roth, 
Ewald. 

Für die Bibliothek sind eingegangen : 

A. Als Geschenke : 

v. Bennigsen-Foerder : Anleitung zur leicht ausführbaren 
Erforschung der Ackerkrume und des Untergrundes ohne chemi- 
sche Vorkenntnisse und ohne Anwendung der Wage. Berlin, 
1861. 

K. Peters: Geologische und mineralogische Studien aus 
dem südöstlichen Ungarn. I. und IL — Mineralogische Notizen. 
Separat- Abdruck. 

Schruefer : Ueber die Juraformation in Franken. Separat- 
Abdruck. 

H. Trautschold: Der Moskauer Jura. Separat-Abdruck. 

B. Im Austausch: 

Verhandlungen der k. k. geolog. Reichsanstalt. November, 
December 1861, Januar 1862. 

Zeitschrift des Ingenieur- und Architekten - Vereins für das 
Königreich Hannover. VII, 4. 

Zeits.d.d. geol.Ges. XIV. 2. 16 



236 



Neue Denkschriften der allgemeinen Schweizerischen Ge- 
sellschaft für die gesammten Naturwissenschaften. Bd. XVII. 
und XVIII. 

Archiv für Landeskunde in Mecklenburg. 1861, 8. 9. 10. 

Sitzungsberichte der königlichen Bayerischen Akademie der 
Wissenschaften. 1861. I, 5. 

Mittheilungen der naturforschenden Gesellschaft in Bern. 
No. 440 bis 468. 

Verhandlungen der naturforschenden Gesellschaft in Basel. 
III, 1. 2. 

Archiv für wissenschaftliche Kunde von Russland. XXI, 1. 
Memoires de la Societe des sciences naturelles de Neu- 
chatel. Tom. /, //, ///, und Bulletin Tome V, Cahier 3. 
Atti della Societa Elvetica riunita in Lugano. 18b'0. 

Herr H. Karsten sprach über die geognostische Beschaffen- 
heit der Gebirge von Caracas.*) 

Herr Barth berichtete über den von den Herren von der 
Decken und Thornton untersuchten, im äquatorialen Ost- Afrika 
ca. 4 Grad S. Br. und 200 englische Meilen von der Küste ent- 
fernten, schon von Hermann und Krapf angezeigten Schneeberg 
Kilimandjäro. Es ist ein ausgebrannter, über 20,000 Fuss ho- 
her Vulkan , der mit 3000 Fuss in die Schneelinie hineinragt, 
und zwei eingestürzte Gipfel zeigt. Der Berg wurde nur bis 
8000 Fuss erstiegen, eben so ist seine Nordseite noch unbe- 
kannt. 

Herr G. Rose legte Proben aus einer Sammlung von Kupfer- 
erzen aus dem Klein-Namaqualande und dem Damaralande im Sü- 
den und Norden des Orangeflusses in Süd -Afrika vor, die der 
Missionar Herr Hahn gesammelt und dem Königl. mineralogi- 
schen Museum überlassen hatte, und erläuterte ihr Vorkommen 
nach den Stücken und den Mittheilungen, die wir darüber von 
Delesse, Zerrenner und neuerdings von Knop erhalten haben. 
Die reichen Erze brechen alle in Thonschiefer und Granit, und 
bestehen in ihren unteren Teufen aus Kupferkies und Buntkupfer- 
erz ohne alle andere Gangarten als Quarz, in den obern Teufen 
aus Kupferoxyden, Kupfersalzen, gediegenem Kupfer und Braun- 



*) Bd. XIV, S 28-2. 



237 



eisenerz. Auch etwas Gold findet sich im Kupferpecherz der 
übersandten Erze. Knop hat in seinem Berichte sich ausführlich 
über die Entstehungsweise dieser Erze in den oberen Teufen 
ausgelassen, wovon der Redner das Wichtigste mittheilte. 

Herr Ewald besprach eine neuerlich erschienene Abhand- 
lung des Dr. Brauns über fossile Pflanzen, welche sich in den 
Bonebedsandsteinen von Seinstedt im Braunschweigischen gefun- 
den haben, und knüpfte daran die Mittheilung von der Ent- 
deckung einer aus Farnen und Cycadeen bestehenden gleichaltri- 
gen Flora in denjenigen Sandsteinen des Magdeburgischen, welche 
zwischen den Keupermergeln und Asteriensandsteinen ihre Stelle 
haben. Bei einem Vergleich dieser Flora mit der im unteren 
Lias von Halberstadt enthaltenen stellt sich keine vollständige 
Identität, wohl aber eine nahe Verwandtschaft beider heraus, 
welche sich theils durch das ihnen gemeinsame Vorkommen eini- 
ger Arten, z. B. der Clathropteris meniscioides, theils durch die 
Aehnlichkeit ihres allgemeinen Habitus zu erkennen giebt. 

Herr Soechting knüpfte an den Vortrag des Herrn G Rose 
einige Erinnerungen an die Beobachtungen, welche Forbes in 
Bolivia und Chili über das Auftreten von Kupfererzen neuerlich 
gemacht hat, namentlich in der Gegend von Corocoro. Hier kom- 
men Pseudomorphosen von gediegenem Kupfer nach Aragonit 
vor, welche zuerst und gleichzeitig von Breithaupt und Redner 
beschrieben wurden und über welche letzterer früher auch der 
Gesellschaft Mittheilungen gemacht hatte. Forbes giebt nun das 
Vorkommen dieser Gebilde näher an und erklärt ihre Entstehung 
so wie die des Kupfers im Sandstein überhaupt durch Gasein- 
wirkungen in Folge des Ausbruchs plutonischer Gesteine. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 

v. w. o. 

G. Rose. Beyrich. Roth. 



16 



238 



2. Protokoll der März - Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 5. März 1862. 
Vorsitzender: Herr Mitscherlich. 

Das Protokoll der Februar-Sitzung wird verlesen und ange- 
nommen. 

Der Gesellschaft sind als Mitglieder beigetreten: 

Herr C. Gilbert Wheeler, Mitglied der geologischen 
Commission des Staates Missouri, 

vorgeschlagen durch die Herren H. Rose, Beyrich, 

H. Karsten. 
Herr Premier-Lieutenant Meier in Goslar, 

vorgeschlagen durch die Herren Beyrich, Roth, 

v. Seebach. 

Der Vorsitzende theilte mit, dass Se. Excellenz der Minister 
für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten, Herr v. d. Heydt, 
der Gesellschaft auf ihr Ansuchen einen Zuschuss von 200 Tha- 
lern gewährt habe zur Herstellung der die Abhandlung des Berg- 
referendar Heine begleitenden Karte von Ibbenbüren. 

Für die Bibliothek sind eingegangen: 

A. Als Geschenke: 

Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen in dem 
Preussischen Staate. IX, 2. 3. 4. 

Zerrenner : Ueber die Erweiterungsfähigkeit des Schwefel- 
bergbaues zu Swoszowice. 

B. von Cotta und H. Mueller: Gangstudien. Bd. 4, 
Heft 1. 

Omboni: I ghiacciaj antichi e il terreno erratico di Lom- 
bardia. Separat-Abdruck. 

Omboni: Bibliografia. Separat-Abdruck. 

Tageblatt der 36sten Versammlung deutscher Naturforscher 
und Aerzte in Speyer. 

Sr aring: Notice sur les restes du Mosasaurus et de 
la tortue de Maastricht conserves au Musee de Teyler ä 
Hartem. Separat-Abdruck. 

B. Im Austausch: 

Staring: Geologische Karte der Niederlande. Blatt 15. 
Veluwe. 



239 



Jahresbericht der Wetterauer Gesellschaft für die gesaramte 
Naturkunde. 1858 bis 1860. Hanau, 1861. 

Verhandlungen des naturhistorischen Vereins der preussi- 
schen Rheinlande und Westphalens. XVIII, 1. 2. Bonn, 1861. 

Sitzungsberichte der mathematisch - naturwissenschaftlichen 
Klasse der kön. Akademie der Wissenschaften in Wien. 1860. 
No. 29. 1861. I, 6. 7. II, 4. 5. 6. 7. 

Jahrbuch der k. k. geologischen Reichsanstalt. XII, 1. 
Wien. 

Sitzungsberichte der kön. Bayerischen Akademie der Wissen- 
schaften zu München. 1861. II, 1. 2. 

Mittheilungen aus J. Perthes' geographischer Anstalt. 
1862. I. 

Archiv für Landeskunde in den Grossherzogthümern Meck- 
lenburg. 1861. XI, XII. 

Atti della Societä ltaliana di scienxe naturali. III. Fase. 4. 
Milano. 

The American Journal of science and arts. Vol. XXXIII. 
No. 97. January, 1862. 

The Canadian naturalist and geologist. VI No. 6. 
Montreal, 1861. 

Herr Beyrich berichtete über die Schichten-Folge, welche 
bei Erfurt in den Bohrlöchern zur Aufsuchung des Steinsalzes 
beobachtet worden ist, und verglich dieselbe mit der bei Weimar 
auftretenden Schichten-Folge nach den Angaben des Herrn von 
Seebach. 

Herr Splittgerber legte Asche vom letzten Ausbruche 
des Vesuvs im December 1861 vor, welche in Neapel gesam- 
melt war. Sie zeichnet sich durch grosse Feinheit und dunkle 
Färbung aus. Mit dem Magnet lässt sich etwas Magneteisen aus- 
ziehen und vor dem Löthrohr ein schwarzes Glas erblasen. 

Herr G. Rose legte einige neue Erwerbungen des Königl. 
mineralogischen Museums vor, nämlich: 

1) Flussspath von Kongsberg in Norwegen. Ein 5 Zoll 
langer und 2j Zoll hoher Zwillingskrystall. Die Individuen 
sind eine Combination des Octaeders, Hexaeders und Leucitoids, 
und sind nicht wie gewöhnlich mit der Zwillingsebene einer 
Octaederfläche , sondern einer darauf senkrechten Fläche verbun- 



240 



den ; wasserhell, wenn auch mit Sprüngen parallel den Spaltungs- 
flächen durchsetzt, die Leucitoidflächen blau. 

2) Apatit von Furuholmen bei Krageröe im südlichen 
Norwegen, lieber zollgrosse Krystalle , wie die Krystalle von 
Snarum, die zur Vergleichung ebenfalls vorgelegt wurden, aber 
frischer, röthlich -weiss, glattflächig, glänzend, undurchsichtig, in 
einem Kalkstein eingewachsen, der theils röthlich-weiss und kör- 
nig, theils schwärzlich-grau, dicht und thonig ist und eine grosse 
Menge kleiner Körner und Krystalle von Quarz enthält. 

3a) Schwarzbrauner Spinell von Amity in New-York 
. V. St. Nord-Am. Eine Gruppirung von mehreren Krystallen in 
paralleler Stellung, von denen einer eine Kante von 2 Zoll hat, 
mit etwas braunem Magnesia-Glimmer in körnigem Kalkstein. 

3 b) Krystalle von der Grösse eines halben Zolles und darüber 
von diesem Spinell mit Chondrodit, Molybdänglanz und braunem 
Glimmer in körnigem Kalksteine daher. 

4) Lazulith aus Lincolm Cty in Nord - Carolina V. St., 
über zollgrosse zwei- und ein-gliedrige Octaeder, blau, aber nur 
an den Kanten durchscheinend, in Itacolumit eingewachsen. 

5) Haar kies (Schwefelnickel) von der Wood's Mine in 
Lancaster Cty, Pensylvanien V. St. Derselbe bildet kleine auf 
derbem Magnetkies aufgewachsene Kugeln, die aus excentrisch 
faserigen Zusammensetzungsstücken bestehen, aber eng aneinander 
liegen, so dass sie sich gegenseitig begegnend eine dünne, etwa 
ij Linien dicke Lage auf dem Magnetkies bilden. Der Haar- 
kies ist mit einem grünen Anflug bedeckt. 

Die beiden ersten Stücke wurden vom Dr. Krantz in Bonn, 
die übrigen vom Prof. Shepabd in New -Häven in New-York 
erhalten. 

Herr Eck sprach über das Vorkommen des von Schaf- 
haeutl als Kullipora annulata von der Zugspitze und von 
v. Schauroth als Chaetetes? aus dem Val del Orco im Tretto 
beschriebenen und in den Alpen für den Hallstädter Kalk bezeich- 
nenden Petrefakts im Muschelkalk Oberschlesiens. Es findet sich 
hier in einem gelblichen mergeligen Dolomit, welcher auf der Blei- 
scharleigrube bei Beuthen den die Fauna des Mikultschützer Kalks 
führenden Dolomitschichten aufgelagert ist und seinerseits wieder 
in der Gegend von Alt-Tarnowitz und Himmelwitz von dem Kalke 
von Kyhna, Opatowitz, Alt-Tarnowitz u. s. w. überlagert wird. 



241 



Herr Mitscheruich legte von Herrn Marquis de la Ribera 
mitgetheilte Proben spanischer Braun- und Steinkohlen vor, so 
wie Proben einiger Kohlen von den Philippinen. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 

v. w. o. 

Mi tscherlich. Beyrich. Roth. 



3. Protokoll der April -- Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 2. April 1862. 
Vorsitzender: Herr Mitscherlich. 

Das Protokoll der März - Sitzung wird verlesen und ange- 
nommen. 

Der Gesellschaft ist als Mitglied beigetreten: 
Herr Dr. phil. Stuebel in Dresden, 

vorgeschlagen durch die Herren v. Cotta , Roth, 

SCHEERER. 

Für die Bibliothek sind eingegangen: 
A. Als Geschenke: 

J. O. Semper: Paläontologische Untersuchungen. I. Theil. 
Neubrandenburg, 1861. 

F. Chapuis: Nouvelles recherches sur les fossiles des ter- 
rains secondaires de la province de Luxembourg. Premiere 
partie. Separat- Abdruck. 

Haughton: On the reßexion of polarized light front the 
surface of transparent bodies. — On some new laws of re- 
ßexion of polarized light. — On the solar and lunar diurnal 
tides of the coasts of Ireland. — Short account of experi- 
ments made at Dublin to determine the azimuthal motion of 
the plane of a freely suspended pendulum. — The tides of 
Dublin Bai/. — On the natural constants of the health urine 
of man. Separat- Abdruck. 

A. du Graty: La republique du Paraguay. Bruxelles, 
Leipzig, Gand, 1862, 

Reüss: Die fossilen Mollusken der tertiären Süsswasserkalke 



242 

Böhmens. — Paläontologische Beiträge. — Beiträge zur Kennt- 
niss der tertiären Foraminiferen-Fauna. — Entwurf einer syste- 
matischen Zusammenstellung der Forarniniferen. Separat- Abdrücke. 

von Cotta: Ueber eine eigenthümliche Absonderung des 
Granites. 

Saemann et Triger: Sur les anomia biplicata et vesper- 
tilio de Brocchi. Separat-Abdruck. 

Saemann et Dollfuss: Etudes critiques sur les echino- 
dermes fossiles du coraUrag de Trouville. Separat-Abdruck. 

B. Im Austausch: 

Archiv für wissenschaftliche Kunde von Russland. XXI, 2. 

Mittheilungen der naturforschenden Gesellschaft in Bern. 
1861. No. 469 bis 496. 

Archiv des Vereins der Freunde der Naturgeschichte in 
Mecklenburg. 1861. 

Archiv für Landeskunde in den Grossherzogthümern Meck- 
lenburg. XII, 1. 2. 

Abhandlungen herausgegeben von der Senkenbergischen Na- 
turforschenden Gesellschaft. IV, 1. 

Schriften der königl. physikalisch-ökonomischen Gesellschaft 
zu Königsberg. II, 2. 1861. 

Bulletin de la Societe geblogique de France. (2) XIX. 
Feuilles 1 — 6. 

Bulletin de la Societe Imperiale des naturalistes de Mos- 
cou. 1861. No. 3. 

Quarter ly Journal of the geological Society. XVIII, 1. 
London. 

Journal of the geological Society of Dublin. IX, 1. 
Journal of the Royal Dublin Society. XX — XXIII. 
American Journal of science and arts. XXIII. No. 98. 

Herr Rammelsberg sprach einige Worte der Erinnerung 
an das am 19. März 1862 verstorbene Mitglied der Gesellschaft, 
den Herz. Anhalt-Bernburgischen Oberbergrath Zincken. 

Herr v. Bennigsen-Foerder sprach über den auf nordische 
Diluvial-Phänomene bezüglichen Theil der Mittheilungen des Herrn 
v. Middendorff in den Berichten der Petersburger Akademie der 
Wissenschaften vom Jahre 1860, vornehmlich Inschriften auf der 
Insel Ankiew betreffend. Herr v. Middendorff bemerkt in diesem 



243 



Bericht, dass unter mehreren auf der kleinen Insel Sosnöwetz 
am Eingange des Weissen Meeres befindlichen Riesentöpfen be- 
sonders derjenige seine Aufmerksamkeit in Atispruch genommen, 
welcher bei 6 Zoll Weite und vollkommen cylindrischer Gestalt 
eine Tiefe von 18 Zoll besitzt und auf dessen Boden der abge- 
rundete Stein, welcher bei der Aushöhlung thätig gewesen, noch 
vorhanden war; in Betreff des Ursprungs der Riesentöpfe fügt 
der genannte Beobachter nur schliesslich die kurze Notiz hinzu: 
dass man sich leicht überzeugen könne, wie sie der 
Ebbe ihre Entstehung verdanken. 

Veranlasst durch die Wichtigkeit der nordischen Riesentöpfe 
auf Inseln und Skären für die vom Redner vor wenigen Jahren 
ausgesprochene Diluvial- Theorie , nach welcher der Europäische 
Norden ein höheres, zusammenhängendes und daher mit Glet- 
schern bedeckt gewesenes granitisches Massiv gebildet habe, be- 
leuchtete derselbe zunächst das Unzureichende jener schliesslichen 
Notiz gegenüber den eigenen Angaben des Beobachters über Tiefe 
und Weite des gedachten Riesentopfes, indem Redner durch Zeich- 
nung anschaulich machte , dass wenn man auch die höchst un- 
wahrscheinliche Wirkung von Ebbewellen auf ein an terrassen- 
förmigen granitischen Meeresufern liegendes Geröll insoweit zu- 
geben wollte, dass dieses Geröll ungeachtet des steten Wechsels 
zwischen stärkeren Fluth- und schwächeren Ebbewellen und un- 
geachtet der stets ungleichen, durch Winde veränderten Gewalt 
dieser Welle, auf derselben Stelle liegen bleibend nur in eine 
drehende und daher einbohrende Bewegung durch Ebbewellen 
versetzt werde, doch niemals angenommen werden könne, dass 
jenes Geröll, wenn es sich um den Betrag der Länge seines 
Durchmessers senkrecht in den Felsen eingebohrt habe, nun 
noch, nachdem es gegen directen Einfluss der Wellen durch die 
Vertiefung und zugleich durch das Wasser in derselben geschützt 
sei, eine bohrende Bewegung erhalten könne, welche eine seinen 
Durchmesser dreimal übertreffende cylindrische Aushöhlung zu 
bewirken im Stande wäre. 

Die vom Redner bei Gothenburg beobachteten Riesentöpfe 
von 16 Fuss Tiefe, namentlich die dort dicht untereinander 
an einer geglätteten Böschung etagenförmig vorkommenden vier 
Riesentöpfe, und demnächst die längst von Agassiz gegebene, 
auf Beobachtung in den Alpen gestützte Erklärung über Ursprung 
der Riesentöpfe nöthigen zu der Annahme, dass sie, ihre senk- 



244 



rechte Richtung vorausgesetzt, als Kennzeichen ehemaligen Gletscher- 
bodens angesehen werden müssen. Die Abneigung eine ehemalige 
Vergletscherung des nordeuropäischen Bodens in derDiluvial-Epoche 
anzunehmen findet wohl ihre Erklärung in dem Umstände, dass 
bisher eine solche Vereisung des Bodens für sein gegenwärtiges 
Niveau angenommen wurde, während Redner vt>r zwei Jahren 
schon nachzuweisen bemüht gewesen, dass Nord -Europa in der 
Diluvial-Zeit um mehr als 1000 Fuss höher gewesen als jetzt. 

Herr G. Rose theilte einen Brief des Herrn von Richt- 
hofen, d. d. Bangkok 8. Februar 1862 mit. 

Herr Tamnau legte grosse schwarze und grüne Spinell- 
Krystalle von Warwick im Staate New -York in Nord -Amerika 
vor, und sagte über deren Vorkommen : 

„Spinell, im Allgemeinen ein selten und sparsam vorkom- 
mendes Mineral, findet sich gleichwohl in gewissen Theilen Nord- 
Amerika's, namentlich in den Staaten New -York, New -Jersey 
und Massachusets, häufig und wie es scheint in ziemlicher Menge. 
Nach Dana ist es ganz besonders eine Region von körnigem Kalk- 
stein und Serpentin, die sich von Amity (N.-Y.) bis Andover 
(N.-J.) etwa 30 englische Meilen weit hinzieht, in welchem die 
vorzüglichsten Fundorte dieses Minerals belegen sind. In meiner 
an Nord- Amerikanischen Mineralien ungewöhnlich reichen Samm- 
lung sind über 20 Lokalitäten aus den Vereinigten Staaten ver- 
treten, von denen ich als die vorzüglicheren hier nur anführen 
will: Warwick, Amity, Mount Eve, Oxbow, Edenville, Sommer- 
ville, sämmtlich im Staate New-York, — Sparta, Byram, Frank- 
lin, Newton, Hamburgh im Staate New-Jersey, — Boxborough, 
Chelmsfund in Massachusets u. s. w., — doch nennen amerika- 
nische Mineralogen noch viele andere Stellen, an denen man 
Spinell gefunden hat. 

An diesen Orten kommt der Spinell in sehr verschiedenen 
Abänderungen vor. Am seltensten scheinen die rothen und 
blauen durchscheinenden Varietäten zu sein; — häufiger sieht 
man die verschiedensten Nüancen von grau, braun und hellgrün; 
— am häufigsten scheinen dunkelgrüne und schwarze Abänderun- 
gen, unter denen man überdies auch die grössten Krystalle an- 
trifft. — Dieser grosse Unterschied, nicht nur in der Farbe, son- 
dern in den allgemeinen äusseren Eigenschaften erinnert lebhaft 
an ähnliche Verschiedenheiten bei anderen Mineralien, namentlich 
bei Granat und Turmalin. 



245 



Der bei weitem grössere Theil der amerikanischen Spinelle 
erscheint als Octaeder ohne weitere Modifikation. Viel seltener 
findet sich die Combination des Octaeders mit dem Granatoeder, 

— Octaeder mit abgestumpften Kanten , — wobei die Octaeder- 
Flächen jederzeit sehr vorherrschend bleiben. Die übrigen am 
Spinell beobachteten Gestalten habe ich an den amerikanischen 
Varietäten nicht gesehen, wenigstens nicht bestimmbar deutlich; 

— doch beschreibt Nuttall grüne Spinell-Krystalle von Frank- 
lin, N. J., von der Combination des Octaeders mit dem Hexae- 
der, — Octaeder mit abgestumpften Ecken. — Zwillings-Krystalle 
erscheinen häufig, doch sind es immer nur die auch an andern 
Spinellen und am Magneteisenstein nicht selten vorkommenden 
Gestalten , die aus der Drehung der einen Hälfte des Octaeders 
entstehen. Die hier vorgelegten Krystalle, so umfangreich sie 
auch erscheinen mögen, — an dem grössten zeigt die Octaeder- 
Kante eine Länge von fast 5 Zoll, — gehören doch noch bei 
weitem nicht zu den grössten, die man gefunden hat. Alger 
spricht von schwarzen Kry stallen von Warwick und Amity von 
10 bis 16 Zoll im Durchmesser, — und Dana erzählt gar von 
einem von Dr. Heran gefundenen Krystall von Amity, der 49 
Pfund schwer gewesen sei. — Gegen solche Dimensionen erschei- 
nen allerdings die Spinelle, die man aus der alten Welt kennt, 
von sehr geringem und zwerghaftem Umfange. 

Die Begleiter der amerikanischen Spinelle sind an den ver- 
schiedenen Fundorten sehr verschieden. Ausser dem Kalkstein 
oder Serpentin, in dem sie gewöhnlich vorkommen, sieht man sie 
häufig von Chondrodit und Glimmer, zuweilen von Hornblende 
und Crichtonit, und in seltneren Fällen von blauem Corund, Tur- 
malin und Rutil begleitet. 

Von den übrigen Mineralien, die e der Gruppe des Spinells 
zugehören und vielleicht theilweise mit ihm zu vereinigen sind, 
als Chlorospinell, Hercynit, Kreittonit, Antomolith, (Gahnit,) und 
Dysluit sind meines Wissens nur die beiden letzten in Amerika 
gefunden worden. Antomolith kennt man von Franklin , N.-J., 
und von Haddam, Conn., — Dysluit aber, ein Zink- und Mangan- 
haltender Spinell, über dessen genaue chemische Mischung man 
noch nicht genügend unterrichtet ist, hat sich überhaupt nur in 
den Zink-Minen von Sterling und Franklin, N.-J. gefunden, und 
scheint ein sehr seltenes Mineral zu sein. 

Unter den Namen „Pseudotite" und „Soft Spinell" haben 



246 



amerikanische Mineralogen einen Spinell beschrieben, der durch 
einen viel geringeren Härtegrad von dem gewöhnlichen Vorkom- 
men abweicht. Mir sind dergleichen weiche Spinelle von War- 
wick und von Mount Eve, N.-J., zugekommen, und ich kann hier 
ein ganz ausgezeichnetes Exemplar von der letztern Lokalität vor- 
legen. Beck, welcher bemerkte, dass an derartigen Krystallen 
einzelne Stellen sehr hart und andere sehr weich waren, glaubt 
es als eine Einmengung von Serpentin in den Spinell - Krystall 
betrachten zu müssen. Andere haben es wohl mit Recht für eine 
Pseudomorphose des Spinells erklärt, dessen Umwandlung noch 
nicht ganz vollendet sei. Aehnliche nur noch weiter vorgeschrit- 
tene Umwandlungen von Spinell sind seit längerer Zeit vom Mon- 
zoni-Berge im Fassa-Thal und aus dem Val di Fieme bekannt. — 
Ob auch Shepard's Houghit von Gouvernement N.-Y., — weiss- 
graue specksteinartige Massen, die zuweilen einen Kern von noch 
unzersetztem rothen Spinell enthalten, — als ein Zersetzungs- und 
Umwandlungs -Product aus Spinell zu betrachten ist, — dürfte 
noch unentschieden erscheinen." 

Herr Roth sprach über die chemische Zusammensetzung 
von Magnesiaglimmer und Hornblende. 

Herr Bernoulli sprach im Anschluss an einen früheren 
Vortrag über die Stassfurter Salze über die Eigenthümlichkeit 
des sogenannten Kieserites, einer Verbindung von schwefelsaurer 
Magnesia mit 1, 2 und mehr Atomen Wasser, abweichend von 
der sonst dargestellten schwefelsauren Magnesia bei anhaltender 
Rothglühhitze die ganze Schwefelsäure als solche zu verlieren, 
und knüpfte daran die Bemerkung, dass diese Eigenschaft der in 
grossen Massen in Stassfurt abgelagerten schwefelsauren Magnesia- 
Salze von Wichtigkeit für die Technik werden könne, indem sie 
ein Mittel für eine billige Bereitung von Schwefelsäure an die 
Hand gäbe. 

Herr Rammelsberg bemerkte, dass auch noch andere Ver- 
bindungen von schwefelsaurer Magnesia mit Wasser vorkommen, 
z. B. 2 Mg S + H. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 

v. w. o. 

MlTSCH ERLICH. BEYRICH. ROTH. 



247 



B. Briefliche HI ittheilung. 



1. Herr von Richthofen an Herrn G. Rose. 

Bangkok, den 8. Februar 1862. 

Ueber die Gebirge von Siam gedenke ich nächstens, wenn 
ich noch das westliche Scheidegebirge gegen Birma gesehen ha- 
ben werde, einige Bemerkungen nach Berlin zu schicken. Ihr 
vorwaltendes Interesse liegt in ihrem ungeheuren Alter. In die 
Theile, welche ich bisher gesehen habe, greift nicht ein einziges 
jüngeres Schichtgebilde ein. Sie bestehen zum kleineren Theil 
aus krystallinischen Schiefern , zum grösseren aus einer Reihe 
sehr mannichfacher Sedimente, in denen ich keine Spur einer 
Versteinerung entdecken konnte. Ich fand mich in die Gegend 
von Kitzbüchel, Rattenberg und Dienten versetzt. Die Gesteine 
gleichen denjenigen dieser Gegend und den unteren tiefsten Grau- 
wackengebilden in auflallender Weise und stehen ihnen auch an 
Mächtigkeit nicht nach. Ein sehr hornblendereicher Granitit, 
welcher dem des Adamello in Südtyrol nahe steht , ist das ein- 
zige ältere Eruptivgestein , welches diese Schichten durchbricht. 
Ausserdem fand ich zu meiner Verwunderung ganz isolirt einige 
Basalthügel und in Auswürflingen des Meeres Spuren von dem 
Vorkommen sanidinhaltiger Trachyte. Abgesehen von diesen 
Eruptivgesteinen erwarte ich in dem westlichen Grenzgebirge die- 
selben Verhältnisse wiederzufinden. Sir Robert Schomburg 
hat dasselbe an zwei Stellen überschritten: von Tsieng-mai in 
Laos nach Molmen und von Tavoy nach Bangkok. Die Gesteins- 
stückchen, welche er mitgebracht hat, gleichen denen von den öst- 
lichen Gebirgen. Sir Robert hat sich freundlichst erboten, die- 
selben dem Berliner Kabinet zukommen zu lassen und ich hoffe, 
dass sie mit den Schiffen der Expedition ankommen werden. Um 
die Kenntniss dieses Gebirgszuges zu vervollständigen, beabsich- 
tige ich, denselben an einer dritten Stelle zu überschreiten : von 
Bangkok nach Molmen. 

Die Schiffe der Expedition werden in einigen Tagen die 
Rhede von Bangkok verlassen. Ich trenne mich nun und be- 
ginne meine Alleinreise. Geschähe die Trennung im Norden, so 
würde ich sofort nach Sibirien reisen; da ich aber so weit nach 



248 



Süden verschlagen worden bin, so will ich die Situation benutzen, 
und mich, wenn es irgend ausführbar sein sollte, zu Lande nach 
Sibirien begeben. Ich gehe von hier zunächst nach Molmen, 
Ranggun und Calcutta. Das Weitere kann ich erst dort mit Be- 
stimmtheit festsetzen. 



2. Herr Kabl F. Peters an Herrn G. Rose. 

Wien, den 10. Mai 186'2. 

Eine der bedeutendsten Aufgaben der österreichischen Geo- 
logen ist fortan die Zusammenstellung und Vereinbarung der 
vielen einzelnen Beobachtungen, welche in den östlichen und süd- 
lichen Ländern — von Siebenbürgen und dem nördlichen Ungarn 
an bis nach der südlichen Steiermark und nach Krain — über 
die Eruptivgesteine der Tertiärperiode gemacht wurden. 
Allerdings ist ein grosser Theil derselben durch die schöne Ar- 
beit v. Richthofen's (Studien, Wien 1861) beinahe erledigt und 
eben ist Dr. Gr. Stäche damit beschäftigt die trachytischen und 
basaltischen Gesteine Siebenbürgens, dessen westliche Hälfte er 
aus eigener Anschauung kennt, zu revidiren. Doch wird man 
grosse Schwierigkeiten zu überwinden haben , da sich die aus- 
gedehnten Gebiete auf 7 — 8 Beobachter vertheilen und die hier- 
her gehörigen Alpenländer zu einer Zeit studirt wurden, wo man 
über die Reihenfolge und die Verwandtschaften der ungarischen 
Trachyte und Basalte noch gar nichts Näheres wusste. 

Schon gegenwärtig scheint sich aus der Zusammenstellung 
der (wie Stäche erkannt hat) vorwiegend basischen Gesteine 
des östlichen Siebenbürgens mit den fast durchweg sauren Erup- 
tivmassen der westlichen Hälfte und des südöstlichen Ungarn zu 
ergeben, dass manche tertiären Feisite (Trachytporphyre), 
welche v. Richthofen als ein Glied seiner Gesteinsgruppe Rhyo- 
lith so trefflich beschrieben hat, von den glasigen, lithoidischen 
und perlitischen Massen stratigraphisch zu trennen wären. Auch 
scheint mir blos auf letztere anwendbar zu sein, was v. Richt- 
hofen über die vulcanische Natur des Rhyoliths im Gegensatz 
zur normalplutonischen Reihenfolge der tertiären Eruptivgesteine 
dargelegt hat. Die er st er en dagegen, welche im ungarisch-tran- 
silvanischen Grenzgebirge Stöcke von sehr beträchtlichem Um- 
fange und — eingekeilt zwischen älteren Schichten bis zur Num- 
mulitenformation aufwärts — wesentliche Bestandmassen der öst- 
lichen Umrandung des ungarischen Miocänbeckens bilden, dürften 
sich (wenigstens zum Theil) als das erste normalsaure Glied der 



249 



ganzen Reihe, entsprechend den Graniten und Felsitporphyren 
der ersten und zweiten Periode, herausstellen. Das geologische 
Schema der Eruptivgesteine sämmtlicher drei Perioden, welches 
in unserem Kreise Hochstet ter zuerst zur Geltung zu bringen 
suchte, würde dadurch in einer theoretisch sehr befriedigenden 
Weise vervollständigt. 

Ich hatte dieser Tage Gelegenheit in Gratz eine Thatsache 
zu erfahren , welche in dieser Frage von grossem Belange ist. 
Der ausgezeichnete Geologe des steiermärkischen Vereins Herr 
Th. v. Zoli-ikofer, dem ich die Mittheilung derselben ver- 
danke, war so freundlich mir sein Material aus den Gebirgen 
von Cilli und die schönen Durchschnitte zu zeigen, welche er zu 
seiner Karte neuerlich entworfen hat. Wir gelangten zu der 
Ueberzeugung, dass es in der südlichen Steiermark nebst einer 
grossen Menge von triassischen Felsitdurchbrüchen, welche stellen- 
weise mit eigentümlichen , mehr an amphibolische Gesteine 
(Porphyrite?) als an Quarzporphyre gemahnenden Tuffen zu- 
sammenhängen, beträctliche Partien von kieselerdereichen Felsiten 
aus einer viel jüngeren Periode gebe. Sie sind petrographisch 
ident. mit manchen ungarischen Trachytporphyren (Rhyolithen 
mit felsitischer Grundmasse) , zum grössten Theil sogenannte 
Hornsteinporphyre. Nicht nur ihre Tuffe, sondern auch ganze 
Lagermassen des Eruptivgesteins selber ruhen concordant in 
den untermiocänen Schichten von Sotzka. Viel häufiger 
sind sie jedoch zwischen dem triassischen Grundgebirge und den 
Miocänablagerungen emporgekommen der Art, dass letztere als 
angelagert aufgefasst werden konnten. An einzelnen Punkten 
fand v. ZollikOFER eine mit dem ungarischen „Mühlsteinpor- 
phyr" übereinstimmende Felsmasse. Leider sind die Entblössun- 
gen im Allgemeinen so wenig günstig, dass sich eine scharfe 
Trennung sämmtlicher tertiären Feisite von den Triasgesteinen 
kaum wird durchführen lassen. 

Auch der sogenannte „Grünstein trachyt" als Vorläufer 
der ungarischen Oligoklastrachyte (Andesite) wird einer sorg- 
fältigen Revision bedürfen , da es bei den übersichtlichen Auf- 
nahmen der östlichen Länder kaum zu vermeiden war, dass ältere 
Oligoklas - Amphibolgesteine von grünen Farben mit ihm zu- 
sammengeworfen wurden, wogegen man anderwärts, namentlich 
in den Alpenländern, Grünsteine aus der Trachytreihe für ältere 
Gebilde genommen haben dürfte. 

Welche Stellung endlich der Banater undRezbanyer „Syenit" 
behaupten wird, das lässt sich noch kaum absehen. Nach den 
Beobachtungen von Foetterle durchsetzt er im Banat nicht nur 
die Jurakalksteine und den Neocom , sondern selbst die obere 
Kreide. Hoffentlich wird ein genaueres Studium seiner Verhält- 
nisse zum Grünsteintrachyt (Timazit, Breithaupt), mit dem er ge- 



250 



wohnlich in naher Verbindung steht, einiges Licht darüber ver- 
breiten.*) 

Gelegentlich erlaube ich mir Sie auf ein Buch aufmerksam 
zu machen, welches unter dem für den Geologen und Monta- 
nistiker wenig anlockenden Titel: Die ungarischen Ru- 
th enen, ihr Wohngebiet etc., von Dr. H. J. Bidermann, Inns- 
bruck bei Wagner, 140 Seiten 8vo., erschienen ist. Es liegt darin 
ein schätzbares Material zur Geschichte des oberungari- 
schen Bergbaues, das zu sammeln der thätige National- 
ökonom und Statistiker als Professor an der Akademie in Ka- 
sel) au Gelegenheit hatte. Von allgemeinerem Interesse sind die 
Daten über die alte Geschichte der Opalgruben von Czerweniza, 
über das Salzlager von Söovar, der Matallbergbau von Ara- 
nyidka, Telkibanya u. s. w. 

So eben wird Oesterreich um eine Edelsteingrube reicher. 
Herr Goldschmidt, der Chef des Hauses, welches zu Anfang 
des Jahrhunderts die Opalgruben von Czerweniza in Flor brachte, 
hat das bekannte Smaragvorkommen im Glimmerschiefer des 
Habachthaies (Ober-Pinzgau, Salzburg) in Angriff genommen 
und die Vorbereitungen zu einem regelmässigen Abbau der häl- 
tigen Schichte getroffen. Allerdings wird das Unternehmen mit 
äusseren Schwierigkeiten zu kämpfen haben, denn die Anbrüche 
befinden sich (nächst der Sedel- oder Söll -Alpe) in einer See- 
höhe von mehr als 7500 Fuss, doch lässt es sich sehr hoffnungs- 
voll an. Die Ausbeute aus den gestürzten Blöcken war im 
vorigeu Herbst so günstig, dass Herr Goldschmidt mehrere 
recht nette Suiten zur Industrieausstellung nach London schicken 
konnte. Zugleich haben die Schurfbegehungen an dieser Stelle 
eine viel grössere Mannigfaltigkeit der Schiefer ergeben, als ich 
bei meiner Aufnahme des Gebietes im Jahre 1853 vermuthete. 
Die smaragdführende Schichte gehört eben nicht mehr der ge- 
schlossenen Glimmerschieferzone an, sondern wechsellagert mehr- 
fach mit choritreichen und mit weissen, Turmalin führenden Mar« 
garit- oder Damourit - Schiefern. Auch wurden mehrere Kry- 
stallräume von schönem Rauchtopas aufgeschlossen und farblose 
Quarzkrystalle von bedeutender Grösse gefunden. 



*) Da es sich beim Grünsteintrachyt wohl nicht um eine petrogra- 
phische Einzelheit, sondern um die geologische Stellung einer Felsart 
handelt, welche nach Richthofen in drei Welttheilen eine wichtige Rolle 
spielt und deren Beziehung zu den anderen Gliedern der Traehytreihe 
wohl am besten gleich in ihrem Namen ausgedrückt wird , dürfte die 
BftEiTHAUPT'sche Bezeichnung kaum allgemein gebraucht werden. Vergl. 
hierüber B. Cotta, die Erzlagerstätten Ungarns, 1862, Seite 28 — 30. 



251 



Zur Erinnerung 
an 

Carl Johann Zincken. 
Von Herrn Rammelsberg in Berlin. 

Die Deutsche geol. Gesellschaft hat eines ihrer würdigsten 
Mitglieder durch den Tod verloren. Am 19. März starb zu 
Bernburg der Herz. Anhalt-Bernburgische Oberbergrath Zincken, 
ein durch seinen persönlichen Charakter, durch seine amtliche 
Wirksamkeit und durch seine wissenschaftlichen Verdienste gleich 
ausgezeichneter Mann. 

Carl Johann Zincken war am 13. Juni 1790 zu Seesen 
geboren und machte seine bergmännischen Studien zu Klausthal, 
gerade in jener Zeit, als der Harz dem neuen Königreich West- 
phalen einverleibt wurde. Als jungen Hüttenbeamten finden wir 
ihn in Königshütte, Wieda und Rothehütte, dann nach Wiederher- 
stellung der alten Landestheile als braunschweigischen Bergrevisor 
in Blankenburg unter dem Bergrath Ribbentbop. Durch den 
verstorbenen Strombeck empfohlen , berief ihn im Jahre 1820 
der Herzog Alexius in seine Dienste und ernannte ihn zum 
Bergrath, später zum Oberbergrath und Direktor des anhaltischen 
Berg- und Hüttenwesens. Als solcher hat er länger als 30 Jahre 
den Werken von Mägdesprung, Victor-Friedrichshütte, den Gru- 
ben von Neudorf, Wolfsberg und Tilkerode vorgestanden und im 
Betriebe derselben, insbesondere bei der Aufbereitung der Erze, 
wesentliche Verbesserungen eingeführt, wobei mehrfache Reisen 
ins Ausland ihm sehr zu Statten kamen. Im Jahre 1845 feierte 
das gesammte Beamten- und Knappschaftspersonal das Fest sei- 
ner 25jährigen anhaltischen Dienstzeit, und er empfing bei die- 
sem Anlass viele Beweise der Verehrung und Theilnahme. Im 
Jahre 1848 verlegte er seinen Wohnsitz nach Bernburg und lei- 
tete als Ministerialrath das ihm anvertraute Departement. In 
den letzten Jahren trafen ihn mehrfach schwere Schicksalsschläge 
in seiner Familie, er verlor den Gebrauch eines Auges und zog 
sich in Folge dessen vom Staatsdienst zurück. Vor wenig Wo- 
chen erlag er einem längeren Leiden, tief betrauert von Allen, 

Zeits. d.d. geol. Ges. XIV 1. 17 



252 



die ihm näher standen , und deren sind im Kreise unserer Ge- 
sellschaft gar Manche. 

Zincken's Verdienste um die mineralogischen Wissenschaften 
sind um so mehr anzuerkennen, als seine dienstlichen Arbeiten 
den wissenschaftlichen nur Mussestunden übrig Hessen. Als 
Schriftsteller begegnen wir ihm zuerst in Strombeck's Ueber- 
setzung von Sc. Breislak's Geologie; dann gab er Eschwege's 
Reise nach Brasilien heraus, und Hess im Jahre 1825 seine erste 
geognostische Schrift „der östliche Harz" erscheinen. Hieran 
reihen sich mehrfache Abhandlungen, besonders über die Gesteins- 
verhältnisse der Rosstrappe, welche in Karstf.n's Archiv und 
in den Verhandlungen des naturwissenschaftlichen Vereins des 
Harzes sich finden. Er hat zuerst in zwei Wintern (1829 — 30 
und 1837 — 38 ) auf dem Eise der Bode die engen Wege des 
Thaies geognostisch untersucht und aufgenommen. 

Seine Entdeckungen in der speciellen Mineralogie sind be- 
kannt; wir verdanken ihm den Zinckenit, Plagionit, den Kupfer- 
antimonglanz, die Kenntniss der Selenerze, des Goldes und Palla- 
diums von Tilkerode. Seine Sammlungen sind einzig in ihrer 
Art durch die Bournonite von Neudorf und Wolfsberg , Blei- 
glanze, Kupferkiese, Antimon- und Selenerze. 

Vieljährige Studien widmete er den Verhältnissen der Erz- 
gänge ; eine in grossem Maassstab angelegte Sammlung bewahrte 
die Belegstücke der Beobachtungen auf, deren Veröffentlichung 
jedoch leider nicht erfolgt ist. 



253 



€. Aufsätze. 



1. Untersuchung des Alaunsteines und des 
Löwigites. *) 

Von Herrn A. Mitscherlich in Berlin. 

Die krystallinische Verbindung, die in Tolfa fast rein vor- 
kommt , und die analog zusammengesetzten Verbindungen , die 
aus K(Na,NH 3 H)S + Ä'l(Se)S 3 2Al(Äej)H 3 bestehen, bezeichne 
ich mit dem Namen Alaunstein , mit dem Namen Löwigit die 
amorphe Verbindung, wie sie fast rein im Steinkohlengebirge 
bei Zabrze in Oberschlesien , gemengt in Tolfa und in Ungarn 
vorkommt, so wie die analog zusammengesetzten Verbindungen, 
die aus K(Na,NH 3 H)S -f 3Al(£eÖr)S + 9H bestehen, und mit 
dem Namen Alaunfels das Gemenge von Alaunstein und Löwigit 
mit anderen Gebirgsarten. 

Zur Analyse wurden die künstlichen Alaunsteine, deren 
Darstellung später angeführt werden wird, und der Alaunstein 
von Tolfa durch Salzsäure, der Alaunstein von Muzsai in Un- 
garn bei der Kalibestimmung durch Schwefelsäure und Wasser **), 
bei der Schwefelsäurebestimmung durch Schmelzen mit kohlen- 
saurem Natron aufgeschlossen. 



*) Die vom Verfasser angewendeten chemischen Methoden so wie 
die weitere Ausführung dieser Mittheilung s. in Ekdmann und Werther 
Journal für pr. Chemie. Bd. 83, 455. 1861. 

**) Journ. pr Chem. Bd. 81, 108. 

17* 



Alaunstein von 
Tolfa. 

AI 36,83 

S 38,63 

Ca 0,70 * 

Ba 0,29 

K 8,99 

Na 1,84 

Si — 

87,28 

H 12,72 

100,00 

Nach diesen beiden Untersuchungen ist die Zusammensetzung 
des Alaunsteines von Muzsai : 

AI 39,01 
S 36,93 
Ca 0,49 
Ba 0,19 
K 10,67 
87,29 
H 12,71 
100,00 

Bei den angeführten Analysen ist das Wasser durch den 
Verlust, bei einem besonderen Versuche beim Alaunstein von 
Tolfa durch Erhitzen bestimmt worden. Es wurde bei diesem 
Versuche zugleich die Temperatur, bei der das Wasser fortging, 
beobachtet um einen Anhaltepunkt für die rationelle Zusammen- 
setzung des Alaunsteines zu erhalten ; ob er nämlich, da 4 Atome 
Schwefelsäure, 3 Atome Thonerde, 1 Atom Kali und 6 Atome 
Wasser im Alaunstein enthalten sind, besteht aus 1 Atom schwe- 
felsaurem Kali, 1 Atom neutraler schwefelsaurer Thonerde und 
2 Atomen Thonerdehydrat (KS +A1S 3 +2A1H 3 ) oder aus 1 
Atom schwefelsaurem Kali, 3 Atomen basischschwefelsaurer Thon- 
erde und 6 Atomen Wasser (KS -|- 3 AIS -f 6H), also ob das 
Wasser im Alaunstein als Krystallisationswasser oder als Hy- 
dratwasser der Thonerde anzusehen ist. 



254 

Alaunstein von 
Muzsai. 

28,82 31,32 

27,10 — 

— 0,39 
0,13 — 

— 8,13 

26,62 19,24 



Nach Abzug der Kiesel- 
säure berechnet: 

39,26 38,77 
36,93 

- 0,49 
0,19 — 

— 10,67 



255 



18,7125 Grm. fein zerriebener, reiner, krystallinischer Alaun- 
stein wurden durch einen trocknen Luftstrom in einem Walzap- 
parat von der bekannten Form bei 100 Grad während einer 
Stunde getrocknet; der Verlust betrug 0,012 Grm. oder 0,065 
Procent; ein anderer Versuch nach dreistündigem Trocknen er- 
gab nur 0,034 Procent Verlust; es gingen ungleiche Mengen 
Wasser fort, die also nur hygroskopisch im Alaunstein enthalten 
sind. Der Apparat wurde nach dem Trocknen in ein Metallbad 
gestellt, dessen Temperatur durch ein im Walzapparat ange- 
brachtes Thermometer und bei höherer Temperatur durch er- 
hitzten Schwefel bestimmt wurde. Vor dem Walzapparat befand 
sich ein Chlorcalciumrohr, hinter demselben eine gewogene Glas- 
kugel mit einem gewogenen Chlorcalciumapparat und an diesem 
wieder ein Aspirator, der die Luft durch alle diese Apparate 
hindurchsog. Durch einen Hahn wurde der Luftstrom regulirt. 
Der Walzapparat wurde im Metallbade langsam erhitzt und bei der- 
selben Temperatur so lange erhalten, bis kein Wasser mehr fortging. 

Bei 350 Grad schied sich Wasser ab, 0,031 Procent, bei 
Steigerung der Temperatur bis zum kochenden Schwefel nur Spu- 
ren; eine höhere Temperatur als die des kochenden Schwefels 
konnte im Metallbade nicht erlangt werden. Der Walzapparat 
wurde über freiem Feuer weiter erhitzt. Bei einer Temperatur 
nahe der schwachen Rothglühhitze entwickelte sich viel Wasser 
zugleich mit schwefliger Säure. Der Alaunstein wurde bei die- 
ser Temperatur erhalten, bis jede Wasserentwickelung aufgehört 
hatte. Die Zunahme der Glaskugel und des Chlorcalciumrohres 
von 100 Grad bis zur schwachen Rothgluth betrug im Ganzen 
12,885 Procent von dem angewandten Alaunstein; in der Glas- 
kugel befand sich noch 0,210 Procent Schwefelsäure; es sind 
demnach nach dieser Bestimmung 12,675 Procent Wasser im 
Alaunstein enthalten, nach der Analyse, bei der das Wasser durch 
den Verlust bestimmt war, 12,72 Procent, nach der angeführten 
Formel berechnet 12,95 Procent. 

Das Resultat von zwei auf andere Weise ausgeführten Ana- 
lysen des Alaunsteins ist folgendes: 

K 9,88, S 36,01, M 37,41, H 12,62 
KS 19,40, S 27,06, AI 36,07, H 12,62 
während nach der Formel darin enthalten ist: 

KS 20,98, S 28,90, AI 37,17, H 12,95. 



256 



Ist das Wasser aus dem Alaunstein durch Erhitzen entfernt, 
so ist derselbe zersetzt und zwar entsprechend dem ausgetriebe- 
nen Wasser; der zersetzte Alaunstein bildet ein Gemenge von 
wasserfreiem Alaun (KS-J-AlSg) und Thonerde; erstere Ver- 
bindung nimmt Wasser auf, bildet Alaun und löst von der aus- 
geschiedenen Thonerde einen geringen Theil auf; der Alaun ent- 
hält daher etwas basisch-schwefelsaure Thonerde, die man durch 
Auskrystallisiren des Alauns grossentheils von demselben tren- 
nen kann. Nach einem Versuch beträgt die so ausgeschiedene 
basisch-schwefelsaure Thonerde 0,5'^ Procent vom Alaunstein. 
Der Alaun kann vollständig durch Wasser ausgewaschen werden. 
Es ist nicht möglich , alles Wasser aus dem Alaunstein auszu- 
treiben , ohne dass nicht zugleich etwas Schwefelsäure fortgeht; 
es ist demnach nicht möglich, den Alaunstein vollständig in Alaun 
und Thonerde zu verwandeln. 

Aus den angeführten Untersuchungen folgt, dass der Alaun- 
stein besteht aus 1 Atom schwefelsaurem Kali, aus 1 Atom neu- 
traler schwefelsaurer Thonerde und aus 2 Atomen Thonerdehy- 
drat, (KS-(- A1S 3 -|- 2A1H 3 ); denn man kann nicht annehmen, 
dass Krystallisationswasser so fest gehalten wird, dass kein Atom 
desselben unter der Temperatur des kochenden Schwefels fort- 
geht, da sonst, wenn auch das Krystallisationswasser sehr fest 
gehalten wird, stets ein oder mehrere Atome bei einer Tempe- 
ratur unter kochendem Schwefel frei werden. Bei Annahme eines 
Thonerdehydrates im Alaunstein ist das Entweichen des Wassers 
bei hoher Temperatur sehr erklärlich, da der Gibbsit, wie ich 
angeführt habe, sein Wasser erst bei der Temperatur nahe dem 
kochenden Schwefel verliert. Ferner bleibt bei Annahme des 
Wassers als Krystallisationswasser unerklärlich , dass sich bei 
dem Erhitzen des Alaunsteines Thonerde und wasserfreier Alaun 
ausscheidet, und nicht, wie man vermuthen müsste, basisch- 
schwefelsaure Thonerde und schwefelsaures Kali, während bei 
Annahme des Thonerdehydrates die Abscheidung der Thonerde 
und des wasserfreien Alaunes im Verhältniss mit dem Fortgang 
des Wassers erfolgen muss; was wie angeführt der Fall ist. 

In der Eigenschaft, dass die Verbindungen fester werden, 
wenn sie sich mit einem anderen Körper vereinigen, gleicht das 
Thonerdehydrat in dem Alaunstein allen anderen chemischen Ver- 
bindungen. Es hat das Thonerdehydrat im Alaunstein eine hö- 
here Temperatur zu seiner Zersetzung nöthig als das künstliche 



257 



und als das in der Natur vorkommende Thonerdehydrat (Gibb- 
sit). Keine Spur Wasser wird ausgeschieden , wenn man den 
Alaunstein mit Wasser einschliesst und bis 300 Grad erhitzt, 
während der Gibbsit und die gefällte Thonerde bei demselben 
Verfahren 2 Atome ihres Wassers verlieren. Der Alaunstein ist 
in Salzsäure unlöslich, während die Thonerdehydrate sich darin lösen. 

Aus den angeführten Gründen folgt also, dass der Alaun- 
stein aus 1 At. schwefelsaurem Kali, 1 At. neutraler schwefel- 
saurer Thonerde und 2 At. Thonerdehydrat (KS + ÄYS 3 + 2A1H 3 ) 
und nicht wie bisher angenommen aus 1 Atom schwefelsaurem 
Kali, 3 Atomen basisch-schwefelsaurer Thonerde und 6 Atomen 
Krystallwasser besteht (KS + 3 AIS + 6H). 

Der Löwigit hat eine dem Alaunstein sehr ähnliche Zu- 
sammensetzung und besteht ebenso wie der Alaunstein aus 1 
Atom Kali, 4 Atomen Schwefelsäure und 3 Atomen Thonerde, 
enthält aber statt 6 Atome 9 Atome Wasser. Das physikalische 
und chemische Verhalten dieses Minerals ist, wie ich gleich an- 
führen werde, ganz verschieden von dem des Alaunsteines; ich 
würde deshalb vorschlagen, dieses Mineral nach Loewig (siehe 
diese Zeitschr. Bd. 8, p. 247), welcher zuerst seine Zusammen- 
setzung sicher ermittelt hat, Löwigit zu nennen. 

Die Löwigite habe ich auf dieselbe Weise aufgeschlossen 



und analysirt, 


wie die Alaunsteine. 








Löwigit von Zabrze 


Löwigit 


1 

o **} b: : 


nach Loewig. 


nach meiner 


von 


Tolfa. 


cro "* 

Iii 




Analyse. 








k 10,10 


9,30 
Na 0,39 


7,17, 


/ 9,80 


10,66 


AI 33,37 


34,59 
Se 0,68 


26,29] 


! 135,95 


34,84 


S 34,84 


34,81 


27,63 


? 37,78 


36,18 


H 18,32 


17,88 


12,04) 


|(16,47 


18,32 


Kieselsäure 


Mg 0,55 


3,2l[ 


3 \ 




u. organ. 


Ba 0,44 








Subst. 3,37 


Ca 0,28 
Si 0,25 


0,071 






Org.Subst. 0,47 Kiesels. Verb. 23,59 1 






100,00 


100,00 


100,00 


100,00 


100,00 



258 

Der Wassergehalt der Löwigite wurde nicht durch beson- 
dere Versuche bestimmt. Magnesia, Kalkerde und Baryt sind 
Beimengungen, während Natron und Eisenoxyd zu dem Löwigit 
gehören , weil erstere nach den spater angeführten Versuchen 
keine künstlichen Löwigite bilden, was bei letzteren der Fall ist. 
Die Aufschlussmethode durch Salzsäure ist durch die vollständige 
Trennung des Löwigites von den beigemengten kieselsauren Ver- 
bindungen von Bedeutung, weil ohne diese Aufschlussmethode die 
Zusammensetzung des Löwigites bei starken Beimengungen sich 
nicht hätte so genau bestimmen lassen. Der kleine Ueberschuss 
von Schwefelsäure und Thonerde im Löwigit von Tolfa wird von 
einer kleinen Beimengung von basisch-schwefelsaurer Thonerde 
herrühren. Der natürliche Löwigit ist eine feste amorphe Masse; 
er ist etwas löslich in Salzsäure, während der Alaunstein in 
dieser vollständig unlöslich ist, löst sich ferner in Schwefelsäure 
und Wasser, und im Glasrohr mit Salzsäure eingeschlossen viel 
leichter als der Alaunstein. 

Der Löwigit verliert eine halbe Stunde bei der Temperatur 
des kochenden Schwefels erhalten 2,18 Procent Wasser, was fast 
genau einem Atom entspricht. Der Rückstand mit Wasser aus- 
gezogen gab 0,49 Procent schwefelsaures Kali und eine Spur 
Thonerde; wenig über kochendem Schwefel erhitzt verliert er 
5,67 Procent Wasser und Schwefelsäure; beim Auswaschen wurden 
erhalten 3,53 Procent schwefelsaures Kali und 0, 1 Procent Thon- 
erde. Vom Rückstand wurde beim Kochen mit Salzsäure ein 
Theil aufgelöst. Darin befand sich : 

S 4,84 Proc, AI 11,86 Proc, K 0,80 Proc. 

Der Rückstand war etwas stärker erhitzt als beim ersten 
Male und wieder mit Wasser ausgezogen; er verlor 25,54 Pro- 
cent Wasser und Schwefelsäure. Das Ausgewaschene enthielt 
in Procenten vom Rückstand berechnet: 

S 9,25 Proc, K 7,88 Proc., AI 1,67 Proc. 

Das Ungelöste mit Salzsäure gekocht löste sich nicht voll- 
ständig. Der Rest betrug geglüht: 

4,25 Proc. 

In der Auflösung war enthalten: 

S 19,81 Proc, AI 33,19 Proc, K 2,37 Proc. 

Aus diesen Versuchen geht hervor, dass der Löwigit bei 
viel niedrigerer Temperatur sein Wasser und auch seine Schwe- 



259 



feisäure verliert als der Alaunstein ; dass ferner der Löwigit durch 
das Erhitzen im Verhältniss mit dem Fortgang des Wassers zer- 
stört wird, aber nicht entsprechend dem Verluste wie der Alaun- 
stein, da Schwefelsäure mit dem Wasser fortgeht. Untersucht 
man das durch Erhitzen Zersetzte vom Löwigit, so entspricht die- 
ses bei beiden Versuchen der Zusammensetzung desselben. Wäh- 
rend der Alaunstein durch Erhitzen zerfällt in Alaun, der durch 
Wasser ausgezogen werden kann, und in Thonerde, so zerfällt 
der Löwigit in schwefelsaures Kali, das durch Wasser ausgezo- 
gen werden kann, und in basisch-schwefelsaure Thonerde. Aus 
diesen Gründen kann der Löwigit nicht eine Verbindung von 
wasserfreiem Alaun mit Thonerdehydrat wie der Alaunstein sein, 
sondern muss als eine Verbindung von schwefelsaurem Kali mit 
basisch-schwefelsaurer Thonerde und chemisch gebundenem Was- 
ser mit der Formel KS -f- 3Ä1S -f- 9H angesehen werden. 

Schliesst man 3 Grm, schwefelsaure Thonerde und 1 Grm. 
Kali- Alaun mit 10 C.C. Wasser in ein Glasrohr ein und erhitzt 
bis 200 Grad, so entsteht eine Verbindung, die unter dem Mi- 
kroskop untersucht aus Rhomboedern mit Kantenwinkeln von 
91-| und 8 1 4- Grad besteht. Diese Verbindung ist nach der 
Analyse, die nach der früher angegebenen Methode ausgeführt 
ist, und nach den chemischen und physikalischen Eigenschaften 
der in der Natur vorkommende Alaunstein. 

Die Krystalle bilden sich um so besser aus, je mehr schwe- 
felsaure Thonerde und je weniger schwefelsaures Kali in der Lö- 
sung enthalten ist. Wenn die Lösungen sehr Concentrin sind, 
scheidet sich kein Alaunstein aus. Die am besten ausgebildeten 
Krystalle erhält man, wenn man nicht ganz rein ausgewaschen^ 
durch Kali aus Kali -Alaun gefällte Thonerde in Schwefelsäure 
auflöst, mit vielem Wasser versetzt, in ein Rohr von Kaliglas 
einschliesst und sie während mehrerer Stunden bei 230 Grad er- 
hält. Es scheiden sich die Krystalle langsam aus, indem das 
Kali, das auf die Alaunsteinbildung verwandt ist, durch die Zer- 
setzung des Glases immer wieder ersetzt wird. Bei 2 1 Grad 
findet keine oder eine unmerkliche Zersetzung des Glases statt, 
während bei 230 Grad schon das Glas langsam zersetzt wird. 

Schwefelsaures Natron und schwefelsaures Ammoniak, jedes 
für sich, mit Wasser und einem grossen Ueberschuss von schwe- 
felsaurer Thonerde in ein Glasrohr eingeschlossen und bis 190 
Grad erhitzt gab Ammoniak- und Natron-Thonerde-Alaunstein. 



260 



Die Krystalle, unter dem Mikroskop untersucht, waren dieselben 
wie die des Kali - Thonerde- Alaunsteines. Mit schwefelsaurer 
Magnesia, schwefelsaurem Eisenoxydul, schwefelsaurem Mangan- 
oxydul, schwefelsaurem Kupferoxyd und schwefelsaurer Kalkerde 
wurden vielfache Versuche zur Bildung von Alaunstein angestellt, 
die aber alle resultatlos blieben. 

Da Thonerde und Eisenoxyd grosse Aehnlichkeit haben, und 
dieselbe Form in ihren Verbindungen zeigen, so wurde schwefel- 
saures Eisenoxyd im Ueberschuss mit schwefelsaurem Kali oder 
schwefelsaurem Ammoniak eingeschlossen; es entstanden unter 
denselben Umständen noch besser ausgebildete Krystalle von der- 
selben Form wie die der Thonerde- Alaunsteine. 

Der Kali-Eisenoxyd-Alaunstein wurde auf ähnliche Weise 
wie die Thonerde- Alaunsteine analysirt, und nach denselben Ato- 
menverhältnissen zusammengesetzt gefunden wie der Kali-Thon- 
erde-Alaunstein. Er verhält sich etwas anders zur Salzsäure 
und zum Wasser. Bei der Temperatur der Kochhitze löst er sich 
in Salzsäure auf und wird von 230 Grad an vom Wasser zer- 
setzt, indem Eisenoxyd sich ausscheidet und schwefelsaures Kali 
mit der Schwefelsäure in der Lösung bleibt. Bei einem Ver- 
suche, bei dem nahe 1 Grm. Kali-Eisenoxyd-Alaunstein mit20C.C. 
Wasser bis 270 Grad erhitzt war, blieben 72,5 Procent unzersetzt. 
Das Unzersetzte wurde bestimmt, indem der Rückstand des Alaun- 
steines rein ausgewaschen, getrocknet, weiss geglüht und dann 
wieder rein ausgewaschen wurde. Aus der Menge des schwe- 
felsauren Kalis , das beim zweiten Auswaschen erhalten wurde, 
wurde der dazu gehörige Alaunstein berechnet. Das Eisenoxyd 
war vollständig rein und hatte sich dendritenartig aus den Kry- 
stallen des Alaunsteines ausgeschieden ; bei manchen war die Form 
der angewandten Alaunsteinkrystalle noch erhalten, die von Eisen- 
oxyd angefüllt waren (Pseudomorphosen des Alaunsteines). Das 
Eisenoxyd hatte ein krystallinisches Aussehen, der Kleinheit der 
Formen wegen Hess sich jedoch selbst bei starker Vergrösserung 
nichts genauer erkennen. Bei auffallendem Lichte sah es roth, 
bei durchgehendem blau aus. 

Schliesst man schwefelsaures Kali mit Aluminit und Wasser, 
oder Alaun mit Wasser, oder schwefelsaures Kali im Ueberschuss 
mit schwefelsaurer Thonerde in ein Glasrohr ein und erhitzt das- 
selbe bis 200 Grad, so erhält man ein schweres unkrystallinisches 
Pulver, das dieselben Eigenschaften und dieselbe Zusammensetzung 



261 



hat wie der in der Natur vorkommende Löwigit. Ein kleiner 
Ueberschuss von Schwefelsäure ist bei der Bildung desselben 
nicht nachtheilig. Der durch Einschliessen von einer Alaunlö- 
sung dargestellte Löwigit ist analysirt. Ohne Zweifel werden 
Löwigite sich darstellen lassen, die den verschiedenen Alaunstei- 
nen entsprechen ; ich habe von diesen nur noch den Ammoniak- 
Thonerde -Löwigit und ausserdem noch einen Kali-Chromoxyd- 
Löwigit dargestellt, bei der Darstellung des letzteren aus Chrom- 
oxyd-Alaun musste zu dem Alaun noch etwas Kali hinzugesetzt 
werden. Versuche mit anderen Basen als mit Kali, Natron oder 
Ammoniak Löwigite darzustellen blieben resultatlos. 

Selensaure wie chromsaure Alaunsteine und Löwigite habe 
ich nicht versucht darzustellen; bei ersterer Säure ist die Bildung 
derselben sehr wahrscheinlich, da sie Alaune bildet, bei letzterer, 
da man keine chromsauren Alaune kennt, nicht zu erwarten. 

Zur Bildung des Alaunsteines und des Löwigites sind, 
wie aus den angeführten Untersuchungen hervorgeht, drei Mo- 
mente nöthig; erstens Vorhandensein von Lösungen von schwe- 
felsaurer Thonerde und schwefelsaurem Kali, ferner eine Tempe- 
ratur von 180 Grad und ein Druck von ungefähr 9 Atmosphä- 
ren. Wo diese Umstände zusammentreffen, wird sich wie künstlich 
so auch in der Natur Alaunstein bilden, wenn schwefelsaure 
Thonerde, und Löwigit, wenn schwefelsaures Kali im Ueberschuss 
vorhanden ist; und umgekehrt aus dem Vorhandensein dieser 
Salze kann man sich auf die geologischen Verhältnisse Schlüsse 
erlauben, z. B. auf die Temperatur. 

Auf einem jetzt verlassenen Alaunwerke, etwa eine Stunde 
westlich vom Lago di Solfore nahe beim Monte Rotondo wurde 
Alaun aus einem schiefrigen Gestein (Macigno) gewonnen. Von 
diesem Schiefer, der mit dem Namen Alaunstein bezeichnet 
wurde, standen mir einige Stücke zu Gebote. Mit Wasser konnte 
ich daraus schwefelsaures Kali und schwefelsaure Thonerde voll- 
ständig ausziehen, derselbe war also nicht Alaunstein. 

Man findet ferner häufig schwefelsaure Thonerde, schwefel- 
saures Eisenoxyd und schwefelsaures Kali in den Solfataren, z.B. 
als Alotrichin (Scacchi), als Alunogene (Beudant), als Voltait 
(Scacchi), als Coquimbit (Rose) als Alaune*) u. s. w. 



*) S. Scacchi: Ueber die Substanzen, die sich in den Fumarolen 
der Phlegräischen Felder bilden. Diese Zeitschrift Bd. IV, p. 162 u. f. 



262 



Diese Salze bilden sich auf verschiedene Weise, indem ent- 
weder das aus den Solfataren ausströmende Schwefelwasserstoff- 
gas warm oder kalt ist, oder indem schweflige Säure einwirkt, 
die durch Verbrennen von Schwefel entstanden sein kann. Ist 
das Schwefelwasserstoffgas heiss und mengt sich mit Luft, so bil- 
det sich schweflige Säure, die sich weiter zu Schwefelsäure oxy- 
dirt, und Wasser. Die Schwefelsäure zersetzt das sie umgebende 
Gestein und verbindet sich mit dem Kali, der Thonerde und dem 
Eisenoxyd desselben. Ist das Schwefelwasserstoffgas kalt, so ver- 
bindet sich der Schwefel desselben mit dem Eisen der Gesteine 
zur höchsten Schwefelverbindung. Das Schw T efeleisen wird durch 
die Luft zu schwefelsaurem Eisenoxyd und Schwefelsäure oxydirt 
und die freie Schwefelsäure und die des Eisenoxydes verbinden 
sich mit der Thonerde und dem Kali des Gesteines. Das Was- 
ser wäscht die schwefelsauren Salze aus dem Gestein und führt 
sie in tieferliegende Punkte z. B. in ein Spaltensystem. Hat die- 
ses keinen Ausfluss, so wird das Wasser bis zu einer beträcht- 
lichen Höhe steigen; erreicht es eine Höhe von 300 Fuss, so 
kocht es in den Spalten, die dem Druck dieser Wassersäule 
ausgesetzt sind, nicht mehr bei 180 Grad. Kommt zu diesen 
Umständen noch eine Temperatur von 180 Grad hinzu, so bildet 
sich Alaunstein, wenn schwefelsaure Thonerde, und Löwigit, wenn 
schwefelsaures Kali überschüssig ist. Dieselbe Bildung findet statt, 
wenn die schwefelsauren Salze in Spalten oder Höhlungen hin- 
eingesickert sind, oder sich im Gestein mit Wasser befinden, wenn 
eine hohe Temperatur hinzukommt. Ueber den Druck und die 
Temperatur der Wasserdämpfe in einer gewissen Tiefe geben 
die Untersuchungen von Duval, dem Besitzer des Lago di Sol- 
fore, die er mit Bohrlöchern an diesem See angestellt hat, einige 
Anhaltepunkte. Er hat achtzehn Bohrlöcher angelegt, aus denen 
Wasserdämpfe herausströmen , die er zum Abdampfen des bor- 
säurehaltigen Wassers des Lago di Solfore benutzt. Die Lei- 
tungsröhren des Dampfes bleiben trocken und bei Verstopfung 
derselben entsteht eine Explosion. Wenn man beim Bohren der 
Bohrlöcher bis zum Dampf kam, was bei 100 bis 200 Fuss 
Tiefe der Fall war, so wurden Steine durch den ausströmenden 
Dampf so hoch geworfen, dass sie dem Auge entschwanden. Es 
ist an diesem See also die nöthige Temperatur und der nöthige 
Druck zur Bildung des Alaunsteines und des Löwigites vorhan- 
den. Würde durch Spalten Wasser von den etwa eine Stunde 



263 



entfernten Alaungruben mit aufgelöster schwefelsaurer Thonerde 
und mit aufgelöstem schwefelsauren Kali kommen, so würde sich 
hier Alaunstein oder Löwigit bilden. Da der Alaunstein wie 
der Löwigit bisher, so viel mir bekannt ist, nur in vulkanischen 
Gegenden gefunden ist, so ist das Entstehen der hohen Tempe- 
ratur bei der Bildung derselben erklärt, z. B. durch eine Trachyt- 
eruption. Der Löwigit im Steinkohlengebirge in Oberschlesien 
macht davon eine Ausnahme. Die dortigen geologischen Ver- 
hältnisse sind mir zu fremd, als dass ich über seine Entstehung 
etwas sagen könnte. Durch den Brand eines nahe liegenden 
Flötzes würde hier die Temperatur leicht zu erklären sein. 

Gewöhnlich kommt der Alaunstein und der Löwigit im Tra- 
chyt oder in den Trachytglomeraten vor; so finden wir diese Salze 
in der Tolfa, in Bereghszaz und Muszai in Ungarn, am Gleichen- 
berge in Steiermark, auf Milo und auf Aegina. In der Tolfa 
sind die geologischen Verhältnisse am Besten aufgedeckt. Der 
reine Alaunstein findet sich dort in Gängen, die unten breit (bis 
6 Fuss) sind und nach oben sich fein verzweigen, wie z. B. in 
der Cava Gregoriana, und in Höhlungen; und der Löwigit sehr 
vermengt mit anderen Gesteinen im Alaunfels. Der Alaunstein 
kommt in den Gängen fasrig vor ; die Fasern stehen perpendiculär 
gegen die Wandungen des Gesteines wie bei Gypsgängen. 




AlauDsteingänge der Cava Gregoriana nach einer Zeichnung von Ponzi, 
a Alaunstein, c Trachyt. 



264 



Die Bildung des Alaunsteines in den Gängen und Höhlun- 
gen ist analog der Bildung desselben in der Glasröhre, die län- 
gere Zeit bei 230 Grad erhalten wurde; während künstlich das 
Glas das vom Alaunstein verbrauchte Kali ersetzt, so ersetzt es 
in der Natur das angrenzende Gestein. Nach Ponzi ist der 
Trachyt, der die Wandungen der Gänge bildet, ganz zersetzt*). 
Dringen aber die Lösungen in das Gestein , so wird bei der 
grossen Berührung des Gesteines mit den Salzen die Schwefel- 
säure durch ihre überwiegende Verwandtschaft zum Kali dieses 
im Ueberschuss auflösen , und es wird sich Löwigit bilden. 

Alaunstein oder Löwigit ohne Einschliessen und Erhitzen 
darzustellen ist immer fruchtlos geblieben; eine hohe Tem- 
peratur ist also unbedingt bei der Bildung desselben not- 
wendig. Das von Vatquelin und Riffault**) dargestellte 
Salz, das dieselbe Zusammensetzung wie der Löwigit hahen soll, 
hat ganz andere Eigenschaften ; es löst sich z. B. sehr leicht in 
Salzsäure, kann also deshalb hier nicht in Betracht kommen. 

*) Ponzi, Atl'% delV Acad. Pont. d. nuov. lincei. Sess. VII. del 13 Giugno 
1858. pag. 2. 

**) Ann. de Chim. et de Phys. t. 16. pag. 355 li. f. 



265 



2. Ueber die Zusammensetzung von Magnesia- 
gümmer und Hornblende. 

Von Herrn Roth in Berlin. 

In manchen Gesteinen, namentlich im Granit, Gneiss, Sye- 
nit? Diorit, Porphyrit, vertreten sich Magnesiaglimmer und Horn- 
blende in der Art, dass bei Zunahme des einen Minerals die 
Menge des andern abnimmt. Zur Beantwortung der aus diesem 
Verhalten entstandenen Frage, ob denn in ihrer chemischen Zu- 
sammensetzung eine gewisse Aehnlichkeit vorhanden sei, habe 
ich, da leider Analysen dieser Mineralien aus einem und dem- 
selben Gesteinsvorkommen nicht vorliegen, die mir bekannt ge- 
wordenen Analysen- mit Zugrundelegung von Rammelsberg's 
Handbuch der Mineralchemie 1830 zusammengestellt und neu 
berechnet, soweit sie eine Vergleichung zulassen. Diese kann 
sich selbstverständlich nur auf Hornblenden mit Thonerde oder 
Eisenoxyd beziehen, deren Alkaligehalt untersucht ist, und kann 
nur da angestellt werden , wo in Hornblende und Glimmer die 
Menge der Eisenoxyde bestimmt oder wo die Menge des Eisens 
so gering ist, dass die Oxydationsstufe vernachlässigt werden 
kann. Ein Versuch, alles Eisen als Oxyd oder als Oxydul zu 
berechnen, schien nicht statthaft, da hier mit seltnen Ausnahmen 
stets beide Oxyde neben einander vorkommen. Er führt übri- 
gens nicht zu grösserer Einfachheit der Formeln. 

Die zu den Berechnungen angewendeten Atomgewichte sind 
dieselben, welche ich in der Bearbeitung der „Gesteins-Analysen 
1861" angewendet habe. 



266 







AtomgöW. 


OnUci oLUH Iii L\J\J- 


Kieselsäure 


Si 


30 


53,33 


Titansäure 


Ti 


40 


40,00 


Thonerde 


Äl 


51,4 


46,69 


Eisenoxyd 


Se 


80 


30,00 


Eisen oxydul 


Fe 


36 


22,22 


Manganoxydul 


Mn 


35,5 


22,54 


Kalk 


Ca 


28 


28,57 


Magnesia 


Mg 


20 


40,00 


Kali 


k 


47,2 


16,95 


Natron 


Na 


31 


25,81 


Lithion *) 


Li 


15 


53,33 



Erheblich ist die Abweichung gegen die von Rammels- 
berg angewendeten Atomgewichte und Sauerstoffmengen nur bei 
Kieselsäure und Lithion mit resp. 51,95 und 54,80 Proc. Sauer- 
stoff. 

Magnesia glimmer. 

Die Zahl der verwendbaren Analysen von Magnesiaglimmer 
ist nicht gross. Es kommt bei dem meist bedeutenden Eisen- 
gehalt namentlich auf die Bestimmung der Eisenoxyde an, und 
wenn diese, was nicht häufig geschah, ausgeführt wurde, auf die 
angewendete Methode. Eine Vergleichung der Originale hat mir 
gezeigt, dass v. Kobell bei dem Glimmer von Miask und Ka- 
rosulik, Svanbebg bei dem Glimmer von Aborforss (aus Rapakivi) 
das Eisenoxydul nicht bestimmten , dass die von ihnen für das 
Eisenoxydul gegebenen Zahlen nur auf Annahme beruhen, um 
eine einfache chemische Formel zu bilden, daher diese Analysen 
nicht in Betracht gezogen werden können. In den Glimmern 
aus Minette (16) und dem Protogin (10) bestimmte Delesse 
das Eisenoxydul durch Natriumgoldchlorid, eine Methode, wel- 
che nach den Versuchen von Rammelsberg und H. Rose 
(Poggendorff Ann. 104.505. 1858. und 110.541. 1860) sehr 
unsichere Resultate giebt. Der Glimmer aus dem Kalke des 



*) Diehl. Ann. Ch, Pharm. 121.100. 1861. Reines Lithion = 15,026. 



267 



Gneisses von St. Philippe enthält nach Delesse nur Eisenoxy- 
dul, das er an Säuren abtritt. Scheerer, Rübe, Keibel und 
Defrance titrirten nach dem Schmelzen mit Boraxglas das Ei- 
senoxydul durch übermangansaures Kali. Welche Methode Solt- 
mann und Haughton zur Bestimmung des Eisenoxyduls an- 
wendeten, findet sich in ihren Aufsätzen nicht angegeben. 

Da die Analysen des sibirischen Glimmers nach H. Rose 
und von Kobell 19,03 und 20,78 Proc. Eisenoxyd ergeben, 
A. Mitsch erlich (1862) in zwei Versuchen, als er mit Schwe- 
felsäure und Wasser bei 200 Grad aufschloss und mit überman- 
gansaurem Kali titrirte, 15,39, 15,32 Proc. Eisenoxydul und 
1,97, 2,53 Proc. Eisenoxyd (= 19,07, 19,55 Eisenoxyd) fand, 
so schien bei der nahen Uebereinstimmung dieser Mengen der 
gewagte Versuch erlaubt, diese Zahlen in die Analysen von H. 
Rose und v. Kobell einzusetzen. Ebenso wurde in Chodnew's 
Analyse des Glimmers vom Vesuv statt 1 1 ,02 Eisenoxyd nach 
der Bestimmung von A. Mitsch erlich 3,00 Proc. Eisenoxyd und 
7,03 Proc. Eisenoxydul eingesetzt. 

Es erhellt aus dem Angeführten , dass die Resultate aus 
den folgenden Analysen von sehr ungleichem Werth sind. Mit 
den angeführten Atomgewichten ergeben sie die weiter unten 
mitgetheilten Sauerstoffmengen. Die eingeklammerte Zahl be- 
deutet hier und ebenso weiter unten die Nummer bei Rammels- 
berg. Der Sauerstoff der Titansäure, welche nur bei wenigen 
Analysen angeführt ist, wurde zu dem der Kieselsäure gerech- 
net; ein Versuch R Ti anzunehmen und diesem entsprechend 
Sauerstoff von den Basen R abzurechnen, giebt kein bemerkens- 
werthes Resultat. Die Vernachlässigung des wenigen und nicht 
bei allen Analysen angegebenen Fluors kann einen wesentlichen 
Einfluss wohl kaum ausüben. 

1. Scheerer. Aus grauem Gneiss von Beschert Glück bei 
Brand. Dunkelbraun. 1860. Diese Zeitschrift Bd. 14. 60. 

2. Keibel. Ebendaher. Dunkelbraun. 1860. ib. 60. 

3. A. Defrance. Aus Zirkonsyenit, Brevig. Schwarz, ib. 100. 

4. Chodnew. Sommaauswürfling. Schw T ärzlichgrün. Mit 
Augit verbunden. 1844. (No. 12. b ) Eisen nach A. Mit- 
scherlich. 1862. 



Zeits. d. d. geol. Ges. XIV. 2. 



18 



268 



5. Meitzendorff. Jefferson Co., New-York. Wahrscheinlich 
aus Serpentin. Braun. 1843. (No. 3.) 

a. Alles Eisen als Oxyd ber. wie von M. angegeben. 

b. Alles Eisen als (1,59) Oxydul ber. 

6. Grawe. Edwards, St. Lawrence Co., New-York. 1850. 
(No. 1.) 

a. Dunkelbraun. Ohne Glühverlust, also wohl frischer 
als b. und c. 

b. Silberglänzend, farblos, durchsichtig. 

c. Silberglänzend , durch Wasseraufnahme opak. Von 
demselben Krystalle wie b. 

7. Delesse. Aus Kalk des Gneisses von St. Philippe, Vogesen. 
Grünlich. 1851. (No. 2.) 

a. Alles Eisen als (1,80) Oxyd ber. 

b. Alles Eisen wie von D. angegeben als Oxydul ber. 

8. Scheerer. Aus grauem Freiburger Gneus. Broncebraun 
bis schwarz. 1861. Diese Zeitschr. Bd. 14. 56. 

9. Rübe. Derselbe, ib. 56. 

10. Delesse. Aus Protogin von Mer de glace. Dunkelgrün. 
1849. (Nr. 24.) 

11. Soltm ANN. Lepidomelan. Persberg, Wermland. Von 
Strahlstein begleitet. 1840. (S. 671.) Fundort nicht ganz 
sicher nach Hausmann. Göttinger Gel. Anzeigen. 1840. 945. 

12. Haughton. Lepidomelan aus Granit von Ballyellin, Ir- 
land. Mit weissem Glimmer verwachsen. Trans. R. Irish 
Acad, 23. 597. 1859. 

13. Haughton. Dunkler Glimmer aus Granit von Poison 
Glen Irland. Quart J. geol. Soc. 15. 129. 1859. 

14. Haughton. Dunkler Glimmer aus Granit von Canton, 
China. Phil. Mag. (4.) 17. 259. 1859. 

15. a H. Rose. Aus Sibirien. Dunkelgrün. 1824. (No. 16. a ) 

Eisen nach A. Mitscherlich. 1862. 

15. b v. Kobell. Derselbe. 1827. (Nr. 16. b ) Eisen nach 

A. Mitscherlich. 1862. 

16. Delesse. Aus Minette von Servance, Vogesen. Dunkel- 
braun. 1857. (No. 11.) 



269 



N O CO W 00 O N (N O 00 CT) 

tti CM O ^ O^-* 00 ffi ^ "^l> 

o~ ^ od ^ o^ofo^oTo^ooTos 

O O O 0> O 03 0)0)05 0135 



CD CD 00_ CD CO 

oT oT oT >o od oo "5 

05 03 03 03 OS 03 ,a 



I I 



CO cv I | CM | 

cd •*£ 



CM 



CM O 
CD t>» CO 

co co tjT 



ö m vi db 6 o o 

I CO iO •-i 1 t CD CD 
1 f>» <m m 



COrfOO 



O O m 

00 

co © 



o 
Oo j 

«■< CM 2 



o 



es 3 
.22 >> 



.2 X 



I I I I I I I 



Ulli 



CO CD 00 
O» 00 VH 



CO 0> O O 
CD COS CO Ö O 



©•**•«* CO "*h 



mcoo j 

n I 

o o o 



CM £ 
CM 

o ° 

CM 
00 © 

- s 



COMNNCOCDinO 

^ oo co o cm 

ild »<d © 05 0> O" N CO'" N O CD' CD" 05 



"Ü* CD CO O 
05 (N Ol N 



iO in O th 00 -i 1 

^ cd o co in Oi 
oT od coT wo od 



o> i>. © . 

n in o m 

r> »» I 

© © ^ © 



c in in oo 

N^NiO 

cT co 



>n cm co *^ o> 
o o ^ o »> 

oT oT >rT of od 

■vi cm 



CM n 

j , o 

CO 

o in 10 w o m o o 
^>n n m ^cd n 

od oT o coT oT 

W C<! CO CO t-i 



O co £j , co 
co in >n | co 



N o cd o in oo 
cd »n "rf in" co" oT 



^ 5 CM 

co a,i>. 
© o 



0,03 

O O VH 



in o o co , 
o^inN co r I 



iO N CO CO 

co_ co^o^ © 
»rT in" cd t>T 

tH ->rH CM 



I I s 



— in »n co co 

CD © CÄ O 

oT cd udcM 



•n o> cm oo 
in co co co 
cd cd t>T in in cd £ 



Ö ^3 

if 
« i 



öS 



O N M O N 
CVO^ODO^N 

cd cd oT cd 



'S 'S 'S 

05 03 03 
£ £ £ 



CO O ^ CO 
Ol CV CO CO 

cm co~^tC 

<H *h CV CN 



OO O N CO CO 

n - NDinq 
cd t>T oT ^ cm cd 

CM CM -TH 



1-8 



o ® 

oa 's 



co oo oo o> in 
n no^n co 
j>T co o" i> in 



coinoooNOwo 
co^oGO^aoo^oico 

j>Tco cd oT iid cd ^ 



oo in O N CO N 
o 00 CO 00 CO 

n in o"n cm cm 



t>. "Tf 03 , | 
CM CO O 



I CO CD 
CO CO 



I I 



OOCDCO^O "«tfCOCC-**003CMO 

^ooo w -Hcocoininoow^ 



N N in o ^ 

CO CO CO ^ 



OOOt^i^cOvt^ 

-t^^cococo-^co 



in o o o cm o 
•n cm^ in^ o cm 
\o cd nd o" cm ^ 

CO CO CO "^f ""TT 



a a> 
H g 



^Cv»CO"^in cOCDCDNOOOiO-rt 



cm cd in vd co ~ 



18 



270 






• von R 


: n 


: Si 




R 


+ R:Si 


1. 


8,96 


10,05 


20,82 


^ 2,7. 


3. 6,2 


1 : 1,09 


2. 


8,94 


9,66 


21.23 


2,8 


6,6 


1,14 


3. 


9,86 


8,08 


19,56 


3,7 


7,3 


1,09 


4. 


10,96 


9,21 


21,82 


3,6 


7,1 


1,08 


5. a 


i 3,32 


7,70 


22,03 


5,2 


8,6 


1,05 


5. b 


13,67 


7,16 


22,03 


5,7 


9,2 


1,06 


6. a 


13,19 


8,11 


21,41 


4,9 


7,9 


1,00 


6 b 


14,32 


7,69 


21,53 


5,6 


8,4 


0,98 


6. c 


14,25 


7,51 


21,53 


5,7 


8,6 


0,99 


7. a 


13,83 


9,78 


20,02 


4,2 


6,1 


0,85 


7. b 


14,19 


9,24 


20,02 


4,6 


6,5 


0,86 


8. 


7,36 


12,22 


21,22 


1,8 


5,2 


1,08 


9. 


6,92 


11,89 


20,93 


1,8 


5,3 


1,10 


10. 


5,37 


12,89 


21,98 


1,25 


5,1 


1,20 


Ii. 


4,56 


13,72 


19,95 


1,0 


4,4 


1,10 


12. 


4,32 


15,09 


18,96 


0,86 


3,8 


0,98 


13. 


4,13 


15,61 


19,31 


0,79 


3,7 


0,98 


14. 


5,60 


15,62 


18,93 


1,08 


3,64 


0,89 


I5. a 


10,79 


6,51 


21,98 


5,0 


10,1 


1,26 


15 b 


11,31 


6,75 


22,46 


5,0 


10,0 


1,25 


16. 


10,99 


7,58 


21,97 


4,4 


8,7 


1,18 



Für 1, 2, 3, 4 wird man als das Nächstliegende 3. 3. 6. 
und, da nach Grawe in 6. a die Kieselsäure etwas zu niedrig an- 
gegeben und die Menge des Eisenoxydes nicht bestimmt wurde, 
in Rücksicht auf die grosse Aehnlichkeit der Zusammensetzung 
für 6. a dasselbe Verhältniss annehmen dürfen wie für 5. a Für 
7. b berechnet Delesse das auch von Rammelsberg und mir 
angenommene Verhältniss 4,5. 3. 7,5. Will man für 8 und 9 
R : Si = 1 : 3 ausdrücken, so bleibt die Proportion 1,5. 3,4. 5 
die einzig mögliche. Bei 10, dessen einzelne Sauerstoffverhält- 
nisse mehr Aehnlichkeit mit 1 1 als mit 9 haben, bleibt zweifel- 
haft, ob 1,5. 3. 4,5 oder 1. 3. 4 anzunehmen ist. Für 12 und 
13, welche wasserfrei berechnet in Kieselsäure und Alkali ganz 
mit 1 1 übereinstimmen, in Thonerde, Eisenoxyd und Eisenoxydul 
abweichen, wird man 1. 3. 4 annehmen und dahin 14, auffallend 
durch die grosse Menge Monoxyd, ebenfalls rechnen müssen. 
Trotz der einfachen Verhältnisse in 15. a und 15. b darf man 
diesen Proportionen, welche so weit von den durchgängigen, 



271 



auf Singulosilikate z u r ü ckz uf (ihr en d en abweichen, ihrer 
Entstellung nach so lange kein grosses Gewicht beilegen, bis 
weitere vollständige Analysen beweisen, dass in Magnesiaglimmern 
auch andere Sättigungsstufen als die mit Sicherheit bis jetzt 
allein nachgewiesenen Singulosilikate auftreten, da die Abweichung 
in 10 und 16 ohne Zweifel von der schon angeführten Methode 
der Eisenoxydulbestimmung herrührt. Für 16 nimmt Delesse, 
der Manganoxyd berechnet, 3. 3. 6 an (10,65. 8,09. 21,97 
= 4. 3. 8). Vollständige Zersetzbarkeit durch Salzsäure wird 
von 10, 11, 12 angegeben. 

Man erhält demnach folgende Sauerstoffverhältnisse: 







R : 


E 


: Si 


1. 


2. 3. 4. 


3. 


3. 


6. 


5. b 


6. b 6. c 


6. 


3. 


9. 


5. a 


6. a 


6. 


3. 


9. (5. 3. 8?) 


7. a 


7 b 


4,5. 


3. 


7,5. 


8. 


9. 


1,5. 


3. 


4,5. (2. 3. 5?) 


10. 




1,5. 


3. 


4,5. oder 1. 3. 4. 


iL 


12. 13. 14. 


1. 


3. 


4. 


15. a 


15 b 


5. 


3. 


<0.? 


16. 




4,5. 


3. 


9.? (6. 3. 9?) 



Die Sesquioxyde, Thonerde und Eisenoxyd, haben sehr ver- 
schiedene Proportionen aufzuweisen. In 5, 6, 7 ist nur wenig 
Eisen vorhanden ; auf 1 Atom Eisenoxyd kommen Atome Thon- 
erde in: 



1. 


2. 


3. 


4. 


8. 


9. 


10. 


11. 


4,4 


4,1 


m 


9,2 


2,1 


1,4 


1,0 


0,65 


12. 


13. 


iL 


15. a 


15. b 


16. 






1,1 


0,9 


1,6 


10,0 


7,9 


3,2 







Von den Monoxyden überwiegt bei weitem Magnesia sammt 
dem stellvertretenden Eisenoxydul. Rechnet man den Sauerstoff 
der Alkalien zusammen , so beträgt er stets mehr als der des 
Kalkes, nur selten ist der des Kalkes bedeutender als der von 
Kali oder Natron allein, oft wird gar kein Kalk angeführt. 
Manche Analysen geben nur Kali und kein Natron, einige mehr 



272 

Natron als Kali an; Lithion findet sich nur in 5 und 16. Auf 
1 Atom Alkali kommen Atome Monoxyd in: 



1. 


2. 


3. 


4. 


5. a 


5. b 


6. a 


6. b 


6. c 


4,5 


4,1 


6,2 


5,5 


6,4 


6,6 


5,8 


4,7 


5,6 


7. a 


7. b 


8. 


9. 


10. 


ii. 


12. 


13. 


14. 


8,3 


8,6 


7,1 


5,8 


2,9 


1,9 


1,6 


1,7 


2,6 


15. a 


15. b 


16. 














10,4 


6,8 


5,1 















Auch hier kommen demnach sehr verschiedene Verhältnisse 
vor; die dem Lepidomelan 11 verwandten Glimmer 10 — 14 
sind viel alkalireicher als die übrigen. 

Hornblende. 

Von den vorhandenen Analysen sind nur die von Ram- 
melsberg augestellten (Poggendorff Ann. 103. 307. 1858 
und diese Zeitschrift Bd. X, t7.) in Betracht zu ziehen, da in 
ihnen die Alkalien und die Eisenoxyde bestimmt wurden. Nach 
dem Schmelzen mit Boraxglas wurde das Eisenoxydul mit über- 
mangansaurem Kali titrirt. Der etwaige Gehalt an Fluor ist 
vernachlässigt und der Sauerstoff der Titansäure zu dem der 
Kieselsäure gerechnet. Den Versuch A. Mitscherlich's Be- 
stimmungen der Eisenoxyde, welche auf dieselbe Weise wie bei 
dem Magnesiaglimmer erhalten wurden, in die Analysen einzu- 
setzen, habe ich hier wiederholt, ohne mir das Bedenkliche des- 
selben zu verhehlen. Die gegen das Handwörterbuch abweichen- 
den Zahlen sind den Angaben des Originalaufsatzes entnommen. 

1. Stenzelberg, Trachyt. 0,19 Proc. Ti. (B No. 9.) 

2. Cernosin, Wacke. 0,80 Ti. (B No. 8.) 

a. Mit 13,25 Proc. Fe, 2,59 Proc. Fe nach A. Mit- 
scherlich ber. 

b. Mit 5,81 Proc. tfe, 7,18 Proc. Fe nach Rammels- 
berg ber. 

3. Filipstad, Wermland. Mit Kalkspath und grünlichweissem 
Glimmer verwachsen. Fluor nicht bestimmt. (A No. 21.) 

4. Vesuv. Von gelbgrünem Glimmer begleitet. (B No. 7.) 



273 



5. Arendal , Magnetoisensteinlager. Mit einem eingliedrigen 
Feldspath verwachsen. (A No. 12.) 

a. Mit 6,97 Proc. Fe, 14,48 Proc. Fe nach Rammels- 
berg. 

b. Mit 5,69 Proc. Fe, 14,65 Proc. Fe nach A. Mit- 

SCHERLICH. 

6. a Frederiksvärn. Zirkonsyenit. 0,80 Proc. Ti (A No.22. b a) 

6. b „ „ 1,07 Proc. Ti (A No.22. b ß) 

7. Konschekowskoi Kamen, aus Anorthit- Hornblende- Gestein. 
Hie und da mit Quarz und bräunlichweissem Glimmer ver- 
wachsen. 0,25 Proc. Fl, 1,01 f i. (A No. 10.) 

8. Saualp. (Carinthin.) Glimmerschiefer. Mit Quarz, Zirkon, 
Granat, Zoisit, Cyanit u. s. w. verwachsen. 0,21 Proc. Fl. 
(A No. 27.) 

9. Monroe, Orange Co., New- York. An einzelnen Stellen mit 
Höhlungen erfüllt, welche von Brauneisenstein bekleidet 
sind. (A No. 26.) 

10. Brevig. Zirkonsyenit. 1,01 Proc. TL (A No. 4.) 

11. Härtlingen. Basalttuff. Begleitet von Augit. Krystalle im 
Zustand anfangender Zersetzung, zur Analyse rein schwarze 
und harte Partieen. 1,01 Proc. Ti. (B No. 3.) 

12. Honnef. Wacke. 1,53 Proc. TL (B No. 4.) 

1 3. Pargas. Kalk. Schwarz. 1,70 Proc. Fl, Ti Spur (A No. 20. c ) 

14. Prakendorf, Zips. Derb, blättrig, mit Magneteisen vorkom- 
mend. 1,12 Proc. Wasser. Schultz. (Handwörterb. S. 996.) 

15. Pargas (Pargasit). Kalk. Hellgrün. 2,76 Proc. Fl. (A 
No. 8. d ) 

16. Edenville, Orange Co., New- York. (Edenit.) (A No. 3.) 

17. Arfvedsonit, Grönland. Mit Eudialyt und Natrolith ver- 
wachsen. 10,58 Proc. Na, 0,68 Proc. K. (S. 481.) 

a. Mit 23,75 Proc. Fe, 7,8 Proc. Fe nach Rammelsberg. 

b. Mit 25,37 Proc. Fe, 5,93 Proc. Fe nach A. Mrr- 

SCHERLICH. 



274 



von R 


: S 


: Si 






R + ä':Si 


1. 


10,54 


10,04 


20,68 


- 3,1. 


3. 6,2 


1 : 1,02 


2. a 


10,47 


10,655 


22,16 


2,9 


6,2 


1,05 


3. 


12,40 


6,94 


20,18 


5,4 


8,7 


1,05 


2. b 


11,49 


8,42 


22,16 


4,1 


7,9 


1,11 


4. 


11,12 


8,43 


21,13 


4,0 


7,5 


1,07 


5. a 


11,06 


6,76 


23,03 


4,9 


10,2 


1,29 


5. b 


11,10 


6,38 


23,03 


5,2 


10,8 


1,32 


6. a 


11,34 


6,76 


21,65 


5,0 


9,6 


1,20 


6. b 


10,74 


6,575 


21,76 


4,9 


9,9 


1,25 


7. 


11,67 


5,67 


23,99 


6,2 


12,7 


1,40 


8. 


11,53 


6,46 


26,31 


5,4 


12,2 


1,45 


9. 


13,78 


5,77 


24,50 


7,2 


12,7 


1,25 


10. 


10,57 


4,93 


22,94 


6,4 


14,0 


1,49 


11. 


11,68 


7,63 


23,08 


4,6 


9,1 


1,20 


12. 


11,07 


7,70 


22,48 


4,3 


8,8 


1,21 


13. 


11,84 


7,01 


22,01 


5,1 


9,4 


1,16 


14. 


8,59 


7,865 


24,60 


3,3 


9,4 


1,49 


15. 


13,76 


3,53 


24,60 


11,7 


20,9 


1,42 


16. 


13,23 


3,54 


27,56 


11,2 


23,4 


1,65 


17. a 


5,78 


7,125 


27,32 


2,4 


11,5 


2,13 


17. b 


5,37 


7,61 


27,32 


2,1 


10,8 


2,12 




Die Reinheit und 


Frische 


der durch 


hohen 


Alkaligehalt 



(5 — 6 Proc.) ausgezeichneten Varietäten 6. a 6. b und 10 ist nicht 
ganz evident, aber das in ihnen beobachtete Sauerstoffverhältniss 
wird durch 5. a 5. b und 8 sichergestellt, wie das für 1 1 durch 
12 und 13. Die Uebereinstimmung in R und R von 15 und 16 
tritt sehr hervor. 

Diese Zahlen, welche den von Rammelsberg 1. c. 456. 
gegebenen entsprechen, liefern folgende Sauerstoffverhältnisse, 
aus denen sich ergiebt, dass gewisse Magnesiaglimmer 
und gewisse Hör nblen den stöch iom etrisch gleich zu- 
sammengesetzt sind. 



275 



Hornblende. O. von R : R, : Si 



Glimmer. 
1. 2. 3. 4. 



R + R : Si 
1 : 1 
1 
1 
1 
1 



1. 3. 3. 6 

2. a 3 6 

3. 6 9 
2. b 4,5 7,5 

4. 4,5 7,5 

5. a 5. b 5 10 

6. a 6. b 5 10 

7. 8. 9. 10. 6 12 
11. 12. 13. 4,5 9 

14. 3 9 

15. 12 20 

16. 12 24 

17. a 2,5 11 
17. b 2 10 



15. a 15. b ? 



16? 



5. b 6 b 6. c 
7. a 7. b 



1,25 
1,25 
1,33 
1,20 
1,50 
1,33 
1,60 
2 



2 



Die Sesquioxyde , Thonerde und Eisenoxyd, kommen wie 
bei dem Magnesiaglimmer in sehr verschiedenen Verhältnissen 
vor. In 9 und 15 wurde kein Eisenoxyd, in 17 keine Thonerde 
gefunden. Durch helle Färbung und Armuth an Eisen unter- 
scheiden sich 8, 9, 15, 16 von den übrigen. Es kommen auf 
1 Atom Eisenoxyd Atome Thonerde in: 



1. 2. a 2. b 3. 4. 5. a 5 b 6. a 6. b 

2,3 1,7 3,8 4,3 3,7 2,1 2,7 1,2 1,1 

7. 8. 10. 11. 12. 13. 14. 16. 

2,7 11,4 1,5 2,1 3,8 3,8 7,9 3,2 



Von den Monoxyden überwiegt immer Magnesia-Eisenoxydul 
und der Sauerstoff derselben zusammen gerechnet verhält sich 
zu dem des Kalkes meist wie 2:1. In 16 wurde kein Eisen- 
Mangan-Oxydul gefunden. Der Sauerstoff der Alkalien beträgt 
stets die geringste Menge ; die Alkalien — meist mehr Natron 
als Kali — stehen meistens in einfachen Verhältnissen zu ein- 
ander. Auf 1 Atom Alkali kommen Atome Monoxyde: 



1. 2. a 2. b 3. 4. 5. a 5. b 6. a 6. b 7. 8. 

15,2 14,4 15,9 18,4 14,9 13,2 13,2 9,0 8,5 19,1 15,7 

9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. a 17. b 

17,4 7,4 14,2 16,6 13,3 33,4 15 39,1 1,0 1,0 



276 



Vergleicht man die Monoxyde der Magnesiaglimmer und 
der Hornblenden der Zahl der Atome nach, so ist die Reihe für 

Magnesiaglimmer: j "oxydul I ' A ^alien ^ a )' 

Hornblende: jEi^oxyduli' Kalk ' Alkalien ( Na ' *)l 

Arfvedsonit: Eisenoxydul und Natron in gleicher Zahl 

von Atomen. 

Versucht man die aus den angeführten Analysen der Magne- 
siaglimmer (G) und der Hornblenden (H) erhaltenen Sauerstoff- 
verhältnisse durch Formeln auszudrücken, in welchen beide 
Glieder des Doppelsalzes in den entsprechenden Singulo - und 
Bisilikaten auf gleicher Sättigungsstufe stehen , so ergeben sich 
folgende Formeln, an deren Stelle freilich nicht selten auch an- 
dere z. Th. ebenso einfache gesetzt werden können. Bei Wieder- 
holung der Analysen werden wahrscheinlich einige Glieder 
schwinden und noch einfachere Beziehungen sich ergeben. Die 
auf diese Weise erhaltenen Formeln für die Hornblenden sind 
übrigens nicht verwickelter als die für andere gut charakteri- 
sirte Mineralien, z. B. Harmotom, Oligoklas , Labrador > (s. 
Rammelsberg Handw. XLIII.), wenn man für diese das Prin- 
cip der gleichen Sättigungsstufe in beiden Gliedern der Doppel- 
silikate festhält. 



277 



;QQ P P P P f; 



:p| ^ ^ ^ :P4? 

++++++ + 

p p p p p • 



CO CD CO CO -pH CM 



CM ^ -cö 

-ph CM M " 1 



SpJ RPPPRPpPi;,; 

^^CVCM^H^^rvj^^,^ 

+++++++++++ I I 



ppppppppf? 



CM CM 
COCDC35CO"<!HcOCO^CO^-"cO 



ÖD 
f3 



3 :« 
s P* 

g o 2 



«5O5inCD^^Q0 N Q[) OcD ^ ^ 
<£ \ "" , ^ CM-"^ CO CO "tpl 

a t 

o 

^CM^-^CVCOCOCO^COCO CV <H 

■« 

^^CM^COCO 

II II II II II (I I! II II II II II II 

* 

' s * 

ccosiNr-^f^ocMasoio-^ iL o 

"*H CM CV -ph 



© COCOCOCOcOCOCOCOCOCOCOcoCO 

o 



COCD^^-p-iOCD^COCMCM 



-ph CM CM 



w ti w I I öd tri ti w ri ti ffl w 

cj o 6 6 6 S 1 S 1 M I I 

. pH . pH 

jHk . H H H Ü . hH hH M 



M 

•pH «p^ 



:oq $T 

ILÖ £ 



CO >C " 

71 !M t- 

d 4? : © 

^ PN 



fe 'PH 



- ^ £ 



II II 



CO CO 



16 o* Q 

* * * 



i © 
PH 



-|f Hf 



cm £ 



278 



Bezeichnet man die Singulosilikate mit S, die ßisilikate mit 



B, so ist : 








I. - = S. I. 


3. 


1. (3 = 3R* Si; 


1 = & Si 3 ) 


II == S.II. 


6. 


1. 


III. = S.I. + S.II.9. 


2. 




IV. = S.III. 


3. 


2. 




V. = S.IV. 


1. 


1. 




VI. == S.II. 


6. 


1.+ B.I. 3. 


l.(3 = 3RSi;l=RSP) 


VII. - s.u. 


6. 


l.-f B.IL 6. 


1. 


VIli.= 2S.H. 


6. 


1. -f B. III. 3. 


2. 


IX. = S.L 


3. 


1. + 2B.I. a. 


1. 


X. = S.V. 


12. 


1.+ B.IV.12. 


1. 


XI. = S.II. 


6. 


1.+ B.V. 24. 


1. 


XII. = — 




B. VI. 5. 


2. 


xm.ä — 




B.VII.2. 


1. 



Von diesen Singulosilikaten ist stöchiometrisch gleich zusam- 
mengesetzt (vergl. Rammelsberg Poggendorff Ann. 109. 593.) 

I. mit Granat und Sarkolith, 

IL mit Humboldtilith, 

III. mit Vesuvian, 

IV. mit Mejonit und der Epidotgruppe, 

V. mit Sodalith, Hauyn, Nosean, Anorthit. 

Es ist hervorzuheben , dass in diesen Singulosilikaten — 
mit Ausnahme der natronreichen, unter einander eng verwandten 
Gruppe Sodalith, Hauyn, Nosean — von den Monoxyden stets 
der Kalk überwiegt oder doch mit den übrigen Monoxyden (Mg, 
Fe, Mn, Cr) in gleichem Range steht wie bei Granat, während 
in Magnesiaglimmer und Hornblende stets Magnesia-Eisenoxydul 
vorwaltet, bei ersterem der Kalk fast ganz zurücktritt und bei 
letzterer erst den zweiten Rang einnimmt. Petrographisch ist 
von diesen stöchiometrisch gleichen Zusammensetzungen die ge- 
wisser Glimmer, gewisser Hornblenden und des Granates die 
wichtigste und die schon von Berzelius angedeutete Auffassung 
des Granates als alkalifreie, oft kalkreiche Parallele von Magnesia- 
glimmer vortrefflich verwendbar (Glimmer-, Hornblende-, Granat- 
Gneiss). 



279 



Da nach Sünarmont (Ann. CA Phys. (3.) 34. 171. 1S51) 
und Grailich (Wien. Akad Ber. 11. 46. 1853) die Glimmer 
dem zweigliedrigen, die Hornblende dem zwei- und eingliedrigen 
System angehören . so hat die Gruppe Overhältniss = 3. 3. 6 
Repräsentanten in 4, die Gruppe 6. 3. 9 in 3, die Gruppe 4,5. 
3. 7,5 in 3, die Gruppe 1,5. 3. 4,5 in 3, die Gruppe 3. 3. 4 
in 3 Krystallsystemen. 

Findet man es bedenklich, dass bei den Magnesiaglimmern 
so viel verschiedene, zwar stöchiometrisch ähnlich, aber doch un- 
gleich zusammengesetzte Verbindungen isomorph auftreten, ge- 
denkt man der verschiedenen Richtung der Ebenen der optischen 
Axen in demselben Glimmerblatt, so wird man versucht, die 
Singulosilikate der verschiedenen Magnesiaglimmer aus einander 
abzuleiten und in der That lassen sich alle oben angeführten 
Formeln aus zwei derselben ableiten, sodass es nur 2 isomor- 
phe, stöchiometrisch ähnlich, aber doch ungleich 
zusammengesetzte Magnesiaglimmer gäbe, aus deren 
Zusammenkrystallisiren die übrigen entständen. Ob das optische 
Verhalten dieser Annahme entspricht, lässt sich für die Glimmer 
mit dem Sauerstoffverhältniss 1. 3. 4 nicht ersehen, da für die- 
selben Angaben nicht vorliegen. Haughton hält den Glimmer 
1 2 (Granit von Baliyellin) für optisch einaxig. Dana fand für 
den Glimmer mit dem Sauerstoffverhältniss 6. 3. 9 aus Jeffer- 
son Co. (Glimmer 5) und für den aus Edwards, St. Lawrence 
Co., New-York (Glimmer 6), welche er zu seinen Phlogopiten 
(Winkel = 5° — 20°) zählt, den Winkel der optischen Axen 
zu 13° 30' und 15°; bei Glimmer vom Vesuv (4), welchen er 
zu den Biotiten rechnet, war der Winkel kleiner als 5°. 

Als die 2 Grundmischungen, aus denen man die übrigen 
ableiten kann, ergeben sich die mit 



Overhältniss: 6. 3. 9 = I. 

1. 3. 4 ' = IL 



3. 3. 6 = 

4,5 3. 7,5 = 

1,5 3. 4,5 = 

(2. 3. 5. = 



4 I + 6 IL 
7 I + 3 IL 



1 + 9 IL 
2 1 + 8 IL) 



Für die Hornblenden wird bei Annahme von Thonerde und 
Eisenoxyd als sesquioxydische Basen die Betrachtung viel schwie- 



280 



riger. Der von Rammelsberg (1. c. 460.) gemachte Versuch, 
bei thonerdehaltigen Hornblenden (und Augiten ; das Eisenoxyd 
zu den Basen, die Thonerde zur Säure zu rechnen, um eine 
Gleichmässigkeit in der Zusammensetzung zu erzielen, giebt der 
Hornblende (und dem Augit) eine schon beim Spodumen von 
Rammelsberg wieder aufgegebene Ausnahmestellung, zu welcher 
keine Berechtigung vorzuliegen scheint und dieser Versuch führt 
nicht einmal zu der gewünschten Gleichförmigkeit. Statt dass 
sich R, Fe : Si, AI = 1 : 2 ergeben sollte, zeigt (Pogg. Ann. 
103. 460) der Augit vom Aetna 1 : 1,78, der Carinthin 2,62, 
die Hornblende von Filipstad 1 : 1,85, die vom Vesuv 2,20. 
Nach der hier angenommenen Anschauung sind isomorph die 
Bisilikate: 1) R Si (Tremolit, Anthophyllit etc., 2) 2 R Si -f R Si 3 
Arfvedsonit ; die Singulosilikate 3) 3 R 2 Si -f R 2 Si 3 , 4) 6 R 2 Si 

+ R 2 Si 3 , 5) 9R 2 Si + 2R 2 Si 3 , und die S. 276. unter VI 
bis XI aufgeführten Hornblenden, welche aus Combinationen von 
Singulosilikaten und Bisilikaten von R und R bestehen. Auch 
von diesen 11 Formeln lassen sich manche von einander ab- 
leiten, so ist, wie schon angegeben 5 = 3 — )- 4 ; VII — {XI -J- 3 ; 
VIII = jXI+2j 3; VI = VII + VIII. Es bleiben also übrig 
7 isomorphe Verbindungen: RSi; 2RSi-f-RSi 3 ; 3 R 2 Si 
+J> Si» ; 6R 2 Si + R 2 Si 3 ; (3 R 2 Si + R 2 Si 3 ) + (6 RSi 
+ 2 RSi 3 ); ( 12R 2 Si + R 2 Si 3 ) + ( 12 R Si + R Si 3 ); 
(6R*Si + R* Si 3 ) + (24RSi + RSi 3 ),welche(z.Th.durchZu- 
sammenkrystallisiren) die bis jetzt bekannten Hornblenden liefern. In 
der ersten ist R Mg, Fe, Mn, Ca, in der zweiten Fe und Na, 
R = J?e ; in den übrigen ist R vorzugsweise Fe Mg , in viel 
geringerer Zahl von Atomen Ca, in noch geringerer Na, K 
und R = AI und Fe. 

Eine fast vollständige Parallele würden die Hornblenden in 
den Augiten haben, bei welchen imorph sind: 1) RSi (R = Ca, 
Mg, Fe, Mn), Wollastonit, Diopsid, Bronzit etc., 2) 3 RSi 
+ RSi 3 , Aegirin (R = Fe, Ca, Na; R = Fe), 3) 3 R Si 
+.2 RSi 3 , Akmit (R = 3 Na + 1 Fe, R == Fe ) , 4) 9 RSi 
+ RSi 3 , Babingtonit (R = 4 Ca + 3 Fe (Mn); R = Fe. 
5) Thonerdehaltige Augite, welche Thonerde und Eisenoxyd als 
Sesquioxyde berechnet ergeben: 



281 



a. Härtlingen Overh. 6. 3. 12 (12,13. 5,54. 25,34) 

b. Aetna „ 10. 3. 20 (13,33. 3,735, 25,27) 

c. Laach „ 16. 3. 32 (13,43. 2,45. 26,68) 

o o , /13,66. 1,865. 27,26\ 

d. Schirnau. Pyrgomraittel „ 22. 3. 44 1 ^ ^ ^ ^ 27 18/ 

e. Vesuv (Wedding) „ 8. 3. 16 (12,50.4,85. 26,06) 



Man sieht, dass a -j- b = 2 e ist. In Formeln ausgedrückt 

ist: % 

a. = (6R*Si + R Ä Si 3 ) + ( 6RSi + RSi 3 ) 

b. = ( „ „ ) + (18 „ „ ) 
c = ( „ „ ) + (36 „ „ ) 

d. = ( „ „ ) + (54 „ „ ) 

e. = ( „ ) + (12 „ „ ) 



Es träte also das a — e zu Grunde liegende Singulosilicat 

6 R 2 Si -f- Si 3 , welches bei den Hornblenden vorkommt, bei 
den Awgiten isolirt nicht auf, sondern nur in Combination mit 
Bisilikaten. Es mag erlaubt sein noch darauf hinzuweisen, dass 
bei den Gadoliniten verwandte Erscheinungen auftreten, wenn 
man die Beryllerde als 3£ betrachtet. Es ist dann R* Si iso- 
morph mit 30R + &+ 15 Si, 18R + R + 9Si u. s. w., wie 
die Analysen in Rammelsberg Handwörterbuch S. 772 u. flg. 
nachweisen. 



282 



3. Die geognostische Beschaffenheit der Gebirge 
der Provinz Caracas. 

Von Herrn H. Karsten in Berlin. 

Hierzu Taf. II. 

In dem zweiten Jahrgange dieser Zeitschrift legte ich den 
Geognosten meine Beobachtungen über die Gebirgsformationen 
vor, die das nördliche Venezuela zusammensetzen, begleitet von 
einer Karte ihrer Verbreitung im nordöstlichen Theile dieses 
Landes. 

Meine Untersuchungen begannen im Osten der Republik 
Venezuela, im Gebirge von Cumana, und reichten bis nach Ca- 
racas und Pt. Cabello, ohne das südlich und östlich von diesen 
Orten belegene Gebiet damals zu berühren. 

Später besuchte ich auch diese Gegenden und hatte die 
Ehre, dem Gründer dieser Gesellschaft, dem allgeehrten L. 
v. Buch, einige Gesteinproben aus derselben zu übersenden, 
welche bewiesen, dass auch sie, ebenso wie das Gebirge von 
Cumana und das von Orituco bis zum Morro Unare und wie die 
Ebenen von Cumana und Barzelona von sedimentären Bildungen 
bedeckt seien. In Karsten's Archiv 1852 wurden einige Mit- 
theilungen über das von mir Beobachtete gegeben. 

In Folge dieser Mittheilung erschien im 5. Jahrgange dieser 
Zeitschrift 1853 ein von Humboldt während seiner Reise ge- 
zeichnetes Profil des südlichen Abfalles der Küstenkette von 
Venezuela gegen das grosse Becken der Ebenen (Llanos) des 
Orinoko, welches die von Humboldt in seiner Reise ausgespro- 
chene Ansicht zu vertheidigen bestimmt ist, dass der neptunische, 
grosse Seeboden der Llanos von vulkanischen (jetzt plutonisch 
genannten) Eruptivgesteinen umgeben sei: während ich das von 
Humboldt hier speciell beschriebene Gebiet als der Tertiär- und 
Kreideformation angehörend bezeichnet hatte. - 



283 



Um diesen Widerspruch zwischen Humboldt's und meinen 
Angaben über die geognostischen Verhältnisse jener Gegenden, 
die ich zu wiederholten Malen besuchte und nach verschiedenen 
Richtungen hin durchforschte, zu lösen, übergebe ich hiebei den 
Geognosten die von mir vor zehn Jahren in jenen Gegenden 
aufgenommenen Gebirgsprofile mit den Höhenangaben, die sich 
in den von Codazzi herausgegebenen Karten von Venezuela be- 
finden. 

Beide Profile sind in der Richtung von^Nord nach Süd auf- 
genommen und einen halben Längengrad von einander entfernt. 
Das östliche Profil ist durch die grösste Tiefe des Valenzia-See's 
gelegt, die nach CoDAZzrs Angabe gegen 300 Fuss beträgt; 
es durchschneidet die hohe Küstenkette in der Cumbre von Cho- 
roni, die innere niedrigere Parallelkette in der Böschung eines 
Sattels bei Cura; es ist ferner durch die höchste Spitze der 
Morros de St. Juan und durch den Voladero der „Galera" ge- 
nannten südlichsten Hügelkette gelegt, welche die Llanos be- 
grenzt. 

In dem westlicheren Profile sind gleichfalls beide Küsten- 
ketten durchschnitten, die nördliche in dem Hilaria (Cumbre de 
Valenzia); die südlichere in niedrigen Hügelreihen bei Tinaquillo. 
Die dritte den Morros von St. Juan entsprechende, aus isolirten 
thurm- und mauerförmigen Felsen bestehende, die sich an meh- 
reren Orten innerhalb dieses Terrains finden, z. B. westwärts 
von St. Juan bei Altar und ostwärts bei St. Sebastian und Ori- 
tuco, fehlen in diesem Profile; dagegen ist auch hier die Galera 
durchschnitten, und zwar trifft das Profil dieselbe bei dem Städt- 
chen Pao in einer Höhe von 568 Meter. 

Fast einen Grad südlich von Pao erhebt sich mitten aus 
den flachen ebenen Llanos ein bis gegen i500 Fuss hoher Ge- 
birgsstock, die Galera del Baul : aus Syenit, Feldspathporphyr 
und dioritischren Gesteinen bestehende Hügelgruppen, welchen die 
tertiären Sandstein- und Mergelschiefer-Schichten aufgelagert sind. 
Dieser hier ganz fremdartige, in den Llanos isolirt vorkommende 
Gebirgsstock scheint ein Ausläufer des südlich vom Orinoko sich 
ausdehnenden Systemes der Parima zu sein. Die bei St. Bar- 
tholo am rechten Ufer des Chirgua in diesen Felsarten vorkom- 
menden, zum Theil sehr grossen und rothgefärbten Feldspath- 
krystalle habe ich in den Gebirgen des nördlichen Venezuela 
nicht wieder beobachtet. In diesen Syeniten und Graniten sind 

Zeit* d d.geol. Ges. XIV. 2. 19 



284 



Bänke von Sandstein eingeschlossen, welche, besonders in der 
Nähe der Schichtlingsflächen, Hornblende, Glimmer und Feld- 
spath enthalten und in Feldspathporphyr etc. übergehen. *) 

Die Küstenkette, welche ihren Höhenpunkt in dem ostwärts 
von Choroni belegenen, 2800 Meter hohen Naiguata von Caracas 
hat, besteht grösstentheils aus Syenit und Hornblende - Gneiss. 
Ganz gewöhnlich sind in diese plutonischen Massen, vorzüglich 
an dem südlichen Abhänge, Schichtensysteme von Glimmerschiefer, 
glimmerhaltigem Quarzfels, Hornblendeschiefer und ähnlichen 
Felsarten eingeschlossen, deren Fallen nach NO. — Bei las 
Trincheras am Westfusse des Hilaria finden sich in der Syenit- 
masse eingebettet zum Theil scharfkantige Bruchstücke des auf- 
gelagerten Hornblendeschiefers. Bei Pt. Cabello am nördlichen 
Fusse des Hilaria, wie bei Savanna larga de St. Matheo am 
südlichen Fusse des Choroni und an anderen Orten, finden sich 
zwischen ähnlichen Gesteinschichten Bänke von Marmor einge- 
schlossen. 

Am nördlichen Fusse des Hilaria bei Valenzia steht ein 
hellblauer, dem des Morro de St. Juan ähnlicher, in den unteren 
Schichten kiystallinisch körniger Kalk an , welcher zollgresse 
scharfkantige Bruchstücke von gelbem glimmerhaltigem Thon- 
und Kieselschiefer einschliesst , wie es scheint den Gesteinen 
jener älteren, plutonischen und metamorphischen Felsarten auf- 
gelagert. 

Die mit dieser nördlichsten, das Meer begrenzenden Gebirgs- 
kette mehr oder weniger parallele, südlichere Kette hat ihren 
Höhenpunkt etwas ostwärts von dem Längenmeridiane des Choroni 
in dem j 670 Meter hohen Guaraima und dem 1453 Meter hohen 
Roncador. Grünstein scheint in diesem Gebirgszuge das vor- 
waltende Gestein; doch kommt auch Gneiss, Glimmerschiefer, 
Granulit und Diorit, besonders an seinen westlichen Ausläufern, 
zu Tage, z.B. in der Abra de Cura und bei Tinaquillo der beiden 
anliegenden Profile. Die Gebirgsarten der Kreideformation, welche 
die östliche Verlängerung dieses Gebirgszuges bis in das CapUnare 
allein oder hauptsächlich zusammensetzen, bilden auch das Han- 
gende in seiner westlichen Erstreckung, Jene plutonischen Ge- 
birgsarten durchbrechen in einzelnen Kuppen das südwärts an 



*) In Karstens Archiv 1852 ist diese Galera del Baul, und sind 
auch die Llanos des Orinoko ausführlicher beschrieben. 



285 



sie angelehnte, aus jüngeren, neptunischen Massen bestehende 
Gebirgsland, welches die weiten einförmigen Ebenen des Orinoko 
begrenzt. 

Von 60 Grad 30 Minuten bis 70 Grad 35 Minuten bildet 
der „Galera" genannte, z. Th. 600 Meter hohe Höhenzug die 
südlichsten Vorberge des Hochgebirges von Caracas und Valenzia; 
über diese Längengrade hinaus flacht sich der südliche Abhang 
der inneren Küstenkette des Guaraima und Roncador allraälich 
in die Ebene des Orinoko ab, deren aus jungen Tertiärschichten 
bestehende , unter sehr geringem Winkel fallende Gesteine von 
dem aus der Gebirgszone stammenden Alluvium bedeckt sind. 

Der grösste Theil dieser Gebirgszone ist, wie schon bemerkt, 
aus neptunischen Felsarten zusammengesetzt, die noch jetzt orga- 
nische Reste erkennen lassen. 

Selbst in dem Thale, welches von den beiden, aus plutoni- 
schen Felsarten bestehenden, nördlichsten Gebirgsketten einge- 
schlossen wird , finden sich in der Nähe von Caracas bei Cau- 
cagua und St. Lucia, in Kalk- und Thonschiefer eingelagert, die 
Tertiärepoche bezeichnende Fossilien. 

Durch widersinnige Auflagerung, wie auch durch Verschie- 
denheit in der Richtung des Streichens und der Grösse der 
Falllinie der verschiedenen neptunischen Schichten, lassen sich 
dieselben als zwei Epochen angehörend erkennen. Ammoniten 
und Inoceramen charakterisiren die unteren Schichten, mit steiler 
Falllinie von WSW nach ONO streichend ; während die oberen, 
unter geringerem Winkel fallenden, meist von W nach O strei- 
chenden Schichten durch die Häufigkeit der in ihnen vorkom- 
menden Foraminiferen charakterisirt sind. 

Die erstere, weniger ausgedehnt vorkommende Formation 
besteht aus Kalk-, Kiesel- und Thonschiefern , die in ihren un- 
teren Schichten dunkler, dichter, ja selbst z. Th. krystallinisch 
sind; es sind die blauschwarzen Schiefer von Piedras azules und 
Parapara Humbüldt's, die besonders in dem östlichen Profile 
durchschnitten wurden : so auch bei Moja dulce und Mal paso 
zwischen St. Juan und Parapara. 

Die Polythalamienschiefer, theils aus hellblauem Kalke, theils 
aus feinkörnigen Thonschiefer- , Kalk - und Quarz-Breccien be- 
stehend, welche einen grossen Theil des in den beiden vorlie- 
genden Profilen dargestellten Terrains einnehmen, wurden von 
Humboldt als grüne Schiefer und Grünstein bezeichnet. Auch 

19* 



286 



diese jüngeren wurden an einigen Orten krystallinisch beobachtet, 
z. B. bei las Quabraitas in der Nähe von St. Juan, wo sie das 
Hangende einer cbloritischen, serpentinähnlichen Felsart bilden. 

In St. Juan beobachtete ich bei meinem ersten Besuche einen 
Findling mit Krystallen von glasigem Feldspath, der mich hoffen 
Hess, die von Humboldt hier in der Nähe , d. h. am Cerro de 
Flores beobachteten augitischen Gesteine zu entdecken, welche 
demselben die Idee erweckten, die Ebenen des Orinoko seien 
hier im Norden gleich wie im Westen von vulkanischen Ge- 
steinen umgeben. 

Dies ist mir jedoch nicht gelungen ; weder an dem von 
Humboldt speciell bezeichneten Orte, dem Cerro de Flores, 
noch sonst irgendwo in Venezuela habe ich Augite aufgefunden 
und ich bin überzeugt, dass, falls ein augithaltiges Gestein in 
dieser Umgebung der Llanos vorkommt, dasselbe ein sehr be- 
schränktes Vorkommen hat. 

Jedenfalls ist die eben angeführte Ansicht Humboldt's eine 
irrige, und am allerwenigsten ist der Ort dieser vulkanischen 
oder plutonischen Eruptivgesteine in die Galera von Ortiz und 
Parapara, S. Francisco und Pao etc. zu verlegen. 

Diese Galera, die letzten Vorberge an der Grenze der Lla- 
nos, bestehen aus Schichten eines röthlichen harten quarzigen 
Sandsteines und leicht verwitternder Thonschiefer, die meistens 
eine sehr steile Falllinie zeigen , nicht selten saiger stehen und 
zuweilen, wie in dem westlichen Profile in der Galera von Pao, 
wellig gebogen sind. 

Es sind diese Gesteinschichten zerklüftet, an den Klüftungs- 
wänden mit Quarzkrystallen besetzt, und auf den Thonschiefern 
finden sich oft Figuren und Eindrücke, die an die Chirotherien- 
Spuren erinnern. Beim Volador in der Nähe von Ortiz fand 
ich Polythalamien in ihnen. In der Nähe von Pao beobachtete 
ich die in dem Profil gezeichnete, widersinnige Auflagerung die- 
ser Gesteinschichten auf diejenigen der Kreide. 

Die für diese Polytbalamienschiefer ausnahmsweise bedeu- 
tend grosse Falllinie der Gesteine der Galera wiederholt sich im 
ganzen Umkreise der Gebirgszone an den jüngsten neptunischen 
Schichten; so auch an der Nordküste bei Panapo östlich von 
Riochico und am Cabo blanco bei La Guayra. 

Am südlichen Fusse der Galera de Pao fand ich in der 
Quebrada de potrero einen leicht verwitternden, blauen mit 



287 



Sandsteinschichten wechselnden Schieferthon gegen Norden unter 
15 Grad fallend, der verschiedene Molluskenreste, unter andern 
auch die in der Gegend von Caracas bei Caucagua (Quebrada 
Merecure) beobachtete Scalaria enthielt. 

Der gleiche Thon schien es mir zu sein, der eine Tagereise 
weiter südlich bei Huises mit dem in den Llanos sehr verbrei- 
teten, quarzigen Conglomeraten und Sandsteinen wechsellagert, 
welcher hier gleichfalls zweischalige, wahrscheinlich tertiäre oder 
quartäre Mollusken enthält. 

Bei Calabozo war das Liegende dieser Gesteine ein mäch- 
tiges Lager von weissem Quarzgerölle. 



288 



4. Ueber den opatowitzer Kalkstein des obersch le- 
sischen Muschelkalks. 

Von Herrn Heinrich Eck in Berlin. 

Bevor ich mich dem eigentlichen Gegenstande dieser Arbeit, 
dem sogenannten opatowitzer Kalkstein des oberschlesischen Mu- 
schelkalks, zuwende, erscheint es zweckmässig, einen kurzen Rück- 
blick auf die geschichtliche Entwicklung der gegenwärtig allge- 
mein angenommenen Gliederung und eine kurze Uebersicht über 
die neuerdings von mir unterschiedenen Abtheilungen des ober- 
schlesichen Muschelkalks zu geben. 

Geschichtliches über die Gliederung des oberschle- 
sischen Muschelkalks. 

Es ist bekannt, dass die seit langer Zeit von dem oberschle- 
sischen Bergmann mit Rücksicht auf die tarnowitzer Bleierzlage 
unterschiedenen 3 Abtheilungen des „erzführenden Flözkalks": 
Sohlenstein , Dachgestein und opatowitzer Kalkstein durch den 
von Karsten 1827 geführten Nachweis der dolomitischen Natur 
des Dachgesteins auch eine gewisse wissenschaftliche Begründung 
erhielten. Wir finden daher auch, wenn wir davon absehen, dass 
Pusch seltsamerweise in seiner geognostischen Beschreibung von 
Polen 4833 den opatowitzer Kalkstein der Juraformation zuwei- 
sen und in einer späteren Mittheilung über die geognostischen 
Verhältnisse Polens nach neueren Beobachtungen in Karsteis's 
Archiv Bd. 12. 1839 sogar den Dolomit als ein Aequivalent des 
Keupers betrachtet wissen wollte, die obige Eintheilung im All- 
gemeinen von allen späteren Forschern beibehalten ; namentlich 
sind Versuche zu einer weiteren, auf paläantologische Charaktere 
gegründeten Gliederung nicht gemacht, im Gegentheil die ur- 
sprünglichen Grenzen besonders der oberen Abtheilung, des opa- 
towitzer Kalksteins, mit Vernachlässigung paläontologischer Ver- 
schiedenheiten allmälig erheblich erweitert worden. Anfangs nur 



i89 



für den, bei Opatowitz anstehenden und durch den Einschluss 
zahlreicher Reste grosser Saurier ausgezeichneten Kalkstein auf- 
gestellt, wurden nämlich dieser Abtheilung nach und nach alle 
Kalke zugerechnet, welche sich bei zunehmenden Aufschlüssen 
als dem Dolomit aufgelagert erwiesen. So erklärte Mentzel in 
seiner Notiz über das Vorkommen der Deltliyris rostrata (Spi- 
rifer Ment%eii Dunk.) im Muschelkalk Schlesiens in Bkonn's 
Jahrbuch für Mineral. 1842 den Kalk des sogenannten höhni- 
schen Steinbruchs nordwestlich von Tarnowitz, welcher durch 
den Einchluss so vieler, dem deutschen Muschelkalk fremder Ver- 
steinerungen von Anfang an das Interesse aller Paläontologen in 
Anspruch nahm, für ident mit dem Kalkstein von Opatowitz, 
obwohl auch ihm schon damals die geringe Uebereinstimmung 
in den organischen Einschlüssen beider nicht entgangen war. 
Und auf Herrn v. Carnale's geognostischer Karte von Ober- 
schlesien (1. Auflage 1843, 2. 1857) und desselben geognosti- 
scher Karte der Erzlagerstätten des Muschelkalks bei Tarno- 
witz und ßeuthen (1855), auf welchen wir die Grenzen der 
Formation mit grosser Sorgfalt aufgetragen und auch die 3 Ab- 
theilungen derselben mit verschiedenen Farben bezeichnet se- 
hen, finden wir dem opatowitzer Kalkstein ausserdem noch 
zugerechnet: die Kalke von Lübeck und dem östlich davon 
liegenden Josephka - Vorwerk und diejenigen nördlich und süd- 
lich von Mikultschütz (der letztere ist auf der zweiten Auflage 
der geognostischen Karte von Oberschlesien seltsamerweise dem 
Dolomit zugezählt) , welche ebenfalls als dem Dolomit aufge- 
lagert erkannt wurden , und von denen , wie wir weiter un- 
ten sehen werden , der letzte mit dem Kalke des höhnischen 
Bruchs, der vorletzte mit dem von Opatowitz zu vereinigen ist, 
die beiden ersten aber einer besonderen Abtheilung angehören. 
Aber nicht blos die Schichten dieser Lokalitäten sehen wir auf 
den genannten Karten mit der Farbe des opatowitzer Kalksteins 
bezeichnet, sondern auch, als dem Sohlenstein aufgelagerte Par- 
tieen, die Kalke von Chorzow, Radzionkau und Krappitz, welche 
sich bei gehöriger Berücksichtigung der Lagerungsverhältnisse 
und der organischen Einschlüsse unzweifelhaft als einer der tief- 
sten Abtheilungen des oberschlesischen Muschelkalks zugehörig 
erweisen. Es kann uns daher nicht befremden, wenn Herr 
v. Meyer, einerseits auf die Richtigkeit dieser letzten Bestimmung 
des Herrn v. Carnael vertrauend und andererseits gestützt auf 



290 



die völlige Uebereinstimmung der organischen Reste in den 
Schichten von Lagiewnik und Petersdorf mit denen von Chor- 
zow, consequenterweise auch die Kalke dieser beiden Lokalitäten 
dem opatowitzer Kalkstein zuwies, obwohl auch er schon am 
Schlüsse seiner Untersuchungen über die Saurierreste des ober- 
schlesischen Muschelkalks sich der Bemerkung nicht enthalten 
konnte: „Opatowitz, Rybna, Larischhof und Alt-Tarnowitz unter- 
scheiden sich durch die Grösse der Thiere und die geringe An- 
zahl der Species so sehr von den übrigen Lokalitäten (Chorzow, 
Lagiewnik und Petersdorf), dass man glauben sollte, letztere ge- 
hörten nicht demselben Niveau an." Doch hat es dieser, ledig- 
lich auf die petrographische Beschaffenheit des Dachgesteins ge- 
gründeten Gliederung gegenüber nicht an Anfängen zu einer, 
auf paläontologische Charaktere basirenden Gruppirung einzelner 
Schichten des oberschlesischen Muschelkalks gefehlt, die ich um 
so lieber hier anführe, als sie mir während meiner Untersuchun- 
gen in Oberschlesien gänzlich unbekannt waren, und ihre Ueber- 
einstimmung mit den von mir erlangten Resultaten mir eine er- 
freuliche Bürgschaft für die Richtigkeit der letzteren gewährt. 
So machte Herr Professor Beyrich in der Sitzung der allge- 
meinen Versammlung der deutschen geologischen Gesellschaft in 
Greifswald vom 24. September 1850 auf die Notwendigkeit 
aufmerksam, die Kalke von Opatowitz, Rybna u. s. w. einerseits 
und die des böhmschen Steinbruchs und südlich von Mikultschütz 
andererseits von einander getrennt zu halten, und auch Mentzel 
wies, seinen früheren Fehler verbessernd, 1855 in seinen (unge- 
druckten) Vorschlägen zur näheren Erforschung der oberschlesi- 
schen Muschelkalkformation (in den Akten des Königl. Ober- 
Bergamts zu Breslau) auf die paläontologische Verschiedenheit 
der Kalke von Mikultschütz , Laband , des böhmschen Stein- 
bruchs und von Kamin von allen anderen Muschelkalkschichten 
hin, erwähnt die Untrennbarkeit der Kalke von Chorzow, La- 
giewnik, Maczeikowitz , Petersdorf, Gr. Strehlitz und Krappitz 
und stellte die Identität dieser Schichten mit dem unzweifelhaften 
d. h. vom Dolomit überlagerten Sohlenstein wenigstens als Ver- 
muthung hin. 

Gliederung des oberschle sischen Müsch elkalks. 

Indem ich mich nun zu einer kurzen Uebersicht über die, 
von mir im oberschlesischen Muschelkalk unterschiedenen Ab- 



291 



theilungen wende, schliesse ich von demselben diejenigen unter- 
sten, ihm bisher zugerechneten, gelblichen, mergeligen Kalk- 
schichten aus, welche sich durch die Häufigkeit der Myopho- 
ria fallax v. Seebach und der Natica Gaillardoti Lefr. 
auszeichnen und von meinem Freunde C. v. Seebach zuerst für 
ein Aequivalent der Kalkschichten des Roth Thüringens u. s. w. 
angesprochen wurden. Diese ausser Betracht gelassen, lässt sich 
der Muschelkalk Oberschlesiens von unten nach oben in folgen- 
der Weise unterabtheilen: 

I. Unterer oberschlesischer Muschelkalk 

(umfasst den Sohlenstein im eigentlichen Sinne des Wortes als 
Bezeichnung für das Liegende der beiden Dolomitmulden von 
Tarnowitz und Beuthen [ — nicht in dem Sinne, in welchem man 
dasselbe später in der Gegend zwischen Krappitz und Stuben- 
dorf anwendete, da man hier den ganzen Muschelkalk als Soh- 
lenstein bezeichnet hat — ], und die unteren Schichten des Dolomits.) 

1. Bräunlicher, grossspäthiger , zelliger Kalk, petrefakten- 

leer. 

2. Die Schichten von Chorzow, Michalkowitz u. s. w. Wech- 
sellagernde Schichtengruppen von wellig- und dünngeschichtetem, 
grauem, dichtem Kalk und röthlichem, krystallinischem, splittri- 
gem Kalk. Zahlreiche wurmförmige Concretionen. Die haupt- 
sächlichsten Petrefakten sind: Encrinus gracilis, Entrochus du- 
bius , Pecten discites und inaequistriatus , Monotis Alber tu, 
Lima lineata und striata, Gervillia socialis, costata, polyo- 
donta, subglobosa, Mytilus vetustus, Nucula Goldfussi, Myo- 
phoria vulgaris, laevtgata, elegans, ovata, orbicularis, Myo- 
concha gastrochaena, Myacites musculoides und grandis, Turbo 
gregarius, Pleurotomaria Albertiana, Natica oolithica und 
Gaillardoti , Dentalium laeve, Nautilus bidorsatus, Ceratites 
Strombecki und die von v. Meyer beschriebenen Fisch- und 
Saurierreste, die letzteren nur kleinen, höchstens mittelgrossen 
Thieren angehörend. Als negative Merkmale sind bemerkens- 
werth die Seltenheit von Terebratula vulgaris und Itelzia tri- 
gonella und das Fehlen von Terebratula angusta. 

3. Angustakalk. Graue oder blaue, dichte bis splittrige 
Kalkschichten mit einzelnen Schichten von weissem oder röthli- 
chem, porösem Kalk. Führen: Terebratula angusta und vul 



292 



garis und Ret%ia trigonella sehr häufig, Trochiteri vom Typus 
des Encrinus liliiformis , Cidaris transversa, Lima lineata, 
Euomphalus exiguus, Pleurotomaria Albertiana, Ammonites 
iy'uchii und Ottanis u. s. w Sie bilden das unmittelbare Lie- 
gende der beiden, von Dolomit ausgefüllten Mulden von Tarno- 
witz und Beuthen. 

4. Die Schichten von Gorasdze, im Kuhthale am Anna- 
berge u. s. w. Bis 8 Fuss mächtige Bänke eines weissen, po- 
rösen Kalks, getrennt durch Zwischenlagen von grauem, dichtem 
Kalkstein. Stylolithenreich. Encrinus - Stielglieder, Terebratula 
vulgaris, Betzia trigonella, Cucullaea Beyrichi, Myophoria 
elegans, Turbonilla scalata, Pleurotomaria Albertiana, Euom- 
phalus exiguus u. s. w. Diese Schichten haben in der Gegend 
von Tarnowitz und Beuthen , wie aus den im tiefen Friedrich- 
stolln in der Nähe des Glückhilfschachts bei Tarnowitz gefun- 
denen Petrefakten hervorgeht, ihr Aequivalent in den unteren 
Schichten des Dolomits. 

II. Mittlerer oberschlesischer Muschelkalk 

(= mittlerer Theil des Dolomits von Tarnowitz und Beuthen). 

5. Dolomit mit Kalkspath und kleineren Gypsvorkomm- 
nissen. 

III. Oberer oberschlesischer Muschelkalk 

(umfasst den opatowitzer Kalkstein im weiteren Sinne excl. der 
Kalke von Chorzow, Radzionkau und Krappitz und die oberen 
Dolomitschichten von Tarnowitz und Beuthen). 

6. Die Encriniten- und Terebratelschichten. 

7. Der mikultschützer Kalk. Die erste Trennung, welche 
mir in den, dem opatowitzer Kalkstein bisher zugerechneten Schich- 
ten nothwendig erschien, war die Trennung der Kalke südlich 
von Mikultschütz und nordwestlich von Tarnowitz (im sogenann- 
ten böhmschen Bruch), welche durch den Einschluss vieler, dem 
deutschen Muschelkalk fremder, thierischer Reste schon längst 
die Aufmerksamkeit der Paläontologen auf sich gezogen haben, 
von denjenigen Kalkschichten, welche bei Rybna, Opatowitz, 
Alt-Tarnowitz, nördlich von Mikultschütz u. s. w. anstehen und 
im scharfen Gegensatz zu den vorigen nur deutsche Muschel- 



293 



kalkformen einschliessen. Schwieriger war die Frage zu ent- 
scheiden, welches von diesen beiden Niveaus das ältere, welches 
das jüngere sei; doch gaben in dieser Hinsicht die interessanten 
neuen Aufschlüsse auf der Bleischarlei- und Samuelsglücksgrube 
bei Beutben, auf welche Herr Ober-Bergrath Websky in Bres- 
lau mich aufmerksam zu machen die Güte hatte, vollständige 
Aufklärung. Hier führen nämlich die oberen Dolomitschichten 
die, den mikultschützer Kalk charakterisirenden Petrefakten ; über- 
lagert werden sie von 

8. einem mergeligen, zum Theil oolithischen und, wie wei- 
ter unten gezeigt werden soll, auch paläontologisch wohl cha- 
rakterisirten Dolomit, und da dieser seinerseits wieder in der 
Gegend von Alt-Tarnowitz von 

9. dem Kalke von Rybna, Opatowitz u. s. w. überlagert 
wird, so folgt, dass auch der mikultschützer Kalk einem ent- 
schieden älteren Niveau angehört, als der rybnaer. 

Es ergiebt sich aus diesen Verhältnissen von selbst, dass 
wir den Dolomit des oberschlesischen Muschelkalks in der bis- 
herigen Ausdehnung durchaus nicht mehr als geognostisches Ni- 
veau betrachten dürfen. 

Oberer oberschlesischer Muschelkalk. 

Die nähere Begründung und Beschreibung der beiden un- 
teren Abtheilungen muss ich einer späteren, ausführlichen Arbeit 
vorbehalten. Wenn ich demnach im Folgenden eine kurze Schil- 
derung der oberen Schichten des schlesischen Muschelkalks zu 
geben beabsichtige, so verstehe ich darunter diejenigen Muschel- 
kalkschichten, welche über einem, wie es scheint, constant vorhan- 
denen, massigen, ungeschichteten, an Kalkspath und kleineren 
Gyps Vorkommnissen reichen Dolomit ( =■ mittlerer Theil des 
Dolomites von Tarnowitz und Beuthen) gelagert sind. Suchen 
wir uns zunächst über die Verbreitung der soeben näher be- 
zeichneten Schichtengruppe zu orientiren, so gehören derselben 
von den, auf der geognostischen Karte von Oberschlesien von 
Herrn v. Carnall verzeichneten Muschelkalkpartieen folgende an: 
1) die Kalke von Rybna, Opatowitz, Alt-Tarnowitz, Wilkowitz, 
Colonie Georgendorf, Miedar, nordwestlich von Tarnowitz 
(im böhmschen Steinbruch) , Lübeck, Josephkavorwerk öst- 
lich von Lübeck, und nördlich von Mikultschütz; sämmtlich 



294 



bereits von Herrn v. Carnall als opatowitzer Kalkstein 
angegeben ; 

2) die oberen Dolomitschichten in den beiden, von Dolomit aus- 
gefüllten Mulden von Tarnowitz und Beuthen , der Kalk 
südlich von Mikultschütz, der Dolomit von Laband und 
Himmelwitz; sämmtlich von Herrn v. Carnall als Dolomit 
verzeichnet ; 

3) die Kalke von Kamminietz, südlich von Broslawitz und La- 
band, von Herrn v. Carnall als Sohlenstein angegeben; 
endlich alle Schichten, welche in der ausgedehnten Muschel- 
kalkpartie zwischen Krappitz, Tost, Stubendorf und Radun 
im Norden einer, ungefähr von Gr. Stein nach Colonie Ste- 
phanshain (Col. Strehlitz) gezogenen Linie liegen, und eine 
vereinzelte Partie südlich von Rosniontau, welche von Herrn 
v. Carnall ebenfalls dem Sohlenkalk zugewiesen worden 
sind, da derselbe hier, wo der Dolomit von Tarnowitz und 
Beuthen grösstenteils durch Kalkstein vertreten ist, wo also 
der petrographische Anhalt zu einer Gliederung fehlte, den 
ganzen Muschelkalk als Sohlenstein verzeichnet hat. 

Es sind dagegen unserer Schichtengruppe, wie gesagt, nicht 
zuzuzählen die, von Herrn v. Carnall dem opatowitzer Kalk- 
stein zugewiesenen Kalke von Chorzow, Radzionkau und Krappitz. 

Noch verwischter ist übrigens die Gliederung des Muschel- 
kalks auf dem geognostischen Uebersichtsblatt zu der Flözkarte 
des oberschlesischen Steinkohlengebirges bei Beuthen, Gleiwitz, 
Mislowitz und Nicolai von Herrn C. Mauve; zwar finden wir 
bereits auf derselben sehr richtig den Kalk von Chorzow dem 
Sohlenkalk zugewiesen, aber nicht blos diesen, sondern auch den 
Kalk nördlich von Mikultschütz, den schon Herr v. Carnall 
mit Recht als opatowitzer Kalk angegeben hat, und den Kalk 
von Laband, wie überhaupt (bis auf die Schichten südlich von 
Mikultschütz, die auch hier als Dolomit verzeichnet sind) alle 
Kalke; es ist daher diese Karte, was die Triasformation betrifft, 
eine mehr petrographische als geognostische. 

In den oben näher bezeichneten, theils aus Kalkstein, theils 
aus Dolomit gebildeten , oberen Schichten des oberschlesischen 
Muschelkalks wurden nach den organischen Einschlüssen vier 
Abtheilungen, nämlich in der Reihenfolge von unten nach oben: 

1) die Encriniten- und Terebratelschichten ; 

2) der mikultschützer Kalk oder die Schichten mit Spirifer 



295 



Ment%eli Dunk., Rhynchonella decurtata Gm. sp., Pem- 
phix Sueurii Desm. sp. ; 

3) der mergelige Dolomit mit Roggenstein, und 

4) der rybnaer Kalk oder die Schichten mit häufigem Pecten 
discites Sc hl. sp. , Ammonites (Ceratites) nodosus Brug., 
Hybodus plicatilis und Mougeoti Ag. und zahlreichen Resten 
grosser Saurier 

unterschieden, welche im Folgenden kurz beschrieben und be- 
gründet werden sollen. 

1. Die Encriniten- und T erevratelscilicliten. 

Petrographischer Charakter. 

Die unterste, ca. 20 Fuss mächtige und der folgenden eng 
sich anschliessende Abtheilung wird theils durch Dolomit, theils 
durch einen grauen, dichten Kalk gebildet, welcher in einzelnen 
Bänken äusserst trochitenreich und in Folge dessen durch und 
durch späthig ist; dieselben wechsellagern mit einem grauen, 
dichten, knollig abgesonderten Kalk, welcher nach oben hin die 
Terebratula vulgaris in ausserordentlicher Häufigkeit einschliesst. 
Noch selten sind Einschlüsse von weisslichen Hornsteinknollen, 
welche erst in der folgenden Abtheilung überaus häufig werden. 

Schichtenfolge. 

Bei Kamminietz östlich von Peiskretscham finden wir von 
unten nach oben folgende Schichtenreihe entblösst: 

1) 2 Fuss grauer, dichter, knollig abgesonderter Kalk, 

2) 2 Fuss Encrinitenkalk, 

3) 6 Zoll wie 1., 

4) ly Fuss Encrinitenkalk mit zerstreut vorkommender Tere- 
bratula vulgaris, Ostrea complicata, 

5) Schotterlage von grauem, dichtem Kalk, sehr reich an Te- 
rebratula vulgaris und mit Ostrea complicata, Lima striata 
und lineata, Myophoria vulgaris. Anstehend finden wir 
diese Schicht auf der Nordseite des Dramathaies in einer 
Mächtigkeit von 3 Fuss bei Lübeck aufgeschlossen, wo sie 
von einer dritten 

6) i~ bis 3 Fuss mächtigen Encrinitenschicht überlagert wird, 
welche ausser den unten bezeichneten Trochiten und der 



296 



Terebratula vulgaris auch die Ret%ia trigonella in grosser 
Häufigkeit einschliesst. 

Verbreitung. 

Es sind dies diejenigen Schichten, welche wir auf der Karte 
des Herrn v. Carnall bei Kamminietz und Bonjowitz als Soh- 
lenkalk, bei Lübeck und östlich davon bei dem Josephkavorwerk 
als opatowitzer Kalkstein angegeben finden , weil man sie an 
letzterem Orte beim Abteufen eines Brunnens über dem oben 
näher bezeichneten Dolomit lagernd angetroffen haben soll. Dass 
auch sie in den beiden, von Dolomit ausgefüllten Mulden in der 
Gegend von Tarnowitz und Beuthen durch Dolomit vertreten 
sind, beweisen die Aufschlüsse der Bleischarleigrube östlich von 
Beuthen, da auch hier der untere Theil der oberen Dolomit- 
schichten durch die Häufigkeit der unten bezeichneten Trochiten, 
der Terebratula vulgaris und der Retzia trigonella sich aus- 
zeichnet. In gleicher Weise, aber hier wieder durch Kalkstein 
gebildet, finden wir unsere Schichten auch in der Muschelkalk- 
partie von Gr. Stein und Gr. Strehlitz aufgeschlossen, wo sie 
auf der Karte des Herrn v. Carnall dem Sohlenstein zugewie- 
sen sind. Durch mehrere kleine Versuchsarbeiten im Walde nörd- 
lich von Gorasdze und westlich von Gr. Stein selbst und südlich 
und östlich von der Colonie Stephanshain (Col. Strehlitz) ent- 
blösst, scheinen sie hier eine zusammenhängende, von Westen 
nach Osten streichende und nach Norden einfallende, schmale 
Zone zu bilden, welche, wenn es gelingt, sie an mehreren Zwi- 
schenpunkten mit grösserer Bestimmtheit nachzuweisen, bei der 
Constanz der organischen Einschlüsse einen ausgezeichneten Orien- 
tirungshorizont abgeben wird. 

Organische Einschlüsse. 
Bis jetzt sind in dieser Abtheilung, in welcher die geringe 
Zahl der Arten gewissermassen durch die Unzahl der Indi- 
viduen aufgewogen wird, von organischen Resten nur aufge- 
funden : 
Crinoi dea. 

Entrochus cf. Encrinus liliiformis Lam. (ich werde mich bei 
der Bezeichnung loser Stielglieder der, zuerst von Herrn 
Professor Beyrich vorgeschlagenen Methode bedienen), 

Entrochus cf. Encrinus gracilis Buch, 

Entrochus dubius Goldf. (= Pentacrinus dubius Goldf.). 



297 



Brachiopoda. 

Terebratula vulgaris Sc hl., 
Retzia trigonella Sc hl. sp. 
Pelecypoda. 

Ostrea complicata Golof. Mit den vorigen an allen Auf- 
schlusspunkten. 

Uinnites comtus Goldf. sp. Einziges Exemplar in der ber- 
liner Sammlung mit der Fundpunktsangabe „Peiskret- 
seham", wahrscheinlich von Kamminietz. 

Lima striata Schl. sp. Lübeck. 

Lima li?ieata Schl, sp. Kamminietz, südöstlich von Colonie 

Stephanshain. 
Myophoiia vulgaris Schl. sp. Kamminietz. 

2. Der mikuMseliützer Kalk. 

Petrographischer Charakter. 
Die zweite ca. 40 Fuss mächtige Abtheilung, deren Aufla- 
gerung auf die erste z. B. bei Lübeck direct beobachtet werden 
kann, wird ebenfalls theils durch Dolomit, theils durch Kalkstein 
gebildet, dessen petrographische Beschaffenheit äusserst variabel, 
dessen Petrefakten aber desto constanter und um so bezeichnen- 
der sind, als sie grossen theils ausschliesslich diesen Schichten 
angehören. So verschieden sich aber auch unsere Kalke in ihrem 
petrographischen Charakter an den einzelnen Aufschlusspunkten 
zeigen, so verändern sie denselben doch in ihrer ganzen Mäch- 
tigkeit meist nur wenig und unterscheiden sich durch diese 
grössere Gleichartigkeit sehr von allen älteren Abtheilungen des 
Muschelkalks, welche aus wechsellagernden Schichtengruppen pe- 
trographisch sehr von einander abweichender Kalke gebildet wer- 
den. Sehr bezeichnend für unsere Schichten sind Einschlüsse 
von weisslichem Hornstein in zusammenhängenden Lagen, Kugeln 
oder Knollen, welche meist irgend ein Petrefakt, welches den 
Concentrationspunkt für die kieselige Masse abgegeben hat, ent- 
halten und im Innern durch organische Substanz gewöhnlich 
grau bis schwarz gefärbt sind. 

Verbreitung. 
Es gehören zu dieser Abtheilung: 

1. Der Kalk nordwestlich von Tarnowitz (in den sogenann- 
ten böhmschen Steinbrüchen), von Herrn v. Garn all als opa- 



298 



towitzer Kalk angegeben; in seinen unteren Lagen grau und 
dicht und durch die Häufigkeit der Terebratula vulgaris und 
Ret%ia trigonella einen engen Anschluss an die Kalke der vo- 
rigen Abtheilung vermittelnd ; die oberen Schichten, von den un- 
teren durch eine ca. i~ Fuss mächtige Schicht eines grauen, 
dichten, knolligen Kalks getrennt, werden durch einen weissen 
oder gelblichen Kalkstein gebildet, dessen Schichtflächen styloli- 
thenartige Bildungen in grosser Häufigkeit aufweisen. 

2. Der Kalk von Lübeck und auf der Anhöhe südlich von 
Broslawitz, letzterer von Herrn v. Carnall als Sohlenkalk be- 
zeichnet; ein weisser, dichter Kalk, in seinen unteren Lagen 
ebenfalls reich an terebratula vulgaris. 

3. Der Kalk südlich von Mikultschütz, von Herrn v. Car- 
nall als Dolomit angegeben; ein röthlicher, dichter Kalk, wel- 
cher in den oberen Lagen ein gelbliches, mergeliges, zerfressenes 
Ansehn annimmt und in seinen unteren sich ebenfalls durch die 
Häufigkeit der Terebratula vulgaris auszeichnet. 

4. Der Kalk von Laband, von Herrn v. Carnall dem 
Sohlenstein zugerechnet; ein weisser, dichter Kalk, in seinen obe- 
ren Lagen erst röthlich grau und grobsplittrig , dann schmutzig 
grau und petrefaktenarm. 

5. Der mittlere Theil der oberen Dolomitschichten in den 
beiden mit Dolomit ausgefüllten Mulden von Tarnowitz und Beu- 
then, welcher ebenfalls, wie die neuen Aufschlüsse auf der Blei- 
scharlei- und Samuelsglückgrube bei Beuthen ergeben haben, die 
Fauna des mikultschützer Kalks einschliesst. Aus diesem Niveau 
stammen auch die zahlreichen, nach Karsten aus Dolomit bestehen- 
den Trochiten {Entrochus cf. Encrinus liliif 'ormis, Entrochus du- 
biuSi Entrochus silesiacus Beyr.), welche früher in Gemeinschaft 
mit den von v. Meyer Cidaris transversa benannten Echinidensta- 
cheln und den wahrscheinlich dazu gehörigen Schalentäfelchen 
von der jetzt versiegten Jazekquelle am Rossberge bei Beuthen 
ausgeworfen wurden. 

6. Der Kalk von Colonie Stephanshain (Col. Strehlitz), 
von Herrn v. Carnall als Sohlenkalk angegeben; ein röthlicher, 
grobsplittriger Kalk, welcher in seinen unteren Lagen ebenfalls 
die Terebratula vulgaris häufig einschliesst, wie dies ein im 
Dorfe abgeteufter Brunnen ergab, mit welchem man in ca. 25 Fuss 
Teufe den Encrinitenkalk anhieb. 

7. Der weissliche oder gelbliche, poröse Kalk von Gr. Stein 



299 



(am Waldsaurae westlich davon) und am Waldrande südlich von 
Tarnau und Stubendorf, von Herrn v. Garn au, ebenfalls als 
Sohlenstein angegeben ; dürfte mit dem vorigen zusammenhängen 
und einen zweiten von Westen nach Osten streichenden und 
nach Norden einfallenden Kalkzug bilden , welcher sich nörd- 
lich von dem Kalke der ersten Abtheilung und parallel mit dem- 
selben hinzieht. 

8. Eine, wie es scheint, isolirte kleine Kalkpartie dieser 
Abtheilung steht endlich südlich von Rosniontau bei Gr. Streh- 
litz an, von Herrn v. Carnall ebenfalls dem Sohlenstein zuge- 
wiesen ; ein röthlicher, dichter oder splittriger Kalk, dessen Schich- 
ten mit ca. 50 Grad gegen Südosten einfallen, in einer Mächtig- 
keit von ca. 10 Fuss aufgeschlossen, rings von Sohlenkalk um- 
geben, aber durch seine Petrefakten unzweifelhaft als dieser 
Abtheilung zugehörig sich erweisend. 

Organische Einschlüsse. 

Die in den Schichten dieses Niveaus bis jetzt aufgefundenen, 
organischen Reste sind folgende: 
Amorphozoa. 

Spongiae. Auf dieses Niveau beschränkt. 

Scyphia caminensis Beyr. Kamin bei Beuthen. 
2 neue Formen aus den Steinbrüchen nordwestlich von Tar- 
nowitz sollen später beschrieben und abgebildet werden. 
Actinozoa. 

Polypi, Auf dieses Niveau beschränkt. 

Montlivaltia triasica Dunk. Mikultschütz ; Laband. 
Thamnastraea silesiaca Beyr. Mikultschütz ; Bleischarlei- 
grube; Gr. Stein. 
Crinoidea. 

Entrochus cf. Encrinus liliiformis Lam. Nordwestlich von 
Tarnowitz; Mikultschütz; sehr häufig am Rossberg, auf 
der Bleischarleigrube, bei Gr. Stein; südwestlich von 
Tarnau; Colonie Stephanshain; südlich von Rosniontau. 

Entrochus cf. Encrinus gracilis Buch. Bleischarleigrube; 
Mikultschütz ; Gr. Stein. 

Entrochus dubius Goldf. Nordwestlich von Tarnowitz; 
Mikultschütz; sehr häufig am Rossberg; in aus diesem 
Niveau stammenden Gesteinsbruchstücken bei Brosla- 
witz; Gr. Stein, südlich von Rosniontau. 

Zeits. 3. d. geol. Ges. XIV. 2- 20 



300 



Entrochus silesiacus Beyr. Kamin; Samuelsglückgrube; 
Rossberg; Mikultschütz ; Laband ; Colonie Stephanshain ; 
südlich von Rosniontau ; Gr. Stein. Auf dieses Niveau 
beschränkt. 

Encrinus aculeatus Mey. Mikultschütz. Auf dieses Niveau 
beschränkt. Hierher gehören wahrscheinlich die cir- 
rhentragenden, runden Stielglieder, welche sich ziemlich 
häufig nordwestlich von Tarnowitz, bei Mikultschütz, 
Laband und Colonie Stephanshain finden. 

Krone von ? (= Calathocrinus digitatus Mey. Palaeontogr. 
I. t. 32, f. 2 und 3). Einziges Exemplar aus dem 
Steinbruch nordwestlich von Tarnowitz. 
E c h i n i d e a. 

Cidaris transversa Mey. Die höchst wahrscheinlich zusam- 
mengehörigen Schalentäfelchen und Stacheln sehr häufig 
bei Mikultschütz, Laband, Gr. Stein, Colonie Stephans- 
hain; selten nordwestlich von Tarnowitz; am Rossberg; 
südlich von Nakel; südwestlich von Tarnau; in losen 
Gesteinsbruchstücken bei Broslawitz. 

Radiolus cf. Radiolus Waechteri und Radiolus catenife- 
rus (= Cidaris Waechteri Wissm. und catenifera Ag., 
Muenst. Beitr. 4. t. 5, f. 22 und t. 3, f. 23). In aus 
diesem Niveau stammenden Gesteinsbruchstücken bei 
Broslawitz. 
ollusca. 
Brachiopoda. 

Terebratula vulgaris Schl. In den unteren Schichten sehr 
häufig, in den oberen seltener. Nordwestlich von Tar- 
nowitz; Lübeck; südlich von Boslawitz; Mikultschütz; 
Laband; Bleischarleigrube ; Gr. Stein ; Colonie Stephans- 
hain; südlich von Rosniontau. 

Rhynchonella decurtata Gib. sp. Sehr häufig bei Mikult- 
schütz und Laband; Lübeck; Samuelsglückgrube; süd- 
lich von Tarnau; in losen Gesteinsbruchstücken bei 
Broslawitz. Auf dieses Niveau beschränkt. 

Rhynchonella Mentzeli Buch sp. Mit Sicherheit bisher 
nur nordwestlich von Tarnowitz gefunden und hier die 
Rhynchonella decurtata vertretend. Auf dieses Niveau 
beschränkt. Die Angabe Mentzel's bei L. v. Buch: 
über Terebratula Mentzeli im tarnowitzer Muschelkalk, 



301 



in Bronn's Jahrbuch für Min. 1843, dass dieselbe 
auch bei Petersdorf vorgekommen sei , beruht sicher 
auf einer Verwechselung des Fundpunkts ; das Exem- 
plar stammte vielleicht von dem, nicht weit von Pe- 
tersdorf gelegenen Laband. Quenstedt versetzt sie 
in seinem Handbuch der Petrefaktenkunde S. 451 irr- 
thümlich in das Sohlgestein von Tarnowitz. 
Sptrifer Ment%eli Dunk. Sehr häutig. Nordwestlich von 
Tarnowitz; Lübeck; südlich von Broslawitz; Mikult- 
schütz; Samuelsglückgrube; Laband; südlich von Ros- 
niontau. Auf dieses Niveau beschränkt. In der Jugend 
bestachelt. 

Spirifer fragilis Schl. sp. Sehr häufig. Nordwestlich von 
Tarnowitz; Samuelsglückgrube; Mikultschütz ; Laband; 
Lübeck; Colonie Stephanshain; südlich von Tarnau; 
südlich von Rosniontau; Gr. Stein. Auf die Schichten 
dieser und der vierten Abtheilung beschränkt; nicht im 
Sohlenkalk. 

Ret%ia trigonella Schl. sp. Nordwestlich von Tarnowitz ; 

Lübeck; Mikultschütz; Bleischarleigrube; Laband; in 

Gesteinsbruchstücken nördlich von Broslawitz; Gr. Stein; 

südlich von Nakel und Tarnau; Colonie Stephanshain; 

südlich von Rosniontau. 
Orlicula discoides Schl. sp. Nordwestlich von Tarnowitz. 
Liingula tenuissima Bronn. Nordwestlich von Tarnowitz. 
Pelecy poda. 

Ostrea complicata Goldf. Nordwestlich von Tarnowitz. 
Ostrea spondyloides Schl. Nordwestlich von Tarnowitz; 
Mikultschütz. 

Anomia {Ostred) tenuis Dunk. Nordwestlich von Tarnowitz. 

Hinnites comtus Goldf. sp. Nordwestlich von Tarnowitz. 

Pecten discites Schl. sp. Nordwestlich von Tarnowitz ; süd- 
lich von Broslawitz. 

Pecten reticulatus Schl. sp. (incl. Pecten Schröteri Gie- 
bel). Nordwestlich von Tarnowitz; Lübeck ; am Ross- 
berg; südlich von Rosniontau. Auf die Schichten die- 
ser Abtheilung und des rybnaer Kalks beschränkt. Die 
Angabe von Pusch, dass derselbe auch bei Lagiewnik 
vorgekommen, beruht wohl auf einer Verwechselung. 

Pecten {laevigatus ? Schl. sp.). Zu diesem stelle ich vor- 

20* 



302 



läufig einen Pecten, welcher sich indess von dem äch- 
ten laevigatus durch regelmässige, concentrische An- 
wachsstreifen unterscheidet. Nordwestlich von Tarnowitz. 

Lima lineata Schl. sp. (= planicostata Dunk.). Nordwest- 
lich von Tarnowitz; in Gesteinsbruchstücken bei Bros- 
lawitz; südlich von Rosniontau. 

Lima striata Schl. sp. Nordwestlich von Tarnowitz; 
Rossberg. 

Lima costata Dunk. Nordwestlich von Tarnowitz ; Mikult- 
schütz; südlich von Broslawitz; Laband; Bleischarlei- 
grube; Lübeck; südlich von Rosniontau; in Gesteins- 
bruchstücken nördlich von Broslawitz. Auf dieses Ni- 
veau beschränkt. 

Cassianella tenuistria Muenst. sp. Mikultschütz. Auf 
dieses Niveau beschränkt. 

Gervillia socialis Schl, sp. Nordwestlich von Tarnowitz; 
südlich von Broslawitz. 

Gervillia costata Schl. sp. Nordwestlich von Tarnowitz; 
Mikultschütz. 

Mytilus vetustus Goldf. Nordwestlich von Tarnowitz. 
Myoconcha gastrochaena Dunk. sp. Nordwestlich von Tar- 
nowitz. 

Area triasina F. Roem. (Die beste Abbildung gab Giebel 
in seinen Verst. des Muschelk. bei Lieskau t. 4, f. 8). 
Nordwestlich von Tarnowitz; südlich von Broslawitz. 
Der Ansicht Dünker's, dass diese Form mit Cucullaea 
Beyrichi v. Stromb. identisch sei, welcher sich auch 
mein Freund C. v. Seebach in seiner Conchylienfauna 
der weimarschen Trias angeschlossen hat, kann ich 
nicht beitreten. Area triasina unterscheidet sich von 
der letzteren durch eine sehr deutliche, vom Wirbel 
nach dem Bauchrande herabziehende Einsenkung, durch 
die starke, von der Wirbelspitze nach der hinteren 
Ecke verlaufende Kante, durch die geringe Wölbung, 
die niedrigere, schmale Ligamentfläche und die kurz 
vor der Schalenmitte gelegenen Wirbel. Da bei den 
weimarschen Exemplaren , welche meinem Freunde C. 
v. Seebach vorgelegen haben, die vom Wirbel herab- 
ziehende Einsenkung „kaum bemerkbar" ist, so dürften 
sie der Cucullaea Beyrichi zuzuweisen sein. Area 



303 



triasina ist in Oberschlesien auf dieses Niveau be- 
schränkt, während Cucullaea Beyrichi tiefer liegt ; doch 
dürfte hierauf wenig Gewicht zu legen sein, da nach 
Giebel bei Lieskau beide Formen (denn Giebel's 
Area socialis ist mit Cucullaea Beyrichi vereinbar) 
nebeneinander vorkommen. 

Area Hausmanni Dunk. Nordwestlich von Tarnowitz. Auf 
dieses Niveau beschränkt. 

Myophoria elegans Dunk. sp. Nordwestlich von Tarnowitz; 
Karchowitz ; 'Gr. Stein ; südlich von Tarnau ; südlich 
von Rosniontau. 

Myophoria laevigata Alb. sp. Ein Exemplar südlich von 
Broslawitz. 

Myophoria Goldfussi Alb. sp.? Ein Exemplar nordwest- 
lich von Tarnowitz. 

Cypricardia sp. n. Mikultschütz. Soll später beschrieben 
und abgebildet werden. 

? Venus ventricosa Dunk. Nordwestlich von Tarnowitz ; im 
tiefen Friedrichstolln zwischen Lichtloch 15 und 16. 
G astropoda. 

Turbonilla nodulifera Dunk. Nordwestlich von Tarnowitz ; 
Laband. 

Turritetla obsoleta Ziet. Nordwestlich von Tarnowitz. 

Pleurotomaria Albertiana Goldf. sp. Nordwestlich von 
Tarnowitz ; Mikultschütz ; Laband ; südlich von Brosla- 
witz; südlich von Nakel; im tiefen Friedrichstolln zwi- 
schen Lichtloch 15 und 16. 

Euomphalus sp. ? Soll später beschrieben und abgebildet 
werden. Mikultschütz; Laband. Der Querschnitt der 
Windungen vierseitig; der Rücken gekielt, die Fläche 
zwischen Kiel und unterer Kante längsgestreift. Die 
Abbildung, welche mein Freund C. v. Seebach von 
demselben gegeben hat, ist unrichtig; es können ihr 
nur mangelhaft erhaltene Exemplare zu Grunde gele- 
gen haben. Die Identität mit Euomphalus exiguus 
Phil, ist zweifelhaft, da Dunker für diesen einen ge- 
wölbten Rücken angiebt. 

7 bis 10 neue Gasteropodenformen, meist von Mikultschütz. 



304 

Entomozoa. 
Crustacea. 

Pemphix Sueuiü Desm. sp. 

Lissocardia silesiaca Mey. Bisher nur nordwestlich von 
Lissocardia magna Mey. > Tarnowitz gefunden ; auf die- 
Myrtonius serratus Mey. ses Niveau beschränkt. 
Aphtartus omatus Mey. 
Spon dyl o zoa. 
Pisces. 

Acrodus Braunil Ag. Nordwestlich von Tarnowitz. 
Dieses Niveau gehört durch den Einschluss alpiner Trias- 
formen zu den schärfst charakterisirten Abtheilungen des ober- 
schlesischen Muschelkalks; abgesehen hiervon bilden im Allge- 
meinen das Vorherrschen der Crinoiden und Brachiopoden und 
das fast völlige Fehlen von Fisch- und Saurierresten die hervor- 
stechendsten Charactere der beiden geschilderten Abtheilungen 
im Gegensatz zu den beiden folgenden. 



3. Der mergelige Dolomit mit Roggenstein. 

Petrographischer Charakter. 

Der mikultschützer Kalk wird von einem gelblichen oder 
weisslichen, mergeligen Dolomit (Dolomitmergel Karsten's und 
v. Carnall's) überlagert, welcher sich in seinen unteren Schich- 
ten durch eine deutlich oolithische Struktur auszeichnet und hier 
die weiter unten aufgeführten Petrefakten einschliesst. Einlage- 
rungen von Hornstein sind demselben bereits fremd. 

Verbreitung. 

Den oberen Theil der oberen Dolomitschichten in den beiden 
von Dolomit ausgefüllten Mulden von Tarnowitz und Beuthen 
bildend, finden wir die Gesteine dieser Abtheilung in der beu- 
thener Mulde aufgeschlossen: im Felde der Bleischarleigrube in 
einem unscheinbaren Steinbruch bei Brzezinka, am Windmühlen- 
berge bei Beuthen, südlich von Scharlei, nördlich von Theresia- 
grube, bei Miechowitz, bei Wieschowa und Laband (hier von Herrn 
v. Carnall als isolirte Dolomitpartien angegeben) ; in der tarno- 
witzer Mulde wurden sie mit dem Gotthelf-, dem alten Bomagobog- 
und mit dem tiefen Friedrichstolln zwischen Lichtloch 15 und 16 
überfahren und sind ferner bei Versucharbeiten nach Eisenerzen 



305 



nahe unter Tage liegend beim Glückhilfschacht der Friedrichs- 
grube, bei Alt-Tarnowitz und bei der Colonie Bergfreiheit ange- 
troffen worden. In dieses Niveau gehört auch das Gestein von 
Himmelwitz nördlich von Gr. Strehlitz, welches Herrn v. Car- 
nall zur Angabe einer isolirten (übrigens zu weit nach Norden 
ausgedehnten) Dolomitpartie daselbst veranlasst hat, und von 
welchem unbedenklich angenommen werden kann, dass es überall 
zwischen den Schichten des mikultschützer Kalks und denen der 
folgenden Abtheilung vorhanden sei, wenn wir es auch sonst 
nirgends in jenem Muschelkalkzuge aufgeschlossen finden. 

Organische Einschlüsse. 

Von organischen Resten haben sich in dieser Abtheilung 

bisher gefunden: 

Ein Petrefact, ähnlich dem von Schafhaeutl als TSullipora 
annulata in Bronn/s Jahrbuch für Min. etc. 1853 von 
der Zugspitze und von v. Schauroth als Chaetetes ? 
aus Findlingen im Val del Orco bei Recoaro in den Denk- 
schriften der wiener Akad., math.-nat. Kl., Bd. 17 be- 
schriebenen Leitpetrefact des Mendoladolomits und des 
hallstädter Kalks. Sein Vorkommen in Oberschlesien 
wurde von Herrn Professor Beyrich nach ein paar we- 
niger deutlichen Stücken der früher OTTo'schen Samm- 
lung längst vermuthet. Fand sich zum Theil massenweise 
in der Nähe des Glückhilfschachts, im tiefen Friedrich- 
stolln zwischen Lichtloch 15 und 16 und bei Himmelwitz. 
Ueber die zoologische Natur desselben haben leider auch 
die oberschlesischen Exemplare bis jetzt noch keinen ge- 
nügenden Aufschluss gegeben. 

Pelecypoda. 

Monotis Albertü Goldf. (— Pecten Älbertii Gieb.) Colonie 

Bergfreiheit. 
Gervillia socialis Sc hl. sp. Glückhilfschacht. 
Gervillia costata Sc hl. sp. Glückhilfschacht. 
Myophoria vulgaris Schl. sp. Häufig. Glückhilfschacht; 

Bleischarleigrube. 
Myophoria laevigata Alb. sp. Häufig. Glückhilfschacht; 

Bleischarleigrube. 
Gastropoda. 

Chemnit%ia sp. n. Ein kleines Schneckchen, ähnlich einer von 



306 



Muenster am bindlocher Berge aufgefundenen Form. 
Soll später beschrieben und abgebildet werden. Sehr 
häufig. Glückhilfschacht; Alt- Tarnowitz ; Colonie Berg- 
freiheit; südlich von Scharlei; Bleischarleigrube. 

Natica sp. ? (oolithica ? Zenk.) Sehr häufig. Glückhilfschacht. 

Natica turbilina Muenst. Glückhilfschacht. 

Pleurotomaria Alhertiana Goldf. sp. Im tiefen Friedrich- 
stolln zwischen Lichtloch 15 und 16. 
Pisces. 

Arcodus lateralis Ag. ) r. , ♦ 

Glückhilischacht. 



Fischschuppen. 
Sauri. 

Kleine nothosaurusartige Zähne. Glückhilfschacht. 



4. »er rybzmer Kalk. 

Petrographischer Charakter. 

Die vierte Abtheilung und den Schluss des Muschelkalks 
bildet ein grauer, braungefleckter oder röthlicher Kalk mit splitt- 
rigem Bruch, welcher sich durch die Häufigkeit des Pecten dis- 
cites Schl. sp. , den Einschluss von Ammonites nodosus Brug. 
und seine zahlreichen Fisch- und Saurierreste auszeichnet. Ein- 
lagerungen von Hornstein sind ihm fremd. 

Verbreitung. 

Wir finden ihn, die Gesteine der vorigen Abtheilung über- 
lagernd, aufgeschlossen bei Alt -Tarnowitz, Opatowitz, Rybna, 
Larischhof, Wilkowitz, Colonie Georgendorf, Miedar und (wenn 
auch in seiner petrographischen Beschaffenheit abweichend und 
sich mehr an die Gesteine der vorigen Abtheilung anschliessend) 
nördlich von Mikultschütz ; an diesen Punkten ist er auch bereits 
von Herrn v. Carnall als opatowitzer Kalkstein angegeben wor- 
den. Ausserdem aber bildet derselbe in ganz gleicher petrogra- 
phischer und paläontologischer Beschaffenheit noch einen Kalkzug, 
welcher, den beiden oben erwähnten Kalkzügen des Encriniten- 
und mikultschützer Kalkes parallel, mit westöstlichem Streichen 
und nördlichem Einfallen von Tarnau an über Nakel, Stuben- 
dorf, Suchow, Gr. und Kl. Rosmierka bis in die Gegend nörd- 
lich von Himmelwitz sich forterstreckt und auf der Karte des 
Herrn v. Carnall dem Sohlenstein zugewiesen worden ist. 



307 



Organische Einschlüsse. 
Von Petrefakten sind in dieser Abtheilung bis jetzt aufge- 
funden: 
Crinoidea. 

Entrochus dubius Goldf. Ein einzelnes, wohl verschwemm- 
tes Säulenglied von Opatowitz. 
Brachiopoda. 

Terebratula vulgaris Schl. Rybna; Larischhof; Stubendorf. 

Spirifer fragilis Schl. sp. Rybna; Wilkowitz; Stubendorf. 

Lingula tenuissima Bronn. Opatowitz. 
Pelecypoda. 

Ostrea placunoides Müenst. Stubendorf. 

Ostrea complicata Goldf. (incl. Ostrea decemcostata Müenst. 
Rybna. Stubendorf 

Ostrea spondyloides Schl. Rybna. 

Pecten discites Schl. sp. Häufig. Rybna; Opatowitz; Alt- 

Tarnowitz; Larischhof; Rosmierka. 
Pecten laevigatus Schl. sp. Larischhof. 
Pecten reticulatus Schl. sp. Rybna. 
Lima striata Schl. sp. Opatowitz; Alt-Tarnowitz. 
Monotis Aibertii Goldf. Stubendorf; Kl. Rosmierka. 
Gervillia socialis Schl. sp. Alt-Tarnowitz; Kl. Rosmierka. 
Gervillia costata Schl. sp. Stubendorf; Kl. Rosmierka. 
Myophoria vulgaris Schl. sp. Alt-Tarnowitz. 
Cordula dubia Müenst. Opatowitz; Wilkowitz. 
Cephalopoda. 

Nautilus bidorsatus Schl. Rybna. 

Ammonites {Ceratites) nodosus Brug. Rybna; Larischhof. 
Rhyncholithus hirundo Faure «Big. Rybna. 
Pisces. 
Schädel: 

Saurichthys tenuirostris Muenst. Opatowitz. 
Flossenstacheln: 

Leiacanthus {Hybodus) Opatowit%anus Mey. Opatowitz. 

Leiacanthus {Hybodus) Tarnowitzanus Mey. Alt-Tarnowitz. 

Hybodus major Ag. Rybna; Larischhof. 

Hybodus tenuis Ag. Alt-Tarnowitz. 
Zähne: 

Hybodus plicatilis Ag. Rybna; Larischhof; Col. Georgen- 
dorf; Stubendorf; Kl. Rosmierka. 



308 



Hyhodus Mougeoti Ag. Rybna; Larischhof; Alt-Tarnowitz; 

Kl. Rosmierka. 
Hybodus obliquus Ag. Rybna. 

Hybodus longiconus Ag. Opatowitz; Wilkowitz; Kl. Ros- 
mierka. 

Hybodus simplex Mey. Alt-Tarnowitz. 

Acrodus Gaillardoti Ag. Rybna; Alt-Tarnowitz; Larisch- 
hof; Wilkowitz; Kl. Rosmierka; Suchow. 

Acrodus lateralis Ag. Rybna. 

Acrodus acutus Ag. Rybna. 

Acrodus Braunii Ag. Rybna. 

Acrodus immarginatus Mey. Larischhof. 

Strophodus angustissimus Ag. Alt-Tarnowitz. 

Saurichthys Mougeoti Ag. Rybna; Larischhof; Wilkowitz; 
Stubendorf ; Kl. Rosmierka. 

Saurichthys apicalis Ag. Opatowitz. 

Colobodus varius Gieb. Rybna; Wilkowitz; Alt-Tarnowitz. 
Placodus- Zähne. Rybna; Alt-Tarnowitz; Opatowitz; La- 
rischhof. 

Schuppen von Rybna, Alt-Tarnowitz, Larischhof, Opatowitz 
cf. Palaeontogr. I, t. 29 f. 4 — 10, 12, 13. Dieselben bei 
Wilkowitz; Col. Georgendorf; Stubendorf; Kl. Rosmierka. 
Wirbel von Larischhof cf. Palaeontogr. I, t. 29 f. 55, 56. 
Sauri. Ueber die Saurierreste von Rybna, Larischhof, Opato- 
witz, Alt-Tarnowitz cf. v. Meyer: die Saurier des Mu- 
schelkalks. Schon v. Meyer macht darauf aufmerksam, 
dass sich dieselben durch die Grösse der Thiere, denen 
sie angehört haben, sehr von den Saurierresten der tiefe- 
ren Abtheilungen des Muschelkalks unterscheiden. 
Die Angabe von v. Oeynhausen und Pusch, dass bei Stu- 
bendorf auch die Ret%ia trigonella vorgekommen sei, bezieht 
sich wohl auf Exemplare aus dem südlich von Stubendorf anste- 
henden mikultschützer Kalk. 

Das fast völlige Fehlen der Crinoiden bildet für die Ge- 
steine dieser, wie der vorigen Abtheilung, ein sehr bezeichnen- 
des, negatives Merkmal und einen scharfen Contrast gegen alle 
älteren Glieder des Muschelkalks. 

Uebersehen wir schliesslich noch einmal schematisch die ver- 
ticale Verbreitung der einzelnen Petrefakten, so finden sich im 



3« 




ja 

5- 



Scyphia caminensis 

= Nullipora annulata . ...... 

Montlivaltia triasica 

Thamnastraea silesiaca ...... 

Entrochus cf. Encrinus liliiformis 

- dubius 

silesiacus 

Encrinus gracilis 

aculeatus 

= Calathocrinus digitatiis ..... 

Cidaris transversa 

Radioiiis cf. Radiolus Waechteri . . 

Terebralula vulgaris 

Rhynchonella decurtata 

Mentzeli 

Spirifer Mentzeli . 

fragilis 

Retzia triogonella 

Orbicula discoidea 

Lingula tenuissima 

Ostrea placunoides 

complicata 

spondyloides 

Änomia tenuis 

Pecten discites 

laevigatus . 

- reticulatus 

Lima striata 

lineata 

costata 

Hinnites comtus 

Cassianella tenuistria 

Monotis Albertii ......... 

Gervillia socialis 

- costata 

Mytilus vetustus 

Area triasina 

Hausmanni 

Myopkoria vulgaris 

elegans 

laevigata 

Goldfussi? 

Myoconcha gastrochaena 

Cypricardia sp. n 

? Venus ventricosa 

Corbula dubia 



310 



OB & 

O 



a 
P 



H £ 

'S g 

m u 



Turbonilla nodulifera . . 
Turritella obsoleta . . . 
Pleurotomaria Albertiana 
Euomphalus sp. ? . . . . 

Natica sp.? 

turbilina .... 

Chemnitzia sp. n 

Nautilus bidorsatus . . . 
^Im/nontfes nodosus . . . 
Rhyncholithus hirundo . . 
Pemphix Sueurii .... 
Lissocardia silesiaca . .• 
- magna . . . 
Myrtonius serratus . . . 
Aphthartus ornatus . . . 
Saurichthys tenuirostris . 

apicalis . . . 
Mougeoti . . 
Leiacanthus Opatowitzanus 
Tarnoicitzanus 
Hybodus major . . ... . 

tenuis 

plicatilis .... 

Mougeoti .... 
- obliquus .... 

longiconus . . . 

simplex .... 
Acrodus lateralis .... 

Gaillardoti . . . 

acutus 

Braunii .... 

immarginatus . . 
Strophodus angustissimus 
Colobodus varius .... 

Placodus sp. ? 

Reste grosser Saurier . . 



Ich habe in den vorliegenden vorläufigen Notizen jede Ver- 
gleichung der Glieder des oberschlesischen Muschelkalks mit de- 
nen anderer Gegenden absichtlich vermieden, um mich nicht einer 
übereilten Parallelisirung schuldig zu machen. Doch kann ich 
nicht unterlassen, schliesslich noch auf den wichtigen Einfluss 
hinzuweisen, welchen die gewonnenen Resultate bei der Beurthei- 



311 



lung der Stellung des Virgloriakalks v. Richthofen's in den 
Alpen, welcher die Fauna des mikultschützer Kalks einschliesst, 
ausüben müssen; denn, da es keinem Zweifel unterliegen kann, 
dass wir den rybnaer Kalk als ein Aequivalent der Disciten- 
und Ceratitenschichten des deutschen Muschelkalks aufzufassen 
haben, so folgt aus der Ueberlagerung des mikultschützer Kalks 
durch den rybnaer, dass auch der Virgloriakalk v. Richtho 
fen's nur als ein Glied des Muschelkalks betrachtet werden kann. 



312 



5. Ueber den Pechstein und Perlstein. 

Von Herrn H. Fischer zu Freiburg in Baden 

In den neuesten mineralogischen, petrographischen und geo- 
logischen Schriften ist noch fast einhellig der Ansicht gehuldigt, 
dass die Pechsteine, Perlsteine, Obsidiane und Bimssteine, welche 
Andr. Wagner (Gesch. d. Urwelt 1857. I. 264) zusammen mit 
dem kühn gebildeten Worte „Glasite" belegt, vulkanische Sch m el z- 
produkte feldspathhaltiger Gesteins-Materialien seien. G. Bischof 
dagegen betrachtet in seiner ehem. und pbys. Geologie (II. 2222 
und 2246) die Perl- und Pechsteine als Zersetzungsprodukte, zum 
Theil wenigstens von Trachytporphyren. 

Der Ansicht von J. N. v. Fuchs , der schon vor mehr als 
20 Jahren die Beobachtung machte, dass eingekochtes Wasserglas 
eine bimssteinähnliche Beschaffenheit annehme, und dass auch 
Pechstein in ähnlicher Weise (d. h. auf nassem Wege) sich ge- 
bildet haben möchte, wurde kaum irgendwo Erwähnung gethan, 
geschweige Beifall geschenkt. (Vergl. Fuchs gesammelte Schrif- 
ten 1856 pg. 210 oder: Münch, gel. Anzeigen 1838. N. 26—30: 
Vortrag gelesen 25. Aug. 1837). Im Jahre 1833 betrachtete 
Fuchs selbst den Pechstein noch als verglaste Substanz. Vergl. 
bayr. Annal. 345 oder gesammelte Schriften 148. Ueber den Opal 
und den Zustand der Gestaltlosigkeit, Amorphismus. 

Andr. Wagner jedoch tritt in seinem obenangeführten 
Werke jener Anschauung bei , und wenn ich meinerseits diesem 
Forscher auch eine Reihe der in seinem IV. Abschnitte ausge- 
sprochenen Ideen gerne ungetheilt überlasse, so schlage ich mich 
doch bezüglich der Pechsteine mit ihm offen auf die Seite von 
Fuchs und hoffe im Folgenden einige Thatsachen zur Erörterung 
zu bringen, welche manchen Geologen — wenn auch vielleicht 
nicht zu dieser Ansicht zu bestimmen — doch wohl zu einer 
vorurteilsfreieren Betrachtung der ihm zugänglichen Gesteine aus 
dieser Gruppe zu veranlassen oder neue Discussionen hierüber 
ins Leben zu rufen vermögen. 

Der Ausspruch von Fuchs (a. a. O. Zusätze 1) lautet so: 



313 



„Aus der glasartigen Beschaffenheit eines Körpers ist nicht im- 
mer zu schliessen, dass er ein Produkt des Feuers sei, denn es 
kann Aehnliches auch auf nassem Wege entstehen. So giebt 
z. B. die Auflösung des Wasserglases, wenn sie langsam 
eintrocknet, eine dem gemeinen Glase, dem Ansehen nach, ganz 
ähnliche Masse. Es ist mir daher mehr als wahrscheinlich, dass 
der Pechstein auf ähnliche Weise entstanden sei, und ich glaube 
dieses um so mehr , da er Wasser enthält und im Feuer sich 
aufbläht. Für den neptunischen Ursprung desselben spricht auch 
der Umstand, dass er bisweilen in den Hornstein (?) übergeht," 

Meine eigenen Beobachtungen sind nun folgende. Bei einer 
Musterung der obengenannten Gesteine unserer Universitäts- 
Sammlung mittelst einer starken Lupe fiel mir an einem flach- 
muschligen, ganz und gar nicht körnig struirten, grünen, meissner 
Pechsteine augenblicklich die täuschende Aehnlichkeit auf, die 
seine innere, feinere Struktur, (welche nur das bewaffnete 
Auge scharf genug wahrnimmt), mit der von reinem, stark ein- 
gekochtem Wasserglas besitzt, während z. B. eine sog. Schaum- 
schlacke, an die man dabei etwa sich erinnert fühlen könnte, und 
wie ich eine solche von Hausen im Wiesenthal vor mir habe, 
ein wesentlich anderes Bild darbietet. 

Am Schönsten zeigte sich mir jene Struktur von allen mir 
vorliegenden Pechsteinen an den grünen von Meissen , einiger- 
massen auch noch an den rothen von da. Dieselbe ist gewisser- 
massen concentrisch-schalig, aber auf höchst eigenthümliche Weise 
durch den (an amorphe Massen, wie Opal u. s. w. erinnernden) 
gross- oder kleinmuschligen Bruch vielfach maskirt. Bas, was 
dem freien Auge als verworren weisse Zeichnungen auf der ganz 
frischen Oberfläche des Pechsteins erscheint, ergiebt sich bei 
Vergrösserung als die versteckten Durchschnitte der Schalenrän- 
der. Legt man neben einen solchen Pechstein ein Stückchen des 
genannten Wasserglases, so wird man durch die Aehnlichkeit 
in dem Bau, in dem Ineinandergreifen der Schalenränder u. s. w. 
wirklich überrascht, während die danebengelegte Schaumschlacke 
durch die Beschaffenheit ihrer, wenn auch noch so reichlichen, in 



*) Dies ist besonders dann der Fall, wenn man das Kochen in einer 
Porzellanschale vornimmt, an welche die Flamme nicht unmittelbar schlägt, 
sondern welche in eine zweite, mit Wasser gefüllte Schale gesetzt ist, de- 
ren Wasser erhitzt wird, so dass das Eindicken ganz langsam geschieht. 



314 

der Substanz eingebetteten Bläschen doch nicht an schalige 
Struktur erinnert. — Natürlich muss man bei der Vergleichung 
des Wasserglases, welches unter Zutritt der Luft eingekocht ist, 
absehen von den vielen Hohlräumen, während der Pechstein bei 
seiner concentiisch-schaligen, mehr oder weniger deutlich hervor- 
tretenden Struktur ganz dicht, solid ist. Ich halte es jedoch kei- 
neswegs für zu fernliegend, dass es der synthetischen Chemie 
gelingen möchte, an die Wasserglas-Substanz anschliessend die 
Pechsteinsubstanz mit allen ihren Bestandtheilen und Eigenschaf- 
ten dereinst noch nachzuahmen. 

Dieselbe Struktur, wie an den meissner Pechsteinen, sah ich 
auch an einem grünlichgrauen, ungarischen Pechsteine mit undeut- 
lich krystallinischen Sanidin - Ausscheidungen, der aus dem Hli- 
niker Thal bei Schemnitz stammt. Je dunkler jedoch die Pech- 
steine, desto undeutlicher wird das oben geschilderte Bild. 

Der Ansicht von G. Bischof, dass Pech- und Perlsteine 
Z er set z u ng s produkte von andern Felsarten, z. B. Trachytpor- 
phyren seien, wobei er besonders als Beleg auf die concentrisch- 
schalige Struktur verweiset, muss ich mehrere gewichtige Beden- 
ken entgegenstellen. Sollte der Basalt, der zuweilen in dieser 
Art verwittert, als Analogon gelten, so ist dies, genau genom- 
men, schon in so fern ein ganz anderer Fall, als der Basalt ein 
mechanisches Gemenge von Mineralien ist und auch im concen- 
trisch-schaüg verwitterten Zustande ein solches bleibt, während 
der Pechstein der Hauptsache nach als homogene Masse dasteht. 
Noch viel weniger hat dann der Basalt bis in seine feinsten 
Theilchen eine concentrisch-schalige Struktur, wie der Pechstein ; 
dies hat nicht einmal der schöne sog. Kugeldiorit von Corsica, 
der doch schon am frischen Felsen eine, wenn auch nicht in 
Schalen sich ablösende, so doch concentrische (und zugleich ex- 
centrisch-strahlige) Anordnung seiner Theilchen aufweiset. Sehen 
wir uns nun aber nach den concentrisch-schalig vorkommenden, 
einfachen Mineralsubstanzen um, so ist wohl z. B. der Ma- 
lachit zuweilen ein Umwandlungsprodukt aus Cuprit (Chessy bei 
Lyon), dann sah ich ihn aber gerade nicht schalig und, wo ich 
ihn sonst schalig traf, konnte ich mich wenigstens , wenn er 
selbst auch da aus einem andern Mineral hervorgegangen sein 
sollte, keineswegs überzeugen, dass er die schalige Struktur des- 
halb habe, weil er Umwandlungsprodukt sei. Vielmehr ist bei 
Malachit, gediegen Arsen, schaliger. Blende, eine, wenigstens unter 



315 



der Lupe noch sicher nachweisbare excentrisch-fasrige oder eine 
blättrige Struktur (bei manchen Blenden, Wolfram) mit im Spiele; 
nicht sicher zu erkennen ist dies beim schaligen Zinnober 
(sog. Korallenerz); doch glaube ich kaum, dass hier, wie auch 
beim schaligen Baryt, Quarz (sog. Kappenquarz), Vesuvian, 
Pistazit, bei den Eisennieren, Erbsensteinen und Rogensteinen 
die schalige Struktur von einem Zersetzungsprozess wird herge- 
leitet werden wollen, sondern doch wohl eher von der mit dem 
Entstehen des betreffenden Minerals gegebenen Tendenz zu einer 
bestimmten Anordnung der Theilchen, 

Von allen diesen Substanzen ist es allein der Rogenstein- 
Kalk, der auch im Grossen vorkommt, wie der Pechstein. Ge- 
rade beim Rogenstein lässt sich aber die Schalenstruktur bis ins 
Kleine verfolgen , und er ist doch gewiss auch als solcher eine 
primäre Bildung, kein Zersetzungsprodukt einer andern Fels- 
art; sonst soll natürlich seine Entstehungsgeschichte hier in keine 
Beziehung zu der des Pechsteins u. s. w. gebracht werden. 

Der concentrisch - schalige Bau scheint beim Pechstein da und 
dort selbst auch im Grossen zu Tage zu treten, wie sich aus der 
in Lyell's Geologie (übersetzt v. Cotta. II. Bd. S. 314) mit- 
getheilten Abbildung eines Pechsteinfelsens von Chiaja di luna auf 
der Insel Ponza im IVJittelmeer ergiebt. 

Wie aus Obigem hervorgeht, konnte ich mich in diesem Falle 
mit Btschof's Ansicht nicht befreunden. Die zuvor beschriebene 
Aehnlichkeit des Pechsteins (und Perlsteins zum Theil) mit einge- 
kochtem Wasserglase trug daher lebhaft dazu bei, in mir auch 
den Gedanken, als seien die Pechsleine und Perlsteine mit ihrem 
grossen Wassergehalte und ihrem Bitumen Umschmelzungsprodukte 
von Feldspathgesteinen, — eine Anschauung, die sich ohnehin bei 
mir nie recht hatte zur Geltung bringen können — , vollends zu 
verscheuchen. Vielmehr trat an dessen Stelle eine andere Idee, 
welche vielleicht mehr für sich hat und mir einer weitern Prüfung 
werth zu sein schien. 

Ich bin nämlich, anstatt diese Gesteine für durch Schmel- 
zung schon vorher gebildet gewesener, fester, krystallinischer 
Gesteine entstandene Produkte zu halten, im Gegentheil auf den 
Gedanken gekommen, die Pechsteine und Perlsteine seien 
die beim Uebergang aus dem festweichen in den festen 
Zustand nicht zur wirklich krystallinischen Ausbil- 
dung gelangten, sondern fast amorph gebliebenen 

Zeits. a. d. geol. Ges. XIV. 2. 21 



316 



Reste derjenigen Substrat- oder Teig-Substanz, aus 
welcher, wenn die Verhältnisse für krystallinische Ausbildung 
beim Erstarren local günstiger gewesen wären, sich gerade erst 
hätten im einen Fall (bei den Pechsteinen) Porphyre, im an- 
dern dagegen (bei den Perlsteinen) Trachyte ausbilden sollen 
und können. Es ist ja doch allgemein anerkannt, dass diese 
besprochenen je zusammengehörigen Felsarten auch wirklich in 
einander verlaufen, Pechsteine in Porphyre, Perlsteine in Trachyte, 
und dass andererseits auch Porphyre und Trachyte sich nicht 
ferne stehen. Pechstein soll, wenngleich selten, auch säulen- 
förmig abgesondert, wie Porphyr, vorkommen, z. B. auf Scuir of 
Egg auf der Hebriden- Insel Egg; jedoch wäre dies nach Nau- 
mann (Geol. II. 701.) kein eigentlicher Pechstein. 

Sehen wir vollends, wie manche sog. Pechsteine, z. B. vom 
Hliniker-Thale, eigentlich nur Pechsteine mit nicht gross- und 
flachmuschligem, sondern kleinmuschligem Brnche und mit Sani- 
dinausscheidungen sind, und werfen wir schliesslich dann noch 
einen Blick auf die von Th. Scheereb (Artikel Pechstein in 
Liebig Handwörterb. d. Chem. 1854 od. Leönh. Jahrb. 1855. 
S. 60) zusammengestellten älteren und neuesten Analysen 
von Pechstein, Perlstein und Obsidian mit Bimsstein, wo bei 
letzteren ausser der übrigen Uebereinstimmung auch Wasser auf- 
geführt wird: so finden wir uns wirklich versucht, die Grenzen 
dieser Körper unter sich qua mineralogische Species feilen zu 
lassen (Obsidian und Bimsstein sind ohnedies schon vereinigt), 
und sie mehr nur noch als Varietäten einer und derselben Sub- 
stanz zu betrachten, welcher ich aber dann einen geschickteren 
Namen wünschen möchte, der erstens nicht aus einem deutschen 
Hauptworte mit griechisch -lateinischer Endsilbe bestände, wie 
Glasit, und zweitens auch nicht in seinem Begriffe eine Andeu- 
tung der Bildungsgeschichte, eine Hypothese involvirte. Freilich 
wollte gerade von A. Wagneb mit jenem Namen nicht auf die 
S chm e 1 z flüssigkeit des Glases, sondern auf das glasähnliche 
Aussehen jener Körper angespielt werden. 

Bei künstlichen Gläsern, also wirklich aus feurigem Flusse 
erstarrten Substanzen, ist von vornherein zu erwarten, dass sie in 
Splittern nach einer vor dem Löthrohr wiederholt mit ihnen vor- 
genommenen Schmelzung und Wiedererkaltung je nach der 
Raschheit der letztern und nach etwaigem Gehalte 
an flüchtigen Bestandtheilen wenigstens annähernd die- 



317 



selbe innere Beschaffenheit wieder annehmen würden, die sie 
als einmal zum Glase gewordener Schmelzfluss zuvor hatten. 
Es wird sich das auch meistens so herausstellen. Ich machte 
mehrfach diese Probe an künstlichem Glas, dessen Splitter ich 
öfter schmolz und wieder erkalten lie?s. Während es bei den 
ersten Schmelzungen auf der Oberfläche ziemlich glatt und im 
Innern von wenigen Bläschen besetzt, im Allgemeinen also sehr 
durchsichtig blieb, so wurde es bei weiterem Schmelzen und 
Wiedererkalten auf der Oberfläche immer rauher, es verschrumpfte 
stellenweise gleichsam, begreiflich weil die sog. fixen Alkalien ja 
doch eigentlich nicht fix sind und, wie die gelbe Natronfärbung 
der Löthrohrflamme am Besten beweisst, fortan entweichen ; es 
findet also Substanzverlust statt. Die innere Struktur des 
Kügelchens jedoch erleidet keine wesentliche Umänderung da- 
bei. Denselben Versuch stellte , ich mit Glassflüssen an, die sich 
in Porcellanfabriken gebildet hatten. 

In der Schlackensammlung, ^die ich mir im Laufe der Zeit 
zu solcherlei Vergleichungen anlegte, fand ich — zur Steuer der 
Wahrheit sei es ganz unparteiisch hier erwähnt — ein einzelnes 
Stück, welches ein unerwartetes Verhalten hierin darbot. Dasselbe 
ist homogen glasartig, obsidianähnlich, nur in dünnsten Kanten 
oder flachen Splittern durchscheinend, violett, bei auffallendem 
Lichte schwarz, mit grossmuschligem Bruche, (Gar-Schlacke aus 
dem Hohofen von Kandern). Auf der einen (concaven) Ober- 
fläche desselben nimmt man dichtgedrängte, winzige, nicht tief 
in die Masse dringende, durchlöcherte Bläschen wahr, die wohl 
dadurch bedingt sind, dass die Schlacke über eine Oberfläche 
(? glühende Kohlen, es ist auch ein Stückchen Holzkohle einge- 
backen) geflossen war, aus welcher sich Gase entwickelten, die 
aber wegen der Erstarrung der Substanz grösstentheils nicht ganz 
bis zur freien, gegenüberliegenden (convexen) Oberfläche des 
Stromes gelangen konnten, denn letztere zeigt weit spärlichere, 
feine, lochartige Eindrücke. Auf den Seitenflächen dieser Schlacke, 
die ich geflissentlich zur Vergleichung für andere Beobachter ganz 
genau hier beschrieb, sind fast gar keine Löcher zu sehen. 

Diese Garschlacke nun schmilzt in Splittern vor dem Löth- 
rohr leicht zu einem blasigen, farblosen Glase, gewinnt also auch 
nicht mehr ihr früheres Aussehen, welches in diesem Falle grössten- 
theils homogen glasartig war. Der Hauptbestandteil ist Kalk- 
silikat. 

21* 



318 



Es liegt demnach hier bei einer entschiedenen Silikat- 
Schlacke ein Fall vor, welcher der oben berührten Erwartung, 
es werden Gläser nach dem Erkalten wieder ihre frühere Struk- 
tur annehmen, widerspricht. Es ist auch bekannt, dass manche 
Gläser krystallinisch werden. Ich wüsste ferner im Augenblicke 
die Möglichkeit nicht zu bestreiten, dass ein Schmelzprodukt nach 
dem Erkalten sogar die concentrisch - schalige Textur annehmen 
könnte, und von diesem Standpunkte Hesse sich also noch 
immer behaupten, der Pechstein könne trotz der von mir behaup- 
teten innern Textur gleichwohl ein Schmelzprodukt sein. 

Wir wollen nun aber der Reihe nach die andern Nebenum- 
stände mustern und ihren Werth prüfen. 

Dass die Pechsteine, welche Farbe sie auch haben, sich zu 
weissem, blasigem Glase brennen, hätte noch nichts zu be- 
deuten, denn auch dies ist eben bei unserer violetten Gar-Schlacke 
der Fall, bei deren Erhitzung sich, wie es scheint, Gase entwickeln 
und das Blasigwerden bedingen; Wasser ist beim Erhitzen im 
Kölbchen keines darin nachweisbar, so wenig als ein Geruch 
nach bituminösen Stoffen oder ein Ansatz solcher am Glase. 

Bedenklicher für die plutonische Anschauung ist aber schon 
der Gehalt der Pechsteine an Wasser (3 — 10 pct.) und das von 
ältern und neuern Chemikern (Ficinus, Knox, Delesse) darin 
aufgefundene Bitumen. Aus dem Wassergehalt schliesst Rammels- 
Berg auf submarine Bildung des Pechsteins; dann müsste wohl 
das Bitumen gleichzeitig mit hineingekommen sein; denn an eine 
nachträgliche Aufnahme vermöge etwaiger Permeabilität möchte 
doch bei den Pechsteinen aller Fundorte kaum zu denken sein, 
auch wenn wir uns der künstlichen Färbung der gleichfalls sehr 
dicht und impermeabel aussehenden Quarze und Chalcedone 
(vergl. Noeggerath in Leonh. Jahrb. 1847. 473) erinnern. 

Ferner wird es am Platze sein, die in neuerer Zeit zu all- 
gemeinerer Annahme gelangten Ansichten" über die Genesis 
derjenigen Mineralien aufzusuchen, die nicht versteckt, wie der 
Pechstein, sondern evident concentrisch -schalige Textur zeigen, 
und da begegnen wir eben einer Reihe von Species, deren schalige 
Varietäten heutzutage kaum mehr von Jemandem für schmelz- 
flüssige Produkte angesprochen werden, wie z. B. Erbsen- und 
Rogensteine, Bohnerze und Eisennieren, Wolfram, Zinkblüthe, 
Malachit, Sphärosiderit, Baryt, Quarz, Vesuvian (vergl. Bischof 



319 



a. a. O. II. 505), Pistazit (ebenda 416), gediegen Arsen, Zink- 
blende, Korallenerz. 

Ferner giebt es manche Beziehungen des Pechsteins zu an- 
deren krystallinischen Gesteinen, mit denen er eng verknüpft vor- 
kommt (vorzugsweise Porphyr), die meines Erachtens bei der 
Supposition, dass Pechstein ein Schmelzprodukt sei, nach physi- 
kalischen Gesetzen sich nicht wohl erklären lassen, und ich glaube 
hierzu einige Thatsachen hinzufügen zu können bezüglich der 
Entwicklung des Glimmers und Feldspathes im Pechstein, welche 
trotz der grossen Verbreitung des Pechsteins, so weit mir be- 
kannt ist, noch nicht von anderer Seite zur Sprache gebracht 
wurden. 

Den Pechstein im Grossen an Ort und Stelle zu untersuchen, 
hatte ich leider selbst noch keine Gelegenheit. Bei meinen Unter- 
suchungen über die schwarzwälder Felsarten habe ich mich aber 
schon oft davon überzeugt, dass man durch ein gründliches, in 
alle Einzelnheiten eingehendes, mineralogisches und wo nöthig 
auch chemisches, möglichst unbefangenes Studium von Felsarten- 
Handstücken zu Resultaten gelangt, die bei einer etwa ersten 
oder wiederholten Untersuchung der Fundstätte selbst Einem be- 
sonders zur Verhütung haltloser Hypothesen ausserordentlich zu 
Statten kommen. 

Betrachtet man nun z. B. Handstücke von Pechstein in 
seinem Zusammenvorkommen mit Porphyr, so kann ich mir ein 
für allemal nicht vorstellen, mit welcher Eklektik der Stellen 
desselben Materials der Schmelzprocess hätte vor sich gehen 
müssen, um solche Ergebnisse zu liefern, wie wir sie z. B. bei 
Meissen finden. 

Meine Einbildungskraft ist nämlich nicht so stark, um zu 
begreifen, wie bei dem zur Schmelzung des Pechstein- oder Por- 
phyr-Materials - — wie man hier will - — nöthigen Hitzegrade 
einzelne Porphyrstellen oder Feldspathkrystalle oder Glimmer- 
blättchen in so buntem Wechsel intact zwischen den wirklich 
zur Schmelzung gelangt sein sollenden Gesteinspartieen geblieben 
wären, als wirklich solche Stellen unversehrt neben einander an- 
getroffen werden. 

Sollte man hier eine Schmelzung statuiren, so müsste man 
nothwendig den intact gebliebenen Stellen einen weit höhern 
Schmelzpunkt zuschreiben. Nun liegt aber der Gedanke gewiss 
nahe genug, von einem und demselben Stücke zwei Splitter 



320 



gleich gross und gleich dünn ausgewählt und unmittelbar da 
nebeneinander abgelöst, wo einerseits Pechsteinsubstans und an- 
dererseits Felsitsubstanz (also Teigsubstanz des Porphyrs) oder 
aber gar eine mit deutlicher Spaltungsfläche versehene Feldspath- 
partikel aneinanderstossen — gleichzeitig in die Platinpincette 
zu fassen und der Löthrohrflamme zum Schmelzen auszusetzen. 
Da wird man sich aber überzeugen können, dass der Felsit- oder 
Feldspathsplitter und der Pechsteinsplitter gleichzeitig und zwar 
zu ganz gleichmässig blasigem, weissem Glase schmelzen. 

Nehmen wir dagegen an, dass im Pechstein gleichsam die 
amorph erstarrten Reste derjenigen Ur- Teigmasse noch vorliegen, 
aus deren noch festweichem Zustande in den weitaus zahlreich- 
sten und zugleich günstigsten Fällen sich Porphyre oder Granite 
oder Gneisse entwickelten, wozu dieser Teig das Material ja 
enthält, wie eine Vergleichung der Analyse von Pechsteinen 
einerseits und Graniten, Porphyren u. s. w. andererseits lehrt: 
so frappirt es uns dann in keiner Weise mehr, dass z. B. der 
Pech stein so oft in Porphyr übergeht oder dass er als eine kry- 
stallinisch unvollkommener gebliebene Gesteinsbildung sogenannte 
Gänge zwischen Porphyr, z. B. bei Chemnitz oder ganze Berge 
im Bereiche des Porphyrs, wie in Peru, oder auch Gänge im 
Granit bildet, wie zu Newry in Irland (G. Leonhard top. 
Mineral. 411), oder aber dass er Felsit- oder Porphyr -Kugeln*), 
also solche Partikeln einschliesst, wo die Felsitbildung oder gar 
Porphyrentwicklung wirklich schon zu Stande gekommen war. 
Von dieser letztern Erscheinung führt Breithaupt (Paragen. 51. ff.) 
eine ziemlich verwickelte Erklärungsweise von A. v. Gutbier. 
an, ohne ihr jedoch in allen Punkten beizupflichten. 

Wenn in der Pechsteinsubstanz selbst blos einzelne Feld- 



*) Jenzsch (Ueber den Sanidin- Quarzporphyr von Zwickau, den 
Pechstein etc., in Leonh. Jahrb. 1858. 655) konnte an keiner einzigen 
der in Pechstein eingeschlossenen Porphyr-Kugeln auch nur eine Spur 
von Schmelzung entdecken, wie sie von Andern, z. B. Geinitz, behauptet 
wird. Jenzsch hat übrigens über den Pechstein wieder ganz eigene, von 
den unsrigen völlig abweichende Ansichten gewonnen, worüber ich auf 
Zeitsch. d. geol. Ges. VIII. 43 (Leonh. Jahrb. 1857. 184) und auf eben- 
dies Jahrbuch (a o. a. O. 185S. S. 651. ff.) verweise. — Just. Roth 
(die Gesteins-Analysen. 1S61. XXXIII. ff.) denkt sich den Pechstein vor- 
läufig als durch überhitzte Wasserdämpfe umgewandelten Quarzporphyr, 
letztern also wiederum als primäre Bildung, wie eben die . meisten 
Geologen bis jetzt. 



321 



spathkrystalle oder Glimmerblättchen oder Quarzkörner oder Kugeln 
von Chalcedon oder Hornstein eingebettet uns begegnen, so wird 
auch dieses Alles unter obiger Voraussetzung seine höchst ein- 
fache Erklärung in dem Umstände finden, dass an verschie- 
denen Stellen einer und derselben im Festwerden begriffenen, 
krystallisationsfähigen Substanz die Verhältnisse für individuelle 
(d. h. Krystall-) Gestaltung verschieden günstig sich eingestellt 
haben mochten, gerade wie wir dies mehrfach in den Gebirgen 
antreffen, dass dasselbe Gestein, welches im Grossen feinkörnig 
ausgebildet ist, an einer oder mehreren Stellen desselben Berges 
oder Bergzuges auf einmal sich sehr grob- oder grosskörnig, also 
in krystallinischer Hinsicht viel mehr begünstigt herausstellt. 

Was die angeblich im Pechstein eingeschlossenen Faserkohlen- 
Fragmente betrifft, so Hessen sich diese, was vielleicht Mancher 
nicht ahnte, nicht einmal bei der Annahme, es sei der Pechstein 
ein Schmelzprodukt, von vornherein bestreiten, denn ich fand in 
der obenbeschriebenen Hochofen - Garschlacke von Kandern in 
zwei Exemplaren gleichfalls Stückchen von Holzkohle (Birken- 
kohle ?) eingebacken, deren Faserstruktur noch deutlich er- 
halten war. 

Die Conservation der Holzstruktur eines in einen gallert- 
artigen Pechsteinstrom gerathenen Kohlenstückchens hätte aber 
nun vollends gar nichts Befremdendes an sich, vielmehr Hesse 
sich hierbei sogleich an die Uebergänge von Pechstein in sog. 
Thonstein erinnern, worin (Wagner a. a. O. I. 245) Gallionella 
gefunden wurde. 

Höchst merkwürdig war mir aber vor Allem, an grünen 
und scheckigen (roth, braun und grünlich gefleckten) Stücken 
von Pechstein aus Meissen die erste Entwicklung des 
Glimmers zu entdecken. Es finden sich nämlich in solchen 
Exemplaren mit der deutlichsten innerlich schaligen Struktur 
(aus welcher, wenn die Schalen wirklich besser auf der Ober- 
fläche hervortreten, der Perlstein hervorgeht) einmal einzelne 
dunklere Zonen. Jene unter ihnen, welche in der Entwick- 
lung schon einen Schritt weiter gediehen sind, nehmen ein iri- 
sirendes Ansehen an, wodurch sie schon auffälliger werden; in 
dem nächsten Stadium erscheinen sie bereits als deutlicher im 
Umriss erkennbare Glimmerblättchen, die aber noch so ent- 
schieden in der Pechsteinsubstanz eingebettet sind, dass ihre Ober- 
fläche noch ganz unverkennbar den Pe ch s tei n br u c h! ! ! zeigt. 



322 



was sich besonders deutlich ergiebt, wenn man eine solche mit 
dem Auge wohl fixirte Stelle verschieden nach dem Lichte dreht 
und gleichzeitig unter der Lupe betrachtet, wo man bald meint, 
man habe wirklich schon ein ausgebildetes Glimmerblättchen vor 
sich, das sich abheben liesse, bald aber, je nach dem auffallen- 
den Lichte, wieder den vorherrschenden Eindruck des Pechstein- 
bruches erhält, so dass der Gedanke an mögliche Abtrennung 
des Blättchens ganz wegfällt. Im letzten Stadium haben wir 
vollständig differenzirte Glimmerblättchen theils halb- 
metallisch schillernd, theils schwarz vor uns, die bald fest mit 
der einen ganzen Endfläche auf der Pechsteinfläche aufgewachsen, 
bald mehr nur mit einer Kante eingewachsen scheinen, mit dem 
übrigen Theile aber frei hervorstehen. Alle diese Stadien sind 
— wohlverstanden — in der Regel leicht an Handstücken von 
der gewöhnlichen Grösse gleichzeitig nebeneinander wahrzu- 
nehmen, und ich gestehe, dass ich noch von keinem mineralogi- 
schen Funde so überrascht war, wie von dieser schon beim ersten 
Anblick so klaren und durch ihre Einfachheit anziehenden ge- 
netischen Stufenfolge eines Minerales*J. 

Ich fand an ganz sauber gewaschenen Pechsteinexemplaren 
von Meissen, die ich mit freiem Auge und mit der Lupe Stelle 
für Stelle genau untersuchte, vereinzelt auch die durch ihre Spalt- 
barkeit leicht erkennbaren Feldspathkryställchen und zwar 
sowohl mitten im ganz frischen Gestein, als sogar auch noch auf 
den verwitterten Kluftflächen, und sie hatten im rothen Pechstein 
rothe, im grünen eine grüne Farbe. Alle bis jetzt gefundenen 
Stellen muss ich zufolge des Mangels an Zwillingsstreifung für 
Orthoklas halten, wäre aber begierig, ob sich bei sehr reichem 
Material, über das ich leider nicht zu gebieten habe, nicht auch 
die von mir z. B. in den schwarzwälder Porphyren so reichlich 
aufgefundenen Oligoklaskryställchen vereinzelt nachweisen liessen. 

Eine der erwähnten Kluftflächen zeigte überdies stellenweise 
eine dünne, etwa 1 Millim. starke, weisse Kruste, welche sich 
unter der Lupe als ein netzartiges, löcheriges Gebilde, vollkommen 



*) An Handstücken, auf welchen noch der Bergschmand oder linien- 
dicke Staubschichten liegen, und ohne gute Lupen sieht man solche feinere 
Verhältnisse freilich nicht, die doch gewiss auch zur Sache gehören und 
die dem Studium der Felsarten im Grossen erst das nöthige Licht ver- 
leihen können. 



323 



dem Bimsstein ähnlich, erwies, welches nicht etwa blosser 
Flechtenthallus ist, (der ja auf Platinblech geglüht zu Asche 
würde), sondern vor dem Löthrohr an den Kanten zu email- 
artigem Glase schmilzt. 

Auch in einem Stücke dunkelpechbraunen Pechsteines von 
Planitz bei Zwickau erkannte ich neben den nicht seltenen, schwarz- 
braunen, wegen der dunklen Farbe des Gesteins leicht zu über- 
sehenden, bei Hin- und Herdrehen des Stückes nach dem Lichte 
jedoch besser auffälligen, wohlausgebildeten Glimmerblättchen 
einige wenige etwas lichter braune Stellen, die sich für den An- 
blick gegenüber der übrigen Pechsteinsubstanz gleichsam zur 
Spaltbarkeit emporgeschwungen hatten und mineralogisch als 
Feldspath -Lamellen mit ganz scharfen Begrenzungen deutlich 
vorliegen. 

In einem braun und roth gesprenkelten meissner Pechstein 
traf ich sogar Lamellen, welche bei derselben ungefähren 
Grösse und Form, wie die im nämlichen Stücke vorfindlichen 
vollkommen entwickelten Feldspathkryställchen, insofern noch 
unvollständig waren, dass sie auf derselben Ebene theils schon 
Spaltbarkeit, theils noch Pechsteinbruch zeigten! Ich denke, 
das ist Alles, was man verlangen kann, und ich bin gerne erbötig, 
jedem skeptischen Fachgenossen die ganze Suite ausführlich hier 
vorzuzeigen. 

Auch die Quarz körner fehlen nicht; ich fand solche unter 
Anderm in ebendemselben gesprenkelten Pechsteinexemplare (in 
welchem ausserdem vielfach Felsitsubstanz mit ihrem matten 
Bruche und von theils rother, theils grünlicher Farbe ausgeschie- 
den ist), etwa wie Hirsekörner ein- oder zum Theil fast auf- 
gewachsen, so dass sie sich ziemlich leicht absprengen lassen. 
Vor dem Löthrohr zeigen diese Quarzkörner öfter das inter- 
essante Verhalten, dass sie mit einer dünnen, schmelzbaren Pech- 
steinkruste umzogen sind, innerhalb welcher dann erst der un- 
schmelzbare Quarzkern liegt. 

Wollte Jemand nun, mit Rücksicht auf die obigen Beobach- 
tungen, aus der relativen Häufigkeit der einzelnen Individuen 
der Mineralien Glimmer, Feldspath (Orthoklas) und Quarz einen 
Schluss auf deren relativ früheres oder späteres Heraus- 
krystallisiren aus der Ur - Teigmasse ziehen, so wäre wohl der 
Glimmer das ältere, weil reichlichste Ausscheidungsprodukt, die 
zwei übrigen hielten sich untereinander etwa das Gleichgewicht. 



324 



Doch möchte ich mich vorläufig zu einer solchen Folgerung noch 
gar nicht verstehen, denn diese Gestaltungen von Glimmer, Feld- 
spath u. s. w. können ja gleichzeitig, aber bei dem einen leichter 
als bei dem andern stattgefunden haben. Höchstens bezüglich 
der Individuen jeder dieser Mineralspecies unter sich Hesse 
sich vielleicht sagen, dass beim schliesslichen Starr wer- 
den der wohl zuvor als festweiche, gallertarige Masse vorhanden 
gewesenen und allmälig fester gewordenen Teigmasse gewisse 
Glimmerblättchen und Feldspath- Lamellen auf einem frühern, 
andere auf einem spätem Bildungsstadium gleichsam überrascht 
wurden. 

Eine Grenze zwischen Pechstein und Per Istein existirt 
nun, was ihren chemischen Gehalt, specifisches Gewicht, Härte 
betrifft, eigentlich nicht (vergleiche oben), sondern bloss in der 
Absonderung. Am Perlstein ist die körnig -schalige Struktur 
einer Varietät schon von Beudant (Voyage min. et geol. en 
Hongrie III. 373., Naum. Geol. 2. Aufl. I. G13.) hervorgehoben 
worden. Vergl. auch Pettko in: Naturwiss. Abhandlungen 
von Haidinger, Bd. I. 1847. 298. 

Die sogenannten Sph är u 1 i t- Kugeln, welche angeblich in 
Pechstein, Perlstein und Obsidian, jeweils von der etwaigen Zu- 
sammensetzung ihres Muttergesteins, aber wasserfrei vorkommen, 
unterscheiden sich durch etwas höhern Grad der Härte und des 
specifischen Gewichtes, sowie dadurch, dass sie oft radialfasrige 
Struktur besitzen. Ich selbst fand an durchgeschlagenen Sphärulit- 
Körnern öfter nur an der Peripherie eine unterbrochen radial- 
fasrige Struktur angedeutet ; das Centrum glich eher einem Trachyt 
oder Porphyr. 

An einem Stücke Perlstein vom Kliniker -Thale, wo solche 
Sphärulitkügelchen vereinzelt zwischen einer grösseren Anzahl 
im Perlstein eingebetteter unvollkommener Sanidinkrystalle sich 
vorfinden, machen sie auf mich ganz den Eindruck von kleinen 
Concentrationspunkten krystallisationsfähiger Substanz, die es aber 
durch irgend welche Umstände nicht einmal zur Gestaltung der 
neben ihnen vorkommenden Häufchen von Sanidinmasse (ordent- 
liche Krystalle sind es meist nicht) hatten bringen können. 

Wie die Pechsteine mit Porphyren, so sind die Perlsteine 
bekanntlich mit Trachyten verknüpft, und als Vorläufer zur 
Trachytbildung mag man just jene im Perlstein gelegenen Sani- 
dinpartikein betrachten; auch habe ich an pechsteinartigem Perl- 



325 



stein von Hlinik ganz dieselbe Entwicklung von schwarzen 
Glimmerblättchen wahrgenommen wie im meissner Pechstein, 
nur weniger reichlich und schön. 

Das Anschwellen und Sichaufblähen zu blumenkohlähnlichen 
Massen bei manchen Perlsteinen erinnert wohl auch viel eher 
an Mineralbildungen auf nassem Wege (Scolecit, Vermiculit), als 
an Glasfluss. Die gelblich -weissen Sanidinpartikeln in jenem 
Perlstein schmelzen (zugleich unter Natronfärbung) ohne Auf- 
blähen und viel schwieriger als die sie umgebende Perlstein- 
substanz. 

In einem pechsteinartigen Perlit aus den Euganeen (vom 
Monte Pandice [? Pendise] bei Teolo S. W. Padua) sah ich bei- 
läufig erwähnt ausser weissen Sanidinkrystallen und schwarzen 
Glimmerblättchen in Hohlräumen auch noch dichtgehäufte, weisse 
Kügelchen von Hyalith und hierauf sitzend seidenglänzende 
Büschel eines haarförmigen, zeolithischen Minerals, von welchem 
ich anderwärts nichts angeführt finde. Zepharowich erwähnt in 
seinem werthvollen mineralogischen Lexicon Oestreichs S. 323. 
bloss Prehnit von dieser Localität, die S. 312 dieses Werkes 
„Pendise," auf der gedruckten Etiquette aus dem heidelberger 
Mineralien - Comptoir „Pandice" genannt ist. 

In dem fast sandsteinähnlichen, hellgrauen, typischen Perlit 
vom Monte Menone bei Bataglia in den Euganeen sind die 
schwarzen Glimmerblättchen reichlicher als die mit der Grund- 
masse gleichfarbigen Feldspath - Lamellen. 

Wenn ich nun im Obigen meine Beobachtungen, die ich, 
vom mineralogischen Standpunkte aus, an Pech- und Perlsteinen 
machte, mittheilte, so hatte ich zunächst den Zweck im Auge, 
vorzüglich solchen Forschern, die in der Lage sind, an Ort und 
Stelle das Vorkommen jener Gesteine und ihre Beziehungen zu 
den umgebenden Felsarten im Grossen vergleichen zu können, 
die daran geknüpften theoretischen Ansichten zur Prüfung zu 
empfehlen. Da schon mehrere Sachkenner nach Besichtigung der 
beschriebenen Belegstücke sich zu meiner Anschauung hinneigten, 
so gewinnt es vielleicht der eine oder andere Fachgenosse, der 
meinethalb von vornherein der gegentheiligen Ansicht zugethan 
sein mag, über sich, angesichts der Gesteine selbst den Maass- 
stab der Möglichkeit , oder Wahrscheinlichkeit unparteiisch auch 
an diese Auffassung zu legen. Wenn wir dadurch der Wahrheit 
einen kleinen Schritt näher rückten, so würde ich mich durch 



326 



den Gedanken, dass andererseits damit für die Aufklärung des 
Heerdes der Pechsteine u. s. w. noch nicht viel gewonnen sei, 
eben nicht stören lassen. Die eigenthümlichen Vorkommnisse 
von Pechstein als effusive Lager mitten im Sandstein (Roth- 
liegenden) u. s. w. könnten dann später stets noch Anlass zu 
weiteren Erörterungen geben. 



327 



6. Bericht über einen Ausflug; in Java. 

Von Ferdinand Freiherr von Richthofen. 

(Briefliche Mittheilung an Herrn Beyrich d. d. Batavia den 26. Octbr. 1861.) 

Ich kehre eben von einem geologischen Ausflug zurück, den 
ich während sechs Wochen nach einem entlegenen, fast nie von 
einem Europäer besuchten Theile von Java unternommen habe. 
Erlauben Sie mir, Ihnen darüber einen kurzen Bericht zu senden. 
Es wäre verlorene Mühe, hier mit Ausführlichkeit zu Werke 
gehen zu wollen, nachdem Herr Junghuhn in so meisterhafter 
Weise die Gliederung und Beschaffenheit der ganzen Insel in 
allen ihren Theilen beschrieben hat. Welch unendlicher Reich- 
thum an Material, welche Fülle an mühsam errungenen Beobach- 
tungen in diesem Meisterwerk enthalten sind, das wird erst klar, 
wenn man selbst einen Theil des Landes sieht und auf jedem 
Schritt bis in die entlegensten Gegenden nur ein Abbild jener 
genauen Beschreibungen erblickt. Was ich auch beobachtete, 
Alles fand ich auf das Ausführlichste schon in Herrn Junghuhn's 
Werk erwähnt. Verlangen Sie daher von mir keine Erweiterung 
der Kenntniss von Java, ich bin nicht im Stande sie zu geben; 
ich schreibe Ihnen diese Zeilen nur in der Hoffnung, dass eine 
kurze Aufzeichnung der Beobachtungen Ihnen trotzdem von In- 
teresse sein wird, da doch die Anschauungen und die Auffas- 
sungsweise zweier Beobachter niemals vollkommen gleich sind. 

Die Thetis ankerte am 21. Juli d. J. vor Pasuruan im öst- 
lichen Java. Es wurde dort ein kleiner Ausflug nach der näch- 
sten Gegend unternommen; aber die Kürze des Aufenthaltes er- 
laubte leider nicht, die interessantesten Theile der Umgebung, 
insbesondere den thätigen Vulkan Bromo, zu besuchen. Als am 
25. desselben Monats die Thetis die Rhede von Pasuruan ver- 
liess, blieben fünf Herren von der Expedition am Land zurück, 
um die Reise nach Batavia über Land zu machen. Ich konnte 
mich der Gesellschaft erst von Samarang aus anschliessen. Wir 



328 



sahen Land und Leute so gut, als es irgend ein Fremder gesehen 
hat; aber eingehende geologische Beobachtungen und Sammlungen 
waren unmöglich, daher ich diese Reise hier mit Stillschweigen 
übergehe. Als aber die Thetis Anfang September Batavia ver- 
liess, um zwei Monate auf der Rhede von Singapore zu liegen, 
richtete ich an den Gesandten in Java die Bitte, zurückbleiben 
zu dürfen, um dieselben zwei Monate besser benutzen zu können. 
Derselbe gewährte bereitwilligst mein Gesuch. Als ich darauf 
meinen Plan dem holländischen Gouvernement mittheilte, ertheilte 
mir auch dieses in der zuvorkommendsten Weise alle zur Er- 
leichterung einer Landreise nothwendigen Vergünstigungen. Ich 
bin dafür dem stellvertretenden Generalgouverneur Herrn Prins 
und dem Allgemeinen Staatssecretair Herrn London, denen ich 
das Glück hatte auch persönlich näher zu treten, zum grössten 
Dank verpflichtet. Ganz besonders aber war es Herr Jung- 
huhn, der mir in einer Weise entgegenkam, die mich zu seinem 
bleibenden Schuldner macht. Derselbe machte einen ausführlichen 
Reiseplan und lud mich ein, ihn in seiner Begleitung auszuführen. 
Ich folgte natürlich mit Freuden, denn einen besseren Führer 
konnte ich nicht haben; in entlegenen Theilen als Fremder allein 
zu reisen, ist aber hier kaum ausführbar, und ich hätte ohne diese 
ausgezeichnete Hilfe nur wenig sehen können. Ich verliess 
Batavia am 9. September und bin heute hierher zurückgekommen, 
so dass ich 47 Tage unterwegs war, davon 34 mit Herrn 
Junghuhn. 

Der Reiseplan hatte eine nähere Kenntniss des südlichen 
Theils der Prean ger Re gentschaften zum Zweck. Diesen 
Namen führt eine der Residentschaften, in welche Java getheiltwird ; 
sie ist die grösste, nimmt den siebenten Theil von Java ein und ist 
ein durchaus gebirgiges Land. Westlich liegt nur noch die wenig ge- 
birgige Residentschaft Bantam, nördlich liegen Buitenzorg, Batavia 
und Krawang vor, eine flache Abdachung der Preanger Gebirge. 
Oestlich folgen dann die anderen achtzehn Residentschaften, welche 
das eigentliche Java bilden. In den Preanger Regentschaften ist 
die grösste Massenerhebung auf Java, wiewohl ausser ihrem 
mächtigen nordwestlichen Eckpfeiler, dem Gedeh - Gebirge, kein 
Berg eine bedeutende Höhe erreicht. Oestlich von ihrem Gebiet 
setzen zunächst noch Massengebirge fort mit einzelnen sehr be- 
deutenden Erhebungen, bis sie sich in einzelne Kegel auflösen, 
die bei ihrer schönen erhabenen Gestalt eine Höhe von 10,000 



329 



bis 11500 Fuss erreichen und öfters zu kleinen Reihen und 
Gruppen vereinigt sind, die neben sich nur selten noch eine 
kleine Massenerhebung aufkommen lassen. Dies Alles hat Herr 
Junghuhn meisterhaft und ausführlich beschrieben. 

Die allgemeine Configuration der Preanger Regentschaften 
ist ziemlich einfach. In der Mitte ist ein grosses flaches Plateau 
von 2500 Fuss Höhe, rings umgeben von einem elliptischen 
Kranz vulkanischer Gebirge von 4 bis 5000 Fuss Kammhöhe 
und mit Gipfeln von mehr als 7000 Fuss. Nach Norden senken 
sie sich schnell auf ein breites niederes Vorland, nach Süden 
verflachen sie sich von der Kammhöhe allmälig bis zum Meer. 
Dort ist das Küstenland flach, fruchtbar und oft morastig, hier 
bleibt die gebirgige Natur constant bis an den Strand ; nur an 
wenigen Stellen breiten sich kleine Alluvialflächen zwischen den 
steileren Vorsprüngen der Küste aus. Die nördliche Vorlage ist 
reich bebaut und bevölkert; auf ihr liegt Batavia und höher hin- 
auf der Sommerpalast Buitenzorg. Die südliche Vorlage ist der 
Kultur noch wenig erschlossen; in den höheren Theilen sind 
grosse Flächen mit Urwald bedeckt, in den tieferen sind hohe 
Gräser, hier Allang Allang und Klaga genannt, an die Stelle 
getreten. Es wimmelt hier von Tigern, Panthern, Rhinocerossen, 
wilden Stieren {Bos sundaicus), wilden Hunden (Canis rutilans) 
Wildschweinen, Hirschen, Kidangs (Cervus muntjak) und anderen 
Thieren, die grösstentheils in den stärker bevölkerten nördlichen 
Theilen längst ausgestorben sind. Die Bevölkerung hingegen ist 
gering und arm, die Communication der weitzerstreuten kleinen 
Dörfer untereinander im ursprünglichsten Zustande; mit dem 
Norden ist sie äusserst unbedeutend; dieser Mangel an Trans- 
portmitteln verbietet jede Entwicklung der Kultur. 

Das Plateau von Bandong ist eine weite, schöne Hochebene, 
ausserordentlich fruchtbar und stark bevölkert. Nach allen Seiten 
findet die Communication über Gebirgspässe statt, da das Thal, 
welches die Gewässer der Hochebene von Norden abführt, sehr 
eng ist. Der Gebirgskranz ist im Norden und Süden eine ein- 
fache Kette; nach Westen bietet er eine Lücke, im Nordwesten 
aber erheben sich zwei der gewaltigsten Berge der ganzen Insel, 
der Salak und der Gedeh, ersterer etwas weiter abgelegen, 
letzerer mit seinen Abfällen unmittelbar in die Hochebene hin- 
abreichend. Der Gedeh ist ein mächtiger Gebirgsstock, dessen 
höchster Gipfel den Namen Panggerango trägt. Oestlich 



330 



senkt er sich weit und tief hinab bis zur Kluft des Tjitaron- 
Flusses, der die Gewässer der Hochebene abführt. Daraus er- 
hebt sich der lange nördliche Zug, dessen bekanntester Berg der 
Tankuban Prahu ist; einige andere Gipfel tragen die Namen 
Burangrang und Bukit Tunggul. Der nordöstliche und östliche 
Thcil der Umwallung ist weniger durch auffallende Gipfel aus- 
gezeichnet. Erst der südliche bringt sie wieder in grösserer 
Zahl. Der Zug beginnt hier mit dem vielgipfeligen Gunung- 
Guntur- Gebirge, setzt in westsüdwestlicher Richtung in der 
breiten Masse des Mala war- Gebirges fort, gipfelt dann weiter- 
hin im GunungTilu und Gunung Patuha und zieht in 
dem langen Rückendes Gunung Brengbreng immer in west- 
südwestlicher Richtung über dem Bereich der Grenzen des Pla- 
teau's hinaus bis zur Südküste fort. Fast alle genannten Berge 
sind Vulkane, und ich habe die meisten von ihnen erstiegen ; aber 
mehrere von ihnen sind längst in ihren Gipfelkrateren erloschen, 
und man findet jetzt eine weit grössere Zahl von Schauplätzen 
vulkanischer Thätigkeit zwischen den Hauptgipfeln zerstreut, be- 
sonders auf dem südlichen Kamm. — Dem Plateau von Bandong 
schliesst sich jenseits seiner südöstlichen Umwallung halbmond- 
förmig ein anderes kleineres Hochthal an, das Plateau von 
Trogon und Garut; dann folgt eine zweite Gebirgsreihe, aus 
der sich die weiter nach Osten fortsetzenden Züge entwickeln. 
Die Hauptgipfel in dieser zweiten Gebirgsreihe sind der Gunung 
Telaga Bodas, der Gunung Tjikorai und der Gunung 
Papandayan, der sich durch Vermittelung des Gunung 
Vayarj dem Malawar- Gebirge anschliesst; sie sind sämmtlich 
Vulkane, aber nur noch mit geringer Thätigkeit. 

Es würde mich zu weit führen, Ihnen hier eine chronolo- 
gische Aufzählung der Fülle von neuen interessanten Erschei- 
nungen zu geben, die wir täglich zu sehen bekamen. Ich kann 
mich um so mehr auf eine kurze Skizze beschränken, als die 
Reihe der Formationen klein, und der allgemeine geognostische 
Bau ausserordentlich einfach ist. Trachyt, trachytische Conglo- 
merate, trachytische Sedimente und dichte Kalke — dies sind 
die wesentlichsten Elemente desselben. Die Trachyte steigen in 
einzelnen Kegeln aus dem elliptischen Gebirgskranz auf, der das 
Plateau von Bandong umgiebt. Der Kamm des Gebirges selbst 
besteht aus groben trachytischen Conglomeraten, welche durch 
eruptive und sedimentäre Thätigkeit entstanden sind ; das Plateau 



331 



ist, wie Junghuhn bewiesen hat, ein ausgefülltes Süsswasser- 
becken, eingesenkt in diese Conglomerate. Die langen Gehänge 
nach Norden und Süden endlich bestehen aus Sedimentärtuffen 
des Trachyts. Nummulitenformation und eocäne Bildungen über- 
haupt, die man so häufig auf Java angenommen hat, scheinen 
nicht allein hier, sondern auf der gesammten Insel vollständig 
zu fehlen. Das Alter der genannten Gesteinsreihe ist mit Wahr- 
scheinlichkeit mittel- oder jung- tertiär. In dem elliptischen 
Kranz, aus dem die Trachytkegel aufsteigen, dauert die vulkanische 
Thätigkeit in zahlreichen Solfataren und Fumarolen noch heute 
fort. 

Die in grossen Massen auftretenden Trachyte scheinen 
fast sämmtlich Hornblende- Oligoklas- Gemenge zu sein. Denn 
wo immer man in ihnen Gemengtheile deutlich erkennen kann, 
da sind es diese beiden Mineralien. In Japan, auf Formosa, auf 
Luzon und auf Mindanao herrschten mehr Andesite ; aber im 
westlichen Java bemerkte ich die Augitbeimengung niemals in 
den grossen Massen. Innerhalb des Bereiches eines Hornblende- 
Oligoklas-Gemenges schwanken aber die Gesteine in hohem 
Grade. Ich fand fast alle augitfreien Abänderungen wieder, 
welche ich in Ungarn beobachtet habe. Nur Eine grosse Reihe 
beobachtete ich nie auf Java. In den Karpathen sind zwei Reihen 
von Trachyten deutlich zu unterscheiden; ich nannte sie in einer 
Arbeit, deren Druck in dem Jahrbuch der geologischen Reichs- 
anstalt, wie ich eben erfahre, beendet ist, „Graue Trachyte" und 
„Grünsteintrachyte", zwei sehr unvollkommene Benennungen, die 
ich nur anwandte, um die Gruppen vorläufig auseinanderzuhalten. 
Die letzteren nun, welche in Ungarn allemal das ältere und zu- 
gleich das erzführende Gestein sind, habe ich auf Java nicht ge- 
sehen; selbst in fremden Samminngen fand ich nie ein Stück da- 
von. Alles gehört den grauen Trachyten an. Es ist jedoch 
nicht unmöglich, dass auch jene vorhanden sind. Auf dem Pla- 
teau von Bandong sind zwei kleine Gebirgszüge, und ein dritter 
zieht nördlich von demselben weg, welche sich durch ihre auf- 
fallenden, ganz von denen der anderen Trachyte abweichenden 
Formen auszeichnen. Sie bestehen aus Eruptivgesteinen und haben 
eine beinahe nordsüdliche Richtung, also fast rechtwinklig zu der 
herrschenden Richtung der Gebirgszüge auf Java. Die Gehänge 
sind schroff, und das Gestein neigt an ihnen zu säulenförmiger 
Zerklüftung. Die Kämme, welche nur eine geringe Höhe haben, 

Zeits. d. d. geol. Ges. XIV. 2. 22 



332 



sind scharf und es steigen Reihen von Kuppeln aus ihnen auf. 
Das verwitterte Gestein ist auffallend unfruchtbar und die Ge- 
hänge sind gänzlich unangebaut. Ich hatte leider nach Beendi- 
gung meiner Reise nicht mehr Zeit diese Berge zu sehen. Doch 
hat sie Herr Junghuhn auf seiner geognostischen Karte von 
Java besonders unterschieden und in seinem Werke beschrieben. 
Er nennt das Gestein ,, Porphyr" und hält es für das älteste der 
Gegend. Die Beschreibung leitet auf eine gewisse Aehnlichkeit 
mit einigen Abänderungen derjenigen Gesteine von Schemnitz, 
welche früher als „Porphyr", „Grünstein" u. s. w. beschrieben 
worden sind. Merkwürdig ist es, dass darin auch Spuren von 
Bleierzen auftreten, während sonst Erze in Java überhaupt nicht 
vorkommen und schon die Erinnerung von etwas Eisenkies in 
einem Gestein eine auffallende Erscheinung ist. 

Ausser den in grossen Massen auftretenden Trachyten 
kommen noch viele andere in mehr untergeordneter Art vor. 
Hunderte von Gängen und Gangzügen durchsetzen die Sedimen- 
tärgebilde. Jeder von ihnen breitet sich in der Höhe über irgend 
einer Schicht aus. Das verschiedene Niveau dieser Schichten 
beweist gleichzeitig, dass die Eruptionen submarin waren, dass 
sie mit der Zeit der Ablagerung der Sedimentärgebilde zusammen- 
fallen und dass sie einer langen Periode angehören, während 
der sie in verschiedenen Epochen aufwärts drangen. Wie in den 
Augitporphyr- und Melaphyr-Gebirgen der Trias in Südtyrol und 
in den Trachytgebirgen Ungarns und Siebenbürgens, so ist auch 
hier die grösste Mannichfaltigkeit der Gesteine in diesen kleinen 
Gangmassen vertreten. Es finden sich in ihnen Gesteine, welche 
man von wahren Basalten nicht trennen kann, ganz besonders aber 
Trachytgemenge mit Beimengungen von Augit 'im verschiedensten 
Maasse; ferner dieselben Gesteine, welche in den grossen Massen- 
gebirgen vertreten sind, und endlich auch Sanidingesteine. Wir 
beobachteten diese in nicht unbedeutender Ausdehnung, wiewohl 
dem Hauptgestein stets untergeordnet, auf dem Kamm des Ge- 
birgszuges, welchen die Ebene von Bandong südlich begrenzt. Es 
scheinen an sie mehrere der hier auftretenden Solfataren gebunden 
zu sein. Das Gestein hat grosse Aehnlichkeit mit dem des St. 
Anna - Sees am Büdösch in Siebenbürgen, welches ich in der er- 
wähnten Abhandlung beschrieben habe. Die in Ungarn so häufig 
auftretenden Rhyolithe sah ich in ganz Java nicht. Doch hat 
Herr Junghuhn ein Ganggestein gefunden, welches voll von 



333 



wohlausgebildeten, an beiden Enden auskrystallisirten, einen halben 
Zoll langen Quarzkry stallen ist, die sich bei der Verwitterung 
herauslösen. Da der Gang im Tertiärgebirge aufsetzt, so könnte 
das Gestein wohl den Rhyolithen angehören. 

Es ist in den ungarischen Trachytgebirgen oft verzweifelt, 
wenn man auf den waldbedeckten Kämmen tagelang herumwan- 
dert und keinen Aufschluss finden kann. Erst nach langer Zeit 
erhält man darüber Klarheit, dass die Masse des Gebirges aus 
groben Conglomeraten besteht, aus denen nur einzelne Gipfel 
von festem Trachyt hervorragen, während sich an den Flanken 
feinere Sedimente anlehnen. Gerade so ist es im östlichen Java. 
Wir erhielten einige Aufschlüsse durch die Wege, welche für 
unsere Reise theils ausgebessert, theils ganz neu angelegt worden 
waren. So lange sie auf der Höhe des Kammes führten, sahen 
wir sie in grobe, mit einer röthlichen und orangegelben Farbe 
verwitternde Conglomerate eingeschnitten. Tiefer hinab hört die 
eigentümliche Färbung auf, aber die groben Conglomerate waren 
dann um so deutlicher aufgeschlossen. Schichtung ist an ihnen 
nicht zu bemerken ; dennoch sind die Einschlüsse an den Kanten 
abgerundet. Man hat es daher wahrscheinlich weder mit eigent- 
lichen Sedimenten, noch mit Reibungsconglomeraten zu thun, 
sondern mit Gesteinen, welche durch vereinigte eruptive und sedi- 
mentäre Thätigkeit untermeerisch entstanden sind ; Gebilden, in die 
sich die Trachyte bei ihren untermeerischen Ausbrüchen gewisser- 
maassen einhüllten, und welche an beiden Flanken der Züge 
massenhaft angehäuft sind. In der Ferne mögen sie sich zu 
Schichten ausbreiten, welche, je weiter der Abstand ist, desto 
regelmässiger, dünner und feinkörniger werden ; aber in unmittel- 
barer Nähe nehmen sie vollständig den Charakter von Eruptiv- 
tuffen an. Die jetzigen kleinen Ausbrüche aus den Gipfeln 
der Vulkane geben ein Bild dieser früheren submarinen Massen- 
ausbrüche. Wie sich bei jenen ungeheure Massen von grossen 
Steinblöcken am Fuss des Vulkans anhäufen, die kleineren Aus- 
würflinge aber weiter fortfliegen, und die feine Asche die Gegend 
in weitem Umkreis bedeckt, oft noch mehrere Fuss dick in der 
Nähe des Berges, dann immer mehr an Mächtigkeit abnehmend 
je weiter sie geführt wird — so scheint es sich auch bei den 
submarinen Ausbrüchen verhalten zu haben; nur waren dieselben 
in manchen Perioden weit grossartiger, das Meer war an der 
Ausbruchsstelle stärker aufgeregt, und die Strömungen mussten 

22* 



334 



auf die Fortführung der im Wasser suspendirten Theile einen 
weit stärkeren Einfluss ausüben, als der Wind auf die in die 
Luft geschleuderte Asche. 

Wie diese Eruptivtuffe der Gebirgskämme in geschichtete 
trachytischeSedimente übergehen, ist nirgends aufgeschlossen. 
Man sieht nur, wenn man sich vom Kamm aus den ausgedehnten 
Flanken zuwendet, allmälig einzelne Entblössungen der letzteren 
mit einer äusserst geringen Neigung vom Gebirge abwärts. Der 
Gesammtcomplex der Sedimente muss ausserordentlich mächtig 
sein. Man sieht sie am Südabhang allenthalben schon in mehr 
als 3000 Fuss Höhe anstehen und verfolgt sie der ganzen Küste 
entlang bis an das Meer. Die Neigung ist so gering, dass man 
die Gesammtmächtigkeit der regelmässig auf einander lagernden 
Schichten auf mindestens 2000 Fuss veranschlagen muss. Die 
unteren Theile mögen vielleicht mit den Eruptivtuffen des Kammes 
gleichzeitig entstanden sein und mit ihnen unmittelbar zusammen- 
hängen. Die oberen Theile aber scheinen an dieselben heranzu- 
reichen und von späterer Entstehung zu sein. Das Hauptgestein 
des ganzen Complexes sind (1) feinkörnige mergelige Tuffsand- 
steine und sandige Mergel von sehr lockerem Gefüge und von 
bräunlicher, grauer und schwärzlicher Farbe. Das Korn wechselt 
von sehr feinem Conglomerat durch grobe und feine Sandsteine 
bis zu vollkommen erdiger Beschaffenheit. Der tuffartige Cha- 
rakter des Gesteines ist deutlich; seine Bestandteile lassen keinen 
Zweifel über die Enstehung aus trachytischem Material. Beson- 
ders ist viel feinkörniges Titaneisen beigemengt. Diese Gesteine 
gehen einerseits über in (2) gelbliche glimmerartige Mergel, 
welche rhomboidisch zerklüften, dabei aber doch in Platten ge- 
schichtet sind, andererseits in (3) Bänke von trachytischen runden 
Meeresgeröllen, welche concentrisch schalig verwittern, und (4) 
trachytische Conglomerate mit festem trachytischem Bindemittel. 
Die Fragmente sind gross, schwach an den Kanten abgerollt und 
gehören verschiedenen Trachyten an. Diese viererlei Gesteine 
wechseln in den mannichfaltigsten Abänderungen durch den 
ganzen Complex unregelmässig mit einander ab, meist ohne Ueber- 
gang ineinander; aber die feinkörnigen braunen Tuffsandsteine 
sind bei weitem vorherrschend. 

Die trachytischen Tuffe sind, wie ich bereits erwähnte, viel- 
fach von Trachyt durchsetzt. Meist sieht man ihn in grossen 
Gangmassen an den Gehängen aufsetzen, aus denen er in Fels- 



335 



massen hervortritt, und in einiger Höhe verschwinden. Ist diese 
Stelle aufgeschlossen, so findet man, dass er sich auf einer Schicht 
ausbreitet und ein Reibungsconglomerat bildet, dann aber Erup- 
tivtuffe um die Durchbruchsstelle angehäuft sind, die sich weiter 
hinweg in Sedimentärtuffe verwandeln. Die neuen Schichten 
ziehen über die so entstandene Unebenheit hinweg und erst nach 
Ueberlagerung einiger weiterer Schichten ist die alte regelmässige 
Lagerung hergestellt. Wo der Trachyt die schon fertig gebil- 
deten Schichten durchsetzt, sieht man häufig Contacteinwirkungen. 
Das Eruptivgestein ist plattig abgesondert, parallel den Wänden 
des Ganges ; das Nebengestein ist gehärtet und gefrittet und 
ebenfalls plattig abgesondert. Zugleich erkennt man an der Strei- 
fung im Querbruch die frühere Schichtung der fest verkitteten 
Masse. Die neuen Absonderungsflächen fanden wir an einer 
Stelle mit Eisenkies überzogen. 

Der ganze Complex der trachytischen Sedimente ist sehr 
reich an Versteinerungen. Herr Junghuhn hat dieselben schon 
vor langer Zeit in grossem Maassstab gesammelt und dem Museum 
in Leyden wohlgeordnet überliefert. Es ist sehr zu bedauern, 
dass sie dort unbearbeitet liegen. Herr Herklots hat die See- 
igel beschrieben; aber ausser ihnen ist von dem reichen und 
werthvollen Material nichts bekannt geworden. Herr Junghuhn 
hat neue Sammlungen angelegt und schon wieder eine ansehnliche 
Menge beisammen, wiewohl nicht so viele als das erste Mal; er 
hat sie für das Museum in Berlin bestimmt, wo sie hoffentlich 
ein besseres Schicksal haben werden. — Der Reichthum an Ver- 
steinerungen in der gesammten Reihenfolge der Schichten ist 
ausserordentlich. Aber meisst trifft man sie zerbrochen, unvoll- 
kommen und ganz unbestimmbar. Herr Junghuhn hat die Lo- 
calitäten ausfindig gemacht wo sie besser erhalten sind, und wir 
haben an einer von ihnen, bei dem Ort Tjitavu an der Süd- 
küste, gesammelt. Ich schickte Ihnen von dort 3 bis 400 Stück, 
von denen allerdings ein grosser Theil unbestimmbar ist. Die 
Fauna scheint sich zu der jetzt an der Südküste von Java leben- 
den ungefähr so zu verhalten, wie diejenige unserer Miocänschichten 
zu der Fauna des atlantischen Meeres. Auch der Erhaltungszu- 
stand erinnert an unsere mitteltertiären Versteinerungen ; manche 
Schalen haben noch eine Spur ihrer Farbenzeichnung. Die Fau- 
nen verschiedener Orte weichen in der Facies ein wenig von ein- 
ander ab. Bei Tjitavu herrschen Zweischaler, Siphonobranchiaten 



336 



und Seeigel. Herr Junghuhn hat von einem Ort eine grosse 
Zahl von Foraminiferen gesammelt. Dem ganzen Complex eigent- 
thümlich und überall vorkommend sind Balanen, welche wir an 
einem Ort (im Tji - Bapaluca-Thal) zu einer Balanen breccie zu- 
sammengehäuft fanden, und merkwürdigerweise kreisrunde Orbi- 
tuliten, welche ebenfalls oft das Gestein erfüllen und eine Grösse 
von zwei Zoll im Durchmesser erreichen. Trotz dieses Vorkom- 
mens glaube ich doch mit Bestimmtheit, dass die trachytischen 
Sedimente der mittleren Tertiärperiode oder überhaupt dem jün- 
geren Theil dieser Formationen angehören. Dafür spricht nicht 
nur das Alter, welches die Trachyte überall haben, wenn man es 
mit Sicherheit bestimmte, sondern ganz besonders die auf den 
ersten Blick auffallende Aehnlichkeit der eingeschlossenen mit der 
jetzt an der Küste lebenden Fauna, sowie der ganze Erhaltungs- 
znstand der Fossilien und die Beschaffenheit des Gesteins. Die 
Versteinerungen beschränken sich fast ausschliesslich auf die fei- 
neren Tuffschichten. 

Ein weiteres wichtiges Sedimentgebilde ist K al k s tei n , der 
in mächtigen Bänken in dem versteinerungsreichen District Rongga 
im südwestlichen Theil der Hochebene von Bandong auftritt, sonst 
aber im westlichen Java eine geringe Verbreitung hat, während 
er im mittleren und östlichen Theil der Insel eine bedeutende 
Rolle spielt. Herr Junghuhn hat ihn und sein Vorkommen 
genau beschrieben und bereits die Ansicht ausgesprochen, dass 
man in diesen Kalkmassen alte Korallenbänke vor sich habe. 
Sie lagern allemal auf den Sedimentärtuffen und sind kurz und 
schroff abgesetzt, gleichen überhaupt in ihrem Vorkommen und 
ihrer Gestalt den Korallenriffen, welche noch jetzt an der Südküste 
in der Entstehung begriffen sind. Auch das Gestein gleicht dem- 
jenigen der gehobenen Theile dieser Riffe, so dass ich mich 
dieser Ansicht vollkommen anschliesse. Der Kalkstein führt keine 
Versteinerungen, aber in seiner Nähe findet man bedeutende An- 
sammlungen davon. Nummulitenkalk kommt im westlichen Java 
nicht vor und, wie ich bereits aussprach, ist wahrscheinlich die 
Formation in ganz Java nicht vorhanden. Vielleicht hat man die 
Orbituliten mit Nummuliten verwechselt. Kohlen wurden von 
Herrn Junghuhn an verschiedenen Stellen nachgewiesen, aber 
theils nicht abbauwürdig, theils zu weit von Hafenplätzen und in 
ganz unzugänglichen Gegenden gelegen. Auch die schönen 
Blätterabdrücke, welche Herr Junghuhn sammelte und Herr 



337 



Goi.ppert beschrieb, stammen nach allen mündlichen und schrift- 
lichen Beschreibungen zweifellos aus demselben Schichtcncomplex. 

Die Sedimente, welche sich jetzt noch an der Küste bilden, 
sind theils Korallenriffe, über die ich Ihnen einen besonderen Be- 
richt einschicke, theils Anhäufungen von Sand, welcher durch 
die überaus heftige und stets andauernde Brandung angesammelt 
wird. Das Land ist in Hebung begriffen, und die neugebildeten 
Sanddünen werden daher bald zu flachen Küstenlandschaften er- 
hoben, welche von einer echten Strandflora, wie Spinifex squar- 
?'Osus, Convolvulus pes caprae, Pancratiwn ceylanicum, Scae- 
vola- Arten, Wäldern von gespreizten Pandaneen und Cycadeen 
bewachsen sind. An den eben erst gehobenen Theilen des San- 
des erkennt man eine ausserordentlich feine Schichtung, welche 
durch die regelmässigen Lagen von Titaneisensand deutlich her- 
vortritt. An vielen Stellen ist der Strandsand weiss und besteht 
fast *nur aus den fein zertrümmerten Gehäusen von Korallen, 
Schnecken, Muscheln und Seeigeln. An anderen Orten kommt 
dazu eine erhebliche Beimengung des zerriebenen Materials der 
Tuffschichten und eine grosse Menge von Titaneisensand, den 
die Ebbe oft als eine Lage von der Dicke mehrerer Linien zu- 
rücklässt. Auf weite Strecken aber fehlt der Korallensand ganz, 
und das Material der zerstörten Tuffschichten bildet den einzigen 
Bestandtheil des Strandsandes. Es gewährt dann einen eigen- 
thümlichen Anblick, am Strande dieselben Gebilde, allerdings nur 
regenerirt, fort und fort entstehen zu sehen, welche man 2 und 
3000 Fuss über dem Meere als festes Gestein kennen lernte, das 
sich vor einer Reihe langer Perioden aus dem Meere absetzte. 

Von hohem Interesse sind die fortdauernden Aeusserun- 
gen vulkanischer Thätigkeit in diesem Theil von Java. 
Jeder Krater, jede Fumarole oder Solfatara ist verschieden und 
zeigt dieselbe Grunderscheinung unter ganz abweichenden Ver- 
hältnissen. Einige Kratere, die seit Menschengedenken die ge- 
ringe Thätigkeit des Ruhezustandes haben, geben noch keines- 
wegs Sicherheit vor gewaltigen Ausbrüchen. Nur zwei unter 
ihnen haben sie in historischer Zeit geliefert; der Papandayan 
hatte einen Ausbruch in 1772, der Gunung Guntur hat sie noch 
stetig fort; gegenwärtig ist man sehr vor einem neuen Ausbruch 
besorgt. Herr Junghuhn hat die genauesten Beschreibungen 
aller Kratere geliefert, die ich mit ihm besucht habe, besonders 
in seinem grossen Werk über Java. Viele von ihnen sind da- 



338 



durch sehr bekannt geworden. Ich erlaube mir daher, Ihnen 
nur einige Bemerkungen über den Zustand zu schreiben, in dem 
wir einige der Kratere jetzt angetroffen haben. Alle Vulkane 
die ich im Folgenden erwähne, sind in den Preanger Regent- 
schaften in dem Gebirgskranz um die Hochebene von Bandong. 
Ich beginne mit dem grossen Eckpfeiler an der nordwestlichen 
Ecke desselben und gehe über den Nord- und Ost -Rand nach 
dem südlichen Zug über, in dem bei weitem die meisten Kratere 
sich befinden. 

Das Ged eh- Gebirge ist eines der schönsten Kegelgebirge 
von Java und besonders bekannt durch seine Lage in der Nähe 
von Batavia und Buitenzorg. Es hat zwei Gipfel: den Gedeh, 
einen flachea und breiten Kegel, der nach Junghuhn's Messungen 
zu 9230 Pariser Fuss Höhe aufragt,und den Panggerango, 
einen ungewöhnlich steilen Kegel von 9326 Fuss Höhe. Letzerer 
ist gänzlich erloschen, der erstere aber noch fortdauernd thätig. 
Das ganze Gebirge besteht aus einem blaugrauen Hornblende- 
Oligoklas-Trachyt. Der Panggerango ist ein aufgesetzter Erup- 
tionskegel, der an der Oberfläche nur steil geneigte Schichten von 
Rapilli und vulkanischer Asche entblösst. Ich sah darunter auch 
rundblasigen graulichen Bimsstein, den einzigen, dem ich in Java 
begegnete. Auf der Höhe ist ein flach eingesenkter Krater, 
dessen Flora in ihren Gattungen auffallend derjenigen unsrer 
niederen Gebirge gleicht. — Der Gedeh hat einen sehr grossen 
nach Norden in einer weiten Senkung geöffneten Krater. Der 
Ausgang ist durch eine hochaufragende Trümmermasse, die in 
einem langen Grat bis zum südlichen Kraterrand fortzieht, zwei- 
geteilt. Der ganze Krater besteht daher aus zwei grossen 
Schluchten, die von Süd nach Nord ziehen. Die westliche nimmt 
ungeheure Steinmassen mit sich und zeigt die Spuren grossartiger 
Zerstörung durch Wasser. Unterhalb ihres Ausgangs sind ganze 
Berge von Trümmermassen angehäuft. Im östlichen Theil des 
Kraters hingegen ist ein tiefer Kessel eingesenkt, aus dem fort- 
dauernd Dämpfe ausströmen. — Die Kraterwände erschliessen in 
der Tiefe mächtige Massen von festen Conglomeraten, die in 
unregelmässige, aber doch im Allgemeinen horizontale Lagen an- 
geordnet sind. Ueber ihnen liegen auf der Höhe dicke geschich- 
tete Massen von schaumiger Lava und Rapilli, dünner und regel- 
mässiger geschichtet als die festen Bänke. Dieser regelmässige, 
aus grosser Ferne deutlich erkennbare Bau der beinahe tausend 



339 



Fuss hohen Kraterwand giebt dem Krater des Gedeh einen eigen- 
tümlichen Charakter. Es scheint, dass die Bänke des festen Ge- 
steins in den tieferen Theilen durch grosse Lava- Ausbrüche ent- 
standen sind, und dass diese überhaupt in früherer Zeit bei diesem 
Vulkan eine bedeutende Rolle spielten. Die nordöstlichen Ab- 
hänge des Gedeh entblössen mächtige Ströme conglomeratischer 
Lava, welche bis tief herab reichen. An einer Stelle sieht man 
neben dem bequemen Reitweg, welcher auf beide Gipfel des Ge- 
birges führt, einen starken Strom heissen Wassers aus einer 
Spalte in den Lavafelsen hervorbrechen. 

Der Tankuban-Prahu, welcher sich dicht bei dem bei- 
nahe 4000 Fuss hochgelegenen Dorf Lembang, dem Aufenthalts- 
ort des Herrn Junghuhn, erhebt, hat einen der grössten und 
schönsten Kratere auf Java. Wenn man den Berg von Weitem 
sieht, ist man nicht geneigt, ihn für einen Vulcan zu halten. In 
einer Reihe von Bergen, welche die Ebene von Bandong nur 
um 4000 Fuss überragen, Und von denen manche die Kegelform 
der Vulkane haben, ohne dabei irgend welche Spuren der Thätig- 
keit zu zeigen, sieht man einen langen, flachen Berg, dessen Ab- 
hänge sanft und nicht viel über die Kammhöhe ansteigen. Die 
Bewohner der Gegend haben ihn mit der Form eines umgekehrten 
Kahnes verglichen und ihm daher seinen Namen Tankuban 
Prahu (umgekehrter Kahn) gegeben. Eine lange gerade Linie 
schneidet im Profil die Höhe des Berges ab ; sie ist der Rand 
des grossen Kraters. Wenn man sich dem Tankuban Prahu von 
Süden her nähert, so kommt man von den Alluvionen der Hoch- 
ebene von Bandong zu sehr groben, meist conglomeratischen 
trachytischen Sedimenten, welche mit sanfter Neigung aus jenem 
ansteigen. Folgt man eine Stunde diesen ansteigenden Schichten, 
so kommt man plötzlich in der Höhe von beinahe 4000 Fuss 
zu einem steilen Abbruch, der dem Fuss des Vulkans parallel 
ist. Mauerartig umzieht er die thalartige Niederung, in welche 
die sanften Abhänge des Vulkans übergehen, und welche das 
Dorf Lembang trägt. Der Boden besteht hier aus mächtigen 
Schichten von vulkanischer Asche und Auswürflingen, welche 
von der früheren heftigen Thätigkeit des Vulkans zeugen. Dieser 
selbst erhebt sich sehr allmälig, an den Abhängen von Barran- 
cos radienförmig durchschnitten. In dichtem Urwald steigt man 
an und steht plötzlich am Rande des grossen elliptischen Kraters, 
der von West nach Ost einen Durchmesser von mehr als einer 



340 



viertel deutschen Meile hat, während der andere Durehmesser 
kaum die Hälfte dieses Betrages erreicht. Der Boden ist in zwei 
runde Kessel getheilt, die durch einen Grat, welcher den nörd- 
lichen mit dem südlichen Kraterrand verbindet, getrennt sind. 
Der Anblick ist überaus grossartig. Der Kraterrand ist in allen 
Theilen beinahe gleich. Der Abbruch ist schroff, und die Wände 
ziehen steil nach der Tiefe der beiden Kessel hinab; zum Theil 
bestehen sie aus nackten Felsen, zum Theil hat sich eine eigen- 
tümliche Kratervegetation daran angesiedelt. Man kann an dem 
Grat, der die beiden Kratere trennt, nach der Tiefe hinabsteigen. 
Die Beschaffenheit der beiden Kraterböden soll sich oft ändern; 
Herr Jükghuhn hat eine langjährige Reihe von Umgestaltungen 
nachgewiesen. Im westlichen Kessel (Kawa Upas) fanden wir 
jetzt ein trübes Wasserbecken am Fuss der Kratermauer, die an 
einer Stelle eine Höhe von 1200 Fuss hat. Es füllt die Hälfte 
des Bodens. In der andern Hälfte werden aus verschiedenen 
Schlotten die gelblich-weissen Dämpfe mit furchtbarer iGewalt 
und unter lautem Dröhnen und Tosen ausgestossen. Manchmal 
lässt die Gewalt etwas nach; aber mit ungeheurem Getöse brechen 
sich die Dämpfe wieder Bahn und strömen mit neuer Heftigkeit 
in hohen Säulen auf, die sich in dicken weissen Wolken zu- 
sammenballen. Früher war an der Stelle dieser Schlotte ein kochen- 
des Wasserbecken, aus dem die Dämpfe mit Gewalt herausge- 
stossen wurden. Jetzt war die Fläche schwarz wie aufgeschüttetes 
Schiesspulver und bildete einen grellen Contrast zu den blenden- 
den Dämpfen. Die Scene war unnahbar, und ich konnte daher 
die pulverförmige schwarze Substanz, welche mit den Dämpfen 
herausgeworfen zu werden scheint, nicht untersuchen. Kochende 
Schlamm- und Schwefelpfuhle, aus denen ebenfalls Dämpfe in 
dünnen Strahlen hervorbrechen, schnitten sie an den meisten 
Stellen von dem solideren Felsgeröll ab, auf dem wir uns be- 
fanden. Die Fumarolenthätigkeit ist jetzt in der Kawa Upas 
ungewöhnlich stark und bringt ununterbrochen Veränderungen 
des Kraterbodens mit sich. Mächtige Massen lösen sich von dem 
Riegel, der beide Kratere trennt, und stürzen in die Tiefe, so 
dass vielleicht in wenigen Jahren das Hinabsteigen sehr erschwert 
sein wird. 

Der östliche Krater (Kawa ratu) ist ein kahleres und öderes 
Chaos als der westliche; die Vegetation steigt nicht so weit her- 
ab, in der Tiefe ist kein Wasserbecken ; die kochenden Pfuhle 



341 



aber sind ausgedehnter, und es steigen allenthalben Dämpfe aus 
kleinen Oeffnungen und Spalten auf. An keiner Stelle des Kra- 
ters jedoch ist eine so ausgedehnte Fumarolenthätigkeit wie im 
westlichen Kessel. 

Die Kraterwände am Takuban Prahu sind ähnlich denen 
am Krater des Gedeh, nur dass sie sich hier ganz herumziehen, 
während sie am Gedeh nur einen Halbkreis bilden. Auch hier 
bestehen sie aus fest verschmolzenen conglomeratischen Laven. 
Die trachytische Ausbildung vom Grundgestein der Masse des 
Berges fanden wir nicht aufgeschlossen. Die Laven sind meist 
verglast und verschlackt, zum Theil schaumig aufgebläht und 
stets von schwärzlicher Farbe. Von Augit sahen wir auch hier 
keine Spur. Ueber den mächtigea Lavabänken folgen auf der 
Höhe, wie auf dem Gedeh, Schichten von Aschenauswürfen, 
welche die Abhänge des Berges bis zu seinem Fuss bedecken. 

Einige Tage später besuchte ich allein den Gunung Gun- 
tur oder Donnersberg, einen Vulkan der nur noch mit dem 
Bromo im östlichen Java an Heftigkeit und Häufigkeit seiner 
Ausbrüche wetteifert. Sein Schuttkegel, der 6100 Par. Fuss 
hoch ist,- reicht unmittelbar hinab in das fruchtbare und dichtbe- 
völkerte Thal von Trogon. Zwischen diesem Thal und der 
Hochebene von Bandong erhebt sich ein Gebirgszug, der in seiner 
ganzen Erstreckung vulkanisch ist und früher in vielen Krateren 
thätig gewesen zu sein scheint. Sein höchster Gipfel ist der 
Gunung Mesigit (6650'). Dicht bei dem Dorf Trogon ist dem 
bewaldeten Gebirgszug schmarotzerhaft der nackte schwarze 
Schuttkegel des Gunung Guntur angesetzt. Ein unbedeutender 
Sattel verbindet ihn mit dem Kamm, ein tieferer Sattel mit dem 
westlich gelegenen Gunung Putri. Nach allen anderen Seiten 
reichen die Schuttmassen bis tief hinab in das Thal. Lavaströme 
kommen von der Mitte der Höhe herab und breiten sich am Fuss 
des Berges aus. Sie schaffen hier ein Labyrinth von Lavadäm- 
men, Hügeln und grossen Kesseln, die von Wasserbecken aus- 
gefüllt sind. Die Blöcke sind wild übereinandergethürmt und 
bilden ein wunderbares Chaos, reich an landschaftlicher Schön- 
heit und an interessanten Momenten zur Beobachtung. Heisse 
Quellen kommen unter den Lavaströmen hervor, die wahrschein- 
lich im Innern noch nicht völlig abgekühlt sind. Die Abhänge 
des Berges sind schwarz und kahl; nur in den kleinen Barran- 
eos, welche sich herabziehen, haben sich Gräser und Bambusge- 



342 



büsche angesiedelt, an denen hier und da eine Nepenthes rankt. 
Die Besteigung ist nicht unbeschwerlich, denn der Gunung Gun- 
tur ist ein Schuttkegel im vollsten Sinne des Wortes. Seine 
Abhänge bestehen aus losen vulkanischen Auswürflingen, rauhen 
und scharfkantigen Steinblöcken, die meisten porös und schaumig 
aufgebläht. Unten ist die Neigung nicht bedeutend, aber sie 
wird steiler und steiler. Die Steine von den letzten Ausbrüchen 
liegen so lose, dass die grössten Blöcke nachgeben, wenn man 
darauf tritt. Bei jedem Schritt vorwärts kommt man wenigstens 
um einen halben zurück. Leider wurde ich für meine Mühe 
schlecht belohnt; ich fand den Gipfel in so dichten Nebel ein- 
gehüllt, dass ich weder den Grund, noch den gegenüberliegenden 
Rand des Kraters sehen konnte. Nur Eine Erscheinung Hess 
sich beobachten. Es war dies ein ganzes System concentrischer, 
dem Kraterrand paralleler Spalten, welche die Grenzen der 
Schuttmassen bezeichneten, die zunächst in den Kessel hinab- 
stürzen sollten. Die innersten Spalten klafften schon weit; die 
äussersten waren verdeckt; ihre Anwesenheit liess sich nur an 
einem weissen Zersetzungsprodukt und an den Dämpfen erkennen, 
welche aus jeder von ihnen aufstiegen. Der Boden war so heiss, 
dass man an vielen Stellen nicht die Hand darauf halten konnte. 
Das Gestein des Gunung Guntur lässt sich nur an den Aus- 
würflingen erkennen, da, wie gesagt, der ganze Berg daraus be- 
steht. Es ist von schwärzlicher Farbe und stets verschlackt; 
so spröde, dass ein Schlag mit dem Hammer einen grossen Block 
in ein Haufwerk kleiner Würfel zertrümmert. Die Grundmasse 
ist porös und von fettglänzendem Bruch. Doch sah ich weder 
Bimssteine noch eigentliche Obsidiane, wiewohl letztere in geringer 
Entfernung vom Gunung Guntur, wahrscheinlich als Erguss aus 
einem längst erloschenen Vulkan, vorkommen. Ihr Gestein scheint 
mit dem des Guntur identisch zu sein. In beiden enthält die 
Grundmasse eine grosse Zahl weisslicher Krystalle eines Feld- 
spaths, von dem ich jedoch seiner spröden Beschaffenheit wegen 
nicht festzusetzen vermochte, ob er Oligoklas oder glasiger Feld- 
spath sei. Herr Apothekermajor Mayer in Batavia hat schöne 
Stücke davon gesammelt, welche er einer Analyse unterwerfen 
wollte. — Der Gunung Guntur soll jetzt wieder sehr drohend 
sein, und man befürchtet um so mehr einen heftigen Ausbruch, 
als er durch die ungewöhnlich lange Zeit von mehr als zehn 
Jahren ruhig gewesen ist. Gewöhnlich hat er von Zeit zu Zeit 



343 



einen besonders heftigen Ausbruch, der das ganze Thal mit Aus- 
würflingen bedeckt. Das Dorf Trogon wurde schon so hoch 
überschüttet, dass sämmtliche Häuser bedeckt waren, und nur die 
Kronen der Cocospalmen noch hervorragten. Die Reisfelder 
wurden unbrauchbar gemacht und alle Cultur vernichtet. Dann 
verliessen gewöhnlich die Bewohner, soweit sie nicht umgekom- 
men waren, ihre frühere Stätte für mehrere Jahre, siedelten sich 
aber allemal wieder nach und nach auf dem neuen, fruchtbaren 
Boden an. 

Nur eine Meile von diesem Vulkan entfernt liegt der Pa- 
pandayan, ein Vulkan von eigenthümlicher Art. In einem 
bewaldeten Gebirgszug von flachen Anhöhen sieht man zur Seite 
einer der minder hervorragenden Höhen einen grossen, nach Süd- 
ost geöffneten Kessel, dessen nackte, bleiche Steinmassen in 
grellem Contrast zu der üppigen Vegetation der Umgebung 
stehen. Wasserdämpfe und schwefelige Gase entweichen noch 
fortdauernd aus dem Boden, und es setzen sich dicke Krusten von 
Schwefel ab. Die eruptive Thätigkeit des Vulkans aber beschränkt 
sich nach den Ueberlieferungen auf einem einzigen Ausbruch, 
der im Jahre 1772 stattfand und so furchtbar war, dass über 
vierzig grosse Dörfer verschüttet und fast sämmtliche Einwohner 
getödtet wurden. Früher soll kein Krater existirt, sondern viel- 
mehr ein Berggipfel sich an der Stelle des jetzigen Kessels er- 
hoben haben. Dies dürfte wohl wenig Glauben verdienen und 
eher anzunehmen sein, dass der frühere Krater erloschen und mit 
Wald bedeckt war. Der Ausbruch war ganz besonderer Art. 
Es regnete nicht Asche, sondern grosse Steinblöcke, die noch 
jetzt zu einem unfruchtbaren Steinmeer am Fuss des Berges zu- 
sammengehäuft liegen. Auch war der Ausbruch plötzlich und 
hatte keine anderen Folgen, als dass sich eine bleibende Stätte 
der Solfatarenthätigkeit gebildet hat. Herr Junghuhn nennt 
daher gewiss mit Recht den Papandayan einen Explosionskrater. 
Der Kessel selbst reicht in seiner Gestalt und in seinen Eigen- 
schaften weit von anderen Krateren ab. Es ist hier nichts von 
Lavaströmen, von übereinander geschichteten Conglomeratbänken, 
von Rapilli und vulkanischer Asche zu sehen. Man sieht nur 
feste trachytische Wände, welche einen grossen, unregelmässigen 
Kessel umgeben und sich nach einer Seite öffnen, wo der Boden 
des Kessels unmittelbar in den Bergabhang übergeht. Man kann 
von dieser Seite auf einem bequemen Wege bis in den Krater 



344 

hineinreiten. Ein Strom von grossen Blöcken, unter denen allent- 
halben schwefelsäurehaltige Quellen hervorsprudeln, zieht sich an 
dem sanftgeneigten Abhang aus der Oeffnung des Kraters herab. 
Betritt man diesen, so steigt man nach den jenseitigen Theilen 
des Kraterbodens höher und höher hinan. Aber man sieht auch 
hier nichts als chaotische Haufwerke von eckigen Trachytblöcken 
in allen Stadien verschiedener Zersetzungsvorgänge; dazwischen 
strömen Dämpfe aus, bald mit lautem Getöse aus runden Schlot- 
ten, bald mit Zischen aus unsichtbaren Oeffnungen zwischen den 
mit Schwefelkrusten verbundenen Steinblöcken. Schwefelsäure- 
haltige Massen rieseln über das Steinmeer hinab und verursachen 
eine schnelle und tief eingreifende Zersetzung. Das ursprüngliche 
Gestein ist selten deutlich erkennbar. Es schien mir in drei 
verschiedenen Hornblende - Oligoklas - Trachyten zu bestehen, von 
denen jeder seinen eigenen Gang der Zersetzung hat, und dieser 
wechselt wiederum bei jedem einzelnen Block, je nachdem er den 
Dämpfen und Kraterwässern oder nur atmosphärischen Einflüssen 
ausgesetzt ist. Das Endresultat ist eine lockere weisse, kaolin- 
artige Masse, welche unter dem Namen „Kreide" zum Weiss- 
tünchen der Häuser angewendete wird. Wahrscheinlich ist sie 
dasselbe Zersetzungsprodukt, welches bei Bereghszäsz im nord- 
östlichen Ungarn unter ähnlichen Verhältnissen vorkommt und 
auch dort unter dem Namen „Kreide" einen Handelsartikel bildet. 
Die Höhe des Kraterbodens von Papandayan beträgt nach Jung- 
huhn 6600 Pariser Fuss. 

Vom Gunung Guntur und Papandayan nach Westen hin 
ist das ganze Gebirge vulkanisch; aber die eruptive Thätigkeit 
ist längst erloschen. Die hohen Gipfel, wie der Tjikorai (8645 
P. F.), der Malawar (7090 F.), der Patuha (7420 F.) und 
andere, haben eine regelmässige Kegelform, und jeder hat auf der 
Höhe die trichterförmige Vertiefung eines Kraters, von dem die 
Geschichte nichts mehr erzählt. Die Waldvegetation füllt meist 
das ganze Becken aus, und man kann daher nicht einmal die 
Gesteine und die Einwirkungen früherer Thätigkeit erkennen. 
Aber in tieferen Theilen des Gebirges giebt es oft an Stellen 
wo man es am wenigsten erwarten würde, Kratera, in denen die 
Solfataren- und Fumarolenthätigkeit noch heute fortdauert. Von 
Weitem sieht man aus der Waldfläche eine kleine weisse Wolke 
aufsteigen. Es gehört zu den überraschendsten Scenen, wenn 
man näher herankommt und mitten im Dickicht des üppigsten 



345 



tropischen Urwaldes den kahlen und öden Schauplatz der Wir- 
kung unterirdischer Kräfte sieht. Ein voller Baumwuchs reicht 
bis dicht heran und umschliesst das bleiche Steingewürfel, aus 
dem die Dämpfe aufsteigen. Am wunderbarsten ist die Scene 
an der Kawa Wayang, welche mitten am sanft geneigten Ab- 
hang des G Urning Wayang liegt, selbst geneigt wie dieser und 
nur wenig vertieft. Sie besteht aus einem Chaos weiss über- 
zogener Steintrümmer, zwischen denen allenthalben Dämpfe auf- 
steigen und Schwefel sich absetzt. Der Durchmesser mag, auf die 
Horizontalebene reducirt, 200 bis 3Ü0 Schritt betragen. Die An- 
häufung der Steintrümmer scheint nach der Tiefe fortzusetzen, 
denn die Dämpfe finden überall Auswege und dringen ganz un- 
regelmässig angeordnet hervor. Es ist daher auch nicht ganz 
gefahrlos zwischen den Blöcken herumzugehen. Oft kommt man 
an Stellen, wo der stark zersetzte, lockere Boden unterminirt ist 
und nachgiebt. Der Schwefelabsatz ist sehr bedeutend, so wie 
der Gehalt der Dämpfe an schwefeliger Säure und Schwefel- 
wasserstoffgas ; auch Federalaun kommt in geringer Menge vor. 
Im südöstlichsten, höchsten Theii des Kraters ist die Zerberstung 
am stärksten. In einer tiefen Kluft sahen wir dort einen grossen 
bogenförmigen Strahl kochenden schlammigen Wassers, der con- 
stant mit grosser Heftigkeit herausgeschleudert wurde und ein 
kleines Wasserbecken mit unterirdischem Abfluss speist. Am 
unteren Ende des Beckens, wo das Wasser schon bedeutend ab- 
gekühlt ist, fanden wir noch eine Temperatur von 72 Grad C; 
der Geschmack war stark nach Alaun. Ich bekam hier zum 
ersten Mal einen Begriff von den Schlammausbrüchen der Vul- 
kane. Würde das Ventil einmal für längere Zeit geschlossen, so 
würde bei der ersten Ueberwindung des Widerstandes eine unge- 
heure Menge viel schlammigeren Wassers herausgeschleudert 
werden. 

Das Gestein an der Kawa Wayang ist dasjenige des ganzen 
Berges, ein Hornblende-Oligoklas-Trachyt mit grossen Krystallen 
von beiden Mineralien. Es ist zähe und nur noch in der Mitte 
grosser, schwer zersprengbarer Blöcke zu erkennen. Ich be- 
obachtete nur Einen Trachyt in der ganzen Solfatara. Die Zer- 
setzung ist bei jedem Stück ganz gleich. Das Gestein wird isa- 
bellgelb und ausserordentlich feinzellig, die Oligoklaskrystalle 
weiss, die Hornblendekrystalle braun. Nach und nach verschwin- 
den beide Mineralien vollständig, und es bleibt ein homogenes? 



346 



sprödes, aber doch weiches, sehr lockeres und leichtes Gestein 
mit einzelnen grösseren Zellen übrig, sehr ähnlich manchen Ge- 
steinen im Gebirge von Bereghszäsz. Zuweilen ist es von Kiesel- 
säure durchdrungen und hat dann einen fettglänzenden Bruch ; 
doch findet man auch die Kieselsäure frei im zelligen, halbopal- 
artigen Zustand. — Alle Gesteinsblöcke, und überhaupt der 
ganze Boden der Kawa, sind mit einem weissen Ueberzug be- 
deckt, der mehrere concentrische Schalen bildet und wahrschein- 
lich wesentlich aus kieselsaurer Thonerde mit freier Kieselsäure 
und etwas Schwefel besteht. Zum Theil mag er vom Ueber- 
strömen mit dem schlammigen Wasser herrühren; aber die Ver- 
witterung durch schwefeligsaure Dämpfe muss, wenn nachträglich 
Regengüsse hinzutreten, bei freiliegenden Bruchstücken dieselbe 
Wirkung ausüben, denn ich fand den gleichen Ueberzug von 
geringerer Dicke auf der Oberfläche des Vulkans de Taal bei 
Manila in mehr als 1500 Fuss Höhe über dem Boden des 
Kraters. 

Herr Junghuhn hielt auch die Solfatara des Gunung 
Wayang für einen Explosionskrater. Auch ich glaube, dass 
sie vollständig diesem Begriff entspricht. Sie steht hinsichtlich 
ihrer Entstehung jedenfalls auf derselben Stufe wie der Krater 
des Papandayan, nur dass dieser bedeutend grossartiger ist. Bei 
beiden giebt es keine Auswürflinge und keine vulkanische Asche 
mit Ausnahme der bei der ersten Explosion herausgeschleuderten 
Trachytblöcke. 

In dieselbe Kategorie scheint ferner die Kawa Tjiwidai 
zu gehören, welche etwas weiter westlich liegt, ebenfalls mitten 
im Urwalde und mitten an einem Abhang. Die kurze Zeit, auf 
welche sich der Besuch der einzelnen Orte beschränken musste, 
Hess leider ein genaueres Studium nicht zu; aber schon ein flüch- 
tiger Blick zeigte in der Kawa Tjiwidai eine Fülle interessanter 
Erscheinungen. Der dampfende Kessel liegt an der Vereinigungs- 
stelle zweier kleiner Bäche. Zwischen der Gabelung zieht sich 
von dem mit dichtem Buschwerk bewachsenen Abhang ein ödes, 
kahles Trümmerhaufwerk herab, das von den beiden anderen, 
ebenfalls bewachsenen Gehängen durch die beiden breiten Bach- 
betten getrennt ist. Das ganze gabelförmige Bachbett, das an 
der Stelle der Vereinigung eine bedeutende Breite hat, ist ein 
Schlammpfuhl, aus dem an zahllosen Stellen aus kleinen offenen 
Trichtern die Gase aufwirbeln. Oft steht darüber eine schmutzige 



347 



kochende Wasserlaake, die beständigen Zufluss aus der Tiefe er- 
hält. Ueberall brodelt und zischt es und kracht es und knackt 
es von platzenden Blasen, in denen der Schlamm selbst manch- 
mal aufkocht. In gleich starkem Maasse findet die Gas- und 
Dampf- Entwickelung auf dem Trümmerh aufwerk zwischen den 
Blöcken Statt, oft aus festem Sandboden, auf dem man trotz 
seiner hohen Temperatur sicher treten kann. Sticht man mit 
einem Stock hinein, so nehmen die Gase gierig diesen neuen 
Ausweg. Die Gestalt dieser Solfatara ist durchaus unregelmässig 
und zeigt keine Spur von kreisförmigem Umriss. • 

Die Gesteine der Kawa Tjiwidai weichen sehr von denen 
der bisher genannten Kratere und Solfataren ab. Ich sah nicht 
ein einziges Bruchstück, aus dem ich mit Sicherheit hätte auf 
die Herstammung aus Trachyt schliessen können. Weit herum 
um die Kawa sieht man im Urwald kein anstehendes Gestein, da- 
her man. auch von dieser Seite keinen Aufschluss erhalten kann. 
Wo immer aber ich einen Block in der Kawa selbst anschlug, 
fand ich einen gelblichgrauen Sandstein mit einzelnen abgerollten 
Quarzstückchen, wie dies schon Herr Junghuhn in seiner meister- 
haften Beschreibung dieses dampfenden Kessels anführt. Ohne 
Zweifel sind alle diese Gesteine Bruchstücke von Sedimenten, 
und zwar wahrscheinlich von solchen einer älteren Formation, 
welche den trachy tischen Sedimenten als Basis dient; denn wir 
sahen in dieser ganzen jüngeren Schichtenreihe kein ähnliches 
Gestein, keins überhaupt mit Quarzgehalt und Quarzeinschlüssen; 
es ist auch wohl zur Zeit ihrer Bildung kein Material für Quarz- 
sandsteine vorhanden gewesen. Man hat es also wahrscheinlich 
hier mit dem Aufbruch einer älteren Formation zu thun, die 
ausserdem in ganz Java nicht mehr erscheint. Man erkennt in 
dem Gestein die Schichtung noch sehr deutlich. Im Innern sind 
zuweilen rundliche Höhlungen bemerkbar wie in Mandelsteinen ; 
wahrscheinlich rühren sie von aufgelösten und weggeführten Ein- 
schlüssen her. 

Eine zweite Merkwürdigkeit der Kawa Tjiwidai ist das Vor- 
kommen von Alunitfels in Bruchstücken; er ist weiss und 
gelblich, dolomitähnlich, hart und spröde und von zahlreichen 
kleinen Drusenräumen mit Alunitkrystallen durchzogen. In 
scharfer Begrenzung wechseln mit diesen hellen Theilen dunklere 
Partien, wo alle Hohlräume mit Schwefel ausgefüllt sind. Die 
ersteren gleichen mit ihrem zuckerkörnigen Gefüge auffallend 

Zeits. d. d. geol.Ges. XIV. 2. 23 



348 



dem Alunitfels der Gebirge von Bereghszäsz. Um die Ana- 
logie noch deutlicher zu machen, enthält auch das javanische Ge- 
stein Einschlüsse von milchblauem chalcedonartigen Quarz. Ich 
suchte in dem erwähnten Aufsatz über die ungarischen Trachytge- 
birge zu zeigen, dass dort der Alunitfels durch Umwandlung des Rhyo- 
lithes entstanden sei ; ebenso scheint er hier aus dem unreinen Quarz- 
sandstein entstanden zu sein, von dem sich eine Analogie der 
chemischen Gesammtzusammensetzung mit dem Rhyolith wohl 
erwarten lässt. Es giebt zahlreiche Uebergangsstufen aus dem 
Sandstein in den Alunitfels, und die chemische Analyse der 
Stücke, welche ich Ihnen zusende, wird wohl über den Vor- 
gang einiges Licht zu verbreiten vermögen. — Die Schwefelab- 
sätze sind hier verhältnissmässig gering. Dagegen beobachteten 
wir eine dieser Solfatara ganz eigenthümliche Erscheinung; es 
ist das massenhafte Auftreten eines graulich weissen, durchschei- 
nenden, krystallisirten Minerals. Die spiessigen Krystallaggregate 
stehen in dichten Bündeln nebeneinander und bilden Ueberzüge 
auf andern Gegenständen. Die Länge der Krystalle und somit 
die Dicke des Ueberzuges beträgt einen halben bis dreiviertel 
Zoll. Das Mineral kommt vorwaltend längs der Grenze des 
Trümmerhaufwerks mit dem schlammigen Theil der Kawa vor. 
Alle Steine sind dort auf den dem Tümpel zugekehrten Flächen 
damit überzogen, und auf einigen Strecken, die viele Quadrat- 
klafter gross sind, bildet es eine zusammenhängende Decke auf 
dem Schlamm, die mit ihren aufrechtstehenden, dicht aneinander- 
gedrängten Krystallnadeln einem steinernen Moosteppich gleicht. 
Allemal ist es umgeben von stark nach Alaun schmeckendem 
Wasser. Das Mineral selbst ist unlöslich und geschmacklos. 
Es erinnert am meisten an Strontianit. Ob es welcher ist, 
muss die Analyse entscheiden; doch wäre gerade die Entstehung 
dieses Minerals in schwefelsäurehaltigen Kraterwässern wohl 
denkbar. 

Es wäre von hohem Interesse, diese secundären Gebilde in 
der Kawa Tjiwidai, welche so weit von denen in anderen Kra- 
teren und Solfataren abweichen, näher zu untersuchen. Leider 
erlaubte dies meine Zeit nicht. Einige Erscheinungen wieder- 
holen sich an der Kawa Patuha, welche eine Stunde weiter 
westlich liegt, und auf die ich auch näher eingehe. Doch vorher 
erlauben Sie mir noch einige Worte über den Gunung Pa- 
tuha, welcher uach Junghuhn 7725 Par. Fuss hoch und einer 



349 



der Hauptgipfel des in Rede stehenden Vulkanenzuges ist. 
Dieser Berg erhebt sich auf einer breiten, über 6000 Fuss hohen 
Grundlage als ein regelmässiger Kegel. Auf der Höhe ist ein 
6 bis 700 Fuss tiefer, längst erloschener Krater. Furchtbar steil 
senken sich von dem schmalen, ringförmigen und sehr ungleichen 
Kraterrand die Wände hinab, oben mit Sträuehern, in der Mitte 
mit Farnbäumen und Häusern und im untersten Theil nur noch 
mit Häusern bewachsen, bis zu dem schwarzen, vegetationsleeren 
Boden. Es ist unmöglich, in die Tiefe des imposanten Kessels 
hinabzusteigen Ein besonderes Interesse knüpft sich an diesen 
alten Krater dadurch, dass wahrscheinlich in ihm die Thätigkeit 
des Patuha begann. Bei keinem anderen Vulkane sahen wir 
Spuren einer so grossartigen Thätigkeit wie bei diesem. Am 
nördlichen und westlichen Fuss dehnen sich die Lavaströme un- 
glaublich weit aus. Das ganze unebene Vorland nach diesen 
Seiten fanden wir, wo immer wir es aufgeschlossen sahen, aus 
Lavaströmen bestehend. Der dichte Urwald, der die Gegend 
weithin bedeckt, überzieht auch diese Lavafelder. Vom Gipfel 
des Patuha sieht man mitten im Wald einzelne scharf abgegrenzte 
Grasflächen ; es sind die ausgefüllten Becken von Seen, welche 
sich in den Unebenheiten des Lavafeldes gebildet hatten. Nur 
einer von ihnen besteht noch jetzt : der 4800 Fuss hohe Telaga 
Patengan. der grösste See auf Java. Herr Junghuhn hatte 
ihn eben durch Anlage eines Weges zugänglich machen lassen, 
und wir verbrachten an den einsamen, mit Urwald bewachsenen 
Ufern des schönen Sees mehrere Tage. Die Lavaströme des 
Patuha schliessen ihn von allen Seiten ein und bilden Inseln 
darin. Der See nimmt durch sie seinen unterirdischen Abfluss. 
Die gesammte Lava des Patuha scheint Einem Trachyt anzuge- 
hören, der sich durch grosse weisse Oligoklaskrystalle auszeichnet. 
Er ist bald schwarz, bald roth; bald fester, bald porös und 
schaumig aufgebläht. Grosse Massen bestehen aus Reibungs- 
conglomerat, in dem die Einschlüsse von Bindemittel nicht ver- 
schieden sind. Das zähflüssige Material ist in gewundenen, ge- 
drehten, tauartigen und striemigen Formen erstarrt, alle Bestand- 
teile sind fest mit einander verbunden und nur durch Verwitterung 
erkennbar. Besonders interessant sind Blöcke, welche auf der 
verwitterten Aussenfläche ein vollkommen schiefriges Gefüge zu 
haben scheinen. Es wechseln, wenn man die Stücke zerschlägt, 
Lagen der rothen und der schwarzen Modification, aber sie sind 

23* 



350 



fest mit einander verschmolzen und ganz unregelmässig, so dass 
der Querbruch wie der marmorirte Schnitt eines Buches aussieht. 
Diese Gesteine gleichen so genau manchen Laven der tertiären 
Vulkane von Nagy Szöllös im nordöstlichen Ungarn, dass man 
die Handstücke mit einander verwechseln könnte. 

Von dem gänzlich erloschenen Gipfelkrater des Patuha 
scheint die vulkanische Thätigkeit auf tiefergelegene Stellen des 
Gebirges übergegangen zu sein. Am Fuss der steilen Abhänge 
des Kegels liegt 6685 Par. Fuss über dem Meer die Kawa Pa- 
tuha, welche im Erlöschen begriffen ist, und etwas weiter ab 
gegen den Telaga Patengan die Kawa Tjibuni, ungefähr 5000 F. 
hoch ; in ihr ist noch eine bedeutende Solfataren-Thätigkeit. 

Die Kawa Patuha ist ein vollkommen kreisrunder Kessel 
von Tausend Schritt im Durchmesser. Die nördliche Krater- 
wand ist ein steiler, felsiger Absturz, mit dem der Kegel des 
Patuha endigt ; die übrigen Wände sind niedriger und nirgends 
schroff. Gebüsche von echter Kraterflora reichen an ihnen hin- 
ab bis zum Kraterboden, wo sie scharf begrenzt abschneiden. 
Der letztere ändert sich häufig, wie Herr 6 Junghuhn durch wie- 
derholten Besuch nachgewiesen hat. Jetzt fanden wir ihn zur 
Hälfte von einem trüben Wasserspiegel eingenommen, dessen 
Farbe ein eignes Gemisch von Milchblau und Gelb war. Der 
übrige Theil des Grundes ist mit Steinen und trocknem Schlamm 
bedeckt, die aus der Ferne zu einem gleichförmigen blendenden 
Weiss verschwimmen. Der grelle Abstand des Kraterbodens zu 
dem tiefem Grün der Wände, dazu der kreisförmige Umriss des 
Kessels und die schöne Form des Patuha, der unmittelbar daraus 
ansteigt, Alles dies giebt dieser Kawa einen eigenthümlichen 
Anblick. Man kann nach dem Grund hinabsteigen und auf dem 
Boden sicher herumgehen. Solfataren und Fumarolen scheinen 
gegenwärtig nicht zu existiren, Herr Junghuhn fand sie noch 
vor einigen Jahren in geringer Thätigkeit, während bei seinem 
ersten Besuch vor dem Jahr 1840 so wenig wie jetzt eine Spur 
davon vorhanden war. Dies lässt wohl darauf schliessen, dass 
die vulkanische Thätigkeit im Erlöschen begriffen ist. Um so 
heftiger aber muss sie gerade in diesem Krater früher gewesen 
sein. Nirgends sah ich so bedeutende Schwefelmassen an einem 
Ort aufgehäuft wie hier. Sie sind nicht mehr als krystallisirte 
Incrustirungen vorhanden, sondern auf secundärer Lagerstätte als 
Schichtgebilde. An der Oberfläche meint man grauen Schlamm 



351 



zu sehen ; aber wenn man die Decke fortnimmt, sieht man dar- 
unter regelmässige dicke Schichten von reinem gelbem Schwefel, 
die mit Sedimenten von Thon und verunreinigtem Schwefel 
wechsellagern. Kleine Bäche und Tagwässer spülen mehr und 
mehr die Schichten nach der See zusammen und ebnen den 
Grund aus. An einer mehr geschützten Stelle sahen wir auf 
dem grauen Boden eine ausgedehnte, zwei Fuss mächtige Scholle, 
schroff abgesetzt und scheinbar aus reinem Schwefel bestehend. 
Sie war von Tausenden schmaler, aber tiefer Risse durchzogen, 
an denen es ersichtlich war, dass der ganze obere Theil der Scholle 
Schwefel war; darunter folgte Thon und weiter abwärts wieder 
Schwefel. Die Wände der Klüfte waren dicht besetzt mit kleinen 
kugeligen Agglomeraten von Schwefel, von sehr geringer Grösse 
bis zu der einer Erbse. Wahrscheinlich bilden sie sich bei den 
Wirbeln des Wassers in dem Netzwerk der engen Risse. Die- 
selben Schwefelkügelchen sind auf dem ganzen Kraterboden sehr 
häufig auf den grauen thonigen Sedimenten zerstreut. Die Menge 
des Schwefels, welcher bereits nach \der Mitte des Beckens zu- 
sammengespült ist, muss sehr bedeutend sein, da schon ganze 
Schichten entfernt sind. Wir sehen einzelne 4 bis 8 Zoll mäch- 
tige Lagen von reinem Schwefel so weit weggeführt, dass nur 
noch Hunderte von kleinen Schwefelpyramiden an der Stelle 
standen, jede mit einem kleinen Stein belastet. Das Wasser des 
Sees scheint einen unterirdischen Abfluss zu haben. Das Niveau 
desselben ist seit Herrn Jukghuhn's erstem Besuch bedeutend 
reducirt. 

In ihren Gesteinen verbindet die Kawa Patuha die beiden 
zuletzt genannten Solfataren Kawa Wayang und Kawa Tjiwidai. 
Es finden sich die Trachyte der ersteren mit allen Zersetzungs- 
erscheinungen, deren ich dort erwähnte; daneben aber kommen 
dieselben Quarzsandsteine vor, welche die Kawa Tjiwidai charak- 
terisiren, mit allen Uebergängen in Alunitfels, und dieser selbst 
findet sich genau so wie dort in einzelnen Blöcken. Das Ge- 
stein gleicht jenem bis auf die scharfbegrenzten dunklen Theile, 
welche in ihren Hohlräumen mit Schwefel erfüllt sind. Es kommt 
aber hier noch ein drittes Gestein vor, welches die folgende Sol- 
fatara charakterisirt. 

Die Kawa Tji-Buni, auf unsrer ganzen Reise der einzige 
Ort, den Herr Junghuhn früher noch nicht besucht hatte, ist 
eine Solfatara im Bett des Tjibuni- Flusses, der wenig oberhalb 



352 



und an der Südküste der Insel mündet. Wir stiegen in ein 
steilwandiges, wohl 500 Fuss tiefes Spaltenthal mit bewaldeten 
Wänden hinab. Schon von oben sahen wir dicke Dampfwolken 
aus der Tiefe aufsteigen. Der Bach fliesst über zahlreiche Trüm- 
mer und grosse Blöcke. Zwischen diesen ist ein Brodeln, Sieden, 
Dampfen und Brausen, als ob das ganze Bachbett eine chemische 
Fabrik wäre. Kochende schmutzige Pfuhle liegen bald offen da, 
bald sind sie durch eine feste Kruste überdeckt, die nur durch 
eine kleine Oeffnung in das Innere blicken lässt. Träte man 
auf den anscheinend festen Boden, so würde man im kochenden 
Modder versinken; wir konnten oft mit langen Stöcken keinen 
Grund finden. Die Gase entwickeln sich oft mit heftigem Auf- 
spritzen aus diesen Modderpfuhlen und Tümpeln, durchdringen 
in Strömen von Blasen das klare Wasser des kleinen Baches 
und strömen aus rauchenden Röhren am Gehänge heraus. Dass 
es vorwaltend schwefelige Gase sind, welche mit den dicken 
weissen Dampfwolken heraufkommen, ist schon am Geruch zu 
merken, ausserdem aber auch an den massenhaften Sublimationen 
von reinem Schwefel, von denen die meisten unerreichbar sind. 

Die Gesteine der Kawa Tjibuni sind wesentlich zweierlei. 
Am häufigsten ist ein gewöhnlicher grauer Hornblende-Oligoklas- 
Trachyt vertreten. Aber auszeichnend für diesen Ort ist der 
Sanidin-Trachyt, dessen ich früher als analog dem Trachyt des 
St. Anna-Sees in Siebenbürgen erwähnte. Er ist auch das dritte 
Gestein der Kawa Patuha, doch ist er dort nur untergeordnet. 

Ich breche hier meine schon etwas zu lang gewordenen 
Mittheilungen ab. Sie werden daraus ersehen, dass ich bloss 
eine Darstellung des wirklich Beobachteten zu geben versuchte, 
ohne weitere Folgerungen und Verallgemeinerungen. Dazu war 
die Beobachtung zu unvollkommen und das Feld derselben zu 
klein. Ich bedaure, dass sie gerade diejenige der Inseln des 
Archipels betreffen, welche unter allen allein in ihrem geognosti- 
schen Bau erforscht und bekannt ist, und welche zugleich unter 
allen die einfachsten Verhältnisse zu bieten scheint. Allein es 
sind gerade über Java noch manche Irrthümer verbreitet, die 
nur dadurch entstanden sein können, dass man zweifelhafte 
Quellen benutzt hat, während doch Herr Junghuhn in seinem 
grossen Werk eine so staunenswerthe Menge der sichersten und 
zuverlässigsten Nachrichten giebt. So finde ich unter vielen 
Anderen in Naumann's „Geognosie" (1. Aufl. Bd. I. S. 185) 



353 

angegeben, dass der Papandayan vor seiner Eruption im Jahre 
1762 einer der höchsten Berge der Insel war, und nicht nur 
diese ganze Masse in sich selbst zusammenbrach, sondern ein 
ganzer Landstrich von I 5 engl. Meilen Länge und 6 Meilen 
Breite dabei versunken sei. Die Gestalt des Gebirges lässt mit 
Sicherheit erkennen, dass der jetzt ungefähr 7000 Fuss hohe 
Berg nie viel höher gewesen sein kann. Um aber einer der 
höchsten Berge von Java gewesen zu sein, müsste sein Gipfel 
mindestens 4000 Fuss über seine jetzige Höhe aufgeragt haben. 
Was aber die Versenkung des angrenzenden Landstrichs betrifft, 
so haben Herrn Junghuhn's genaue Erkundigungen das Resultat 
ergeben, dass ein solches Ereigniss nicht stattgefunden hat, son- 
dern nur, dass die Gegend mit Steinen überschüttet worden ist. 

Von allen anderen Inseln des Archipels, ist in geologischer 
Hinsicht, selbst in Batavia, so viel wie gar nichts bekannt, und 
doch scheint, nach den wenigen Notizen, welche man hier und 
da erfährt, der ostindische Archipel zu den interessantesten Theilen 
der Erde zu gehören. Es wäre gewiss eine der lohnendsten 
Aufgaben, die sich ein Geolog stellen könnte, eine Reihe von 
Jahren der Erforschung dieser Inseln zuzuwenden, in ähnlicher 
Weise, wie Herr Wallace dieselben durch die letzten Jahre für 
ornithologische und entomologische Zwecke ausgebeutet hat. Der 
Reichthum der Formationen auf einigen von den Inseln, beson- 
ders Sumatra, Borneo und Celebes, scheint sehr gross zu sein. 
Die Eruptivgesteine, welche vielfach in die Sedimentgebilde ein- 
greifen, und die Rolle, welche die Vulkane und vulkanischen 
Sedimente spielen, erhöhen das Interesse. Bis jetzt ist meines 
Wissens noch nicht eine einzige Formation sicher bestimmt und 
noch nicht ein einziges Gestein genauer untersucht worden. 
Korallenriffbildungen der verschiedensten Art sind überall in 
grösstem Maassstab vorhanden und bieten allein der Forschung 
ein reiches Feld. Aber auch manche der anziehendsten Fragen 
der Geologie, die Geschichte der Länder während der letzten 
Perioden, die Geschichte ihrer Hebungen und Senkungen und 
allmäligen Formveränderungen, die Auflösung von grossen Länder- 
strecken in Gruppen und Reihen von Inseln, und dann wiederum 
die zeitweilige Verbindung derselben zu ausgedehnten Festländern, 
die Absperrung früher über weite Länder verbreiteter Faunen 
auf einzelnen Inseln und ihre allmälige Umgestaltung auf den- 
selben, das Verhältniss der einzelnen Inseln zu einander und 



354 



ihrer Gesammtheit zu den Continenten von Asien und Australien 
— alle diese Fragen und hundert andere bieten sich hier mit 
so viel Aussicht auf befriedigende Lösung, wie kaum anderswo. 
Herr Wallace hat sie vom geologischen Standpunkte aus an- 
gebahnt und fand glänzende Stützpunkte für die Theorien von 
Herrn Dabwin. Von den vulkanischen Erscheinungen kennt 
man nur die auf der Insel Java, und etwas Weniges von Me- 
nado auf Celebes. Im ganzen übrigen Theil des Archipels sind 
sie unerforscht, und die Petrographie der Vulkane wartet selbst 
auf Java eines Bearbeiters. Sowie für das rein wissenschaftliche, 
so würde man aber auch für die praktischen Interessen hier ein 
reiches Feld finden. Von Erzlagerstätten kennt man diejenigen 
des Zinns auf Banca; alle anderen sind unvollkommen oder gar 
nicht bekannt. Weiss man doch noch nicht einmal, welchen For- 
mationen die einzelnen Kohlenlager des Archipels angehören; 
selbst von dem grossen Lager von Banjermassin auf Borneo ist 
das Alter noch nicht festgestellt. Und doch weiss man mit 
Sicherheit, dass der Archipel, mit Ausnahme von Java, den 
Molukken und einigen anderen Inseln, in allen Theilen ausser- 
ordentlich reich an Kohlen und an Erzlagerstätten aller Art ist. 
Eine wissenschaftliche Untersuchnng wäre unter diesen Um- 
ständen von grosser praktischer Wichtigkeit. Die wenigen Geo- 
logen, welche auf dem Archipel ausserhalb Java gereist sind, 
betrieben entweder, wie Zollinger, die Geologie nur nebenbei, 
theils beschränkten sie sich auf einen flüchtigen Besuch einer 
oder der anderen Insel, theils starben sie, ohne etwas veröffent- 
licht zu haben. Jetzt ist endlich durch den Eifer und die Be- 
harrlichkeit von Herrn Cornet de Groot {hoofdingenieur und 
chef van het mijnwezen) seit einigen Jahren ein Institut ge- 
schaffen, das seinen Sitz in Buitenzorg hat und die Erforschung, 
zugleich aber auch die technische Bearbeitung der Erz- und 
Kohlen - Lagerstätten des Archipels, so weit sie Eigenthum des 
Staates sind, zum Zweck hat. Aber da der Archipel sehr aus- 
gedehnt und der Zweck wesentlich praktisch ist, so haben die 
wenigen Mitglieder so viel zur Erfüllung dieser Aufgabe zu 
thun, dass ihnen zu wissenschaftlicher Erforschung keine Zeit 
bleibt. Das Institut hat ein chemisches Laboratorium, eine Biblio- 
thek und eine Sammlung. Letztere enthält viel werthvolles 
Material, hat aber mehr Interesse für den Bergmann als für den 
Geologen. Die Zinnlagerstätten von Banca und Biliton und 



355 



mehrere Kohlenlagerstätten sind reich vertreten, aber es fehlt 
gänzlich an Versteinerungen und ausgedehnten petrographischen 
Sammlungen. Der Leiter der Anstalt hat mit grossem Verständ- 
niss dessen, was auf den Inseln zu thun ist, angeordnet, dass 
jeder Ingenieur auf seinen Reisen nach den einzelnen festge- 
setzten Punkten genau aufzeichnet, was er gesehen hat. So er- 
freulich es auch ist, dadurch von manchem ganz unbekannten 
Lande eine oberflächliche Idee zu bekommen, kann doch dabei 
wegen des rein praktischen Interesses nicht viel für die wirklich 
geognostische Kenntniss des Landes herauskommen. Man sieht 
eine Karte mit einer buntgemalten Linie, welche den Reiseweg 
des Ingenieurs bezeichnet. Ein Zoll dieser Linie bedeutet Thon- 
schiefer, ein zweiter Zoll Kalkstein, ein dritter Sandstein, ein 
vierter Granit, ein fünfter wieder Thonschiefer u. s. f. ; aber 
man wird dadurch natürlich weder mit einer einzigen Formation, 
noch mit einem Lagerungsverhältniss bekannt. Es ist ein grosser 
Fortschritt, dass ein solches Institut einmal geschaffen wurde, 
und Herrn De Groot's Verdienst kann nicht hoch genug ge- 
schätzt werden; aber bei der Ueberwältigung durch die prakti- 
schen Interessen thäte hier nebenbei noch eine geologische 
Reichsanstalt noth, wie sie Oesterreich besitzt, und wie sie in 
Englisch Indien vor wenigen Jahren errichtet worden ist. — 
Uebrigens würde ein Geolog, der eine Forschungsreise im Archi- 
pel unternehmen wollte, von der holländischen Regierung mit 
offenen Armen empfangen werden. Es ist derselben ausserordent- 
lich viel an der Erweiterung der Kenntnise über ihre Besitzun- 
gen gelegen, und wie sie jedes Unternehmen, welches darauf 
hinzielt, begünstigt und unterstützt, davon könnte ich Ihnen aus 
meiner eignen kurzen Erfahrung die auffallendsten Beweise geben. 
Ein solcher Reisender könnte an der Westküste von Sumatra 
beginnen, die gesund und zum grossen Theil leicht zugänglich 
ist. Sie scheint ganz besonders interessant zu sein. Vulkane 
von 10 bis 12000 Fuss Höhe ragen dort aus Gebirgen hervor, 
die aus einer grossen Reihe von Formationen zu bestehen 
scheinen. Vorläufig thäte nur eine ganz allgemeine Aufnahme 
der verschiedenen Inseln noth. Die Zeit zu Specialaufnahmen 
liegt wohl noch sehr fern. 

Von geognostischen Thatsachen aus dem Archipel will ich 
hier nur einer einzigen erwähnen. Ich sah bei Herrn Jung- 



356 



huhn einige Versteinerungen von Timor, welche Dr. Schneider, 
ein deutscher Arzt, von dort mitgebracht hat. Es sind Brachio- 
poden und Crinoideenstiele; unter ersteren zwei grosse Spiriferen, 
welche an Arten aus dem Bergkalk erinnern. Das Vorkommen 
so alter Formationen in diesen Gegenden, war meines Wissens, 
bisher unbekannt. 



357 



7. Ueber das Vorkommen von Nummnlitenformation 
auf Japan und den Philippinen. 

Von Ferdinand Freiherr von Richthofen. 

Batavia den 27. October 1861. 

Man kennt bisher meines Wissens die Nummulitenformation 
in ihrer östlichen Verbreitung nur bis nach Britisch-Indien, in ihrer 
Erstreckuug nach Süden kaum über den Wendekreis des Krebses 
hinaus. Auf Java kommt sie nicht vor; es scheint, dass man 
hier die in den trachytischen Tuffen sehr häufigen Orbituliten 
für Nummuliten angesehen hat. Die Bergwerks-Ingenieure von 
Niederländisch Indien erwähnen die Formation im südlichen 
Borneo, wo sie die Kohlen von Banjermassin führen soll. Es 
fehlt jedoch noch an einer genaueren Untersuchung sowohl der 
als Nummuliten angegebenen Gebilde, als der damit vorkommen- 
den Versteinerungen überhaupt, und es wäre wohl möglich, dass 
die orbitulitenführenden Schichten von Java auch nach Borneo 
fortsetzen und dort die schon so häufig vorgekommene Ver- 
wechselung wiederholt worden ist. Es war mir um so mehr 
interessant, mit Sicherheit nachweisen zu können, dass die Num- 
mulitenformation in der That viel weiter nach Osten und Süden 
verbreitet ist, als man bisher annahm ; ich fand sie im September 
vorigen Jahres im östlichen Japan, also gegen 50 Längen- 
grade östlicher als ihr bisheriger östlichster Fundort, im Mai 
dieses Jahres auf Luzon mit Sicherheit bis zum 14. Breitengrade. 

1. Vorkommen in Japan. 

Da das Innere von Japan dem Fremden verschlossen ist, 
so ist man für geognostische Untersuchungen auf Quellen eigner 
Art angewiesen. Die Nummulitenformation fand ich in den Ver- 
kaufsläden von Yokohama bei Yeddo ; sie ist dort unter den viel- 
fachen Steinschleifereien vertreten, zu welchen die Japaner das 
verschiedenste Material verwenden. Ich kaufte kleine Kästchen 



358 



und Kugeln aus einem schwärzlichen, mergeligen Kalk, der dicht 
mit Nummuliten erfüllt ist. Als Fundort gab man mir die öst- 
lich von Yeddo gelegenen Gebirge an, also wahrscheinlich die 
Fürstentümer Simosa und Kadsusa; auch sagte man mir, dass 
das Gestein dort in grossen Massen vorkomme. Die wenigen 
Stücke blieben zwar die einzigen Spuren von Nummulitenfor- 
mation, welche ich beobachtete, aber sie genügen doch, um das 
Vorkommen derselben festzustellen. 

2. Vorkommen auf den Philippinen. 

Auf Luzon scheint die Nuramulitenformation sehr ver- 
breitet zu sein und mit ihren mächtigen Kalkmassen eine nicht 
unbedeutende Rolle im Gebirgsbau zu spielen. Jeder Bewohner 
von Manila kennt die Cueva di San Matteo, eine grosse Kalk- 
steinhöhle, welche nur drei deutsche Meilen von der Hauptstadt 
entfernt in einem engen Thal des Trachytgebirges liegt. Eine 
bedeutende Kalkmasse, welche gegen Norden weit fortsetzen soll, 
ist zwischen den Trachyten eingeschlossen und kommt an der 
steilen Thalwand zwischen ihnen zum Vorschein. In der Tiefe 
ist der Eingang zur Höhle. -- In beinahe südlicher Richtung 
von diesem Ort tritt eine zweite, ebenso isolirte Kalksteinmasse 
auf, gleich der vorigen ganz von Trachytgebirge umgeben; man 
sieht sie auf halbem Wege von Antipolo nach Bosoboso 
als einen zerklüfteten, allseitig schroff ansteigenden, oben ver- 
ebneten Berg von sehr charakteristischer Gestalt. Verlängert 
man die Richtungslinie noch weiter, so kommt man in geringer 
Entfernung zu einigen kleinen Kalksteinmassen, welche gleich- 
sam pfeilerförmig aus dem Trachyt herausragen. Sie liegen 
nordöstlich von dem Dorf Binan go n an am nördlichen Ufer 
der Laguna de Bay und werden benutzt; ihr Kalkstein ist der 
bequemen Lage wegen der einzige, der zu technischen Zwecken 
nach Manila gebracht wird. Nach den Mittheilungen von Herrn 
Wood in Manila treten dieselben Kalke noch weiterhin bei 
Halahala (span. Jalagala) und Mahahay (span. Majayjay) 
am nordöstlichen und südlichen Ufer der Laguna de Bay auf. 
Man hat oft vergeblich nach Fossilien in diesen Kalken gesucht 
und, da man keine fand, sie wegen des äusseren Ansehens als 
der Juraformation angehörend betrachtet. Ich war so glücklich, 
bei Binangonan, wo der Kalk durch Steinbrüche besser als an 
den anderen Orten blossgelegt ist, eine Unzahl von Nummuliten 



359 



darin zu finden ; sie gehören mehreren Arten von verschiedener 
Grösse an. Ausser ihnen und einigen undeutlichen Austern 
scheinen keine Versteinerungen vorzukommen. Die Identität des 
Kalksteins von Binangonan mit den anderen Kalkmassen, welche 
auf derselben Linie auftreten, ist unzweifelhaft, wenn man die 
Beschaffenheit des Kalkes und sein geognostisches Auftreten in 
Betracht zieht. Ueberall ist es ein gelblich-weisser, sehr harter 
und spröder Kalkstein, der dem Nummulitenkalk des Karstes in 
Istrien und Dalmatien auffallend gleicht. Er ist nirgends den 
Trachyten aufgesetzt, sondern ragt aus ihnen hervor und ist das 
ältere der beiden Gebilde. Man sieht dies fast an allen Stellen 
genau, besonders aber bei Binangonan. Hier, wie bei San Matteo, 
ist der Kalk an der Grenze in grobkörnigen Marmor verwandelt; 
an mehreren Stellen bildet der Trachyt mit ihm grobe Breccien 
und schliesst noch ausserdem vereinzelte grosse Blöcke des Kalk- 
steins ein. - Wahrscheinlich gehören derselben Formation die 
hohen, schroffen Kalkgipfel der Sierra de Zambales an, welche 
nordwestlich von der Provinz Pampanja in eine Bergreihe von 
groteskem Profil angeordnet und von Manila aus deutlich sicht- 
bar sind ; ebenso wohl auch noch ein grosser Theil der weiteren 
Kalkgebirge auf der Insel Luzon. 

Dies sind die beiden sicheren Fundorte der Formation. Ich 
vermuthe ein ferneres Vorkommen an der Südküste der grossen 
Insel Mindarao (in 7 G. N. Br.). Das Land springt im west- 
lichen Theil weit gegen Süden vor. Am Ende des Vorsprungs 
liegt Zamboanga, das zwar schon seit drei Jahrhunderten in 
den Händen der Spanier ist, aber doch noch ein eng begrenztes 
Gebiet hat. Ein ungefähr 4000 Fuss hohes, dicht bewaldetes 
und pfadloses Gebirge schneidet den flachen fruchtbaren Vor- 
sprung in einer Breite von kaum anderthalb Meilen ab. Hinter 
dem Gebirge beginnt das Gebiet der Moro's (Mohamedaner), 
welche noch nicht unterjocht sind und das Reisen schon in 
jenem Gebirge gefährlich machen. Ich konnte der Kürze des 
Aufenthalts wegen nur einige Ausflüge in die nach Süden her- 
abkommenden Schluchten machen und fand, dass das Gebirge 
aus Sedimentgebilden und Trachyten besteht. Erstere sind eine 
Reihe von Kalken, unreinen Sandsteinen mit Pflanzenabdrücken^ 
dunklen weichen Schiefern und blauen Kalkmergeln ; die Kalk- 
steine walten, wie es scheint, der Masse nach bedeutend vor und 
gleichen auffallend den Nummulitenkalken von Luzon; ich fand 



360 



jedoch weder im Geröll der Bachbetten, noch in der kleinen 
Kalkpartie, die ich anstehend sah, eine Spur eines Nummuliten, 
nur Massen von Austerschalen. Leider hatte ich keine Zeit, um 
die Fundstellen der Versteinerungen in den braunen Kalkmergeln 
aufzusuchen ; die sehr fragmentarischen Reste, welche ich in den 
Geschieben der Bäche sah, zeigten Spuren eines nicht bedeuten- 
den Alters der Formation. Sie ist aber jedenfalls älter als die 
Trachyte, denn man sieht Massen der verschiedensten Contact- 
produkte: Reibungsconglomerate, krystallinisch- körnigen Kalk, 
dunkelgrüne hornsteinartige Gesteine mit noch deutlich erkenn- 
barer Schichtung, porcellanartig cämentirte Sandsteine u. s. w. 
Dieses Altersverhältniss, verbunden mit dem jugendlichen Aus- 
sehen der Versteinerungen und der petrographischen Aehnlich- 
keit des Kalksteins mit dem Nummulitenkalk von Luzon, lassen 
es mir bis zu weiterer Feststellung am wahrscheinlichsten 
erscheinen, dass die reich entwickelte Gesteinsreihe der Ge- 
birge von Zamboango der Nummulitenformation angehört. 
Wahrscheinlich bildet auch die vortreffliche Braunkohle, welche 
man in neuester Zeit im Seno de Sibugai östlich von Zamboango 
gefunden hat, ein Glied jener Gesteinsreihe; sie ist die schwär- 
zeste und beste aller Braunkohlen, welche ich bisher von diesen 
Inseln sah. 

Es ist wohl kaum wahrscheinlich, dass das Vorkommen der 
Nummulitenformation auf Nippon und Luzon isolirt ist, um so 
mehr, als man alle bisher gefundenen Gebilde derselben als 
Niederschläge aus Einem grossen Meer ansehen darf, das sich 
mindestens vom westlichen Europa bis zum östlichen Himalaya 
ausgedehnt haben muss. Es spricht kein Grund gegen die einstige 
Ausdehnung desselben bis zu den japanischen und philippinischen 
Inseln. Man darf dies wohl als das wahrscheinlichste annehmen 
und erwarten, dass man die Nummulitenformation vom Himalaya 
durch ganz China verbreitet finden und sie auch noch auf an- 
deren Inseln wie Formosa und Yesso nachweisen wird. 



361 



8. Bemerkungen über Siam und die hinterindische 
Halbinsel. 

Von Ferdinand Freiherr von Richthofen. 

(Briefliche Mittheilung an Herrn Beyrich d.d. Calcutta, den 8. Mai 1862.) 

Meinen letzten Brief schickte ich Ihnen vom 3. Januar von 
Bangkok. Einige Tage später unternahm ich eine Excursion 
nach der Ostkäste des Golfs von Siam. Es ist eine gebirgige 
Küste mit vielen Vorsprüngen und einer grossen Zahl vorliegender 
Inseln. In einem kleinen Boot, das überall an Land gezogen 
werden konnte, vertraute ich mich dem Meere an und landete 
auf allen Inseln und an vielen Vorgebirgen. Ueberall fand ich 
gute Aufschlüsse, aber trotzdem keine bestimmbare Formation. 
Ausser krystallinischen Schiefern, Granit und grossen Zügen von 
Urkalk, treten uralte Gebilde auf, in denen ich keine Spur von 
Versteinerungen entdecken konnte, besonders rothe Sandsteine 
und Conglomerate, die mit Thonschiefern, glimmerigen alten Schie- 
fern und einer Reihe andrer Gesteine vom Aussehen der Ur-Sedimente 
von Kitzbüchl und Schwaz am Nordrand der Alpen wechseln. Die 
rothen Sandsteine bilden grosse Züge und setzen in ihnen ganze 
Inseln allein zusammen. Ein anderer Zug besteht aus den 
ältesten Grauwackengesteinen, oder wenigstens aus Schichten, 
welche den ältesten Sillurgesteinen vom Harz genau gleichen. 
Ausser diesen alten Gebilden tritt nur Basalt auf und zwar an 
einer einzigen, isolirten Stelle. Est scheint, dass er unterseeisch 
mehr verbreitet ist, da ich auf einer Insel unter den Auswürf- 
lingen der Fluth Stücke von vulkanischen Gesteinen fand. 

Der Ausflug im Golf von Siam dauerte drei Wochen. 
Einige Tage später unternahm die ganze Gesandtschaft einen 
kleinen Ausflug nach dem Fuss der nordöstlich von Bangkok 
gelegenen Gebirge. Wir erreichten ihn bei dem buddhistischen 
Wallfahrtsort Prabät. Dort sind Berge von krystallinischem 
Kalk, der von einem hornblendereichen Granit durchbrochen 



362 



wird. Die Contactstellen versetzten mich durch ihren Mineral- 
reichthum (besonders Granat und Vesuvian) an die analogen 
Stellen bei Predazzo und am Monzoni. Der Kalkstein ist ur- 
sprünglich wenig krystallinisch, wird aber im Contact zum grob- 
körnigsten Marmor. 

Die interessanteste Reise begann ich am 16. Februar, dem 
Tage meiner Trennung von der Expedition, von Bangkok aus. 
Ich ging von dort aus, so direct wie möglich, über Land nach 
Malmen. Der Weg war noch von keinem Europäer ausgeführt 
worden. Ich brauchte dazu volle 43 Tage, obgleich ich kaum 
einen Tag aussetzte. Nur die ersten 5 Tage war ich in einer 
halb cultivirten Gegend, die übrigen 38 in völliger Wildniss. 
Endloser Wald und Bambusgebüsch bedeckt die breite Gebirgs- 
gegend. Hier und da sind kleine Ansiedlungen eines Gebirgs- 
volkes, der Kariengs, darin zerstreut. Ein chinesischer Diener 
war mein einziger Begleiter bei dieser Ueberlandreise. 

Das Gebirge zwischen dem Thal des Menam und dem des 
Salwen, resp. dem bengalischen Meerbusen, hat eine merkwürdige 
Oberflächengestaltung. Es besteht aus einer grossen Zahl paral- 
leler Züge, welche gleich den Schichtgebilden, aus denen sie 
bestehen, im Allgemeinen von SSO. nach NNW. streichen. Von 
Westen greift Meer und Ebene, von Osten nur Ebene so hoch 
und so weit in dieses System paralleler Züge ein, dass die 
äussersten Gebirge gänzlich bedeckt sind und nur in Reihen von 
kleinen Inseln aus Meer uud Ebene hervorragen. Nähert man 
sich von beiden Seiten dem Centraizuge, so verbinden sich die 
Inseln mehr und mehr zu Reihen, zwischen denen hindurch 
immer noch ein ebenes Land fortsetzt. Die centralen Züge sind 
zusammenhängend, aber die Kämme sind durch tiefe und breite 
Einsenkungen unterbrochen, welche nur wenig über das Niveau 
der Ebenen zu beiden Seiten hervorragen. Der Pass der drei 
Pajoden z. B., den ich überschritt, hat kaum 700 Fuss Höhe. 

Der geognostische Bau des Gebirges ist einfach: es treten 
wenige Formationen auf, welche in einfachem Schichten verband 
stehen. Eruptivgesteine beobachtete ich fast gar nicht ; doch folgt 
nördlicher eine Reihe herrlicher Granitgipfel, die ich nur aus der 
Ferne sah. Es erging mir in diesen Gebirgen, wie den früheren 
Besuchern der Alpen. Nicht eine einzige Formation konnte ich 
bestimmen, und über die mächtig entwickelten Kalke kann ich 
eben so viel sagen, wie jene Beobachter über die „Alpenkalke." 



363 



Niemand hätte damals geahnt, dass man in den Kalkalpen über- 
all Versteinerungen finden kann. So auch werden vielleicht 
spätere Beobachter in den Siamesischen „Alpenkalken u die 
schönsten Fossilien finden, wo ich nichts als unbestimmbare 
Spuren sah. 

Die ältesten Gebilde fand ich dort, wo ich das Gebirge von 
Osten betrat: krystallinische Kalke in mächtigen Zügen und 
Glimmerschiefer. Sie behaupten aber nicht das Feld auf dieser 
Seite. Wenn Sie das Gesammtgebirge auf einer guten Karte 
betrachten, so sehen Sie ganz richtig seine Erstreckung in der 
Richtung des Meridians angegeben. Trotzdem behalten die 
Bergzüge, die Thäler und die Schichten mit geringen Abweichun- 
gen die angegebene Streichrichtung von SSO. nach NNW. bei. 
So kommt es, dass die Urgebirge, welche mit einzelnen Hügeln 
im Thal des Menam beginnen, in ihrem weiteren Streichen die 
Wasserscheide gegen den Salwen erreichen, und jenseits derselben 
in immer gleicher Richtung fortziehen. Sie bilden hier ein hohes 
Gebirge mit dem 7150 Fuss hohen Gipfel des Moly-it, über- 
setzen den nordsüdlich fliessenden Salwen in schiefer Richtung, 
und erstrecken sich weiter gegen das Königreich Ava. Dr. 
BtUJSDisin Ranggun, der beste und wohl der einzige gründliche 
Kenner der Gebirge in den englischen Besitzungen in Hinter- 
indien, hat diesen mächtigen Zug von Urgebirge nachgewiesen. 
Er besteht nicht mehr aus Glimmerschiefer und Urkalk, wie in 
Siam, sondern wesentlich aus Gneuss, eigentümlichen Quarziten, 
die in Gneuss übergehen, etwas Glimmerschiefer und mächtigen 
Thonschiefern. Aus dem Kamm brechen steile Granitkuppen 
hervor. 

Nachdem ich die siamesischen Ausläufer dieses Zuges ver- 
quert hatte, kam ich weiter westlich in anscheinend sehr alte 
Sedimentgebirge, deren Züge jenem centralen Stamm parallel 
sind. Sie schienen mir aus vier verschiedenen Systemen von 
Schichten zu bestehen, zwei Reihen von Sandsteinen, und wenig- 
stens zwei verschiedenen Kalksteinen. Zunächst dem Urgebirge 
folgte ein mächtiger Zug von Kalkstein, mit castellartigen 3 bis 
4000 Fuss hohen Gipfeln, von so kühnen und schroffen Formen 
wie in den wildesten Theilen unsrer Kalkalpen. Einige ragen 
unmittelbar aus der Ebene auf; aber der grössere Theil schien 
mir einem System von feinkörnigen rothen Sandsteinen aufgesetzt, 
welche denen an der Ostküste des Golfs von Siam entsprechen 

Zeits. d. d.geol. Ges. XIV. 2, 24 



364 



und ein flachwelliges, mit dichten Bambusgebüschen bedecktes 
Land bilden. Der Kalk ist gelblichgrau mit feinkörnigem, etwas 
dolomitischem Gefüge. Ich fand darin keine Spur von Ver- 
steinerungen. Ebensowenig ist Schichtung zu erkennen. 

Weiter westlich aber folgt ein anderer Kalk, welcher viel 
breitere Züge bildet. Er zeichnet sich vor dem vorerwähnten 
Kalk durch seine schwärzlich graue Färbung, durch sehr voll- 
kommene Schichtung, durch Wechsellagerung mit mergeligen 
Schichten, und durch seine Versteinerungsführung aus. Er bildet 
den Pass der „drei Pagoden," über den ich in das Gebiet 
des Attaran-Flusses gelangte, und eine schroffe Gipfelreihe längs 
dem rechten Ufer dieses Flusses. Oft ist er auf weite Strecken 
söhlig gelagert; dann bildet er ausgedehnte Plateau's, mit viel- 
fach durchfurchter, von tiefen Thälern durchsetzter Oberfläche. 
Diese Plateau's tragen eine üppige und artenreiche Vegetation 
und sind wahre Oasen in dem einförmigen Bambuswald. Wo 
aber die Schichten dieses Systems geneigt sind, da entstehen 
ungemein wilde und schroffe Ketten. Statt der massigen Formen 
des vorigen Kalkes lösen sich die Höhen von diesem in die 
wunderlichsten Thürme und Obelisken auf. Die Wände fallen 
steil in die Ebene hinab, und nur wenige Schritte weiter steigt 
eine andere, ebenso gebaute Kalkmasse auf. Wahrscheinlich ver- 
ursachen die weicheren mergeligen Zwischenlagerungen diese 
Scheidung in isolirte Stöcke. 

Dieser zweite Kalkstein steht in enger Verbindung mit 
einem zweiten Sandstein, der von Herrn Oldham, mit allen 
Einlagerungen als „Maulmein-series" bezeichnet wurde. Er 
bildet einen niederen Höhenzug bei Molmen und Martaban, hat 
aber in weiterer Erstreckung einen bedeutenden Verbreitungsbe- 
zirk. Es ist ein weisser, zuweilen röthlicher Quarzsandstein, 
meist dick geschichtet. Es kommen darin vielfache Einlagerungen 
von weissen, mergeligen und dunkelgrauen, thonschieferartigen 
Schichten vor. Es ist noch kein Aufschluss über das Verhält- 
niss des Kalksteins der drei Pagoden zu dem Molmen-Sandstein 
bekannt, da jener in der Nähe dieses Ortes nur aus Alluvium 
aufsteigt, und stets von den Sandsteinen getrennt ist. Nach dem 
Fallen der Schichten des Sandssteins schien es mir wahrschein- 
lich, dass der Kalk auf dem Sandstein lagert. Herr Oldham 
aber kam zu dem entgegengesetzten Schluss. 

Ueber das Alter aller dieser Schichten lässt sich, wie ge- 



365 



sagt, noch nichts feststellen. Nur für den Kalkstein der drei 
Pagoden fand ich einen kleinen Anhalt in den Felsen von Da- 
masat bei Molmen. Einzelne Schichten desselben sind dort dicht 
erfüllt mit Bivalven. Es scheint kaum möglich, etwas sicher 
Bestimmbares aus dem harten Gestein herauszuschlagen. Doch 
hatte Alles, was ich erhielt*), die Form von Myophorien und 
erinnerte besonders - an diejenigen der alpinen Trias. Schon 
früher hatte es Herr Oldham für wahrscheinlich gehalten, dass 
der Sandstein von Molmen triassisch sei; aber sichere Beweise 
fehlen für diese Schicht ebenso wie für alle anderen. Nach dem 
Charakter der Gesteine und den allgemeinen Lagerungsverhält- 
nissen sind wir Beide der Meinung, dass von den gebirgsbilden- 
den Gesteinen der Gegend keines jünger ist als triassisch. 
Zwischen die älteren Gebirge aber greifen jüngere Gebilde ein, 
denen man nach dem Gesteinscharakter ein miocänes und plio- 
cänes Alter zuweisen muss. Ich fand sie auf der siamesischen 
Seite als tiefe Ausfüllung zwischen den höheren Ketten, aber 
erst in der Nähe der Wasserscheide. Tiefer hinab sind sie 
wahrscheinlich unter dem mächtigen Aluvium vergraben. Es ist 
eigenthümlich, dass ich am Golf von Siam keine Spur davon 
finden konnte. Dagegen sind sie auf der westlichen Seite des 
Gebirges in mehreren Thälern aufgeschlossen, wiewohl ebenfalls 
nur in den höheren Theilen zunächst der Wasserscheide. Ich 
fand sie am Attaran sehr entwickelt; Dr. Brandis brachte die- 
selben Gesteine, welche ich dort fand, vom oberen Sungin, einem 
Nebenfluss des Salwen. Bei Sir Robert Schomburgk sah ich 
einige kleine Bruchstücke aus Laos, welche ihnen ebenfalls 
gleichen, und im Thal des Jrawaddi wurde die Verbreitung 
analoger Schichten früher von Herrn Oldham nachgewiesen 
und neuerdings von Herrn Blanford studirt. Graue Mergel, 
graublaue Tegel, lockere, grobkörnige, rothe Sandsteine und sehr 
grobe Conglomerate sind die häufigsten Gesteine dieses jugend- 
lichen Systems. In dem Letten fand ich auf der siamesischen 
Seite dünne Schmitzen von Braunkohle; aber nach Versteinerun- 



*) Leider ist die Kiste, welche alle auf dem Wege von Bangkok 
nach Molmen gesammelten Steine und überdies werthvolle Landschnecken 
enthielt, auf eine unbegreifliche Weise am Bord des Dampfers verloren 
gegangen. Es scheint, dass sie für eine Geldkiste gehalten und gestohlen 
worden ist; man warnte mich wenigstens vorher vor dieser Eventualität. 

24* 



366 



gen sali ich mich vergeblich um. Ich fand die Formation nicht 
höher als 400 Fuss über dem Meer und es scheint, dass sie auch 
an den anderen Orten nicht höher vorkommt. 

Eruptivgesteine sind in dem west - siamesischen Gebirge 
etwas sehr Seltenes. Ausser den Graniten des Hauptzuges und 
denselben Gesteinen eines südwestlicheren Zuges, welcher von 
Tavay aus schon von Dr. Helfer besucht wurde und dann 
wieder bei Martaban in einem 3000 Fuss hohen Berg culminirt, 
sah ich an einer einzigen Stelle Spuren eines quarzfreien rothen 
Porphyrs, welcher den Kalkstein der drei Pagoden zu durch- 
setzen scheint. 

Die Gegend von Molmen und Martaban ist eine der schönsten, 
welche ich gesehen habe. Die langen Züge der Sandsteinhügel, 
die weiten Aluvialebenen, welche sich zwischen ihnen ausbreiten, 
die breiten Betten der drei Flüsse, welche sich hier vereinigen 
(Attaran, Gyaing und Salwen), die schroffen Kalksteinriffe und 
die hohe krystallinische Kette mit dem granitischen Moly-it im 
Nordost vereinigen sich zu einer überaus malerischen Landschaft. 
Besonders fesseln die Kalksteinriffe. Sie steigen vereinzelt aus 
dem Alluvium auf wie schroffe Inseln im Meer, sind aber deutlich 
in lange Züge angeordnet, welche der allgemeinen Streichrichtung 
folgen. Ich besuchte zwei von ihnen und fand, dass sie ganz 
verschiedene Kalksteine haben. Eine hatte entschieden den 
Kalkstein der drei Pagoden; es war hier, wo ich die genannten 
Versteinerungen fand. Die andere Insel hatte einen weissen, 
schwach krystallinischen, ungeschichteten Kalk, dessen Identität 
mit dem ersterwähnten von der siamesischen Seite aber durchaus 
nicht sicher ist. Die Züge setzen noch weit nach NNW. fort, 
nach dem Thal des Jrawaddi im Königreich Birma. Es folgen 
aber weiter gegen die Hauptkette noch mehrere andere Züge 
von Kalkstein, welche nach Handstücken alle den Kalk der drei 
Pagoden zu führen scheinen. Den Hauptketten selbst sollen an 
den Flanken auch noch einzelne Riffe aufgesetzt sein, das Haupt- 
gebiet des Kalksteins aber erst jenseits der Hauptkette in den 
sogenannten Shan - Staaten folgen, d. h. den an Siam und an 
Birma tributären Lao-Staaten. Insbesondere soll die sogenannte 
Karennie, das Gebiet der unabhängigen Rothen Kariengs zu 
beiden Seiten des Salwen vor seinem Durchbruch durch die 
Centraikette Ein grosses pittoreskes Kalksteingebiet sein. 

Die Alluvialbildungen bei Molmen würden einem dort 



367 



wohnenden Geologen ein schönes Feld zur Beobachtung bieten. 
Das Festland wächst unter den Augen der Bewohner. Die Belu- 
Insel, ein Sandsteingebirge, trennt zwei breite Mündungen des 
Salwen. Als die Portugiesen ihre Factorei in Martaban hatten, 
benutzten sie die westliche Einfahrt. Jetzt kann man dort nur 
noch mit kleinen Böten fahren, und in wenigen Jahren wird 
wahrscheinlich die Insel mit dem Lande verbunden sein. Zu den 
Anschwemmungen kommt die fortdauernde Hebung des Landes. 
Schon am Golf von Siam begegnete ich Beweisen dafür auf 
jedem Schritt. Auch bei Molmen bieten sie sich häufig. Ich 
will nur Einen anführen. In dem zunächst gelegenen Kalkriff 
sind Höhlen, ein Gegenstand des Cultus für die buddhistischen 
Bewohner. Der Eingang zu einer derselben ist 15 Fuss über 
der Ebene, welche zur Regenzeit noch häufig einen Fuss hoch 
überschwemmt wird. In dem Eingange sind Millionen einer 
hübschen bunten Neritina durch Tropfsteinmasse zu einem 
festen Conglomerat verbunden. Die Schnecken haben Farbe 
und Glanz, als ob die Thiere erst gestorben wären. 

Ich erreichte Molmen am 31. März, verliess den Ort am 
,13. April per Dampfschiff, und langte nach einem kurzen Aufent- 
halt in Ranggun und Akyab am 2 1 . April in Calcutta an. Rang- 
gun liegt in der weiten Ebene des Jrawaddi ; aber dicht bei der 
Stadt ist ein hügeliges, gebrochenes Land, das aus wohlgeschich- 
teten, grauen und röthlichen Mergeln besteht. Sie sind ver- 
schieden von den früher als wahrscheinlich miocän angeführten 
Schichten, sehen jünger aus, und sind wahrscheinlich dieselben 
Schichten, in denen man im Thal des Jrawaddi so viele Säuge- 
thierreste gefunden hat. Sie werden hier für pliocän gehalten. 
Das Gebirgsland von Pegu besteht nach den Mittheilungen von 
Dr. Brandis in weiter Erstreckung aus einem grauen Sandstein, 
von dem mir derselbe einige Stücke zeigte. Sie gleichen unsern 
Macigno- und Flysch-Sandsteinen zum Verwechseln. Dieselben 
Schichten fand ich bei Akyal (Arracan) anstehend j auch hier 
ist noch das regelmässigste Streichen in der alten Richtung 
SSO -= NNW.; auch hier erinnerten mich die Schichten auf das 
Lebhafteste an unsere südeuropäischen eocänen Sandsteine. Als 
ich nach Calcutta kam, langte eben ein Brief von Dr. Blanford, 
dem Geologen für Birma, an, worin derselbe mittheilte, dass er 
in Zwischenschichten desselben Sandsteins eine Unzahl von Num- 
muliten und andere Versteinerungen dieser Formation gefunden 



368 



habe. Nun versicherten mir Herren in Akyab, welche die ganze 
Küste von da bis Cap Negrais kennen, dass dieselbe durchaus 
aus den grauen Sandsteinen von Akyab bestehe. Die Nummu- 
liten - Formation hat also aller Wahrscheinlichkeit nach im west- 
lichen Hinterindien eine bedeutende Ausdehnung. Herr OldhAM 
fand sie vor einigen Jahren im Khassia - Gebirge östlich vom 
Bramaputra. Sie scheint also von diesem Fluss beinahe bis 
zum Salwen grosse Strecken zu bedecken. Um so wunderbarer 
muss es erscheinen, dass sie hier so plötzlich abgeschnitten ist. 
Ich glaube bestimmt versichern zu können, dass entlang den 
Wegen, welche ich in Siam durch die östlichen und westlichen 
Gebirge gemacht habe, keine Spur von Nummuliten- Formation 
auftritt. Das Vorkommen bei Manila, worüber ich Ihnen in 
meinem letzten Briefe berichtete, bleibt übrigens immer noch das 
südlichste. 

In Calcutta hat mich Herr Oldham in sein Haus aufge- 
nommen, und ich habe volle Gelegenheit sein vortreffliches Insti- 
tut kennen zu lernen. Es wird stark gearbeitet; Herr Oldham 
selbst hat einen bewundernswürdigen Fleiss. Aber das Land ist 
so ausgedehnt, dass man selbst hier nur eine schwache Idee da- » 
von bekommt, und die Aufnahmen gehen langsam vorwärts. Es 
wird von verschiedenen Mittelpunkten aus vorgedrungen. Das 
Institut hat reiche Sammlungen von Versteinerungen von einzelnen 
Localitäten, und es wird gegenwärtig fleissig daran gearbeitet. 
Herr Oldham publicirt eben die Flora der Radjmahali-Schichten, 
die merkwürdige Aehnlichkeit mit der Flora der Grestner und 
Haibacher Schichten von Oesterreich und Kronstadt hat. Herr 
Theobald bearbeitet eine reiche Fauna aus schwarzen Schichten 
vom äussersten Nordwesten. Sie werden für Lias gehalten. 
Mit echten Lias- Ammoniten kommt dort ein scharfkantiger 
Ceratit vor (mit gezackten Sätteln). 



9. Geognostisch- mineralogische Beobachtungen im 
Quellgebiete des Rheins. 

Von Herrn G. vom Rath in Bonn. 

Hierzu Tafel II. *>f — V. 

Les Alpes, qui seront a jamais une region classique pour la 
geologie, laut ä cause des actions qui ont donne naissance ä 
celle' chaine que par les profondes et importantes dechirures 

dans lesquelles eile expose sa Constitution interne, ont fourni 

les observations fondamenlales pour la theorie du metamorphisme 

Daubree, Etudes et experiences synlheliques sur le 
metamorphisme. 

Die Beobachtungen, deren Mittheilung die folgenden Blätter 
gewidmet sind, sammelte ich auf zwei Reisen (1860 u. 61), 
während welcher meine besondere Aufmerksamkeit auf die kry- 
stallinisch-schiefrigen Gesteine eines Theiles der Centraizone der 
Alpen gerichtet war. Während die Erforschung der Nebenzonen 
dieses Gebirges in überraschender Weise fortschreitet, kann man 
ein Gleiches nicht rühmen in Betreff der Mittelzone, jener mäch- 
tigen Gesteinsmasse, welche Schichtung mit krystallinischem Ge- 
füge zu vereinigen scheint; und dennoch liegt nur hier der 
Schlüssel zu dem Räthsel der Alpen-Entstehung. Finden sich 
in diesem Gebiete nur umgewandelte Schichten oder auch eruptive 
Massen? Kann die Grenze zwischen den Bildungen der Mittel- 
zone und denjenigen der Nebenzone stets mit Sicherheit und 
Schärfe gezogen werden, oder gehen beide an einzelnen Stellen 
ohne abnorme Lagerung in einander über? Welches Gesetz be- 
herrscht die Schichtenstellung der krystallinischen Schiefer ? 
Welcherlei Zusammenhang besteht zwischen ihrer Stellung und 
ihrem Metamorphismus? Kann vielleicht die bekannte Fächer- 
stellung als eine Folge der krystallinischen Erstarrung angesehen 
werden? In welchem Grade wurde die Gestalt des Gebirges 
und seiner Glieder durch den Schichtenbau, in welchem durch 



370 



Zerreissung und Erosion bedingt ? — Diese und ähnliche Fragen 
schwebten mir als leitende Gesichtspunkte vor. Vermag ich auch 
keine derselben zu einer entscheidenden Lösung zu bringen, so 
hoffe ich doch durch Mittheilung einiger Beobachtungen, die sich 
zum Theil über abgelegene, wenig untersuchte Thäler und Höhen 
erstrecken, zur endlichen Erklärung von Problemen beizutragen, 
welche seit fast hundert Jahren*) den menschlichen Geist be- 
schäftigen. Wenn es einer Aufforderung bedürfte, die Aufmerk- 
samkeit von Neuem und immer wieder auf jene seit einem Jahr- 
hundert in der Schwebe befindlichen Fragen zu lenken, so liegt 
sie in den „Synthetischen Versuchen über den Metamorphismus'' 
von Daubree. Dieser geistvolle Forscher lehrte, eine wie grosse 
gesteinsumbildende Kraft das überhitzte Wasser und seine Dämpfe 
besitzen. Während früher nur Vermuthungen über die Kräfte, 
durch welche sedimentäre Bildungen umgewandelt wurden, mög- 
lich waren, so hat Daubree eine Theorie des Metamorphismus 
auf Experimente gegründet. 

Wenn auch jede Eintheilung der Gebirge, welche das west- 
liche Graubündten erfüllen und umranden, mehr oder weniger 
künstlich, nicht in der Natur begründet ist, so erscheint es doch 
einer leichtern Uebersicht angemessen, unser Gebiet in drei 
Theile zu sondern : 

I. Das westliche Gebirge, welches in einem nach 
Ost geöffneten Bogen die obersten Quellarme des Vorderrheins 
umschliesst, dessen bekannteste Theile die Namen Krispalt, Six- 
madnn, Lukmanier tragen. 

II. Das südliche Gebirge, dessen nördlicher Zweig 
sich in der Greina-Hochfläche mit dem westlichen Gebirge ver- 
bindet, dessen höchste Gipfel, das Güfer- und das Rheinwaldhorn, 
den Ursprung des Hinterrheins bezeichnen. 

III. Die nördliche Gebirgskette, welche Grau- 
bündten von Glarus und St. Gallen scheidet, deren höchster 
Gipfel der Tödi, der westlichste der Calandaberg bei Chur ist. 



*) De Saussure begann seine Reisen im Jahre 1760 und ver- 
öffentlichte 1779 die ersten Bände seiner „Vuyages dam les Alpes." 



371 



I. Das westliche Gebirge. 

Uebersicht. Der St. Gotthard, von dem aus die vier 
Ströme nach den vier Weltgegenden fliessen, hat in der ganzen 
Erstreckung der Alpen seines Gleichen nicht. Zwei Querthäler, 
das eine von N. das andere von S. in das Gebirgsinnere ein- 
dringend, verwandeln sich an ihrem Ursprünge mit westlicher 
Umbiegung in Längenthäler, und bleiben durch einen nur wenig 
hohen Gebirgskamm geschieden. Dennoch stellt sich diese Oert- 
lichkeit als der Knotenpunkt im Gebirge dar: von ihr laufen 
aus die Ketten und an einander gereihten Berggruppen, zwischen 
welche die beiden grossen Längenthäler der Rhone und des 
Rheins eingebettet sind. Das kleine Längenthal Urseren, einst 
ein See, jetzt eine liebliche Wiesenfläche, wird gegen O. ver- 
schlossen durch den von S. nach N. laufenden Bergkamra Six- 
madun, welchen das Thal und der Pass der Unteralp von den 
eigentlichen Gotthardbergen trennt. An den östlichen Abhängen 
jenes Querkamms entspringen die obersten Quellen des Vorder- 
rheins; an denselben schaaren sich die beiden grossen Gebirgs- 
ketten, welche nördlich und südlich den Rhein begleiten. Die 
Querkette Sixmadunkulminirt im Radus(2931 met. hoch)*), dessen 
weisse von N. und S. symmetrisch sich hebende Spitze das etwa 
67 Kilom. lange Rheinthal bis Chur übersieht. Ihre nordsüd- 
liche Erstreckung von dort, wo sie am Krispalt sich mit dem 
nördlichen Gebirge verbindet, bis zu ihrem Vereinigungspunkte 
mit der südlichen Kette, beträgt nahe 12 Km. Die tiefste Ein- 
senkung des Kammes (2051 m.) liegt am Südfusse des Krispalt's, 
nahe dem Oberalpsee, die zweite ist der Kohlenpass (2388 m.), 
südlich vom Radus. Mit dem Krispalt beginnt die nördliche 
Kette, welche sich bis zu den Grauen Hörnern bei Ragatz und 
dem Calanda bei Chur erstreckt. Sie bildet einen der gross- 
artigsten und in geognostischer Hinsicht merkwürdigsten Theile 
der Alpen. So verwickelt ihre Gestaltung und ihr Schichtenbau 
von der Tödi-Gruppe an gegen O. wird, so einfach und regel- 
mässig stellt sich zunächst dem Sixmadun ihr westliches Ende 
dar. Von demselben zweigen sich gegen die Thalschaft Tavetsch, 



*) Die in diesem Aufsatz angeführten Höhen sind dem DuFOtm'schen 
topographischen Atlas der Schweiz, einem Meisterwerk europäischer Kar- 
tographie entnommen. 



372 



der obersten am Vorderrhein, vier Queräste ab, welche drei unter 
sich sehr gleichartige Thäler einschliessen. Gleich hohen scharfen 
Dächern, die spitzen Giebel gegen den Rhein gewendet, stellen 
sich jene Queräste dar ; die Dachfirste ist theils eine gerade hori- 
zontale Linie, wie am Krispalt-Grath, dem westlichsten jener 
vier, oder eingekerbt und gezackt wie am Querast des Pizner 
(zunächst östlich vom Krispalt) und am Culm de Vi, dem öst- 
lichsten und grössten dieser Aeste, welcher von dem Oberalp- 
stock sich abzweigt. Am Querjoch Chichle, (zunächst westlich 
vom Culm de Vi) ist die scharfe Firste nur in ihrem nördlichen 
Theile erhalten, der südliche ist bis auf einige Trümmer zerstört« 
Senkrechte glatte Tafeln bilden die Dachgiebel, welche theils 
noch unversehrt sind, wie am Krispalt, theils durch grosse Fels- 
stürze eingeschnitten und ausgebrochen sind, so am Piner. Jene 
vier Bergdächer, von einfacher und doch grossartiger Gestalt, 
geben dem Tavetscher Hochgebirge ein bedeutendes Gepräge. 
Die Bildung des Tavetscher Thalgebiets wird vorzugsweise be- 
dingt durch zwei einander ähnliche Bergrücken, welche vom 
nördlichen Hochgebirge auslaufend, einen gegen NO. geöffneten 
Bogen beschreiben, und das Thal in zwei nur durch enge Schluch- 
ten verbundene Kessel scheiden. Der obere Rücken lehnt sich 
gegen den Grath des Krispalts und schliesst den kleinen ge- 
schützten Thalkessel von Selva ; der untere verbindet sich mit 
dem Culm de Vi, drängt den Rhein bei Mompe Tavetsch in 
eine tiefe Schlucht und bildet die untere Grenze der grössern 
Thalweitung von Sedrun. Unterhalb der Thalenge von Tompe 
Tavetsch weicht der Fuss der nördlichen Berge wieder zurück 
und umschliesst die Thalebene von Dissentis, welche sich unter- 
halb dieses Ortes zwar zusammenzieht, doch nicht so vollständig 
geschlossen ist wie der Sedruner Kessel. Nördlich von Dissentis 
zu dem Kamme, der vom Oberalpstock gegen das Rosein- Thal 
läuft, erhebt sich das Hochgebirge in einer einzigen steil geneig- 
ten Wand, welche nur durch wenig hervortretende Queräste 
unterbrochen wird. — So die nördliche Umwallung des oberen 
Vorderrheinthals. — Im S. wird die Reihe der Gotthard-Spitzen, 
Saashorn, Leckihorn, Lucendro u. s. w. ausgezeichnet durch ihre 
scharfe Gestalt und den überaus steilen südlichen Abfall, fortgesetzt 
östlich vom hohen Unteralppass durch eine ununterbrochene hohe 
Kette bis zum P. Rondadura. Die Gipfel gleichen auch hier 
scharfen Gräthen, die steileren schneelosen Flächen nach S., die 



373 



vergletscherten Abhänge nach N. wendend. Oestlich von der 
Rondadura. von diesem Berge durch die merkwürdige Lukmanier- 
Hochebene geschieden, steigt der Scopi empor, einer der höchsten 
und interessantesten Berge in unserem Gebiete. Mit der schön- 
geformten Pyramide des Scopi hängen zusammen gegen NO. 
die Camadra-Gipfel; nördlich von denselben ruhen die Medelser- 
Gletscher, die grössten im Gebiete des Vorderrheins. Hier wie- 
derholt sich nun die Bildung einer Querkette, grossartiger als 
im Sixraadun, indem von der Camadra-Masse mit südnördlicher 
Richtung eine verbundene Reihe von Gipfeln (Lavaz, Valesa u. 
Muraun) sich erhebt, durch welche die Landschaften Dissentis, 
Tavetsch und Medels zu einem grösseren Thalgebiete vereinigt 
werden. Diese dominirende Querkette (des Murauns) endet, ohne 
sich mit dem nördlichen Gebirge zu vereinigen, in dem breiten 
jähen Absturz der Garvera-Felsen. 

Von der südlichen Kette, der Fortsetzung der Gotthard- 
Gipfel, ziehen sich vier Thäler zum Vorderrhein hinab : Maigels, 
Cornera, Nalps und Medels (das Thal des Mittelrheins). Diesen 
Thälern ist ein grösserer Raum zu ihrer Entwicklung geboten 
als jenen drei nördlichen Zweigthälern, da das südliche Hochge- 
birge sich doppelt so weit von der Sohle des Hauptthals ent- 
fernt als das nördliche. Dem Zuge der Val Maigels stellt -sich 
die isolirte Erhebung des P. Cavradi entgegen ; am Fuss des- 
selben verändert das Thal seine nördliche Richtung in eine öst- 
liche und mündet als ein Zweigthal in die V. Cornera, welche 
sich bei Tchamut, den obersten Winterwohnungen am Vorder- 
rhein, mit dem Hauptthal vereinigt. Es folgt gegen 0. die V. 
Nalps, deren Ursprung an der Rondadura- Spitze, deren Ende 
in der Thalweitung von Sedrun liegt. Endlich das Mittelrhein- 
thal, das grösste der südlichen Nebenthäler, in mehreren Dörfern 
bewohnt, eine eigene Thalschaft bildend, beginnt in der Luk- 
manier Ebene und endet gegenüber Dissentis. Während jene 
drei nördlichen Thäler in ihrem kurzen Laufe gleichsam offen 
sind, ist den drei südlichen Thälern Cornera, Nalps, Medels 
gemeinsam, dass sie in ihren oberen Theilen weit und mulden- 
förmig gestaltet, ihre Oeffnungen zum Rhein aber enge ungang- 
bare Erosionsschluchten sind. Die Pfade, welche vom Rhein 
nach Cornera und Medels hineinführen, steigen wohl tausend 
Fuss über den Fluss empor und dann hinab ins Thal. — 

Zu einem Blick auf die Thaltiefe des Vorderrheins, ist be- 



374 



sonders der Culm de Vi geeignet. Von hier bietet Tavetsch 
ein deutliches Beispiel dar von der den Canlon Graubündten 
besonders auszeichnenden Erscheinung der Abgeschlossenheit der 
einzelnen Thalschaften von einander. Der Boden des Tavetscher 
Thalkessels wird gebildet durch drei mit einander verschmolzene 
Alluvions- Kegel, die unter Neigungen von 6 bis 7 Grad aus 
jenen nördlichen Thälern herabziehen. Die Bäche, deren Allu- 
vionen das urbare Land gebildet, haben dasselbe in tiefen Rinnen 
zerschnitten und theilweise wieder zerstört. Eigenthümlich ist 
es, dass aus dem südlichen Gebirge keine Alluvionen im Haupt- 
thal angehäuft: eine Erscheinung, die sich genau so in der 
Thalweitung von Dissentis wiederholt. Weder Cornera noch 
Nalps, noch Medels haben Schutthügel vor sich. Da die Thal- 
öffhungen gurgeiförmig, so erscheint das südliche Gebirge mehr 
geschlossen; es erhebt sich als eine breite, steile, waldbedeckte 
Wand unmittelbar über dem Rhein. Vom obern Ende der 3 Km. 
langen, 1 Km. breiten Thalflur von Sedrun hebt sich der Weg 
zum Ursprung des Rheins wenige hundert Fuss empor an jenem 
gebogenen Bergrücken, einem Ausläufer des Krispalt's, tritt in 
eine Thalenge ein, einem kleineren, doch treuen Abbilde der 
Schlucht von Mompe Tavetsch. Bei der Kapelle Sta. Brigitta 
treten die Gehänge wieder etwas auseinander und umranden 
den kleinen Thalgrund mit den beiden Dörfern Alt- und Neu- 
Selva. Diese kaum 1200 m. lange, schmale Ebene wird ge- 
schlossen durch einen 100 m. hohen Felskopf, der untersten Stufe 
des von den Quellbächen des Rheins rings umflossenen Cavradi. 
Dem Felskopf gegenüber liegt Tchamut, überragend die letzte 
unbebaute Thalweitung, welche gegen W. sich etwa 1200 m. 
ausdehnt. In grosser Nähe sieht man nun das Thal enden vor 
der noch über 1000 m. höheren Mauer des Sixmadun's, man 
steht an der Wiege des segenreichen Stroms*). 



*) Die oberen Thalweitungen von Selva und Tchamut erfreuen sich 
in Anbetracht ihrer bedeutenden Meereshöhe (1538 und 1640 m.) einer 
milden und geschützten Lage. Die Vorhöhen des Krispalt's umschliessen 
jene im Gebirge fast verlorenen Orte, so dass die kalten Nordwinde sie 
nicht erreichen können und es möglich ist mit Vortheil Getreide zu 
bauen bis zu einer Erhebung gleich derjenigen von Samaden im über- 
engadin ; nicht sowohl in der Thalebene, weil diese etwas sumpfig, son- 
dern an den gegen S. gewandten Abhängen, (wie bei uns den Wein). 



375 



Der St. Gotthard. Da die beiden grossen Gebirgsketten des 
Krispalt's und des Lukmanier' s von der Bergmasse des Gotthardt 
auslaufen, so wird es passend sein, den altbekannten*) geognostischen 
Bau desselben uns zu vergegenwärtigen, bevor wir die Gesteine und 
ihre Lagerung im obern Vorderrhein -Thal und seiner Gebirgs- 
umgebung kennen lernen. Eine Vorstellung von dem Gebirgs- 
bau des St. Gotthardt zwischen dem Bedretto- und dem Ursern- 



Die Ebene von Sedrun, obgleich 150 bis 250 m. tiefer gelegen als die 
Fluren von Selva und Tcbamut, geniesst keines milderen Klima's als 
jene; das Getreide reift nicht früher als dort. Daran tragen Schuld jene 
drei nördlichen Thaler — besonders Strim — , durch welche sehr häufig 
erkältende Luftströme in die Sedruner Tiefe hinabsinken. „Könnte man 
das Strim-Thal schliessen, so würde im Tavetsch Wein wachsen," ist eine 
im Munde des Volks fortlebende Aeusserung des P. Placidus Spescha 
(geb. 1752 zu Trons, gest. zu Selva). Da Tavetsch eine der höchst- 
liegenclen Gegenden Europa's ist, in welchen Getreide gebaut wird, so ist 
es vielleicht nicht ohne Interesse zu erfahren, in welcher Weise die Be- 
stellung der Aecker dort geschieht. Wollte man mit der Aussaat (es 
wird von Getreide nur Sommerfrucht — Roggen und Gerste — gebaut) 
bis zum freiwilligen Schmelzen der Schneedecke warten, so würde die 
kurze Sommerzeit die Frucht nicht zur Reife bringen. Im März schon 
gräbt man deshalb anf den verschiedenen Aeckern durch die meist drei 
Ellen mächtige feste Schneelage Löcher, aus denen man die dunkle Erde 
hervorholt und über den Scheee streut. Hierdurch wird unter Einwir- 
kung der Sonne das Wegthauen desselben ausserordentlich beschleunigt. 
Oft schneit es zwar wieder darüber mehrere Fuss hoch, es muss von 
Neuem gegraben und gestreut werden, was sich bisweilen drei bis vier 
Mal wiederholt. Doch zu Ende des April ist der Acker gewöhnlieh 
schneefrei und die Aussaat geschehen. Den Frösten des Mai widersteht 
das Saatkorn sehr, verderblich sind der reifenden Frucht die September- 
Fröste. Mitte September oder später geschieht die Erndte. Es erscheint 
bemerkenswert!], .dass zur Aussaat in Tavetsch nur die dort gereifte 
Frucht benutzt werden kann. Ihre kleineren Körner haben sich akkli- 
matisirt und widerstehen dem Frühlingsfrost. Wiederholt hat man den 
Versuch mit italienischem und deutschem Getreide gemacht, welches in 
Menge eingeführt wird, doch stets erfahren, dass das unter milderem 
Himmelstrich gereifte Korn in der hohen Lage von Tavetsch nicht auf- 
kommt. 

*) Treffliche, naturwahre Schilderungen des St. Gotthardt lieferten 
schon : 

Besson, in der Beschreibung seiner 1777 ausgeführten Reise, Manuel 
pour les savans et les curieux, qui voyagent en Suisse, Lausanne 1786; 

Hör. Ben. de Saussure, welcher 1775 und 1783 den St. Gotthard 
besuchte, im III. B. der Voyages dans les Alpes, Neuchatel 1796 ; 



376 



Thal ge vinnt man durch das Bild eines halb geöffneten Buches, 
dessen Rücken abwärts, dessen geöffnete Blätter aufwärts ge- 
richtet sind, so dass ein Querschnitt die Gestalt eines nach oben 
geöffneten Fächers liefert. Die Blätter des Buches werden im 
Gotthard- Gebirge dargestellt durch mächtige Tafeln von Glimmer- 
schiefer, Gneiss, Granitgneiss, deren Streichen zwischen SW — 
NO. und WSW —ONO. schwankt (h. 5 — h. 7). Unter einem 
Winkel von fast 30 G. hebt sich bei Airolo das nördliche Ge- 
hänge des Liviner Thaies empor bis zu der oberen Terrasse Ci- 
mar dei bosco. Oberhalb derselben beginnt die Tremola-Schlucht, 
welche zwischen hohen unersteiglichen Felswänden eingesenkt 
ist und mit einem Felskessel beginnt, dessen Wandungen un- 
mittelbar bis zum Scheitel des Passes emporsteigen. Diesem 
Felsenkessel in vielen Kehren sich entwindend, gelangt die Strasse 
auf die wilde Felsebene, wo die Gewässer sich scheiden. — Die 
Bergwand von Airolo bis zu jener ebenen Terasse, wo der Baum- 
wuchs endet, besteht aus Glimmerschiefer, — in welchem theils 
dunkler, theils silberweisser Glimmer überwiegt — in h. 5 strei- 
chenden, 65 G. gegen NW. fallenden Schichten. Dieselben 
Schichten setzen auch jene Ebene und die Oeffnung der Tremola- 
Schlucht bis zum untern Schutzhause zusammen, fallen indess 
auf dieser Strecke steiler (70 G. — 75 G.). Der Glimmerschiefer 
des südlichen Gotthard - Gehänges ist reich an schönen Ab- 
änderungen, wozu das Eintreten des Granats — roth, in dodekae- 
drischen bis 1 Zoll grossen Krystallen — und des Strahlsteins — 
dunkelgrün, in Büscheln und Garben bis zwei, drei Zoll Grösse 
gruppirt — beiträgt. — Zwischengelagert findet sich reiner 
Hornblendeschiefer. Bei dem untern Schutzhause, wo die Strasse 
in die Lawinen -bedrohte Enge tritt, ändert sich der Charakter 
der Felsen, indem der Glimmerschiefer Feldspath aufnimmt und 
Gneiss wird, welcher auch sogleich in den für ihn bezeichnenden 
hohen glatten Wänden emporsteigt. Die Schichtenstellung bleibt 
dieselbe wie bei dem zunächst angrenzenden Glimmerschiefer. 



Dr. Lusser. in seinem Aufsatze: Geognostische Forschung und Dar- 
stellung des Alpendurchschuitts vom St. Gotthard bis Art am Zugersee, 
Denkschr. d. Schweiz. Ges. f. d. ges. Naturwiss. I. B. I. Abth. S. 144 
bis 171. Zürich 1829; besonders aber 

Ch. Lard\, Essai sur la Constitution geognostique du St. Gotthard 
(mit einer geognost. Karte und Profilen) , Denkschriften etc. I. B. 2. Abth. 
S. 200 -2S0. Zürich 1833. 



377 



Wer nicht an die Gesteinsübergänge in den Alpen gewohnt ist, 
muss in hohem Grade überrascht sein, alsbald bei weiterem 
Eindringen in die Tremola -Schlucht den Gneiss in Granit sich 
wandeln zu sehen. Er bildet vorzugsweise die westlichen, sich 
zur Fibbia emporhebenden Felsen, an deren Fuss sich Halden 
von mehr oder weniger kubischen Blöcken lehnen. Der Granit 
der V. Tremola ist licht, vollkommen krystallinisch-körnig: schnee- 
weisser Feldspath, weisser und grünlich-weisser Oligoklas, grauer 
oder röthlicher Quarz, hellgrüner oder silberweisser Talk in 
kleinen, häufig zu kugligen Partien gruppirten Blättchen, dunkler 
Magnesiaglimmer in einzelnen wenig häufigen Blättchen; un- 
wesentliche Gemengtheile: rothe, stecknadelkopfgrosse Granaten, 
grössere Oktaeder von Magneteisen, Schwefelkies-Würfel ; Blöcke 
dieses Granits finden sich am südlichen Abhänge des Berges 
bis gegen Airolo hinunter zerstreut, auch in den grössern lässt 
sich keine Schieferstruktur wahrnehmen. Wohl aber wiederholen 
die Klüfte, welche, die in der Tremola- Schlucht abstürzenden 
Granitwände durchsetzen, das Streichen und Fallen der Gneiss- 
Schichten am Ausgang der Schlucht. Die Mächtigkeit dieser 
Granitmasse, scheint nicht sehr bedeutend, denn bevor man an 
dem steilen Abhang bis zur Gipfelfläche aufgestiegen, ist man 
wieder von Gneiss umgeben, welcher in gleicher Beschaffenheit 
bis zur Lucendro-Brücke herrscht, auch die Gipfel zur Rechten 
und zur Linken des Passes bildet. Der Gneiss der Gotthard- 
Höhe ist ein Granitgneiss, jenem Granite von der Tremola nahe 
verwandt: schneeweisser Feldspath, meist in bis zollgrossen 
(doch nicht wohl ausgebildeten) Zwillingen, Quarz in reichlicher 
Menge bildet Partien von körniger Zusammensetzung, fast sand- 
ähnlich, von röthlich- weisser Farbe, grünlich-weisser Oligoklas, 
untergeordnet, doch deutlich; schwärzlich -brauner Glimmer und 
lichtgrüner Talk — theils in einzelnen Blättchen, theils in ver- 
webten Flasern — umgeben die grösseren Feldspath - Krystalle, 
häufen sich nur selten in solcher Menge an, dass sie den Längs- 
bruch des Gesteins bedecken. Kleine Granat-Körner erscheinen 
als untergeordneter Gemengtheil. Vom Hospiz aus sieht man 
die Schichten dieses Granitgneisses zum Gipfel der Fibbia (gegen 
SW.) und zum Sasso di S. Gottardo oder der Prosa (gegen NO.) 
emporsteigen; sie streichen auf der Passhöhe und am nord- 
östlichen Abhang der Fibbia h. 5. und fallen 45 bis . 50 G. 
gegen NW. 



378 



Nahe dem Scheitel des Passes fallen also die Schichten 
weniger steil als ferner von demselben an der Tremola, eine 
Abweichung von dem regelmässigen Fächer, deren Grund viel- 
leicht in einer Einsenkung zu suchen, welche die Bergmassen 
der Fibbia*) erfahren haben. Die Granitgneiss - Schichten, 
welche diesen Gipfel zusammensetzen, heben sich wenigstens in 



*) Besteigung der Fibbia. Der ganze nördliche Abhang dieses 
Berges, vom Gipfel sowohl gegen die Gotthard -Seen als gegen das Lu- 
cendo-Thal, besteht aus demselben beschriebenen Granitgneiss. Der 
nördliche, sich gegen das Hospiz senkende Abhang zeigt grosse nebenein- 
ander gereihte Felsrippen, welche in eigenthümlichen buckeiförmigen Ab- 
sätzen zum Gipfel ansteigen. Die so gebildeten Felsgewölbe haben eine 
rauhe Oberfläche, da die zollgrossen Feldspathkörner leistenförmig vor- 
ragen, mit dem längern Durchmesser nahe in derselben Richtung, der 
Streichungsrichtung der Schichten, geordnet. Der Gipfel des Berges, 
gegen N. ein auf den Schichtenflächen ruhendes Schneefeld tragend, 
gegen S. durch senkrechte Wände abgeschnitten, ist aufgelösst in ein 
Haufwerk kolossaler Blöcke, an denen die Schieferung kaum zu er- 
kennen. Der Granitgneiss der Fibbia ist eine der hauptsächlichsten 
Lagerstätten der Gottharder Mineralien. Man gelangt zu einer solchen, 
nachdem man vom Gipfel, auf dem sich gegen den Lucendro ziehenden 
Felsgrath hinabkletternd, bis in den obersten Theil des Lucendro-Thals 
gelangt ist — dicht bei der Senkung, welche die beiden Gipfel Fibbia 
und Lucendro verbindet. Es ist eine Kluft, die sich zwischen den Strei- 
chungsflächen der Granitgneiss-Schichten öffnet; ihr Streichen h. 5., das 
Fallen 50 G. gegen NW. Da die Schichten sich nach oben und unten 
schnell wieder schliessen, so ist die Ausdehnung der Kluft in der Rich- 
tung des Fallens nicht bedeutend, etwa 50 F.; der grösste Querdurch- 
messer 4 bis 5 F. Zu Tage hatte sich diese Krystallhöhle als eine 
mächtige Quarzausscheidung dargestellt. Nachdem man dieselbe durch- 
brochen, war man in den Kluftraum gelangt, aus dem man eine grosse 
Menge Adular, dunklen Bergkrystall, und ausgezeichnet schöne Eisenrosen 
entnahm. Als ich am Ende der gegen 10 Schritte langen Kluft den 
die Wandungen bedeckenden feuchten Lehm forträumte, fand ich noch 
Stücke jener drei Mineralien. Die kühnen, der Gefahr trotzenden Kry- 
stallgräber suchen und finden in den entlegeneren Theilen des Gebirges 
stets neue Krystallklüfte, öffnen sie durch Sprengen und bringen die 
Mineralien in den Handel. — - Die Krystallhöhlen liegen keineswegs immer 
im Streichen der Schichten, schneiden dieselben vielmehr unter den ver- 
schiedensten Winkeln. — Saussure (welcher schon 1775 den Gipfel der 
Fibbia erstieg, den er indess Cime de Fieüd nennt, während der P. di 
Lucendro der Generalstabs-Karte bei Saussure Fibbia heisst) beschreibt 
die Krystallgrotte Sand-Ralm im oberen Götschenen-Thal ; sie liegt eben- 
falls im Granitgneiss, ist umschlossen von einem Quarzgang, der die 



379 



W. sehr bald wieder empor am Lucendro und Leckihorn. Der 
Granitgneiss des St. Gotthard's wird von vielen Gängen eines 
weissen feinkörnigen Gesteins durchsetzt, welche zwar zuweilen 
in der Richtung der Schichtfläche liegen, meist aber unregel- 
mässig nach allen Richtungen laufen, hier anschwellend, dort sich 
zusammenschnürend. Eine sorgsame Beobachtung dieser im Gra- 
nitgneiss der Alpen so gewöhnlichen Gänge lehrte, dass sie 
nahe gleichzeitiger und gleichartiger Bildung sind wie die Haupt- 
masse. Oft durchsetzen sich diese Gang-ähnlichen Ausscheidun- 
gen, indem sie sich verwerfen oder sie sind durch Klüfte mannich- 
fach gegen einander verschoben. Vom Hospiz hebt sich die rauhe 
mit einer Gruppe von Seen erfüllte Felsfläche noch eine kurze 
Strecke unmerkbar (nur etwa 60 F.) empor, um sich dann stetig, 
doch in mehreren stärker und weniger geneigten Stufen zum 
Urserner Thale zu senken. Das Hochthal des Passes in der 
Nähe seines Scheitels weit und offen, zieht sich gegen N. mehr 
zusammen und endet als eine Felsenge mit steilem Absturz bei 
Hospital. Hat man den Scheitel des Berges erreicht, so sieht 



Schichten fast rechtwinklig durchsetzt, war erfüllt von Bergkrystall, 
von weissem, wenig durchscheinendem, in Rhomboedern krystallisirtem 
Kalkspath und von vielem schwärzlich - grünem Chlorit-Sande, 
(Saussure, Voyages d. I. Alpes T. VII. p. 82 — 87). Jener von mir be- 
suchten Höhle, zwischen der Fibbia und dem Lucendro, entstammt mit 
Wahrscheinlichkeit auch eine Eisenglanz - Stufe, auf welcher Dr. A. 
Krantz an der Stelle, wo durch Zufall eine Eisenrose weggebrochen war, 
zwei Zirkon-Krystalle auffand. Die Krystalle, zwei Linien lang, eine dick, 
zeigen das erste quadratische Prisma mit dem Hauptoktaeder. Die Farbe 
ist bräunlich-gelb, Demantglanz. Diese Krystalle scheinen sehr selten zu 
sein, denn es gelang weder Dr. Krantz in seiner Sammlung, noch mir 
unter vielen vom Gotthard mitgebrachten Eisenrosen andere Zirkone auf- 
zufinden. Drei Zirkon-Fundorte sind in den Alpen bekannt: Saualpe in 
Kärnthen, auf einem Quarzlager im Gneiss, in Begleitung von Kalkspath 
und Epidot; Pfitschthal in Tyrol, mit Chlorit, Granat, Diopsid, Rutil, 
Periklin, Apatit, auf Klüften eines an derbem Granat reichen Chlorit- 
schiefers; St. Gotthard mit Bergkrystall, Adular und Eisenglanz. Schon 
Lirdy in seiner vortrefflichen Arbeit über den St. Gotthard führt den 
Zirkon auf, kannte aber von demselben nur ein einziges Stück, von 
welchem er sagt: es scheint mir alle äussere Kennzeichen des Zirkon's 
zu besitzen. Lard\'s Angabe beruhte indess auf einem Irrthum, da der 
von ihm für Zirkon gehaltene Krystall Anatas war. Später im N. Jahrb. 
1842. S. 217 und 1844. S. 160-163 beschrieb D. Fr. Wiser den Gott- 
harder Zirkon, der von allen am Gotthard vorkommenden Mineralien 
das seltenste geblieben ist. 

Zeits. d, d. geol. Ges. XIV. 2. 25 



380 



man die Granitgneiss- Schichten sich steiler emporrichten. Bei 
der Brücke über den Lucendro-Bach, dem Hauptarme der Gott- 
hard -Reuss, steigen die Bänke senkrecht empor«, doch nur auf 
eine sehr kurze Strecke, dann fallen sie bis gegen Hospital gleich- 
massig steil (meist über 70 G.) südlich. Der Scheitel des 
Schichtenfächers bezeichnet auch die Grenze der höheren kry- 
stallinischen Ausbildung des Gesteins. An der Lucendro-Brücke 
weicht der Granitgneiss einem feldspatharmen Gneiss in deut- 
liche Schichten zerklüftet. — Zwar nimmt strichweise dieser 
Gneiss wieder ein gröberes- Korn an und ist weniger schiefrig, 
wie an der Einmündung des Thaies Fortune;*) doch der Gra- 
nitgneiss des St. Gotthardt wird nicht mehr herrschend. Die 
Schlucht, durch welche die Reuss in die Ebene hinabstürzt, zeigt 
Glimmerschiefer entblösst. Hier tritt die Strasse in das von der 
Furca bis zum Oberalpsee etwa 2i Km. messende Ursener Län- 
genthal ein, offenbar ein verbindendes Glied zwischen den grossen 
Thälern der Rhone und des Rheins und doch von beiden durch 
hohe Pässe geschieden. Im Thalboden, dessen tiefster Theil 
zwischen Hospital und Andermatt durch horizontale Alluvions- 
Schichten bedeckt wird, und am Fusse der das Thal gegen 
NW. und SO. einschliessenden Bergwände erscheint ein zusammen- 
gehöriges Schichtensystem; Talk- und Chloritschiefer (bei Ander- 
matt, im Annathal, bei Zumdorf), grüner und grauer Schiefer, 
körniger Kalk durch zwischengelagerte Kalkblättchen schiefrig 
(vor dem Urner Loch, am südlichen Fusse des Teufelsberges), 
und Glimmerschiefer. In diese im Vergleiche zu dem feldspath- 
reichen Gneiss leicht zerstörbaren Gesteine ist das Thal seiner 
ganzen Länge nach eingesenkt. Das Streichen der Schichten 
ist zwischen h. 5 u. 6, also parallel der Längenrichtung des 
Thals von der Furca bis zur Oberalp, ihr Fallen sehr steil, an 
den südlichen Bergen gegen S, an den nördlichen Wänden senk- 
recht. Auf die Ursener Schichtmasse, wechselnd in Betreff des 
Ansehens und der Mischung, folgt gegen N. wieder Granitgneiss, 
welcher auf die Marmor-Schichten südlich des Urner Lochs grenzt; 



*) Dieses Thal bewahrt den ältesten Namen des St. Gotthardts. 
Forti nei hiessen die Berge um 1300. als noch kein Pass nach Italien 
über sie führte. Um 1319 wurde der Weg an der Teufelsbrücke ge- 
bahnt,- 1708 das Urnerloch gebrochen, s. G. Theobald, das Bündner 
Oberland, S. 89. Besson, Manuel etc. S. 222. 



381 



dies durchbricht den Granitgneiss. Das festere Gestein giebt der Berg- 
wand im NW. des Ursener Thals ihr eigentümliches Ansehen: in 
breiter glatter Fläche steigt sie empor, von Schluchten nur wenig ge- 
rissen ; als eine scharfe Felskante, zuweilen in spitze Pfeiler zertrüm- 
mert,*) erscheint die First. Diese zweite Zone von Granitgneiss (in 
welchen die Reuss sich die schauerliche Schöllinen- Schlucht ge- 
rissen) erstreckt sich bis gegen Wasen, dann folgt dünnschiefriger 
Gneiss und Glimmerschiefer bis Amstäg. Vom Urner Loch bis 
über Amstäg hinaus, wo die krystallinischen Schiefer ihr Ende 
erreichen, ist bei stets gleichem Streichen das Fallen unausgesetzt 
südlich, steil, doch um so weniger, je näher der Grenze der 
Centraizone. 

Das Räthsel der Fächerstellung des St. Gotthard wird 
nicht aufgehellt durch das Studium der gegen N. und S. an den 
kolossalen Fächer (dessen Querdurchmesser von NNW. bis SSO. 
zwischen 18 bis 20 Km. beträgt) zunächst angrenzenden Ge- 
steinsmassen. Im N. ruhen auf den nach S. einschiessenden 
Gneissschichten mit abweichender Lagerung die Berge von Jura- 
Kalkstein. Während gegen N. der Schichtenfächer sich so weit 
— bis gegen Erstfeld — fortsetzt, wird die Grenze des südlichen 
Flügels durch die Sohle des Bedretto-Thals bezeichnet. In der- 
selben, ihr parallel, läuft eine antikline Schichtenlinie. Bei Ma- 
drano, wo die Strasse den Gneiss in drei Tunneln durchbricht, 
stehen die Schichten senkrecht. Die südlich sich aufthürmenden 
Berge, aus Gneiss und krystallinischen Schiefern gebildet, neigen 
ihre Schichten gegen S. Ueberblickt man dieses Bergland von 
der Fibbia oder dem Scopi, so wird man durch den überaus 
rauhen, wirren Charakter desselben überrascht. Der Grund liegt 
in dem Umstände, dass man von dieser Seite nur gegen die zer- 
rissenen, emporgerichteten Schichtenköpfe blickt. 



*) Diese Bildung zeigt recht ausgezeichnet der Spitzberg, nördlich 
von Realp, an welchem vorbei man die Kette übersteigen kann. Am 
Spitzberg finden sich die schönen rosenrot hen Flussspath-Krystalle, meist nur 
vom Oktaeder begrenzt, zuweilen indess allein vom Granatoeder. Der 
grösste dort gefundene Flussspath (im Besitze des Kpl. Meyer zu An- 
dermatt, hat über 3 Zoll Kantenlänge. Ein zweiter Fundort rosenrothen 
Flussspaths, liegt im Felli-Thal, welches bei Jntschi sich zur Reuss 
öffnet. Einige andere Fundstätten führt Wiser an, N. Jahrb. 1840, 
S. 217. 



25* 



382 



Wie verändern sich nun die Schichten des St. Gotthard 
und ihre Lagerung im Fortstreichen gegen 0.? 

Die Thäler Canaria und Unteralp. Wenig öst- 
lich vom Airolo bei Madrano zieht sich vom Thal des 
Tessin die Val Canaria gegen NO. aufwärts, an denselben 
Bergen beginnend, von denen gegen N. die Thäler der Unteralp, 
Maigels und Cornera hinabsteigen. Die Mündung der steilab- 
stürzenden Canaria - Schlucht schneidet ein in die Zone der 
N. fallenden Glimmerschiefer- und Gneissschichten. Weiter hinauf 
beobachteten Lardy und Stud^r eine wiederholte Wechsellagerung 
von Glimmerschiefer, Talk-, Granat -reichem Hornblendschiefer, 
körnigem Kalk, Dolomit*) und Gyps**). Diese letzteren Bil- 
dungen (Kalk, Dolomit, Gyps) gehören einer Schichtenfolge an, 
welche sich aus Wallis her am Südabhange des Gotthard's bis 
über den Greina-Pass verfolgen lässt, doch nicht in einem un- 
unterbrochenen Zuge, sondern bald mächtig anschwellend, bald 
sich auskeilend und wieder beginnend. In der obern V. Canaria 
und am Schipsius ruht mit nördlichem Fallen auf jenen Schichten 
Gneiss. Diese Ueberlagerung des Granatschiefers und der Kalk- 
gesteine durch Gneiss werden wir w r eiter im O. unseres Gebietes 
wiederfinden; gegen W. wendet sich die Lagerung bald; schon 



*) Der Dolomit aus Canaria ähnelt demjenigen von Campo longo, 
ist weiss und zuckerartig, sein specif. Gew. nach Lardy 2,780. 

**) „Dans le Val-Can. le gypse forme deux puissantes couches qui 
occupent tout le fond de ce vctllon et le traversent dans une direction 
oblique, elles sont separees par une couche de calcaire grenu ou sacha- 
röide, et dinstinctement encaissees dans le schiste micace. Les couches de 
gypse ont plus de 1000 pieds d'epaisseur.' ( Lardy, a. a. O. S. 250. Auch 
Anhydrit findet sich in V. Canaria. 

„Ueber dem N. fallenden Gyps am Fusse der rechten Thalseite (Ca- 
naria) steigt der Dolomit, wohl bei 30 Meter hoch an mit gleichem N. fallen, 
in der Höhe reichlich mit Talk gemengt. Ueber ihm folgt bei 100 Meter 
mächtig quarziger Glimmerschiefer, dann Talkschiefer, gedrängt voll von 
zum Theil nussgrossen Granatdodecäedern und nun das schöne ebenfalls 
Granat-führende Hornblendgestein, welches man aus den Gotthard - Samm- 
lungen kennt; noch höher Gneiss." Studer, Geol. d. Schweiz I., 405. 

Das Studium des Gypses und des Dolomit's in Livenen bewog schon 
1834 Collegno zu dem Glauben, diese beiden Gesteine seien durch Ein- 
wirkung Magnesia -Sulfat -haltiger Quellen auf kohlensauren Kalk ent- 
standen. Daubree, Metam. S. 37. 



383 



im oberen Bedretto-Thale ruhen die Kalk -Bildungen auf dem 
Glimmerschiefer und dem Gneiss. 

Wie an der Gotthard-Strasse so setzt auch hier das N. fallen 
über die Wasserscheide fort, denn im oberen Theile des Ober- 
alpthals sieht man ausschliesslich steil N. fallende Glimmergneiss- 
Schichten. Der herrschende Gneiss, eine schöne Varietät, ist 
vollkommen schiefrig, reich an schwarzem und silberweissem 
Glimmer in verwebten Flasern und Lagen, welche ein feinkörniges 
Gemenge von weissem Feldspath und Quarz umhüllen. Dies 
Gestein findet sich im Thalboden der Unteralp wie auf dem 
Sohlen- Passe, welcher über die Sixmadun - Kette, zwischen den 
Gipfeln Badus und Canarien, führt, zieht durch Maigels, Cornera 
bis nach Nalps. Das mittlere Streichen der Schichten in der 
Unteralp ist h. 5£, doch ist es nicht ganz constant. Auf sehr 
kurze Entfernungen, von etwa 30 Schritten, kommen Abweichun- 
gen im Streichen von 2 h. vor. Oberhalb des Thalausgangs bei 
Andermatt tritt statt des weissen Glimmers Talk in das Gestein, 
welches streckenweise dem Gneiss der Teufelsbrücke (an den 
prallen Wänden des linken Reuss- Ufers) ganz ähnlich wird: 
weisser Feldspath in Krystallen bis Zoll gross, kleinere Oligoklas- 
Körner von weisser oder grünlich-weisser Farbe, Quarz in klein- 
körnig zusammengesetzten Partien, schwarzer Glimmer, hellgrüner 
Talk, die beiden letzteren mit einander verwebt. Dies Gestein 
ist merkwürdig durch den häufigen Wechsel, welchem seine 
Schichtung und Zerklüftung unterworfen ist. Gewöhnlich stellt 
es sich geschichtet und schiefrig dar, so dass die Schichtenklüfte sich 
in Räumen von wenigen Zollen oder Fussen wiederholen; dann 
beobachtet man keine Querklüfte. Nicht selten aber schwellen 
die Feldspathkörner an, die Schichtklüfte werden so selten, dass 
man auf Strecken von 10 bis 20 Schritten nicht eine findet. 
Wohl aber behalten die Feldspathlinsen und die sie umhüllenden 
Flasern von Glimmer und Talk die Streichungsrichtung bei. Mit 
dem Zurücktreten der Schichtabsonderung tritt regelmässig eine 
Querablösung ein ; nicht ebenflächig, sondern gewölbt theilt sie 
die Felsen in mächtige über einander liegende Schalen. Recht 
beachtenswerth erscheint es, dass in dieser Gneiss-Zone mit grob- 
körnigem Gefüge nnd zurücktretenden Schichtungsklüften immer 
wieder oft nur fuss- oder handbreite Schichten eines dichten 
Glimmer - Thonschiefers eingeschaltet sind. Beispiele dieser 
Wechsellagerung finden sich sowohl in den Schöllinen als auch 



384 



in der Unteralp. — Wo die Unteralp sich mit der von der 
Oberalp steil abstürzenden Schlucht und dem Reussthal vereinigt? 
verlieren die Gesteine das grobkörnige, granitähnliche Gefüge 
und sinken zurück in grünen Schiefer, Chlorit- und zerfallenden 
grauen Thonschiefer, deren Streichen h. 5^ bis 6|-, das Fallen 
meist über 70 Grad gegen S., doch, wie bei morschen Schichten 
erklärlich, unregelmässig. In diese Bildungen ist auch die Ober- 
Alp-Schlucht eingerissen, während die Oberalp selbst von Glimmer- 
schiefer und -gneiss umgeben ist. Denn in der Querkette des 
Sixmadun's nehmen, indem der Talk gleichzeitig verschwindet, 
die Gesteine eine höhere krystallinische Ausbildung an. Der 
Zug talkiger Gesteine von Urseren und der noch ausgedehntere 
im Vorderrheinthal werden in der Gegend des Oberalpsee's durch 
eine Querzone von Glimmerschiefer und Gneiss getrennt. Diese 
letzteren Gesteine bilden nördlich vom See dieselben prallen 
Felswände wie an der Teufelsbrücke; alle Berge in dieser Rich- 
tung zeigen vollkommene Tafelstruktur. Das Streichen ist h. 6., 
das Fallen 70 bis 80 Grad gegen S. Im Sixmadun herrscht 
noch der eine grosse Gotthard -Fächer, dessen centralen Theil 
jene Kette einnimmt. Die Scheitellinie des Fächers läuft über 
den Kamm, sehr wenig nördlich der Badus-Spitze. Jener wilde 
hohe Felskessel, dessen Tiefe der Toma-See erfüllt, wird von 
h. 5 streichenden, fast vertical stehenden Gneiss-Tafeln umgeben, 
zwischen welchen sich der Rhein bei seinem Austritt aus dem 
See eine tiefe Rinne gebildet, durch welche das Wasser sogleich 
300 F. herabstürzt. Bei den in dem Hochthale zwischen dem 
Badus und dem Cavradi ruhenden Seen fallen die (h. 4 strei- 
chenden) Gneiss - Schichten mit grossen Flasern weissen und 
schwarzen Glimmers 75 Grad gegen N. Ueber gleiche, gleich- 
gelagerte Schichten führt der Sohlenpass, zu welchem man von 
O. nur wenig, von W. her bedeutend ansteigen muss. 

Das Tavetscher und das Dissentiser Thal besteht 
wesentlich aus Gneiss und krystallinischen Schiefern. Welchen 
Einfluss auf die Schichtenstellung hat das am Sixmadun begin- 
nende grosse Längenthal des Vorderrheins ? Er spaltet in zwei 
getrennte Fächer den einen grossen Gotthard - Fächer, dessen 
Breite vom Tessin über die Badus-Spitze bis zur Nordseite des 
Maderaner Thals etwa 30 Km. beträgt. In der Rheinthal- 
Sohle stehen nämlich die Schichten senkrecht, an den nördlichen 
wie an den südlichen Gehängen wenden sie die Köpfe dem Thale 



385 



zu, fallen ins Hochgebirge ein, in welchem sie sich wieder senk- 
recht aufrichten, um an den entgegengesetzten Gehängen, näm- 
lich im Etzli und Maderaner Thal, und im Piora Thal die Fall- 
richtung zu wechseln. Das Streichen der Schichten im Tavetsch 
und in der Thalweitung von Dissentis ist nicht ganz constant, 
indem es zwischen h. 5 und 6-f- schwankt. Wie die beiden Ge- 
birgsketten nördlich und südlich des Rheinthals, so streichen die 
sie bildenden Schichten, so auch viele Gänge körniger Ge- 
steine, welche an mehreren Orten zwischen den Schichten er- 
scheinen (auf dem Gipfel des Cavradi, im Tobel von Sedrun, an 
der Rosein-Brücke). Die gleichförmigen Glimmergneiss-Schich- 
ten des Sixmadun verwandeln sich gegen 0. theilweise in Talk- 
und Chlorit-Gesteine, aus welchen schon ein Theil des am öst- 
lichen Ende des Oberalpsees sich erhebenden Berges Calmot be- 
steht. Das Gestein ist theilweise reiner Talk - Chlorit - Schiefer 
(Lavetzstein) — liniendicke Lagen von silberglänzendem Talk 
wechseln mit papierdünnen Schichten dunkelgrünen Chlorit's ab — 
und wird dann als Ofenstein gebrochen (am östlichen Abhänge 
des Calmot's und in der Rheinschlucht nahe bei Ruäras) und 
durch das ganze Oberland versandt. Die kalkreichen Schichten 
treten bei Tschamut auch auf das rechte Rheinufer hinüber, bil- 
den den gegen N. sich vorschiebenden Fuss des Cavradi, die 
breite Bergwand, welche die Oeffnungen der Thäler Cornera und 
Nalps trennt; ihre südliche Grenze liegt in der Val Nalps bei 
der Alphütte Perdatsch, in Medels etwas unterhalb des Dorfs 
Curaglia, läuft über die Vorhöhe des Muraun, und setzt die Gar- 
vera-Felsen zusammen. Auch der Fuss der nördlichen Berge 
auf der linken Rheinseite besteht aus talkreichen Gesteinen; sie 
bilden jenen bogenförmigen Bergrücken, welcher vom Krispalt 
gegen O. sich wendet, erreichen eine ansehnliche Verbreitung am 
Culm de Vi, wo sie im Sedruner Tobel, dem Drun, aufgeschlossen 
sind, finden sich nördlich von Dissentis wieder an der Ausmün 
dung der Thäler Lumpegna und Rosein. Längs des Rheinlaufs 
von Tschamut sind überall talkige Schichten in senkrechter 
Stellung entblösst, zwischen denen der Fluss meist in tiefer 
Schlucht fliesst. Die Schichten, welche die Thaltiefe und die 
untern Theile der Abhänge zusammensetzen, bilden also eben- 
falls einen Fächer, dessen Blätter indess nach unten divergiren. 
Während die talkführenden Gesteine auf der linken Flussseite 
nur bis an die Oeffnungen der Thäler reichen, hier meist ein 



386 



körniges Gefüge besitzen, herrschen auf der rechten Seite zäher 
dichter Talkschiefer und Gneiss, deren schwer zerstörbare Masse 
die südlichen Thäler verschlossen, bis sich das Wasser in engen 
Schluchten Wege bahnte. Das Gebiet talkiger Gesteine vom 
Calraot bis zur Rosein-Schlucht bietet eine nicht geringe Mannich- 
faltigkeit vielfach in einander übergehender Gesteine dar. So 
besteht die Vorhöhe des Krispalt's, welche sich nach Ruäras 
zieht, sowie die Rheinschlucht bei der Thurmruine Puntaningen 
aus feinschiefrigem Talkgneiss — in die Flasern des lichtgrünen 
Talks mengt sich auch dunkelgrüner Chlorit — h. 6. Weiter 
hinauf in der Rheinschlucht bei der auf einer aussichtsreichen 
Matte gelegenen Capelle Sta. Brigitta ist das Gestein dicht und 
schwankt zwischen Talkschiefer und grünem Schiefer, unterge- 
ordnet erscheint hier Hornblendeschiefer. Gegen Tschamut stellt 
sich Glimmerschiefer im Thale ein, doch die Gesteine der nörd- 
lichen und südlichen Höhen sind talkig. Zwischen kulissenartig 
hervortretenden senkrechten Wänden von Talkgneiss (h. 6|) 
stürzt der Cornera- Rhein hervor. Bei Sedrun (sowie auch in 
der Ebene von Dissentis) entblösst der Rhein nahe der Ober- 
fläche anstehende Schichten von Talkschiefer, zum Beweise, dass 
unter den Alluvionen jener Thalweitungen in geringer Tiefe die 
Gebirgsschichten anstehen. Bei Surrhein (Tavetsch) senken sich 
die Schichten von Talkgneiss 40 bis 50 Grad gegen das süd- 
liche Hochgebirge. Weiter gegen S. richten sich die Schichten 
schnell senkrecht empor, die Felsen in der Nalpser Schlucht er- 
innern auffallend an diejenigen von Cornera. Nahe den Hütten 
Perdatsch tritt im Talkgneiss eine schmale Schicht Quarzit-ähn- 
lichen Gneisses ein, dicht erfüllt mit vielfach zerbrochenen, 
schwarzen Turmalin-Nadeln. — Zwischen Dissentis und Mompe 
Medels fliesst der Rhein in einer unter der Thalebene etwa 
100 Meter eingeschnittenen Schlucht. Bei der Brücke fallen 
die Schichten des talkreichen Gneisses 68 Grad gegen S., h. 4j. 
Höher am Abhänge gegen Mompe hinauf ist das Fallen nur 
45 Grad gegen S. (h. 7), wird aber wieder steiler über dem 
Dorfe, wo der Weg nach Medels hineinführt. Ueber der gegen 
350 Meter senkrecht abstürzenden Mittelrhein -Schlucht stehend, 
überzeugt man sich, dass dieselben Schichten, welche in der 
Tiefe 60 bis 80 Grad gegen S. fallen, höher empor gegen die 
Gebirgsoberfläche sich allmälig gegen N. umbiegen, so dass 
sie hier viel flacher gegen S. fallen. Der breite Abhang, in 



387 



welchem die gewölbte Vorhöhe des Muraun's gegen 4000 F. 
zum Rhein abstürzt, besteht aus h. 6 streichenden Talkgneiss- 
Schichten — in der untern Hälfte der Höhe dünnschiefrig, in 
der obern Hälfte sehr grobkörnig mit faustgrossen Feldspath- 
linsen, wenig Quarz, ausser Talk auch etwas schwarzem Glim- 
mer, — welche am Fusse des Berges sehr steil nach S., weiter 
hinauf sich flacher senken, an der Bergkante nur 15 bis 20 G. 
Die nördlich fallenden Schichten der linken Thalseite sind am 
Ausgang des Strim-Thals bei Sedrun entblösst, es ist hellgrauer 
Talkschiefer (h. 7) etwa 60 Grad gegen N. In diesen Schichten 
öffnet sich nördlich von Sedrun ein wüstes schwer zugängliches 
Tobel, das Drun, in die Masse des Culm de Vi tief einschneidend. 
Das herrschende Gestein im Drun ist Talkchloritschiefer (h. 7), 
zwischen dessen fast senkrechte Schichten sich mit gleichem 
Streichen zahllose, gangähnliche Massen eines körnigen, weissen, 
feldspathreichen Gesteins einschieben — ein kleinkörniges Ge- 
menge von Feldspath und lichtgrünem Talk. — Die Gänge, 
1 bis 3 Fuss und darüber mächtig, treten so dichtgeschaart auf, 
dass ihre Gesammtmächtigkeit jener des Schiefers im Drun kaum 
nachstehen möchte; sie sind nicht völlig ebenflächig, sondern 
etwas wellig, schwellen an, ziehen sich zusammen. In ihnen 
finden sich mit grünem Chlorit-Sande erfüllte Drusen, welche in 
Begleitung von Adular, Kalkspath, Apatit (selten), Stilbit, Berg- 
flachs die schönsten Sphene geliefert haben. Das Wasser des 
Drun's ist eines der wildesten im Oberlande; indem der Schiefer 
zerstört wird, verlieren auch die gangähnlichen festen Massen 
ihren Halt, stürtzen herab und wirken, indem sie vom Wasser 
fortgeführt werden, zerstörend auf die Fruchtebene von Sedrun. 
Aus Talkgneiss — bis zollgrosse weisse Feldspath -Zwillinge, 
kleine gleichfarbige Oligoklase, wenig kleinkörniger Quarz, viel 
lichtgrüner Talk, wenige kleine dunkelgrüne Chloritblättchen — 
besteht der südliche Theil des Culm de Vi, welcher sich in zwei 
Aeste theilend einen kreisförmigen Kessel umschliesst, dessen 
enge Oeffnung bei Bugnei liegt. Der Fuss des Berges, an 
welchem der Weg von Sedrun nach Mompe Tavetsch hinführt, 
besteht aus dünnschiefrigen morschen Schichten (Talkschiefer 
zum Theil dem Thonschiefer ähnlich, h. 5 bis 6, 38 bis 55 G., 
gegen N., zuweilen fast senkrecht). Höher hinauf, wo die beiden 
Aeste des Culm de Vi sich oberhalb des Drun's zu einem Fels- 
kamm vereinigen, weicht der Talk dunklem Magnesiaglimmer. 



388 



Der hier beginnende, in senkrechte Tafeln sich erhebende Glim- 
mergneiss bildet den dachförmigen Berggrath, dessen First bis 
zu dem 3330 Meter hohen Oberalpstock ansteigt. Besonders 
lehrreich ist das Studium der Gesteine, welche im N. der Thal- 
weitung von Dissentis anstehen, wegen ihres Schwankens in Be- 
zug auf Schieferung und mineralogische Zusammensetzung. Ein 
feinkörniger Talk - Hornblende - Gneiss, wie ihn die Strasse an 
vielen Orten z. B. an der Brücke Stallusa, an der Mündung des 
Lumpegna- Thals entblösst, scheint als das Urgestein betrachtet 
werden zu dürfen, welches bald zurücksinkt in einen völlig dich- 
ten Schiefer, bald in schnellen Uebergängen grobkörniges Gefüge 
annimmt, hier neben Oligoklas Feldspath und Quarz dort viel- 
leicht nur Oligoklas und wenig Quarz enthält. Die Mehrzahl 
der Gerölle der Ebene von Dissentis, welche von den nördlichen 
Bergen kommen, sind grobkörniger Gneiss: weisser Feldspath in 
Körnern bis ~ Zoll gross, Oligoklas nur an der sehr feinen 
Streifung auf der Spaltungsfläche von jenem zu unterscheiden, 
Quarz in kleinkörnigen Partien, häufig brauner Titanit, dunkel- 
grüner Glimmer und Talk, theils in Flasern, theils in gerundeten 
Gruppen. In Betreff der Menge der verschiedenen Bestandtheile 
und ihres Korns herrscht vielfacher Wechsel. Einen grosskörni- 
gen Chlorittalk- Gneiss mit rothen Feldspathkörnern und Quarz 
sieht man oberhalb der Rosein -Brücke. Unterhalb derselben 
gegen Sumvix herrschen dunkle nicht schiefrige Gesteine, welche 
indess durch häufige Schichtungsklüfte ihre metamorphische 
Natur zu verrathen scheinen. Das Gemenge besteht vorwiegend 
aus schmutzig grünen Oligoklas -Körnern, wenigem Feldspath, 
Quarz, schwärzlichem Glimmer, liniengrossen gelben Titaniten. 
An den durch die Strasse gemachten Entblössungen von der 
Stallusa-Brücke bis gegen Sumvix zeigen sich viele Gänge oder 
gangähnliche Ausscheidungen, theils von Quarz mit chloriter- 
füllten Höhlungen und Klüften, theils von weissem oligoklasreichem 
Gestein. Diese Gänge folgen zuweilen den Schichtklüften, 
häufiger erscheinen sie als unregelmässig gewundene Bänder, 
stets licht auf dunklem Grunde. Wo Schichtung zu erkennen, 
ist das Streichen h. 5, das Fallen über 50 Grad gegen N. Eine 
Ausnahme von dieser Fallrichtung bildet die Oeffnung der Ro- 
sein-Schlucht, welche die Strasse auf einer der schönsten Brücken, 
welche etwa 70 Meter über der Tiefe schwebt, übersetzt. Hier 
herrscht ein massiger dichter Dioritschiefer mit Schnüren von 



389 



Epidot. Die Schichtung fällt an der Felswand zur Linken der 
Schlucht 60 Grad gegen S., an derjenigen zur Rechten steht 
sie senkrecht. Zwischen den Bänken des Dioritschiefers schieben 
sich in gleicher Lagerung zahlreiche 1 bis 3 Fuss mächtige 
Gänge eines lichteren kleinkörnigen Gesteins ein: vorzugsweise 
bestehend aus Oligoklas und feinkörnigem Quarz, wenig Feld- 
spath, Magnesiaglimmer und Talk. Einige Gänge bestehen 
lediglich aus Quarz. 

So erhalten die Felsen der Rosein - Schlucht eine grosse 
Aehnlichkeit mit denjenigen des Drun's, welche dadurch noch 
auffallender wird, dass auch hier durch den Bau der neuen 
Strasse mineralienreiche Lagerstätten — Quarz, Kalkspath, Adu- 
lar, Sphen, Epidot — sind aufgeschlossen worden. Sie finden 
sich auf der östlichen Seite der Schlucht in Querklüften, welche 
etwa 10 bis 20 Schritt fortsetzend, die Schichten und zwischen- 
gelagerten Gänge senkrecht gegen die Falllinie durchschneiden, 
und mit Chlorit-Sand erfüllt sind. Unzweifelhaft spielen die 
Gänge im Drun und Rosein eine Rolle bei der Entstehung jener 
Mineralien. Dem Gebiete der talkigen Gesteine im Thale von 
Tavetsch und Dissentis gehören noch folgende Mineralien an: 

Magneteisen, in Oktaedern bis j Zoll gross, ist häufig 
im Talkschiefer der Rheinschlucht, namentlich im Tavetsch. 

Anatas findet sich in der Thalschlcht des Mittelrheins 
(Ruinas), bei Surrhein gegenüber Sedrun, bei der Kapelle Sta. 
Brigitta, in der Cornera- Schlucht. Alle diese Orte liegen un- 
mittelbar am Rhein auf der Streichungslinie der Schichten. 

Brookitin äusserst kleinen Kry stallen begleitet zuweilen 
die Anatase. 

Eisenglanz in Begleitung von Rutil, Anatas, Quarz, 
Adular, Kalkspath findet sich in horizontalen Klüften eines fein- 
schuppigen Talk -Glimmerschiefers (h. 6-f- senkrecht) auf einer 
ostwestlich streichenden, ziemlich schmalen (von N.— S. etwa 
50 Schritte messenden) Zone in der Cornera- Schlucht, sowohl 
auf der rechten, als auch vorzugsweise auf der linken Seite am 
Fusse des Cavradi. Die Rutil - bedeckten Eisenglanz - Krystalle 
dieses Fundorts übertreffen an Schönheit alle anderen*). 



*) Früher beschäftigten sich in der guten Jahreszeit beständig 
10 bis 15 Männer mit dem Aufsuchen der Eisenglanze, theilweise unter 
Lebensgefahr, indem sie sich mittelst langer Stricke an den senkrechten 



390 



Turnerit findet sich in Begleitung von Anatas und Quarz 
auf Talkschiefer gegenüber Ruäras. 

Die kalkführende Schichtenmasse von Tavetsch und Dissentis 
wird umgeben von Glimmergneiss — aus dessen Gemenge Talk und 
Chlorit keineswegs ganz ausgeschlossen sind — in conförmer Lage- 
rung, so dass also im N. und S. die Schichten des Glimraergneisses 
entweder senkrecht neben den talkreichen verlaufen, oder diese in 
steiler Stellung überlagern. Eine scharfe Grenze beider Gesteine ist 
nicht zu beobachten. — Ein ebenschiefriger feldspatharmer 
Glimmergneiss setzt den Berg Cavradi mit Ausnahme seines 
nördlichen Fusses zusammen. Hier streichen die Schichten 
h. 4j bis 5, je höher man sich erhebt, um so steiler nach S. 
fallend — auf dem Gipfel 76 bis 78 Grad. Auf diesem, wel- 
cher wegen seiner rings isolirten Lage vortrefflich geeignet ist, 
das Quellgebiet des Vorderrheins zu überschauen, schiebt sich 
ein ca. 3 F. mächtiger Granitgang zwischen den Schichten des 
Granat-führenden Gneisses ein; sein Gestein ist ein grobkörniges 
Gemenge von weissem Feldspath und Oligoklas, Quarz, zoll- 
grossen Blättern silberglänzenden Kaliglimmers und kleinen leu- 
citöedrischen Krystallen von rothem Granat. Blöcke solchen 
Granits findet man mehrfach sowohl in unserm Gebiete, als in 
der Centraizone überhaupt zerstreut. Sie rühren stets von solchen 
Gängen oder Ausscheidungen her. Es erscheint der Erwähnung 
werth, dass die körnigen Varietäten, welche so vielfach aus den 
krystallinischen Schiefern (darunter manche Kaliglimmer führende) 
der Alpen hervorgehen, wohl silberglänzenden Talk, vorwiegend 
Magnesiaglimmer und Hornblende, niemals aber Kaliglimmer 
enthalten — der vielmehr allein auf Ganggranite beschränkt 
ist. — Die Glimmergneiss - Schichten des Tavetsch bieten wenig 
westlich von den Maigels-Seen, am östlichen Abhänge des Badus 
eine überaus merkwürdige Mineral - Lagerstätte dar. Zwischen 
den senkrechten Schichten (h. 4) des Gneiss mit schwarzem und 
weissem Glimmer liegt als Kluft- Ausfüllung eine Masse theils 
derben, theils krystallisirten Granats — es ist der bereits 
Rome de L'isle bekannte Hyacinth von Dissentis. — Mit den 
Granaten findet sich graublauer, meist derber, -doch zuweilen 



Felsen des Cornera- Rheins herabliessen. Jetzt werden jene Krystalle 
nicht mehr so hoch bezahlt, dass die Leute angereizt würden, neue An- 
brüche aufzusuchen. 



391 



wohl auskrystallisirter Epidot, lichtbräunlich-grüner 
Epidot in wohlgebildeten, flächenreichen Krystallen, Quarz 
und körniger Kalkspath, welch letzterer die granatreichen 
Platten bedeckt, doch leicht sich abspalten lässt. Diese bräun- 
lichrothen Granaten vom Badns haben schon Saussure's beson- 
dere Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil sie im Innern theils 
aus graublauem Epidot, theils aus Quarz und Kalkspath oder 
aus einem Gemenge dieser drei Stoffe bestehen, über welches 
die Granat-Masse zuweilen nur eine dünne Hülle bildet. 

Schwarzer Turm al in in kleinen Krystallen hat sich ge- 
funden am Cavradi und in der Roseinschlucht. 

Das Strim-, Etzli- und Mad er an er-T hal. Die 
geognostische Zusammensetzung der nördlichen Tavetscher Zweig- 
thäler ist so übereinstimmend, dass eine Schilderung des Strim 
auch für die westlichen kürzeren Thäler gilt. Der gegen N. 
nur wenig mächtigen talkigen Schichten, welche an der Oeffnung 
des Strim's anstehen, geschah bereits Erwähnung. Alsbald folgt 
Glimmergneiss (h. 6|-) schon hier in nahe vertikalen Schichten. 
An den steilen Wänden des durchaus steinigen Thals ragen gleich 
mächtigen Rippen festere Gesteinsbänke zwischen morschen hervor. 
Der in der untern Thalhälfte herrschende Gneiss ist mittelkörnig : 
weisser Feldspath, fast gleichfarbiger, etwas trüber Oligoklas, 
Quarz in feinkörnigen Partien, bräunlich - schwarzer Magnesia- 
Glimmer und wenig lichtgrüner Talk. In der Mitte des Thals 
findet sich eine steile Felsterrasse, welche sich in den westlichen 
Thälern wiederholt und einer Zone grobkörnigen Gneisses mit 
zollgrossen Feldspath - Krystallen ihre Entstehung dankt. Diese 
Felsen tragen deutliche Gletscherschliffe, während sich jetzt die 
Eismassen bis in den Hintergrund des Thals zurückgezogen 
haben. Je mehr man sich demselben nähert, desto mehr nehmen 
die Schichten ein körniges Gefüge an — in weit höherem Grade 
als in der Sixmadun- Kette. — Am häufigsten enthält das Ge- 
menge vorwiegend schneeweissen Oligoklas (bis \ Zoll gross), 
viele graue gerundete Quarzkörner, Magnesiaglimmer in einzelnen 
Blättchen oder blättrigen Kugeln. Der Feldspath scheint in den 
meisten dieser körnigen Gesteine zurückzutreten, zuweilen fehlt 
derselbe ganz. Neben dem schwarzen Glimmer erscheint Horn- 
blende, bei deren reichlicherem Eintritt der Quarz verschwindet. 
Viele Handstücke aus Strim würde man als wahre Diorite und 
Syenite anerkennen, wenn auch nicht hier wieder der innigste 



392 



Zusammenhang mit den krystallinischen Schiefern hervorträte. 
Es erscheinen zwar gangähnliche Massen — weiss auf dunklem 
Grunde — in grosser Zahl, die indess nicht als wahre Gänge 
aufgefasst werden können; denn in ihrem vollkommen unstäten 
Verlauf sieht man sie wohl ringsum geschlossen und ihre Masse 
enge verflösst mit dem Nebengestein, von dem sie sich auch 
nicht wesentlich, sondern meist nur durch ein verschiedenes 
Mengeverhältniss der Bestandtheile unterscheiden. Solche Adern 
müssen gleichartiger und nahe gleichzeitiger Entstehung sein 
wie die Gesteine, in denen sie verlaufen, und diese sind kaum 
zu trennen von den krystallinischen Schiefern. Ueber dem Ur- 
sprung des Strim's liegt der Kreuzli-Pass, die tiefste Einsenkung 
im Krispalt-Zuge — zwischen dem Reuss-Durchbruche und dem 
Kunkels-Joch bei Reichenau, eine Strecke von mehr als 70 Km. 
— , welche in der Gebirgsrundsicht vom Scopi deutlich in's Auge 
fällt, denn nur hier blickt man über das Gebirge hinweg bis zu 
den Abhängen des Etzli und des untern Reuss-Thals. Es scheint 
hier die tiefe Spalte des Reussthals unterhalb Amstäg mit gleicher 
Richtung gegen S. fortzusetzen. Die Linie senkrechter Schichten- 
stellung durchsetzt Strim in seiner Mitte dort, wo die geglättete 
Felsterrasse hervortritt. Steil südliches Fallen (auf dem Kreuzli 
Granitgneiss mit zollgrossen Feldspath-Krystallen 80 Grad gegen 
S.) herrscht in der obern Thalhälfte, aus welcher unnahbare 
Felswände und -halden zum Oberalpstock aufsteigen. — Das 
Etzli-Thal zeigt einen mehrfachen Wechsel mässig ansteigender 
Thalweitungen und steiler Stufen ; mit einer solchen mündet es 
in das Maderaner-Thal, wie auch dieses in einem tausend Fuss 
hohen Abstürze sich mit dem Reuss-Thale vereinigt. Im Etzli- 
und Maderaner Thale wie überhaupt auf dem nördlichen Abhänge 
dieses Theils des Krispalts- Zuges herrschen wieder Talk- und 
Chlorit-führende Schichten, meist grobschiefrige Gneisse,- häufig 
massige Varietäten. Das allgemeine Streichen der Schichten ist 
h. 4, also etwas abweichend von demjenigen in Tavetsch, das 
Fallen stets südlich, gewöhnlich um so weniger steil, je weiter 
von jenem Scheitelpunkte des Fächers (der Felsterrasse im Strim) 
entfernt. An den Abhängen des Weitenalpstock's — im 0. des 
Etzli's gelegen — sieht man einen schnellen Uebergang des 
morschen Talkschiefers in festen Hornblendegneiss, h. 4, 55 G. 
gegen S., welch letzteres Gestein einen grossen Felssturz, die 
blaue Gande, zusammensetzt, welcher sich vor wenigen Jahren 



393 



vom Berge löste. Hier wie an vielen andern Orten des Etzli- 
und des Maderaner Thals erscheinen im Chloritgneiss ausser 
jenen im Strim so häufigen gangähnlichen Ausscheidungen viele 
Quarzgänge, deren hohle oder mit Chloritsand erfüllte Räume 
besonders Kalkspath-, Adular- und Quarz- Krystalle einschliessen. 
Auf der rechten Seite des Thalausgangs stehen reine Talk-Chlo- 
ritschiefer-Schichten an (45 Grad S. fallend), in denen sich Ofen- 
steinbrüche befinden. — Das Maderaner Thal zieht besondere 
Aufmerksamkeit auf sich, da es parallel und nahe der Grenze 
der Centraizone in die krystallinischen Schiefer einschneidet. 
Drei Stunden lang zieht es von Amstäg bis zu jenem wohl zwei 
Quadratstunden einnehmenden Firnmeere, dessen Eislasten sich 
theils im Clariden- und Sandfirn gegen den Canton Glarus, theils 
im Häfi - Gletscher gegen das Maderaner Thal herabsenken. 
Jenes Firnmeer, dessen centraler Theil sich in einer Meereshöhe 
von nahe 3000 Met. ausbreitet, verbirgt die Gesteinsgrenze, denn 
die Felsen Cambriales auf der Bündtner Seite bestehen aus süd- 
fallendem Gneiss, der nördliche Felsrand, das Scheer- und Cla- 
ridenhorn, aus Kalkschichten ; zwischen beiden Bildungen dehnt 
sich von keinem Felsen unterbrochen mehr als eine Stunde weit 
die Firnfläche aus. — Das Maderaner Thal hat in der Mitte 
seiner Erstreckung (bei Griessern) eine steile Stufe, mit einer 
ungleich tieferen fällt es dem Abgrund des Reussthals zu. Die 
südlichen Thalgehänge sind ungemein steil, stürzen ohne jegliche 
Terrasse zum Theil 2000 Meter ab. — Mit Ausnahme des Etzli 
sind die Nebenthäler nur Schluchten mit unersteigbarer Sohle. 
Das nördliche Gehänge steigt zunächst 800 Meter in einer 32 G. 
zum Horizont geneigten Wand empor, bis zu den Staffeln. Dort 
breitet sich, schon ansehnlich über der Baumgrenze erhaben, eine 
mehr ebene Terrasse aus, über welche unersteigbare Wände bis 
über 3100 Meter ansteigen. Die südliche Thalseite durchaus 
und die nördliche bis zu den Staffeln bestehen aus Chloritgneiss : 
weisser Feldspath, weisser Oligoklas, Quarz in runden Körnern, 
Chlorit und Talk, theils in kugeligen Partien, theils in zusammen- 
hängenden Lagen, zuweilen tritt auch Hornblende ein. Wie in 
Bezug auf Schieferung, so schwankend ist dies Gestein in seiner 
mineralogischen Zusammensetzung, hier nähert es sich einem 
Diorit, dort mehr einem Syenit. Diese Gesteinsübergänge finden 
sich besonders am Golzerberg (einer Vorhöhe der Windgälle), 
wo auch das Gestein reich an gangförmigen Ausscheidungen, 



394 



deren gebogene und verschlungene Bänder auch hier wieder licht 
auf dem dunklern Grunde der Hauptmasse erscheinen. Viele 
Partien eines dichten Hornblendefels liegen gleich Einschlüssen 
in der Masse des Chloritgneisses oder eines Dioritschiefers. Diese 
Erscheinungen erinnern gleich denjenigen im Strim und in der 
Gegend der Roseinbrücke vollkommen an gewisse Gegenden (Piz 
Corvatsch, Campfer) des Berninagebirges*). Die krystallinischen 
Schiefer des Golzenberg's schliessen auch bis Fuss-grosse Massen 
körnigen Kalksteins ein**). Das herrschende Streichen der 
Schichten ist h. 4 (wie im Etzli), das Fallen an den tieferen 
Gehängen und gegen den Thalausgang steiler (nämlich 75 G.) 
als im Thalhintergrund und an den Bergeshöhen (55 bis 65 G.). 
Also auch hier wie in der Medelser Schlucht scheinen die Gneiss- 
tafeln in ihrem Emporsteigen flacher umzubiegen. Jene wilde 
Felsfläche „in den Staffeln," welche selbst noch aus Gneiss be- 
steht, bezeichnet in dieser Höhe die nördliche Grenze der Cen- 
traizone. Der schiefe Spalt des Reussthals, indem er eines der 
grossartigsten Felsprofile blosslegt, lässt die Lage der Grenz- 
fläche zwischen Gneiss und den Kalkbildungen erkennen, sie bil- 
det eine nach N. schiefgeneigte Ebene; denn während sie in den 
Staffeln die Höhe zwischen 2000 und 2300 Meter behauptet, er- 
reicht sie die etwa 460 Meter hohe Sohle des Reussthals bei 
Erstfeld fast 1 Meile nördlich der Mündung des Maderaner 
Thals. Die Gneisstafeln behalten bis zur Grenzfläche ihre nor- 
male Stellung, die Kalkschichten liegen bald wagerecht, bald 



*) „Syenitnester von feinem Gewebe und grauer Farbe finden sich 
nicht selten in diesem Gneissgranit, oft nur von der Grösse einer Bohne 
oder eines Apfels, aber auch so mächtig, dass ganze Felsen daraus zu 
bestehen scheinen, welches besonders am nördlichen Ende des Gebildes 
— — der Fall ist. Nicht selten durchziehen diese Felsart nach allen 
Richtungen Adern von feinkörnigem, beinahe ganz weissem Granit, oder 
Adern von milchweissem Quarz; letztere führen besonders schöne Berg- 
krystalle" — sagt Dr. Lusser (Darstellung des Alpendurchschnitts vom 
St. Gotthard bis Art am Zuger See, 1829) von dem Gneissgebiet zwischen 
dem Urner Loch und dem Wasener Walde. 

**) Diese bemerkte schon Lusser, indem er in Betreff der Gesteins- 
grenze sagt : „Unmittelbar über den Gneiss, der — — hin und wieder, 
z. B. am Bocki (in der Gegend der Titlis) kleine Nester von milch- 
weissem Kalkspath enthält, lehnen sich Kalkniederschläge u. s. w." 



395 



mehr bald weniger südlich ansteigend, bald nördlich zurück- 
beugend über den Gneiss. doch so, dass die allgemeine nördliche 
Einsenkung unverkennbar ist" (Lusser).*) In den Staffeln lagern 
rings umgeben von S. fallenden Gneissschichten einige grosse 
Kalkinseln. Der Kalkstein ist deutlich geschichtet, zum Theil 
plattenförmig abgesondert, die Schichten wenig geneigt, bald 
gegen S., bald gegen N. Die Oberfläche dieser zum Theil 
mehrere 100 Schritt ausgedehnten Kalkfelsen trägt Karrenfelder, 
zum Beweise, dass auf diesen Höhen ehemals Eismassen sich 
ausdehnten**). Ueber der Felsfläche der Staffeln erhebt sich 
nun das mächtige Schichtprofil der Kalkalpen noch mehr als 
1000 Meter über den Gneiss, welches von Lusser genau ge-' 
schildert, von B. Studer auf Grund von Versteinerungen in 
die Formationsfolge ist eingefügt worden. Im Profile folgt von 
unten nach oben (nach Lusser): 

Unterer J ura (Studer's Zwischenbildungen); führt (nach 
Studer) bei Oberkätern am Golzerberg den Ammonites Hum- 
phriesianus Sow. 



*) „La base schisteuse primitive de ces montagnes va en s^abaissant 
continuellement, — mais les montagnes calcaires secondaires qui leur 
succedent, s'avancent pardessus elles, et les recouvrent ; en sorte que deja 
vis -ä- vis d'Amstaeg les hautes cimes sont calcaires. Sauss. Voyages, 
VII. 93. 

**) Dass die sedimentären Kalkschichten sich einst weiter über die 
krystallinischen Schiefer erstreckten, beweist auch jene von Lusser auf- 
gefundene Kalkbank im Mayenthal, welche rings von Gneiss umschlossen, 
fast 1 Meile von den zusammenhängenden Kalkmassen im N. sich ent- 
fernt. Eine genaue Beschreibung der Kalkschicht gab Escher v. d. 
Linth, Neues Jahrbuch 1845. S. 557 — 559. er wies ihre Uebereinstim- 
mung mit den Kalklagern nach, ,, welche u. a. am Süd- Absturz der Titlis- 
Tödi- Kette über den ki'ystallini sehen Gesteinen vorkommen," und fand 
in jener Kalkinsel neben deutlichen Belcmniten auch solche Exemplare, 
welche wahrscheinlich durch Quetschung und Streckung des Gesteins in 
einzelne Theile zerrissen sind, deren Zwischenräume durch kürzere, etwas 
dickere oft knotenförmige Stücke grauen feinkörnigen Kalksteins von ein- 
ander getrennt sind, so dass sie als knotige Stäbe erscheinen. Abbildun- 
gen dieser merkwürdigen Körper s. B. Cotta, Geolog. Briefe aus den 
Alpen (1850) S. 307. — Das Plateau der Staffeln verdient auch wohl 
eine genauere Untersuchung, als sie mir bei einmaligem Besuche und 
ungünstiger Witterung möglich war. 



Zehs. d.d. geoI.Gcs. XIII. 4. 



26 



396 



dichter, matt gelblich grauer, im Bruch feinerdig, unvoll- 
kommen muschliger Kalkstein, 
schwarz grauer, feine Glimmerblättchen enthaltender Thon- 
schiefer mit Thoneisenstein-Nieren, 
harter, rauher, aus feinem Quarz, Kalk- und Glimmer- 

theilchen bestehender Schiefer, 
harter, grob- und feinkörniger, von einer Menge spathiger 
Blättchen schimmernder Kalkstein, gewöhnlich von 
schwarz grauer Farbe. 
Die durchschnittliche Mächtigkeit der Schichten des Unter- 
Jura's beträgt hier nach Ltjsser 3 bis 400 Fuss. 

Mittlerer Jura oder Hochgebirgskalk, hier ohne Ver- 
steinerungen, dichter, gleichartiger, feinerdiger, im Längenbruch 
schiefriger, im Querbruche undeutlich kleinmuschliger, in pris- 
matische und rhomboidale, klingende, scharfkantige Bruchstücke 
zerspringender Kalkschiefer. Diese Schichten sehr gleichförmig, 
wenngleich mehr als 4 Mal so mächtig als der untere Jura, 
bilden weissliehe oder bläulich-graue Wände, durch ihre Nackt- 
heit ausgezeichnet. 

„Die Senkung dieser eben beschriebenen Kalkschichten ist 
im Allgemeinen nördlich, doch unter mehrmaligen Umbeugungen 
und Windungen. Zu beiden Seiten des Reussthaies steigen die 
Schichten unter einem Winkel von etwa 30 Grad südlich an, 
neigen sich dann fast horizontal nach S. über, beugen sich auf 
einmal unter einem spitzen Winkel nach N. zurück, und neigen 
sich abermals unter einem stumpfen Winkel nach S. über, steigen 
dann eine lange Strecke steiler als früher südlich an, und win- 
den sich, über der Holzregion angekommen, in einigen Schlangen- 
krümmungen beinahe senkrecht empor." (Ltjsser)*). 

Ein interessantes Beispiel der Gesteinsmetamorphose bietet 
die rechte Seite des Maderaner Thals an und über dem Golzer- 
berg und am Gipf der Windgelle. Der von Lusser hier auf- 
gefundene Porphyr ist nämlich nach den Untersuchungen A. 
Escher's (s. Studer's Geol. d. Schweiz) durch keine scharfe 
Grenze vom Kalkstein des untern Jura geschieden, sondern 
verläuft sich in denselben und bildet darin bald anschwellende 



*) Das Profil der Windgelle giebt Lusser (Denkschr. d. Schweiz. 
Ges. I. 1. Tafel VII u. VII) und B. Studer, (Geol. d. Schweiz II. 
S. 177 u. 178.) 



397 



bald wieder sich auskeilende Aussonderungen; er erscheint in 
deutlicher Lagerung als ein Glied des unteren Jura und scheint 
die Stelle des körnigen, schwarzen Kalksteins zu vertreten, der 
in dieser Gegend ganz fehlt. Von gangartigem Auftreten ist 
keine Spur zu sehen. — In vielen grossen Blöcken fand ich den 
Porphyr in der Gegend des Golzersees, welcher rings von an- 
stehenden Gneisschichten umgeben ist. Dorthin ist jenes Gestein 
wohl unzweifelhaft von der Höhe herabgeführt worden. 

Das Maderaner Thal mit seinen Nebenschluchten, von denen 
nur Etzli den Namen eines Thals verdient, birgt mehrere inter- 
essante Vorkommnisse zum Theil seltener Mineralien, welche 
vorzugsweise in den den Talkgneiss nach allen Richtungen durch- 
setzenden, unsteten, zum Theil quarzerfüllten Gangklüften — den 
sogen. Strahlenbändern — sich finden. In je härterm Gestein 
die Strahlenbänder verlaufen, um so sicherer wird das Oeffnen 
derselben Krystalle zu Tage bringen. Wo zwei Bänder sich 
kreuzen, pflegen die reichsten Lagerstätten zu sein ; das Neben- 
gestein der Bänder schwankt zwischen einem fast dichten Talk- 
gneiss und einem in Handstücken vollkommen körnigen Diorit. 
Fundstellen sind alle Schluchten, welche das südliche Gehänge 
des Thals furchen : Das Brunni-, Stein-, Stössi-. Griesern- und 
das obere Etzli Thal, nahe dem Kreuzli - Passe (Runde Planke 
oder Mittelplatte) auch der Hügel, welcher die Ruine Zwinguri 
bei Amstäg trägt. 

Brookit und Anatas theils eines dieser Mineralien allein, 
theils beide aufeinandergewachsen — vorzugsweise in der Grie. 
sernschlucht und den benachbarten Schluchten, an deren obern 
überaus jähen, fast unzugänglichen Stellen. Quarz von ver- 
schiedener Bildung und Farbe, darunter schön nelkenbraun, an 
vielen Orten, häufig zusammen mit Kalk spat h in vielen Com- 
binationen, von denen einige dem Maderaner Thal eigen thüm- 
lich, an fast allen genannten Orten. 

Dolomitspath. 

Amianth in feinen Nadeln (Byssolith) und verfilzten 
Massen (Bergkork).*) 

Adular, theils in sehr kleinen (Griesern), theils in 



*) Ueber Bergkork und Bergleder aus der Schweiz gab Nachricht 
Wiser, K Jahrb. 1845, 304. 

26* 



398 



grössern — einfachen und Zwillings-Krystallen (Kreuzlipass, u. 
a. a. O.). 

Albit zum Theil mit kleinen Adularen umsäumt. 

Epidot an der Mittelplatte (Kreuzli-Pass) nach Wiser — 
Jahrb. 1860 S. 785 — und am Hügel Zwinguri. 

Desmin mit Epidot an der Mittelplatte nach Wiser. 

Sphen im Bruni und Steinthal u. a. a. O. 

Unter dem Gipfel der Windgälle, am Aelpeli, wurde nach 
Lusser ehemals Eisenerz — eine Lage von Thoneisen im Kalk- 
stein des untern Jura — gegraben. Jener Ort mag etwa 
2600 Meter hoch liegen, „in einer grausen Wildniss, wo grosse 
halbrunde grauweisse mit wenig oder keiner Vegetation bedeckte, 
wie Gletscher durch Rinnen und Schrunden gespaltene Stein- 
hügel (Karrenfelder) mit Schnee und Felsentrümmern chaotisch 
wechseln." 

Im Chloritschiefer des Bristenstock kommen Lagen reich an 
Magneteisen in kleinen Oktaedern vor; auch Schwefel- 
kies, Kupferkies, Blei glänz. 

Auf der Südseite der Krispalt-Kette im obersten Theile des 
Ginf-Thals kommen ausser farblosen Bergkrystallen auch 
dunkle Rauchtopase vor; darunter die räthselhaften gewundenen 
(ein zweiter Fundort der gewundenen Krystallplatten ist die 
Göschener Alp).*) 

Apatit und Rutil finden sich im Ginf^ nahe dem höchsten 
Kamme gegen Uri, auch Flussspath soll auf der Bündtner 
Seite vorkommen. 

Eine andere Fundstätte des Rutils findet sich im obern 
Theile des Culm de Vi (in 2 Stunden von Sedrun zu erreichen). 



*) ,,Ueber rechts und links gewundene Bergkrystalle," Weiss in den 
Schriften der Akademie, 1836. H<udinger, Sitzungsber. d. Wien. Ak. 
Apr. 1854, daraus in Pogg. Ann. B. 95, 623. Nach einer gütigen brief- 
lichen Mittheilung G. Rose's befindet sich in der Kgl. Min. -Sammlung 
zu Berlin eine fast einen Quadratfuss grosse Quarzdruse mit gewundenen und 
normalen Krystallen, wahrscheinlich von der Göschener Alp. Die gewunde- 
nen Krystalle sind bald rechte, bald linke, sie sitzen theils auf den gera- 
den Krystallen, theils werden sie von diesen bedeckt; letztere sind also 
theils älter, theils jünger als die gewundenen. 

Auf einer ausgezeichneten Stufe, welche ich aus dem Tavetsch mit- 
brachte, kommen unter den gewundenen auch Zwillings-Krystalle (Ver- 
wachsungen von Individuen derselben Art) vor. 



399 



Das hier herrschende Gestein ist Glimmergneiss (h. 8.) in senk- 
rechten Schichten, welche von einer ziemlich unregelmässigen 
fast horizontalen Kluft durchsetzt werden ; sie birgt Chlorit, Quarz, 
Rutil — theils in einzelnen Krystallnadeln, theils als sogenannten 
Sagenit. Der Gneiss, welcher unmittelbar die Kluft umgiebt, 
enthält statt des Glimmers Chlorit. 

Die Thäler Nalps und Piora durchschneiden die süd- 
liche Gebirgskette wie jene eben beschriebenen Thäler die nörd- 
liche. Das Thal Nalps hat seinen Ursprung an der westlichen 
Seite der Rondadura-Spitze und zieht in einer Länge von nahe 
124- Kilm. — in nord- nordöstlicher Richtung gegen Sedrun. 
Die untere Hälfte besitzt eine steil abfallende, schluchtähnliche 
Thalsohle, die begleitenden Höhen — zur Rechten Cavorgia, 
zur Linken Tgom — sind sanft gerundet; die obere Thalhälfte 
hat eine weite, muldenähnliche Gestalt, mit wenig sich hebender 
Sohle, ist eingeschlossen von jenen spitzen, nadeiförmigen Gipfeln, 
welche für die steil erhobenen Gneiss-Platten so bezeichnend 
sind. Oberhalb der Hütte Nalps, in des Thaies Mitte, breitet 
sich ein Seeboden aus. Des Thalausgangs zwischen Perdatsch 
und Surrhein, welcher dem Gebiet der talkigen Schichten ange- 
hört, wurde bereits oben erwähnt. An der südlichen Grenze 
dieser Schichten tritt eine Zone schwarzen Schiefers (h. 6.) mit 
75 bis 80 Grad S. fallen auf, welche auf der linken Thalseite 
als ein schmaler Keil zwischen Talkschiefer und Glimmergneiss 
beginnt, im Fortstreichen gegen Medels an Mächtigkeit gewinnt, 
im Sumvixer Thal sich wieder zusammenschnürt. Zwischen 
Talk- und schwarzem Schiefer liegt auf der rechten Thalseite 
eine etwa 16 Meter mächtige Schicht tuffähnlichen Dolomits — 
Rauch wacke — , das einzige zur Kalkbereitung brauchbare 
Material in der Tavetscher Thalschaft. Diese schmale Schicht 
bezeichnet mit grosser Regelmässigkeit die nördliche Grenze der 
Glimmergneissbildung — bis zu den Garvera-Felsen. Die Mäch- 
tigkeit des schwarzen Schiefers mag in Nalps etwa 100 Meter 
betragen; seine nördliche Grenze liegt bei den Hütten Perdatsch. 
Südlich folgt dem Schiefer Glimmergneiss, der bis zum Thalur- 
sprung und weit darüber hinaus herrscht. Talkige oder chlo- 
ritische Schichten erscheinen hier nicht einmal untergeordnet. 
Das Streichen des Gneisses schwankt zwischen h. 5 und 6. Die 
Linie der senkrechten Schichtenstellung durchschneidet quer den 
alten kleinen Seeboden, der sich oberhalb der Alphütte Nalps 



400 



ausdehnt. Nördlich dieser Linie ist das Fallen wohl zuweilen 
senkrecht, doch vorwiegend steil südlich. Die Masse des schwar- 
zen Schiefers scheint mit konformer Lagerung zwischen Talk- 
schiefer einer- und Gneiss andrerseits zu ruhen. Vom obern 
Ende des Seebodens aufwärts bemerkt man sowohl in der Tiefe 
als an den nadel- und tafelförmigen Gipfeln nur nördliches 
Fallen im Allgemeinen etwa 60 Grad. Während nördlich der 
Scheitellinie des Fächers die Struktur des Gneisses feinschiefrig 
ist, so ist sie südlich davon grobkörnig, granitähnlich. — Eine 
Gesteins- Varietät, welche namentlich auf der rechten Seite sich 
findet, gewinnt durch zoll- und faustgrosse Feldspathkörner auch 
in grossen Blöcken granitisches Ansehen. Auch hier ist das 
Gestein von jenen Gängen eines weissen, feinkörnigen Granits 
durchsetzt. Weiter hinauf wird der Granitgneiss wieder ver- 
drängt von dünnschiefrigem Gneiss. Man sieht dicht aneinander 
grenzen Gneiss mit faustgrossen Feldspathkörnern und fein- 
schiefrigen Gneiss. Auch das schöne Gestein des Lohlen-Passes 
mit weissem, feinkörnigem Feldspath weissem und schwarzem 
Glimmer in verwebten Flasern streicht quer durch Nalps. — 
In diesem Thale auf der Alpe Tgom, westlich über Perdatsch 
hat man viele schöne Rutile gefunden, namentlich Saussure's 
Sagenit, auf Bergkrystall, Glimmer, oder unmittelbar auf der 
Gesteinskluft aufruhend, selten im Bergkrystall eingeschlossen. 
Der gewöhnliche Begleiter des Rutils ist Spatheisen oder 
Braunspath, doch niemals frisch, stets mehr oder weniger in 
Eisenoxydhydrat umgeändert. — Auf der gegenüberliegenden 
rechten Thalseite im Cavorgia Tobel findet sich nach einer Mit- 
theilung Wiser's Apatit in eigentümlich ausgebildeten Kry- 
stallen mit theilweise zersetztem Bitterspath. — Nach der Karte 
des P. Specha*) kommt im obersten Theile von Narps,, vielleicht 
unter den vom Gletscher herabgeführten Steinen, körniger Kalk 
vor. Südlich jener Gebirgskette, an welcher die Thäler Nalps 



*) Carte specielle et petrographique du Moni St. Gotthard et de ses 
environs par le pere Placidus ä Specha, Capitulaire de Dissentis, dam 
les Grisons. Diese alte Karte, von welcher im Kloster zu Dissentis noch 
Exemplare aufbewahrt werden, ist zwar in Bezug auf topographische 
Zeichnung mangelhaft, enthält aber eine grosse Zahl genau bezeichneter 
Mineralfundstätten, welche dieser allein erhaltenen naturwissenschaft- 
lichen Arbeit des Pater Specha (s. in Betreff desselben Taeobald : Das 
Bündtner Oberland S. 102 bis 110) dauernden Werth verleihen. 



401 



und Cornera entspringen, sind zwei kleine Längenthäler einge- 
senkt, die hohe V. Cadlin, wo der Mittelrhein im Lago Scuro 
2453 Meter — also höher als der Tomasee — seinen Ursprung 
hat, und Piora. Letzters emisst von O. nach W. vom Piz Co- 
lombe bis zum P. Camoghe etwas über 7y Km. Die das Thal 
im N. einschliessende Bergwand erhebt sich steiler als die süd- 
liche, welche letztere als ein Randgebirge erscheint, indem sie 
zum Leventiner Thal wohl drei Mal so tief abstürzt als gegen 
N. Auch gegen O. und W. wird Piora von Bergkämmen ge- 
schlossen, welche sich unter scharfen Winkeln an jene Längen- 
ketten anfügen. Gegen NO. führt aus Piora eine Gebirgsenkung 
durch die V. Termine zur Lukmanier-Ebene; im SO. bricht der 
Thalboden plötzlich ab am Ende des schönen Ritomsee's, dessen 
Ausfluss in ununterbrochenen Kaskaden 820 Meter herabstürzt. 
Allmälig steigt man von Sta. Maria durch die kleine V. Ter- 
mine empor zur Höhe delf Uomo, wo der Weg sich gegen Piora 
senkt. Auf jenem Wege bis zur Höhe herrscht grobkörniger 
Gneiss (h. 7), 56 Grad gegen N. fallend — am Sturze des 
Mittelrheins — , mit schwarzem und weissem Glimmer. Dieser 
Gesteinsvarietät folgt im Piorathale feinschiefriger Glimmergneiss 
und Glimmerschiefer. Eigenthümlich zerrissenes Ansehen zeigen 
die Felsen des P. Colombe, sie bestehen aus dolomitischer 
Rauch wacke, welche aus Canaria in stetem Zuge bis zum Greina- 
Passe zu verfolgen ist. Die senkrecht aufstarrenden Kalkschich- 
ten des P. Colombe werden in N. und S. eingepresst von den 
sie überragenden Gneissbergen, deren Schichten 55 bis 60 Grad 
gegen N. fallen. Der Kalkzug verläuft in Piora h. 8 (ent- 
sprechend dem Streichen der die südlichen Berge bildenden Gneiss- 
schichten) sich bald verschmälernd, bald an Mächtigkeit gewin- 
nend. Am P. Camoghe liegt das hier schmale Kalkband mit 
gleichem Fallen (50 Grad gegen N.) zwischen Gneiss. Um den 
kleinen See Cadagno, der im N. von einem prächtigen Felscir- 
cus umschlossen wird, steht weisser Glimmerschiefer an. Etwas 
weiter wo der Weg bei Sn. Carlo den Bach überschreitet, trifft 
man auf den merkwürdigen schwarzen Schiefer mit Granaten. 
Diese Bildung, welche mit gleicher Lagerung zwischen dem 
Glimmergneiss und Schiefer zu ruhen scheint, hat hier nur eine 
geringe Mächtigkeit im Vergleiche zu ihrer Ausdehnung gegen 
W. auf den Nufenen und gegen 0. am Lukmanier und an der 
Greina. Der schwarze Schiefer hat in Piora eine krystallinische 



402 



Beschaffenheit; unter der Lupe gleicht er einem schwarzen äus- 
serst feinschuppigen Glimmerschiefer. Die Granaten sind grösser 
und deutlicher auskrystallisirt als es gewöhnlich in diesem Ge- 
steine der Fall ist. Dennoch grenzen sie auch hier nicht ganz 
scharf gegen die Grundmasse ah. Wo das Gestein frisch ist, 
braust es nicht mit Säure. Bei der Kapelle San Carlo wird 
der bis dahin sich allmälig senkende Thalboden durch eine steile 
Stufe unterbrochen, welche die 100 bis 130 Meter tiefer liegende 
von dem schönen Ritomsee eingenommene westliche Thalhälfte 
überragt. Das Wasser füllt etwa drei Viertheile eines ellipti- 
schen Beckens von drei Viertelstunden Länge aus. Das östliche 
Viertel ist bereits durch schön beraste Alluvionen erfüllt. An den 
Ufern des Ritomsee's herrscht silberglänzender Glimmerschiefer, 
reich an Granat und Strahlstein. Auch eine ganz weisse Gneiss- 
Varietät findet sich am See, wesentlich aus Feldspath bestehend ; 
hin und wieder Blöcke von Talkschiefer dicht erfüllt mit roth- 
braunen, dodekaedrischen Granaten. Hat man das Ende des 
See's erreicht, so sieht man hier plötzlich die Thalebene ab- 
brechen; jäh senkt sich der Pfad in das 820 Meter tiefer lie- 
gende Ticino-Thal hinab. Diese ganze Bergwand zeigt nur 
Glimmer-reichen Gneiss und Glimmerschiefer, h. 8, 50 bis 55 G. 
gegen N. Gleich einem erhabenem Altane breitet sich also 
Piora über der Tiefe des Tieino- Thals aus. 

Piora ist reich an Mineralien; an verschiedenen Stellen des 
Wegs, z. B. bei San Carlo trifft man auf geöffnete Quarzklüfte. 
Hier haben sich gefunden: Bergkrytalle von vollkommener 
Wasserhelle, zuweilen mit deutlich erkennbaren Zwillingsstücken 
und seltneren Flächen. Sechsseitige Chloritblättchen und 
haarfeine Asbest nadeln sind häufig im Bergkrystall dieses 
Fundortes eingebettet; so auch Asbest und Anatas. Ferner 

Eisenglanz in Begleitung von Adular. 

P. Specha giebt auf seiner Karte an mehreren Stellen des 
Thals (am P. Pettano in dem Piora südlich begrenzenden Berg- 
zuge, am Thalende über Altanca, dann am Monte Taneda, einem 
der das Canaria- und Piora -Thal trennenden Berge) das Vor- 
kommen schwarzen Turmalins*) an. 



*) Es war Saussure, welcher 1783 die Krystallgräber von Airolo 
veranlasste, Turmaline zu suchen, indem er ihnen Turmaline aus Tyrol 
vorzeigte. So wurden sie gefunden am Monte Taneda, theils eingewachsen, 



403 



Das Mittelrhein-Thal (Medels). Von der Terrasse 
des altehrwürdigen jetzt verödeten Klosters zu Dissentis gegen 
S. sich wendend, sieht man die Wald- und Alpen-bedeckte Berg- 
wand durch die tiefe, enge Erosionsschlucht des Mittelrheins zer- 
schnitten. Gerade über der Thalöffnung steigt einer Pfeilspitze 
nicht unähnlich der Scopi empor, der schöngefbrmte südliche 
Grenzstein von Medels, dem obersten der drei südlichen Neben- 
thäler des Vorderrheins, welche Winterwohnungen hegen. Die 
Thalschaft beginnt im S. mit der merkwürdigen Hochebene des 
Lukmaniers (1842 Meter), auf welcher der aus V. Cadlim her- 
abstürzende Mittelrhein seine Quellarme vereinigt. Die erhabene 
Thalweitung, auf welcher das Hospiz Sta. Maria, überragen im 
W. die Rondadura, im O. der Scopi, im S. der Scai, dessen 
schöngeformter Gipfel den oberen öden Theil von Medels über- 
schaut. Von der Lukmanier - Ebene — dem locus magnus — 
streckt sich das Thal mit nord -nordöstlicher Richtung etwa 
15 Km. bis zum Vorderrheine aus. Auf dieser Strecke fällt der 
Rhein 794 Meter, nämlich von 1842 bis 1048 Meter. (Vereini- 
gung des Vorder- und Mittelrheins). Das Gefälle ist nicht 
gleichmässig. 

Legt man die auf der DuFOüR'schen Karte angegebenen 
Höhen zu Grunde, so beträgt die Steigung der Thalsohle auf 
der Strecke von der Mündung des Mittelrheins in den Vorder- 
rhein bis zum Dorfe Curaglia 11,1 pCt., von, hier zum Kirch- 
dorf Platta 2,7, weiter zum Dorfe Acla 3,8, von dort bis zum 
Zusammenfluss des Krystalliner Bachs in den Mittelrhein 4,9, 
zum Sn. Gallo 3,1, endlich zum Hospiz Sta. Maria Lukmanier 4,3. 
Aus diesen Zahlen erkennt man, dass die Neigung des Thal- 
bodens am Geringsten ist in der Gegend von Platta, wo die 
flurentragende Thalweitung ehemals einen See beherbergte, der 
allmälig sich entleerte, indem der Rhein jene enge Schlucht im 
Talkgneiss sich bahnte, welche die Höhe Vergiera von dem 
nördlichen Vorberge des Muraun trennt. Gering ist die Steigung 
des Thals in seinem obern Theile von Sta. Maria bis St. Gion, 
wo der Thalboden weit und muldenförmig, die Gehänge sich 



theils zu Drusen gruppirt, in Begleitung von Quarz, Kalkspath, Adular 
im Glimmerschiefer, s. Satss. Voy. T. VII. p. 27 bis 33 und 147 bis 
150 und G. Rose : Zusammenh. zw. d. Form. u. el. Pol. d. Kryst. Schrif- 
ten der Ak. d. Wiss. 183S. S. 223. 



404 



gleichmässig senkend. Den Mte. Scai vor Augen, wandert man 
stundenweit unmerklich ansteigend durch diese wahrhafte Gebirgs- 
lücke hin. Beide Thalhälften, die obere öde und die untere be- 
wohnte, werden bei St. Gion durch eine etwa 80 Meter hohe 
Stufe getrennt, über deren Gneissbänke der Rhein in einer Reihe 
von Kaskaden herabstürzt. Hier zweigt sich das Krystallthal 
ab, welches zu den Gletschern des Scopi und des Krystallhorns 
führt. Die Sohle dieses Thals liegt tiefer, als der obere Theil 
des Hauptthals, und war früher mit den schönsten Alpen be- 
deckt. Im Jahre 1834 haben gewaltige Felsstürze besonders 
die untere Hälfte der Thalsohle zugedeckt. An die Weitung von 
Platta schliesst sich mit stärkstem Gefälle die untere, ungang- 
bare Stufe. Ehemals war durch diese wilde Enge dem Wasser 
nach ein Weg gebahnt. Jetzt kann man nur auf weitem und 
hohem Umwege nach Medels gelangen. Gegen W. wird die 
Thalschaft eingeschlossen durch die Querkette des Muraun's, 
welche sich im S. an den eisbelasteten Camadra-Stock anschliesst. 
Letzterer ist eine Gebirgsmasse, deren Längenausdehnung von 
W. nach O. etwa 15 Km. beträgt, welche nach S. in steilen 
oder senkrechten Wänden abfällt, während gegen N. auf den er- 
habenen Flächen . zusammenhängende Eismassen ruhen. Der 
westliche Theil derselben gehört zum grossen Medelser Gletscher, 
welcher auf einem mächtigen breiten Berge ruht, dessen beide 
Flanken mit erhabenen Rändern versehen sind, zwischen denen 
sich der Eisstrom hinabschiebt. In Reihen geordnet ragen Fels- 
kämme hervor, welche vom Eis umfluthet werden. Die sich 
nördlich anschliessenden Gipfel Lavaz und Walesa erscheinen als 
Trümmer senkrecht sich emporhebender Gneisstafeln, während der 
Muraun den weniger steilen, gleichmässig sich senkenden Ab- 
hang gegen S., den steileren, zersplitterten Absturz gegen N. 
wendet. 

So verräth sich schon aus weiter Ferne die Fächerstellung 
der krystallinischen Schiefer und des Gneisses, welche das Mittel- 
rheinthal bilden. Die Mitte des Fächers fällt nicht mit der 
Scheitellinie des Passes zusammen, vielmehr ist die Synkline 
Schichtenlage vollständig auf der nördlichen Abdachung des Ge- 
birges vor Sta. Maria zu beobachten. Wohl aber fällt in die 
Mitte des Fächers die höhere krystallinische Entwicklung der 
Gesteine, so dass hier im Allgemeinen das Gesetz hervortritt, je 
weiter vom Centrum des Fächers entfernt, desto weniger granit- 



405 



ähnlich die Schichten. Die Zone des granitähnlichen Gneisses 
reicht vom Dörfchen Acla aufwärts bis eine Viertelstunde unter- 
halb Sta. Maria und zeichnet sich durch steile Schichtenstellung 
aus: bei Acla ist das Fallen senkrecht, zwischen Acla und Per- 
datsch 80 bis 90 Grad gegen N.. bei Perdatsch 75 bis 80 Grad, 
an der südlichen Grenze des grobkörnigen Gneisses 60 Grad 
stets gegen N. Das Streichen ist nicht ganz konstant, sondern 
schwankt zwischen h. 6 (bei Acla) h. 8 und 9 (bei Perdatsch 
und unterhalb Sta. Maria). Der auf der bezeichneten Strecke 
herrschende Gneiss zeichnet sich durch die Entwicklung grosser 
Feldspathkrystalle aus, wesshalb die Schieferung zurücktritt, und 
namentlich im Querbruche das Gestein dem Granite ähnlich 
wird. Der Feldspath ist schneeweiss, zuweilen mehrere Zoll 
gross, oft in Zwillingskrystallen. Der Oligoklas ist nur in klei- 
nen, bläulichweissen Körnern vorhanden, der Quarz in runden 
Körnern, grau oder mit einem Stich ins Röthliche. Schwärzlich- 
brauner Glimmer und lichtgrüner Talk, oft zu Flasern mit ein- 
ander verwebt, bedingen das schiefrige Gefüge. Der Talk nimmt 
zuweilen so zu, dass das Gestein eine vorherrschende schiefrige 
Grundmasse von grünem Talk erhält, worin weisser Feldspath, 
fettglänzender Quarz und dunkle Glimmerblättchen liegen. Neben 
diesem Gneiss, in enger Beziehung zu demselben, findet sich 
eine Gesteinsvarietät mit überwiegendem Gligoklas, dessen grau- 
blaue Körner zur Grundmasse des Gesteins verschmelzen und 
weissen Feldspath in nur kleinen Körnern, Quarz und schwärz- 
lichbraunen Glimmer umhüllen. Dies Gestein verliert wohl zu- 
weilen die Schieferung fast ganz, dann ist es einem Porphyr 
nicht unähnlich; die von den Bächen gerollten Stücke sind kug- 
lig. Im östlichen Graubündten kommen Gesteine vor, welche 
dieser letztern Varietät überaus ähnlich sind; aus einem solchen 
besteht der Mont Pers in der Bernina- Gruppe, dessen Gestein 
sich von dem Medelser nur durch einen Gehalt an Hornblende 
unterscheidet. Doch auch der sogenannte Juliergranit zwischen 
der Albula und dem Julier hat eine unverkennbare Aehnlich- 
keit mit dem in Rede stehenden Gestein. Die Julier-Felsart 
weicht von diesem nur ab durch das grössere Korn und die 
grüne Farbe des Oligoklases. 

In dieser Masse des granitähnlichen Gneisses kommen ein- 
zelne Lagen von dünnschiefrigem, morschem Gneiss, dem Glimmer- 
und Thonschiefer sich nähernd, vor. So liegt eine nur schmale 



406 



Schicht morschen Schiefers mit steilem N. fallen £ Stunde unter- 

4 

halb Perdatsch. 

Die Zone der höheren krystallinischen Ausbildung des 
Gneisses prägt sich deutlich in der Beschaffenheit der Thalge- 
hänge aus. Indem die Schichtabsonderungen seltener werden, 
treten die Ablösungen in mächtigen Schalen hervor und bilden 
an den Abhängen glatte glänzende Felsflächen. Im unteren 
Theile von Medels (unterhalb Acla), sowie im obersten in der 
Umgebung von Sta. Maria tritt die körnige Struktur der kry- 
stallinischen Schiefer zurück, gleichzeitig wird das Ansehen der 
Thalgehänge ein anderes. Aus denselben springen Kämme und 
Gräte hervor, zwischen denen sich zum Theil tief eingeschnittene 
Tobel herabziehen. Unterhalb Acla geht der grobkörnige Gneiss 
allmälig in dünnschiefrigen über. Zugleich tritt ein vielfacher 
unregelmässiger Wechsel der Gesteine ein. Zunächst ist ein 
feinschiefriger Glimmergneiss, unterhalb Platta folgt ein feldspath- 
führender Talkschiefer. Die Felsenenge des Rheins, über welche 
die untere Steinbrücke führt, besteht aus dichtem grünem Schie- 
fer, welcher gegen N. schnell in den schwarzen Thonschiefer 
übergeht, dessen schon bei seinem Auftreten in Nalps Erwäh- 
nung geschah. Diese schwarzen Schichten, deren scheinbare 
Mächtigkeit in Medels etwa G00 Meter betragen mag, setzen 
quer über das Thal hinweg vom Dörfchen Mutschnengia über 
Curaglia bis auf die Vorhöhen des Muraun. Ihr Gebiet ist durch 
tiefe Schluchten zerschnitten. Weiter der Thalöffnung zu folgt 
ein etwa 30 Meter mächtiges Band von gelber Rauchwacke 
(deren Zellen mit sehr kleinen Dolomitspath-Rhomboedern besetzt 
sind), welches die Grenze zwischen dem schwarzen Schiefer und 
dem Talkgneiss bezeichnet. Das Kalkband läuft von Perdatsch 
im Thale Nalps über die Alp Pazzola zwischen den Dörfern 
Curaglia und Soliva durch zu den Garvera-Felsen, wo sich das- 
selbe auskeilt, und schwarzer Schiefer und Talkgneiss sich un- 
mittelbar berühren. Letzterer bildet dann die gegen das Haupt- 
thal geendeten Abhänge. In dem untern Medels ist das Strei- 
chen ziemlich constant, indem es nur zwischen h. 5^ u. 7 schwankt. 
Das Fallen ist stets südlich ; in der Thalöffnung nahe Mompe 
Medels 75 Grad, dann im Allgemeinen steiler je näher der 
Grenze des grobkörnigen Gneisses bei Acla. Einzelne Ausnahmen 
kommen wohl vor, — so senkt sich bei Acla die Gneissmasse 
55 Grad gegen N. — halten indess nur auf eine kurze Strecke an. 



407 



Bevor man dem Mittelrheine aufwärts folgend die Hoch- 
ebene des Lukmanier erreicht, tritt man wieder in das Gebiet 
des dünnschiefrigen Gneisses (mit Lagen schwarzen und weissen 
Glimmers), welcher den nördlichen Theil des Scopi bildet, bis 
zu dessen vorderer 3119 Meter hoher Spitze. Es folgt ein sehr 
schmaler Kalkstreif, dann der schwarze Schiefer des Scopi*). 
Hier in der Umgebung von Sta. Maria streichen die Schichten 
h. 7 bis 8 und fallen nördlich (an der obern Steinbrücke zwischen 
St. Gallo und Sta. Maria 60 Grad, am Scopi 45 Grad). Der 
schwarze Schiefer sinkt also unter den dünnschiefrigen Gneiss 
ein, und dieser wird vom Granitgneiss überlagert. Gegen W. 
steht nicht etwa der Scopi - Schiefer mit dem Granatschiefer im 
Piora-Thale zusammen, er setzt vielmehr an Mächtigkeit schnell 
abnehmend gegen NW. in der Richtung auf den Laiblan-See fort, 
ohne indess denselben zu erreichen. Der Scopi fällt gegen S. 
in einem ungeheuren Sturze etwa 800 Meter ab und zeigt hier 
schwarzen Schiefer; weiter hinab gegen das Hospiz Cesaccia be- 
steht der Berg aus Dolomit. Es möchte in den Alpen kein 
zweiter Berg eine ähnliche Ansicht gewähren wie der Scopi von 
S. ; denn über dem blendend gelblichweissen Dolomit thürmt sich 
drohend die schwarze Masse des Berges auf, dessen Gipfel glän- 
zende Schneefelder bedecken. 

Der schwarze Scopischiefer ist ein Thonschiefer, dessen 
Spaltflächen mit zahllosen kleinsten Glimmer-Schüppchen bedeckt 
sind. In seiner reinen Abänderung ist er fein und ebenflächig 
schiefrig, braust nicht mit Säure; sie setzt den Gipfel und über- 
haupt den oberen Theil des Berges zusammen. Eine andere 
Abtheilung ist mehr wellig- schiefrig, braust mit Säure, ist auf 
den verwitternden Flächen dicht bedeckt mit liniengrossen, 
warzenförmigen Erhöhungen. Wo die runden Körper herausge- 
fallen sind, erhält der Schiefer ein poröses Ansehen. Durch eine 
Vergleichung desselben mit dem schwarzen Granatschiefer von 
Piora gewinnt man die Ueberzeugung, dass die runden Körner 
unreine, mit Schiefermasse gemengte, unausgebildete Granate 
sind. Diese Granatkörner oder die von ihnen herrührenden 



*) Vrgl. die Ansicht Taf. III. i, welche an der Ausmündung des 
Rondadurathals zur Lukmanier Ebene aufgenommen ist. Die Schichten- 
faltungen am südlichen Fusse des Berges sind allerdings nicht von diesem 
Standpunkte, sondern erst auf der Lukmanierhöhe wahrnehmbar. 



408 



Höhlungen haben meist eine linsenförmige Gestalt, oder sind zu 
schmalen Lamellen ausgedehnt, entsprechend der Schieferungs- 
fläche*). Der warzige oder poröse schwarze Schiefer herrscht 
am westlichen Flusse des Scopi gegen S. Maria und am Fels- 
grate, welcher vom Gipfel gegen W. sich hinzieht. Im Scopi- 
schiefer fand A. Escher Belemniten wie Charpentier und 
Lardy 1814 in dem gleichen Gesteine der Nufenen. Am Scopi 
scheinen sie selten zu sein. Mehrere von A. Escher gefundene 
Exemplare sah ich in der unter Leitung des Prof. Theorald 
stehenden Sammlung der Kantonschule zu Chur; sie sind etwa 
i Zoll gross, schlecht erhalten. Wer nicht mit der Erhaltungs- 
weise der organischen Reste in diesen Schichten vertraut ist, 
würde nicht leicht die Belemniten erkennen. Wie der schwarze 
Schiefer des untern Medels ein integrirendes Glied des Schichten- 
fächers zu sein scheint, so stellt sich das Gestein auch am Scopi 
dar. Wenn man den Weg von Sta. Maria durch die V. Termine 
fortsetzt, so glaubt man unzweifelhaft wahrzunehmen, dass die 
Schichtmasse des Scopi konform eingeschaltet liegt zwischen dem 
Gneiss des Mte. Scai im S., und des vordem Scopi- Gipfels im 
N. Diese Anschauung findet sich auch in dem sonst wohl na- 
turgetreuen Profil der Gebirge zwischen Rhein und Tessin aus- 
gedrückt, welches der ausgezeichneten und richtigen Arbeit Lar- 
dy's beigegeben ist. Auch ich hielt nach meiner ersten Reise 
den schwarzen Schiefer des Scopi**) für eine normale Zwischen- 



*) Dieselben warzigen Schiefer finden sich am Nufenen-Passe : ,,Une 
chose remarquable, c'est que tout ce haut de montagne est compose de schis- 
tes argilleux noiratres — — — ; sur les superficies exposees ä Vair, %l 
y a une grande quantite de mamelons et de rugosites, comme de petits 
pois et de lentilles, il y en a de plats, deronds, d'autres allonges; par- 
ties de ces mamelons sont ochreux. Nous rCavions jamais rien vu de pa- 
reil." Besson, Manuel pour les savants qui voyagent en Suisse I. 187 — 190 
Besson ist der Ansicht, dass die warzenförmigen Erhöhungen von Schwe- 
felkies herrühren : „L'humidite qui a decomposc la pyrile, a distendu 
ses parties ferruginenses, et a occasionne ce renflement et ces petits ma- 
melons;" eine Ansicht, welche zum Theil begründet sein mag. Auf der 
Greina finden sich im schwarzen Schiefer Höhlungen, welche von Schwe- 
felkies-Krystallen herrühren. 

**) Die Spitze des Scopi ist von Sta. Maria aus in 4 Stunden zu 
erreichen. Zuerst steigt man über die Kalkschieferschichten, welche in 
sanft geschwungenem Verlaufe den südwestlichen Fuss des Berges bilden ; 
dann über den schwarzen Schiefer. Längs der Felsenkante, an welcher 



409 



lagerung des Gneisses. Erst im Jahre 1861, als ich das Ca- 
madra-Thal nördlich von Olivone kennen lernte, überzeugte ich 
mich, dass die konforme Einschaltung des Schiefers nur schein- 
bar, derselbe in Wahrheit mit abweichender Lagerung auf dem 
emporgerichteten Gneiss ruht. Hier geniige es die Thatsache 
auszusprechen, deren Beweis bei Beschreibung der Greina ge- 
liefert werden soll. Indem ich die Beobachtung aus V. Cama- 
dra auf die von Prof. B. Studer (Geol. d. Schweiz Iii 178 u. 
196) gegebenen Profile der Grimsel und des Gries übertrage, 
möchte ich auch in Betreff dieser Gegenden den schwarzen Schie- 
fer nicht als ein integrirendes Glied des Fächers, sondern als 
eine Einlagerung betrachten. 

Aus der Thalschaft des Mittelrheins sind folgende Mineralien 
zu erwähnen: 

Bergkry stall von grosser Schönheit, in Begleitung von 
kleinen gelben Sphenen, findet sich in der V. Cristallina, aus 
welcher in früherer Zeit eine grosse Menge von Bergkrystallen 
gewonnen sein soll (für das Grab des h. Carl Borromeo zu Mai- 
land). 

Bergkrystall von Citrin-Farbe auf Klüften des Schiefers am 
Gipfel des Scopi. 

Axinit theils durchsichtig und violblau, theils durch viele 
ein- und aufgewachsene Chloritkörnchen undurchsichtig und grün, 
in Begleitung von Adular und Periklin, aufgewachsen auf 
Klüften eines weissen, quarzarmen Gneisses, am Mte. Garviel, 
dem nördlichen Ausläufer des Scopi zwischen dem oberen Mittel- 
rhein- und demCristalliner-Thal. Von diesem Fundorte existiren 
dicht mit Axinit bedeckte Gneissplatten von 1 Quadratfuss Grösse. 



der Berg gegen S. mehrere tausend Fuss abstürzt, steigt man über die 
Schichtenköpfe des Schiefers, welche oft treppenförmig gestaltet sind und 
so trotz der bedeutenden Neigung einen ziemlich sicheren Schritt ge- 
währen. Gegen O. und S. erhebt sich die Spitze über Abgründen. 
Gegen N. zieht sich ein eisbedeckter Sattel zu dem 700 Meter entfernten, 
nur 81 Meter niedrigeren Gneiss-Gipfel hin, welcher leider die Aussicht 
auf den Medelser Thalboden verdeckt. Auf der Spitze fand ich eine 
Blitzspur, welche an einem mächtigen Schieferblock eine ganz flache 
Rinne von etwa -\ — 1 Zoll Durchmesser gebildet hatte ; an deren Seiten 
hafteten Tropfen des geschmolzenen Gesteins. (Zündende Blitze sind in 
den bewohnten Thalgründen dieser Gegenden fast unbekannt.) 



410 



Die Freiburger Universitäts-Sammlung besitzt einen pracht- 
vollen Adular-Drilling von bedeutender Grösse bedeckt mit Axi- 
nit-Krystallen . 

Anatas auf Bergkrystall aufgewachsen, am gleichen Fund- 
orte. 

Kalkspath in Skalenoedern bis 3 Zoll gross, am Scopi. 

Epidot als Einschluss in Bergkrystall, V. Cristallina. 

Spatheisenstein in Eisenoxydhydrat verändert, mit Ru- 
til, am Muraun. 

Nach v. Tscharner (der Kanton Graubündten, Chur 1843) 
wurden schon im 1 4. Jahrhundert Silbergruben (wohl silberhal- 
tiger Bleiglanz) in Medels bearbeitet, die seither gänzlich einge- 
gangen sind, so dass sogar die Stellen, wo man gegraben, ver- 
schollen sind. 

Bemerkungen über einige Mineralien des beschrie- 
benen Gebiets*). 

1) Der Eisenglanz**) vom Cavradi in Tavetsch wurde 
von v. Korell (J. f. pr. Chem. XIV, 409) mit folgendem Er- 
gebniss untersucht: Titansäure 10,0. Eisenoxyd 88,5. Man- 
ganoxydul mit einer Spur von Eisenoxydul 1,5. Indem v. Ko- 
rell für eingemengten Rutil 6,43 pCt. in Abzug bringt, ergiebt 
sich für die Zusammensetzung des Minerals: 

Titansäure 3,57, 

Manganoxydul 1,61, 

Eisenoxydul 94,82***). 
Durch den Titangehalt nähert sich dieser Eisenglanz dem 
Titaneisen. Betrachtet man der Ansicht H. und G. Rose's fol- 
gend (welche indess nach Rammelsberg's Untersuchungen die 
Annahme eines Sesquioxyd's des Magnesium verlangt) die Ti- 
taneisen als isomorphe Mischungen von Fe und Fi und nimmt 



*) Die eigentlichen St. Gotthard -Fundstätten, ^Sella, Fibbia, Lucen- 
dro, Schipsius etc.) bleiben in obigen Bemerkungen ausgeschlossen. 

**) Zu De Saussure's Zeit scheint weder dieser, noch überhaupt der 
Eisenglanz vom St. Gotthard bekannt gewesen zu sein. Saussure er- 
wähnt desselben nicht in der ,,Lithologie du St. Gotthard," Voy. T. VII. 

***) „Dass nur Spuren von Eisenoxydul sich fanden, dürfte an der 
Prüfungsmethode liegen." Rammelsberg. Min. Chemie. 



411 



man das Mn der obigen Analyse gleichfalls als Sesquioxyd, so 
ergiebt sich die Formel 

{Fe 
kr] 

Nach der Ansicht Mosander's (zu welcher Rammelsberg 
auf Grund seiner Analysen zurückgekehrt ist), dass das Fe nicht 
ein Produkt der Analyse, sondern ein Bestandtheil des Mine- 
rals ist, wird die Formel 

1 M " { Ti + 13 & 
Fe l ' 

Das spec. Gewicht des Tavetscher Eisenglanzes bestimmte 
Plattner (Schwetgg.J. LXIX, 7)=5,069, Breithaupt— 4,91. 
Ich bestimmte das Gewicht zweier Krystalle. Der grössere 
(absol. Gew. = 14,865) war nur mit wenigen, äusserst kleinen 
Rutilprismen bedeckt, sein Gewicht = 5,096. Der kleinere trägt 
einige Rutile, welche auf die Bestimmung wohl von merkbarem 
Einflüsse sein mochten (absol. Gew. 3,058) specif. Gew. = 4,793. 
Das Gewicht des Rutils schwankt bekanntlich zwischen 4,22 
und 4,30. Bei einer Eisenrose vom St. Gotthard fand Kobelt, 
5,209, Rammelsberg 5,187. Der Unterschied im Gewichte der 
beiden von mir gewogenen Krystalle scheint zu gross zu sein, 
als dass derselbe dem aufgewachsenen Rutile könnte zugeschrie- 
ben werden; vielmehr möchte er auf eine verschiedenartige Zu- 
sammensetzung der Cavradi- Krystalle hindeuten. Der Strich 
beider ist roth. Sie wirken deutlich auf die Magnetnadel. 

Die Eisenglanze vom Cavradi, die schönsten der Welt, sind 
tafelförmig, bilden keine Rosen wie diejenigen vom St. Gotthard 
und aus Piora. Ich bemerkte an denselben ausser der Endfläche 
o folgende Formen: 

Hauptrhomboeder P 
Erstes stumpfes Rhomboeder v 
Erstes spitzes Rhomboeder u 
Dihexaeder r 1= (f a\ \ a\ \ a:c) 
Skalenoeder d — (a : \ a ; \ q \ß) 
Erstes hexagonales Prisma s 
Zweites hexagonales Prisma n 



Zeits. d.d. geol. Ges. XIV. 2. 



27 



412 



Zwölfseitiges Prisma i — (a : j a : \ a : oo c)*). 

Lew (Description etc.) erwähnt noch eines andern Skaleno- 

eders zweiter Ordnung 

e = (7 a- : | «' : 7 : c), 7 - bei Lkvy] abstumpfend die 

u . r 
Kanten - und — 

s J\ 

Die gewöhnlichen Flächen und ihre gegenseitige Ausdeh- 
nung stellt Fig. 1. Taf. II. dar, die andern Flächen sieht man 
seltener. Das erste Prisma ist ausserdem meist schmaler als 
das zweite. Doch zeichnet Lew (PI. LXVII. Fig. 21 Co- 
pien bei Quenstedt und Dufrenoy — ) eine Combination 
vom „Caravatti" — 0, n, Z 3 , v, u y r — in welcher die Flächen 
des ersten Prismas über diejenigen des zweiten herrschen. Das 
Skalenoeder d ist meist nur wenig ausgedehnt, das zwölfseitige 
Prisma i sehr selten an den Krystallen vom Cavradi. Wiser 
erwähnt (N. Jahrb. 1840, 215) eines Krystalls von diesem Fund- 
orte, welcher an den Kanten eines hexagonalen Prismas je drei 
Flächen aufweist, und hatte die Güte mir denselben zu zeigen : 
es herrscht die Endfläche, demnächst das zweite Prisma w, das 
Hauptrhomboeder, das erste stumpfe, das Dihexaeder, das Skale- 
noeder ö?, das erste Prisma s, endlich das zwölfseitige Prisma i. 
Die Fig. 2 stellt diesen merkwürdigen Krystall dar. 

Die Endfläche der Krystalle ist in drei Richtungen ge- 
streift oder richtiger treppenförmig abgesetzt« Die Streifung 
stösst zu gleichseitigen Dreiecken zusammen, und wird durch 
das oscillatorische Auftreten des ersten stumpfen Rhomboeders 
bewirkt. Die Spitzen der Dreiecke weisen -also auf die Flächen 
des Hauptrhomboeders. 

Breithaupt fand den Endkanten- Winkel des Grundrhom- 
boeders am Tavetscher Eisenglanz = 93° 52', 4. 

Die Eisenglanze sind am Cavradi mit Adular dem Quarz 
auf- und eingewachsen. Wiser beschreibt (Jahrb. 1860, 785) 
Einschlüsse von ganzen und zerbrochenen Tafeln im Quarz: das 



*) Die Flächen i führt auch Lew [d d\ 6|] an einem überaus 
flächenreichen Krystall vom Cavradi (Atlas PI. LXVII, Fig. 25) auf. 
Sie sind indess in der Figur falsch gezeichnet, da sie in der Zone von 
r : d [e 3 : d 2 bei Lkvy] zu liegen scheinen, eine Lage, welche dem zwölf- 
seitigen Prisma (a : \ a : \ : a : 00 c) zukommen wrüde. Dies kommt in- 
dess beim Eisenglanz wohl nicht vor, wie denn bei Puillips-Miller nur 
jenes i angegeben ist. 



413 



Altersverhältniss zwischen Eisenglanz und Adular am Cavradi 
zu ermitteln, gestatten meine Stücke nicht. Doch besitze ich 
eine schöne Eisenrose aus Piora, auf welcher als spätere Bildung 
ein Adular-Zwilling sitzt. Diese Altersfolge ist indess nicht con- 
stant, wie ein mir vorliegendes Stück vom St. Gotthard beweist: 
der in eigentümlicher Weise zerstörte Adular - Krystall (die 
Flächen P und x sind mit tiefen schmalen Gruben versehen, 
welche ungefähr in der Richtung der Querfläcbe liegen; oft sind 
solche Krystalle bis auf einen skeletartigen Rest zerstört) birgt 
in seinen durch die Verwitterung gebildeten Hohlräumen Eisen- 
glanze (mit diesen zerstörten Adularen findet sich auch Stilbit). 

Der Eisenglanz aus V. Piora ist in seiner Ausbildungsweise 
nicht von den Eisenrosen*) des St. Gotthard verschieden. 

Eine grosse Merkwürdigkeit der Cavradi-Eisenglanze ist ihre 
regelmässige Verwachsung mit 

Rutil, worauf als auf eine der räthselhaftesten Erschei- 
nungen der Mineralogie zuerst Breithaupt (Mineralogie, I, 309 
und III, 794) aufmerksam machte. Die Rutilprismen ruhen mit 
einer Fläche des zweiten quadratischen Prisma's auf der End- 
fläche des Eisenglanzes; sie liegen in drei Richtungen, nämlich 
entsprechend den drei Normalen auf die Seiten jenes durch die 
Streifung gebildeten gleichseitigen Dreiecks. Hieraus folgt bei 
den bekannten Axenlängen beider Mineralien, dass eine Fläche 
des ersten stumpfen Oktaeders des Rutils nahezu in dieselbe 
Ebene fällt wie eine Fläche des Hauptrhomboeders des Eisen- 
glanzes. 

Es beträgt nämlich die Neigung der Endfläche zur Haupt- 
rhomboederfläche. 



*; Die Formen dieser Eisenrosen sind ziemlich mannichfaltig: bald 
sind die Tafeln sehr scharfrandig, nur von der gewölbten Endfläche be- 
grenzt, bald wird die Umrandung der Tafel vorherrschend durch Rhom- 
boeder-Flächen gebildet, bald durch das zweite sechsseitige Prisma nebst 
dem Dihexaeder r (dem sich zuweilen noch ein stumpferes zugesellt) ohne 
Rhomboeder-Flächen. 



beim Eisenglanz nach Miller 
nach v. Kokscharow 
nach Haidtnger 



122° 30' 
122° 23' 
122° 22' 



des ersten stumpfen Oktaeder's zum zweiten Prisma 
bei Rutil nach Miller 



122° 47' 



27* 



414 



nach von Kokschakow 
nach Hai din ger 



122° 47' 
122° 28' 



Hierin liegt auch wohl der Grund der Verwachsung. 

Eigentümlich ist die Ausbildung der Rutile, indem sie, 
fast möchte man sagen durch die Anziehung des Eisenglanzes, 
zu kleinen Lamellen sich ausgebreitet haben. In der horizontalen 
Zone zeigen sich gewöhnlich nur zwei Flächen des achtseitigen 
Prisma's s — (a : 3 a : oo c) ; ich maass nämlich den Winkel der 
beiden anliegenden Flächen s= 443° 10' *). Indem die der Zu- 
sammensetzungsebene parallelen Flächen des zweiten quadratischen 
Prisma's h alternirend mit den Flächen s auftreten, erhalten die 
Rutile noch plattere Formen. In der Endigung sind die Kry- 
stalle umgrenzt von dem Hauptoktaeder o, dem ersten stumpfen 
t, dazwischen liegt zuweilen das Dioktaeder (a : 3 a : c). Die 
Endigung wird zuweilen auffallend unsymmetrisch durch eine 
einzige Oktaeder -Fläche gebildet, dann erscheint die Rutilplatte 
rhombisch (mit den Winkeln 122° 47' u. 57° 13'). Zwei sol- 
cher schief begrenzten Rutile legen sich gerne so aneinander 
wie Fig. 3, Taf. II es zeigt. Die centralen Enden der Rutile 
verbergen sich gewöhnlich zum Theil unter die treppenförmig 
ansteigende Endfläche des Eisenglanzes. Die an andern Orten 
des St. Gotthardt auf den Eisenrosen liegenden Rutile zeigen 
gewöhnlich eine mehr gelbe Farbe (nicht die bluthrothe wie am 
Cavradi), lassen selten Flächen deutlich erkennen, indem sie 
äusserst dünne Prismen oder Prismenbüschel bilden, welche vom 
Centrum der Tafel gegen die Flächen des ersten stumpfen Rhom- 
boeders strahlen. Zuweilen dringen zwischen den Blättern der 
Rosen die Rutile hervor. 

Die auf den Eisenglanz - Tafeln liegenden Rutile stehen 
gegen einander nicht in Zwillingsstellung, da die Ebene gegen 
welche je zwei Individuen symmetrisch liegen, keine für den 
Rutil in krystallographischer Hinsicht mögliche Fläche ist. 



*) Da diese Kante von 143° 8' (nach Koksch.) unter den Flächen 
des ersten stumpfen Oktaeders liegt, so folgt für dies Prisma die obige 
Formel. Das beim Rutil gleichfalls vorkommende Prisma (a : 2 a : od c) 
hat die gleichen Kantenwinkel (143° 8' u. 126° 52) wie s, und unter- 
scheidet sich von diesem nur durch die um 45" gedrehte Stellung. Die 
unter dem Einfluss des Eisenglanzes abgeplatteten Rutile erinnern an die 
Turmalin- und Granatplatten im Kaliglimmer von Haddam in Con- 
necticut. 



415 



Förden Sagen it (an mehreren Orten unseres Gebietes, 
besonders auf der Alp Tgom in Nalps vorkommend) wies Kenn- 
gott (Min. Forsch, im J. 1858, S. 208) nach, dass meist dem 
Netzwerk das gewöhnliche Zwillingsgesetz des Rutils — Zwil- 
lingsebene eine Fläche des ersten stumpfen Oktaeders — zu 
Grunde liegt, dass indess am St. Gotthard auch nach dem sel- 
teneren Zwillingsgesetz — Zwillingsebene eine Fläche des Oktaeders 
(j a : oo a : c) — verwachsene Rutilprismen sich finden. Im 
erstem Falle schneiden sich die Prismen unter 65° 35', im zwei- 
ten unter 54° 44'. 

Die Einzelkrystalle von schwarzem Rutil, welche am 
Culm de Vi . und am Muraun (mit Spatheisenstein, welcher in 
Brauneisen umgeändert ist, auf Talkschiefer) sich finden (bis 
lj Zoll lang) zeigen ein gerundetes Prisma, zugespitzt durch die 
Flächen des Hauptoktaeders, des ersten stumpfen Oktaeders, der 
beiden Dioktaeder (a : 3 a : c) und (\ a : \ a: c). 

3) Brook it wurde bereits in den 30er Jahren aus dem 
Maderaner - Thal bekannt, dann fand man ihn wieder im Jahre 
1855 (Wiser, Jahrb. 1841 u. 56) und auch kurz vor meinem 
Besuche des Maderaner-Thals "im Jahre 1860 waren neue broo- 
kitführende Lagerstätten geöffnet worden. In Bezug auf Grösse 
der Krystalle, Farbe, begleitende Mineralien verhalten sich die 
Brookite verschiedener Funde etwas verschieden. Die Krystalle 
zeigen folgende Flächen: (s. Hessenberg, Min. Not. I.Forts. 
S. 11 u. Taf. XIII, Fig. 10.) 

Prisma M = (a : b : oo c) 
Querfläche a 
Endfläche c 

Querprisma x — (2 a : c : oo b) 
Längsprisma t — (~ b :c:oo a) 
Oktaeder % = (2 a : 2 b : c) 
„ e = (2 a : b : c) 
„ 8 = (|a: !»:*«)•) 
Die Krystalle sind tafelförmig durch die Querfläche, welche 
vertikal gestreift. Die im J. 60 gefundenen sehr kleinen Kry- 



*) Ueber dies in Beziehung auf seine Formel überaus merkwürdige 
Oktaeder, welches sich zuweilen ausgedehnt bei den Krystallen vom 
Snowdon findet, vergl. Poggend. Ann. B. CXIII. S. 430. 



416 



stalle zeigen in der Endigung c herrschend, die andern Flächen 
zuweilen nur punktförmig. Die früher gefundenen Krystalle, 
welche sich in der herrlichen Sammlung des Herrn Wisf.r be- 
finden, sind zwar immer tafelförmig, doch die Ausdehnung der 
Endigungsflächen mehr wechselnd, indem statt der Endfläche 
zuweilen das Längsprisma t herrscht. Wiser besitzt Krystalle 
aus dem Maderaner-Thal von fast 1 Zoll Grösse, welche sich 
also denjenigen aus Wales ebenbürtig anreihen. Zwillinge des 
Brookits wurden bekanntlich bisher nicht angegeben. Um so 
mehr interessirte mich eine aufgewachsene Brookit-Gruppe der 
WiSER'schen Sammlung. Zwei Krystalle sind mit paralleler Verti- 
kalaxe kreuzweise durcheinander gewachsen. Leider konnte ich 
nicht die Ueberzeugung gewinnen, dass die Gruppe ein Zwilling 
sei. Die Fläche des Prismas M beider Individuen spiegelt nicht 
ein, ein anderes vertikales Prisma ist an den Krystallen nicht 
vorhanden. Möglich ist es indess, dass eine Fläche / — (a- : 2 
b : co c) Zwillingsebene ist. 

Die Farbe des Brookits aus dem Maderaner-Thal ist theils bräun- 
lichroth, theils fast schwarz, theils strohgelb und durchsichtig. 
Meist ist die helle und dunkle Farbe in eigenthümlicher Weise 
in derselben Tafel vertheilt. Man theile die durch das Herrschen 
der Endfläche rektanguläre Tafel mittelst beider Diagonalen in 
vier Dreiecke. Es sind nun die beiden Felder, deren Basis die 
Endfläche ist, dunkel, die beiden seitlichen hell. Wenn die End- 
fläche durch Ausdehnung des Längsprismas t nur klein ist, so 
sieht man eine dunkle Linie in der Mitte der Tafel vertikal 
ziehen. Form und Färbung dieser Krystalle stimmt auffallend 
überein mit denjenigen von Ellenville, Ulster Cty, N. York, die 
indess eine ganz verschiedene Lagerstätte besitzen. Das Gew. 
des Maderaner Brookits bestimmte Wiser (Jahrb. 1841) — 4,157. 
Nicht nur in den Zweigschluchten desMaderaner-Thals, sondern auch 
in der Cornera-Schlucht (hier aber nur in äusserst kleinen Plätt- 
chen) hat sich Brookit gefunden, an beiden Orten begleitet von 

4. Anartas, an dessen Krystallen ich folgende Flächen be- 
obachtete: 

Grundform p 
Endfläche c 

Erstes stumpfes Oktaeder e = (a : co a : c) 
Oktaeder % — {a : a : \ c). 



417 



Legt man zu Grunde den von Miller angegebenen Winkel, 
so berechnet sieh c : % -— 140° 3' und p:% = 151° 39'. Ich 
maass den letztern Winkel m 151 y *) 

„Weit grössere Schwankungen [als die Anatase von Wales 
und aus dem Dauphine] zeigen die Krystalle vom „St. Gotthard" 
denn eine Reihe von 44 Beobachtungen an 13 Kryslallen endet 
einerseits bei 81° 56' und andererseits bei 82 u 23' [für das Comple- 
ment des Endkantenwinkels der Grundform]. Gleichwohl ist das 
Mittel 82° 9' 36" nur um resp. \ Min. u. -j- Min. von demjenigen 
verschieden, welches für die Krystalle von Wales und vom Dauphine 
erhalten wurde, ein Beweis wie mir scheint, dass jene Schwankungen 
ganz zufällig sind und dass man berechtigt ist, den mittleren 
Werth für den wahrscheinlichsten zu halten." Dauber, Pügg. 
Ann. B. 94, S. 409. 

Die Anatase aus dem Maderaner-Thal (bis 3 Linien gross) 
zeigen stets die Grundform herrschend, diejenigen aus Tavetsch 
meist dieselbe allein ohne die Endfläche. Tafelförmige Krystalle 
kenne ich nur aus der Val Cristallina und aus der Schlucht 
des Mittelrheins unter Mompe Medels ; die Tafeln sind eine 
Quadratlinie gross, j bis j Linie dick, — Die Anatase erscheinen 
schwarz bei auffallendem Lichte, zuweilen sind sie durchscheinend 
mit hyazintrothem, zuweilen mit indigblauem Lichte. Auch Wiser 
erwähnt solche, welche tiefblau durchscheinen. 

Im Tavetsch findet sich der Anatas theils unmittelbar auf Talk- 
schiefer aufsitzend (Sta. Brigitta, Surrhein), theils auf Quarzkry- 
stallen auf- und eingewachsen ; so am Cavradi mit Rutil, Eisen- 
glanz, Apatit, Kalkspathskalenoedern (hier auch wohl im Kalk- 
spath eingewachsen). Auf Quarz in Begleitung von Epidot im 
Thal Cavrein am Düssistock. Zuweilen ist der Anatas in glei- 
cher Weise wie der Quarz, Adular und Kalkspath dieser Fund- 
stätten mit Chlorit durchwachsen. Im Maderaner - Thale ist der 
Anatas häufig von Brookit begleitet. In diesem Falle scheinen 
diese beiden heteromorphen Zustände der Titansäure sich unter 
ganz ähnlichen Bedingungen gebildet zu haben. Auch konnte 
ich eine bestimmte Altersfolge beider nicht wahrnehmen : zuweilen 
sitzt Anatas auf dem Brookit, doch umschliesst auch wiederum 
eine Brookit-Tafel ein Anatas-Oktaeder, sich dessen Kanten und 



*) Bei Milleh, S. 229, steht irrig z c = 30° 38 statt 39° 57'. 



418 



Ecken anschmiegend. Die Brookit- Lagerstätte, welche im Jahre 
1860 eröffnet worden war, findet sich auf schmalen Gängen im 
Talkgneiss. Die älteste Gangbildung, welche zunächst die Saal- 
bänder bekleidet, ist eine Lage sehr kleiner Krystalle von Albit 
und weissem Quarz I.; darauf folgen citrinähnliche Quarze von 
ziemlich normaler Ausbildung, begrenzt von den Prismen — und 
Dihexaederflächen, selten eine Rhombenfläche II, ; auf den Citrinen 
liegt eine neue Quarzbildung III., deren Krystalle wasserhell, 
von abweichender Bildung. Sie liegen meist mittelst einer Pris- 
menfläche oder Kante auf den Quarzen II, sind gekrümmt, tafel- 
förmig oder in gewundenen Reihen an einander schliessend. In 
der Lage I, sowie in dem Nebengestein selbst, nahe dem Gange 
entdeckt man äusserst kleine Anatase. Auf den Bildungen I 
und II finden sich Brookite, deren Bildung also während längerer 
Zeit muss fortgedauert haben. Die dünnen tafelförmigen Kry- 
stalle sind meist zur Hälfte in die Quarze eingesenkt. Auch 
auf den Lagen II und III finden sich, doch selten, ganz kleine 
Anatas-Oktaeder. 

Auf andern Gangstücken sieht man den Brookit nicht von 
Albit, sondern von Adular begleitet; während die Brookite des 
Dauphine mit Anatas und Albit, nicht mit Adular associirt sind. 
Ein von dem gewöhnlichen sehr abweichendes Ansehen hat der 
Anatas auf einem Stücke Talkschiefer vom Brunnipasse zwischen 
Dissentis und dem Maderaner- Thal. In kleinen (|- Linie), gel- 
ben, demantglänzenden Oktaedern — welche man bei ihrer un- 
bedeutenden Grösse wohl für reguläre nehmen könnte, wenn 
nicht die Streifung parallel den Mittelkanten dem entgegenstände 
— findet sich hier der Anatas in Begleitung von Quarz und 
Chlorit. Ich maass zwei Endkantenwinkel der Krystalle und 
fand 112° 49' und 112° 47', Dies führt genau auf das 
zweite stumpfe Oktaeder (a : a : j c). Für diese Forjn ergiebt 
sich unter Annahme des von Miller für die Anatas-Grundform 
angegebenen Endkantenwinkels 97° 51' 

die Endkante = 112° 49' 

die Mittelkante = 102° 59' 

Neigung der Fläche gegen die Axe c — 38° 31'. 
Dies am gelben Anatas vom Brunni allein sich findende 
Oktaeder führt Miller nicht auf, wohl aber wies Dauber 
(Pogg. Ann. XCIV, 407) an hyacinthrothen Krystallen von 
Tremadoc in Wales das Oktaeder (« : a : -- c) in Combination mit 



419 



dem Oktaeder anderer Ordnung (a : oo a : \ c) nach. Solcher 
gelber Anatas im zweiten stumpfen Oktaeder, der sich auch an 
der Roseinbrücke auf chloritbedecktem Bergkrystall findet, war 
es unzweifelhaft, was Lardy {Constitution g/ogn. St. Gotth.) 
als Zircon beschrieb. 

5. Kalkspath. Unter den verschiedenen Kalkspath-Vor- 
kommnissen unseres Gebietes verdienen unzweifelhaft die Krystalle 
aus dem Maderaner-Thal das grösste Interesse. Auf dieselben mach- 
ten bereits aufmerksam : Voeger (Entw. d.Min. 1854, S. 187 u. 548), 
Scharff (N. Jahrb. 1860, S. 335), Hessenberg (Min. Not. 
II. Forts. S. J3, III. Forts. S. 9, 1860, 61). Der Kalkspath 
des Maderaner-Thals findet sich in Begleitung von Quarz, Adu- 
lar, Chlorit, Asbest auf den Gängen des Talkgneisses*), (welcher 
auch wohl in einen schiefrigen Diorit übergeht.) 

Der Maderaner Kalkspath zeigt eine verschiedenartige Aus- 
bildung, indem sich die Krystalle vorzugsweise als Tafeln, doch 
auch mit herrschendem Rhomboeder darstellen. 

Die Tafeln, deren Durchmesser zwischen 1 Linie und etwa 
6 Zoll schwankt, sind an ihren Rändern oft verbrochen, also 
durch die rhomboedrischen Spaltungsflächen begrenzt, zuweilen 
indess, namentlich die kleineren, von Krystallflächen umschlossen : 

dem Hauptrhomboeder P 
dem ersten stumpfen Romboeder g 
dem ersten scharfen Rhomboeder 
dem ersten hexagonalen Prisma c 
dem zweiten hexagonalen Prisma u 

Fig. 4 a u. b stellt einen von mir aus dem Maderaner-Thal 
mitgebrachten Krystall dar. Die Endfläche ist glänzend und 
unterscheidet sich hierdurch, sowie durch ihre Combination mit 
dem herrschenden zweiten Prisma mit matten Flächen von den 
Andreasberger- Kalkspath -Tafeln, deren Endfläche eine milchige 
Trübung zeigt. Das Hauptrhomboeder und das schmale erste 
Prisma sind glänzend, das erste stumpfe Rhomboeder matt, die 
Endfläche ist geziert mit einer dreifachen Streifung, welche pa- 
rallel den Combinationskanten o/P oder o/g läuft, und entweder 



*) Scharff giebt die sonderbare Mittheilung, diese Kalkspath-Tafeln 
seien „mit ihren schmalen Seiten auf dem bekannten Windgellen-Porphyr 
aufgewachsen" [!] 



420 



zu gleichseitigen Dreiecken zusammenstösst oder als sechsstrahliger 
Stern sich darstellt. Diese Streifung wurde bereits von Hessen- 
bekg diskutirt und eine Reihe von Ursachen aufgeführt, denen 
sie möglicher Weise zugeschrieben werden könne. Hessen- 
berg's Bemerkung, „hemitropisch abwechselnd gelagerte Zwil- 
lingslamellen parallel - | E. sind es nicht, welche die Strei- 
fung hervorrufen" muss ich indess widersprechen, da ich an 
mehreren und zwar den unversehrtesten Stücken unzweifelhaft 
wahrnehme, dass es äusserst schmale aufspringende Leisten sind 
— verbunden mit der Haupttafel nach dem Gesetze: Zwillings- 
ebene das erste stumpfe Rhomboeder, wesentlich begrenzt von 
der Endfläche — welche die Zeichnung hervorbringen. Diese 
hervorspringenden Leisten hebt auch Scharfe hervor. Zuweilen 
sind indess die Streifen nicht hervorragend, sondern vertieft ; 
doch möchte auch in diesem Falle die Erscheinung auf einge- 
schaltete Zwillingsblätter zurückzuführen sein. Solche nicht vor- 
ragende, sondern vertiefte Linien finden sich als Folge ähnlicher 
nach demselben Gesetze eingeschalteter Zwillingslamellen auch 
bei dem Isländer Doppelspath auf den Spaltungsflächen, und 
stören alsdann beim optischen Gebrauche der Stücke. In Ueber- 
einstimmung mit der von Hessenberg hervorgehobenen Möglich- 
keit, dass „die geritzten Linien das Ergebniss einer nachträglichen 
Erosion" seien, bemerke ich an mehreren stark verwitterten, 
gleichsam zerfressenen Stücken, dass die Zerstörung sich haupt- 
sächlich jener Zwillingslamellen bemächtigt hat, während die 
glänzende Endfläche der Haupttafel derselben mehr widerstand. 

Die Flächen des zweiten Prismas tragen eine doppelte ver- 
tiefte Streifung, welche durch ein Aiterniren mit den Flächen 
des Hauptrhomboeders hervorgebracht wird. Wie aus der Fig. 5 
einleuchtet, fallen je zwei Rhomboederflächen mit je einer Pris- 
menfläche u in dieselbe Zone, bilden also auf u eine und dieselbe 
Combinations-Streifung, welche sich gegen die vertikale Prismen- 
kante unter 116° 15' neigt. Die dritte Rhoinboederfläche er- 
zeugt eine Streifung, welche die vertikale Kante unter 134° 37' 
schneidet; beide Streifensysteme bilden also mit einander den 
Winkel von 109° 8'. 

Die Maderaner Kalkspathtafeln, wenn auch in der allgemeinen 
äussern Umgrenzung einfach erscheinend, sind in Wahrheit 
Vierlingsgruppen mit Einem herrschenden Individuum. Statt 
der Zwillingsleisten erheben sich über einigen Tafeln in Reihen 



421 



geordnete Krystalle, welche in gleicher Weise als Tafeln ausge- 
bildet sind wie das Hauptindividuuni. Diese kleineren Krystalle, 
welche in drei zu gleichseitigen Dreiecken zusammenstossende 
Richtungen geordnet sind, stehen in Zwillingsstellung zur Haupt- 
tafel. Die Endfläche der Nebenkrystalle neigt sich zur Haupttafel- 
fläche 127° 30'; die entsprechenden Vertikalaxen bilden mit 
einander den Winkel 52° 30'; zwei Spaltungsrichtungen glänzen 
gemeinschaftlich. Man könnte glanben, dass, da die Nebenkry- 
stalle zur Haupttafel in Zwillingsstellung sich befinden, so müss- 
ten auch jene untereinander Zwillinge sein, d. h. symmetrisch 
stehen gegen eine krystallographisch mögliche Fläche. Dem ist 
indess nicht so. Je zwei nicht in derselben Richtung liegende 
Nebenkrystalle haben Eine Spaltungsfläche gemeinsam, ihre End- 
flächen bilden mit einander den Winkel 79° 5?', die Vertikalaxen 
demnach 100° 3'. 

Die im Hauptrhomboeder ausgebildeten Kalkspath-Krystalle 
sind theils selbständige Bildungen (ich besitze einen solchen 
Krystall von 2 Zoll Grösse), theils Fortwachsungen, welche sich 
auf der Endfläche grösserer Tafeln oft dichtgedrängt erheben. 
Diese rhomboedrischen Gipfelkrystalle haben indess zur Haupt- 
tafel keine Zwillingsstellung wie jene Nebentafeln, sondern bilden 
mit demselben nur Ein Individuum , und sind dadurch ausge- 
zeichnet, dass die stets herrschenden Flächen der Grundform — 
mit welcher in Combination treten die Endfläche, das erste 
stumpfe Rhomboeder, das Skalenoeder t = (a : 4- a : \ a : \ c) *), 
welches die Endkanten des Hauptrhomboeders zuschärft — glatt 
und glänzend sind, was bekanntlich nur sehr selten der Fall 
ist. Diese Gipfelkrystalle sitzen entweder gleich dreiseitigen 
Pyramiden nur auf der einen Seite der oft weniger als 1 Linie 
dicken Tafel, oder korrespondirend oben und unten. Die rhom- 
boedrischen Krystalle sind zuweilen reicher an untergeordneten 
Flächen. Zwei solche Combinationen beschrieb und zeichnete 
Hessenberg. Der eine der Krystalle, im Besitze des Herrn 
Scharff, zeigt: das zweite Prisma, die Grundform, die End- 



*) Die Flächen dieses Skalenoeders - \ S. 3 Haidinger, — bilden 
mit den anliegenden Flächen der Grundform 163° 30', womit meine Mes- 
sung in Anbetracht der schmalen etwas gewölbten Skalenoederflächen 
gut übereinstimmt. 



422 



fläche — diese drei Formen im Gleichgewicht — ; hinzutreten 
mit untergeordneten Flächen : das erste Prisma, das erste stumpfe 
Rhombocder, das zweite spitze, das Skalenoeder t und die beiden 
Dihexaeder f V 2 = (a\\a\a\\c) und ±g P 2 — (a : \ a : 
a : ~ c). Das erste dieser Dihexaeder, welches durch Kanten- 
parallelismus bestimmt werden konnte, ist wohl unter den Kalkspath- 
Dihexaedern das am wenigsten selten erscheinende. Das zweite 
Dihexaeder ist soviel mir bekannt neu — eine Hervorhebung, 
welche man bei Hessenberg vermisst, konnte indess weder 
durch Kantenparallelismus noch durch eine Messung bestimmt 
werden, vielmehr nur durch eine Schätzung, welche indess 
von der Berechnung abweicht. 

Der andere flächenreiche Maderaner Kalkspath-Krystall, dessen 
Beschreibung und Zeichnung wir Hessenberg verdanken, ist 
ausser von der Endfläche nur von Rhomboedern umschlossen, und 
zwar erster Ordnung : Hauptrhomboeder, 4 R = (a : a : oo a : 4 c) 
i. R — (a : a oo a : \ c) [eine seltene Form, Zippe bemerkt: „ist 
etwas zweifelhaft"], | R — (a : a oo a : •§• c), — [„zweifelhaft'' 
Zippe], jj R = («:«: oo a: y-J c) [wäre neu, wird aber von 
Hessenbrrg für zweifelhaft erklärt]; ferner, zweiter Ordnung: 
— 2 R = (a : a' : oo a:2 c), — f ß = {a : u\ : oo a : | r), — 
| Ä = {a a oo a : \ c\ -- R ~ (a : a : oo a : c) 
[ist neu]. 

Unter den Kalkspath-Tafeln finden sich auch wirkliche Zwil- 
linge, indem zwei nahe gleich grosse Individuen (umrankt von 
der Grundform und dem ersten spitzen Rhomboeder) schief unter 
127° 30' durcheinander gewachsen sind. Jedes der Individuen 
ist, wie die in drei Richtungen emporspringenden Leisten lehren, 
eigentlich wieder eine vielfach zusammengesetzte Krystallgruppe. 
Diese Zwillingstafeln bilden den Schlüssel zur Erklärung jener 
merkwürdigen (von Volger zuerst erwähnten) Tafelgruppen 
aus dem Maderaner- Thal. Scheinbar gesetzlos unter den ver- 
schiedensten Winkeln schneiden oder treffen sich die Tafeln und 
schliessen ebenwandige, zum Theil mit Asbest erfüllte, Zellen- 
ähnliche Räume ein*). Die Gruppen entstehen in der Weise, 



*) Das sogenannte Spiegeleisen schliesst häufig Hohlräume ein, welche 
durch zahlreiche Eisentafeln in viele scheinbar ganz unregelmässige Zellen 
zertheilt werden. Diese Erscheinung besitzt eine gewisse Aehnlichkeit 
mit den obigen Tafelgruppen des Maderaner Kalkspaths. 



423 



dass fast in's Unendliche fort die Zwillingstafeln wiederum zu 
Hauptindividuen werden, die selbständige Tafeln entwickeln. 
Die Unregelmässigkeit ist nur eine scheinbare, in Wahrheit leitet 
Ein Zwilligsgesetz durch die ganze Gruppe. Besonders lehrreich 
sind die Maderaner Kalkspathtafeln, wie Volger hervorhob, in 
Betreff der Bildungsfolge von Quarz und Adular zum Kalkspath. 
Jene beiden Mineralien sind auf den Tafeln aufgewachsen, dem- 
nach von einer jüngern, doch offenbar gleichartigen Bildung. 
Ein ganz eigentümliches Ansehen besitzen diejenigen durch 
Kalkspathtafeln in ihrem Wachsthum gehemmten Quarzkrystalle, 
von denen die Kalkplatte abgebrochen oder durch Verwitterung 
fortgeführt worden ist. Ein Stück meiner Sammlung zeigt eine 
Gruppe dicht an einander schliessender Quarzprismen — bis 
1 Zoll im Durchmesser — , welche gleichsam durch einen ebenen 
Schnitt schief gegen die Hauptaxen der Quarzprismen gerichtet 
begrenzt wird. Dass hier ehemals eine Kalkstein - Platte lag, 
geht aus der Betrachtung des Stücks deutlich hervor. Es durch- 
setzen nämlich mehrere grosse Tafeln dieselbe Krystallgruppe 
etwas unter der obern Schnittfläche. Auf dieser machen sich 
als vertiefte, zu gleichseitigen Dreiecken zusammenstossende Linien 
die aufspringenden Leisten der verschwundenen Kalkspathtafel 
bemerkbar. Die Schnittfläche hat einen bemerkenswerthen ge- 
wässerten (moire) Glanz, welcher von unzähligen Dihexaeder- 
Flächen herrührt. Mit diesen begrenzten sich also die Krystalle, 
wenngleich sie genöthigt wurden, plötzlich an einer schiefen 
Fläche ihr Wachsthum zu beenden. 

Nach Volger „verräth der Quarz ein noch neueres Alter 
als der Adular, indem jener auf diesem aufgewachsen sich zeigt. 
Doch wiederholte sich die Bildung des Kalkspaths auch noch 
nach der Krystallisation jener beiden Körper." „Die Tafeln des 
Kalkspaths sind älter als Adular und Bergkrystall ; die rhombo- 
edrischen Krystalle desselben sind indess jünger als beide." Dass 
die rhomboedrischen Gipfelkrystalle jünger sind als die auf den 
Kalkspath-Platten aufgewachsenen Quarze erkenne ich an einem 
Stücke meiner Sammlung deutlich. An andern Stücken scheinen 
indess die Tafeln und die Gipfelkrystalle durch einen stetig fort- 
schreitenden Prozess entstanden. Volger's Zweifel an der 
Selbständigkeit der Maderaner Kalkspathscheiben, seine Hypo- 
these, sie seien Pseudomorphosen nach Schwerspath, kann ich 
nach Untersuchung zahlreicher Stücke durchaus nicht theilen. 



424 



Von wie kolossaler Grösse der Kalkspath im Maderaner-Thal 
vorkommt, lehrt ein von mir mitgebrachtes Krystall - Individuum 
von 1 Fuss Grösse, welches theils durch den Bruch theils durch 
Krystallflächen begrenzt wird. 

Aehnliche Kalkspath-Tafeln wie diejenigen desMaderaner-Thals 
finden sich auf den Gängen im Drun bei Sedrun. Auch hier 
sitzen auf den Tafeln Krystalle im Grundrhomboeder mit abge- 
stumpfter Endecke und — durch das Skalenoeder t — zuge- 
schärften Endkanten. 

Noch an einigen anderen Orten unseres Gebiets hat sich 
Kalkspath zum Theil unter bemerkenswerthen Verhältnissen ge- 
bildet. Kalkspath im gewöhnlichen Skalenoeder, zuweilen in 
3 Zoll grossen Krystallen, begleitet am Scopi den Adular und 
den Axinit, am Cavradi den Eisenglanz. — Ausgezeichnet vor den 
Krystallen aller andern Fundorte ist der Kalkspath aus den Gängen 
an der Rosein-Schlucht, welche beim Bau der Brücke eröffnet 
wurden. Als älteste Gangbiidung stellt sich hier der Quarz dar, 
dessen — zuweilen an beiden Enden zugespitzte vom Prisma und 
Dihexaeder umgrenzte — Krystalle häufig von bräunlich-grünem 
Epidot durchschossen sind. Nach dem Quarz schied sich der 
Kalkspath ab, allein umgrenzt vom Hauptrhomboeder. Die bis 
6 Zoll grossen Krystalle legen sich in der deutlichsten Weise 
um den Quarz, oder sind gleichsam durchstossen von langen 
Quarzprismen. Kalkspath und Quarz sind mit einer zusammen- 
hängenden Schicht dunkelgrünen Chlorits bedeckt, so dass man 
an der Oberfläche der Stücke kaum etwas Anderes von jenen 
Mineralien als die allgemeinen Formen wahrnimmt. Die wurm- 
förmig gebogenen Prismen des Chlorits liegen indess nicht ober- 
flächlich auf jenen Mineralien, sondern sind in dieselben ein- 
gesenkt. Ein Gleiches gilt für die auf denselben Stücken sitzen- 
den Krystalle von Adular und Sphen. Sie sind meist zur Hälfte 
in Kalkspath und Quarz eingesenkt, so dass man wohl auf eine 
gleichzeitige Bildung schliessen muss. Entschieden jünger als 
die genannten Mineralien ist eine zweite Kalkspath - Bildung, 
welche fortwachsend — also in gleicher Stellung einige der 
Rhomboeder bedeckt, aber das Skalenoeder (metastatique) zu 
formen strebt. 

Nur selten ist indess diese Fortwachsung vollendet, dann 
würde in dem weissen durchscheinenden Skalenoeder das chlorit- 
grüne Rhomboeder erscheinen, wie ein Modell um die Identität > 



425 



der Seitenkanten beider Formen zu zeigen. Von diesen Seiten- 
kanten aus beginnt die Ablagerung des skalenoedrischen Kalk- 
spaths, doch auch an einzelnen isolirten Punkten der Rhoraboeder- 
flächen entstehen eigenthümlich verzerrte Skalenoeder- Formen. 
Die Skalenoeder von Rosein tragen zuweilen schmale Abstum- 
pfungen ihrer langen stumpferen Endkanten, angehörend dem 
Rbomboeder (» : a : oo a : f- c) [„in Combinationen selten und 
untergeordnet," Zippe], 

In der KftAiSTz'schen Sammlung befindet sich eine grosse 
Stufe körnigen Talkgneisses mit vielen aufgewachsenen, bis zoll- 
grossen Kalkspathkrystallen aus „Graubündten," wohl unzweifel- 
haft aus dem obern Vorderrheinthal. Die Krystalle sind über- 
aus flächenreich, ähneln der Fig. 131 Levy's, tragen folgende 
Flächen : Skalenoeder r — (a : j a : f a : c) — herrschend — ; 
Giundform, Rhomboeder g — (a : a : oo a : j c), f— (a : a : oo 
a : 2 e), m = (a : a : oo a : 4 c), h — {a : d : oo a : \ c), i = (a : a : 
oo a : 13<?); erstes hexagonales Prisma £, endlich ein unbestimm- 
bares Skalenoeder mit sehr kleinen gewölbten Flächen, abstum- 
pfend die Ecken (i c r.) 

6) Der Apatit vom „St. Gotthard" wurde von G. Rose 
analysirt, welcher fand: 

Chlor 0,03 

Kalkerde 55,66 
Hieraus folgt, dass der Apatit von diesem Fundorte ein 
fast reiner Fluorapatit ist, mit der Formel Ca Fl -|- ( 3 CaO-|- PO 5 ), 
welche (nach Rammelsberg's Berechnung) verlangt: Fluor 3,77, 
Calcium 3,97; Phosphorsäure 42,26; Kalk 50,00; oder als 
Resultat der Analyse: Fluor 3,77; Phosphorsäure 42,26; 
Kalk 55,56. 

Den Flächenreichthum*) des Gottharder Apatit's und die 



*) Die Zahl der am Gottharder Apatit bekannten Flächen wurde durch 
Pfaff (Pogg. Ann. CXI, 276) um ein interessantes, gleichfalls hemi- 
edrisches Didodecaeder vermehrt, k z=z (a:\a-. i a : \ c), dessen Bestim- 
mung erfolgte aus den beiden Zonen (a : a :oo a : c) {a : \ a : \ a : c) und 
(a : \ a : a : c) : {\ a : \ a : oo a : c). Diese interessante Fläche hatte be- 
reits Koksch A.R0W (B. II, 39—77) an den mit Albit auf Gängen im 
Chloritschiefer vorkommenden Apatitkrystallen aus der Kupfergrube 
Kiräbinsk (Miask) beobachtet. Diese Krystalle ähneln im Vorkommen 
und Flächenreichthum den Gotthardern. In Betreff der mit Einem Ende 
aufgewachsenen Apatite vom Gotthard bemerkt Pfaff, dass er die hemi- 



426 



an demselben auftretenden Hemiedrie der Didodecaeder- Flächen 
beschrieb und zeichnete zuerst Haidinger. — In unserm Ge- 
biete ist der Apatit selten und fand sich: zu Sta. Brigitta bei 
Tschamut mit Anatas, Kalkspath, Adular, Chlorit (Wiser, Jahrb. 
1842, S. 522; 1844, S. 465), auf der Alp Cavorgia bei Sedrun, 
dann in Val Giuf. Ausserdem soll Apatit sich auch am Scopi 
sowie in der Schlucht des Mittelrheins im Drun und im Thal 
der Unteralp gefunden haben. Die Krystalle von Cavorgia hatte 
Wiser — der sie im Jahrb. 1861 beschrieb — die Güte mir 
zu zeigen. Die Fig. 6 zeigt ihre eigenthümliche Ausbildung. 
An den kleinen Krystallen herrscht r = {a : a : oo a : \ c), es 
treten hinzu : die Endfläche jP, die beiden Dihexaeder zweiter 
Ordnung v — (2 a : a : 2 a : c) und s = (2 a : a : 2 a : 2 c) und 
die beiden hexagonalen Prismen M und u. „Das Vorherrschen 
der Flächen r scheint beim Schweizerischen Apatit ungemein 
selten*) zu sein, und ist mir bis jetzt nur von diesem Fundorte 
bekannt. Als Begleiter dieses Apatits erscheinen Bitterspath in 
kleinen an der Oberfläche rostbraun gefärbten Rhomboedern, 
Helminth und silberweisser Talk?" Wiser. 



edrischen Didodecaeder -Flächen (a : j a : ^ a : c) und {a : \ a : \ a : \ c) 
nur zur Linken des Beschauers liegend gefunden habe, und fordert auf 
dieses Verhältniss zu prüfen. Ich überzeugte mich an mehreren mitge- 
brachten Stücken, dass jene Flächen — an den mit Einem Ende aufge- 
wachsenen Krystallen — bald zur Rechten, bald zur Linken des Be- 
schauers liegen. 

*) Wiser's Angabe über das Vorherrschen des Dihexaeders möchte 
ich dahin ergänzen, dass auch an mehreren Gotthard-Fundstätten Apatite 
vorkommen, welche neben dem 1. Prisma und der Fläche P das Dihexa- 
öder r als herrschend zeigen, die andern Dihexaeder-Flächen nur unter- 
geordnet. Solche Krystalle, welche in der Richtung einer Queraxe 1 Zoll 
messen, konnte ich auf dem Gotthard erwerben. Bemerkenswerth scheint 
nur, dass die Gottharder Apatite auf demselben Handstücke zuweilen 
einen verschiedenen Habitus zeigen, indem neben tafelförmigen Krystallen 
prismatisch-dihexaedrische sich finden fast ohne eine Spur von P. Auch 
Apatit mit vorherrschendem Dihexaeder 2. Ordnung s kommen hier vor, 
erinnernd an die Combination aus dem Pritschthal in Tyrol (s. Pogg. 
Ann. B. CVIII. S. 353). Am St. Gotthard sind die Flächen des 
i. Prismas gewöhnlich matt Die Krystalle sind begleitet theils von 
grossen Adularen, theils von Periklin und licht -bräunlich -grünem Glim- 
mer. In letzterer Gesellschaft finden sich auch sehr kleine durchscheinende 
rothe Anatase und röthlich-gelbe Brookite. 



427 



Die Krystalle aus V. Giuf, in Begleitung von Adular, Quarz, 
(Rauchtopas in einfachen Krystallen, an deren Zuspitzung das 
Hauptrhomboeder recht deutlich vorherrscht), Asbest auf Horn- 
blendegneiss zeigen einen grösseren Flächenreichthum , sind 
i Linie gross, tafelförmig, wasserhell, von folgenden Flächen 
umschlossen : P, x = (a : a : oo a : c), y == (a : a : oo a : 2 c), s = 
(2a:«:2«:2c), m = (a : j a : j a : c), n = (a: \ a\\a \ c\ 
M — (a : a : oo a : oo c), w = (2 « : a : 2 a : oo <?). Die Endfläche 
P und das Dihexaeder s herrschen vor, die hemiedrischen Dido- 
decaeder m und n schneiden sich in horizontalen Kanten. — 
Nach einer Analyse Karsten's (Rammfxsbekg, Min. ch. S. 694) 
welche sich wohl unzweifelhaft auf den 

7) Granat aus Maigels bezieht, enthält der „röthlich- 
gelbe Gr. vom St. Gotthard" 



Diese Zusammensetzung entspricht (wie die fast gleiche 
des dunkelrothen Granats von Traversella nach R. Richter) 
einem Kalkthongranat, in welchem ein Theil der Kalkerde durch 
Magnesia, ein Theil der Thonerde durch Eisenoxyd vertreten 
wird. Es herrscht das Granatoeder in Combination mit dem 
Leucitoeder (a : 2a: 2 ä)\ die Combinationskanten beider For- 
men werden gewöhnlich schmal abgestumpft durch das Hexakis- 
oktaeder (a : \ a • ^ a). Die Grösse dieser Krystalle schwankt 
zwischen einer Linie und j Zoll, die Farbe theils bräunlich-roth, 
durchsichtig, theils gelblich-braun, durchscheinend. Die Flächen 
sind nicht immer eben, zuweilen gebogen, oder rauh, auch rissig, 
die Leucitoederflächen sind zuweilen parallel ihrer Kante mit 
dem Granatoeder gestreift. Diese bereits Rome de lTsle be- 
kannten, doch von ihm wie von Saussure (Voy. T. III. 140) 
für Hyacinthe angesehenen Granaten lassen zuweilen eine scha- 
lige Bildung erkennen. Die etwas grösseren Krystalle bestehen 
in ihrem Innern nicht aus reinem Granat, sondern beherbergen 
weisse und graue Körner oder Lagen: „Lorsque Von casse ces 
cristaux, on observe dans leur interieur des parties Manches, 

transparentes , mais la surface ou l'enveloppe exterieure 

des cristaux jusque a la profondeur d'un quart de ligne est 

Zehs. d. d. geol. Ges. XIV. 1 . 28 



Kieselsäure 37,82 
Thonerde 19,70 
Eisenoxyd 5,95 



Manganoxydul 0,15 
Kalkerde 31,35 
Magnesia 4,15 



99,12 



428 



tout de la partie coloree. Ces parties blanc/ies, lorsqu'elles 
sont pures, conservent ä la ßarnme du chalumeau toute leur 
transparence, et se montrent aussi refractaires que le quartz; 
mais la partie coloree est tres fusible. - Ce mSlange des par- 
ties dune couleur et d-une nature differente est un fait assez 
extraordinai?e, mais que fai verifie sur plusieurs cristaux 
que fai cassds a cette Intention. — Comme on voit du quartz 
blanc entre ces cristaux, on peut soupconner que ce sont des 
parties de ce quart% qui se sont logees entre les lames „de 
thyacinthe" pendant leur formation.*) — Bevor wir das Innero 
dieser Granate und dessen Bildung uniersuchen, lernen wir den 
von Lardy zuerst erkannten, auf denselben Stücken mit dem 
Granat vorkommenden 

7) Grauen Epidot aus Maigels kennen. Weder>im 
natürlichen Zustande noch nach starkem Glühen in Chlorwasser- 
stoffsäure löslich. 

Meine Analyse, durch Aufschliessen mit Natroncarbonat aus- 
geführt, gab folgendes Resultat: 



Kieselsäure 


39,07 **) 


Thonerde 


28,90 


Eisenoxyd 


7,43 


Kalkerde 


24,30 


Magnesia 


0,10 


Glühverlust 


0,63 




100,43 



Es berechnen sich die Sauerstoffmengen: Si = 20,29. AI 
== 13,50. Fe = 2,23. Ca = 6,94. Mg = 0,04. Demnach 
ist das Sauerstoffverhältniss R : Ä : Si ~ 
6,98 : 15,73 : 20,29. 
1 : 2,25 : 2,91 
Das wahrscheinlichste Verhältniss ist 1:2:3, und daraus 
die Formel 3 Ca 2 Si -f~ 2 R 2 Si 3 . Die Abweichung von dem 



*) Lardy : Les grenats d'un rouge aurore ou d'un rouge brun, connus 
sous le nom de grenats de' Dissentis, me paraissent apparienir ä une 
couche particuliere, composee de grenat en inasse avec grenat crystallise 
associe ä du quartz et de V epido te grise; on dit qu'on le trouve 
entre le Raduz, et Sixmadun. 

**) Eine zweite Kieselsäure-Bestimmung ergab 39,97 pCt. 



429 



durch die Formel verlangten Sauerstoffverhältniss könnte vielleicht 
einen Zweifel an der Richtigkeit der Formel begründen. Indess 
bleibt Ramme lsberg bei dieser stehen, obgleich das mittlere 
Ergebniss von 22 von ihm berechneten Analysen = 1 : 2,2: 2,9; 
also genau wie oben. Die Farbe grau, bald mit einem Stich 
in's Blaue, bald mit einem in's Braune, durchscheinend, auf der 
vollkommenen Spaltungsfläche Perlmutterglanz. Das Pulver ist 
weiss. Nach dem Glühen wird die Farbe des Minerals gelblich- 
weiss, so auch das Pulver. Das spec. Gewicht im natürlichen 
Zustande (bei 13,5° C.) = 3,361. Nach {stündigem sehr 
starkem Glühen ermittelte ich das Gew. = 3,316. Durch eine 
massige Rothgluht, der das Mineral etwa 10 Minuten ausgesetzt 
war, trat noch keine Verminderung des spec. Gewichtes ein. Der 
graue Epidot ist meist in spaltbaren krystallinischen Körnern vorhan- 
den von zum Theil über Zollgrösse. Ausser einer höchst vollkom- 
menen Spaltungsrichtung ist eine zweite deutliche vorhanden, 
welche mit jener den Winkel von etwa 115-j bildet.*) Indem 
ich eine grosse Zahl von Handstücken dieses Minerals theils bei 
den Krystallgräbern in Tavetsch, theils in Andermatt untersuchte, 
gelang es mir, etwa ein Dutzend deutlicher Krystalle, bis ~ Zoll 
gross, zu erhalten, an denen ich die Epidotformen erkennen 
konnte. Es sind theils einfache Krystalle (Fig. 7) theils Zwil- 
linge (nach dem gewöhnlichen Gesetze). Aus der Fig 7, in 
welche ich alle beobachteten Flächen eingetragen habe, erhellt, 
dass diese eingewachsenen Epidote eben keinen Reichthum an 
Flächen besitzen: 

M t— {a : oo a : oo r — (a' : c : oc b), e = (a : c oo b), 
l — (\ a : c : oo £), T = (a : oo b : oo c), Z = (a :b: oo c), 
n — (a : b : c), o — (b : c : oo a) d — (a : b : c) **) 
Die Ausbildung der Flächen ist oft höchst unsymmetrisch, 
doch sind sie zum Theil glatt und glänzend. An dem bestaus- 



*) In Volger's sehr ausführlichem Aufsatz: ,, Epidot und Granat" 
finden sich S. 4 u. 38, zwar von der obigen Bestimmung abweichende 
Angaben. Eine Kritik derselben ist wohl im Interesse der Sache nicht 
geboten. 

**) Diese Formeln beziehen sich auf die Grundform und Axen 
Marignac's und Kokscharow's. In 'Nedmann's Stellung und Bezeichnung 
erhalten wir statt obiger Formeln folgende : M == ao P cc , r z= — Pao, 
e = -f3Pao,f=oP, T=+Pao, Z = -{- P, n = — P, o = ao P2, 
<i = + 3P3. 

28* 



430 



gebildeten Krystall fand ich als Resultat wiederholter Messungen 
T : M = 115° 28', n : r = 125° 10', n : M= 104° 52'. Die 
Werthe stimmen so genau mit den von Kokscharow er- 
mittelten 115° 24', 125° 12' und 104° 48' überein, dass sie 
einen weiteren Beweis für die Winkel-Identität der Epidote ver- 
schiedener Fundstätten liefern, (s. Koksch. Mat. III, S. 333). 
Der graue Epidot von Maigels ist demnach kein Zoisit, wofür 
er früher wohl wegen seiner bei dem Epidot ungewöhnlichen 
Farbe angesehen wurde. Jener Meinung trat schon Descloi- 
zeäux (Kenngott Uebers. min. Forsch, 1859. 186) entgegen, 
indem er auf das Löthrohrverhalten hinwies, welches selbst blasse 
Epidote von den Zoisiten unterscheidet. Vielleicht bezieht sich 
indess Descloizeaux's Angabe auf den sogleich zu erwähnen- 
den lichtbräunlich-grünen Epidot. — Dieser graue Epidot im 
Gemenge mit Granat, weissen Kalkspath-, grauen Quarzkörnern 
(dazu wenig bräunlich-grünem Epidot und kleinen Blättchen eines 
Smaragdit - ähnlichen Minerals) bildet die in den Sammlungen so 
verbreiteten Handstücke. Sie erfüllen eine schmale Lagerkluft 
im Glimmergneiss. In den mit körnigem Kalkspath erfüllten 
Drusen dieser Gangbildung ist der Granat in schönen Krystallen 
ausgebildet. Leicht löst sich die Kalkspathdecke von den glän- 
zenden Granaten ab. An der Fundstätte kann man leicht fuss- 
grosse granatbedeckte Platten erhalten. Nur bei den kleinsten 
Granat - Krystallen entspricht das Innere der so wohlgebildeten 
Oberfläche. Alle etwas grösseren (welche ich zerbrach, oder 
deren Bruchflächen an meinen Stücken sichtbar sind) bestehen 
im Innern aus einem Gemenge von Granat, grauem Epidot, 
Kalkspath und Quarz. Häufig bilden diese Mineralien entweder 
je eines oder zu zwei und drei mit einander gemengt Schalen, 
welche der äussern Form ungefähr entsprechen. An einem durch- 
brochenen etwa 5 Linien grossen Krystall ist die äussere 1 Linie 
dicke Hülle reiner Granat (der auch in sich die dem Granat so 
häufig zukommende schalige Absonderung zeigt). Es folgt eine 
Schicht von Kalkspath, mit Quarzkörnern gemengt, dann eine 
schmale Schicht von grauem Epidot, endlich im Innern ein Kern 
von Granat. Ein anderer Krystall zeigt einen mehrfachen 
Wechsel von dicken Granat- und dünnen Epidotschalen. Häufig 
bedeckt die Granathülle einen fast reinen Epidotkern, oder ein 
unregelmässiges Gemenge von Quarz, Kalkspath und Epidot, ohne 
dass man mit Sicherheit einen Granatkern erkennen könnte. 



431 



VotGKR (Epidot und Granat, 18) welcher an einem Krystall 
25 abwechselnde Schichten zählen konnte, sagt: „Diese Schich- 
ten bestehen in buntem Wechsel theils aus Granat-, theils aus 
einem Gemenge von Granat und Epidot, theils aus Epidot und 
Kalkspath, theils aus Epidot allein. — Manche dieser Lagen 
sind 1 Millim. stark, manche papierdünn, ja mit der Lupe kaum 
wahrnehmbar. — Eine Schicht ändert auch in ihren verschiedenen 
Theilen ihre Beschaffenheit, so dass sie theilweise aus Granat, 
theilweise aus Epidot oder aus Kalkspath besteht. Eine be- 
stimmte Reihenfolge der verschiedenen Schichten findet ebenso 
wenig statt als eine Gleichmässigkeit ihrer Dicke. Die extrem- 
sten Gegensätze der Substanz — begrenzen sich oft un- 
mittelbar und sind dabei auf das Schärfste von ein- 
ander geschieden. — Während die äussersten Schichten, 
bald wenige, bald viele, sehr deutlich und nett zu sein pflegen, 
greift weiter gegen das Centrum der Granatkrystalle mehr eine 
schichtenlose Körnigkeit Platz. Gerade der innerste Theil der 
Krystalle also, von welchem das Wachsthum ausgegangen sein 
könnte, besteht aus einem feinkörnigen Gemenge von Granat, 
Epidot und Kalzit." Ferner bemerkt derselbe Forscher: „Diese 
ganzen Granatmassen und besonders ausgezeichnet gerade die 
äusserlich ausgebildetsten Krystalle bestehen aus vielen concen- 
trischen Schichten, deren eine jede mehr oder weniger vollkommen 
die äusseren Krystallflächen wiederholt. Man könnte glauben, 
diese Krystalle seien periodisch gewachsen, und ihre Masse sei 
schichtenweise um den ersten Krystallkern angeschossen, wenn 
eben diese Schichten alle aus Granat beständen." [Diese letztere 
Bemerkung steht aber doch jener Ansicht von einer schaligen 
Bildung der Krystalle nicht unvereinbar gegenüber.] Mit Be- 
dacht habe ich in Betreff des Innern der Maigeiser Granaten 
Volger's eigene, naturwahre Schilderung aufgenommen, damit 
man nun den Schluss würdigen könne, welchen er unmittelbar 
aus derselben (S. 19) zieht: „Es scheint mir, dass an die Ur- 
sprünglichkeit einer solchen Anordnung der hier vorliegenden 
Substanzen in den Granatkrystallen ebenso wenig gedacht wer- 
den könne, als es Jemandem einfallen wird, die Maden, welche 
im Cadaver eines Thieres wühlen, für ursprüngliche Organe 
dieses Thieres selbst zu halten (sie!!). Mag auch die äussere 
Haut noch wohl erhalten sein, wie bei manchen dieser Granate 
— Epidot und Kalzit können nur als Produkte eines Prozesses 



432 



angesehen werden, durch welchen die Granatsubstanz zerstört 
wurde." Es scheint mir, dass Volgkr's Ansicht sich unter Be- 
rücksichtigung obiger Schilderung selbst richtet, ohne dass es 
einer eingehenden Kritik bedürfte oder einer Hervorhebung der 
Thatsachen, dass Epidot, Kalkspath und Granat keine Spur einer 
Zersetzung tragen, mit scharfer Grenze sich lagen weise berühren, 
dass stets die oberste oft ganz dünne Hülle die schönste Granat- 
Masse ist, dass die kleinsten Granat-Krystalle homogen sind. 

Selbst diejenigen, welche mit den vielen und geistvollen 
Beobachtungen Volger's wohl bekannt sind und seinen Ansichten 
nicht durchaus entgegenstehen, können das Innere der Maigeiser 
Granaten unmöglich für durch Umwandlung gebildet halten, viel- 
mehr durch eine ursprüngliche schalenförmige Ablagerung von 
Epidot, Kalkspath, Quarz. Auch Scheerer hat sich für eine 
solche Bildung ausgesprochen, indem er diese Granaten als Peri- 
morphosen betrachtet. 

Wenn nun auch schalenförmige Krystalle, zwischen deren 
Schichten fremdartige Substanzen liegen, nicht ungewöhnlich 
sind, auch die Erscheinung fremdartiger Kerne in Krystallen 
nicht ohne alle Analogie ist (z. B. bei Leuciten), so gestehe ich 
doch gerne ein, dass die Bildung der Maigeiser Granaten recht 
merkwürdig ist und man ihnen, soviel mir bekannt, nichts voll- 
kommen Analoges an Mineralien anderer Gattung zur Seite 
stellen kann. Namentlich gilt dies für solche Krystalle, welche 
im Innern ein gerundetes Korn von grauem Epidot einschliessen. 
Als ich an einem Krystall die Granathülle absprengte, zeigte der 
Epidotkern nicht nur eine im Allgemeinen dem Granat ent- 
sprechende Form, sondern auch die Streifung, welche die Granat- 
oederflächen auch auf der innern Seite der Schale tragen. Die 
Schwierigkeit bei der Erklärung dieser interessanten Perimor- 
phosen würde gehoben werden, wenn es anzunehmen erlaubt 
wäre, dass die äussere Granathülle der Krystalle zuerst sich ge- 
bildet habe. 

Zusammen mit dem Epidot an der Granat-Fundstätte, doch 
auch an mehreren anderen Punkten unseres Gebietes findet sich 

9) Bräunlich-grüner Epidot. Zwei Abänderungen 
desselben wurden von Stockar-Escher untersucht (Pogg. Ann. 
XCX, 506, 507). I. Flächenreiche Krystalle bis 7 Linien lang, 
grünlich-braun, halb durchsichtig. Gew. 3,359, vom Lohlen in 
Maigels (der Granaten-Fundstätte). II. Wohlausgebildete kleine 



433 



Krystalle, bräunlich-grün. Gew. 3,369. Beide nach dem 
Glühen durch Chlorwasserstoffsäure zersetzbar vom 
Cavardiras, jenem Gebirgszug, welcher vom Brunni-Pass gegen 
die V. Rusein geht. 





I. 


IIa. 


IIb. 


Kieselsäure 


38,39 


37,70 


37,62 


Thonerde 


28,48 


27,49 


27,22 


Eisenoxyd 


7,56 


9,12 


8,67 


Kalkerde 


22,64 


23,87 


23,94 


Wasser 


2,30 


2,33 


2,33 




99,37. 


100,51. 


99,78. 


Sauerstoffmengen 


betragen : 






si' 


R 


Ca 


H 


I. 19,93 


15,57 


6,47 


2,04 


IIa. 19,57 


15,57 


6,82 


2,07 


IIb. 19,53 


15,34 


6,84 


2,07 



Dieser Epidot findet sich meist nur in kleinen, doch zuweilen 
über 1 Zoll grossen, flächenreichen Krystallen. Die Fig. 8, die 
gerade Projection (auf die Längsfläche) eines kleinen Krystalls 
vom Badus (V. Maigels) darstellend, zeigt ausser den bereits 
beim grauen Epidot erwähnten Flächen M, r, e, /, T, % f o, 
d, , noch folgende : 

i — (a : j c : oo b), f = (~ a : c : oo bj, u — (a : 2 b : oo c), 
y = (-i- a : b : c), k = (2 b : c : oo «), P — (b : oo a : oo c).*) 
Die Krystalle sind theils einfach, theils Zwillinge nach 
dem gewöhnlichen Gesetze (Zwillingsebene T)**). Sie be- 
sitzen einen ziemlich starken Dichroismus. Häufig sind 
feine Epidotprismen zu büschelförmigen Gruppen verwachsen. 
Wo dieser Epidot in Gesellschaft von Quarz sich findet, verräth « 
er sich als die ältere Bildung, und wird häufig von diesem 



*) In Naümann's Stellung und Bezeichnung werden die obigen For- 
meln :i=-3/ > co,/ , = + |PoD,M=-f-P2, y = P oo ), k = an P4. 
P = (x P 00 ). 

**) Volger führt zwar von Maigels einen Zwilling an, dessen Zwil- 
lingsebene r sein soll. Doch beruht diese Angabe wohl unzweifelhaft 
auf einem Versehen, dem man bekanntlich beim Epidot leicht ausge- 
setzt ist. 



434 



theilweise oder ganz umschlossen. Solche Vorkommnisse sind : 
Val Cavrein (einem Zweigthal des Rosein), mit Desmin, Breit- 
hai>pt und Rose (Stilbit, Hau*), ferner: Cavardiras, Rosein- 
brüche, Val Giuf, Badus (Val Maigels), Culm de Vi. 

Dieser bräunlich-grüne (am Badus grünlich-braune), in auf- 
gewachsenen flächenreichen Krystallen ausgebildete Epidot findet 
sich auf der Granaten- Lagerstätte von Maigels zusammen mit 
dem grauen, meist derben, selbst nach dem Glühen durch Chlor- 
wasserstoffsäure nicht zersetzbaren Epidot. Beide erweisen sich 
an denselben Handstücken als verschiedene Varietäten dieses 
Minerals. Selbst wo sie in unmittelbarer Berührung mit ein- 
ander sich finden, werden sie durch ihre verschiedenen Merkmale 
deutlich von einander unterschieden. Es ist zu bedauern, dass 
Volger (in „Epidot und Granat") die beiden in Maigels vor- 
kommenden Epidot- Varietäten nicht mit ihren besondern Kenn- 
zeichen hervorgehoben hat, obgleich schon Lardy den grauen 
Epidot erkannte; Wiser denselben als Zoisit von dem ihn be- 
gleitenden bräunlich-grünen Epidot unterschied ; Volger selbst 
in seiner ersten Mittheilung über die Granaten aus Maigels beide 
Mineralsubstanzen t als: „Skapolith und Epidot," „Talkglimmer- 
familie"*) S. 96 trennte: denn in diesem Falle würde man nicht 
das Vorkommen von Epidot - Pseudomorphosen nach Granat in 
Maigels überhaupt bestritten haben (s. Knop „üb. d. sog. Peri- 
morphosen von Kalkspath und Epidot in Granat," N. Jahrb- 
1858, 33 — 54). Die Verwachsung des grauen Epidots mit dem 
Granat beruht, wie oben gezeigt, nicht auf einer Pseudomorphose, 
wohl aber findet sich der grünlich-braune Epidot, von dem hier 
die Rede, auf Kosten des Granats und in dessen Formen ent- 
standen. Volger giebt treue Beschreibungen mehrerer in 
Wiser's Sammlung befindlicher, überzeugender Handstücke. 
„Einige der auf der Drusenfläche vorhandenen Granatformen 
sind nur mit einem äusserst feinen Epidot-Gewebe gleichsam 
übersponnen. Doch ist die Form in diesem Gewebe so scharf 
erhalten, dass man letzteres nicht wohl für eine blosse Umhüllung 
granatförmiger Krystalle halten kann; es hat weit mehr das An- 



*) Hier ist von einer Umwandlung die Rede, welche „nicht etwa blos 
in einzelnen Krystallen, sondern in ganzen Felsmassen ror sich gegangen 
sei;" eine Angabe, welche eine Kenntniss der Granat -Fundstätte von 
Maigels nicht verräth. 



435 



sehen, dass der Epidot durch Umwandlung des Granats an die 
Stelle der obersten Schicht desselben getreten ist." (S. 9.) 
Diese Umänderung beginnt an der Oberfläche und dringt all- 
mälig nach innen vor. Hat der pseudomorphe Prozess sein 
Ziel erreicht, so ist der Granat vollständig in ein Aggregat nach 
mehreren Richtungen liegender Epidotbündel verwandelt. „Die 
mit den Epidotkrystallen bekleidete Druse bildet eine Anzahl 
polyedrischer Hervorragungen, welche sogleich an Krystallformen 
erinnern, und zwar stellen sie sich unverkennbar als Granat- 
oeder dar." (S. 6.) 

Ich begnüge mich Volger's Beobachtungen in diesem 
Punkte zu bekräftigen, ohne auf Muthmaassungen über die Ent- 
stehung der Pseudomorphose einzugehen. Wiser bewahrt über- 
zeugende Stücke in seiner herrlichen Sammlung. Das Erscheinen 
einer Perimorphose in Granat und einer Pseudomorphose nach 
Granat auf derselben Lagerstätte zu Maigels steht, wie mir 
scheint, nicht beispiellos da. Scheerer (Afterkrystalle S. 34.) 
beschreibt Perimorphosen in Granat von Arendal: „Im grob- 
körnig-krystallinischen Marmor, welcher die Arendaler Magnet- 
eisen-Lager begleitet, findet man nicht selten Granatkrystalle, 
deren Inneres aus Marmor besteht; und zwar zeigt sich dieser 
als fremdartiger Kern eines solchen Krystalles auftretende Marmor 
von derselben Beschaffenheit wie der umgebende. Die gedachten 
Marmorkerne können unmöglich durch spätere Aushöhlung ur- 
sprünglicher normaler Granatkrystalle und darauf erfolgte Aus- 
füllung durch Kalkspath entstanden sein; es bildeten sich viel- 
mehr die betreffenden Granatkrystalle gleich ursprünglich mit 
ihrem Kerne von Marmor. Kommen in der Nähe solcher Ge- 
bilde noch andere Mineralien vor, so findet man häufig, dass sich 
auch diese an der Bildung der Kerne betheiligt haben, so z. B. 
Quarz, Epidot, Magneteisen, Amphibol. Wird die mitunter pa- 
pierdünne Granathülle von einem dieser Kernkrystalle entfernt, 
so bleibt der Kern in der scharfkantigen äussern Form eines 
Granatkrystalls zurück, und es erscheinen -dann Kalkspath, Quarz 
u. 8, w. in der äussern Gestalt des Granats." 

Dass aber zu Arendal der Epidot auch als Zersetzungspro- 
zess in der Form des Granats erscheint, lehrt auf unzweideutige 
Weise einStück unsererUniversitäts-Sammlung : dunkelroth-brauner 
Kalkeisengranat in mehr als zollgrossen Krystallen — Granat- 
oeder mit abgestumpften Kanten — ist an seiner Oberfläche 



436 



theilweise in derben grünen Epidot umgeändert. Auch an einem 
zweiten Stücke von demselben Fundorte besteht die äussere 
Schale eines schalig abgesonderten Granats aus Epidot (der zu 
Arendal bekanntlich auch in Pseudomorphosen nach Skapolith 
erscheint — Pogg. Ann. ßd. XC, 307). Auf beiden Hand- 
stücken ist die Pseudomorphose begleitet von Uralit, der in der 
Augitform erscheinenden Hornblende. 

Auch zu Auerbach an der Bergstrasse, von welchem Fund- 
orte wir durch Knop eine treffliche Beschreibung der Perimor- 
phosen von Kalkspath und Epidot in Granat erhalten haben, 
kommt nach Granat pseudomorpher Epidot vor. (Blum, Pseudom. 
II. Nacht. Ii.) Auch hier beginnt die Umänderung an der 
Oberfläche und lässt sich stufenweise verfolgen von denjenigen 
Granaten, welche nur eine dünne Rinde von schwärzlich-grünem 
Epidot zeigen, bis zu den mit Epidot ganz erfüllten Granat- 
oedern. 

Schliesslich ist hier noch an eine Mittheilung Wiser's (N. 
Jahrb. 1842, 525) zu erinnern, nach welcher neben den frischen, 
röthlich-gelben Granat-Krystallen von Maigels „einige schwärz- 
lich-grüne, undurchsichtige weiche Krystalle sich finden genau 
von der Form und Grösse der röthlich-gelben. Dieselben be- 
stehen ganz aus einer chloritartigen Masse." Ein Krystall war 
nur theilweise in diese Masse umgewandelt. 

10) Adular. Unter den Adularen unseres Gebietes ver- 
dienen besonders Erwähnung die Krystalle, welche in der Cor- 
neraschlucht, am Cavradi, als Begleiter des rutilbedeckten Eisen- 
glanzes sich finden. Sie zeigen die Flächen: 

T — (a : b : oo c), z, = (a : \ b : oc c) 

M= (b : oo a : oo c), k — (a : oo b : oo c) 

P = (a : c : oo b), l = (| d : c : oo b), 

f - (| ä'Ubic), o = (a'i{b:c), 

U = ( 3 U ' 4 b '' C )> 

sind also unter den Adularen besonders ausgezeichnet durch das 
Fehlen der hintern Endfläche x und das Auftreten zweier neuer 
Flächen / und f. Ausführlicheres in Betreff dieser Flächen findet 
man in Pogg. Ann. Bd. CXIII, 425 — 430. Die Adulare vom 
Cavradi sind vielfache Krystalle, Drillinge und Vierlinge, nach 
dem Gesetze : Zwillingsebene die Diagonalfläche n. Wenn diese 
Vierlinge symmetrisch ausgebildet sind, stellen sie sich dar wie 



437 

Fig. 9 zeigt, als eine Combination einer vierflächigen Pyramide /, 
deren Endkanten winkel s= 135° b', eines quadratischen Prismas 
P und einer achtseitigen, zweierlei kantigen Pyramide, deren 
stumpfere Kanten von 169° '21' gegen die Endkanten der vier- 
flächigen Pyramide, deren schärfere Kanten von 135° 28' gegen 
die Flächen stossen. Die Kante P : / misst 122° 39^ / , die 
Neigung von P zu einer anliegenden Dioktaederfläche == 120° 
36'. Es beträgt die Neigung der stumpferen Dioktaederkante 
zur Vertikalaxe des Vierlings — 63° 53', der schärferen Kante zu 
derselben Axe = 56° 38'. — Jedes der vier Individuen, deren 
Vereinigung die Fig. 9 darstellt, ist an der Oberfläche des Vier- 
lings in drei Stücke zerlegt. Zu Einem Individuum gehört eine 
Fläche P, die mit der Kante anliegende /, dann zwei Flächen T, 
welche an P in einer Ecke angrenzen. Am obern Ende der 
Gruppe sind die Individuen an einander gewachsen und begren- 
zen sich mit den Diogonalflächen ; am untern Ende sind sie durch- 
einander gewachsen, so dass hier jede Kante zur Zwillingskante 
wird. 

Nicht gewöhnlich indess ist die Ausbildung so symmetrisch, 
wie die Figur zeigt, sondern die Individuen verdrängen sich an 
der Oberfläche in unregelmässiger Weise, indem die Zwillings- 
grenzen nicht in die Kanten fallen. So treten in jeder Fläche P 
die Flächen M der beiden anliegenden Individuen hervor. Ge- 
winnen diese Flächen M das Uebergewicht, so läuft eine vertikale 
Zwillingsgrenze über die Fläche des Vierlings- Prismas. In der 
Form der letzteren Fläche wird dadurch Nichts geändert, da die 
Zwillingskante P\T dieselbe Lage hat wie die Kante M\T. 
Auch am obern Ende brechen oft aus der Fläche / eines Indi- 
viduums die Neben-Individuen hervor, und bilden an einzelnen 
Stellen einspringende Kanten T\T. An den Vierlingen vom 
Cavradi gewinnt indess am obern Ende die Durchdringung 
(Penetration) nie das Uebergewicht, während in der untern En- 
digung gebildet durch die Flächen T stets die Individuen sich 
durchdrungen haben. Eine blosse Aneinanderfügung (Juxtapo- 
sition) am unteren Ende ist daran sogleich zu erkennen, dass 
die stumpfen Kanten von 169° 27' einspringend sind. Solche 
einspringende Kanten habe ich aber niemals an den Krystallen 
dieses Fundorts wahrgenommen. 

Herr Hessenberg hat das Verdienst auf die Verschieden- 
heit der Adular- Vierlinge als Penetrations- oder Juxtapositions- 



438 



Krystalle zuerst aufmerksam gemacht und dieselben in Zeich- 
nungen (deren Copien die Fig. 10 u. II sind) dargestellt zu 
haben (Abh. Senk. Ges. II, 158). Die Vierlinge von dem An- 
sehen der Fig. 10 finden sich sehr schön im Binnenthal, jene 
theilweise — auf den Flächen M und 1\ nicht aber auf P — 
mit einem Eisenoxydhydrat- Anflug bedeckten Krystallgruppen. 
Wenn hier die Durchdringung eine vollständige und der Vier- 
ling sehr niedrig, so ist die Möglichkeit gegeben, dass derselbe 
nur von Flächen T umschlossen wird. Die Zeichnung Fig. 11 
möchte ich indess eine mehr ideale nennen. Die Juxtapositions- 
Vierlinge sind nämlich gewöhnlich mit dem einen Ende aufge- 
wachsen, frei ausgebildet nur mit demjenigen, wo die Flächen x 
oder / sich in aufspringenden Kanten begegnen, dann auch ver- 
längert in der Richtung des quadratischen Prismas P. Sind 
diese Gruppen ringsum ausgebildet, so sind sie niedrig, und am 
untern Ende vorherrschend als Penetrations-Krystalle ausgebildet 
d. h. mit lauter ausspringenden Kanten wie am Cavradi. Der 
Unterschied in der Vierlings- Bildung hat demnach mehr eine 
theoretische als thatsächliche Bedeutung. 

In Betreff der Frage, welches Ende der Vierlinge Fig. 10 
und 1 1 man als das obere d. h. als entsprechend dem allein ausge- 
bildeten Ende der Bavenoer Zwillingskrystalle betrachten müsse, 
hat sich eine Meinungsverschiedenheit zwischen Herrn Hessen- 
berg und mir geltend gemacht. In seiner ersten Mittheilung 
bemerkt jener Forscher, dass das in beiden Zeichnungen nach 
unten gerichtete Ende dem freien Ende der Bavenoer- Zwillinge 
entspreche. In einer Replik (Min. N. IV,, S. 44) scheint der- 
selbe seine Meinung in Betreff des Juxtapositions- Vierlings Fig. 1 1 
nicht aufrecht zu erhalten, wohl aber geschieht es in Betreff des 
Penetrations -Vierlings Fig. 10, indem „als zuverlässiges Hülfs- 
mittel" für die Erkennung des oberen Endes angeführt wird die 
ausspringende Kante 169° 27. Dieselbe einspringende 
Kante soll das untere Ende bezeichnen. Dies Hülfsmittel ist 
indess für unsere Vierlinge ganz hinfällig, wie die Z8ichnung des 
Vierlings vom Cavradi lehrt. Die Pyramide / entspricht natür- 
lich dem obern Ende, wie die Pyramiden der Flächen JT, Fig. 11. 
Nach Hessrnberg's Definition müsste nun das in der Fig. 9 
nach unten gerichtete Ende gleichfalls ein oberes Ende sein, was 
natürlich widersinnig. Es liegt im Wesen der Penetration, dass 
am untern Ende die Flächen nur ausspringende Kanten bilden. 



439 



Denkt man sich bei der Gruppe Fig. 1 i das nach vorne gerich- 
tete Individuum im Räume des zur Rechten liegenden hervor- 
brechend, so erkennt man sofort, dass am untern Ende nun ein 
ausspringender Winkel erscheinen muss. 

Die Betrachtung der Fig. 9 und ihrer vierzäh ligen Flächen- 
gruppirung legt die interessante Frage vor: lässt sich jene Ge- 
stalt als eine enantiomorph-quadratische betrachten? Die Antwort 
fällt verneinend aus. Denn legt man dem Oktaeder / Axen 
unter, etwa indem man die Mitten der gegenüberliegenden Seiten- 
kanten verbindet, so werden diese Axen von den Flächen des 
Dioktaeders T nicht in einfachen Verhältnissen geschnitten. 
Nimmt man für / das Zeichen (a : c : oo a), für P demgemäss 
(a : oo a : oo c), so nähert sich zwar das Dioktaeder T einer 
Form (a : | a : c) [Neigung von / : Axe c — 57° 20--', Neigung 
der schärferen Dioktaeder - Endkante : Axe c — 58° 38'], doch 
ist die Annäherung nur eine oberflächliche; in Wahrheit findet 
sich für T kein krystallographisches Zeichen. Es ist dies leicht 
einzusehen, wenn man erwägt, dass die Tangenten der Neigungen 
der Feldspath-Flächen q, z, l, y etc. zu P nicht in einem ein- 
fachen oder rationalen Verhältnisse stehen und dies ist eine sich 
aus der Axenschiefe ergebende Thatsache. Durch Vierlingsbildung 
eine quadratische Form erhalten könnten nur diejenigen mono- 
klinen Systeme, deren Axenschiefe = 0. Weiss's „Betrachtung 
des Feldspathsystems in der viergliedrigen Stellung" (Sehr. d. 
Ac. 1835, 281 — 319) steht und fällt also mit der Frage nach 
der gleichen Neigung der Flächen X und P gegen Axe c. 
Weiss, indem er die Verschiedenheit dieser Neigungen nicht zu- 
giebt, und an der Vierlingsgruppe der Fläche y (= ~<i\c\ooh) 
das Zeichen (a : c : oo b) giebt, erhält als Zeichen für T — (j 
a'i{b:c)*) 

Die Familie der Zeolithe ist in unserem Gebiete durch die 
Gattungen Laumontit, Stilbit, Desmin, Chabasit vertreten. 

Laumontit, Ca Si -(- AI Si 3 + 4 H wurde nach Wiser 
(Jahrb. 1854, 28) im Gotthard - Gebiet am Berge Mutsch im 
Hintergrunde des Etylithals im Jahre 1852 aufgefunden. Später 

*) Die Entstehung der beiden von Hessenberg unterschiedenen Adu- 
larvierlinge, der Penetrationsgruppe Fig. 10 und der Juxtapositionsgruppe 
Fig. 11 lässt sich auch durch eine Verwachsung je zweier Zwillings- 
Krystalle, welche P gemeinsam haben, erklären. Es sei in dem nach- 
stehenden Holzschnitt Fig. 1 das untere Ende eines Zwillings nach dem 



440 



berichtete derselbe Forscher die Auffindung desselben Minerals 
„im Kreuzlithal bei Sedrun" (der Fundort ist nicht sowohl das 
Kreuzli-, richtiger Strimthal, als vielmehr das Drun, jenes milde 
in den Culm de Vi einschneidende Tobel). Der Laumontit dieser 
Fundorte zeigt sich in sehr kleinen, selten eine Linie grossen 
Krystallen, welche nur von folgenden Flächen umgeben sind : 
verticales Prisma M } dessen vordere Kante 84° 40'. Schiefend- 



Gesetze Zwillingsebene P. Fig. 2 stelle einen zweiten Zwilling derselben 
Art dar, welcher gegen den ersten um 90° um eine Kante P\M gedehnt 
ist. Je nach der Weise wie sich beide Zwillinge durchdringen, erhält 
man entweder den Penetrations- oder den Juxtapositionsvierling. 





Denke man sich die beiden Zwillingsprismen durch je zwei Diagonal- 
schnitte (Flächen n) zertheilt und die Stücke des einen Zwillings mit den 
entsprechend liegenden Stücken des andern Zwillings ausgetauscht, so er- 
hält man in dem einen Falle (Fig. 3) den Penetrations-, in dem andern 
Falle (Fig. 4) den Juxtapositionsvierling. 

Die Penetrationsgruppe (Fig. 5) kann man auch betrachten als eine 
Gruppirung von vier Bavenoer -Zwillingen, die alle nach P regelmässig 
verwachsen sind; oder, was dasselbe sagen will, als eine regelmässige 
Gruppirung von acht Krystallen, die abwechselnd zur Zwillingsebene 
n und P haben. In Fig. 5 sind die betreffenden acht Krystalistücke mit 
Zahlen bezeichnet. Doch bilden die Stücke 1 und 4, 8 und 5, 2 und 7, 
3 und 6 eigentlich nur ein Individuum, weil sie eine gleiche Stellung 
haben. ~ Solche Gruppirungen abwechselnd nach zwei Gesetzen kommen 
aach bei mehreren anderen Mineralien vor. 



441 



fläche P, zu M geneigt unter 115° 5', nach Dufrenüy's Mes- 
sung der Krystalle von Courmayeur*). 

Die Form entspricht demnach genau der Fig. 218, Tf. 281 
in Düfr. Atl. Die Flächen M haben Perlmutter-, P Glasglanz. 
Die Krystalle entbehren der Durchsichtigkeit, sind schneeweiss, 
etwa wie ein verwittertes Salz, sehr brüchig, so dass sie beim 
Anfassen leicht zersplittern. Sie zerfallen aber nicht von selbst 
zu Pulver, wie der Laumontit aus der Bretagne. Wie die Kry- 
stalle aus Tavetsch verhalten sich nach Dufrenoy auch die von 
Courmayeur — wo das Mineral eine kleine Ader im Gneiss 
bildet — , während diejenigen von Philipsburg in Maine nach 
DuFREisor keine Veränderung an der Luft erleiden. Trotzdem fand 
DufrenOy die Zusammensetzung des Laumontits aus der Bretagne 
(Spec. Gew. 2,345) Philipsburg (Sp. G. 2,410) Courmayeur 
(Sp. Gew. 2,330) fast identisch. Im Drun bildet der Laumontit 1 bis 

3 Linien dicke Ueberzüge — in denen die Krystalle stets deutlich 
zu erkennen sind — auf Quarz, Kalkspath, Adular, Chlorit, 
8phen. Als Umhüllungspseudomorphosen möchte ich indess jenes 
Vorkommniss nicht bezeichnen. Zuweilen verkittet der Laumontit 
Bruchstücke jener Mineralien und ist nebst dem ihn begleitenden Des- 
min die jüngste Bildung in den mineralreichen Gängen des 
Druns. — Im Etzlithale scheint nach einem Handstücke unserer 
Univers.-Sammlung der Laumontit in etwas grösserer Masse vor- 
zukommen ; ein Stück von fast Faustgrösse besteht aus einem 
lockern Aggregat sehr kleiner Krystalle von ganz derselben Be- 
schaffenheit und Form wie diejenigen aus dem Drun. 

Das Vorkommen des 
12) Stilbits (Heulandit, Haidinger) Ca Si 2 + AI Si 

4 -f 5 H (?) am St. Gotthard war schon Levy bekannt. Die 
kaum 1 Linie grossen Krystalle sind wasserhell, zuweilen mit 
einem schwachen Stich in's Grünliche. Stellen wir den Stilbit 
so, dass die perlmutterglänzende Fläche der vollkommenen Spalt- 
barkeit M zur Längsfläche (b : oo a : oo c), T (Miller's Min. 
438, Dufrenoy's h' Atl. Tf. 179, Fig. 199) zur Querfläche 
(«': oo b : oo c) wird, so finden wir, s. Fig. 12, an unserm Stilbit 
noch folgende Flächen s = (a : c : oo £), / == (a : c : oo £), % = 
(b : c oo «). Bekanntlich sind die Flächen des Stilbits in der 



*) Miller giebt beim Laumontit die obigen Winkel an: 86° 16' und 
113° 30'. 



442 



Regel etwas gekrümmt, wodurch die Genauigkeit der Messungen 
leidet. Die kleinen Krystalle unseres Fundorts (Drun) geben 
recht gute Spiegelbilder; weshalb ich an einem etwa 1 Linie 
grossen Krystall in wiederholten Messungen folgende Kanten 
maass, deren Winkel nach Dufrenoy, Rose, Miller zur Ver- 
gleichung beigefügt werden: 



v. R. Dufrenoy G. Rose Miller 

s : s = 128° 27' 130° 20' 130° — 129° 40' 

s : T= 117° 45' 115° 35' 115° 40' 116° 20' 

/: T == 113° 37' 114 J 5' 114° 20 114° — 

x : M= 111° 40' 112° 4' 111° 58 

% : s = 147° 31' 147° 22' 



Wenn meine Messungen auch keinen besondern Grad von 
Genauigkeit erreichen, so beweisen sie doch, dass der Stilbit aus 
dem Drun andere Winkel besitze als die bisher gemessenen. 
Die Abweichung betrifft namentlich die Neigung s : / und mehr 
noch die Neigungen s : T und s : T. Aus letzteren berechnet 
sich der Axenwinkel a : c vorne oben — 92° 33', grösser als 
die früheren Messungen ihn ergeben. Die Krystalle sind in der 
Richtung der Axe c verkürzt; wenn sie sich haben frei ausbilden 
können, pflegt s mehr ausgedehnt zu sein als s% Der Stilbit findet 
sich mit Desmin auf den Klüften des hornblendereichen Diorit- 
schiefers im Drun. 

13) Desmin (Stilbit, Hauy), Ca Si 3 + AI Si 3 + 6 H. 
Aus dem Gotthard-Gebiet wurde durch G. Leonhard ein Desmin 
analysirt, derjenige aus dem Rienthal (öffnet sich gegenüber 
Göschenen zur Reuss): 



Kieselsäure 55,75 

Thonerde 18,50 

Eisenoxyd 0,01 

Kalk 8,04 

Wasser 17,00 



99,30 

In unserm enger umschriebenen Gebiete kommt das Mineral 
namentlich an zwei Orten vor, im Drun und in der V. Cavrein. 
Der Desmin aus dem Drun bildet theils einzelne kleine Krystalle, 



443 



theils grössere garbenförmige Krystallgruppen, welche letzteren bei 
der geringen Divergenz der Theile stets noch als einen Krystall 
sich darstellen, während der Desmin aus dem Rienthal vollkommene 
Kugeln bildet. Die Sedruner Krystalle sind umgrenzt von der 
breiten, perlmutterglänzenden, spaltbaren Längsfläche und der 
schmalen glasglänzenden Querfläche, deren Combinationskanten 
hier nicht abgestumpft zu sein pflegen. Zu dem gewöhnlichen 
rhombischen Oktaeder tritt stets hinzu die Endfläche ziemlich 
ausgedehnt, glänzend, wenig gewölbt. Die Krystalle entweder 
zusammen mit Stilbit oder mit Laumontit (alle drei sah ich nicht 
auf demselben Handstück vereinigt) sind auf Quarz, Feldspath, 
Adular, Sphen aufgewachsen. Der Desmin aus Cavrein zeigt die- 
selben Flächen wie der vorige, die Krystalle sind indess nicht 
garben förmig gruppirt, sondern einzeln bis 2 Linien gross, haben 
ein etwas verwittertes Ansehen. Am längsten bleiben glänzend 
die Längs- und die Endfläche. Begleitet wird dieser Desmin von 
Epidot und dunklem Quarz (Rauchtopas). Es möge hier noch 
an den Desmin vom „St. Gotthard" auf theilweise zerfressenem Adu- 
lar aufgewachsen erinnert werden, welcher eine Zierde älterer 
Sammlungen ist. Er kam jedenfalls von den eigentlichen Gott- 
hard-Fundstätten, von welcher indess vermag ich nicht zu sagen. 

14) Chabasit führt Wiser (Jahrb. 1841, 341) vom 
Berge Krispalt an, ebenso (Jahrb. 1856, 11) „aus dem Kreuzli- 
thal bei Sedrun". Kenngott (Uebers. min. Forsch. 1858, 77) 
sah an vier Exemplaren des Chabasits vom Mutsch (Etzli) in • 
der WiSER'schen Sammlung „Zwillinge, welche als Juxtapositions- 
Zwillinge die Rhomboederfläche R als Verwachsungsfläche, Um- 
drehung 180°, zeigen, während die Krystalle nur die Gestalt des 
Rhomboeders R haben;" begleitet von Desmin, Stilbit, Quarz, 
Adular. Dies Zwillingsgesetz des Chabasits wurde bisher von 
keinem andern Fundorte beobachtet. 

15) Sphen findet sich an mehreren Orten unseres Ge- 
bietes, am ausgezeichnetsten im Drun und an der Roseinbrücke. 
Jener Fundort hat schon in früherer Zeit herrliche, bis zwei 
Zoll lange Krystalle geliefert; gleich schöne entdeckte man, als 
zur Herstellung der grossen Brücke über die Roseinschlucht die 
Felsen gesprengt wurden. An diesem letzteren Fundorte lassen 
sich indess jetzt nicht wohl mehr Krystalle gewinnen. — Die 
Stücke aus dem Drun, eine Zierde älterer Sammlungen, erkennt 
man an ihren Begleitern : Kalkspath in Tafeln, Quarz, Adular, 

Zeits. d. d. geol. Ges. XIV. 2. 29 



444 



Amianth, Laumontit; wurmförmiger Chlorit ist zuweilen in die 
Sphene eingesenkt. Diese Krystalle scheinen immer Kreuz-Zwil- 
linge zu sein, ausgebildet ungefähr in der Weise der Fig. 13 
und 19 der Taf. II zu Rose's Abhandlung über Titanit und Sphen. 
Die Längsfläche q sah ich an diesen Krystallen nicht auftreten ; 
vielmehr schneiden sich in Kanten die Flächen n oder die /. 
Häufig begegnen sich auch die Flächen s an den Enden der 
Queraxe. Aus der Diagonalzone von P findet sich gewöhnlich 
r als eine lineare Abstumpfung der Kante n : /. Die Krystalle 
haben eine licht gelblich-grüne Farbe, nur an den Spitzen (En- 
den der Queraxe) sind sie roth. Die rothe Partie hat zuweilen 
eine regelmässige dreieckige Gestalt, die Basis des Dreiecks nimmt 
das etwas breite Ende des Krystalls ein, die zuweilen in eine 
rothe Linie auslaufende Spitze des Dreiecks verlängert sich in 
der Richtung der Queraxe. Selbst bei 300 maliger Vergrösserung 
lässt sich kein färbender fremder Körper erkennen, die Färbung 
ist vielmehr homogen, und gehört dem Mineral selbst an. — - 
Die Sphene von Rosein bei Sumvix sind begleitet von Kalk- 
spath im Hauptrhomboeder, Quarz und Epidot. Eine dichte Chlo- 
ritlage bedeckt gewöhnlich diese Mineralien; davon ist aber 
der Sphen frei oder wenigstens beinahe frei. Bald sind diese 
Krystalle wie diejenigen vom Drun ausgebildet, bald aber ge- 
winnen sie ein etwas abweichendes Ansehen durch das Vor- 
herrschen der Fläche .r, wodurch eine Tafelform entsteht genau 
• entsprechend Rose's Fig. 28, Taf. III. Auch an diesem Fund- 
orte sieht man nur Zwillinge. Die Farbe ist hell oder dunkel 
grasgrün, an den durch die Flächen s gebildeten Seiten der 
Tafeln zuweilen bräunlich-roth. An Glanz übertreffen die Sphene 
dieses Fundorts vielleicht diejenigen aller andern. Um die Kennt- 
niss des alpinen Sphens (Titanits) hat sich in neuerer Zeit 
Fr. Hessenberg sehr verdient gemacht, indem er in seinen 
Min. Not. theils neue Flächen, theils ungewöhnliche Combinationen 
dieses in seiner Ausbildung so überaus wechselnden Minerals 
beschrieb und zeichnete. Di